Kapitel 4: Auf den Spuren der KKK

„Ich hab dir was mitgebracht. Und bevor du dich beschwerst, es ist was zu trinken! Wenn du den ganzen Tag in der Sonne sitzt und nichts trinkst, ist das wirklich nicht förderlich fürs Denken", meinte John und warf Sherlock eine kleine Flasche Wasser zu. Er fing sie ohne aufzuschauen, was John mit einer überraschten hochgezogenen Augenbraue bemerkte.

Sherlock nahm eine der Notizen aus dem Kästchen und blickte John schließlich an. Sofort fielen ihm die etwas geröteten Augen auf und Johns deprimierter Gesichtsausdruck.

„Ist irgendwas passiert auf dem Weg in die Bäckerei?"

John schüttelte den Kopf. „Nein, also erzähl! Schon was herausgefunden?"

Sherlock war durchaus bewusst, dass John das Thema mit Absicht gewechselt hatte. Mit Sicherheit war etwas passiert, aber so wie es aussah, wollte John nicht darüber reden. Sherlock beließ es erst mal dabei. Er konnte John später noch aushorchen. Jetzt wollte er ihm erst mal von seinen Schlussfolgerungen erzählen.

John setzte sich auf einen der Steine und hörte Sherlock gebannt bei seinem Bericht über die gefundenen Schriftstücke zu.

„Also müssen wir jetzt nur noch herausfinden, wer diese KKK sind und ob dieser Captain etwas damit zu tun hat", meinte John schließlich, als Sherlock endlich einen Schluck aus der Wasserflasche trank.

„Ja", seufzte Sherlock resigniert. „Zuhause in London hat mein Vater eine riesige Bibliothek. Da kann man prima Nachforschungen anstellen. Aber hier? Ich wüsste nicht, wo wir hier nachschauen sollten."

„In der Bibliothek?", fragte John.

Sherlock blickte ihn zweifelnd an. „Wie gut ist denn dein Französisch?"

John verzog sein Gesicht. An seine letzte Französisch Note wollte er lieber nicht erinnert werden.

„Meines ist zwar ganz gut. Aber ich fürchte nicht gut genug, um in der Bücherei zu recherchieren. Andererseits ein Versuch schadet nicht. Weißt du, wo die Bücherei ist?"

„Nein, aber meine Mutter. Sie hat mir erzählt, sie hätte eine gesehen, als sie in der Stadt einkaufen war."

Was John nicht erwähnte, war, dass seine Mutter ihn damit geärgert hatte, er solle sich ein Buch ausleihen, um sein Französisch zu verbessern.

„Dann lass uns dahin gehen."

Sherlock packte die Dokumente wieder in das Kästchen und schloss die Truhe. Dann schoben die beiden Jungs die Truhe wieder in das Schiffswrack. Sie wollten schließlich nicht, dass jemand anderes ihren Schatz entdeckte. Das Kästchen nahmen die beiden mit.

„Sollten wir damit nicht eigentlich zur Polizei gehen?", fragte John plötzlich.

„Ach da arbeiten doch nur Trottel. Am besten, wir finden erst mal alles selbst raus. Dann können wir immer noch zur Polizei gehen."

John nickte. „Ich muss erst noch kurz zu meinen Eltern, Bescheid sagen, wo ich bin. Musst du deinen Eltern nicht sagen, wo du bist?", meinte John verwundert.

Sherlock schüttelte nur kurz angewidert den Kopf. „Nein, außerdem liebe ich es, wenn Mycroft wegen mir Ärger kriegt." Sherlock grinste schelmisch, und John bekam ein bisschen Mitleid mit dem ihm unbekannten Mycroft. Es war bestimmt nicht einfach mit Sherlock zusammen zu leben.

„Ist dein Bruder echt so schlimm?"

„Schlimmer. Und er hat einen seltsamen Tick mit Regenschirmen", fügte Sherlock nach einer Weile hinzu.

John wollte gar nicht so genau wissen, was Sherlock damit meinte und beließ es dabei. „Dann komm doch gerade mit zum Campingplatz. Dann kann ich meine Mutter auch schnell fragen, wo die Bibliothek ist."

Sherlock nickte. Er war noch nie auf einem Campingplatz gewesen und freute sich darauf, endlich mal zu sehen, wie so ein abenteuerlicher Urlaub - wie seine Mutter so etwas abfällig nannte - aussah. Es war nur eine halbe Stunde strammer Fußmarsch bis zum Platz, und Sherlock war ein wenig enttäuscht darüber, dass ein Campingplatz doch nicht so abenteuerlich aussah, wie er es sich in seiner Fantasie ausgemalt hatte. Er dachte an Lagerfeuer, Tipis, Schweine und Hühner, die über die Zeltplätze liefen, stattdessen waren hier nur ordentliche Parzellen mit Wohnmobilen, Vorzelten und kleineren Zelten, die teilweise unter schattigen Pinien standen. Der Campingplatz hatte sogar einen Swimmingpool und einen Tennisplatz.

„Hallo John!", grüßte sein Vater ihn, der Zeitung lesend an einem Campingtisch vor dem Wohnwagen saß.

„Hi Dad. Ist Mum da?"

Sein Vater brummte zustimmend und wies mit dem Kopf auf die offene Wohnmobiltür. John stieg in den Wohnwagen und Sherlock wartete. Er musterte aufmerksam den Platz und besah sich dann Johns Vater. Der Mann war nicht besonders groß und hatte blondes Haar wie John, das schon leicht ergraut war. Sein Gesicht wirkte etwas aufgedunsen und die Nase etwas rötlich. Sherlock vermutete, dass Johns Vater öfter mal etwas zu viel trank. Erst jetzt schien Johns Vater Sherlock zu bemerken, und er räusperte sich.

„Wer bist du denn?", fragte er freundlich.

John kam wieder aus dem Wohnwagen und antwortete. „Das ist mein Freund Sherlock. Wir wollen in die Bücherei. Mum meinte, du gibst mir Geld für den Bus."

„Ihr wollt bei dem Wetter in die Bücherei? Wieso geht ihr nicht ein bisschen Fußball spielen, oder was man halt so macht in eurem Alter. Bücherei", Johns Vater machte ein abfälliges Geräusch.

„Mum hat doch selbst gesagt, ich sollte meine Französisch Note verbessern."

„Du hast Ferien Junge."

„Dad, bitte."

Sein Vater griff grummelnd in seine Brieftasche und gab John ein paar Franc.

„Kauft euch wenigstens ein Eis oder baggert ein paar Mädchen an."

John verdrehte die Augen, und Sherlock schüttelte abfällig den Kopf. John war sich nicht ganz sicher ob sich sein abfälliger Blick auf das Eis oder Mädchen bezog, oder vielleicht sogar auf beides. Vielleicht war Sherlock auch einfach noch in der Phase, wo er Mädchen albern und blöd fand. John war in dieser Hinsicht auch ein Spätzünder gewesen.

Johns Mutter kam aus dem Wohnwagen mit einer Schüssel Salat.

„Hallo. Das ist also dein Freund Sherlock, John?", meinte sie freundlich und gab Sherlock die Hand.

Sherlock hatte noch nie jemanden gekannt, der ihn als Freund bezeichnete. Er freute sich mehr darüber, dass John ihn so bei seinen Eltern vorgestellt hatte, als er zugeben wollte. Er schüttelte kurz ihre Hand und lächelte höflich, wie er es gelernt hatte.

„Bleibt doch bitte noch zum Essen. Ihr habt doch bestimmt seit heute morgen nichts mehr gegessen. Sherlock, du siehst ja schon richtig verhungert aus."

John grinste, als Sherlock mit den Augen rollte. John war überrascht, als er dennoch nicht widersprach und die Einladung zum Essen annahm. Ihm war das nur recht, denn das mickrige Croissant hatte wirklich nicht gereicht, um ihn wirklich satt zu kriegen. Seine Mutter hatte Salat gemacht und leckere Nudeln mit Tomatensoße. Sherlock aß nicht wirklich viel, aber John war schon froh, dass er zumindest etwas aß.

„Machen deine Eltern hier auch Urlaub, Sherlock?", fragte seine Mutter.

Sherlock nickte. „Nur meine Mutter, ich und mein Bruder. Wir sind im Hotel Le Catalogne etwa zehn Minuten von hier. Mein Vater konnte wegen seiner Arbeit nicht mitfahren."

„Das ist aber schade", meinte Johns Mutter. Sherlock zuckte nur kurz mit den Achseln. Er war es gewohnt seinen Vater kaum zu sehen.

„Und wie lange bleibt ihr noch hier?"

„Noch drei Tage."

John blickte Sherlock überrascht an. Natürlich war ihm bewusst, das Sherlocks und sein Urlaub nur zeitlich begrenzt war. Aber er hatte irgendwie gehofft, dass er noch was länger hier bleiben würde. Er hatte Sherlock mittlerweile wirklich gern, und die Zeit mit ihm zu verbringen, machte viel Spaß und war vor allem spannend. Wenn er daran dachte, eine ganze Woche mit seiner Schwester zu verbringen, wurde ihm ganz anders.

„Schade", meinte er leise und schaute Sherlock kurz traurig an. Sherlock nickte ihm mit einem ähnlichen Gesichtsausdruck zu.

Nach dem Essen verließen die beiden eilig den Campingplatz in Richtung Bushaltestelle in die Stadt.

„Es wird ganz schön langweilig werden, wenn du weg bist", meinte John während der Busfahrt.

„Wenn ich erst Pirat bin, heuere ich dich für meine Crew an. Du könntest der Schiffsarzt sein."

Diesmal fand John die Bemerkung nicht schlimm. Ganz im Gegenteil fand er es tröstlich, dass Sherlock tatsächlich glaubte, er könnte in der Zukunft ein Arzt sein. Er lachte.

„Muss ich dich dann jeden Tag zum Essen zwingen?"

„Du kannst es ja versuchen."

„Eben hast du dich nicht gewehrt. Wie hat meine Mutter das geschafft?"

Sherlock schüttelte den Kopf. „Mit deiner Mutter hatte das nichts zu tun. Ich wollte nur nicht, dass du wegen mir verhungerst."

John schwieg kurz und dachte darüber nach, was Sherlock gerade gesagt hatte. Er hatte selten einen Menschen erlebt, der so aufmerksam war. Er lächelte Sherlock breit an und dieser fühlte in diesem Moment ein seltsames Gefühl in seiner Brust, dass er vorher noch nie gefühlt hatte. Er fragte sich verwirrt, ob er vielleicht krank wurde.

Der Bus hielt unweit von der Bibliothek Médiathèque Villa-Marie – einer Bücherei, die John wirklich den Atem verschlug. Die Bücherei war wie der Name schon sagte eine Villa auf einem riesigen wunderschönen Parkanwesen. Ein geschwungener Kiesweg führte durch die Grünanlage zum Haupteingang der Bücherei. Sherlock schien von diesem Gebäude nicht sehr beeindruckt zu sein, aber John hatte schon vorher angenommen, dass Sherlock aus Verhältnissen stammte, wo der Anblick von solchen Villen zum Alltag gehörte.

Sherlock sprach mit einer Dame am Empfang in einem so fließenden Französisch, dass John vor Neid erblasste. Er wünschte sich, er könnte nach dem Urlaub so gut Französisch sprechen. Das Gesicht von Mr. Porter, seinem Französisch Lehrer würde er dann gerne sehen. Aber das war ein utopischer Gedanke. Sprachen hatten ihm noch nie besonders gelegen. Dafür war er gut in den naturwissenschaftlichen Fächern und in Musik. Aber nur weil seine Mutter ihn gezwungen hatte Klarinette zu spielen.

„Wir können die Bücherei für unsere Nachforschungen nutzen, John. Kommst du?"

John folgte Sherlock in eine große Abteilung mit Geschichtsbüchern.

„Wonach sollen wir suchen?", fragte John unsicher, als er die ganzen französischen Titel sah.

„Amerikanische Geschichte, 19. Jahrhundert, Schiffe. So was in der Richtung."

„Wie kommst du auf Amerikanische Geschichte? Die Opfer kamen doch aus England."

„Das stimmt. Aber das erste Opfer war US-Bürgerkriegsveteran, und ich denke die anderen aus seiner Familie sind nur gestorben wegen des Testaments. Vielleicht finden wir auch Hinweise wenn wir die Lone Star finden."

John nickte und versuchte Bücher über amerikanische Geschichte zu finden. Sherlock seufzte nach ein paar Minuten.

„Ich gehe kurz nach Büchern über Schiffe fragen. Ich bin gleich wieder da."

John nickte, zog ein paar Bücher aus dem Regal und legte sie auf einen Arbeitstisch. Sie beschäftigten sich alle mit dem Amerikanischen Bürgerkrieg. Er durchblätterte die Seiten und hielt Ausschau nach irgendwelchen Wörtern, die er verstand. Sherlock kam nach einigen Minuten zurück und setzte sich mit ein paar Büchern über Schiffe neben ihn. Schweigend blätterten beide konzentriert durch die Bücher, bis John plötzlich erschrocken aufkeuchte.

„Sherlock, hier steht was über KKK!"

Sherlock lehnte sich nah an John, so dass er auch in das Buch schauen konnte. Dann grinste er breit.

„Das ist es, John!"