Wenige Stunden später verließ Molly ungesehen die Wohnung. Sie wollte und konnte jetzt nicht mit Sherlocks sprechen, geschweige denn ihn auch nur ansehen.

Sie war noch immer beschämt über seine morgige Deduktion, fühlte sich wie ein offenes Buch, wenn er bei ihr war – konnte sie denn nichts vor ihm verbergen?

Als Molly die Tür leise hinter sich schloss und nach draußen auf die Straßen trat, zog sie ihren schwarzen Mantel enger um sich.

Es war kalt und der bewölkte Himmel passte hervorragend zu Ihrer Stimmung.

Sie blickte kurz nach oben zu ihrer Wohnung, seufzte und machte sich auf den Weg.


„Verehrte Trauergemeinde."

Der junge Priester breitete langsam die Arme aus und blickte die durchaus überschaubare Gemeinde an.

„Wir sind heute hier zusammengekommen, tief erschüttert, nachdenklich, mit aufgewühlten Gefühlen und müssen Abschied nehmen, eine Realität hinnehmen, um die wir nicht herumkommen. Sherlock Holmes ist von uns gegangen."

Augenblick begann sich der Himmel zu verdunkeln und die Wolken öffneten ihre Pforten, es begann sanft zu rieseln.

Einige der Trauernden hatten ihre Regenschirme bereits gespannt und standen regungslos beieinander.

Molly beobachtete aus den Augenwinkeln Mrs Hudson, die sich einige Male mit dem Taschentuch die Augen trocknete, leise schniefte.

John tätschelte sanft ihre Hand, sein Gesicht blickte ausdruckslos auf das offene Grab vor sich. Er sah sehr erschöpft aus.

Molly seufzte mitleidig und trat ungeduldig von einem Fuß auf den Anderen. Ihre Beine kribbelten vor Kälte.

Sie hasste Kälte. Sie hasste Friedhöfe. Und Sie hasste Sherlock Holmes.

Wusste dieser verdammte Detektiv überhaupt, was er diesen Menschen antat?

Wusste er, wie sehr er von all diesen Menschen geliebt wurde?

Interessierte es ihn überhaupt?

Molly hätte ihn am Liebsten mit dieser Situation konfrontiert. Sie wollte sehen, wie er reagierte. Falls er überhaupt reagierte oder einfach nur wieder deduzierte.

Sie versuchte sich wieder auf die Trauerrede des Priesters zu konzentrieren und schluckte.

Der dunkle Sarg mit dem angeblichen Leichnam von Sherlock wurde an den Menschen vorbeigeschoben und von kräftigen Männern in das dunkle Loch nach unten gesetzt.

Für einen Moment hielt Molly den Atem an, wagte sich nicht zu bewegen. Sie konnte das feine Trommeln der Regentropfen auf den Schirmen hören, so still war es plötzlich.

Dann wurde das Weinen und Klagen lauter und viele der Gäste ließen ihren Tränen freien Lauf, hielten sich an den Armen.

Molly spürte, wie sich der Kloß in ihrem Hals vergrößerte.

Ihr schlechtes Gewissen verursachte ihr Magenkrämpfe und sie versuchte, beherrscht zu atmen, die Fassung zu bewahren.

Aber die deutlich grefibare Trauer um sie herum half ihr nicht wirklich.

Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, ihre Fingernägel gruben sich tief in ihre Handflächen und der darauffolgende Schmerz war ihr willkommen, verhinderte er doch, dass sie flennte wie ein kleines Schulmädchen.

Sie sah, wie der Priester vor ihr sie beobachtete und in seinem Monolog unbeirrt fortfuhr. Molly senkte ertappt den Blick.

„Der Tod hat keine Bedeutung, denn ich bin nur nach nebenan gegangen. Ich bleibe, wer ich bin und auch ihr bleibt, wer ihr seid. Was wir einander bedeutet haben, bleibt bestehen. Nennt mich bei meinem vertrauten Namen, sprecht in der gewohnten Weise mit mir und verändert nicht euren Tonfall."

Der Priester begann mit ruhiger Hand etwas Erde auf das Grab zu verteilen.

Molly stutzte, als sie seine Gestiken genauestens beobachtete.

Die Art und Weise der Bewegungen kamen ihr so unglaublich vertraut vor und sie hätte schwören können, die Hände mit den langen feingliedrigen Fingern zu kennen.

Sie wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen, als sich eine kräftige behandschuhte Hand auf ihre Schulter legte.

Erschrocken blinzelte Molly überrascht nach hinten, blickte den großen Mann hinter sich an.

"Spielen Sie die Rolle Ihres Lebens, Ms Hooper. Trauern Sie."

Molly sah Mycroft Holmes aus zusammen gekniffenen Augen an, wortlos. Sie musste keine Rolle spielen, denn sie war tatsächlich in Trauer.

Sie wandte sich wieder dem Priester zu und versuchte, die Nähe des anderen Holmes hinter sich zu ignorieren.

Doch sie scheiterte kläglich.

Das Grab wurde nun restlich mit Erde gefüllt und abschließend besprenkelte der Priester das Grab mit Weihwasser.

Dann wurde der schwarze Marmorgrabstein mit der goldenen Schrift platziert.

„Hüllt Euch nicht in Mäntel aus Schweigen und Kummer.", begann der Priester erneut und seine hohe Stimme hallte weiter über den Friedhof.

„Wenn ihr von mir sprecht, so tut es ohne Reue und Traurigkeit. Leben bedeutet immer nur Leben, es bleibt so bestehen, immer und ohne Unterbrechung. Ihr seht mich nicht, aber in Gedanken bin ich bei euch, irgendwo ganz in der Nähe, nur ein paar Straßen weiter."

Bei diesen Worten trafen seine blau-grauen Augen ihre und blickten sie stumm an, baten um Verzeihung.

Molly erstarrte, blickte den Priester fassungslos an.

Sherlock?!

Mycrofts Händedruck an ihrer Schulter wurde augenblicklich fester und hielt sie davon ab, auf dem Absatz umzudrehen und zu verschwinden.

Die umstehenden Menschen um sie herum nahmen keine Notiz von dem, was sich abspielte.

„Ruhig atmen und weiterspielen…", flüsterte Mycroft nah an ihrem Ohr.

Mollys Augen verengten sich und sie blitzte den Priester – Sherlock – vor sich wütend an.

War er denn von allen guten Geistern verlassen?

Energisch streifte sie Mycrofts Hand ab und drehte sich um, blickte ihn ebenso enttäuscht an, schüttelte den Kopf um ihn deutlich zu zeigen, was sie von diesem Auftritt hielt.

Als sich die Beerdigung dem Ende neigte, wandten sich viele der Gäste ab, legten ihre Blumen am Grab nieder, verließen schweigend den Friedhof.

Als der Priester zu Molly und Mycroft aufschloss, wusste sie nicht, ob sie lachen oder weinen sollte, als Mycroft von ihm einen festen Händedruck und ein sanftes „Mein Beileid" erhielt.

Sogar seine Stimme klang anders wie sonst und seine komplette Aufmachung war wirklich bizarr und...brillant.

Als er dicht vor ihr stand, konnte sie sehen, dass er eine Perücke trug und auch Make-Up aufgelegt hatte.

Offensichtlich...

Molly riss überrascht die Augen, als er ihre Hand packte und sie in eine Umarmung zog.

„W-Was…" Sie wehrte sich schwach, doch Sherlock hielt sie fest, sein Mund nah an ihrem Ohr, sein Atem streifte ihren Nacken.

"Alles Leben endet. Alle Herzen werden gebrochen. Mitgefühl bringt keinen Vorteil."

Mollys Hände zuckten verräterisch und für einen kleinen Moment juckte es ihr so kräftig unter den Fingernägeln, Sherlock vor der restlichen Trauergemeine zu ohrfeigen.

Sie mahnte sich innerlich zur Ruhe und wandte sich aus der Umarmung, sah ihn nicht an.

Sie blickte wortlos an ihm vorbei zu John, der noch immer sichtlich mitgenommen am Grab stand, Mrs Hudson dicht neben ihm, mit dem Rücken zu ihnen.

Ohne ein weiteres Wort zu beiden Holmes Brüdern drehte sie sich weg, ließ sie stehen und schloss langsam zu John und Mrs Hudson auf.

„John…"

Der Angesprochene drehte sich zu ihr um.

Molly seufzte und spürte, wir Tränen ihre Wangen hinabliefen.

Warum weinte sie eigentlich schon wieder? Ach ja, wegen ihrem schlechten Gewissen.

„Es tut mir alles so schrecklich Leid, John." Und damit meinte sie auch das stattgefundene Schauspiel, welches niemand außer ihr und Mycroft mitbekommen hatte.

John zog Molly in eine feste Umarmung und drückte sie fest an sich.

„I-Ich danke Dir für alles, Molly. Du bist…" Er stockte, wandte sich beschämt ab, versteckte seine Tränen, seine Wangen gerötet.

„Es ist in Ordnung, John." Sie drückte ihn erneut fest an sich und küsste ihn sanft auf seine Wange, spürte die raue Haut unter ihren weichen Lippen.

Sein Blick sprach Bände, doch sie lächelte. „Ich wünschte, ich könnte Dir helfen, John. Wenn Du etwas brauchen solltest, lass es mich wissen, ja?"

Molly entließ ihn und umarmte die kleinere, ältere Frau.

„Wäre ihnen eine Tasse Tee in den nächsten Tagen Recht, Mrs Hudson? Ich denke, allein zu sein wäre jetzt nicht die richtige Entscheidung."

„Das wäre wirklich reizend, Molly." Mrs Hudson lächelte traurig und tätschelte sanft ihr Gesicht.

„Sherlock wusste wirklich nicht, was er an Dir hat." Sie seufzte und klammerte sich wieder an John.

Molly spürte, dass dies der Augenblick war, um zu gehen.

Sie verabschiedete sich von Beiden und wandte sich ab.

Ihre Augen huschten einmal kurz über den Friedhof, aber er war leer.

Sherlock und Mycroft waren verschwunden.