Müde und mit den Nerven am Ende schloss Molly die Tür zu Ihrer Wohnung auf und trat ein.
Sie versuchte, in der vor ihr herrschenden Dunkelheit etwas zu erkennen, doch das spärliche Licht der Straßenlaterne drang nicht durch den geschlossenen Vorhang.
Sie tapste einige Schritte vorwärts, die Hand ausgestreckt, um den Lichtschalter zu betätigen. "Nicht!"
Molly zuckte erschrocken zusammen.
Für einen kurzen Moment hatte sie vergessen, dass sie einen nächtlichen Besucher hatte.
"Sherlock, wo bist Du?", fragte sie in die stille Dunkelheit.
"Hier.", hörte sie die tiefe Stimme vor sich.
Molly stolperte vorwärts durch ihren Gang und klammerte sich nach wenigen Sekunden an ihrer Wohnzimmertür fest, betrat nach kurzem Zögern das Zimmer.
"Lass das Licht aus.", bat Sherlock sie einen Moment später, als sie erneut zum Lichtschalter greifen wollte.
"Wo genau bist du?" Sie kannte die Einrichtung in und auswendig.
"Ich sitze vor dem Sofa..."
"Warum?"
"Weil auf dem Sofa jemand anderes sitzt.", kam die sofortige, tonlose Antwort und Molly wurde flammend rot.
Zum Glück war es dunkel.
Sie wusste genau, was er meinte.
Er meinte die zahlreichen Kuscheltiere, die sie säuberlich auf dem Sofa aneinander gereiht hatte.
Gott, wie peinlich.
Molly tapste weiter nach vorne und wusste, dass sie jeden Moment über ihren kleinen Glastisch fallen und sich einige blaue Flecke zuziehen würde.
Doch plötzlich spürte sie eine Hand an Ihrer und sie wurde sanft zu Boden gezogen.
"Hier bin ich."
Molly atmete tief ein, spürte ihren schnellen Herzschlag. "Hallo, Sherlock..."
"Hallo, Molly..."
Einige Minuten verstrichen, in denen keine von Beiden etwas sagte oder tat, sondern sie einfach nur nebeneinander saßen.
Dann brach Molly das für Sie unerträgliche Schweigen.
"Sie sind alle sehr traurig."
Sherlock schnaubte. "Und Sie sind alle sehr lebendig."
Molly wurde wütend, drehte sich - wie sie dachte und so gut es ihr in der Dunkelheit möglich war - zu ihm.
"Sie glauben alle, du bist tot, Sherlock. Sie sind Deine Freunde und trauern. Sie haben alle so schrecklich geweint und..."
Sie schämte sich, als sie spürte, dass Tränen ihre Wangen hinabliefen.
Ihre Stimme brach.
Sherlock Holmes schwieg.
""...und sie vermissen dich." endete sie und schluckte den dicken Kloß in ihrem Hals hinunter.
"Was erwartest Du von mir, Molly? Soll ich mit offenen Armen zu ihnen gehen und sagen, dass ich nicht tot bin? Dass alles nur ein schlechter Scherz war?"
Sherlocks Stimme war ruhig, aber dennoch voller Zorn.
"Moriarties Leute sind immer noch irgendwo da draußen und ich habe absolut keinen Schimmer, wie ich John, Mrs Hudson oder Lestrade schützen soll, wenn ich jetzt wieder auf der Bildfläche erscheine..."
Sie hörte ihn laut aufseufzen.
"Ich muss untertauchen, Molly. Ich muss die Beerdigung hinter mich bringen, dann kann ich loslegen und diese ganzen Möchtegern-Killer zur Strecke bringen. Moriarty ist erledigt, er kommt mir nicht mehr in die Quere."
Molly spürte, dass Sherlock sich neben ihr bewegte.
"Hast Du die Leiche entsorgt?"
"Ja."
"Hat Dich jemand gesehen?"
"Nein."
"Bist Du sicher?"
"Herrgott Sherlock! Wenn ich etwas kann, dann ist das Leichen verschwinden lassen."
Molly stoppte und biss sich auf die Lippen.
Verdammt. Warum konnte sie nur einmal im Leben nicht ihr vorlautes Mundwerk halten?
Sie spürte Sherlocks Hand an ihrem Arm, die sie fest drückte.
"Wie war das?"
Er zog sie näher und Molly spürte seinen Atem auf ihren Wangen.
"Wiederhole das!", knurrte er.
Molly verzog bei den Schmerzen in ihrem Arm das Gesicht. "Du tust mir weh, Sherlock."
Er ließ sie abrupt los.
"Du hilfst also, Mycroft? Warum hast Du das nie erzählt?" Seine Stimme klang belegt.
Sie rieb sich schimpfend ihren Oberarm, ging nicht auf seine Frage ein.
"Molly...?" Seine Geduld war am Ende, er verlangte nach Antworten.
"Weil mich noch nie jemand danach gefragt hat! Außerdem habe ich ihm auch nur einmal geholfen, Sherlock!"
Sherlock überlegte kurz, lachte dann auf.
"Oh ja, ich weiß genau, wann das war."
Er erinnerte sich an den geplatzten Flugzeugabsturz, den er persönlich und unwissentlich verhindert hatte - aufgrund seiner kleinen Schwäche für "die Frau".
"Woher kennt Dich, Mycroft?" und im selben Moment erinnerte er sich an den Weihnachtsabend, an dem Molly ihm und Mycroft den angeblichen Leichnam von "Irene Adler" gezeigt hatte.
In dieser Hinsicht war er tatsächlich dumm gewesen. "Offensichtlich..."
"Es tut mir Leid, Sherlock. Ich wollte Dich nicht hintergehen." erklang Molly's Stimme leise.
Darauf erwiderte er nichts.
Nach kurzem Zögern fragte Molly: "Kann ich das Licht jetzt anmachen?"
"Nein."
"Warum nicht?"
"Weil ich nicht will, dass Du mich so siehst."
Molly seufzte. "Was würde ich denn sehen, Sherlock?"
Sie hörte ihn leise einatmen.
"Einen gebrochenen Mann."
Mollys Herz zog sich schmerzhaft zusammen und sie tastete suchend nach seiner Hand, umfasste diese fest.
Er ließ es über sich ergehen, wehrte sich nicht.
"Sherlock..."
Sie spürte, wie sich seine andere Hand über sie legte und sich zwei Finger zu ihrem Handgelenk tasteten, um den Puls zu fühlen.
Dann hörte sie ihn wieder seufzend einatmen.
"Wie lange liebst Du mich schon, Molly?"
