Dies ist eine autorisierte Übersetzung der Geschichte "Strangers at Drakeshaugh" von "Northumbrian". Das Original ist hier zu finden: s/6331126/1/Strangers-at-Drakeshaugh

2. Abholen

An diesem Nachmittag, als Annie schlief, las ich mir den Artikel über die Sheffield Morde noch einmal aufmerksam durch. Ich saß in dem Sessel im Erkerfenster, trank meinen Kaffee und las die Zeitung. Das ist nichts, was ich normalerweise tue; das Nachmittagsprogramm im Fernsehen (besonders Haus-Umdekorierungs-Sendungen) sind meine Schwäche, aber mein Interesse war geweckt, wahrscheinlich wegen Ginnys Unterhaltung mit ihrem jüngeren Sohn, dessen Vater in ‚Sche'fied' war. Ginny hatte gesagt, dass er nicht bei ihr war, weil es eine ‚Krise bei der Arbeit' gegeben hatte. Wegen dieser Bemerkungen hatte ich mir sogar die Mittagsnachrichten angesehen.

Am späten Abend des vergangenen Freitags, oder am frühen Samstagmorgen, hatte es einen brutalen Mord in Sheffield gegeben. Die Leiche einen Frau war in einem Vorort namens Grimesthorpe gefunden worden. Sie war in Stücke gerissen worden ‚wie von einem wilden Tier', laut der Berichte in Mikes Exemplar des Independent. Die späteren Ausgaben der Samstagszeitungen waren voll mit der Story. Dann am Sonntag hatte die News oft he World berichtet, dass es etwa vier Wochen vorher in einem anderen Teil von Sheffield, Nether Edge, einen ähnlichen Mord gegeben hatte.

Die erste Leiche, ein Mann mittleren Alters, war anscheinend erst nach mehreren Tagen gefunden worden. Aber die News of the World behauptete schon, dass beide Opfer in einer Vollmondnacht getötet worden waren. Sie hatten sogar ein paar ‚Zeugen' aufgetrieben, die behaupteten, dass sie gehört hätten wie ein Wolf den Mond anheulte. Die Polizei hatte bestätigt, dass Freitag eine Vollmondnacht gewesen war, hatte aber betont, dass Todesuhrzeit und –datum des anderen Opfers nicht verlässlich festgestellt worden waren. Trotzdem hatten die Zeitungen sie ‚Die Werwolf Morde' genannt und der Name war hängengeblieben.

Das war gestern. Heute Morgen waren die Fernsehnachrichten voll gewesen mit Berichten über einen Brief, angeblich vom ‚Werwolf', der drohte, weiter an jedem Vollmond zu töten ‚bis Greyback freigelassen wird'. Die Polizei in Süd-Yorkshire hatten die Berichte zuerst abgetan, aber ‚Der Werwolf' hatte ebenfalls ein Exemplar an die Sun Zeitung geschickt, zusätzlich zu dem an die Polizei, und letzten Endes hatte diese bestätigt, dass ein Brief eingegangen war. Sie behaupteten, nicht zu wissen, wer ‚Greyback' war. Es gab eine Menge Spekulationen darüber, ob das wahr war.

Ich lese viele Krimis, zu viele, sagt Mike. Aber Ich lese lieber einen kernigen Kriminalroman als eine eintönige und langweilige Romanze. Wen interessiert's, was mit einem dummen und selbstsüchtigen Mädchen und ihrem arroganten und absolut unpassendem Liebhaber passiert? Mein Kopf hatte verrückt gespielt. Heute Morgen hatte sich die Nachricht über den mysteriösen ‚Greyback Brief' verbreitet und heute Morgen war Ginnys Mann wegen einer dringenden beruflichen Angelegenheit nach Sheffield gerufen worden. Ich fragte mich, ob er irgendwie in die Mordermittlungen involviert war. Aufregende neue Nachbarn, das war vielleicht was für Mary.

Ich griff nach meiner Tasse und stellte fest, dass mein Kaffee fast kalt war. Ich sah auf meine Uhr. Es war Zeit, mich auf dem Weg zur Schule zu machen. Ich war in meine wilden Spekulationen vertieft gewesen.

Ich verließ das Haus ein paar Minuten zu spät und mein Aufbruch wurde noch herausgezögert, weil Annie noch immer schlief. Es ist immer anstrengend, sie in ihren Kindersitz zu kriegen ohne sie aufzuwecken. Ihren Sitz in den Micra einzusetzen war auch nicht leicht. Zum Glück bin ich normalerweise 15 Minuten vor Schulschluss am Tor, also bedeutete zu spät zu sein nur, dass ich zehn Minuten zu früh war anstatt einer Viertelstunde.

Ich fuhr an der Schule vorbei, wendete im Drakesstone View und fuhr ein zweites Mal vorbei. Es war offensichtlich, dass ich die letzte war, die kam. Mary und ihre Freundinnen standen bereits innerhalb des Tors. Die Busse für die Kinder von den umliegenden Bauernhöfen standen ebenfalls schon alle bereit. Ich hielt an und parkte am Ende der Reihe von Autos und Minibussen. Ich war am weitesten vom Schultor entfernt.

Annie schlief immer noch in ihrem Kindersitz. Das gab mir eine Ausrede nicht zu den anderen Müttern zu gehen und mich mit ihnen zu unterhalten. Im Auto zu warten bedeutete nicht von Mary und ihren Freundinnen verhört zu werden und sie würden nicht herausfinden, wie wenig ich über die Neuen wusste. Ich war ganz bestimmt noch nicht bereit, meine Spekulationen mit ihnen zu teilen.

In diesem Moment fiel mir auf, dass ich nicht an Ginny vorbeigekommen war. James würde bald rauskommen, und seine Mammy würde nicht auf ihn warten. Ich war überrascht, denn nach meiner anfänglichen Feindseligkeit (die, wie ich zugeben musste, allein auf ihrem Aussehen beruhte), hatte ich beschlossen, dass sie mir wie eine nette junge Frau vorkam. Ich starrte durch meine Windschutzscheibe, schaute zurück die Straße rauf. Sie sollte jetzt auf die Schule zukommen, aber sie war weit und breit nicht in Sicht.

Ich saß ein paar Minuten lang da und versuchte mich zu entscheiden, was ich tun sollte. Ich hatte Ginny gerade erst kennengelernt, ich wusste nicht, wie sie reagieren würde, wenn ich nach ihr suchen würde. Wenn sie sich nur ein paar Minuten verspätet hatte, wäre ich ein Wichtigtuer. Aber wenn es ein Problem gab…

Ich hatte gerade beschlossen, in Richtung des Weges zu fahren, der nach Drakshaugh führte, um zu sehen ob sie Hilfe brauchte als das Motorrad ankam. Es heulte die Straße hinter mir hinauf und fuhr heran um direkt vor meinem Auto zu parken. Es war eine große, schwarze und sehr laute Maschine, eine alte Triumph, dachte ich, obwohl sie keine Plakette hatte. Der Fahrer stieg zügig ab und in einer flüssigen, offensichtlich gut geübten Bewegung zog er das Motorrad auf seinen Ständer. Dies war sogar noch mysteriöser als die Begegnung an diesem Morgen. Ich sah interessiert zu.

Der Fahrer trug eine blaue Jeans und eine Lederjacke in einer eigenartigen rot-schwarzen Farbe. Ich beobachtete, wie er den Reißverschluss der Jacke öffnete und ein abgenutztes grünes T-Shirt mit den Buchstaben –RPI– auf der Brust enthüllte; das ganze Wort konnte ich nicht sehen. Endlich nahm er seinen Helm ab, ein leuchtend rotes Ding, auf dessen Seiten ein Löwe wie auf einem Wappen gemalt worden war. Das war Harry Potter, wurde mir klar, und er wusste, wie er einen Eindruck machen konnte.

Während er damit beschäftigt war, seinen Helm am Motorrad zu befestigen, stieg ich aus dem Auto und lächelte ihn an. Die gedämpfte Unterhaltung beim Schultor hinter mir hatte geendet. Ich sah mich nicht um, aber ich konnte die forschenden Blicke der Schultor-Mütter hinter mir spüren. Ich fragte mich, ob sie ihn auch erkannt hatten.

„Hallo", sagte ich etwas außer Atem.

In der Sekunde, in der er seinen Helm abgenommen hatte, hatte ich gewusst, dass dies Ginnys Mann und Als Dad war. Es konnte absolut keinen Zweifel an letzterem geben, das rabenschwarze Haar und die leuchtend grünen Augen bewiesen es. Wie mein Vater sagen würde, Al Potter war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Obwohl die Augen des Vaters, anders als bei seinem Sohn, hinter Brillengläsern verborgen waren.

Er war von durchschnittlicher Größe und sah jung aus, sehr jung, aber er war wahrscheinlich in seinen späten Zwanzigern. Er war nicht muskulös, er war dünn und schmal und seine Haare waren zerzaust und unordentlich. Ich bevorzuge, mehr Fleisch an meinen Männern, aber er war recht süß. Er hatte einen eigenartigen, jungenhaften Charme, der in mir (und einigen anderen Müttern hinter mir, wie ich aufgrund des aufgeregten Geflüsters hinter mir ahnte) das Verlangen weckte, mich um ihn zu kümmern.

„Du musst Jacqui sein", sagte er lächelnd als er eine Hand zum Gruß ausstreckte. „Ginny hat mir alles über dich erzählt. Ich bin Harry Potter, James' Dad." Es war so viel Stolz in seiner Stimme als er diese letzten Worte sprach, dass ich ihn umarmen wollte. Ich widerstand der Versuchung und schüttelte einfach seine Hand.

„Hallo, Harry Potter, James' Dad", plapperte ich albern. Ich fluchte innerlich auf meinen lächerlichen Gruß; ein gutaussehender Typ und ich benahm mich plötzlich wie ein verschossener Teenager. Er grinste nur.

„Nenn mich Harry, bitte. Danke, dass du Ginny heut Morgen geholfen hast, ich hab sie da ziemlich hängen gelassen… James auch", fügte er traurig hinzu.

„Ich hoffe, Sie wollen Ihren Sohn nicht mit diesem Ding nach Hause bringen", dröhnte Mary Saville hinter mir. Harry Potter sah sie überrascht an.

„Natürlich nicht, wir werden zu Fuß gehen; ich komme später wieder um das Motorrad zu holen", sagte er kurz angebunden zu ihr bevor er sich wieder mir zuwandte.

„Du wohnst also weiter im Tal, Jacqui. Ginny hat mir erzählt, dass ihr an ihr vorbeigefahren seid, aus Alwinton?"

„Ja, das stimmt", sagte ich und war mir bewusst, dass ich dadurch, dass ich Harry dabei half Mary zu ignorieren, einen gefährlichen Pfad eingeschlagen hatte. Klatsch am Schultor war die Hauptform des Austauschs hier im Tal, und Mary war die Meisterin des Geschwätzes. „Wir leben in Alwinton, im Dorf, und ihr müsst gerade in Dakeshaugh eingezogen sein, weil das das einzige mögliche Haus ist."

Er zog überrascht eine Augenbraue hoch und ich erhaschte einen Blick auf einen Narbe auf seiner Stirn.

„Ich dachte, niemand würde uns hier bemerken", sagte er. Ich lachte und wagte es ihm in einer hoffentlich freundlichen Geste auf die Schulter zu klopfen.

„Jeder wird euch hier bemerken! Es sind nur so wenige von uns an dieser Straße und wir kennen uns alle gegenseitig, selbst wenn wir uns nur im Vorbeifahren höflich zunicken. Aber wir wissen nichts über euch. Wir wussten nicht mal, dass jemand in Drakeshaugh eingezogen ist. Alles, was ich weiß, ist dass du aus dem Süden kommst, aber du bist nicht aus dem West Country wie Ginny."

„Woher weißt du das?" fragte er und sah mich überrascht an.

„Dialekte, die waren schon immer mein Hobby. Ginny spricht gedehnter als du, du bist näher dran an Estuary Englisch, nicht London aber nah dran, würd ich sagen.

„Das weißt du, nur weil du mich sprechen hörst, und Ginny auch?" fragte er. Er hörte sich beeindruckt an.

„Du bist aus den Home Counties – wahrscheinlich Berkshire, Hampshire oder Surrey", riet ich.

„Surrey", bestätigte er, „und Ginny?"

„Möglicherweise Cornwall, aber wahrscheinlich Devon", sagte ich ihm.

„Beeindruckend", sagte er und er sah tatsächlich beeindruckt aus.

„Also du kommst aus Surrey, wohnst in Northumberland und arbeitest in Sheffield. Du musst ein aufregendes Leben führen." Ich lächelte.

„Wer sagt, dass ich in Sheffield arbeite?" Er fragte die Frage recht scharf und ich sah einen ein beunruhigendes Schimmern von scharfem Stahl hinter diesen lächelnden grünen Augen.

„Dein jüngerer Sohn, Al. Jemand hat Sheffield erwähnt, wegen dieser ‚Werwolf Morde' und er hat gesagt ‚Daddy in Sche'fied', also habe ich angenommen, dass du da arbeitest."

Harry Potter entspannte sich.

„Ich versuche von zuhause zu arbeiten, wenn ich kann, aber mein Büro ist in London und manchmal werde ich zu anderen Orten gerufen. Heute Morgen würde ich nach Sheffield gerufen."

„Die Morde?" fragte ich plötzlich und sah ihm ins Gesicht. Er zögerte, er versuchte sich zu entscheiden ob er lügen sollte oder nicht, was offensichtlich bedeutete, ja, die Morde. Er starrte in meine Augen und ich hatte plötzlich die verrückte Idee, dass er meine Gedanken las. Wahrscheinlich hatte er nur die Vermutung auf meinem Gesicht gelesen, denn er nickte widerwillig.

„Ja. Mein Büro… mein Büro bietet spezielle Dienstleistungen für die Regierung und die Polizei. Im Moment arbeite ich mit der Polizei in Süd-Yorkshire", erzählte er mir.

„Spezielle Dienstleistungen?" fragte ich.

„Ja… Erstellung von Täterprofilen… solche Sachen", sagte er.

„Klingt interessant", sagte ich.

„Normalerweise ist es sterbenslangweiliger Bürokram, und so mag ich es", sagte er mit einem wehmütigem Lächeln, „aber manchmal ist es ganz interessant." Er kratzte sich geistesabwesend seinen Brustkorb während er sprach.

Ich kam nicht dazu, ihm noch andere Fragen zu stellen, denn die Kinder kamen schreiend durch das Schultor. Mein Mutterohr machten Henrys hochfrequente Schreie in dem verwirrenden Durcheinander aus.

„Mammy!"

Ich sah hinüber; er und James waren zusammen und rannten auf uns zu, jeder stolz mit einem zusammengerolltem Blatt Papier in der Hand.

„Daddydaddydaddy", quietschte James. Ich sah mich um und dann nach unten. Harry hatte sich hingehockt um seinen Sohn auf gleicher Höhe zu begrüßen.

„Jamesjamesjames", sagte Harry lachend. „Hattest du einen schönen Tag?"

„'SwartolluntichhabbeinBil'gemaln" sagte er stolz und schnell.

„Du hast ein Bild gemalt, wow!", sagte Harry und dann war Henry auf mir drauf und seine aufgeregten und dringenden Rufe nahmen meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch.

Henry hatte auch ein Bild gemalt. Es war von seiner Familie, Mammy, Daddy und ein formloser, kleiner, pinkfarbener Klecks, von dem er mir geringschätzig versicherte, es wäre seine Schwester. Er schob Harry das Bild stolz unter die Nase und Harry, der Gute, machte alle richtigen anerkennenden Geräusche für das Durcheinander aus verschmierten Plakatfarben.

Dann bestand James darauf, mir auch sein ‚Bil'' zu zeigen.

„Dassin'Mammyun'Daddyun'Alun'Lililu", verkündete James.

Er hielt inne um Luft zu holen. Lily-Lou, bemerkte ich, ein ungewöhnlicher Name, nicht so normal wie James. Ich fragte mich ob Al ein ganz normaler Alan war oder, ich lächelte in mich hinein ob meines Höhenflugs, ein Alphonse. James' Bild war, wie ich neidisch feststellte, um einiges besser als Henrys.

Ginny war mehr oder weniger rot: blutrote Haare, blutrotes Lächeln und ein Blutrot getupftes Gesicht, nicht Masern, wie ich erkannte, sondern Sommersprossen. Harry war ein schwarzes Gekritzel von Haaren, Brille, grünen Augen und ein Lächeln; da war noch etwas anderes, eine rote zickzack Linie zwischen der Brille und den Haaren.

„Es ist wundervoll, James", sagte ich ihm. „Ich geb' es deinem Daddy, damit er drauf aufpassen kann, okay?"

Ich gab Harry James' Bild, das er so vorsichtig nahm, als wäre es ein wertvolles Meisterwerk (was es natürlich war). Als er es mir abnahm, blickte ich neugierig hoch auf seine Stirn. Er seufzte genervt und hob eine unordentliche Strähne an um eine schwache zick-zack förmige Narbe zu entblößen.

„James ist fasziniert davon", erzählte er mir. „Meine Eltern sind bei einem Autounfall gestorben als ich 15 Monate alt war. Ich bin unbeschadet davongekommen, abgesehen hiervon."

„Das tut mir Leid…", begann ich automatisch.

„Ich hab ein paar Fotos, aber ich kann mich nicht wirklich an sie erinnern. Als ich jünger war, kamen sie öfter in meinen Träumen vor, aber das passiert nicht mehr seit… naja, jetzt seit über zehn Jahren nicht mehr." Harrys Worte kamen in einem Schwall und seine Unterbrechung machte offensichtlich, dass er nicht über seine Eltern reden wollte. Ich fragte mich, wer ihn großgezogen hatte, aber ich fragte nicht.

„Ich hoffe immer, dass ich mehr bin als nur eine ungewöhnliche Narbe…", fing er mit einem Lächeln an.

„Sicher bist du das, und ein mysteriöser Fremder noch dazu", sagte ich scherzend. Er verzog sein Gesicht.

„Nachdem Ginny James heute Morgen hergebracht hat, hat sie mich gewarnt, dass ich das alles nicht richtig durchdacht habe. Ich dachte, dass eine schöne, ruhige Schule in einer abgelegenen Gegend zu finden das Beste für meine Kinder wäre. Ginny und ich führen gerne ein ruhiges Leben, aber es wird über uns geredet werden, oder? Einfach aufzutauchen und in Dakeshaugh einzuziehen und dann unerwartet an der Schule anzukommen, das ist eine großen Sache in so einem kleinen Ort, oder?"

„Ich befürchte schon", gab ich zu.

„Wir wären wahrscheinlich anonymer gewesen, wenn wir in London geblieben wären. Wir wären in der Menge verloren gegangen. Aber Ginny und ich wollten, dass unsere Kinder Platz zum Aufwachsen haben, Wälder und Bäche und Felder, nicht ein Stadthaus ohne Garten."

„Wenn ihr keine Aufmerksamkeit erregen wolltet, hab ihr euch außergewöhnlich ungeschickt angestellt. Über dein Motorrad werden sie auch reden", erzählte ich ihm.

„Vielleicht sollte ich James von der Schule nehmen…", fing er an.

„Nein!", sprachen James und Henry zusammen. Harry und ich sahen beide überrascht zu ihnen hinunter. Sie hatten schweigend unserem Gespräch gelauscht. James war den Tränen nahe.

„Hast du schon einen Freund gefunden?" fragte Harry seinen Sohn. James sah Henry an und mein Sohn nickte ihm mit zitternden Lippen eine Bestätigung zu.

„Ja", sagte James bestimmt.

„Na, dann ist das wohl geklärt. Wir bleiben und wir müssen uns mit der ungewollten Aufmerksamkeit abfinden, mal wieder", sagte Harry mit Bestimmtheit. „Wir sollten jetzt nach Hause, Jamesy, und du kannst Mummy alles über deinen Tag in der Schule erzählen und ihr dein hübsches Gemälde zeigen, und Henry siehst du morgen in der Schule wieder."

„Soll ich euch bis zum Anfang eures Wegs mitnehmen?", fragte ich. „Mein Auto ist nicht groß, aber ich kann euch beide reinquetschen. Das einzige Problem ist, dass ich keinen Sitz für James habe."

„Danke für das Angebot, Jacqui, aber Ich würde gerne laufen, und alles über James' ersten Tag an seiner neuen Schule hören. Wir sehen euch morgen. Tschüss, Henry, tschüss, Schlafmütze." Harry winkte Annie, die glücklicherweise zufrieden aufgewacht war und uns noch im Halbschlaf still beobachtete.

„Wir sind gar nicht so schlimm, wenn man uns erstmal kennenlernt, und du hast mir genug erzählt, um die örtliche Wichtigtuerin für eine Weile zufriedenzustellen", antwortete ich leise.

„Die große dunkelhaarige, die mein Motorrad nicht mochte?", fragte Harry.

„Mary", sagte ich nickend.

„Mir haben schon schlimmere Leute nachgeschnüffelt", sagte Harry. „Tschüss, Jacqui, und danke nochmal, dass du Ginny geholfen hast."

„Tschüss, Henry", flüsterte James.

„Tsüss, James, bs'morgn", sagte Henry.

„Bis morgen", korrigierte ich ihn.

„Habbich doch gesag", antwortete er.

Hinter mir schlugen Autotüren zu, als alle sich bereit machten zu fahren. Ich beobachtete, wie Harry die Straße hinauflief, Hand in Hand mit seinem Sohn, bevor ich Henry in seinen Sitz hob.

Als wir ein paar Minuten später an ihnen vorbeifuhren, saß James auf den Schultern seines Daddys. Ich hupte und winkte, als wir sie passierten. Harry winkte kurz zurück, musste aber aufhören, da James so wild winkte, dass er fast von den Schultern seines Vaters fiel.

„Sieht so aus, als hättest du einen neuen Freund gefunden, Henry", sagte ich.

„Mhm", sagte Henry zufrieden.