Ich bin immer noch da!!
Okay, ich finde das zweite Kapitel ziemlich blöd, auch wenn mir jemand versichert hat, das ist es gar nicht, ich erwarte wie immer eure Kommentare!
Chibiangel16: Habe mich sehr gefreut, dass es bei dir weitergegangen ist, mein Review hast du doch hoffentlich bekommen? Du fandest die andere Version mysteriöser??? Kann ich wirklich nicht nachvollziehen, ich fand sie langweilig ;-). Ich hoffe aber trotzdem, dass du hier weiterliest! Und natürlich werde ich mich bemühen, das dritte Kapitel bald hochzuladen und das vierte zu schreiben! Das gleiche hoffe ich auch von dir! ;-)
Maren: Auch über dein Reviwe habe ich mich sehr gefreut! Wer weiß, vielleicht schreibe ich irgendwann alle Kapitel und veröffentliche sie dann in geringem Abstand auf unserer Lieblingsseite.
Und jetzt weiß ich gar nicht, wie ich auf deine Kritik so reagieren soll... Ja, ich mag Mordaunt auch sehr, warum sonst habe ich ihn so beschrieben? ;-) Und was mit Anne und ihm ist höhö geheimnisvollguck das werde ich nicht verraten... Und was die Sache angeht, von wegen, ich habe Mordaunt nicht vorgestellt, daa hast du dich verlesen, Cromwell nennt in seinem ersten Satz seinen Namen: "Nun, mein lieber Mordaunt..." oder so ähnlich. Aber ich hatte schon irgendwie Probleme damit, keine Ahnung weshalb, seinen Namen da irgendwie unterzukriegen.
Und was die Charakterisierung des Henkers angeht, du hast recht, mir ist da auch ein bisschen was eingefallen, werde ich noch umändern. Und alternativ den Henker am Leben lassen ... Bist du dir sicher, dass das zu Mordaunt passt? )
Na, ich hoffe trotzdem, das du hier weiterliest, ich brauche ja noch dein Amen, ob ich es woanders veröffentlichen kann. Irgendwann, in etwa dreihundert Jahren... )
Achja, kann mir irgendwer verraten, wie das hier mit dem Kursivschreiben geht???
2. Kapitel
Mordaunt ließ sich am nächsten Morgen, entgegen seines Versprechens, welches er Anne gestern gegeben hatte, nicht beim Frühstück blicken. Er tauchte gegen zehn Uhr bei dem General auf, den er um Befehle für die Reise nach Frankreich bat. Die Ereignisse gestern Nacht erwähnte er überhaupt nicht. Dennoch fiel dem General auf, dass der junge Mann müde und leichenblass war, auch schien er fahrig und etwas zerstreut. Cromwell händigte seinem Vertrauten zwei Briefe aus, deren Inhalte Mordaunt später auswendig lernte und versah ihn mit den nötigsten Instruktionen. Mordaunt wusste allein, wie er zu handeln hatte und wie er mit dem Kardinal sprechen sollte. Als das Gespräch beendet war, erhob sich Mordaunt allerdings nicht sofort. Der General sah auf als er bemerkte, dass der junge Mann vor ihm sich nicht rührte.
„Möchtet Ihr noch etwas wissen?" „Ja, mein Herr. Verzeiht mir, aber noch weiß ich nicht genau, weshalb Anne mitkommen soll. Zwei Personen sind doch auffälliger als einer allein." Der General schüttelte leicht den Kopf.
„Ihr vergesst, dass ein Mann allein eher Aufmerksamkeit erregen wird als ein Herr, der einer Dame die Stadt zeigt. Anne kann Euch sicherlich nützlich sein, sie wird bestimmt einiges herausfinden-" „Sie weiß doch aber gar nichts über meine Mutter", warf Mordaunt mürrisch ein, „und sie mag es nicht, wenn ich von ihr anfange." „Mein lieber John-Francis, seid versichert, Anne wird Euch immer unterstützen. Ihr müsst Verständnis für sie haben, Ihr redet viel von Eurer Mutter und womöglich ist Anne eifersüchtig. Schenkt ihr doch mehr Aufmersamkeit." Mordaunt wurde puterrot und erhob sich stumm, als der General zur Tür ging und sie ihm aufhielt.
Am nächsten Tag am Abend kamen Anne und Mordaunt völlig erschöpft in Dover an. Sie waren den ganzen Weg in schnellem Tempo geritten, der General hatte befohlen, dass sie sich erst in Frankreich eine Kutsche nehmen sollten, aber nur, wenn es unbedingt sein musste. Am Hafen lag das Schiff, dass sie nach Frankreich bringen sollte. Anne überließ es Mordaunt, mit dem Kapitän zu verhandeln, der horrende Preise verlangte und bestieg bereits das Schiff. Sie trug ein praktisches Reisekleid ohne viel Verzierung und trug ihr dunkles Haar wie üblich mit bunten Bändern geflochten. Es ging nur ein leichter Wind, es war nicht sehr warm und der Himmel war grau, aber es regnete nicht.
Anne stand mit anderen Fahrgästen an der Reling und betrachtete die Möwen, die sich vom Wind treiben ließen, als sie ein wütendes Geschrei hörte. Zusammen mit vielen anderen Passagieren wandte sie sich dem Land zu, wo ein junger Herr in einer Kutsche den Kutscher anschrie, weil die Pferde sich weigerten, das Schiff zu betreten.
Anne bemerkte sofort, dass der Herr Franzose war, mischte er in seine Beschimpfungen doch immer wieder französische Kosenamen für den Kutscher, die sie nicht alle verstand. Belustigt kam die junge Frau näher, während der junge Franzose inzwischen aus der Kutsche ausgestiegen war und mit einer Reitgerte auf den Kutscher einprügeln wollte. Mordaunt hatte den jungen Franzosen wohl bemerkt, verhandelte aber noch mit dem Kapitän. Als der Franzose aber handgreiflich gegen den Kutscher werden wollte, was er nebenbei beobachtete, beendete er das Gespräch und trat zu dem Franzosen.
„Monsieur", sprach er ihn auf französisch an, „bitte beruhigt Euch. Wenn Ihr Verständigungsprobleme habt, kann ich Euch vielleicht dolmetschen." Der Franzose starrte ihn eine Weile sprachlos an und begann sich dann laut auf Französisch über das grauenhafte England, das schlechte Wetter und die unfähigen Kutscher zu beschweren. Mordaunt lächelte dazu nur und gab dem Kutscher einen Wink, der daraufhin die Pferde ausschirrte und sie über eine extra dafür hingelegte Planke auf das Schiff brachte. Während Mordaunt dem Toben des Franzosen lauschte, führte er ihn langsam zum Schiff.
Schließlich beruhigte sich der Franzose und musterte Mordaunt, den er bis dahin kaum beachtet hatte, aufmerksamer, während sie zusammen langsam das ablegebereite Schiff über eine breite Planke betraten. Kurz darauf legte das Schiff auch endlich ab, die Segel blähten sich und bald befanden sie sich auf dem freien Meer. Der Franzose fasste sich inzwischen.
„Verzeiht mein schlechtes Benehmen, was müsst ihr für einen unmöglichen Eindruck von mir haben," sagte er glatt und nun, da seine Miene nicht mehr verzerrt war, bemerkte Mordaunt, dass dieser junge Mann vor ihm ein zwar schönes Gesicht hatte, dessen Ausdruck aber nichtssagend und übersättigt war. „Ich bin der Graf de Wardes, Sohn des Grafen de Wardes und stehe Euch jederzeit mit Leib und Degen zur Verfügung und wenn es sein muss, auch mit der Geldbörse." „Auch mein Leib und Degen stehen Euch zur Verfügung, Monsieur, aber von Schulden wollen wir nicht sprechen, weil ein guter Mann keine macht", entgegnete Mordaunt höflich, wenn auch kühl. De Wardes sah Mordaunt eine Weile sprachlos an und fing dann an laut zu lachen.
„Oh, mein Herr, das habe ich früher auch mal gesagt. Aber lassen wir das, es führt doch zu nichts, sich über Geld zu unterhalten, wenn man keines hat. Ich weiß leider immer noch nicht Euren Namen." „John-Francis Mordaunt, Monsieur", Mordaunt deutete eine leichte Verneigung an. In des Grafen Gesicht arbeitete es, während er mechanisch die Verneigung erwiderte. Dieser Herr vor ihm hatte das Auftreten und Benehmen eines Edelmannes, trug auch einen Degen und war gut, wenn auch nicht unbedingt vornehm gekleidet. Aber Anne, die gerade herankam, enthob ihn seiner weiteren Gedanken, die ohnehin nie eine besondere Tiefe annahmen und ihn anstrengten.
„Anne, das ist der Graf de Wardes aus Frankreich. Monsieur, dies ist Lady , die mit mir nach Paris reist", stellte Mordaunt vor. Anne neigte grüßend den Kpopf, während de Wardes ihre Hand ergriff, um sie zu küssen.
„Ich bin entzückt, Euch kennenzulernen, Mylady, und Euch, Monsieur, muss ich zu Eurer bezaubernden Verlobten beglückwünschen," breit lächelte der Graf, Mordaunt und Anne sahen irritiert aus und vermieden es, sich anzusehen.
„Wir sind nicht verlobt", brachte Mordaunt schließlich hervor.
„Ach, noch nicht?", de Wardes sah von einem zum anderen. Dann fuhr er tröstend fort:
„Na, wird schon noch werden, der Herr Vater wird irgendwann sicher noch in die Heirat mit einem Bürgerlichen einstimmen. Macht Euch bitte nicht zuviele Gedanken, das ist wahrhaft schlecht für den Teint." Anne sah aus, als wolle sie diesen taktlosen Grafen schlagen, während Mordaunt immer blasser wurde. Es entstand ein Schweigen.
Nun schien de Wardes endlich zu bemerken, dass er in ein Fettnäpfchen getappt war und überlegte krampfhaft, wie er sich aus dieser unangenehmen Situation befreien konnte.
„Ihr hattet Ärger mit Euren Pferden und dem Kutscher?", erkundigte Mordaunt sich schließlich, nachdem er sich einigermaßen gefasst hatte. Erleichtert über diese Hilfestellung fing de Wardes sofort wieder mit seinen Beschwerden an.
„Oh ja, der Kutscher ist ein unfähiger Trottel und die Pferde können nicht auf ein Schiff gehen, dabei stammen sie doch von der Insel. Meine Pferde in Frankreich haben in dieser Hinsicht keine Probleme gemacht." Er schüttelte den Kopf, als könne er nicht glauben, dass englische Pferde so dumm sein konnten und fuhr dann fort:
„Und Ihr, Ihr fahrt nach Frankreich? Wohin denn da? In die Bourgogne oder Normandie? Jetzt im Frühling ist es wunderschön dort, ich könnte Euch-" „Wir sind auf dem Weg nach Paris", unterbrach Anne den Grafen unhöflicherweise. Jedoch war das Fell des Grafen dicker als sie angenommen hatte, er fuhr unbekümmert fort:
„Wundervoll! Oh Monsieur, dann müsst Ihr mir erlauben, mit Euch zu fahren, es wäre mir eine Freude, mit Ortsfremden in Paris einzufahren und ihnen alles zeigen zu können." „Ich muss Euch enttäuschen, Monsieur", entgegnete Mordaunt, „Ich war bereits in Frankreich. Außerdem reiten wir und so wird die Reise für Euch eher unangenehm werden, da Ihr dann ohne Kutsche seid." „Aber, ich bitte Euch, das ist doch gar keine Frage! Ihr fahrt selbstverständlich bei mir mit, das bereitet mir nicht die geringsten Schwierigkeiten und ich habe wenigstens noch angenehme Gesellschaft." Mordaunt verneigte sich und nahm das Angebot dankbar an. Vor allem Annes wegen war er erleichtert, der Gewaltritt von Cromwells Gut bis nach Dover hatte sie doch ziemlich mitgenommen. Sie zog sich nun auch unter Deck zurück, während de Wardes Mordaunt freimütig unterhakte und mit ihm plaudernd auf dem Deck promenierte. Es herrschte nur mäßiger Seegang und die Segel hingen schlaff herunter, aber sie machten trotzdem gute Fahrt. Morgen Vormittag würden sie bereits Frankreichs Küste sehen. De Wardes fand Mordaunt sehr sympathisch, auch wenn dieser Engländer und, wie es schien, auch noch Puritaner war. Aber gerade die waren, wenn man sie erst einmal näher kennenlernte, sehr lustige Kameraden, also machte er sich in dieser Hinsicht nicht die geringsten Sorgen. Er nahm sich jetzt schon fest vor, dem jungen Mann Paris von der schönsten Seite zu zeigen. Es wurde Zeit, dass er sich wieder richtig amüsierte in allerlei Häusern, deren Adressen man nur geflüstert weitergab und dieses Amüsieren brachte nur Freude, so man einen gleichgesinnten Kameraden dabei hatte. Warum sonst hieß die Stadt auch „Die Stadt der Liebe"?
„Wie lange habt Ihr denn vor, in Paris zu bleiben?", erkundigte er sich.
„Das kommt auf die Gegebenheiten an. Vielleicht zwei Wochen, vielleich auch vier." „Das ist wenig. Bitte, ihr müsst mir gestatten, Euch Paris zu zeigen. Ihr habt bestimmt noch nicht alles gesehen. Wann wart Ihr denn das letzte Mal dort?" „Vor einer Woche." De Wardes sah überrascht aus.
„Oh? Und jetzt wieder? Habt Ihr das letzte Mal ausgekundschaftet, für die Hochzeitsreise?" De Wardes stieß Mordaunt leicht mit dem Ellbogen und kicherte glucksend. Mordaunt blieb unbewegt.
„Ihr irrt Euch, Monsieur, Lady und ich sind nicht verlobt. Also sind wir auch nicht auf Hochzeitsreise und wir fliehen auch nicht vor ihrem gestengen Vater, wenn Ihr das meint zu wissen." Der Graf begriff den leichten Spott nicht, sondern war nur enttäuscht, dass seine schönen Vorstellungen nun zunichte gemacht waren.
„So ist das also. Nun, meint Ihr denn, Ihr werdet Zeit haben in Paris?" „Ich hoffe es." „Wisst Ihr schon, wo Ihr wohnen werdet?" „Allerdings, mir ist eine sehr gute Herberge genannt worden." De Wardes war entsetzt.
„Eine Herberge, aber Monsieur, ich bitte Euch. Ein Mann in Eurer Stellung oder gar die Lady!" „Ich glaube nicht, dass ich mir dort etwas vergebe und sie auch nicht", sagte Mordaunt abschließend. De Wardes begriff, dass das Gespräch beendet war, begab sich unter Deck und kam für die nächste Zeit nicht wieder hervor. Mordaunt selbst blieb auf dem Deck, als brauchte er keinen Schlaf. Er fragte sich, wie de Wardes auf den Gedanken gekommen war, dass Anne und er verlobt wären. Sahen sie aus wie junge Hochzeitsreisende? Schlugen ihnen schon die Funken der Liebe aus den Augen? Mordaunt hatte nie über seine Beziehung zu Anne nachgedacht und war sich sicher, dass sie es auch noch nie getan hatte. Er kannte sie seit frühester Kindheit, war er doch ihr Pflegebruder gewesen, sie hatten zusammen gespielt und waren zusammen aufgewachsen, in dem Haus seiner Pflegeeltern, die ihn in seinem fünften Lebensjahr von der Landstraße geholt hatten und er konnte sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Er dachte an Cromwells Worte „Vielleicht ist sie eifersüchtig" und schüttelte diesen Gedanken dann ab. Er war purianisch erzogen worden, es gab für ihn keine Freude und schon gar nicht Gefühle, erst recht nicht, wenn er hier eine schreckliche Rache vornehmen wollte, der er sein Lebensziel geweiht hatte. Danach konnte man weitersehen, aber dazu war später immer noch Zeit. Er war noch jung. Am Vormittag des nächsten Tages legte das Schiff in Calais an. Es wimmelte von Menschen, die sich beeilten vom Schiff zu kommen, direkt in die Arme von Freunden oder Verwandten, die sehnsüchtig gewartet hatten.
Anne, Mordaunt und de Wardes verließen zusammen das Schiff. Sie entfernten sich von der Anlegestelle und der junge Graf sah sich suchend um. Doch bald darauf hellten sich seine Züge auf, er winkte heftig und rief:
„Jaques! Jaques, mein Junge, rasch hierher!" Eine Kutsche, gezogen von vier kräftigen Pferden hielt auf sie zu. De Wardes grinste.
„Auf meine Leute kann ich mich immer verlassen, besser gesagt auf meinen Vater", erzählte er mit einer aufgeblasenen, unerträlichen Arroganz, „mein Kutscher Jaques wartet bestimmt schon seit Tagen. Ich kann nun mein Versprechen einlösen, mein lieber Monsieur Mordaunt, dass ich Euch einlade." Er deutete auf die Kutsche, die nun ganz heran war und öffnete den Verschlag. „Die Damen haben den Vortritt." Er half Anne in die Kutsche und kletterte selbst hinterher, Mordaunt folgte nach. Die Kutsche war mit guten Stoffen ausgelegt und sehr geräumig. Sobald alle saßen, trieb der Kutscher die Pferde an und sie fuhren durch die engen Gassen Calais'. Die Pferde aus England wurden mitgeführt.
„Euer Vater lebt in Paris?", erkundigte sich Anne bei de Wardes, während sie ihr Kleid ordnete.
„Allerdings, meine Teure, er hat dort ein sehr hübsches Haus, welches ich später einmal erben werde, ich kann es kaum noch erwarten." Er bemerkte die entsetzten Geischter von Anne und Mordaunt und fügte rasch hinzu.
„Nicht dass ich meinem Vater den Tod wünsche, aber das Haus in Paris ist von allen Besitztümern, die er sein eigen nennt, doch bei weitem das Schönste und Großzügigste. Ich habe keinen festen Wohnsitz, habe nun auch eine Zeitlang in England gelebt und dort einige Freuden genossen. Nun war leider das Geld knapp und mein Vater, dieser Knauser, weigerte sich, es mir zu schicken. Da wird ein Streit auf mich zukommen, aber gewöhnlich gewinne ich doch." De Wardes lächelte überheblich und Anne und Mordaunt lächelten etwas gezwungen zurück.
„Ich muss auch wieder Bekanntschaften auffrischen, womöglich gibt es auch ein kleines Fest oder einen netten Abend. Ihr seid dann selbstverständlich auch eingeladen, als meine Freunde." Anne neigte dankend das Haupt.
„Ihr seid zu liebenswürdig, ich weiß nicht, was wir in Paris anfangen sollten ohne Euch." De Wardes warf sich stolz in die Brust und Anne musste sich ihr Lachen verbeißen.
„Ich bitte Euch, Mademoiselle, es ist doch selbstverständlich. Man hilft sich doch in der Not, nicht wahr?" Dass der Graf dabei auch eigene Vorteile zu ziehen gedachte, war unübersehbar.
„Ihr kennt viele Leute in Paris?", mischte sich Mordaunt in das Gespräch ein. „Aber Monsieur, wie könnt Ihr so fragen, ich kenne jeden!", rief de Wardes aus. „Ich kann Euch jedem einflussreichen Adligen vorstellen, den Ihr nur verlangt, ich kann Euch sogar bis zum König bringen." „Nun, das ist vorerst sicher nicht nötig, ich wüsste im Augenblick auch niemanden, nach dessen Bekanntschaft ich verlangte, aber es beruhigt doch ungemein, zu wissen, dass man sich vertrauensvoll an Euch wenden kann, wenn man jemanden braucht." „Verfügt über mich wie über Euren Diener", bot de Wardes an.
Anne und Mordaunt tauschten einen Blick und versuchten, nicht zu lachen, dann lehnte Anne sich zurück als wolle sie schlafen. Daraufhin erstarb das Gespräch, während die Landschaft in raschem Tempo an ihnen vorüberzog.
Bei der Ankunft in Paris waren sie alle müde und erschöpft. De Wardes entschuldigte sich in der Nähe der Place Royale, er müsse hier aussteigen. Sein Kutscher habe aber den Befehl, die Herrschaften bis zu ihrer Unterkunft zu bringen. „Ich hoffe, Ihr wisst, dass ich Euer Diener bin, Mademoiselle, Monsieur. Es würde mich sehr freuen, wenn Ihr Euch bei mir zu Hause einfinden würdet, sagen wir, in zwei Tagen. Am Mittwoch? Ich wohne an der Place Royale und werde stets auf Euch warten. Ich empfehle mich." Nach einigen weiteren, endlosen Grußformeln stieg er endlich aus der Kutsche. Anne lehnte den Kopf an Mordaunts Schulter und sie wurden zu ihrer Unterkunft gebracht, nachdem Mordaunt dem Kutscher die Adresse genannt hatte. Als sie ankamen, entlohnte Mordaunt den Kutscher reichlich, der ihm daraufhin seiner ewigen Treue versicherte und sie klopften an die Haustür ihres Heimes in Paris.
Es war ein schmales, dreistöckiges Gebäude mit dunkler Fassade, einfach und schmucklos.
Ihr Wirt öffnete fast sofort und brachte ihnen nach langwierigen Verhandlungen über die Preise die Schlüssel für die Zimmer, die im oberen Stockwerk lagen. Hinauf gelangte sie über eine schmale Treppe, die bei jedem Schritt knarrte und auseinanderzubrechen drohte, sobald sich mehr als drei Personen auf ihr befänden.
Oben war ein enger Korridor, nur schwach beleuchtet von einem dreiarmigen Leuchter der auf einem kleinen Tisch direkt neben der Stiege stand. Rechts und links waren Türen, insgesamt gab es sechs Zimmer.
„Sind die anderen Zimmer bewohnt?", fragte Mordaunt, während der Vermieter, ein schon älterer Herr mit Schmerbauch und einem Haarstreifen um seinen ansonsten kahlen Schädel, die erste Tür links von der Treppe öffnete.
„Nein, mein Herr", der Vermieter rang keuchend mit dem Schloss, „die Geschäfte gehen schlecht, daher auch diese Preise, Ihr müsst das verstehen. Niemand will diese Zimmer haben, keine Seele. Dabei muss ich doch auch leben." Endlich gab das Schloss nach und die Tür öffnete sich mit einem leisen Knarren.
Anne und Mordaunt traten ein und ihr Wirt öffnete inzwischen die anderen zwei Zimmer, die sie gemietet hatten.
Das erste Zimmer war ein Schlafzimmer, ein großes Bett, ein Tisch nebst zwei Stühlen, eine Kommode und ein Schrank bildeten das Inventar. Anne schien wenig begeistert. „Sehen wir uns die anderen Zimmer an." Das zweite war ein Wohnraum, zwei Sessel, ein niedriger Tisch, mehrere kleine Kommoden und ein Schrank, sowie einige Ausleger machten ihn wohnlicher und ansehnlicher als das erste Schlafzimmer. Das dritte und letzte Zimmer war auch ein Schlafzimmer, aber hell und freundlich eingerichtet, hübsche Möbel, ein schönes Bett, ein Spiegel und ein Waschtisch. „Das nehme ich", beschloss Anne und warf ihre Reisetasche auf das Bett. Mordaunt war einverstanden und schickte ihren Wirt fort. Er nahm das erste Zimmer, das zweite wollten sie zum Essen nutzen, wenn sie daheim waren oder für Briefe und dergleichen.
Die junge Frau verabredete mit Mordaunt, dass sie sich in einer Stunde zum Essen treffen wollten. In der Zeit ruhten sie sich aus und machten sich etwas frisch.
Pünktlich trafen sie sich dann auf dem Flur.
Sie trug nun ein eleganteres, dem Zeitgeschmack und dem Land entsprechenden Kleid, ihre Haare hatte sie sehr kleidsam aufgesteckt. Mordaunt trug seine übliche dunkle Kleidung, Rapier und einen weiten Mantel, weil es gegen abend frischer wurde. Dann erkundeten sie Paris. Es herschte großes Gedrängel in den Straßen, Händler boten allerlei Sachen an und von einem kauften sie zwei Pasteten, die sie sofort verzehrten. Selbst dem unbeteiligtem Zuschauer aber fiel auf, dass es in Paris gärte. Viele einfache Bürger trugen Waffen, manche tuschelten in Grüppchen miteinander und warfen misstrauische Blicke jedem zu, der sich ihnen näherte. Leise erklärte Mordaunt Anne, was es damit auf sich hatte. Das war bereits so gewesen, als er die Lage vor einiger Zeit für Cromwell ausgekundschaftet hatte. Die Bürger von Paris waren unzufrieden und aufrührerisch, doch noch ließen sie sich von den zahlreichen berittenen Patrouillen, die umherstreiften, so einschüchtern, dass sie bisher keinen Angriff wagten. Währenddessen näherten sie sich einer Straßenbiegung, an dem sich mehrere Menschen angesammelt hatten. Neugierig geworden, kamen sie näher heran. Auf einem Treppenabsatz vor einem Hauseingang stand. Er war dünn, wirkte abgezehrt und ungesund, als hätte er eine schwere Krankheit hinter sich und seine flammendroten Haare stachen deutlich gegen die Blässe seines Gesichts ab. Doch seine Stimme klang laut und kräftig, als er anhub, zu sprechen.
„Bürger von Paris!", rief er, „Ihr wisst, dass es so mit unserer Stadt nicht weitergehen kann! Ihr alle klagt über die hohen Steuern und über das Elend, das selbst in die Häuser der Reichsten Einzug gehalten hat! Und Ihr wisst, wem wir das alles zu verdanken haben. Doch noch ist es nicht so weit, dass ich den Namen des Unglücksseligen ausspreche-" „Nieder mit Mazarin!", rief einer, der in der Menge stand, dazwischen.
„- doch ich und ihr alle werdet nicht länger dulden, was selbst mit angesehenen Bürgern unserer Stadt passiert!" Im Überschwang seiner Worte riss er die Arme nach oben, während die Menge beifällig knurrte. Sie alle wussten, wer für die Verhaftung einiger angesehener Herren von Gericht verantwortlich war und diese Geschehnisse hatten sie in Angst und Schrecken versetzt.
„Und so sage ich euch, lasst euch nichts mehr gefallen. Dient der Fronde, dann wird sie euch dienen! Und irgendwann wird der Tag-" Er brach plötzlich ab und sah voll Angst über die Köpfe seiner Zuhörer hinweg. Dann sprang er von dem Treppenabsatz hinunter und während er in die enge Gasse hineinlief, die zur großen Straße mündete, rief er: „Denkt an meine Worte. Die Fronde ist für die, die ihr beitreten wollen, leicht zu finden!" und war bald darauf im Gewühl der Menge verschwunden. Alle, auch Anne und Mordaunt wandten sich um, um zu sehen, was ihn so in Angst und Schrecken versetzt hatte. Eine Patrouille Musketiere Seiner Majestät kam direkt auf sie alle zugeritten und den Gesichtern der Musketiere nach wussten sie sehr wohl, wen sie eben hatten verschwinden sehen. Dafür sprach auch die Geste des Vordersten, auf dessen Handbewegung sich die Musketiere in Trab setzten. Die Bürger von Paris wussten, was das zu bedeuten hatte. Binnen kürzester Zeit hatte sich der Auflauf um den Treppenabsatz aufgelöst und jeder ging wieder seinem Tagewerk nach, als wäre nichts geschehen. Nur Anne und Mordaunt, die kaum glauben konnten, mit welcher Kaltblütigkeit die Pariser eben noch aufrüherischen Worten gelauscht hatten und nun respektvoll den Musketieren Seiner Majestät Platz machen, blieben da stehen, wo sie waren. Die Patrouille war nun ganz heran. Der Mann an der Spitze schien ein ranghöherer Offizier zu sein, auf jeden Fall musterte er mit scharfem Blick die beiden jungen Menschen vor sich. Aber er gab seinen Leuten ein Zeichen, weiterzureiten, ohne das Wort an sie zu richten. Mit einem tiefen Aufatmen blickte Anne der Patrouille hinterher, dann ging sie langsam an Mordaunts Arm weiter. Sie schwiegen eine Weile und dachten über das nach, was eben vorgefallen war. Doch wie auf Verabredung erwähnten sie es nicht, nicht hier, wo jeder sie hören konnte. Stattdessen versuchte Anne, auf ein weniger verfängliches Thema zu kommen.
„Wie fandest du den Grafen de Wardes?" „Eher unangenehm", entgegnete Mordaunt, erleichtert darüber, dass sie den jungen Grafen erwähnte. „Aber wir müssen mit ihm auskommen, ich denke, er weiß einiges, was von Wichtigkeit für mich sein könnte, ich werde mich hüten, es mir mit ihm zu verderben." Sie schlenderten langsam durch die Menschenmassen, es war Markt und dementsprechend voll. „Was soll er denn wissen?", erkundigte sich Anne. „Du hast ihn gehört, er könnte uns bis zum König bringen, wie er behauptet hat, aber denkst du wirklich, der König weiß, was hier im Staat geschieht? Er ist doch ohnehin noch ein Kind." „Zum König will ich doch gar nicht, nur bis zu seiner Leibgarde. Ich habe erfahren, dass die Männer, die meine Mutter getötet haben, Musketiere waren. Was liegt also näher, als über de Wardes Bekanntschaft mit Musketieren zu machen und über diese herauszufinden, wer meine Mutter kannte und etwas mit ihren Tod zu tun hatte." „ Glaubst du tatsächlich, dass de Wardes Bekanntschaft mit Musketieren hat? Und woher weißt du, dass deine Mutter von Musketieren getötet wurde? Wer hat es dir gesagt?" Forschend blickte sie den jungen Mann an, doch Mordaunt blickte vor sich auf die Straße. Schließlich sagte er: „Der General hat doch so dringend mit mir zu sprechen verlangt. Er hat ein wichtiges Schreiben erhalten, wo ich viel erfahren habe, auch wie meine Mutter gestorben ist. Kurz darauf bin ich doch wieder fortgeritten. Ich habe den Mann gesucht, der das geschrieben hat, er war bei ihrem Tod dabei. Durch ihn habe ich erfahren, dass die Mörder meiner Mutter Musketiere waren, bis auf einer." „Wenn dieser Mann bei dem Tod dabei war, dann hat er ihn wohl nicht verhindert?", murmelte Anne leise.
„Nein, er hat… nun, den letzten Handstreich getan. Er hat sie getötet, aber andere waren ihre Richter und somit schuldiger als er." „Was hast du mit ihm getan, als du erfahren hast, was du wissen wolltest?", fragte sie zögerlich, als wolle sie die Antwort gar nicht hören. Mordaunt antwortete auch nicht, aber er spürte deutlich, wie sie zusammenschauderte. Sie schwiegen nun und Anne fragte sich, ob der Mann an ihrer Seite derselbe war, der damals vor inzwischen achtzehn Jahren an der Hand ihres Vaters als fünfjhäriger Knabe über die Schwelle ihrer Haustür geführt worden war. Damals hatte er noch nichts von der Rache gewusst.
Okay, ich finde das zweite Kapitel ziemlich blöd, auch wenn mir jemand versichert hat, das ist es gar nicht, ich erwarte wie immer eure Kommentare!
Chibiangel16: Habe mich sehr gefreut, dass es bei dir weitergegangen ist, mein Review hast du doch hoffentlich bekommen? Du fandest die andere Version mysteriöser??? Kann ich wirklich nicht nachvollziehen, ich fand sie langweilig ;-). Ich hoffe aber trotzdem, dass du hier weiterliest! Und natürlich werde ich mich bemühen, das dritte Kapitel bald hochzuladen und das vierte zu schreiben! Das gleiche hoffe ich auch von dir! ;-)
Maren: Auch über dein Reviwe habe ich mich sehr gefreut! Wer weiß, vielleicht schreibe ich irgendwann alle Kapitel und veröffentliche sie dann in geringem Abstand auf unserer Lieblingsseite.
Und jetzt weiß ich gar nicht, wie ich auf deine Kritik so reagieren soll... Ja, ich mag Mordaunt auch sehr, warum sonst habe ich ihn so beschrieben? ;-) Und was mit Anne und ihm ist höhö geheimnisvollguck das werde ich nicht verraten... Und was die Sache angeht, von wegen, ich habe Mordaunt nicht vorgestellt, daa hast du dich verlesen, Cromwell nennt in seinem ersten Satz seinen Namen: "Nun, mein lieber Mordaunt..." oder so ähnlich. Aber ich hatte schon irgendwie Probleme damit, keine Ahnung weshalb, seinen Namen da irgendwie unterzukriegen.
Und was die Charakterisierung des Henkers angeht, du hast recht, mir ist da auch ein bisschen was eingefallen, werde ich noch umändern. Und alternativ den Henker am Leben lassen ... Bist du dir sicher, dass das zu Mordaunt passt? )
Na, ich hoffe trotzdem, das du hier weiterliest, ich brauche ja noch dein Amen, ob ich es woanders veröffentlichen kann. Irgendwann, in etwa dreihundert Jahren... )
Achja, kann mir irgendwer verraten, wie das hier mit dem Kursivschreiben geht???
2. Kapitel
Mordaunt ließ sich am nächsten Morgen, entgegen seines Versprechens, welches er Anne gestern gegeben hatte, nicht beim Frühstück blicken. Er tauchte gegen zehn Uhr bei dem General auf, den er um Befehle für die Reise nach Frankreich bat. Die Ereignisse gestern Nacht erwähnte er überhaupt nicht. Dennoch fiel dem General auf, dass der junge Mann müde und leichenblass war, auch schien er fahrig und etwas zerstreut. Cromwell händigte seinem Vertrauten zwei Briefe aus, deren Inhalte Mordaunt später auswendig lernte und versah ihn mit den nötigsten Instruktionen. Mordaunt wusste allein, wie er zu handeln hatte und wie er mit dem Kardinal sprechen sollte. Als das Gespräch beendet war, erhob sich Mordaunt allerdings nicht sofort. Der General sah auf als er bemerkte, dass der junge Mann vor ihm sich nicht rührte.
„Möchtet Ihr noch etwas wissen?" „Ja, mein Herr. Verzeiht mir, aber noch weiß ich nicht genau, weshalb Anne mitkommen soll. Zwei Personen sind doch auffälliger als einer allein." Der General schüttelte leicht den Kopf.
„Ihr vergesst, dass ein Mann allein eher Aufmerksamkeit erregen wird als ein Herr, der einer Dame die Stadt zeigt. Anne kann Euch sicherlich nützlich sein, sie wird bestimmt einiges herausfinden-" „Sie weiß doch aber gar nichts über meine Mutter", warf Mordaunt mürrisch ein, „und sie mag es nicht, wenn ich von ihr anfange." „Mein lieber John-Francis, seid versichert, Anne wird Euch immer unterstützen. Ihr müsst Verständnis für sie haben, Ihr redet viel von Eurer Mutter und womöglich ist Anne eifersüchtig. Schenkt ihr doch mehr Aufmersamkeit." Mordaunt wurde puterrot und erhob sich stumm, als der General zur Tür ging und sie ihm aufhielt.
Am nächsten Tag am Abend kamen Anne und Mordaunt völlig erschöpft in Dover an. Sie waren den ganzen Weg in schnellem Tempo geritten, der General hatte befohlen, dass sie sich erst in Frankreich eine Kutsche nehmen sollten, aber nur, wenn es unbedingt sein musste. Am Hafen lag das Schiff, dass sie nach Frankreich bringen sollte. Anne überließ es Mordaunt, mit dem Kapitän zu verhandeln, der horrende Preise verlangte und bestieg bereits das Schiff. Sie trug ein praktisches Reisekleid ohne viel Verzierung und trug ihr dunkles Haar wie üblich mit bunten Bändern geflochten. Es ging nur ein leichter Wind, es war nicht sehr warm und der Himmel war grau, aber es regnete nicht.
Anne stand mit anderen Fahrgästen an der Reling und betrachtete die Möwen, die sich vom Wind treiben ließen, als sie ein wütendes Geschrei hörte. Zusammen mit vielen anderen Passagieren wandte sie sich dem Land zu, wo ein junger Herr in einer Kutsche den Kutscher anschrie, weil die Pferde sich weigerten, das Schiff zu betreten.
Anne bemerkte sofort, dass der Herr Franzose war, mischte er in seine Beschimpfungen doch immer wieder französische Kosenamen für den Kutscher, die sie nicht alle verstand. Belustigt kam die junge Frau näher, während der junge Franzose inzwischen aus der Kutsche ausgestiegen war und mit einer Reitgerte auf den Kutscher einprügeln wollte. Mordaunt hatte den jungen Franzosen wohl bemerkt, verhandelte aber noch mit dem Kapitän. Als der Franzose aber handgreiflich gegen den Kutscher werden wollte, was er nebenbei beobachtete, beendete er das Gespräch und trat zu dem Franzosen.
„Monsieur", sprach er ihn auf französisch an, „bitte beruhigt Euch. Wenn Ihr Verständigungsprobleme habt, kann ich Euch vielleicht dolmetschen." Der Franzose starrte ihn eine Weile sprachlos an und begann sich dann laut auf Französisch über das grauenhafte England, das schlechte Wetter und die unfähigen Kutscher zu beschweren. Mordaunt lächelte dazu nur und gab dem Kutscher einen Wink, der daraufhin die Pferde ausschirrte und sie über eine extra dafür hingelegte Planke auf das Schiff brachte. Während Mordaunt dem Toben des Franzosen lauschte, führte er ihn langsam zum Schiff.
Schließlich beruhigte sich der Franzose und musterte Mordaunt, den er bis dahin kaum beachtet hatte, aufmerksamer, während sie zusammen langsam das ablegebereite Schiff über eine breite Planke betraten. Kurz darauf legte das Schiff auch endlich ab, die Segel blähten sich und bald befanden sie sich auf dem freien Meer. Der Franzose fasste sich inzwischen.
„Verzeiht mein schlechtes Benehmen, was müsst ihr für einen unmöglichen Eindruck von mir haben," sagte er glatt und nun, da seine Miene nicht mehr verzerrt war, bemerkte Mordaunt, dass dieser junge Mann vor ihm ein zwar schönes Gesicht hatte, dessen Ausdruck aber nichtssagend und übersättigt war. „Ich bin der Graf de Wardes, Sohn des Grafen de Wardes und stehe Euch jederzeit mit Leib und Degen zur Verfügung und wenn es sein muss, auch mit der Geldbörse." „Auch mein Leib und Degen stehen Euch zur Verfügung, Monsieur, aber von Schulden wollen wir nicht sprechen, weil ein guter Mann keine macht", entgegnete Mordaunt höflich, wenn auch kühl. De Wardes sah Mordaunt eine Weile sprachlos an und fing dann an laut zu lachen.
„Oh, mein Herr, das habe ich früher auch mal gesagt. Aber lassen wir das, es führt doch zu nichts, sich über Geld zu unterhalten, wenn man keines hat. Ich weiß leider immer noch nicht Euren Namen." „John-Francis Mordaunt, Monsieur", Mordaunt deutete eine leichte Verneigung an. In des Grafen Gesicht arbeitete es, während er mechanisch die Verneigung erwiderte. Dieser Herr vor ihm hatte das Auftreten und Benehmen eines Edelmannes, trug auch einen Degen und war gut, wenn auch nicht unbedingt vornehm gekleidet. Aber Anne, die gerade herankam, enthob ihn seiner weiteren Gedanken, die ohnehin nie eine besondere Tiefe annahmen und ihn anstrengten.
„Anne, das ist der Graf de Wardes aus Frankreich. Monsieur, dies ist Lady , die mit mir nach Paris reist", stellte Mordaunt vor. Anne neigte grüßend den Kpopf, während de Wardes ihre Hand ergriff, um sie zu küssen.
„Ich bin entzückt, Euch kennenzulernen, Mylady, und Euch, Monsieur, muss ich zu Eurer bezaubernden Verlobten beglückwünschen," breit lächelte der Graf, Mordaunt und Anne sahen irritiert aus und vermieden es, sich anzusehen.
„Wir sind nicht verlobt", brachte Mordaunt schließlich hervor.
„Ach, noch nicht?", de Wardes sah von einem zum anderen. Dann fuhr er tröstend fort:
„Na, wird schon noch werden, der Herr Vater wird irgendwann sicher noch in die Heirat mit einem Bürgerlichen einstimmen. Macht Euch bitte nicht zuviele Gedanken, das ist wahrhaft schlecht für den Teint." Anne sah aus, als wolle sie diesen taktlosen Grafen schlagen, während Mordaunt immer blasser wurde. Es entstand ein Schweigen.
Nun schien de Wardes endlich zu bemerken, dass er in ein Fettnäpfchen getappt war und überlegte krampfhaft, wie er sich aus dieser unangenehmen Situation befreien konnte.
„Ihr hattet Ärger mit Euren Pferden und dem Kutscher?", erkundigte Mordaunt sich schließlich, nachdem er sich einigermaßen gefasst hatte. Erleichtert über diese Hilfestellung fing de Wardes sofort wieder mit seinen Beschwerden an.
„Oh ja, der Kutscher ist ein unfähiger Trottel und die Pferde können nicht auf ein Schiff gehen, dabei stammen sie doch von der Insel. Meine Pferde in Frankreich haben in dieser Hinsicht keine Probleme gemacht." Er schüttelte den Kopf, als könne er nicht glauben, dass englische Pferde so dumm sein konnten und fuhr dann fort:
„Und Ihr, Ihr fahrt nach Frankreich? Wohin denn da? In die Bourgogne oder Normandie? Jetzt im Frühling ist es wunderschön dort, ich könnte Euch-" „Wir sind auf dem Weg nach Paris", unterbrach Anne den Grafen unhöflicherweise. Jedoch war das Fell des Grafen dicker als sie angenommen hatte, er fuhr unbekümmert fort:
„Wundervoll! Oh Monsieur, dann müsst Ihr mir erlauben, mit Euch zu fahren, es wäre mir eine Freude, mit Ortsfremden in Paris einzufahren und ihnen alles zeigen zu können." „Ich muss Euch enttäuschen, Monsieur", entgegnete Mordaunt, „Ich war bereits in Frankreich. Außerdem reiten wir und so wird die Reise für Euch eher unangenehm werden, da Ihr dann ohne Kutsche seid." „Aber, ich bitte Euch, das ist doch gar keine Frage! Ihr fahrt selbstverständlich bei mir mit, das bereitet mir nicht die geringsten Schwierigkeiten und ich habe wenigstens noch angenehme Gesellschaft." Mordaunt verneigte sich und nahm das Angebot dankbar an. Vor allem Annes wegen war er erleichtert, der Gewaltritt von Cromwells Gut bis nach Dover hatte sie doch ziemlich mitgenommen. Sie zog sich nun auch unter Deck zurück, während de Wardes Mordaunt freimütig unterhakte und mit ihm plaudernd auf dem Deck promenierte. Es herrschte nur mäßiger Seegang und die Segel hingen schlaff herunter, aber sie machten trotzdem gute Fahrt. Morgen Vormittag würden sie bereits Frankreichs Küste sehen. De Wardes fand Mordaunt sehr sympathisch, auch wenn dieser Engländer und, wie es schien, auch noch Puritaner war. Aber gerade die waren, wenn man sie erst einmal näher kennenlernte, sehr lustige Kameraden, also machte er sich in dieser Hinsicht nicht die geringsten Sorgen. Er nahm sich jetzt schon fest vor, dem jungen Mann Paris von der schönsten Seite zu zeigen. Es wurde Zeit, dass er sich wieder richtig amüsierte in allerlei Häusern, deren Adressen man nur geflüstert weitergab und dieses Amüsieren brachte nur Freude, so man einen gleichgesinnten Kameraden dabei hatte. Warum sonst hieß die Stadt auch „Die Stadt der Liebe"?
„Wie lange habt Ihr denn vor, in Paris zu bleiben?", erkundigte er sich.
„Das kommt auf die Gegebenheiten an. Vielleicht zwei Wochen, vielleich auch vier." „Das ist wenig. Bitte, ihr müsst mir gestatten, Euch Paris zu zeigen. Ihr habt bestimmt noch nicht alles gesehen. Wann wart Ihr denn das letzte Mal dort?" „Vor einer Woche." De Wardes sah überrascht aus.
„Oh? Und jetzt wieder? Habt Ihr das letzte Mal ausgekundschaftet, für die Hochzeitsreise?" De Wardes stieß Mordaunt leicht mit dem Ellbogen und kicherte glucksend. Mordaunt blieb unbewegt.
„Ihr irrt Euch, Monsieur, Lady und ich sind nicht verlobt. Also sind wir auch nicht auf Hochzeitsreise und wir fliehen auch nicht vor ihrem gestengen Vater, wenn Ihr das meint zu wissen." Der Graf begriff den leichten Spott nicht, sondern war nur enttäuscht, dass seine schönen Vorstellungen nun zunichte gemacht waren.
„So ist das also. Nun, meint Ihr denn, Ihr werdet Zeit haben in Paris?" „Ich hoffe es." „Wisst Ihr schon, wo Ihr wohnen werdet?" „Allerdings, mir ist eine sehr gute Herberge genannt worden." De Wardes war entsetzt.
„Eine Herberge, aber Monsieur, ich bitte Euch. Ein Mann in Eurer Stellung oder gar die Lady!" „Ich glaube nicht, dass ich mir dort etwas vergebe und sie auch nicht", sagte Mordaunt abschließend. De Wardes begriff, dass das Gespräch beendet war, begab sich unter Deck und kam für die nächste Zeit nicht wieder hervor. Mordaunt selbst blieb auf dem Deck, als brauchte er keinen Schlaf. Er fragte sich, wie de Wardes auf den Gedanken gekommen war, dass Anne und er verlobt wären. Sahen sie aus wie junge Hochzeitsreisende? Schlugen ihnen schon die Funken der Liebe aus den Augen? Mordaunt hatte nie über seine Beziehung zu Anne nachgedacht und war sich sicher, dass sie es auch noch nie getan hatte. Er kannte sie seit frühester Kindheit, war er doch ihr Pflegebruder gewesen, sie hatten zusammen gespielt und waren zusammen aufgewachsen, in dem Haus seiner Pflegeeltern, die ihn in seinem fünften Lebensjahr von der Landstraße geholt hatten und er konnte sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Er dachte an Cromwells Worte „Vielleicht ist sie eifersüchtig" und schüttelte diesen Gedanken dann ab. Er war purianisch erzogen worden, es gab für ihn keine Freude und schon gar nicht Gefühle, erst recht nicht, wenn er hier eine schreckliche Rache vornehmen wollte, der er sein Lebensziel geweiht hatte. Danach konnte man weitersehen, aber dazu war später immer noch Zeit. Er war noch jung. Am Vormittag des nächsten Tages legte das Schiff in Calais an. Es wimmelte von Menschen, die sich beeilten vom Schiff zu kommen, direkt in die Arme von Freunden oder Verwandten, die sehnsüchtig gewartet hatten.
Anne, Mordaunt und de Wardes verließen zusammen das Schiff. Sie entfernten sich von der Anlegestelle und der junge Graf sah sich suchend um. Doch bald darauf hellten sich seine Züge auf, er winkte heftig und rief:
„Jaques! Jaques, mein Junge, rasch hierher!" Eine Kutsche, gezogen von vier kräftigen Pferden hielt auf sie zu. De Wardes grinste.
„Auf meine Leute kann ich mich immer verlassen, besser gesagt auf meinen Vater", erzählte er mit einer aufgeblasenen, unerträlichen Arroganz, „mein Kutscher Jaques wartet bestimmt schon seit Tagen. Ich kann nun mein Versprechen einlösen, mein lieber Monsieur Mordaunt, dass ich Euch einlade." Er deutete auf die Kutsche, die nun ganz heran war und öffnete den Verschlag. „Die Damen haben den Vortritt." Er half Anne in die Kutsche und kletterte selbst hinterher, Mordaunt folgte nach. Die Kutsche war mit guten Stoffen ausgelegt und sehr geräumig. Sobald alle saßen, trieb der Kutscher die Pferde an und sie fuhren durch die engen Gassen Calais'. Die Pferde aus England wurden mitgeführt.
„Euer Vater lebt in Paris?", erkundigte sich Anne bei de Wardes, während sie ihr Kleid ordnete.
„Allerdings, meine Teure, er hat dort ein sehr hübsches Haus, welches ich später einmal erben werde, ich kann es kaum noch erwarten." Er bemerkte die entsetzten Geischter von Anne und Mordaunt und fügte rasch hinzu.
„Nicht dass ich meinem Vater den Tod wünsche, aber das Haus in Paris ist von allen Besitztümern, die er sein eigen nennt, doch bei weitem das Schönste und Großzügigste. Ich habe keinen festen Wohnsitz, habe nun auch eine Zeitlang in England gelebt und dort einige Freuden genossen. Nun war leider das Geld knapp und mein Vater, dieser Knauser, weigerte sich, es mir zu schicken. Da wird ein Streit auf mich zukommen, aber gewöhnlich gewinne ich doch." De Wardes lächelte überheblich und Anne und Mordaunt lächelten etwas gezwungen zurück.
„Ich muss auch wieder Bekanntschaften auffrischen, womöglich gibt es auch ein kleines Fest oder einen netten Abend. Ihr seid dann selbstverständlich auch eingeladen, als meine Freunde." Anne neigte dankend das Haupt.
„Ihr seid zu liebenswürdig, ich weiß nicht, was wir in Paris anfangen sollten ohne Euch." De Wardes warf sich stolz in die Brust und Anne musste sich ihr Lachen verbeißen.
„Ich bitte Euch, Mademoiselle, es ist doch selbstverständlich. Man hilft sich doch in der Not, nicht wahr?" Dass der Graf dabei auch eigene Vorteile zu ziehen gedachte, war unübersehbar.
„Ihr kennt viele Leute in Paris?", mischte sich Mordaunt in das Gespräch ein. „Aber Monsieur, wie könnt Ihr so fragen, ich kenne jeden!", rief de Wardes aus. „Ich kann Euch jedem einflussreichen Adligen vorstellen, den Ihr nur verlangt, ich kann Euch sogar bis zum König bringen." „Nun, das ist vorerst sicher nicht nötig, ich wüsste im Augenblick auch niemanden, nach dessen Bekanntschaft ich verlangte, aber es beruhigt doch ungemein, zu wissen, dass man sich vertrauensvoll an Euch wenden kann, wenn man jemanden braucht." „Verfügt über mich wie über Euren Diener", bot de Wardes an.
Anne und Mordaunt tauschten einen Blick und versuchten, nicht zu lachen, dann lehnte Anne sich zurück als wolle sie schlafen. Daraufhin erstarb das Gespräch, während die Landschaft in raschem Tempo an ihnen vorüberzog.
Bei der Ankunft in Paris waren sie alle müde und erschöpft. De Wardes entschuldigte sich in der Nähe der Place Royale, er müsse hier aussteigen. Sein Kutscher habe aber den Befehl, die Herrschaften bis zu ihrer Unterkunft zu bringen. „Ich hoffe, Ihr wisst, dass ich Euer Diener bin, Mademoiselle, Monsieur. Es würde mich sehr freuen, wenn Ihr Euch bei mir zu Hause einfinden würdet, sagen wir, in zwei Tagen. Am Mittwoch? Ich wohne an der Place Royale und werde stets auf Euch warten. Ich empfehle mich." Nach einigen weiteren, endlosen Grußformeln stieg er endlich aus der Kutsche. Anne lehnte den Kopf an Mordaunts Schulter und sie wurden zu ihrer Unterkunft gebracht, nachdem Mordaunt dem Kutscher die Adresse genannt hatte. Als sie ankamen, entlohnte Mordaunt den Kutscher reichlich, der ihm daraufhin seiner ewigen Treue versicherte und sie klopften an die Haustür ihres Heimes in Paris.
Es war ein schmales, dreistöckiges Gebäude mit dunkler Fassade, einfach und schmucklos.
Ihr Wirt öffnete fast sofort und brachte ihnen nach langwierigen Verhandlungen über die Preise die Schlüssel für die Zimmer, die im oberen Stockwerk lagen. Hinauf gelangte sie über eine schmale Treppe, die bei jedem Schritt knarrte und auseinanderzubrechen drohte, sobald sich mehr als drei Personen auf ihr befänden.
Oben war ein enger Korridor, nur schwach beleuchtet von einem dreiarmigen Leuchter der auf einem kleinen Tisch direkt neben der Stiege stand. Rechts und links waren Türen, insgesamt gab es sechs Zimmer.
„Sind die anderen Zimmer bewohnt?", fragte Mordaunt, während der Vermieter, ein schon älterer Herr mit Schmerbauch und einem Haarstreifen um seinen ansonsten kahlen Schädel, die erste Tür links von der Treppe öffnete.
„Nein, mein Herr", der Vermieter rang keuchend mit dem Schloss, „die Geschäfte gehen schlecht, daher auch diese Preise, Ihr müsst das verstehen. Niemand will diese Zimmer haben, keine Seele. Dabei muss ich doch auch leben." Endlich gab das Schloss nach und die Tür öffnete sich mit einem leisen Knarren.
Anne und Mordaunt traten ein und ihr Wirt öffnete inzwischen die anderen zwei Zimmer, die sie gemietet hatten.
Das erste Zimmer war ein Schlafzimmer, ein großes Bett, ein Tisch nebst zwei Stühlen, eine Kommode und ein Schrank bildeten das Inventar. Anne schien wenig begeistert. „Sehen wir uns die anderen Zimmer an." Das zweite war ein Wohnraum, zwei Sessel, ein niedriger Tisch, mehrere kleine Kommoden und ein Schrank, sowie einige Ausleger machten ihn wohnlicher und ansehnlicher als das erste Schlafzimmer. Das dritte und letzte Zimmer war auch ein Schlafzimmer, aber hell und freundlich eingerichtet, hübsche Möbel, ein schönes Bett, ein Spiegel und ein Waschtisch. „Das nehme ich", beschloss Anne und warf ihre Reisetasche auf das Bett. Mordaunt war einverstanden und schickte ihren Wirt fort. Er nahm das erste Zimmer, das zweite wollten sie zum Essen nutzen, wenn sie daheim waren oder für Briefe und dergleichen.
Die junge Frau verabredete mit Mordaunt, dass sie sich in einer Stunde zum Essen treffen wollten. In der Zeit ruhten sie sich aus und machten sich etwas frisch.
Pünktlich trafen sie sich dann auf dem Flur.
Sie trug nun ein eleganteres, dem Zeitgeschmack und dem Land entsprechenden Kleid, ihre Haare hatte sie sehr kleidsam aufgesteckt. Mordaunt trug seine übliche dunkle Kleidung, Rapier und einen weiten Mantel, weil es gegen abend frischer wurde. Dann erkundeten sie Paris. Es herschte großes Gedrängel in den Straßen, Händler boten allerlei Sachen an und von einem kauften sie zwei Pasteten, die sie sofort verzehrten. Selbst dem unbeteiligtem Zuschauer aber fiel auf, dass es in Paris gärte. Viele einfache Bürger trugen Waffen, manche tuschelten in Grüppchen miteinander und warfen misstrauische Blicke jedem zu, der sich ihnen näherte. Leise erklärte Mordaunt Anne, was es damit auf sich hatte. Das war bereits so gewesen, als er die Lage vor einiger Zeit für Cromwell ausgekundschaftet hatte. Die Bürger von Paris waren unzufrieden und aufrührerisch, doch noch ließen sie sich von den zahlreichen berittenen Patrouillen, die umherstreiften, so einschüchtern, dass sie bisher keinen Angriff wagten. Währenddessen näherten sie sich einer Straßenbiegung, an dem sich mehrere Menschen angesammelt hatten. Neugierig geworden, kamen sie näher heran. Auf einem Treppenabsatz vor einem Hauseingang stand. Er war dünn, wirkte abgezehrt und ungesund, als hätte er eine schwere Krankheit hinter sich und seine flammendroten Haare stachen deutlich gegen die Blässe seines Gesichts ab. Doch seine Stimme klang laut und kräftig, als er anhub, zu sprechen.
„Bürger von Paris!", rief er, „Ihr wisst, dass es so mit unserer Stadt nicht weitergehen kann! Ihr alle klagt über die hohen Steuern und über das Elend, das selbst in die Häuser der Reichsten Einzug gehalten hat! Und Ihr wisst, wem wir das alles zu verdanken haben. Doch noch ist es nicht so weit, dass ich den Namen des Unglücksseligen ausspreche-" „Nieder mit Mazarin!", rief einer, der in der Menge stand, dazwischen.
„- doch ich und ihr alle werdet nicht länger dulden, was selbst mit angesehenen Bürgern unserer Stadt passiert!" Im Überschwang seiner Worte riss er die Arme nach oben, während die Menge beifällig knurrte. Sie alle wussten, wer für die Verhaftung einiger angesehener Herren von Gericht verantwortlich war und diese Geschehnisse hatten sie in Angst und Schrecken versetzt.
„Und so sage ich euch, lasst euch nichts mehr gefallen. Dient der Fronde, dann wird sie euch dienen! Und irgendwann wird der Tag-" Er brach plötzlich ab und sah voll Angst über die Köpfe seiner Zuhörer hinweg. Dann sprang er von dem Treppenabsatz hinunter und während er in die enge Gasse hineinlief, die zur großen Straße mündete, rief er: „Denkt an meine Worte. Die Fronde ist für die, die ihr beitreten wollen, leicht zu finden!" und war bald darauf im Gewühl der Menge verschwunden. Alle, auch Anne und Mordaunt wandten sich um, um zu sehen, was ihn so in Angst und Schrecken versetzt hatte. Eine Patrouille Musketiere Seiner Majestät kam direkt auf sie alle zugeritten und den Gesichtern der Musketiere nach wussten sie sehr wohl, wen sie eben hatten verschwinden sehen. Dafür sprach auch die Geste des Vordersten, auf dessen Handbewegung sich die Musketiere in Trab setzten. Die Bürger von Paris wussten, was das zu bedeuten hatte. Binnen kürzester Zeit hatte sich der Auflauf um den Treppenabsatz aufgelöst und jeder ging wieder seinem Tagewerk nach, als wäre nichts geschehen. Nur Anne und Mordaunt, die kaum glauben konnten, mit welcher Kaltblütigkeit die Pariser eben noch aufrüherischen Worten gelauscht hatten und nun respektvoll den Musketieren Seiner Majestät Platz machen, blieben da stehen, wo sie waren. Die Patrouille war nun ganz heran. Der Mann an der Spitze schien ein ranghöherer Offizier zu sein, auf jeden Fall musterte er mit scharfem Blick die beiden jungen Menschen vor sich. Aber er gab seinen Leuten ein Zeichen, weiterzureiten, ohne das Wort an sie zu richten. Mit einem tiefen Aufatmen blickte Anne der Patrouille hinterher, dann ging sie langsam an Mordaunts Arm weiter. Sie schwiegen eine Weile und dachten über das nach, was eben vorgefallen war. Doch wie auf Verabredung erwähnten sie es nicht, nicht hier, wo jeder sie hören konnte. Stattdessen versuchte Anne, auf ein weniger verfängliches Thema zu kommen.
„Wie fandest du den Grafen de Wardes?" „Eher unangenehm", entgegnete Mordaunt, erleichtert darüber, dass sie den jungen Grafen erwähnte. „Aber wir müssen mit ihm auskommen, ich denke, er weiß einiges, was von Wichtigkeit für mich sein könnte, ich werde mich hüten, es mir mit ihm zu verderben." Sie schlenderten langsam durch die Menschenmassen, es war Markt und dementsprechend voll. „Was soll er denn wissen?", erkundigte sich Anne. „Du hast ihn gehört, er könnte uns bis zum König bringen, wie er behauptet hat, aber denkst du wirklich, der König weiß, was hier im Staat geschieht? Er ist doch ohnehin noch ein Kind." „Zum König will ich doch gar nicht, nur bis zu seiner Leibgarde. Ich habe erfahren, dass die Männer, die meine Mutter getötet haben, Musketiere waren. Was liegt also näher, als über de Wardes Bekanntschaft mit Musketieren zu machen und über diese herauszufinden, wer meine Mutter kannte und etwas mit ihren Tod zu tun hatte." „ Glaubst du tatsächlich, dass de Wardes Bekanntschaft mit Musketieren hat? Und woher weißt du, dass deine Mutter von Musketieren getötet wurde? Wer hat es dir gesagt?" Forschend blickte sie den jungen Mann an, doch Mordaunt blickte vor sich auf die Straße. Schließlich sagte er: „Der General hat doch so dringend mit mir zu sprechen verlangt. Er hat ein wichtiges Schreiben erhalten, wo ich viel erfahren habe, auch wie meine Mutter gestorben ist. Kurz darauf bin ich doch wieder fortgeritten. Ich habe den Mann gesucht, der das geschrieben hat, er war bei ihrem Tod dabei. Durch ihn habe ich erfahren, dass die Mörder meiner Mutter Musketiere waren, bis auf einer." „Wenn dieser Mann bei dem Tod dabei war, dann hat er ihn wohl nicht verhindert?", murmelte Anne leise.
„Nein, er hat… nun, den letzten Handstreich getan. Er hat sie getötet, aber andere waren ihre Richter und somit schuldiger als er." „Was hast du mit ihm getan, als du erfahren hast, was du wissen wolltest?", fragte sie zögerlich, als wolle sie die Antwort gar nicht hören. Mordaunt antwortete auch nicht, aber er spürte deutlich, wie sie zusammenschauderte. Sie schwiegen nun und Anne fragte sich, ob der Mann an ihrer Seite derselbe war, der damals vor inzwischen achtzehn Jahren an der Hand ihres Vaters als fünfjhäriger Knabe über die Schwelle ihrer Haustür geführt worden war. Damals hatte er noch nichts von der Rache gewusst.
