Noch bevor Molly gänzlich ihre Augen geöffnet hatte, wusste sie, dass er fort war.

Sie drehte sich in ihrem Bett und horchte, sah sich um, streckte sich, um den leeren Platz neben sich mit ihrem linken Arm zu berühren - doch er war schon lange kalt.

Nur das eingedrückte Kopfkissen, in dem sie jetzt ihre Nase vergrub und der unverwechselbare Geruch darin bestätigten ihr, dass sie die ganze Szenerie, die sich in den frühen Morgenstunden ereignet hatte, nicht geträumt hatte.

Dass es tatsächlich real und passiert war. Dass sie, Molly Hooper mit Sherlock Holmes geschlafen hatte.

Ist es nicht das, was Du all die Jahre wolltest?

Sie schnaufte, schloss die Augen, ließ das Vergangene noch einmal Revue passieren.

Spürte seine Küsse auf ihrer Haut, seinen warmen Körper, die sich eng an sie presste.

Hörte sein Keuchen, spürte seine starken Arme die sie umfingen, als sie sich völlig in der Liebe zu ihm verlor.

"Ich liebe Dich."

Sie hatte die drei Worte zu ihm gesagt - doch er hatte nichts erwidert. Stattdessen hatte er sie besinnungslos geküsst, so als würde sein Leben davon abhängen.

Molly öffnete erneut die Augen.

Sie erhob sich langsam und tapste mehrere Minuten durch sämtliche Zimmer ihrer Wohnung.

Doch ihre Vermutung wurde bestätigt - Sherlock war weg.

"Scheiße...", entfuhr es ihr.

Einen Moment später sank sie auf ihre Couch und vergrub das Gesicht in Ihren Händen.


Die Realität sah nach Sherlocks Verschwinden wie folgt aus:

Sie dachte Morgens an ihn, sie dachte Abends an ihn und Nachts drückte sie sich sein Kopfkissen an die Brust.

Ach ja und während der Zeit im St. Barts dachte sie ebenfalls an ihn.

Fazit: Sherlock Holmes war ständig präsent.

Sie hörte sein Lachen, sah seine Augen, dachte an seine verdammten Locken, seine wunderbaren Hände, seinen sanften Mund, seinen perfekten Körper.

Und das machte sie langsam aber sicher verrückt.

Er kommt nicht zurück.

Er hat Dir gesagt, dass er die Beerdigung hinter sich bringen und dann Moriarty's Netzwerk zerschlagen will.

Und er hat sich daran gehalten.

Aber das machte es für Molly nicht unbedingt einfacher.

Vielleicht wäre es besser gewesen, sie hätten nicht miteinander geschlafen. Dann hätte sie einfach weiterhin ihren Träumen nachgehangen.

So aber musste sie mit den Erinnerungen an ihn weiter leben und diese waren schmerzhafter, als sie anfangs gedacht hatte, denn sie vermisste ihn.


Molly hatte zu Beginn gezweifelt ob es wirklich das Richtige wäre, seinen Bruder zu kontaktieren. Aber da sie in ständiger Angst um Sherlock lebte, musste sie wenigstens wissen, wo er war und ob es ihm gut ging.

Sie hatte ihre kurze Pause dafür genutzt, Mycroft auf seinem Handy anzurufen.

"Holmes?" erklang die genervte Stimme an Ende der anderen Leitung.

"Wo ist er, wie geht es ihm?" Keine Begrüßung, keine albernen, netten Floskeln. Sie hatte dafür jetzt keine Zeit.

"Ich bin leider nicht autorisiert mit Ihnen darüber zu sprechen, Ms Hooper.", kam die höfliche aber distanzierte Antwort.

"Mein Name ist Molly.", erinnerte sie ihn sanft, fuhr dann fort. "Ich muss wissen, ob...ob alles in Ordnung mit ihm ist."

"Tut mir Leid, aber ich kann Ihnen darüber derzeit keine Auskunft geben."

"Und warum nicht? Ich denke, ich habe allen guten Grund, zu erfahren wie es ihm geht!"

"Ich befürchte, dass wir hier geteilter Meinung sind. Ich wage außerdem zu bezweifeln, dass er es gut heißen würde, dass ich Sie laufend über seine Tätigkeiten und sein Wohlbefinden informiere."

Er schwieg einen Moment und Molly horchte angespannt, ehe er weiter sprach.

"Ich bin mir natürlich darüber im Klaren, dass Sie sich jetzt - wie soll ich sagen - aufgrund Ihrer erfolgreichen Tuchfühlung große Sorgen um ihn machen, aber es ist leider gerade recht ungünstig darüber zu sprechen. Wenn ich Sie in ein paar Stunden vielleicht noch einmal..."

"Verdammt, Mycroft. Sagen Sie mir einfach, ob er noch lebt!", schrie sie mit geröteten Wangens in Telefon.

Erfolgreiche Tuchfühlung ?! Der Kerl hatte sie wohl nicht mehr alle !

Kurzes Schweigen am anderen Ende der Leitung.

"Natürlich tut er das.", beruhigte Mycroft letztendlich und Molly atmete aus.

Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie die ganze Zeit ihren Atem angehalten hatte. Sie schüttelte kurz den Kopf, als sie ihren rasenden Herzschlag spürte.

"Ich danke Ihnen, Mycroft."

"Gerne, Ms Hooper." Noch bevor sie ihn erneut auf ihren Vornamen hinweisen konnte, legte er auch schon auf.

"Gott sei Dank...", entfuhr es Molly schließlich.

Jetzt würde sie sich hoffentlich für die nächsten paar Stunden wieder auf Ihre Arbeit konzentrieren können.


"Das wäre dann der Letzte für heute, Molly."

Molly sah von ihrem Labortisch auf und schenkte ihrem Kollegen ein kurzes, müdes Lächeln.

"Danke Dir, Steve. Du kannst jetzt nach Hause gehen. Ich kümmere mich noch um unseren Freund hier."

"Alles klar. Bis Montag dann, Molly." Er winkte kurz und verließ das Labor mit schnellen Schritten.

Molly seufzte und streckte sich ausgiebig, ließ sämtliche angespannte Muskeln in ihren Körper hörbar knacken.

Dann erhob sie sich jammernd von ihrem Schreibtischstuhl und fuhr den Seziertisch in die Kühlstation.

"Gute Nacht, Mr Carlton."

Sie befestigte das Namensschild am Zeh der Leiche und knipste im Vorbeigehen die Lichter aus.

Dann verließ auch sie endlich das Labor.


Da es draußen stark regnete und Molly keinen Schirm mit sich trug, wartete sie erst kurz am Eingang des St. Bart, ehe sie schnellen Schrittes nach draußen stürmte und sich unter die nächste Bushaltestellte flüchtete.

"Scheiße, verdammt.", fluchte sie. Es war kalt und regnete in Strömen.

Bis sie zu Hause ankam wäre sie bis auf die Unterwäsche durchgeweicht und hätte am nächsten Tag vermutlich eine starke Erkältung.

"Wo ist ein verdammtes Taxi, wenn man mal eines braucht?", murmelte Molly kopfschüttelnd vor sich hin, ehe sie in ihrer Tasche erfolglos nach ihrem Telefon suchte.

"Suchen Sie eine Mitfahrgelegenheit?"

Vor Schreck ließ Molly ihre Tasche zu Boden fallen und sah erschrocken auf.

"Himmel Mycroft, Sie haben mich zu Tode erschreckt." Der Angesprochene lächelte kurz unterhalb seines Schirmes hervor.

"Ich hoffe nicht."

Er deutete auf den schwarzen Bentley hinter sich, der bis vor wenigen Sekunden noch nicht dort gestanden hatte, dem war sich Molly sicher.

"Steigen Sie doch ein." Es klang eher wie ein Befehl.

Sie ließ sich nicht zweimal bitten.

Es waren bereits mehrere Tage vergangen, seitdem Molly ihn am Telefon gesprochen hatte.

Auf Ihre mehrfachen Anrufe und Nachrichten hatte Mycroft bisher nicht reagiert.

Ein Blick durch die getönten Scheiben nach draußen ließ sie erkennen, dass Sie London seit mehreren Minuten hinter sich gelassen hatten.

"Wohin fahren wir?", wollte Molly nach langem Schweigen schließlich wissen.

"Wie geht es Ihnen, Ms Hooper?", fragte Mycroft stattdessen, ohne auf ihre Frage zu reagieren.

Sie blickte ihn verwirrt an. "Was wird das hier, Mycroft? Wo bringen Sie mich hin?"

Er sah sie ruhig an. "Können Sie sich das nicht denken?"

Sie schüttelte den Kopf.

Er zuckte kurz mit den Schultern. "Ich hätte Sie für intelligenter gehalten, Ms Hooper."

"Molly..." warf sie scharf ein und sah ihn leicht lächeln.

"Ich hätte Sie für intelligenter gehalten, Molly." wiederholte er und warf ihr einen Sind-Sie-jetzt-zufrieden-Blick? zu.

"Ich bin intelligent, Mycroft. Ich habe lediglich dazu gelernt, was das Raten und Mutmaßen betrifft. Ich könnte natürlich behaupten, dass wir uns in wenigen Minuten mit jemandem treffen."

Er nickte anerkennend.. "Und mit jemand meinen Sie...?"

"...Sherlock, wahrscheinlich? Das wäre die einzig logische Erklärung, warum Sie mich an einem Freitag Abend abholen und mit mir ins Nichts fahren würden."

"Das ist korrekt." Mycroft drehte den nassen Schirm nachdenklich in seinen Händen und blickte nach draußen.

"Warum treffen wir uns mit Sherlock?" Molly ahnte nichts Gutes - ging es ihm schlecht und er brauchte ärztliche Hilfe?

Mycroft sah sie kurz an. "Das muss er Ihnen schon selbst sagen."

Molly spürte, dass das Auto scharf nach links abbog und nach wenigen Metern stoppte.

Die Tür wurde geöffnet und man half ihr und Mycroft aus dem Auto.

Sie standen in einer großen, leer geräumten Fabrikhalle, in der es stark nach Öl und Benzin roch.

Molly rümpfte die Nase und sah sich um, doch es war zu dunkel, um irgend etwas erkennen zu können. Man konnte ja kaum die Hand vor Augen sehen.

Sie spürte eine Hand an ihrer Schulter und Mycroft deutete mit einer Taschenlampe nach vorne in die Dunkelheit.

"Kommen Sie, gehen wir ein Stück."

Molly sah ihn verwirrt an. "Wir treffen Sherlock hier?"

Sie sah seinem Bruder an, dass er langsam aber sich die Geduld verlor. "Es tut mir Leid, dass er kein gemütliches Hotelzimmer für Sie Beide arrangieren konnte, aber Sie müssen sich wohl oder Übel hiermit zufrieden geben. Und jetzt kommen Sie endlich, Molly!"

Mit diesen Worten drehte er sich um und ging los. Molly blieb nichts Weiteres übrig als ihm mit schnellen Schritten zu folgen.

Sie gingen durch einen langen Gang, der mit Öl und abgestandenem Wasser verdreckt war, soviel konnte Molly durch das kleine Licht der Taschenlampe entdecken.

Sie wusste nicht, wie lange sie schon unterwegs waren, bis Mycroft vor einer geschlossenen Tür Halt machte.

"Gehen Sie rein, ich warte hier draußen solange auf Sie."

Molly blieb kurz stehen und haderte mit sich. Dann riss sie die alte verrostete Tür auf und trat in das kleine Zimmer ein.

Im ersten Moment konnte sie außer einem blanken Schreibtisch mit einem kleinen Stehlicht nicht viel erfassen, bis sich im hinteren Bereich des Zimmers eine Gestalt aus dem Schatten regte.

"Mach bitte die Tür zu." erklang leise Sherlocks Stimme und Molly tat unverzüglich, was er sagte.

Dann machte sie einige Schritte vorwärts und schloss ihn in die Arme. Sie war froh, ihn lebendig wieder zu sehen.

Sherlock erwiderte ihre jedoch Umarmung nicht und schon nach wenigen Sekunden ließ Molly von ihm ab, trat unsicher einige Schritte nach hinten.

So hatte sie sich das Wiedersehen mit ihm nicht vorgestellt.

"Geht es Dir gut?" fragte sie ihn und besah sich sein Gesicht und seine Statur genauer.

Außer ein paar Kratzern auf seiner Wange konnte sie auf den ersten Blick nichts feststellen.

Er nickte leicht und sah sie ernst an. "Danke, ja. Ich hoffe Dir auch?"

Sie erwiderte nichts, sondern blickte ihn fragend an. "Was ist los?"

Sherlock räusperte sich kurz, ehe er sich aufrichtete. "Molly, ich will dass Du Mycroft in Ruhe lässt."

Ihr Herzschlag machte bei seinen Worten einen kurzen Stolperer und sie wurde zusehend blaß, doch Sherlock sah ihr nicht in die Augen.

"Du gefährdest Dich, Mycroft und auch mich, wenn Du ihn ständig belästigst und ihn mit Nachrichten und Anrufen bombardierst. Die ganze Sache ist, wie Du weißt, äußerst gefährlich und niemand soll auf mich aufmerksam werden, solange ich nicht weiß mit wie vielen Leuten ich es noch zu tun habe. Ich habe Dich gebeten, Dich um John und Mrs Hudson zu kümmern..."

"...was ich doch auch tue!" warf sie atemlos ein, doch Sherlock fuhr mit grimmiger Mine fort.

"Aber nicht auch noch um mich! Es gab einen guten Grund, warum ich damals Deine Wohnung verlassen und Dir nichts gesagt habe. Ich wollte untertauchen und Dich somit auch in Sicherheit bringen. Doch Du vermasselst alles! Wenn ich gewusst hätte, dass Du Dich nach unserem Beisammensein so aufführen würdest, dann hätte ich nicht..."

"Was?" Molly beglückwünschte sich zu ihrer kräftigen Stimme. Ihr war es, als würde gerade ihre gesamte Welt zu Grunde gehen. Warum tat er ihr das an?

Sherlock blickte endlich in ihre Richtung und sah, dass ihre Augen verdächtig schimmerten. Doch er sprach nicht weiter, musste nicht weitersprechen.

Sie wusste es auch so, nickte abwesend. "J-Ja, ich...ich verstehe."

"Mycroft wird Deine Wohnung auf Wanzen und Ähnliches durchsuchen lassen, danach wird er Dich zur Sicherheit noch für einige Tage beschatten lassen. Aber wir denken, dass Du nach wie vor sicher bist."

Er ging die wenigen Schritte auf sie zu und berührte sie leicht an der Schulter, spürte sie unter seinen Berührung zusammenzucken. "Kümmere Dich um Deine Arbeit, Molly. Und halte Dich aus meiner raus."

Molly sah ihn nicht an, sondern nickte nur, während ihr dicke Tränen die Wangen hinabliefen. Sie drehte sich schnell herum und verließ schluchzend das Zimmer.

Sherlock kniff wütend die Augen zusammen und wandte sich nach hinten, schlug mit der Faust kräftig auf den Schreibtisch ein, um den Schmerz in seiner Hand statt des Schmerzes in seiner Brust Willkommen zu heißen.

"Du hast ihr gerade das Herz gebrochen. Ich gehe davon aus, dass Du dir das alles wohl überlegt hast?"

Mycroft erschien langsam im Türrahmen und blickte Molly schweigend hinterher, die mehr zum Auto stolperte als marschierte. Das würde eine angenehme Autofahrt werden.

Sherlock drehte sich nicht zu Mycroft herum. Dieser konnte dennoch deutlich sehen wie sehr der Jüngere darum rang, Molly nicht hinterher zu laufen.

"Sie muss mich vergessen, Mycroft. Sie bringt sich nur noch mehr in Gefahr, wenn sie das nicht tut." Seine Stimme klang rau und belegt, während er sich nervös seine pochende Hand massierte.

Mycroft nickte und räusperte sich. "Ich werde Dir jetzt keinen Vortrag über Deine Lebensgewohnheiten halten, mein lieber Bruder, aber wie Mami schon immer zu sagen pflegte: Mitgefühl..."

"...bring keinen Vorteil. Das weiß ich! Du brauchst weder Dich noch unsere Mutter zu wiederholen, mein Gedächtnis wurde nicht in Mitleidenschaft gezogen!"

Mycroft seufzte und wandte sich zum Gehen.

"Sei vorsichtig, Sherlock. Und komm um Gottes Willen lebend zurück."

Sherlock drehte sich um und sah seinem Bruder nach, bis dieser in den schwarzen Bentley einstieg und gemeinsam mit Molly davonfuhr.

"Ich werde mein Bestes tun."