4. Mörderische Wut
Ich sah auf die Uhr. Halb eins!
Wie ich es befürchtet hatte, hatte ich die Nacht über kein Auge zugetan. Ich war noch ungefähr eine gefühlte Stunde am Fenster gestanden, bis die erste Tränenflut versiegt war. Emmett hatte noch ein paar Mal versucht mit mir zu reden, doch ich wollte nur alleine sein. Er schaffte es zwar immer mich mit seinem Wesen aufzubauen, aber ich wollte gestern gar nicht aufgebaut werden, nicht von ihm. Es gab nur eine Person, von der ich in den Arm genommen und getröstet werden wollte. Die Person, die den Schmerz ausgelöst hatte!
Irgendwann war ich dann ins Bett gekrochen, hatte mich aber nur von der einen Seite auf die andere gerollt. Am Ende hatte es mein Körper wohl doch noch geschafft, sich seine Ruhe zu holen, denn das letzte, was ich noch wusste war, dass ich mich erschöpft zum Wecker gedreht hatte, der halb acht anzeigte, und dann fünf Stunden später in derselben Position wieder erwacht war. Es hatte sich schon beinahe wie eine Bewusstlosigkeit angefühlt, so tief war ich weg gewesen. Und es war nicht so erholsam, wie man jetzt vielleicht annehmen würde.
Ich stieg aus dem Bett und schlurfte auf die Badezimmertür zu. Als ich mir das Schlafanzugoberteil über den Kopf zog und in den Spiegel sah, erschrak ich. Meine Haare standen mir vom Kopf ab, als hätte ich sie mutwillig toupiert. Meine Augen waren rot gerändert und hatten Augenringe von der Größe einer Zitronenschale. Mein Gesicht wirkte eingefallen und grau, und die Wangenknochen stachen hervor.
Mann! Das konnte passieren, wenn man eine ganze Nacht damit zubringt, zu weinen und sich hin und her zu werfen? Das hatte ich doch auch schon früher durchgemacht –ebenfalls dank Edward- und hatte nicht gleich wie ein Geist ausgesehen.
Hm… Ich zuckte die Schultern. Irgendwann erreichte man halt sein Limit.
Ich zog mir die restlichen Kleider vom Leib und stieg in die Dusche, stellte das Wasser an und ließ es über meinen Kopf fließen.
Edward meinte es gut mit mir, oder nicht? Mir war es ein Rätsel, warum er gestern so ausgeflippt war. Ja, er hielt Jake für keinen guten Umgang, aber er musste doch wissen, dass er meinem Urteilsvermögen trauen konnte. Jacob war auch nicht die Person, die mich anzog, das war Edward! Doch das konnte ich ihm ja wohl schlecht sagen.
Ich legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen, während warmes Wasser über meinen Kopf floss, als mich ein plötzlicher Schwindel erfasste. Ich hielt mich an der Duschstange fest und sank langsam auf die Knie. Dann barg ich meinen Kopf in meinen Händen und sah nach unten, bis es wieder etwas besser ging. Meine Hand griff nach oben, um das Wasser abzustellen.
Vorsichtig stand ich auf und griff nach dem Handtuch, das ich mir bereit gelegt hatte, und wickelte es um meinen Körper. Als ich einen Schritt aus der Duschkabine machte, überkam es mich wieder und ich blieb mit meinem Fuß an der Kante hängen. Dann umgab mich Schwärze.
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„Bella? Schätzchen? Komm schon, wach auf, Kleines!"
Zitternd hoben sich meine Wimpern und ich erkannte verschwommen die protzige Gestalt von Emmett, der über mich gebeugt war.
Ich verstand erst nicht, wo ich war und was passiert war, und sah mich um. Ich lag auf meinem Bett, nur mit einem Handtuch bekleidet, und mein Kopf tat unheimlich weh.
„Was…" Ich zischte, als das leise geflüsterte Wort aus meinem Mund kam und mir sofort in die Stirn fuhr.
„Pssst, ganz ruhig. Beweg dich nicht zu viel, und streng dich auf gar keinen Fall an! Es wird dir bald wieder besser gehen. Versprochen!" Emmett drückte etwas Kühles, das in ein Küchentuch gewickelt war, an meine Schläfe, während er sanft über meinen Kopf strich.
Ein lautes Schlagen erklang und ich zuckte zusammen.
„Wo ist sie?" Schnelle Schritte näherten sich meinem Zimmer.
"Wieso ist Edward hier?", fragte ich verwundert.
"Ich hab ihn sofort angerufen, was denkst du denn?"
Ich richtete meinen Blick auf die Tür und schon kam er in den Raum gestürmt. Sobald er an meinem Bett stand, kniete er sich mit einem Bein neben mich, nahm meine Hand mit seiner und tauschte mit der anderen den Platz von Emmetts.
„Bella, was machst du denn für Sachen? Kann man dich jetzt nicht einmal alleine duschen lassen?" Seine Stimme klang so zärtlich, dass ich beinahe allen Schmerz vergaß.
„Ich muss ja nicht alleine sein." Shit! Hatte ich das wirklich gesagt? Ich hoffte nur, er würde es auf meinen Kopfstoß zurückführen.
Er sah mich streng an. "Keine Witze! Was ist passiert?"
Ich versuchte mich aufzurichten, doch Edward hinderte mich daran und drückte mich sanft, aber bestimmt, in die Kissen zurück.
"Ich weiß auch nicht genau. Mir wurde auf einmal schwindelig."
„Sie ist eben zu sich gekommen. Ich hab' sie vor etwa zwanzig Minuten da liegen sehen. Weiß der Teufel, wie lange sie schon so da lag."
"Emmett, lass einen Arzt kommen!" Als Emmett Anstalten machte aufzustehen, packte ich ihn beim Arm.
"Nein, lass nur. Mir geht's gut."
Edward seufzte genervt. "Bella, warum zur Hölle musst du immer anfangen zu streiten? Kannst du nicht einmal etwas tun, ohne Widerstand zu leisten?"
"Und kannst du nicht einmal etwas tun und mich vorher fragen, ob ich was dagegen habe?"
Edward zwickte sich in den Nasenrücken und kniff die Augen fest zusammen.
Emmett stand auf. „Tut mir leid, Kleines, aber ich bin diesmal absolut seiner Meinung. Ich besorg dir jetzt einen Arzt!" Somit ging er raus und schloss leise die Tür hinter sich.
Edward sammelte sich und atmete tief ein. „In Ordnung, Bella. Hör zu! Du siehst blass aus und schwächer und zerbrechlicher als jemals zuvor. Du bist gerade erst aus deiner Bewusstlosigkeit erwacht. Du bist hingefallen und hast dir den Kopf angeschlagen. Ich will herausfinden warum dir schwindelig geworden ist und verhindern, dass das nochmal passiert. Außerdem muss deine Platzwunde behandelt werden. Also bitte, Bella. Bitte! Mach mir jetzt keine Schwierigkeiten. Du. Brauchst. Einen. Arzt. Wie würdest du es finden, wenn ich mich in so einer Situation weigern würde mir helfen zu lassen?"
Ich sah Edward reumütig an. „Entschuldige, Edward. Du hast recht."
Laut atmete er durch seine Nase aus und sah kurz zur Seite, als versuche er die richtigen Worte zu finden. Doch noch bevor er etwas sagen konnte, ergriff ich das Wort:
„Es tut mir alles so leid. Ich wollte dich nicht enttäuschen oder dir den Eindruck vermitteln, dass ich nicht zu schätzen wüsste, was du für mich tust." Traurig sah ich auf die Bettdecke runter. Doch dann hob Edward mein Kinn mit seiner Hand und sah mich sanft an.
„Liebes, es geht nicht darum, dass ich etwas von dir erwarte oder verlange. Ich will dich nur mit aller Macht beschützen. Und wenn dann manchmal mein Temperament mit mir durchgeht, tut es mir leid. Ich weiß auch nicht, was in diesen Momenten in mir vorgeht. Auch wenn ich mich im Recht fühle, ist das noch lange kein Grund, so mit dir zu reden." Er strich mir über die Haare.
Ich rappelte mich hoch und Edward half mir, indem er meinen unteren Rücken stützte. Ich schlang meine Arme um seinen Hals und drückte meine Stirn unter sein Kinn. So hielt er mich eine Weile, bis er mich plötzlich stirnrunzelnd von sich drückte und eine Hand auf meine Stirn legte.
„Bella, du hast Fieber. Und das nicht gerade wenig."
Behutsam legte er mich wieder auf das Bett und zog die Decke bis unter mein Kinn. Seine Augen waren sehr besorgt. „Tut dir sonst noch etwas weh, oder fühlst dich unwohl?", fragte er und strich mit seinem Handrücken über meine Wange. Ich schmiegte mein Gesicht daran.
„Mein Schienbein pocht etwas. Wahrscheinlich war mein Kopf nicht das einzige, was Schaden genommen hat." Ich grinste Edward an, um ihn etwas aufzumuntern, doch er starrte nur stirnrunzelnd zurück. Dann begann er meinen Körper zu untersuchen und schlug das Laken zurück. Ich wurde sofort rot, als er meinen, nur mit einem Handtuch verdeckten, Körper begutachtete.
Mit den Fingern strich er von meinem Gesicht über meinen Hals runter zu meinen Armen, nahm jeweils einen in seine Hände und untersuchte ihn nach Verletzungen.
Ich schloss meine Augen und genoss seine Berührungen, auch wenn sie nur sachlicher Natur waren. Ich legte meinen Kopf zurück und lächelte verträumt, als er die Decke von meinen Beinen schob, um da weiter zu machen. Ich fühlte, wie seine Hände das Handtuch etwas nach oben schoben und mein rechtes Bein entlang strichen. Ein Prickeln fuhr zwischen meine Beine und ich stöhnte auf. Sofort waren diese wundervollen Hände weg und ich hörte Edward sagen: „Hat dir etwas wehgetan?"
Ich öffnete meine Augen und schüttelte zaghaft meinen Kopf. Misstrauisch schaute er mich an, wandte sich dann aber gleich darauf meinem anderen Bein zu, fing erneut oben an meinem Schenkel an. Er drückte und strich nach unten und meine Augen zogen sich, wie von selbst, wieder zu.
„Fuck!"
Ich riss meine Augen, bei diesem derben Fluch, auf.
„Bella, was zum Teufel ist das?" Ich richtete meinen Blick auf die Stelle an meinem Bein, die Edwards ganze Aufmerksamkeit einnahm. Dort, knapp unter meinem Knie, wo ich mir gestern das Schienbein am Sprungbrett aufgeschürft hatte, war jetzt eine rote, wulstige Wunde.
Ich hatte den Tag zuvor kein Stück daran gedacht. Zuerst nicht, weil der Sprung vom Brett zu peinlich war und meine komplette Vorderseite eh vor Schmerz gebrannt hatte, und dann Jacob mich gründlich abgelenkt hatte. Außerdem hatte ich so oft Blessuren und Prellungen, dass ich darauf gar nicht mehr achtete. Ich hatte es vollkommen vergessen. Sogar jetzt hatte ich angenommen, das Pulsieren am Bein käme von meinem Sturz aus dem Badezimmer.
„Ähm, das muss von gestern gewesen sein, als ich mir das Knie aufgeschlagen hatte. Ich habe es bis jetzt gar nicht bemerkt."
„Wie kann man so etwas nicht bemerken, Bella? Die Wunde hat sich entzündet. Kein Wunder, dass du Fieber hast."
„Nun ja, jetzt kennst du ja die Ursache. Die Lösung ist auch nahe. Ein bisschen Antibiotika und ich hüpfe wieder, wie ein junges Reh." Ich grinste ihn verschmitzt an.
„Kannst du mir einen Gefallen tun und keine Witzeleien über deine gesundheitliche Verfassung machen? Bitte? Das ist für mich nämlich kein Grund zum Lachen. Deine Verletzungen werden immer gefährlicher. Wenn wir vor hundert Jahren gelebt hätten, könnte das jetzt dein Tod sein. Was wird noch alles passieren?"
„Gott, Edward, jetzt mach dir doch nicht so einen Kopf. Du bist immer so pessimistisch. Sieh doch das Positive daran. Du musst jetzt nicht arbeiten, und darfst stattdessen den Tag mit mir verbringen.", sagte ich immer noch grinsend. Diesmal lächelte Edward auch zurück. „Da hast du allerdings recht. Auch wenn ich mir einen schöneren Grund vorstellen kann, warum ich meine Arbeit unterbrechen muss."
„Welchen denn?", fragte ich neugierig. Eine Zeitlang fixierten sich seine Augen auf meine, und es fing an sich eine Spannung aufzubauen, die im ganzen Raum knisterte. Für mehrere Sekunden blieben wir so sitzen, das Schweigen wurde immer unbehaglicher.
Ein Klopfen unterbrach uns und Edward wandte schnell seine Augen ab, stand auf und räusperte sich. „Kommt rein!"
Emmett und ein untersetzter Arzt mit Halbglatze und freundlichen Augen traten durch die Tür.
Ich war enttäuscht. Irgendwas hatte in der Luft gelegen, und ich brannte darauf zu erfahren, was.
Die Untersuchung war schnell abgeschlossen, da ja nun klar war, wo das Problem lag. Der Arzt verschrieb mir Penicillin und verordnete mir eine Woche Bettruhe, was mich genervt aufstöhnen ließ. Als Emmett das hörte warf er mir einen strengen Blick zu, der mir wohl sagen sollte: ‚Und ich werde da sein und sicherstellen, dass das auch eingehalten wird!'
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Der erste Tag war noch erträglich, wenn nicht sogar wundervoll, da Edward den ganzen restlichen Tag mit mir im Bett verbrachte. Wir spielten ein paar Runden Schach, unterhielten uns ganz normal (ohne unsere Differenzen aufzugreifen) oder lagen einfach nur stumm aneinander gekuschelt da und genossen die Ruhe. Naja, er sagte mir zwar, ich solle versuchen zu schlafen, aber ich wollte meine Zeit nicht damit verschwenden.
Die anderen Tage allerdings waren nichts als nervig. Das Antibiotikum schlug schnell an. Emmett kümmerte sich rührend um mich, machte mir immer neue Kompressen und meine Temperatur sank am zweiten Tag schon auf Normalität zurück.
Edward war wieder entweder im Büro oder mit irgendwelchen Interessenten essen, während Emmett versuchte mich zu mästen, oder so etwas. Immer kam er mit neu kreierten Suppen oder Gerichten an, um mich danach mit umso beliebteren Gourmet-Nachspeisen, wie Crème Brûlée, Zimtcreme mit Grapefruit, marmoriertes Mousse au Chocolate, Erdbeersorbet usw., vollzustopfen. Ich kam mir vor wie ein Truthahn, der für den Feiertag vorbereitet wird. Jedenfalls fühlte ich mich fit und war dennoch ans Bett gekettet, da Emmett mich mit Argusaugen beobachtete.
Doch irgendwann einmal musste er ja auch mal raus und diese Gelegenheit würde ich beim Schopf packen.
Am vierten Tag war es dann soweit. Emmett steckte den Kopf zur Tür rein und verkündete. „Engelchen, ich muss ein paar Sachen besorgen. Ich werde ein paar Stunden nicht da sein. Aber ich habe mein Handy dabei, ruf mich sofort an, wenn etwas ist, versprochen?"
Ich nickte engelsgleich, aufrecht sitzend in meine Kissen gelehnt, die Hände salopp im Schoß verschränkt. So blieb ich auch sitzen bis ich die Tür zuschlagen hörte plus noch fünf Minuten. Dann schlug ich die Bettdecke zur Seite, warf meine Füße über die Bettkante und flitzte zum Schrank und ins Bad, um meine Badesachen zusammen zu sammeln. Als ich alles hatte, was ich brauchte, schrieb ich noch schnell eine Nachricht an Emmett, in der stand, wo ich mich befand und ging runter zum Pool. Ich weigerte mich noch länger bei solchem Wetter im Bett zu sitzen. Ich würde nicht schwimmen gehen, das war mir noch zu riskant mit der Wunde, aber am Pool liegen und Sonne tanken, das ließ ich mir nicht nehmen.
Eine Weile genoss ich es auch, bis ein Schatten über mich fiel. Ich öffnete die Augen, bereit mich mit Emmett anzulegen, falls er mich wieder in mein Gefängnis zwingen wollte und lächelte, erleichtert Jacob Black über mir stehen zu sehen.
„Hey, du nimmst mir die Sonne!", sagte ich zuckersüß.
„Ach was, du brauchst keine. Nur mich. All you need is… me…", sang er. Er dachte wohl, seine Stimme würde alles wettmachen.
Ich schnaubte und setzte mich etwas auf. Jake war vollständig angezogen. Er hatte einen legeren Anzug an, das Hemd war oben geöffnet und ließ ein Stück braune Brust erkennen. Das Jackett war locker über einen Arm gelegt. Er sah richtig gut aus.
„Für Feiglinge, die einen im Ernstfall im Stich lassen, hab' ich nichts übrig." Ich verschränkte meine Arme vor der Brust. Schuldbewusst senkte er den Blick, setzte sich auf die nächststehende Liege und fragte mit ernster Stimme: „Hat er dir was getan?"
„Quatsch, Edward würde nie Hand an mich legen."
„Das weiß ich. Dafür ist er nicht bekannt, was Frauen angeht!" Dabei sah er mich betont an, dann sagte er: „Aber es gibt andere Mittel und Wege jemandem Schaden zuzufügen. Und darin ist er Meister, wie ich höre."
„Edward würde mich nie absichtlich verletzen. Dafür achtet er mich viel zu sehr."
„Hm, Edward Cullen in der Rolle eines Vormunds ist echt lächerlich. Es ist, als würde man ein Lamm ins Löwengehege treiben und erwarten, dass sie auf es aufpassen und heil wieder zurückgeben. Du kennst den Ruf von Edward was Frauen betrifft?"
„Ja, aber Edward sieht mich nicht so.", erklärte ich ihm mit totbetrübter Stimme.
„Warte mal, du willst, dass er dich so behandelt?", fragte Jake mit ungläubig hochgezogenen Augenbrauen.
„Nein, ich will nicht, dass er mich schlecht behandelt. Ich will… dass er mich will."
„Oh Mann, sag bloß nicht, dass ich keine Chance mehr bei dir habe. Glaub' mir, wir würden gut zusammen passen." Enttäuscht schaute er mich an.
„Entschuldige, Jake, aber was Frauen betrifft, bist du bestimmt nicht besser als Edward, und da ich ihn nun mal schon etwas länger und besser kenne als dich und obendrein noch in ihn verliebt bin, denke ich nicht, dass du je wirklich eine Chance bei mir gehabt hattest."
Offensichtlich war die Abfuhr nicht deutlich genug, denn sofort schaute er wieder kampflustig drein. „Aber verloren habe ich noch nicht. Du wirst merken, dass ich nicht so schnell aufgebe. Immerhin besteht ja die minimale Wahrscheinlichkeit, dass Cullen tatsächlich sowas wie ein Gewissen hat, seine Pflichten als Vormund ernst nimmt und dich nicht anfasst. Willst du wirklich ein Leben lang Jungfrau bleiben und nie einen Mann an deiner Seite haben?"
Ich wurde wiedermal knallrot. „Musst du immer so schonungslos offen sein?"
Er grinste breit wie ein Honigkuchenpferd.
„Übrigens, tut mir echt leid, dass ich letztens getürmt bin. Das kommt nicht mehr vor, ehrlich. Ich war nur so verblüfft gewesen."
„Nein, schon gut. Ich verstehe das. Immerhin ist er dein Chef, sozusagen. Und außerdem wollte ich ihn nur provozieren und nicht mit dir weggehen."
„Aua. Das tat weh."
„Du weißt, was ich meine." Ich seufzte.
„Nein, weiß ich nicht. Aber du kannst wiedergutmachen, dass du meine Gefühle verletzt hast und mit mir mitkommen. Ich wollte gerade zu einem Freund nach Hause. Er schmeißt dort heute eine Wiedersehensparty mit alten Freunden und Musikerkollegen. Hast du Bock?"
„Ääh, ich glaube nicht, dass das geht." Mein Gesicht wurde wieder warm. „Bei dem Kopfsprung letztes Mal, hatte ich mich am Bein verletzt und das hatte sich entzündet. Die letzten Tage war ich ans Bett gefesselt und gezwungen, mich wie eine ordentliche Kranke aufzuführen.", gab ich knurrend meinen Unmut darüber kund. „Ich habe mich eigentlich nur verbotenerweise hier herunter geschlichen und genieße es so lange es noch geht, bevor der Sturm losgeht." Ich verdrehte meine Augen.
„Bella, bist du nicht alt genug, um zu wissen, was du dir zumuten kannst und um selbst zu entscheiden, ob du zu Hause bleibst, oder nicht? Ich meine, ich will dich nicht zu etwas überreden, was du nicht willst. Aber wenn du es willst, warum dann nicht? Was hindert dich daran?" Er kräuselte die Lippen und zuckte mit den Achseln.
Ich zögerte unsicher. Jake hatte irgendwie recht. Ich fühlte mich nicht krank. Und Edward musste lernen, dass ich Befehlen nicht mehr gehorchen würde. Entschlossen richtete ich meinen Blick auf. „Also gut, ich komme mit. Ich gehe nur schnell hoch, zieh' mich um und hinterlasse eine Nachricht."
Hocherfreut sagte Jake: „Klasse, ist gut. Ich warte hier auf dich."
Ich sprintete nach oben und war dankbar, als ich die Wohnungstür öffnete und niemandem begegnete. Schnell zog ich mir ein ärmelloses, locker fallendes, weißes Rippoberteil an, das sich um meinen Bauch bauschte und mit einem Perlenkettenträger, um meinen Hals schlang. Die Perlen waren dunkelrot und so auch die knallenge Jeanshose an meinen Beinen, die nun in grauen Stiefeln steckten, die viele große Falten warfen.
Ich schmiss den alten Zettel von mir weg, schrieb einen neuen und legte ihn an dieselbe Stelle. Ich hielt mich kurz, schrieb nur, dass mich Jacob Black mit zu einer Party nehmen wollte und ich nicht spät wieder kommen würde, da ich wüsste, ich dürfe mir noch nicht zu viel zumuten. Ich endete mit einem ‚Hab euch lieb. Kuss' und ging dann zu dem wartenden Jake.
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Wo wir hinfuhren war eher eine abgelegene riesengroße Ranch, die vom Stil her eher einer alten Hazienda glich. Überall standen Autos und Motorräder, und neben dem großen Hauptgebäude sah ich einen Stall. Ich war aufgeregt, man würde es vielleicht nicht glauben, aber ich hatte noch nie Pferde aus der Nähe gesehen.
„Können wir nachher mal in den Stall. Den würde ich gerne sehen, geht das?"
Jake lachte. „Aber klar doch. Bestimmt führt Sam uns gern herum und spielt Fremdenführer." Er gluckste, wie als würde nur er den Witz daraus erkennen.
Als wir vor der Tür standen klingelte Jake. Als sich nicht sofort etwas tat, hämmerte er mit seiner Faust gegen das massive Holz. Laute Musik drang aus dem Haus und als sich die Tür öffnete, wehte mir Zigarettenqualm und jetzt noch lauterer Rock entgegen.
Jake keuchte auf. „Das gibt's ja nicht. Embry, was machst du denn hier. Das ist ja nicht zu fassen. Wie geht's dir?"
Grinsend schlugen sie sich in die Hände. „Dachte, das sei ein Treffen, bei dem man alte Bekannte wiedersieht. Muss mich wohl im Haus geirrt haben."
„Ja, aber normalerweise kommen immer nur dieselben Hundesöhne."
Embry kicherte. „Kommt rein, was steht ihr da so rum?" Und damit schaute er mich an. „Und das ist wohl dein neues Püppchen, wie?" Wissend schaute er mich an und ich wurde rot.
„Noch nicht. Aber was nicht ist kann ja noch werden. Im Moment ist es nur meine Schnecke Isabella. Bella? Embry." Wütend sah ich zu Jacob auf. „Ich bin kein schleimiges Kriechtier! Und rein gar nichts kann zwischen uns noch werden!" Doch der kicherte darauf nur, als wir in das Haus traten.
„Hui, die Kleine hat Krallen. Interessant. Pass bloß auf, dass Sam sie nicht in die Finger kriegt."
„Wenn man vom Teufel spricht. Da kommt er.", sagte Jake und schaute über meine rechte Schulter. Ich folgte seinem Blick und sah einen großen, schlanken Kerl auf uns zukommen, der seine braunen Haare militärisch kurz geschnitten trug.
„Hey, Jake, altes Haus. Schön, dass du auch mal wieder rein schneist. Wie ich sehe, hast du Embry schon ausfindig gemacht. Quil ist übrigens auch da."
„Echt? Scheiße, das wird ein geiler Abend. Bella, komm mit. Da ist ein Vollidiot, den du unbedingt kennenlernen musst."
Ja, denn Vollidioten lerne ich immer wieder gerne kennen, dachte ich höhnisch.
„Warte, warte, warte. Jake, du hast mich noch gar nicht vorgestellt." Der Typ namens Sam kam langsam auf mich zu und schaute auf meinen Busen, glitt lüstern meinen Körper hinab und wieder herauf, und blieb schließlich erneut an meinem kaum vorhandenen Ausschnitt hängen. „Neue Gesichter zu treffen, ist mir immer eine Freude."
Blut schoss mir heiß ins Gesicht, als er sich nicht von diesem Anblick löste. „Jaa, es gibt ein Gesicht, ich bin mir nur nicht sicher, ob du das bemerkt hast.", sagte ich bissig. Sein Kopf schoss hoch und sah mich endlich richtig an.
Jake lachte. „Sie ist kein Groupie, Sam, also vergiss es. Das ist Bella Swan. Bella, Sam Uley. Der beste Gitarrist, den man momentan finden kann. Ich pass heute Abend mal 'n bisschen auf sie auf. Nachher wollt' ich sie noch ein wenig rumführen. Sie möchte unbedingt die Pferde sehen, wenn das klar geht." Jake zwinkerte Sam zu und die beiden grinsten sich verschwörerisch zu. Ich runzelte die Stirn, verstand nicht, was daran so amüsant sein sollte. Wir liefen in ein anderes Zimmer -wohl das Wohnzimmer und der Hauptraum für die Party-, auf eine Sitzecke vor dem Kamin zu.
„Geile Lokation, Sam, das muss ich schon sagen.", ließ Embry über die laute Musik hinweg verlauten.
„Yeah, mein Alter hat ein Händchen für sowas.", brüllte Sam zurück.
„Mit ‚Alter' meint er seinen um zwanzig Minuten älteren Bruder.", schrie Jake mir ins Ohr.
„Hey, es sind immerhin dreiundzwanzig!" Als er das sagte, stieß er Jake mit der Faust in die Schulter. Sie lachten und dann kamen wir bei der Sitzgruppe an. Da saßen ein Kerl mit langen schwarzen Haaren, auf ihm ein Mädel, ebenfalls mit langen schwarzen Haaren, ein blonder Typ mit einer Stachelfrisur und einer Kippe in einer Hand, die er gerade an die Rothaarige mit einer pompösen Felljacke neben sich weiterreichte, ein Afroamerikaner mit Dreadlocks, ein blonder Typ mit langen Haaren und eine Frau… Rosalie, die Frau aus der Boutique.
„Ich glaub's ja nich. Jake, Mann, tut das gut dich zu sehen." Der Kerl auf dem die Schwarzhaarige saß, entledigte sich seiner Last und stand auf. Er begrüßte Jacob herzlich. Sam ging rum und verteilte Bier und Schnaps. Auch mir drückte er ein Glas in die Hand. Ich mochte kein Bier, aber ich wollte keine Spielverderberin sein, also nippte ich immer mal kurz daran. Die anderen hoben alle einen Kurzen, dann fingen die drei (Jake, Embry und Quil, wie ich mir zusammenreimte) an, sich angeregt über alte Zeiten zu unterhalten.
Ich ging derweil auf Rosalie zu. „Hi, was machst du denn hier?" Rose schaute auf und riss überrascht die Augen auf. „Bella, was für eine Überraschung. Was soll die Frage. Was machst du hier?"
„Ich bin mit Jake hier." Ich machte einen schüchternen Wink in seine Richtung.
„Jake Black? Is' nicht dein Ernst. Woher kennt ihr euch?"
„Ist 'ne lange Geschichte.", sagte ich verlegen.
„Bella, darf ich dir meinen Bruder James vorstellen? James, das ist Bella. Ich hab sie im Laden getroffen, wo ich jetzt arbeite."
„Hi." Freundlich lächelnd beugte er sich vor und streckte mir seine Hand entgegen. In seiner anderen hielt er jetzt die Zigarette, die inzwischen bei ihm angekommen war. Ich schaute sie stirnrunzelnd an. Sie bewegte sich auf mich zu.
„Willst du auch?", fragte James. Er hatte anscheinend meinen Blick falsch gedeutet.
„Oh, nein, ich rauche nicht."
„Hehe, keine Sorge, Süße, da ist nur Gras drin, kein bisschen Nikotin." Oh mein Gott, sollte ich mich jetzt etwa besser fühlen, dass er mir Drogen anstatt einer einfachen Zigarette anbot? „Uhm, nein danke." Er zuckte die Schultern und zog selber an dem Joint. Ich schaute weg.
„Das kann ja wohl nicht wahr sein. Was für ein gelungener Überraschungsgast." Ich drehte mich in die Richtung aus der die giftige Stimme kam. Na, ganz toll. Tanya!
„Weiß dein Aufpasser und sein Wachhund, dass du dich hier in solchen Kreisen rumtreibst?" Sarkasmus troff aus ihrer Stimme.
Böse schaute ich sie an. „Jep, und weißt er's von dir? Dass du dich hier rumtreibst, würde Edward bestimmt auch nicht übermäßig begeistern."
Sie setzte sich, den Arsch übertrieben rausgestreckt auf das Sofa zwischen Rosalie und James. „Das ist ganz allein meine Sache. Wir gehen sehr verständnisvoll miteinander um, erzählen uns alles, müssen den anderen nicht um Erlaubnis bitten, weißt du? Wir sind ein gleichberechtigtes Paar. Wir führen eine offene Beziehung." Ihre Stimme triefte vor Selbstgefälligkeit und Arroganz.
„Aha. Schön, dich mal ohne Maskerade kennenzulernen." Ich schnaufte wütend. „Nein, das schön nehme ich wieder zurück."
„Du solltest besser wieder nach Hause in dein Bettchen gehen. Gestern Nacht hat Edward mir gesagt, du seist krank. Gehören kranke Kinder nicht ins Bett? Erst recht um diese Uhrzeit?" Überheblich sah sie in meine Augen. Mir wurde speiübel, und ein schmerzhafter Stich fuhr in mein Herz, als sie mir so brühwarm mitteilte, dass Edward gestern mit ihr zusammen war. Sie guckte wissend.
„Wir haben erst halb neun!" Mit einem verständnislosen Blick sah Rose Tanya an.
„Neinnein, das muss heißen ‚Wir haben schon halb neun'!" Tanya legte einen Arm um Rosalie, zog sie an sich und schaute sie betont an. Die beiden fingen an zu lachen. Verletzt schaute ich Rose an, dann sah ich mich um. Jake war tief beschäftigt mit seinen alten Kumpels. James war aufgestanden und zu der Rothaarigen gegangen, die jetzt wild miteinander knutschten und der Schwarze schob mit einer Karte weißes Pulver auf dem Tisch hin und her, bis es weiße Linien bildeten. Ich drehte mich weg und ging auf die Haustür zu. Scheiße, warum bin ich nicht einfach zu Hause geblieben?
Draußen blieb ich stehen und atmete tief die frische Luft ein, um den Gestank in meiner Nase loszuwerden. Die Sterne waren hier so klar zu sehen, dass ich ganz entzückt nach oben starrte.
Die Tür ging auf und ich schaute über meine Schulter. Sam Uley kam gemäßigten Schrittes die Verandastufen runter.
„Na, Bella-Ella? Amüsierst du dich auch gut? Will mir hinterher nicht nachsagen lassen, ich feiere scheiß Partys."
„Nein, du hast es wirklich sehr schön hier." Nervös schaute ich zum Haus.
„Jake ist noch 'ne ganze Weile beschäftigt. Ich glaube nicht, dass er sich noch daran erinnert, dir die Ställe zu zeigen. Na, was ist, willst du sie sehen? Sind immerhin meine." Er lachte fröhlich und legte einen Arm um meine Schultern. Ich versuchte, mich zu entziehen, doch er zog mich enger an sich.
„Ich weiß nicht…"
„Ach komm schon. Was kann denn schon passieren?"
Ich schaute nochmal zum Haus. Da wollte ich nicht mehr rein und bis Jake bereit war, mich nach Hause zu bringen, könnte noch einige Zeit vergehen. Mit irgendwas musste ich mich ja beschäftigen. Und Pferde anzusehen, eventuell auch anzufassen, schien mir eine annehmbare Lösung zu sein. Ich sah Sam an. „Okay."
„Cool, dann folge mir."
Wir gingen an einigen Boxen vorbei, in denen es eher still war, hineinsehen konnte ich nicht, wegen der Dunkelheit. An mehreren Stalltüren kamen wir vorbei, aber Sam ging immer weiter, wahrscheinlich wurden nicht alle besetzt. Vor einem kleineren Gebäude blieben wir schließlich stehen. Kurz ließ Sam von mir ab und öffnete die Tür zu einem weiteren Stallgebäude, dann ließ er mir den Vortritt. Mich fröstelte und ich hob meine Hände, um meine Oberarme zu umklammern. Hier waren überall Heuhaufen und vor mir ein langer Gang mit Boxen auf jeder Seite, aber abermals beängstigend still.
Ich drehte mich zu ihm um. „Ich verstehe nicht, wo sind die Pferde?"
„Ach Gottchen, dein unschuldiges Getue solltest du nicht zu weit treiben. Das wird irgendwann unglaubwürdig! Jeder weiß, dass in diesen Ställen nur eine Art von Reitsport betrieben wird, und jetzt komm her." Sam zog mich an sich und presste seinen Mund auf meinen. Sein Bier- und Schnapsatem ließen mich beinahe würgen und ich versuchte mich aus seiner Umklammerung zu befreien. Doch er fuhr schon mit einer Hand unter mein Oberteil und drängte mich zurück, bis ich über etwas stolperte und fiel. Ich wollte mit den Händen meinen Sturz auffangen, damit ich mir nicht wehtat, doch ich fiel weich auf einen Heuballen.
Ich riss meinen Kopf zur Seite und keuchte: „Bitte nicht. Aufhören!"
„Nicht aufhören, huh? Oh ja, dir gefällt's auch, kleines Unschuldslamm. Jetzt weiß ich, wie du die Männer scharf machst." Er schob ein Knie zwischen meine Beine und ich bekam es langsam mit der Angst zu tun.
„GEH VON MIR RUNTER!", schrie ich panisch. Vielleicht hörte er durch seinen Rausch ja den Ernst in meiner Stimme, wenn ich etwas lauter wurde. Doch er beachtete mich gar nicht, sondern knabberte nur an meinem Hals herum und befummelte meinen BH, den ich mit aller Macht zu beschützen versuchte; vor allem den Inhalt.
„Bitte lass mich los! Ich will das wirklich nicht.", schluchzte ich jetzt.
Das hatte wohl gewirkt, denn von einem auf den nächsten Augenblick war er von mir runter und ich setzte mich zitternd auf. Ich wollte ihm schon erleichtert danken, als ich sah, wie Edward auf ihn eindrosch. Meine Augen wurden groß wie Unterteller. Im nächsten Moment brach die Hölle los. Emmett kam in den Stall gelaufen, im Schlepptau, oder sollte ich besser sagen am Hemdkragen gepackt, Jacob Black. Ihnen folgten Rosalie, Tanya, Embry und Quil. Den Schluss bildeten James und die Rothaarige, mit der er vorhin rumgemacht hatte. Er hatte einen Arm um sie geschlungen und kam angeschlendert, als würde ihn das alles langweilen. Allesamt redeten sie durcheinander. Mein Augenmerk richtete sich wieder auf Edward, der den inzwischen am Boden liegenden Sam blutig schlug. Irgendwann ging Emmett dazwischen und packte Edward bei den Schultern.
„Edward, es reicht. Du bringst ihn noch um!"
„Genau so ist es auch gedacht.", knurrte der und wollte weiter machen, aber jetzt kam auch Jake dazu und gemeinsam zogen sie ihn weg. Er schüttelte die Arme ab und sah mordlustig auf Sam hinab. Dann ging er einen Schritt auf ihn zu und Emmett wollte schon wieder eingreifen, als Edward eine Hand hob. „Schon gut. Ich bin wieder klar." Dann kniete er sich hin, packte ihn beim Revers und zog ihn ganz nah an sich heran, bis ihre Nasen sich fast berührten. Sams Gesicht fing schon an, überall anzuschwellen. Morgen würde es wahrscheinlich nur noch eine breiige Masse sein.
„Lege nie, NIE wieder Hand an mein Mädchen! Sonst, schwöre ich dir, werde. Ich. Dich. Töten! Auf die eine oder andere Weise." Mit einem Ruck schubste er ihn zurück und Sam krachte gegen die Stallwand. Langsam stand Edward auf und sah ihn nochmal verächtlich an, dann ergriff er blind meine Hand und zog mich auf den Ausgang zu.
Jacob ergriff das Wort. „Bella, das tut mir echt leid. Sowas tut er normalerweise nicht. Er muss wohl zu viel intus gehabt haben. Wenn ich das geahnt hätte…" Edward erstarrte mitten in der Bewegung, seine Schultern gespannt wie ein Bogen.
„Jake, ist schon okay. Ist ja nicht deine Schuld. Wir reden ein andermal.", wollte ich ihn schnell abwürgen und Edward weiterziehen. Doch der drehte den Kopf zu Jake und sah ihn hasserfüllt an.
„Du bringst sie zu einer Party, in der Drogenexzesse und Orgien an der Tagesordnung liegen und rechnest nicht damit, dass so etwas passieren könnte?", fragte er gefährlich leise und zeigte dabei auf den am Boden liegenden Verletzten. „Weißt du eigentlich, wie kurz davor du bist, neben diesem Wichser zu landen? Ich habe dir gesagt, ich will nicht, dass du Umgang mit ihr pflegst! Und damit meinte ich, ich will nicht, dass du sie am Pool siehst, in der Mall, vor der Bühne oder sonst irgendwo in meinem Hotel, nur damit sie nicht von einem Bastard wie dir verführt wird. Glaubst du da etwa, ich würde es verflucht begrüßen, dass du sie zu einem Ort bringst, damit sie anstatt dessen vergewaltigt werden kann?" Edward knurrte und wurde gleichzeitig lauter.
„Damit hätte ich niemals gerechnet…"
„UND WARUM HAST DU SIE ÜBERHAUPT AUS DEN AUGEN GELASSEN?" Jetzt schrie Edward hemmungslos und seine Hand zitterte und festigte sich um meine. Schuldbewusst schaute Jacob mich an.
„Edward, ich bin freiwillig mitgegangen. Ihn trifft keine Schuld.", sagte ich beruhigend und strich ihm über den Oberarm. Emmett trat vor und legte eine Hand auf Edwards Schulter. „Ich glaube, es ist besser, wenn wir jetzt gehen." Edward schaute noch mehrere Sekunden eiskalt in Jacobs Gesicht, doch dann drehte er sich zu meiner Erleichterung um und ging aus dem Stall.
Im Eingang standen sie alle versammelt. Alle hatten dieses Schauspiel schweigend mitverfolgt. Tanya löste sich aus der Menge und begleitete Edward, der mit forschen Schritten zum Auto stapfte. „Schatz, du solltest dein gedankenloses Mädel ins Bett verfrachten und so schnell wie möglich zu mir kommen. Ich wüsste da schon etwas, um dich aufzuheitern.", sagte sie ekelhaft, und ich musste meinen Würgreflex unterdrücken. Ich wandte meine Augen ab.
„Danke, dass du mich angerufen hast, Tanya, aber das war's." Meine Augen flogen wieder zu ihr. Sie hatte ihn angerufen?
„Was meinst du?" Verwirrt strich sie sich ihr Haar zurück.
„Dass du dich mit Rauschmittel abgibst, hätte ich nie gedacht!" Stur geradeaus blickend ging Edward weiter. „Das ist inakzeptabel. Zwischen uns ist es aus!"
„Wow, Edward, du verstehst das falsch." Panisch schauten ihre Augen flehend zu ihm auf. „Ich bin doch nur mit einer Freundin und ihrem Bruder mitgekommen. Ich wusste doch nicht, dass hier Drogen konsumiert werden." Sie sah völlig entrüstet aus und in mir kochte es hoch.
„Du Lügnerin!", warf ich ihr an den Kopf.
„Du hältst dich zurück, Isabella! Mit dir befasse ich mich später." Edward blieb stehen, zwang mich ebenfalls zum Halten, und drehte sich zu Tanya. „Im Augenblick bin ich an einem Punkt, an dem ich gerne irgendwelche Köpfe abreisen würde. In mir ist eine Wut, die mich nicht klar sehen lässt. Geh mir jetzt aus dem Weg und wenn ich mich wieder beruhigt habe und alles wieder rational sehe, rufe ich dich an, klar?" Damit drehte er sich um und öffnete die Tür von seinem Volvo. Ich stieg ein und er half mir nach hinten, dann schlug er die Tür zu. Mit Gewalt!
Ich musste mir in Erinnerung rufen, dass ich vor ihm keine Angst zu haben brauchte. Und doch, so wie er in letzter Zeit drauf war, hatte ich das Gefühl, ihn gar nicht mehr zu kennen.
Er ging um die Kühlerhaube herum zur Fahrerseite. Emmett stieg vor mir ein. „Bist du sicher, dass du fahren kannst? Sollte ich nicht…"
„Halt die Klappe, Emmett!"
„Ja, Herr.", sagte der beleidigt. „Jetzt lass es nicht an mir aus!"
„Wer hat sie denn alleine gelassen?" Edward richtete jetzt seine Wut auf die Person neben ihn.
„Das ist echt bescheuert, Mann, und das weißt du. Warum sollte man eine neunzehnjährige nicht alleine lassen? Zu der Zeit hattest du schon eine eigene Wohnung und standest mit beiden Beinen fest im Berufsleben."
„Du siehst ja, was dabei herauskommt, wenn man eine achtzehnjährige allein lässt. Oder hast du deine Augen eben vor all dem verschlossen?"
Diese Unterhaltung trug nur dazu bei, dass ich mich noch minderwertiger und unfähiger fühlte, als das eh schon der Fall war. Verbittert starrte ich hinaus und sah der dunklen Landschaft dabei zu, wie sie am Fenster vorbei flog. Tränen verschwammen mir die Sicht. Ich war völlig am Ende. Ein nervliches Wrack. Erst Tanya, die mir steckte, dass Edward die Nacht zuvor bei ihr verbracht hatte, und sich anscheinend bei ihr über mich ausließ, dann Rosalie, die wohl doch nicht die Person war, für die ich sie gehalten hatte, dann die beinahe-Vergewaltigung und jetzt das Gespräch über mich, als wäre ich Luft, oder so etwas. Ich hatte es so satt. Am besten, ich suche mir einen Job, egal, was für welchen, spare mir ein bisschen Geld zusammen und ziehe dann in eine eigene kleine Wohnung, ging es mir durch den Kopf. Dann konnte Edward Anthony Cullen von mir aus zum Teufel gehen.
