Oh mein Gott...

Mollys Fingerspitzen verharrten seit mehreren Minuten auf ihrem weichen Mund.

Ihr Herz raste, sie spürte es deutlich an ihrem Halsansatz pochen.

Sie lag vollständig bekleidet auf ihrem Bett, die Schlafzimmertüre verschlossen.

Sie war nicht imstande, einen klaren Gedanken zu fassen.

Molly Hooper war verwirrt.

Ihr Bauch kribbelte - das mussten wohl die unzähligen Schmetterlinge sein, die sich dort gerade tummelten und herumflogen.

Sie kniff die Augen angestrengt zusammen und mit ihrer rechten Hand fest in ihre Wange.

Dann zuckte sie zusammen, als sie den realen Schmerz spürte.

Erneut machte Molly die Augen auf.

Sie lag noch immer in ihrem Bett und sie spürte immer noch dieses seltsame Kribbeln im Bauch und auf den Lippen.

Sie atmete tief durch und versuchte, die vergangene Szene noch einmal geistig zu verarbeiten, aber sie schaffte es nicht.

Und dann entschlüpfte ihr ein leises, kehliges Lachen.

Sie vergrub den Kopf in ihrem Kopfkissen, um das Lachen zu dämmen, bis sie sich einigermaßen beruhigt hatte.

Dann traf sie die Realität wie ein Faustschlag.

Es war kein Traum. Sie war wach und Sherlock Holmes hatte sie geküsst.

Und Molly war geflohen und hatte sich wie ein kleines Schulmädchen in ihrem Schlafzimmer verbarrikadiert.


Oh mein Gott...

Sie hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan und das Erste, was Molly an diesem Morgen wollte, war ein starker Kaffee.

Erst dann würde sie sich erlauben, ihr Gehirn erneut einzuschalten.

Verschlafen tapste sie - nur in ihrem kurzen Schlafanzug bekleidet - Richtung Küche und schnappte sich die leere Kaffeekanne von der Arbeitsfläche, schlurfte in Richtung Wasserhahn.

Während Sie das frische Wasser in die Kanne goss, musste sie herzhaft gähnen und rieb sich erneut über das Gesicht.

"Guten Morgen, Molly."

Ihre Müdigkeit war vollständig verflogen, als sie die tiefe Stimme hinter sich hörte und sie richtete sich unmerklich kerzengerade auf.

Erneut begann ihr Herz zu rasen und sie schloss seufzend die Augen, um sich innerlich zur Ruhe zu mahnen.

Sie war doch kein verdammter, sabbernder Teenager mehr, Herrgott noch mal.

"M-Morgen, Sherlock...", antworte sie, ohne sich umzudrehen.

"Hast Du Dich gut erholt heute Nacht und konntest schlafen?", kam seine sofortige Antwort und sie hörte, wie er einen der Stühle über den Boden schob und sich darauf setzte.

"D-Danke, ja. Und was ist mit Dir?", fragte sie höflich, drehte sich um und schluckte kräftig.

Sherlock saß mit gespreizten Beinen rückwärts auf dem Stuhl, seine Hände lagen auf der Lehne, entspannt von sich gestreckt und beobachtete sie mit wachen Augen.

Sein Oberkörper war nackt, er trug nur eine seidene Pyjama-Hose.

Molly konnte deutlich erkennen, dass ihm diese viel zu groß war.

Es folgte ein langes Schweigen, bis Sherlock sich räusperte.

"Ähm...Molly?"

"Was...ja?...", krächzte sie und versuchte vergeblich, ihren Blick von seinem Oberkörper zu reißen, um ihm ins Gesicht zu sehen.

Warum fiel ihr das heute nur so verdammt schwer?

Sherlock konnte sich ein schmales Grinsen nicht verkneifen, während er sie weiterhin deduzierte.

Mit einem kurzen Nicken deutete er in Richtung Spülbecken. "Ich denke, das ist genug."

Molly folgte seinem Blick und wurde flammend rot.

Ihre Kanne war voll und schwappe bereits über, ihr Spülbecken begann sich ebenfalls langsam aber sicher mit Wasser zu füllen.

Molly fluchte und schaltete den Hahn, ließ das überflüssige Wasser ab.

"Möchtest Du auch eine Tasse Kaffee?", fragte sie ihren "Mitbewohner", sich an ihre gute Erziehung erinnernd.

"Schwarz, zwei Stück Zucker. Vielen Dank, Molly."

Sie blickte kurz über die Schulter, nur um zu sehen, dass sich Sherlock bereits auf den Weg ins Wohnzimmer gemacht hatte.

Seine Hose lang tatsächlich sehr locker um die Hüften und nur sehr knapp über seinem Hintern.

Wenn er sich jetzt ein Stückchen bücken würde, dann...

Molly seufzte.

Sie wünschte sich im Moment nichts sehnlicher als einen vollständig bekleideten Sherlock Holmes.


"Wie sieht Deine Tagesplanung für heute aus?"

Molly saß, mit etwas Sicherheitsabstand, neben ihm auf dem Sofa.

Die Kuscheltiere hatte sie ordentlich beiseite geschoben, sodass diese niemanden mehr stören konnten.

Sherlock saß - und noch immer Oberkörperfrei - nach vorne gebeugt und tippte geistesabwesend in Ihren Laptop.

Sie erhielt keine Antwort.

Sie beugte sich etwas näher zu ihm, um mit einem Blick über seine Schulter sehen können, was bzw. wem er gerade schrieb.

Und dann roch sie es.

Dezent, aber dennoch erkennbar.

Ein sanfter, fruchtiger Geruch.

Molly stutzte.

Sie beugte sich noch ein Stückchen weiter vor, ihre Nase berührte schon fast seine linke Schulter.

Erneut stieg ihr der Geruch von Erdbeeren in die Nase.

Molly hätte schwören können, dass es fast genauso roch wie ihr...

"Dürfte ich bitte erfahren, was Du da gerade tust, Molly?"

Sein Kopf hatte sich zu ihr umgedreht und seine Augen blickten sie genervt an.

Molly schluckte nervös.

"Kann es sein, dass Du mein Duschgel benutzt hast?"

"Natürlich habe ich das.", antwortete Sherlock, drehte sich herum und tippte weiter in den Laptop hinein.

Sie hatte es geahnt.

"Warum?"

"Weil ich mich nach dem gestrigen Vorfall in meiner Haut nicht mehr wohlgefühlt habe und ich das dringende Bedürfnis gespürt habe, mich zu säubern. Da ich aber nicht in meiner Wohnung bin und somit natürlich auch keine Produkte - die ich für meine Körperpflege benutze - zur Verfügung habe, habe ich es mir erlaubt Dein Duschgel, welches übrigens nicht für sensible Haut geeignet ist, zur verwenden. Ich bin zwar kein Fan von Duschgels mit Erdbeergeschmack, aber für den Anfang hat es dennoch seinen Zweck erfüllt."

Mollys Mund klappte empört auf.

"Wie bitte?"

Sie hatte bereits nach "...dringende Bedürfnis gespürt habe, mich zu säubern..." auf Durchzug geschaltet und seinen restlichen Monolog ignoriert.

"Du hast Dich nicht mehr wohl in Deiner Haut gefühlt? Wer bitte hat denn wen hier zuerst geküsst? Ich habe mich Dir nicht an den Hals geworfen, Sherlock, das möchte ich deutlich klar stellen!", empörte sie sich und stand ruckartig auf.

Sherlock blinzelte einige Male, während er sie von seiner Position aus ansah, versuchte ihren plötzlichen Gefühlsausbruch zu verstehen.

Dann nickte er langsam und löste seinen Blick von ihr, wandte sich erneut dem Laptop zu.

"Molly, ich sprach von meinem vorgetäuschten Selbstmord, nicht von dem Kuss. Den, nebenbei erwähnt, ich zwar begonnen habe, Du aber soweit ich mich erinnere freiwillig und auch intensiv erwidert hast. Ich weiß, dass Du Dich mir nicht an den Hals geworfen hast, Du wurdest schließlich gut erzogen. Und natürlich bin ich mir auch im Klaren, dass Du Angst hattest, ich würde mich nicht zügeln können, worauf Du Dich in Deinem Zimmer eingeschlossen hast, um mich zu bremsen. Du hast natürlich auch nicht die halbe Nacht über den Kuss nachgedacht, sondern friedlich geschlafen. Und den starken Kaffee hast Du nur deshalb zu Dir genommen, um den bitteren Geschmack in Deinem Mund zu vertreiben, den Du immer bekommst, wenn Deine Gefühle Achterbahn fahren und nicht, weil Du hundemüde bist."

Sherlocks Blick glitt wieder zu ihr, etwas besorgt.

"Molly, wirst Du krank? Dein Gesicht ist wieder so rot."

Wäre die Situation nicht so unglaublich peinlich für Sie gewesen, wäre Molly in schallendes Gelächter ausgebrochen.

Stattdessen drehte sie sich um und flüchtete erneut in ihr Zimmer.