Kapitel 3: Die fünf Orangenkerne

Ein leises Knacken ertönte und Sherlock lächelte kurz zufrieden. John rutschte aufgeregt neben Sherlock, um mit ihm in die Kiste schauen zu können. Langsam öffnete dieser den knarrenden Deckel der schweren Truhe. Die Kiste war voll mit verschiedenen Sachen. Einige Taue und Seile lagen darin, ein dickes in Leder gebundenes Buch, ein paar Briefe, ein rostiger Schlüssel und ein weiteres kleines Metallkästchen.

Sherlocks Augen glänzten über diesen Schatz. Er war nicht im Mindesten darüber enttäuscht, dass die Truhe keine Golddublonen oder andere wertvolle Schätze enthielt. Briefe und Bücher, Dinge die eine Geschichte erzählten waren für ihn viel faszinierender.

John nahm das kleine Metallkästchen vorsichtig aus der Truhe und öffnete es. In ihm lag ein Brief, der als Absender mit den drei Buchstaben KKK beschriftet war. Außerdem enthielt das Kästchen noch alte Zeitungsausschnitte und andere Papiere.

„Was wohl in diesen Brief ist? Komische Abkürzung KKK", meinte John und reichte Sherlock den Brief.

Er nickte und öffnete mit seinem Taschenmesser vorsichtig den Brief. Erstaunt blickte er John an, als er den Inhalt erblickte. Er schüttete den Inhalt des Briefes auf seine Hand und hielt sie sich näher ans Gesicht.

„Was ist das?", fragte John.

„Sieht aus wie Orangenkerne. Fünf Stück."

„Wer tut den Orangenkerne in einen Brief?"

„Vielleicht geben uns die anderen Dinge in dem Kästchen einen Hinweis."

Sherlock verstaute die Orangenkerne wieder in dem mysteriösen Brief und besah sich dann den restlichen Inhalt des Kästchens.

John schüttelte den Kopf. „Hast du das Datum der Zeitungsausschnitte gesehen? Das ist ja unglaublich!"

Sherlock nickte. „1887. Der Zeitungsausschnitt ist fast hundert Jahre alt."

„Glaubst du wirklich, das Schiff liegt hier schon so lange?"

Sherlock schüttelte den Kopf. „Es sieht eher so aus, als hätte hier jemand Beweise für etwas gesucht. Sieh mal, hier sind verschiedene Dokumente, ein Testament, das anscheinend geändert wurde. Verschiedene Notizen, eine Namensliste und die Zeitungsausschnitte handeln von Todesfällen."

„Glaubst du, das sind Beweise für ein längst vergessenes Verbrechen?"

Sherlock grinste ihn breit an. „Ich denke schon. Lass uns herausfinden, um was es gegangen ist."

Einige Zeit später bekam John langsam wirklich Hunger. Er hatte das Gefühl schon Stunden mit Sherlock hier unten am Schiffswrack zu sitzen und die Fundsachen auszuwerten. Sherlock war in dieser Hinsicht wirklich bemerkenswert. Er zog logische Schlussfolgerungen und verknüpfte die Fundsachen so perfekt, als wäre er ein Meisterdetektiv. Als John eine entsprechende Bemerkung gemacht hatte, hatte Sherlock nur kurz gegrinst und gemeint, er würde lieber Pirat werden.

Seufzend richtete sich John auf und streckte sich. „Ich gehe kurz hoch an die Straße. Da ist eine Bäckerei. Soll ich dir was mitbringen?"

„Essen?"

„Ja klar. Du hast doch sicher auch Hunger."

Sherlock schüttelte den Kopf. „Essen verlangsamt das Denken. Außerdem werde ich heute Abend schon zum Essen gezwungen."

„Das ist aber nicht gerade gesund."

„Willst du Arzt werden?"

„Was? Wieso?"

„Weil du um meine Gesundheit besorgt bist. Nur meine Mummy ist um meine Gesundheit besorgt und mein Arzt. Da du nicht meine Mummy bist, nehme ich an, du willst mal Arzt werden."

John blickte ihn ausdruckslos an. „Wenn du meinst."

Mit diesen Worten wand John sich von Sherlock ab und zog schweigend seine Schuhe aus. Er band die Schnürsenkel zusammen und hängte sich die Schuhe über die Schultern. Wortlos machte er sich an den Aufstieg. Sherlock war nicht besonders begabt in zwischenmenschlichen Dingen, aber selbst er wusste, dass er anscheinend irgendwas Falsches gesagt hatte. Vielleicht hatte John aber auch wirklich nur Hunger. Manche Leute wurden grummelig, wenn sie Hunger hatten. Er würde einfach darauf warten bis John wieder zurück war und sehen, ob sich seine Laune gebessert hatte.

Der Fall mit den Orangenkernen schien sehr interessant zu sein. Sherlock hatte herausgefunden, dass ein US-Bürgerkriegsveteran namens Elias Openshaw 1883 am zweiten Mai tot in seinem seichten Gartenteich aufgefunden wurde. Das Testament stammte von ihm und wurde kurz vor seinem Tod noch einmal geändert, als hätte er gewusst, dass er sterben würde. Im Zeitungsausschnitt stand, es wäre Selbstmord gewesen, doch in den Notizen, des unbekannten Ermittlers stand, er wäre ermordet worden vom KKK. Das nächste Opfer der mysteriösen KKK war der im Testament genannte Erbe Joseph Openshaw. Anscheinend war er der Bruder des vorigen Opfers, der laut des Zeitungsartikels ein paar Tage nach Jahresbeginn 1885 bei einem Sturz über einer Kalkgrube ums Leben kam. An dem Zeitungsausschnitt war ein Brief angeheftet, der an einigen Stellen etwas verbrannt war. Die blasse Schrift war kaum noch zu lesen.

Bring die Papiere an der Sonnenuhr an

Sherlock konnte sich darauf noch keinen Reim machen. In den Notizen fand er allerdings etwas anderes sehr aufschlussreiches. Der Ermittler hatte sich anscheinend Poststempel notiert. An beide Opfer waren Briefe mit dem Absender KKK geschickt worden. Der Poststempel datierte den ersten Brief auf März 1883 aus dem indischen Pondicherry während der zweite Brief einen Poststempel aus Dundee trug. Unter den Dokumenten war auch eine kleine Seekarte, auf der Schiffsfahrpläne eingezeichnet waren und die Städte Pondicherry, Dundee und London mit Tinte umrandet waren.

Aus London kam der Brief, der an das letzte Opfer geschickt worden war. John Openshaw ertrinkt 1887 auf dem Heimweg nahe der Waterloo Bridge in der Themse. Auf der Rückseite des Zeitungsartikels steht in krakeliger Schrift. „Lone Star" und „Kapitän James Calhoun".

Sherlock lehnte sich nachdenklich gegen den Felsen hinter ihm. Wenn er alles kombinierte handelte es sich also um geplante Morde der KKK, wer auch immer diese waren, die höchstwahrscheinlich den Opfern vor ihrem Tod eine Drohung oder Anweisungen schickten. Da die Poststempel aus verschiedenen Städten waren, die auf der Seekarte mit Häfen markiert waren, war der Mörder anscheinend mit einem Schiff unterwegs gewesen. Vielleicht war es sogar dieser Kaptain James Calhoun. Lone Star könnte der Name des Schiffes gewesen sein. Aber das erklärte immer noch nicht KKK und die Orangenkerne. Sherlock fühlte ein angespanntes kribbeln im Bauch. Er wollte dieses Rätsel unbedingt lösen. Wer hätte gedacht, dass sein Urlaub doch so spannend werden würde. Er konnte es kaum erwarten, dass John endlich zurück kam, um ihm alles zu erzählen.

John ließ sich Zeit mit dem zurückgehen. Trotz seines Hungers knabberte er lustlos an seinem Croissant herum. Sherlocks Worte hatten ihm einen schweren Schlag versetzt. Natürlich hatte Sherlock nichts schlimmes in dem Sinne gesagt, auch hatte er keine Ahnung davon was seine Bemerkung in John ausgelöst hatte. John machte ihm sicherlich keinen Vorwurf deswegen. Aber die Wut war da und die Leere und Resignation, die sich immer in ihm ausbreitete wenn er über dieses Thema nachdachte.

Willst du Arzt werden?

Es gab nichts was John sich nicht mehr wünschen würde als das. Als er seinen Eltern davon erzählte, hatte sein Vater nur gelacht und ihm gesagt, er würde das nie schaffen. Es sollte lieber zur Armee gehen, so wie sein Vater selbst und sein Vater davor. Außerdem wäre die Uni viel zu teuer und er konnte sich das nicht leisten von seiner Soldatenrente.

John trat bei den Erinnerungen kräftig gegen einen kleinen Stein, der ihm im Weg lag. Sollte er etwa so werden wie sein Vater? Er war nie zu Hause gewesen, als sie noch Kinder waren. Schließlich wurde sein Vater im Kampf verwundet und nach Hause geschickt. Aus Frustration nicht mehr bei seiner geliebten Armee zu sein, hatte er mit dem Trinken angefangen. Anfangs hatte John sich noch gefreut, dass er endlich zu Hause war. Doch mittlerweile war er da nicht mehr so sicher.

Resigniert ließ John seine Arme hängen und schüttelte den Kopf. Wenn sein Vater manchmal betrunken vor dem Fernseher saß und die Politiker beschimpfte, wünschte sich John manchmal er wäre in diesem Kriegsgebiet einfach gestorben. Er schämte sich für diesen Gedanken. Und die Scham und die Wut über sich selbst und seinen Vater, trieben ihm immer Tränen in die Augen. John setzte sich auf einen größeren Stein und hielt sein Gesicht mit geschlossenen Augen in die Nachmittagssonne, die heiß in sein Gesicht schien. Er fühlte wie er sich langsam wieder beruhigte. Er atmete einmal tief durch und lief dann das letzte Stück zu den Klippen. Ein kleiner Blick nach unten zeigte ihm, dass Sherlock immer noch da unten über den Fundsachen grübelte. John grinste in sich hinein. Sherlock sollte wirklich Detektiv werden.