1. Wieder da!


Ich ging durch die Türen von einem der größten Hotels in Las Vegas, das den Namen ‚Santa Barbara' trug und lief auf die süßeste Rezeptionistin mit kurzen, schwarzen Haaren zu, die ich je gesehen hatte.

„Hallo, ich möchte gerne zu Edward Cullen."

„Tut mir sehr leid, Kleine, aber er ist nicht da. Da musst du ein andermal wieder kommen."

Innerlich grollte ich. Dass diese Frau mich klein nannte, war zum Haare ausraufen. In den letzten Jahren bin ich zwar nicht sonderlich viel gewachsen (wenn's hochkam 1,58m), aber ich war ganz bestimmt nicht sehr viel kleiner als sie. Das was mich so entsetzlich störte war, dass ich immer noch so jung aussah und alle Leute in meiner Umgebung sofort meinten, mich bemuttern zu müssen. Zusätzlich musste ich heute mit meinen ausgeblichenen Jeans, das Oberteil, das Edward mir vor drei Jahren gekauft hatte und demzufolge viel zu eng war, da ich jetzt einen Busen hatte, vorlieb nehmen und trug einen praktisch geflochtenen Zopf, der mir den Rücken herunter hing. Dieser Umstand ließ sie bestimmt glauben, ich wäre irgend so eine Schülerin, die Bonbons verkaufen will. Ich verdrehte innerlich die Augen.

Mann, wenn ich so darüber nachdachte, konnte ich es nicht fassen, dass es jetzt schon drei Jahre her war, seit ich Edward das letzte Mal gesehen hatte. Die letzten Jahre hatte ich in den Ferien mit Austauschprojekten verbracht und war deshalb nicht nach Hause gekommen. Ich hatte ihn schrecklich vermisst.

„Ja, wer ist denn das? Das fass' ich ja nicht!" Ich wirbelte herum. Und tatsächlich…

„Jasper!" Er kam auf mich zu und nahm mich sanft in die Arme. „Hey, Kleines. Was machst du denn hier? Edward hat nicht erwähnt, dass du herkommen wolltest? Wie konntest du überhaupt herkommen? Hast du einfach die Schule unterbrochen?"

Ich rollte mit den Augen. „Edward weiß es nicht. Und es war meine Entscheidung. Ich bin jetzt immerhin fast neunzehn."

Verblüfft schaute er mich einen Moment nachdenklich an, wie um etwas im Kopf nachzurechnen. Dann… „Oh mein Gott, es stimmt. Achtzehn Jahre, unglaublich. Dann bist du also zu Besuch hier? Wann musst du denn wieder gehen?"

„Ich werde nicht wieder gehen. Jedenfalls nicht zurück in diese Schule. Es war okay für die letzten Jahre, aber jetzt habe ich genug davon!"

„Oje, ich möchte nicht in deiner Haut stecken, Kleines, wenn du ihm das mitteilst. Erzähl mir aber nachher auf jeden Fall, wie es war. Vor allem seinen Gesichtsausdruck." Ich kicherte. Oh ja, auf seine Reaktion war ich auch gespannt. Auch wenn es keine freudige Spannung war. Edward war ein bisschen schwierig, wenn er nicht seinen Willen bekam und etwas nicht so lief, wie er sich das vorstellte.

Mein Vater war, ein paar Wochen nachdem Edward mich bei sich aufgenommen hatte, an einem Herzanfall gestorben, was die Adoption schneller und leichter über die Bühne hatte gehen lassen. Aber ich hatte ein schlechtes Gewissen gehabt und fühlte mich mitschuldig am Tod von Charles. Immerhin würde er noch leben, wäre ich nicht ausgezogen, um bei Edward zu sein. Die Ärzte hatten gesagt, wäre er nur ein paar Stunden früher gefunden worden, hätten sie ihn retten können. Edward wurde wütend als ich ihm das sagte und wischte meine Schuldgefühle mit einer Hand beiseite, indem er mir sagte, dass es ganz allein an seinem Lebensstil lag, dass sein Herz nicht mehr mitmachte. Und nachdem was er mir angetan hatte, hätte er nichts anderes verdient. Ich fand das ein bisschen hart, aber Edward reagierte immer sehr empfindlich auf dieses Thema.

Er behielt mich etwas mehr als ein Jahr bei sich, bis er sich entschloss, mich auf eine Internatsschule in Europa zu schicken. Erst habe ich mich mit Händen und Füßen gewehrt, da ich nicht so weit von ihm weg wollte. Aber am Ende hatte sich Edward, wie immer, durchgesetzt. Er hatte unbedingt gewollt, dass ich meine „Muttersprache" erlerne und mich kurzerhand auf ein wunderschönes Internat nach Orbetello, Italien, geschickt.

„Ist er da?"

„Nein, Kleines. Er ist auf einer Ausstellung in Santa Fe, aber er kommt heute Abend zurück."

„Hat sie mir das etwa nicht geglaubt? Hast du mir das nicht geglaubt?", fragte die junge Rezeptionistin an mich gewandt. Sie hatte ihre geraden Augenbrauen hochgezogen und ihre Fäuste in die Hüften gestemmt.

Entschuldigend zuckte ich mit den Achseln. „Tut mir ehrlich leid, aber oft genug hat man mich schon mit einem Kopftätscheln abzuwimmeln versucht. Ganz besonders wenn es Edward betraf."

Sie kicherte. „Ach schon gut."

„Darf ich dir meine Verlobte vorstellen? Das ist Alice Brandon! Jedenfalls noch.", sagte Jasper stolz.

Verblüfft starrte ich ihn an. „Ver- was? Verlobte? Seit wann denn das? Also das letzte Mal, als ich dich gesehen habe, hattest du aber noch ganz andere Vorstellungen von der Zukunft." Ich schlug mir die Hand vor den Mund und schaute entsetzt zu Alice. Aber Jasper lachte nur.

„Ja, Bella. Meine Grundsätze haben sich ziemlich rasant geändert. Sagen wir so, ich hatte keine andere Wahl. Du weißt ja, was man über Höhlenmenschmänner sagt, nicht wahr, Kleines? Sie sehen eine Frau, schlagen sie mit ihren Knüppel und schleifen sie an den Haaren in die Höhle. Tja, und so ist das in unserer Beziehung. Nur umgekehrt. Sie kam, sah und siegte." Er lachte laut auf, als sie ihn ansprang, sich um seinen Hals klammerte und forderte: „Nimm das sofort zurück!"

Ich musste lachen bei diesem Anblick und freute mich unwahrscheinlich für ihn.

„Ich geh' dann mal hoch, Jasper. Ist denn Emmett da?"

„Allerdings. Und es wird ihn umhauen, wenn er deinen Anblick sieht. Lass dir was Schönes von ihm kochen."

Ich schwang meine kleine Reisetasche um meine Schultern und rannte los. Ich freute mich so sehr darauf ihn wiederzusehen. Edward hatte ihn damals für mich angestellt. Sozusagen als Mädchen für alles. Naja, eigentlich sollte er erst nur den Bodyguard spielen, aber als wir herausfanden, dass er Ambrosia kocht, ist er direkt bei uns eingezogen. Dann war er Kindermädchen, Taxifahrer, Koch und Begleitschutz in einem. Ich liebte ihn, er behandelte mich immer, wie die kleine Schwester, die er immer schon hatte haben wollen. Er war mein großer Teddybär.

Ich stürmte in das Apartment und knallte meine Tasche auf den Boden.

„Emmett!" Ich rannte durch die Diele in den Wohnraum. „Emmett!" Am Esszimmer vorbei.

Da sah ich seinen Kopf, der um die Küche schielte. Ich blieb stehen.

„Das kann nicht sein. Küken!" Ich rannte auf ihn zu, als er die Arme ausbreitete, und schmiss mich hinein. Tränen, die ich nicht zurückhalten konnte, liefen mir über die Wangen. Und meine Lippe zitterte!

„Du hast mir so gefehlt.", schluchzte ich.

„Du mir auch, Küken." Ich wusste nicht warum, aber Männer hatten, wenn ich etwas längere Zeit mit ihnen verbrachte, irgendwie den Drang, mich mit irgendwelchen Namen zu versehen. Am besten etwas ganz Kleines und/oder Niedliches.

Ich trat einen Schritt zurück und schaute ihn mir genau an. Seine Haare waren in der Zwischenzeit sogar noch kürzer geworden. Wenn überhaupt, dann waren auf seinem Kopf höchsten noch drei Millimeter Haare zu sehen.

„Du hast dich aber verändert!", sagte ich, meinen Blick noch auf seinen Kopf gerichtet.

„Ja, bin schöner geworden, nicht wahr?"

Ich kicherte, aber Unrecht hatte er nicht. Er gehörte eher zur groben, gutaussehenden Sorte, war sehr groß, sogar etwas größer als Edward, aber ich nahm an, er würde auch größer wirken, wenn er kleiner gewesen wäre, da er, mit der Breite zusammen, einfach mehr Masse hatte.

Ich kuschelte mich an seine Brust. Es war schön wieder zu Hause zu sein.

„Sag mal, Küken, was machst du hier? Solltest du nicht noch ein paar Jährchen die Schulbank drücken?"

Ich stöhnte und drückte mich von ihm weg. „Ich bin achtzehn!", sagte ich beinahe schon etwas zu laut. Und ich hatte ein plötzliches Déjà-vu-Gefühl, als Emmett den Kopf zur Seite legte und nachdenklich in die Luft starrte.

„Meine Güte, du hast Recht."

Die Ironie troff aus meinem Mund. „Neeein, echt? Das ist aber ein Zufall, und dabei wollte ich dich nur auf den Arm nehmen." Ich faltete meine Arme vor meine Brust und schmollte.

„Und wie bist du hierher gekommen?"

„Auf einem Esel geritten.", sagte ich ernst und nahm mir eine Weintraube aus der Obstschüssel und steckte sie mir in den Mund. "Doch als ich dann das Meer erreicht hatte", fuhr ich auskunftsfreudig fort. "war es schon etwas schwieriger. Aber dann ist zum Glück Flipper erschienen…"

„Bella!", knurrte Emmett. „Das ist nicht witzig. Und du weißt, was ich meine."

Ich ließ meine Arme erschöpft sinken. „Ach Emmett, ich bin so müde von der Reise. Ich kann und will mich jetzt nicht damit beschäftigen. Außerdem habe ich Hunger."

Sein Gesicht wurde auf der Stelle weicher. Ich wusste es!

„Oh Mann, Küken, entschuldige. Setz dich hier hin!" Er geleitete mich ins Esszimmer und drückte mich auf einen Stuhl runter, ging anschließend in die Küche zurück. Kurz darauf hörte ich Töpfe klappern. Ich stand auf und ging ihm hinterher, dann setzte ich mich auf einen Barhocker und sah ihm zu.

„Weißt du, wann genau Edward wieder kommt?" Emmett drehte sich erschrocken um und legte sich die Hand aufs Herz. Ich musste lachen, als ich sah, dass er sich eine Schürze umgebunden hatte. „Du siehst ja richtig häuslich aus. Ihr seid wohl schon ein eingespieltes Team, du und Edward, he?!"

Emmett grollte. „Wie schaffst du es bloß, trotz deiner Tollpatschigkeit, so leise zu sein? Muss wohl an deiner Federgewichtsklasse liegen. Und diese Jeans sind von Armani. Die müssen nicht unbedingt mit Tomatensoße verschönert werden."

Ich kicherte leise. Und wartete.

„Und?" Vergeblich!

„Und was?" Emmett arbeitete ungestört weiter.

„Edward? Zu Hause? Wann?"

„Eigentlich sollte ich gar nicht mehr mit dir reden."

„Ooch, großer Brummbär." Ich stand auf und ging um die Anrichte langsam auf ihn zu. Als ich vor ihm stand, sah ich ihn besänftigend an. „Du weißt das war nur so ein Gerede. Die Schürze steht dir toll. Bitte sag mir, wann Edward wieder da ist, ja?"

„Irgendjemand sollte dir mal den Hintern versohlen, weißt du das?"

„Komisch, das hat Edward auch immer gesagt. Und?"

„Also muss was dran sein. So gegen acht." Dann wandte er sich wieder dem Essen zu.

„Danke. Ich geh' vor dem Essen noch schnell duschen.", sagte ich, gab ihm einen flüchtigen Kuss auf seine Wange und verschwand in meinem Zimmer.

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Es war noch genau so, wie ich es hinterlassen hatte. Sogar dieselbe Pflanze stand noch in der Zimmerecke. Die vorherrschende Farbe in diesem Raum war Lila. Diese Farbe hatte ich immer am liebsten gemocht und das hat sich bis heute nicht geändert. Edward und ich hatten dieses Zimmer zusammen gestrichen. Wir hatten die Farbe ausgesucht, na gut, ich hab sie ausgesucht und dann ungefähr eine geschlagene Stunde versucht ihn davon zu überzeugen, dass sie gut an einer Wand aussehen würde. –Junggesellen, die es gewohnt sind alleine wohnen, fällt es scheinbar unfassbar schwer, sich auf etwas Mädchenhaftes in ihrem Territorium einzulassen.- Und dann haben wir alles gemeinsam eingerichtet. Es war ein riesen Chaos gewesen mit viel Gefluche seinerseits und ich hatte mir einen Spaß daraus gemacht, ihn dann und wann zu ärgern. Das konnte ich einfach nie sein lassen. Ich lächelte verträumt. Edward war schon ein ganz schöner Sauertopf manchmal, aber ich liebte ihn trotzdem.

Ich schüttelte meinen Kopf. Ich musste diesen Gedanken endlich loswerden. Als die Jahre vergingen und ich während der Ferien nach Hause kam, wurde mir immer bewusster, was Edwards Frauentyp war. Lang, schlank und blond. Ach ja, und mit einer beeindruckenden Oberweite. Er war nie sehr diskret mit seinen Liebschaften gewesen. Und jede einzelne tat mir weh und versetzte mir einen Stich ins Herz.

Ich stellte mich betrübt vor den Spiegel und schaute mich an. Dann straffte ich die Schultern, zog meinen Bauch ein, hielt den Atem an und stellte mich seitlich. Ich reckte meine Brüste noch mehr raus. Joa, so waren sie beeindruckend. Allerdings sollte man ein Brett vor meinen Rücken stellen, damit man mein Hohlkreuz nicht sah. Ich stieß meinen Atem wieder aus.

Edward war jetzt achtundzwanzig. Er fand mich wahrscheinlich eh zu jung und unerfahren. Ob ich nun vollbusig war, oder nicht. Er hatte mich immer behandelt wie… nein, wie ein Bruder hat er mich nicht behandelt. Dafür war er manchmal zu distanziert und streng gewesen. Es war eher so, wie ein Vormund mit seinem Mündel umging. Was es letztendlich ja auch war.

Ich seufzte und zog mir das mittlerweile doch zu eng gewordene Top, was vor drei Jahren wohl noch ein kurzes, weißes T-Shirt gewesen sein sollte, über den Kopf und stieg aus der ausgeblichenen Jeans. Ich wollte mir gar nicht erst ausmalen, wie Edward reagieren würde, sobald er hörte, was ich mit meinen restlichen Kleidern gemacht hatte.

Nachdem ich geduscht hatte, zog ich wohl oder übel die beiden Kleidungsstücke wieder an. Doch ich konnte mich nicht dazu überwinden, nochmal in die Unterwäsche zu steigen. Also ging ich hochroten Kopfes wieder in die Küche.

„Was hast du denn?"

Ich schüttelte nur meinen Kopf und schaute irgendwo auf den Boden. DAS würde ich ihm mit Sicherheit nicht sagen.

„Mmmh, ist das etwa Bolognese?"

„Ja, das bekomme ich einigermaßen schnell hin und ich weiß, du magst es gern."

„Das ist großartig, vielen Dank." Ich aß eine Weile vor mich hin und Emmett räumte währenddessen die Küche auf. Dann holten mich irgendwann meine Gedanken wieder ein und ich stach nur noch lustlos in meine Spaghetti rein.

„Emmett?"

„Hmmm?"

„Glaubst du, Edward mag mich?"

„Was redest du da, Kleines? Natürlich mag dich Edward! Was lässt dich glauben, dass es anders wäre?"

„Ich meine aber nicht diese beschützerische, bevormundende Art. Ich meine nicht das Verantwortungsbewusstsein, das er mir gegenüber hat, sondern…" Ich zuckte mit den Schultern. „könnte er mich irgendwann lieb…" Ich unterbrach mich, bevor ich das Wort zu Ende sprechen konnte und rettete mich schnell mit einem: "…haben?"

Verwirrt sah mich Emmett an, aber dann sagte sein Gesichtsausdruck, dass es klick gemacht hatte. „Ach verdammt, Bella." Er schüttelte mit dem Kopf und stützte sich auf die Arbeitsplatte. Nach einer Weile sagte er seufzend: „Komm mal mit!" Ich schaute auf, als Emmett mir seine Hand entgegen streckte. Ich nahm sie und sprang vom Hocker. Er führte mich in die Privaträume von Edward und in sein eigenes kleines Wohnzimmer, wo der wunderschöne, weiße Flügel stand. Und genau dahin führte mich Emmett.

„Sieh dir das an!" Ich sah ihn fragend an. Er deutete mit der Hand auf die Notenblätter, die in der Halterung über den Tasten lagen. Ich nahm das kleine Heftchen in die Hand und blätterte darin herum. Neu war es ein beschreibbares Notenheft gewesen. Nun war es, mit Edwards unfassbar schöner Handschrift, beinahe voll geschrieben. Das war mir nichts Neues. Edward komponierte fast ausschließlich. Ich liebte es, seine Stücke zu hören und habe ihn früher immer gebeten, sie für mich zu spielen.

Ich blickte immer noch verständnislos zu Emmett auf. „Was…?"

„Schau auf den Titel!" Ich schloss das Heft und drehte es um. Auf der Vorderseite war auf der freien Stelle in wunderschöner Schreibschrift ‚Für Bella' geschrieben.

„All diese Lieder hat er geschrieben, als du die letzten drei Jahre nicht nach Hause gekommen bist. Er hat dich lieb, glaub mir!" Er zögerte, es sah aus als wolle er noch etwas sagen, sah dann aber weg.

Ich lächelte glücklich und strich zärtlich über die Buchstaben. Dann legte ich es zurück in die Halterung und starrte noch ungefähr eine Minute darauf.

Ich drehte mich um und sagte: „Es ist…" Ich stoppte. Wo war Emmett?

„Emmett?", rief ich leise.

Draußen hörte ich Stimmen und näherte mich der Wohnzimmertür.

„… soll das heißen, sie ist wieder da?" Ich strahlte und rannte los.

„Edward!", schrie ich und raste um eine Ecke. Bei der zweiten hatte ich nicht soviel Glück und prallte daran ab. Ich konnte mich glücklicherweise abfangen, um nicht hinzufallen. Leider aber stieß ich dabei mit meinem Knie die Kommode an und die Vase, die darauf stand, fiel herunter und zerbrach. Ich rieb mir die geschundene Stelle, und schaute betroffen auf die Scherben. Hoffentlich war es keine allzu wertvolle gewesen.

„Bella?" Ich schaute auf und achtete nicht weiter auf die Schmerzen. Meine Unterlippe bebte. „Edward?" Schüchtern stand ich da und wartete… ja auf was? Bei ihm war ich immer so unsicher und verlegen und wusste nicht, was ich sagen sollte. Naja, manchmal jedenfalls.

Seine Mundwinkel zuckten. „Nun komm schon her!" Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und rannte weiter, bis in seine Umarmung hinein.

Wieder liefen die Tränen. Endlich sah ich ihn wieder, roch ihn wieder, spürte ihn wieder. Ich klammerte mich an sein Hemd und benutzte es als Taschentuch. Danach sah es jedenfalls so aus, als mich Edward bei den Schultern packte und mich von sich schob. Er ging leicht in die Knie und starrte mir intensiv ins Gesicht.

„Isabella, was tust du hier?" Dabei betonte er jedes Wort.

„Ich bin achtzehn!", hob ich hervor, in Erinnerung an die letzten beiden verwunderten Gesichter.

Er starrte mich verwirrt an. „Das weiß ich, Bella, aber das beantwortet nicht meine Frage." Ich hörte Emmett im Hintergrund kichern.

„Nun ja, ich bin achtzehn und habe mich entschieden, nicht mehr auf das Internat zu gehen. Ich muss langsam lernen, auf eigenen Beinen zu stehen."

„So ein..." Edward stoppte, als seine Augen tiefer wanderten und an meinem Dekolleté hängenblieben. „Was ist denn das für ein ordinärer Fetzen?" Meine Wangen wurden immer wärmer, bis sie schließlich glühten, als ich den Stoff packte und ihn hochzog. Als das Oberteil dann aber zu viel Bauch zeigte und Edwards missbilligender Blick dorthin schoss, zog ich es schnell wieder runter. Das ging ein paar Mal hin und her, bis Edward meine Hände ergriff und fauchte: „Du machst es nur noch schlimmer!"

„Tja, Küken ist wohl erwachsen geworden, was?"

Edward richtete sich auf und blaffte: „Halt dich da raus, Emmett!"

„Ist ja gut." Ich hörte, wie Emmett davon schlurfte und etwas murmelte, das sich anhörte wie ‚...sollte mal lernen, sein Temperament zu zügeln...'.

„Wieso, zum Teufel, trägst du solche Kleidung? Falls man das so nennen kann. Und du bist hoffentlich nicht damit hergereist. Wie bist du überhaupt hierhergekommen?" Seinem Ton nach zu urteilen, ging er wohl schlicht davon aus, dass ich es nicht wagen würde, das als Reisebekleidung zu benutzen. Oje. Ich schluckte.

„Ähm, also, ich hab irgendwie meine Kleider an die anderen Internatsschülerinnen verkauft, um das Fluggeld zusammenzubekommen."

„WAS?" Ich zuckte zusammen, als er seine Stimme hob. „DU HAST WAS GETAN?"

„Die Kleider gingen ziemlich gut weg. Vor allem das Handy. Ich hab sogar noch ein bisschen übrig, siehst du?" (Gut, fürs Taxi hat's nicht mehr gereicht…) Ich wollte gerade in meiner Hosentasche kramen, als Edward nochmal meine Hände ergriff und die Frage stellte, von der ich gehofft hatte, er wäre zu sehr von der ‚Sachen verkauft'-Sache abgelenkt gewesen. Ich sollte es langsam besser wissen.

„Und wie bist du von dort zum Flughafen gekommen? Da ist weit und breit nichts Nähe der Schule."

„Getrampt.", nuschelte ich ganz leise.

„Was hast du gesagt? Ich habe dich nicht verstanden.", knurrte Edward. Nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, hatte er das jedoch schon.

Da musste ich meine Stimme heben und es ihm eben nochmal sagen, doch man konnte es wohl eher schreien nennen. „ICH BIN GETRAMPT."

Da ging es los. „ICH FASS ES EINFACH NICHT. WIE KONNTEST DU AUF DIESE VERFLUCHT BESCHEUERTE IDEE KOMMEN? MÜSSTE DIR NICHT KLAR SEIN, WAS DA ALLES HÄTTE PASSIEREN KÖNNEN? HAB ICH DIR NICHT WIEDER UND WIEDER UND WIEDER ERKLÄRT, WAS DA DRAUSSEN FÜR SCHEISSKERLE RUMLAUFEN, DIE NUR AUF DIE GELEGENHEIT WARTEN, SO EIN VERFLUCHT JUNGES UND HÜBSCHES DING WIE DICH IN DIE FINGER ZU KRIEGEN? FUCK! DU BIST SO VERDAMMT NAIV. AUF KEINEN FALL DARFST DU..." Während Edward seine Stimmbänder strapazierte, lief er, wie ein Tiger im Käfig, hin und her und versuchte so anscheinend einen Pfad in den Flur zu stampfen. Ich verschränkte inzwischen meine Arme vor meiner Brust, verzog das Gesicht und senkte meinen Kopf, wagte aber nicht meine Augen von ihm zu nehmen. Allerdings hörte ich nicht richtig auf seine Schimpftirade, bis mir die Worte „Isabella, du gehst sofort wieder dahin zurück!" meine Aufmerksamkeit erforderten.

„Nein!"

Edward blieb stehen und sah mich ungläubig an. Jetzt musste ich meine Augen doch abwenden. Doch als ich merkte, was ich da tat, straffte ich meine Schultern, hob meinen Kopf und sagte nochmal deutlich und mit fester Stimme: „Nein!"

„Isabella, du weißt, dass ich recht habe und mich durchsetzen werde, also lass uns das Ganze verkürzen.", sagte er kalt.

„Diesmal nicht! Edward, ich lag dir lange genug auf der Tasche. Jetzt bin ich alt genug, um auf eigenen Beinen zu stehen."

„Ich habe genug Geld, um dich mehrere Leben lang zu unterhalten, also sprich nicht von ‚auf der Tasche liegen'! Und was hast du dir denn überhaupt überlegt, um ‚auf eigenen Beinen zu stehen', wie du so schön sagst?"

„Nun, ich dachte mir, ich könnte für den Anfang einen Schriftstellerkurs belegen, ich habe einiges Talent, und in der Zwischenzeit irgendwo als Sekretärin arbeiten oder als Kellnerin oder sowas. Sekretärin wäre natürlich besser, so könnte ich etwas lernen…" Ich verstummte allmählich.

Edward starrte mich eine Weile stirnrunzelnd an, seufzte und schüttelte den Kopf: „Bella, ich glaube, wir sind beide von der Reise gestresst… wobei meine dabei wesentlich weniger gefährlich war, und..." Er drohte, sich da wieder hineinzusteigern, also sagte ich: „Du hast recht. Vielleicht sollten wir uns erst mal ausruhen. Ich nehme an, du möchtest aus den Kleidern raus, und du solltest ein Bad nehmen. Das wird dich entspannen!" Ich nahm seine Hand und zog ihn in Richtung seiner Privaträume.

„Du versuchst schon wieder abzulenken. Aber das ist noch nicht ausdiskutiert. Ich werde jetzt duschen gehen und mich umziehen. Ich habe heute noch eine Verabredung. Morgen wirst du dich erst mal wieder neu einkleiden. Geh' in die Einkaufsmeile hier im Hotel und sag meinen Namen. Dann bekommst du, was du brauchst. Morgen bin ich bis zum Nachmittag bei einem Kongress, aber abends können wir Essen gehen. Ich rufe durch und sag' dir Bescheid, wenn du runter in die Lobby kommen kannst. Wir haben noch viel zu besprechen."

Ich spürte einen Stich in meinem Herz, als er das Wort ‚Verabredung' sagte. Hundert prozentig war da eine Frau involviert. Ich schaute auf meine Hand runter, um ihn meinen Schmerz nicht sehen zu lassen.

„Hast du schon was gegessen? Du bist so dünn. EMMETT, HAT BELLA SCHON WAS ZU ESSEN GEKRIEGT?"

„Ich steh genau vor dir, und ja, ich hab' schon etwas gegessen." Wütend sah ich auf.

„Aber du hast noch nicht zu Ende gegessen, Mäuschen!", kam es im Singsang aus der Küche. Mein Kopf fuhr herum und ich starrte Pfeile durch die Wand.

Der Wunsch nach einem kindischen Wutanfall -der wohl auch von mir erwartet wurde! (Tja, dann. Gern geschehen!)- machte sich in mir breit und ich schrie, während ich davon stapfte, „Ich habe keinen Hunger mehr!", lief in mein Zimmer und schmiss die Tür zu. Dann ging ich langsam auf mein Bett zu und ließ mich erschöpft darauf nieder. Als ich spürte, wie eine Träne über meine rechte Wange lief, wischte ich sie wütend mit meinem Arm weg.

Würde ich für ihn immer nur ein Kind bleiben? Ich hasste das! Warum musste ich nur so aussehen, wie ich aussah? Vielleicht sollte ich mir meine Haare abschneiden, und sie etwas fetziger stylen. So wie Alice.

Ich schaute auf meine Haare hinab, nahm meinen Zopf in die Hand und flocht ihn auf. Nein, da die Farbe nichts Besonderes war, durfte ich auf keinen Fall das zerstören, was sie schön machten.

Ich stieß einen Seufzer aus. Ich musste morgen einkaufen gehen. Vielleicht konnte ich ja ein paar aufreizende Fummel kaufen, die Edward beeindrucken könnten. Vielleicht ein Kleid und Stilettos? Ich schauderte. Mir graute davor, Absatzschuhe anziehen zu müssen. Doch es hatte schon mal den Vorteil, größer zu sein. Ich musste eben einfach sehr vorsichtig gehen. Außerdem hatte ich ja nur den Weg zum Restaurant zu überstehen und da konnte ich mich zur Not auch an Edward festklammern, bis ich dann sicher am Tisch saß.

Und dann hieß es, standhaft bleiben.