Kapitel 2: Das Piratenschiff

Frankreich 1983

„Machst du hier auch Urlaub?", fragte John, während er sich abtrocknete.

„Offensichtlich", antwortete Sherlock trocken.

John schaute den seltsamen Jungen kurz verwirrt an, der als Antwort auf diesen Blick resigniert seufzte.

„Offensichtlich, weil wir in Frankreich sind und wir beide Englisch sprechen. Da wir hier in einer Touristengegend sind, die von vielen Engländern aufgesucht wird, kann man davon ausgehen, dass ich hier Urlaub mache."

John grinste Sherlock an. „Bist du auch auf dem Campingplatz hier in der Nähe?"

Sherlock schüttelte den Kopf. „Nein, meine Eltern und mein Bruder verabscheuen campen. Ich wohne im Hotel Le Catalogne fast direkt am Strand. Es ist sehr langweilig."

„Hey, wenn dir langweilig ist, komm gern vorbei. Ich habe hier auch nur meine blöde Schwester. Und die nervt total."

Sherlock schien über diesen Vorschlag nachzudenken.

„Ich möchte dir etwas zeigen. Wir treffen uns morgen um neun Uhr hier an dieser Stelle."

John ärgerte sich langsam ein bisschen über Sherlocks altkluge Art und Bestimmtheit. Dass er ihn noch nicht einmal fragte, ob er überhaupt morgen um diese Uhrzeit Zeit hatte. Gleichzeitig übte der bleiche Junge mit diesen wachen blauen Augen auf ihn aber auch eine seltsame Faszination aus.

„Okay", murmelte John schließlich. Sherlock nickte kurz und ging dann ohne sich zu verabschieden in Richtung seines Hotels, dass tatsächlich nur einen Katzensprung vom Strand entfernt war.

Ein paar Minuten stand John noch verwirrt am Strand und blickte ihm hinterher. Er nahm an, dass Sherlock nur wenige Freunde hatte und daher auch nicht besonders geübt war im sozialen Miteinander. Vielleicht würde es ja ein bisschen besser, wenn er etwas Zeit mit ihm verbrachte. Er fragte sich, was Sherlock ihm wohl zeigen wollte und freute sich gleichzeitig, dass sein Urlaub nun doch eine interessante Wendung mit sich brachte. Nachdem er seine Sachen aufgesammelt hatte, machte John sich schließlich mit einem letzten Blick auf die Sterne und das ruhige Meer auf den Rückweg zum Campingplatz.

„Wo warst du?" fragte eine kalte Stimme, als Sherlock sein Hotelzimmer betrat. Sein Bruder saß in einem Sessel und las ein Buch. Er hatte ihn nicht angesehen, als er das gefragt hatte.

„Ich komme von draußen ins Zimmer. Zieh eine Schlussfolgerung." Sherlock verschränkte seine Arme vor der Brust und starrte seinen Bruder Mycroft böse an.

„Mummy hat mich gebeten auf dich achtzugeben." Mycroft bedachte seinen Bruder mit einem kurzen Blick und einer hochgezogenen Augenbraue.

„Ich kann auf mich selbst aufpassen."

Sein älterer Bruder machte ein abfälliges Geräusch. „Mummy möchte morgen gerne mit uns eine Partie Tennis spielen. Danach solltest du wieder an deiner Geige üben."

„Ich hab morgen schon andere Pläne", meinte Sherlock und warf sich schmollend in sein Bett. Warum musste er sich bloß immer im Urlaub ein Zimmer mit Mycroft teilen.

„Ach ja? Hast du auf magische Weise Freunde gefunden?" Mycroft lachte höhnisch.

„Wer weiß", grinste Sherlock und beschloss seinen Bruder von nun an zu ignorieren.

„Hey Bruderherz!" , grüßte seine Schwester, die ihm auf dem Campingplatz entgegenkam.

„Hey!" John grinste sie schief an. „Gehst du aus?"

Harry nickte. „Ja mit Chloe. Mein französisch verbessern."

John kicherte kurz, worüber Harry nur kurz den Kopf schüttelte.

„Okay, dann viel Spaß! Und trink nicht so viel."

„Also hör mal! Ich bin doch kein Alki!"

Seine Schwester winkte ihm noch kurz und zog dann weiter in Richtung Stadt. John wünschte sich, er wäre auch schon so alt, dass seine Eltern ihn einfach abends noch weggehen lassen würden. Aber auch wenn John sehr verlässlich war, dadurch dass er einfach nicht so groß war, wie andere Jungs in seinem Alter, behandelten ihn seine Eltern immer noch wie ein kleines Kind. Er befürchtete selbst mit 16 noch um acht zu Hause sein zu müssen. Der einzige Trost war, dass Harry auch nur bis 11 weg sein durfte und sie nur ausgehen durfte, weil sie mit einem anderen Mädchen unterwegs war und nicht mit einem Jungen.

John setzte sich erschöpft auf einen Campingstuhl vor ihren Wohnwagen. Sein Vater tätschelte ihm auf die Schulter und stellte ihm ein Glas Wasser auf den Tisch.

„Wie war das Meer, Sohn?"

„Erfrischend. Und ich habe, glaube ich, einen neuen Freund gefunden."

Sein Vater setzte sich mit einem zufriedenen Seufzen neben ihn. „Tatsächlich?", meinte er und nahm einen Schluck Bier. John nickte und fragte sich unwillkürlich, wie viel Bier sein Vater schon getrunken hatte.

„Als ich schwimmen war, wollten ein paar Halbstarke meine Sachen klauen. Ein Junge dort hat sie verteidigt."

„Deine Mutter hat Salat gemacht und ein paar Brote", murmelte sein Vater.

John nickte resigniert, stand auf und ging zu seiner Mutter in den Wohnwagen.

„Das ist ja total genial!", staunte John, als er von dem felsigen Steilhang auf das kleine, hölzerne Schiffswrack hinunter schaute.

Sherlock grinste ihn schief an. „Ja, es ist mein Piratenschiff!"

John grinste zurück. „Haben deine Eltern kein Problem damit, wenn du da herum kletterst? Sieht nicht ganz ungefährlich aus."

„Piraten haben keine Eltern. Und sie scheuen auch keine Gefahr."

„Also ich bestimmt auch nicht. Das ist wirklich cool, Sherlock. Danke, dass du mich mitgenommen hast."

Sherlock grinste ihn breit an, und seine Augen leuchteten. Endlich jemand, der seinen Sinn fürs Abenteuer schätzte. John begann vorsichtig an der Felswand herunter zu klettern. Das Schiffswrack lag in einer kleinen Bucht mindestens fünf Meter unter ihnen und war zwischen Steinen im Boden verkeilt. Der hintere Teil wurde ständig von den herankommenden Wellen überspült. Der Hang war etwas rutschig und John merkte dass seine Turnschuhe eher hinderlich für den Abstieg waren. Er setzte sich auf eine Felskante und zog sie aus. Dann warf er sie gezielt vor das Wrack nach unten.

„Du solltest auch deine Schuhe ausziehen. Damit hast du wenig Halt auf den Steinen."

Sherlock nickte und zog seine Schuhe ebenfalls aus. Er schaute prüfend über den Rand und rümpfte die Nase.

„Machst du irgendwelche Sportarten, John?"

„Ja, Rugby, Fußball und so."

Sherlock nickte. „Würdest du meine Schuhe runter werfen?"

John grinste. „Hast du Angst, du schmeißt sie ins Meer?"

„Nein, ich würde vermutlich treffen. Aber warum sollte ich das Risiko eingehen? Du hast offensichtlich mehr Übung", meinte Sherlock gleichmütig und hielt John seine Schuhe hin.

Er zögerte nicht lange und warf Sherlocks Schuhe zielsicher genau neben seine. Dann machten sich die beiden vorsichtig an den Abstieg. Sherlock machte sich eine mentale Notiz darüber, dass man ohne Schuhe tatsächlich besser klettern konnte. Was er verschwiegen hatte war, dass er beim ersten Mal tatsächlich beim Abstieg abgerutscht war. Zum Glück erst sehr weit unten, so dass er sich nur ein wenig wehgetan hatte vom Fall. Er hatte Angst gehabt, dass John sich nicht getraut hätte zum Wrack zu gehen, wenn er ihm das vorher erzählt hätte. Aber anscheinend musste er sich darüber keine Sorgen machen. John schien ein Junge zu sein, der Gefahr und Abenteuer eben so liebte wie er.

Nach einigen Minuten waren sie endlich heil unten angekommen. Der Untergrund war felsig und rau und überall waren die nassen dunklen Steine mit Muscheln bewachsen. John angelte seine und Sherlocks Schuhe aus den Steinen, und beide zogen sie wieder wortlos an. John kam sich vor wie in einer anderen Welt. Von der menschlichen Zivilisation war hier nichts mehr zu hören. Nur das Rauschen der Wellen, die sich rauschend an den Felsen brachen und vereinzelnd der Schrei einer Seemöwe. Die Luft schmeckte salzig und John fühlte eine innere Ruhe, wie schon lange nicht mehr.

Der Bug des Schiffswracks ragte in einem leichten Winkel aus dem Wasser. John versuchte sich über die Reling hochzuziehen, doch Sherlock hielt in fest.

„Warte. Auf der anderen Seite ist ein großes Loch ins Innere."

John folgte Sherlock auf die andere Seite des Schiffes und tastete sich vorsichtig nach ihm durch das Loch ins Innere. Verblüfft stelle John fest, dass Sherlock eine Taschenlampe dabei hatte. Es herrschte eine gespenstische Stille im Schiffsrumpf. Das Meer war nur noch dumpf zu hören und man konnte Wassertropfen fallen hören. Sherlock leuchtete weiter ins Innere und wies mit dem Finger auf das Wasser.

„Der hintere Teil des Schiffes liegt unter Wasser. Man kann kaum etwas sehen. aber mit der Taschenlampe habe ich gestern etwas entdeckt."

John folgte Sherlock gespannt und versuchte etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Das Licht der Taschenlampe traf auf das eingedrungene Meerwasser und plötzlich sah John, worauf Sherlock ihn aufmerksam machen wollte. Etwas funkelte im Wasser.

„Vielleicht ist es ein Piratenschatz", meinte Sherlock denkwürdig.

„Wollen wir versuchen, es aus dem Wasser zu holen?", fragte John aufgeregt.

Sherlock nickte. „Ich habe es gestern schon versucht, aber es hängt fest."

„Vielleicht schaffen wir es zusammen." John trat bestimmt an Sherlock vorbei und schaute sich die Stelle genau an. Auch mit dem Licht der Taschenlampe war es fast unmöglich auszumachen, wie tief der Gegenstand unter Wasser war. John zog seine Schuhe wieder aus und trat vorsichtig ins kühle Wasser.

„Liegt es sehr tief?"

Sherlock schüttelte den Kopf und kniete sich vor den Wasserrand. Er beugte sich vor und griff mit seiner Hand tief ins Wasser. So tief, dass sein T-Shirt nass wurde, aber das schien ihm nichts auszumachen.

„Ich kann es fühlen. Hier ist so was wie ein Griff."

John streckte ebenfalls seine Hand ins Wasser in Richtung Sherlocks. Er berührte kurz die Hand des anderen Jungen, zog sie aber dann schnell weiter um an dem versunkenen Gegenstand entlang zu fühlen.

„Fühlt sich an wie eine Kiste", meinte er beiläufig. „Auf der anderen Seite scheint auch ein Griff zu sein. Okay bei drei ziehen wir beide gleichzeitig, okay?"

„Warum bei drei?"

„Das sagt man so."

„Warum?"

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich um den anderen auf das Ziehen vorzubereiten?" Es klang mehr wie eine Frage, als wie eine Antwort. Aber John hatte jetzt auch wirklich keine Lust über so etwas Belangloses zu diskutieren.

„Wer braucht zum Ziehen denn Vorbereitung?", murmelte Sherlock und zog kräftig an der Kiste. Die Kiste machte einen Ruck und John verlor fast das Gleichgewicht, weil er nicht damit gerechnet hatte, dass Sherlock schon anfing.

Sherlock blickte John, der mit rudernden Armen im Wasser stand kurz belustigt an und grinste dann.

„Ich verstehe deinen Punkt. In Ordnung, dann bei drei."

John warf Sherlock einen verärgerten Blick zu, aber zählte schließlich langsam bis drei. Die Kiste war tatsächlich recht schwer, aber sie schafften es mit viel Mühe sie schließlich aus dem Wasser zu ziehen.

Es war eine alte eisenbeschlagene Truhe, die anscheinend durch ein Schloss gesichert war. Sie musste schon länger im Wasser gelegen haben. An vielen Stellen war das Eisen verrostet und Muscheln hatten sich an ihrer Oberfläche angesiedelt.

Die beiden Jungs zogen die Truhe aufgeregt aus dem Schiffswrack, um sie sich im Licht anzuschauen.

„Glaubst du in der Truhe sind wertvolle Schätze?", fragte John aufgeregt.

„Irrelevant was ich glaube. Wir werden es gleich herausfinden", meinte Sherlock, der mit leuchtenden Augen vor der Truhe kniete.

„Wie kriegen wir das Schloss auf?"

Sherlock zwinkerte ihm zu. „Überlasse das mal einem erfahrenen Pirat."

Sherlock holte einen Dietrich aus seiner Tasche und fing an in dem Schloss herumzustochern. Verblüfft setzte sich John neben ihn und beobachtete ihn dabei. Sherlock schaffte es immer wieder ihn zu überraschen. In diesem Jungen steckte eine ganze Menge, und er war sehr froh, ihn kennengelernt zu haben. Er wollte mehr über ihn erfahren und hoffte, dass die beiden Freunde bleiben konnten. Aber vor allem fragte sich John in diesem Moment, was wohl in der Kiste versteckt war.