2. Jake wer?
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, fühlte ich mich wie gerädert. Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass ich erst vor etwas mehr als drei Stunden eingeschlafen war. Mir war einfach noch zu viel im Kopf herumgegangen und ich fragte mich, wie wohl das Gespräch mit Edward verlaufen würde. Er hatte solch eine Macht über mich, aber diesmal würde ich nicht klein beigeben. Ich hatte es satt und es fühlte sich nicht richtig an, wenn ich niemals für mich selbst sorgen würde.
Ich stand auf und schlurfte in das angrenzende Bad und machte mich für die Einkaufsmeile fertig. Zähne putzen, duschen, anziehen, Haare zusammen binden. Heute Abend würde ich sie offen über meinen Rücken fallen lassen, doch zum Einkaufen zog ich es vor, wenn sie mir nicht dauernd ins Gesicht fallen würden.
Als ich durch das Wohnzimmer und Richtung Tür lief, hörte ich Emmett sagen: „Wo willst du hin, junge Dame?"
Ich drehte mich um. „Na, einkaufen. Und sag mir nicht, du hättest gestern nicht haargenau alles mitbekommen. Du weißt, dass ich Klamotten brauche."
„Nein, Küken, schon klar! Aber du gehst nicht einen Schritt ohne ein Frühstück durch diese Tür, damit du es weißt!"
Ich machte die Tür auf und schob frech einen Fuß auf die andere Seite. Als Emmett angestürmt kam, zog ich ihn schnell wieder zurück und schloss die Tür.
„Ist ja schon gut. Es war nur ein Scherz."
„Treib sowas nicht mit mir!"
„Wenn nicht mit dir, mit wem sonst? Edward?", fragte ich ungläubig. Bei seinem aufbrausenden Temperament würde er irgendwann sein Versprechen wahr machen und mich übers Knie legen.
Ich setzte mich an den schon gedeckten Tisch im Esszimmer und aß erst mal brav mein Frühstück. Edward hatte gesagt, ich sei dünn. Also musste ich das ändern. Vielleicht würde ich, wenn ich ordentlich aß, an den richtigen Stellen zunehmen. Ich schnaufte. Ja, klar. Wenn ich zunahm. Außerdem aß ich nichts, wenn ich satt war und das war ich immer ziemlich schnell. Und eigentlich war ich auch gar nicht so dünn, fand ich. Jedenfalls nicht zu dünn. Durch meine Größe und Zierlichkeit wirkte es wohl nur so.
Als ich fertig war und mit dem Aufzug runter in die Lobby fuhr und sie durchquerte, um in die Halle die zum Zentrum führte zu kommen, bemerkte ich, dass heute jemand anders an der Rezeption stand. Ich fragte mich, ob Alice gestern möglicherweise nur mal ausgeholfen hatte, weil Jasper hier arbeitete. Er war der Hotelmanager und somit eng mit der Rezeption verbunden.
Sobald ich im Zentrum ankam, fuhr ich mit der Rolltreppe nach ganz oben. Ich überflog kurz die Liste, die ich von Edward hatte, und ich wusste, in den Läden würde ich alles finden, was ich brauchte. Also ging ich direkt in das erste aufgelistete Bekleidungsgeschäft, das ich erspähte. Und da hing es!
Ich hielt augenblicklich inne. Dieses Kleid, das da hing, war der Hammer. Es war das absolut richtige. Edward fand immer, das grün an mir am besten aussah. Es war smaragdfarben und hatte weder Ärmel noch Träger, sondern lag eng am Oberkörper an. Ab der Taille fiel der Rock locker bis leicht unter die Knie ab und warf dabei Falten. Es war elegant, schlicht, aber auch sexy. Hoffentlich sah das bei mir auch so gut aus, wie an der Puppe.
„Kann man dir vielleicht irgendwie helfen?" Ich versteifte mich. Der geringschätzige Ton, der aus der Frau herauskam, war vollkommen beabsichtigt. Und als ich mich umdrehte, sah ich auch den Blick, der mir sagte, dass ich hier absolut nichts verloren hatte, als sie ihn einmal langsam und überdeutlich meinen Körper hinab und wieder hinauf fuhr. Ich sah mich nochmal genauer in dem Laden um. Oh ja, ich glaube, ich hatte mir auch direkt wieder das Beste herausgesucht, was die Mall wahrscheinlich zu bieten hatte. Und das noch nicht mal bewusst. Doch dieses Kleid musste ich haben.
Ich räusperte mich. „Jaaa, mein Name ist Isabella Swan. Edward Cullen hat gesagt, ich würde hier alles finden und es geht auf seine Rechnung."
„Ach, hat er das? Tut mir leid, aber solche Bemerkungen kommen hier alle paar Wochen von einer hübschen Frau." Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, zählte sie mich nicht dazu. „Hast du denn eine Bestätigung von ihm, oder sowas?"
Mein Gesicht war inzwischen wieder errötet. „Ähm, nein. Aber ich glaube, er hat…"
„Tja, dann kann ich dir nicht weiterhelfen." Dass sie, obwohl ich ein Kunde war, so mit mir redete war wirklich unprofessionell und ich sah ihr an der Nasenspitze an, dass sie mir auch dann nur sehr ungern geholfen hätte, wenn ich irgendwas dabei gehabt hätte. Ich sah auf ihr Namensschild.
„Also gut, Jessica. Ich werde es dann erst mal wohl woanders versuchen. Aber ich werde mit einer Bestätigung wieder kommen. Darauf kannst du dich verlassen!" Sie wagte es doch tatsächlich daraufhin empört auszusehen. Doch ich kümmerte mich nicht darum, warf noch einen sehnsüchtigen Blick auf das Kleid und verließ dann das Geschäft.
Ich ging ein paar Läden weiter, bis ich einen sah, der interessant für mich war. Hier gab es Jeans und sportliche Schuhe. Außerdem sah ich Badebekleidung. Oh ja, einen Badeanzug brauchte ich definitiv. Immerhin gab es hier einen Pool.
Als ich das Geschäft betrat, ging ich direkt auf eine Verkäuferin zu und sagte ihr das gleiche, wie vorhin dem unfreundlichen Drachen.
Sie war schon freundlicher, sagte aber dennoch:
„Wer? Entschuldigung, aber der Name Edward Cullen sagt mir gar nichts. Und ich kann Ihnen nicht einfach Kleidung herausgeben, ohne eine handfeste Zusicherung von diesem Mann."
Ohhh Mann. Na, das war aber ein super Reinfall. So viel zu ‚Sag einfach meinen Namen und du bekommst, was du brauchst'. Ohne ein weiteres Wort bedankte ich mich höflich und ging wieder raus.
Seufzend ließ ich mich auf eine Bank fallen. Und was machte ich jetzt? Ich brauchte ein Kleid, damit ich heute Abend annehmbar aussah, wenn ich mit Edward in ein Restaurant ging. Außerdem war mir klar, dass Edward ausflippen würde, wenn ich in diesen Klamotten in der Lobby erscheinen würde. Kurz überlegte ich, ob ich es nochmal in einem Schuhgeschäft probieren sollte, aber irgendwas sagte mir, es würde ähnlich ablaufen.
„Bella? Das ist aber eine Überraschung, Süße." Ich drehte mich um und da stand Alice mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht.
„Hey. Was machst du denn hier? Solltest du nicht hinter einer Rezeption stehen?"
Sie kicherte hoch. „Ach das war nur eine Ausnahme. Laurent war gestern krank und Jasper hat mich dazu genötigt. Es hat ihn aber viel Überredung gekostet, das kann ich dir sagen. Rezeptionsarbeit ist wirklich nicht mein Ding. Nein, ich betreibe hier ein Brautmodengeschäft. Und was ist mit dir? Du siehst so resigniert aus."
„Ach ich hab nur versucht irgendwie an Kleidung ranzukommen. Aber das ist ohne Geld gar nicht so leicht, wusstest du das?" Ich grinste sie verschmitzt an.
Sie lachte. „Sagt wer? Das ist ja irre! Und was war dein Plan-B? So ganz ohne Geld?"
„Edward hat behauptet, sein Name öffne alle Türen. Ich muss ihm irgendwann mal klar machen, dass er nicht der ‚Master of the Universe' ist.", grollte ich.
„Hm, normalerweise tut er das aber. Ach was, genug von dem Geschwafel. Ich helfe dir. Ich kenn' hier einen ganz tollen Laden. Es ist Tommy Hilfiger!"
„Aha." Ja, ich hab' den Namen schon mal gehört, glaub ich.
„Wusstest du, das Calvin Klein Tommy Hilfiger aufgekauft hat?" Als ich mit dem Kopf schüttelte fuhr sie fort, während sie sich bei mir unterhakte und wegführte:
„Echt. Phillips-Van Heusen hat sich diese Übernahme 3 Milliarden Dollar kosten lassen. Aber Hilfiger behält den betriebseigenen Hauptdesigner bei und unterstützt die Leitung und Direktion für alle Aspekte des Designprozesses. Also bleibt wohl das Meiste beim Alten." Ich sah sie mit großen Augen und etwas ängstlich an. Oh Mann, sie sprach ja richtig fanatisch. Und sie tat so, als gehörte ich in ihren Club.
„Äh, und wer ist dieser Phillip Van Huusen?"
Sie sah mich ungläubig an. „Phillips-Van Heusen! Nicht ‚Wer'! Das ist PVH, die Firma, die jetzt Eigner von Calvin Klein und Tommy Hilfiger ist!", sagte sie und ihre Stimme wurde zum Ende hin immer höher. „…neben einigen anderen, versteht sich!"
„Oh, ja klar." Innerlich schlug ich mir auf die Stirn. Sowas sollte man unbedingt wissen. Ist zwar nicht ganz so wichtig, wie den Namen vom Präsidenten zu kennen, aber scheinbar gehörte sowas auch zum hiesigen Allgemeinwissen…
Ich hielt Alice am Ärmel fest, als ich mitbekam, wo sie mich hin schleifte.
„Nee, Alice, da besser nicht. Ich war schon dort und die Verkäuferin ist eine furchtbare Hexe. Ohne mindestens eine mündliche Bestätigung von Edward läuft bei der gar nix."
„Ach papperlapapp, deine Bestätigung reicht ihr vielleicht nicht, dafür aber meine ganz sicher!"
Wir betraten zusammen das Geschäft, aus dem ich vorhin, aus Angst vor Giftpfeilen, die möglicherweise aus der Haut von ‚Jessica' schießen könnten, geflüchtet bin.
Wie ein Feldwebel ging Alice auf die nächstbeste Verkäuferin zu, und es war nicht Jessica.
„Guten Tag, meine Freundin hier möchte sich neu einkleiden und es wurde vorhin gesagt, sie würde hier nicht bedient werden. Isabella Swan ist das Mündel von Edward Cullen und entweder sie helfen ihr jetzt oder es muss Ihnen geholfen werden. Und zwar auf dem Arbeitsamt! Entscheiden Sie sich!" Ich schaute verschämt überall hin, nur nicht auf die unschuldige Verkäuferin.
Alice nahm meinen Arm. „Komm schon, Süße. Was gefällt dir hier? Oooh das ist aber hübsch."
Ich atmete aus -ich merkte gar nicht, dass ich meinen Atem angehalten hatte- und sah die Verkäuferin entschuldigend an. Sie war an ihrem Platz scheinbar sprachlos festgefroren. Dann sah ich dorthin, wo Alice mit ihrem Finger hingedeutet hat. Sie zeigte genau auf das grüne Kleid.
„Ja, das finde ich auch. Es wäre perfekt für den heutigen Abend mit Edward…"
„Hast du nun eine Bestätigung mitgebracht?" Ich drehte mich um und da stand sie. Eine Hand war an ihre Hüfte gelegt, die herausfordernd rausgedrückt war.
„Jessica! Was soll dieses Benehmen?", fragte die andere Frau, die anscheinend ihre Sprache wiedergefunden hatte.
„Nun ja, ich finde diese Boutique entspricht einer bestimmten Klasse und hier sollte nicht jeder reinkommen dürfen."
„Und es ist an dir zu entscheiden, wer Klasse hat?" Sie fuhr ohne abzuwarten fort, da es augenscheinlich nur eine rhetorische Frage war. „Ich erwarte, dass jeder potenzielle Kunde, der durch diese Tür tritt, mit der erforderlichen Höflichkeit bedacht wird, die ihm zusteht. Und Edward Cullens Gäste im Besonderen!"
„Ja schon, aber ich kann doch nicht jeder, die behauptet…"
„Edward Cullen hat heute Morgen angerufen und gesagt, dass eine Isabella Marie Swan im Laufe des Tages vorbeikommen könnte und sie solle alles bekommen, was ihr Herz begehrt. Ich habe diese Nachricht an der Kasse befestigt. Wie kommt es, dass du sie noch nicht gelesen hast?"
Jessica wollte sich wohl keine Blöße geben und verbat es sich, verlegen auszusehen, trotzdem schluckte sie hörbar. „Naja, ich…"
„Wenn ich so ein Benehmen gegenüber eines Kunden noch einmal mitbekomme, teile ich das der Geschäftsleitung mit und dann bist du schneller deinen Job los, als du ‚Naja, ich…' sagen kannst."
Damit wendete sie sich mir zu und sagte:
„So, Kleines, wollen doch mal sehen…" Ich stöhnte und rollte mit den Augen.
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Ich schaute mich in dem Chaos um, das jetzt in meinem Zimmer herrschte und seufzte. Das musste unbedingt in Ordnung gebracht werden und ich überlegte, ob ich die Kleider jetzt wegräumen sollte, oder erst nachdem ich ein paar Runden im Pool gedreht habe. Ich entschied mich für danach, auch wenn das sofort ein schlechtes Gewissen in mir hervorrief. Aber ich brauchte jetzt erst mal eine abkühlende Entspannung für meinen gemarterten Körper, denn nachdem Alice erst einmal auf den Geschmack gekommen war, ist sie abgegangen wie eine Rakete nach dem Startschuss.
Wir mussten in etwa sechszehn Läden gewesen sein -nach neun habe ich aufgehört zu zählen- und zwar nicht kurz mal eben rein, sich umsehen, rumstöbern und wieder raus. Sie hat mich dazu gebracht, in fast jedem etwas zu kaufen, und ich hatte keine Ahnung, wie sie das geschafft hatte. Möglicherweise hing es mit ihrem Talent zusammen, dich abzulenken, ununterbrochen zu reden und dir dabei wunderschöne Sachen aus den Ständern und Regalen zu zeigen, die dir normalerweise gar nicht aufgefallen wären. Wir waren auch nochmal in dem Sportgeschäft gewesen, in dem die blonde Verkäuferin arbeitete und es hat sich herausgestellt, dass sie Rosalie hieß und gerade erst angefangen hatte, da zu arbeiten. Darum ihre Ahnungslosigkeit, was Edward betraf. Es war unglaublich, wie gut Alice und Rose sich auf Anhieb verstanden hatten. Sie haben geredet, als gebe es kein Morgen und als würden sie schon alles voneinander wissen. Das war auch der Punkt, wo ich die Gelegenheit beim Schopf packte und Alice versichern konnte, dass ich jetzt genug hatte. In Windeseile war ich aus dem Geschäft und ließ die beiden Sektenmitglieder der Modebranche, ihr Ritual vollziehen. Aber ein Gutes hatte es gehabt; Alice war solange von dem String-Bikini abgelenkt gewesen, dass sie nicht bemerkt hatte, wie ich mit dem Einteiler zur Kasse verschwunden war.
Ich seufzte wieder und sah auf die Klamottenansammlung, die auf der Kommode, dem Bett, auf dem Boden und sogar über dem Fernseher verteilt waren, herab. Eigentlich hatte ich nur das Dringendste und ein Kleid für Edward kaufen wollen. Jetzt hatte ich, nebst dem Kleid und den dazu passenden Schuhen und dem Badeanzug, mehrere knappe Dessous, zwei Pullover, vier ausgefallen geschnittene Oberteile, zwei Jeans, zwei Shorts und einen Faltenrock, der mir fast bis zu den Knien reichte. Wie sollte ich das wohl jemals wieder zurückzahlen? Ich würde auf Lebenszeit verschuldet sein, bedachte man auch die teuren Namen, die auf den Schildern in goldenen Lettern geschrieben standen.
Mir meinen Badeanzug schnappend verschwand ich, ein drittes Mal seufzend, im Bad und zog mich um.
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Als ich den Hoteleigenen Bademantel und das Handtuch auf eine der Liegen legte, überlegte ich, ob ich erst einmal ein bisschen Sonne tanken oder direkt hinüber zum Sprungbrett laufen sollte.
Ich schlüpfte aus den Schläppchen.
Direkt!
Als ich oben ankam, freute ich mich schon so sehr auf das kühlende Wasser, dass ich etwas zu hastig das Brett entlanglief. Ich hatte mich eigentlich richtig auf meinen Kopfsprung vorbereiten wollen, so wie immer. Doch jetzt blieb mir keine Zeit mehr, da ich ausgerutscht, gestolpert oder irgend sowas blödes war, und streckte schnell noch meine Arme aus, um immerhin etwas von meinem Kopfsprung zu retten. Doch das war ein hoffnungsloses Unterfangen und es wurde dafür ein Eins-A Bauchklatscher.
Scheiße! Das tat weh! Außerdem hatte das bestimmt jeder, der mindestens im Umkreis von fünf Metern Poolentfernung stand, mitgekriegt. Ich blieb deshalb unter Wasser und tauchte bis ich das andere Ende des Beckens erreicht hatte. Bis dahin war vielleicht auch mein Gesicht wieder weiß.
Als ich wieder auftauchte hielt sich zu meiner Verwunderung niemand vor Lachen den Bauch, also atmete ich erleichtert auf und schwamm zehn Runden und ging danach zu meiner Liege.
Während die Sonne mir ins Gesicht schien und ich mich völlig entspannte, grübelte ich eine Weile über das Gespräch später mit Edward nach, als ein Schatten über mich kam.
„Herzlichen Glückwunsch, du hast dir meine Aufmerksamkeit redlich verdient, wenn auch etwas unkonventioneller als üblich. Auf diese Idee ist aber noch keine gekommen.", sagte eine samtene, wunderschön klingende Stimme.
Blinzelnd öffnete ich meine Augen und versuchte die dunkle Gestalt vor mir zu erkennen. Als mir das, aufgrund des Sonnenstandes, nicht gelang, setzte ich mich auf und sah einen ziemlich gutaussehenden Kerl, der etwas sehr indianisches an sich hatte, jedoch arrogant eine Augenbraue hob.
„Was?", fragte ich verständnislos.
„Dein Auftritt eben. Bei jedem Schritt auf der Trittleiter sexy mit dem Arsch wackeln, sich zu stecken, als du oben angekommen bist, dem hastigen Sprung, der ein bisschen zu elegant aussah, um als Stolpern zu gelten. Aber beinahe hätte ich dir deine Tollpatschigkeit abgenommen. Kompliment. Aber ich muss auch sagen, dass ehrlich noch niemand daran gedacht hatte, meine Aufmerksamkeit damit zu erzwingen, sich möglicherweise ein Bein zu brechen, bei so einem Stuntversuch."
Ich blinzelte ein paar Mal. Habe ich irgendwas nicht mitgekriegt? Ich schaute mich um und versuchte schlau aus der ganzen Sache zu werden.
Niemand beachtete uns.
Nein, falsch! Da waren ein paar Mädchengruppen, die mit zusammengekniffenen Augen zu uns rüber schauten. Ob neugierig oder sauer konnte ich nicht sagen. Ich schaute wieder auf.
„Was?" Momentan musste mein Gesichtsausdruck einen wohl ziemlich belämmerten Eindruck machen.
„Na komm schon, Süße. Mach's nicht so spannend. Wir wissen beide, was wir wollen. Du willst mich, und ich gewähre dir diesen Wusch." Er beugte sich zu mir runter und flüsterte: „Mein Zimmer liegt im vorletzten Stock, Zimmernummer ist 90B, Luxussuite. Komm in zehn Minuten nach, dann ist alles vorbereitet." Als er sich wieder aufrichtete, blickte ich ihn immer noch völlig verwirrt an.
„Wer sind Sie? Und… Was?" Langsam stand ich auf, als endlich das, was seinen Mund verlassen hatte, zu mir durchgedrungen war.
„Sie…Du arroganter Arsch! Suchst du dir ständig wildfremde Weiber aus, läufst zu ihnen hin und wirfst ihnen dreiste Beleidigungen an den Kopf, oder hab' nur ich dieses ausgesprochen freudige Vergnügen?" Abwechselnd stach ich ihm meinen Finger in die, zugegeben ansehnliche, Brust und fuchtelte wütend mit meiner Hand in der Luft herum, während ich zunehmend lauter wurde. „Oh jaaa, lass uns unbedingt in dein Zimmer 90B irgendwas gehen. Ich kann's kaum erwarten weiterhin dein ekelhaftes, selbstgefälliges, anmaßendes, überhebliches Gequatsche über dich selbst zu hören. Warum machst du es dir nicht schon mal alleine gemütlich? Vielleicht hast du Glück und findest einen Raum voller Spiegel und entdeckst dich selbst? Kannst ja dann in der Lobby anrufen und mir Bescheid geben, dass du den Menschen gefunden hast, der die meiste Begeisterung für dich aufbringen kann. Dann werde ich zwar wahrscheinlich zu Tode betrübt sein, da ich einen Mann verloren habe, der mir in den letzten fünf Minuten, die Welt bedeutet hat, aber die Hauptsache ist doch, dass du glücklich bist. Siehst du das nicht auch so?"
„WOOOW", sagte der fiese Narziss, noch während des Fluges, den ich ihm bescherte, als ich meine Hände auf seine Brust legte und ihn über den Abgrund des Swimmingpools schubste, zu dem ich ihn strategisch Schritt für Schritt hingeführt hatte und in dem nun seine letzten Körperteile, die Hände, verschwanden.
Schnaufend drehte ich mich um, schnappte meine Badeutensilien und ging auf den Hoteleingang zu. Ich hörte einen Fluch und dann ein schnelles Platschen hinter mir.
„Hey, warte mal! Ich muss… Bitte warte." Er fasste mich um den Arm. Ich riss mich los, drehte mich aber um.
„Bitte lass es mich erklären."
Ich verschränkte meine Arme vor der Brust und funkelte den jetzt tropfnassen Gott an.
„Es gibt eine Erklärung für dein widerwärtiges Verhalten? Da bin ich aber entsetzlich gespannt, wie du es anstellen willst, deinen aufgeblasenen Charakter als Schokolade zu verkaufen?!"
„Hör zu, ich dachte wirklich, dass du das" Er winkte mit der Hand Richtung Sprungturm. „extra für mich gemacht hast. Normalerweise nervt mich sowas, aber du hast mir irgendwie gefallen. Ich bin angeturnt von dir."
„Du machst es nicht gerade besser."
„Du hast im Ernst keine Ahnung, wer ich bin, nicht wahr?" Er wirkte ehrlich verblüfft. Ich zog meine Augenbrauen hoch, hielt meine Handflächen zum Himmel und schüttelte mit dem Kopf.
„Würde das denn einen Unterschied machen?"
„Naja, also ich bin Jake Black. Ich meine Jacob Black. Aber bekannter bin ich als Jake." Als ich auf seinen erwartungsvollen Blick hin nichts sagte, fuhr er fort: „Ich bin der im momentan fest angestellte Starsänger hier im Hotel. Ich gehe auch öfters auf Tourneen und gebe Konzerte, also bin ich ziemlich bekannt, aber vor allem in der Gegend von ebendiesem Hotel kennt jeder meinen Namen. Darum kommen auch häufig Groupies hierher und versuchen ihr Glück, na du weißt schon…"
Ich starrte ihn immer noch mit zusammengekniffenen Augen an.
„Jedenfalls tut es mir echt leid, dass ich dich so herablassend behandelt habe. Es ist nur so, dass, egal wie schlecht ich die Leute behandle, sie trotzdem nichts anderes tun, als mir in den Arsch zu kriechen. Wenn ich da hinten hingehen würde und dieses fragliche Angebot einem dieser Girlies machen würde, würden sie wahrscheinlich aufspringen, sich an den Händen fassen und aufgeregt auf und ab hüpfen. Als du vorhin an mir vorbei gingst, machtest du einen süßen Eindruck, und als ich dich da oben gesehen habe und glaubte, du würdest dich nicht von den üblichen Schlampen unterscheiden, war ich irgendwie enttäuscht und ließ dich das dann spüren. Hey, hör zu, es tut mir wirklich leid. Meinst du, wir könnten nochmal von vorne anfangen?" Er hob seine Hände wie im Gebet.
Ich versuchte immer noch sauer zu sein, aber sein Hundeblick wirkte ehrlich und ich merkte, wie mein Widerstand bröckelte und gab meine eingeschnappte Pose auf.
„Also ich bin Jake. Hi." Er streckte mir zögernd seine Hand entgegen und ich nahm sie schließlich an.
„Bella Swan. Eigentlich Isabella Swan, aber da dieser Name völlig unbekannt ist, ist es gleich wie du mich nennst."
„Du ahnst gar nicht, wie erleichtert ich bin, dass du mir diesen völlig verblödeten Fehltritt verzeihst. Glaub mir, normalerweise bin ich ein richtig charmanter Sonnenschein, Schwänchen."
„Oh nein, nicht du auch noch. Bitte, kannst du nicht einfach Bella sagen? Ja, jetzt weiß ich, dass ich Bella definitiv bevorzuge. Und was das charmante Sonnenscheinchen betrifft, bin ich ehrlich gesagt noch nicht vollständig überzeugt. Auch wenn ich dir einen Neuanfang gewähre, schwebt immer noch die ganz und gar uncharmante Regenwolke über deinem Kopf. Da ist sie!" Ich deutete auf seine nach oben zeigenden Haarspitzen.
Er grinste breit und ließ eine Reihe strahlend weißer Zähne sehen. Das war der Augenblick, in dem ich entschied, dass ich diesen Weiberhelden wahrscheinlich mochte.
„Also gut, Bella. Ich trete heute Abend im Nachtclub auf. Willst du nicht kommen, um meine Prachtstimme zu hören? Vielleicht änderst du deine Meinung mit dem Zimmerbesuch dann doch noch." Er grinste verschmitzt und ich wusste, er wollte mich nur necken.
„Meine Sympathie sinkt gerade wieder.", sagte ich hochnäsig. „Mein Vormund und ich werden nachher essen gehen. Vielleicht werde ich danach aber wirklich mal vorbeischauen, nur um mich davon zu überzeugen, dass es sich nicht gelohnt hat."
„Aua. Das war hartherzig. Ich will wirklich, dass du mir noch eine Chance gibst. Und nach meinem Auftritt, der dich bestimmt umhauen wird, können wir ja noch irgendwo was trinken gehen." Er grinste breit.
„Ich finde, du solltest dir lieber eine passendere Begleitung für deine Sauftour aussuchen." Ich schaute betont den Swimmingpoolrand entlang, zu den aufgereihten Schönheiten, die nur hierher gekommen sind, um nicht schwimmen zu gehen.
„Ach, ich habe genug von diesen langbeinigen Giraffen-Frauen, die teilweise sogar schon größer als ich sind, sobald sie ihre superhohen Plateauschuhe übergestreift haben. Manchmal sogar schon ohne."
„Ach so. Ich verstehe. Natürlich magst du es lieber, wenn alle bewundernd zu dir aufschauen. Wie dumm von mir. Dieses Bühnengefühl brauchst du selbstverständlich immer." Ich klopfte mir innerlich auf die Schulter und konnte ein Feixen nicht unterdrücken.
Er grinste boshaft zurück. „Naja, das mag ja ein guter Grund sein, aber ich mag es schlich und einfach, wenn ich mehrere Stellungsmöglichkeiten zur Auswahl habe. Eine Frau im Stehen zu nehmen, finde ich überaus reizvoll. Allerdings muss ich sie dazu auch hochheben können. Klar, ich könnte auch ein Model nehmen, das eine Nuss am Tag isst, aber das ist nun wirklich gar nicht mein Fall. Beim Sex mit mir müssen die Frauen auch etwas aushalten und dürfen nicht schon beim ersten falschen Griff auseinanderbrechen."
Während seiner Ansprache bin ich kontinuierlich zunehmend errötet und ich schaute verlegen überall woanders hin.
„Das gibt's ja nicht. Ist das tatsächlich Röte, die deine Wangen färbt? Ich habe bisher nur davon gelesen, aber sowas noch nie zuvor gesehen. Wirst du tatsächlich rot, weil ich schmutzige Details aus meinem Liebesleben enthüllt habe? Ich dachte, das sei genauso unmodern geworden, wie Jungfrau sein."
In der Zwischenzeit hatte mein Gesicht wohl ein kritisches Rot erreicht und ich starrte völlig verlegen herunter.
„Ich fass es nicht! Ist das wahr?"
Mein Blick klebte jetzt an meinen nackten Füßen. Gott, war mir das peinlich. Wie hatte das passieren können? Wie war es überhaupt zu diesem Gesprächsausgang gekommen?
Ich spürte, wie sich Finger unter mein Kinn legten und es nach oben drückten. Dann blickte ich in ein fröhlich glitzerndes Augenpaar.
„Ich kann noch ausführlicher werden, soll ich? Zum Beispiel, wenn ich in der Dusche stehe, mag ich es, wenn die Frau, und somit ihre Brüste, gegen die Scheibe gedrückt werden. Bei mir im Hotelzimmer kann ich das im Spiegel sehen, wenn ich hinter ihr stehe. Geiler Anblick! Jedenfalls hebe ich dabei verdammt gerne das Becken hoch, damit ich nicht in die Knie gehen muss. Hier würde sich natürlich wieder ein langbeiniges Model rentieren, aber ich steh' einfach darauf die kleinen Ärsche zu packen und…"
Meine Augen, die wohl schon mein halbes Gesicht einnahmen, vergrößerten sich noch mehr, doch jetzt kam ich aus meiner Starre und riss mich los.
„Hältst du wohl die Klappe, man könnte dich hören! Vor allem ICH kann dich hören, und glaub' mir, wenn ich dir sage, dass ich jetzt schon genug Sex für ein Leben mit dir hatte." Verärgert runzelte ich die Stirn.
Er lachte laut los und die Leute, die in der Nähe standen, drehten sich neugierig zu uns um.
„Du bist unmöglich!", fauchte ich.
„Und du bist herrlich. Ich freu mich richtig auf heute Abend, Bella-Liebling."
„Freu dich nicht zu früh! Vielleicht komme ich gar nicht und falls doch, erwarte ich einen Gentleman vorzufinden, klar?" Mit diesen Worten drehte ich mich um und ließ ihn lauthals lachend da stehen.
Na toll. Jetzt hatte mir dieser Jacob-Ich-bin-ein-Superstar Verschnitt nur allzu bildliche Fantasien, die ich mit in meine Träume nehmen konnte, in den Kopf gesetzt. Als hätte ich nicht schon genug phantastische Träume über Edward und mich.
