Hi an alle fleißigen Leser. Tut mir leid, dass es wieder so ewig lange gedauert hat mit dem neuen Kapiteln. Das achte Kapitel dient nur so als Zwischenteil, für Nebenbei. Hoffe, es gefällt euch trotzdem. Ich bemühe mich, das neunte Kapitel sehr viel schneller fertigzustellen (in Ansätzen ist es schon vorhanden), damit ihr nicht ganz aufhört zu lesen, was ich natürlich vermeiden will.

Ich wünsche euch viel Spaß und freue mich über Reviews und konstruktive Kritik.

Viele Grüße an Maren, die sich immer beschwert hat, weil ich so langsam bin. ;-)


8. Kapitel

Von den mal stürmischen, mal zärtlich langsamen Klängen der Violinen getragen, schwebte Anne unterdessen mit immer wechselnden Partnern durch den Raum, ab und zu geschubst von anderen, ganz in die Musik versunkenen Paaren, woraufhin jedoch immer ein flötender Austausch von Entschuldigungen folgte, da es für alle Beteiligten unangenehm war, so unsanft aus dem Takt gebracht zu werden.

Die Geräusche der Tanzenden, die Schritte und die leisen Stimmen wurden überdeckt von den Melodien der Streicher und diese drangen still, unaufdringlich und lieblich durch Wände gedämpft bis in das Zimmer, in welchem de Wardes père und Mordaunt einander stumm gegenüber saßen.
Beide brachte das Gefühl zusammen, ganz abgeschirmt von der Gesellschaft und somit von aller Welt zu sein, doch während de Wardes wusste, dass sich das sofort beheben lassen würde, sobald er diesen Raum verließ, war Mordaunt überzeugt, dass er dieser heiteren und sorglosen Gesellschaft nie angehören werde. Dieses Wissen brachte ihn noch mehr auf gegen die seichte Oberschicht, der er dem Namen nach angehören könnte, wenn ihm nur seine Titel nicht genommen worden wären.
Schließlich brach Mordaunt das Schweigen, er richtete sich etwas im Sessel auf und versuchte, durch die Schatten des Zimmers hindurch des Grafens Gesicht auszumachen.
„Monsieur, Ihr wisst, warum ich Euch sprechen wollte." Er wartete einen Moment, doch der Graf schwieg.
„Ich sagte Euch vor nicht allzu langer Zeit, dass ich mehr über meine Mutter erfahren will. Nicht über ihr Leben. Ich weiß recht wenig davon, doch was ich weiß, genügt mir. Doch über ihrem Ende liegt ein Schatten, der mich daran hindert, in dieser Angelegenheit, die mir am meisten am Herzen liegt, klar zu sehen.
Meine Mutter ist ermordet worden. Warum?"
De Wardes wich dem bohrenden Blick des jungen Mannes aus, der sich nun noch mehr vorgebeugt hatte und den Eindruck einer Natter machte, die im nächsten Augenblick auf ihr Opfer zustoßen will.
„Ich sagte Euch bereits, dass Eure Mutter Feinde hatte", antwortete de Wardes endlich zögernd und vorsichtig. „Sie war eine bekannte Frau, die die Gesellschaft liebte. Euch ist nicht unbekannt, dass sie in den Diensten Kardinal Richelieus stand?"
Obwohl Mordaunt nichts davon wusste, nickte er. Mit einem Seufzen fuhr der Graf fort.
„Nun, sie war Agentin und man muss sagen, sie machte ihre Sache sehr gut. Dadurch aber verschaffte sie sich unter manchen Royalisten viele Feinde."
„Wenn ich mich recht erinnere, bat ich Euch, mir etwas über ihr Ende zu erzählen und warum sie ermordet wurde und keine Schilderung ihres Lebens", bemerkte Mordaunt kalt.
„Nicht so rasch, Monsieur, ich wollte Euch einiges erklären. Nun, da Ihr es so schnell erfahren wollt: Sie hatte es sich meines Wissens nach mit einigen Royalisten verscherzt, diese haben sie irgendwann gestellt und umgebracht." De Wardes atmete tief auf und fragte sich, ob er bereits zuviel gesagt hatte. Auf keinen Fall durfte er den jungen Mann auf eine richtige Fährte locken.
„Das weiß ich alles schon. Ich will Namen! Und ich will Gründe. Denn einfach so bringen fünf Mann keine Frau um." Überrascht blickte der Graf Mordaunt an.
„Woher wisst Ihr, dass es fünf waren?"
Mordaunt triumphierte.„Der Henker von Béthune! Ich weiß nicht, ob Euch dieser Name etwas sagt, aber mir hat dieser Mann sehr viel gesagt, bevor er sterben musste." De Wardes erblasste und ihm schauerte vor dem Sohn der Mylady, der seiner Mutter so ähnlich war. Mit demselben Ton in der Stimme hatte sie gesprochen, wenn es ihr wieder einmal gelungen war, einen Sieg zu erzielen und wenn sie dabei über Leichen gegangen war.
„Was wollt Ihr denn noch von mir, wenn Ihr doch schon alles wisst, Monsieur?"
„Namen, Gründe, ordentliche Angaben. Monsieur", Mordaunt versuchte seiner Stimme einen sanfteren, schmeichlerischen Klang zu geben, was ihm kaum gelang, „ich sagte bereits, es wird Euer Schade nicht sein. Was hindert Euch daran, mir manche Dinge zu sagen, von denen Ihr wisst? Mit Eurer Weigerung erweckt Ihr mir allmählich den Eindruck, als seid Ihr selbst am Mord meiner Mutter beteiligt gewesen."
Mit einem Gefühl der Angst blickte de Wardes den jungen Mann an, der sich langsam erhoben hatte und drohend vor ihm stand, das Gesicht im Schatten und doch spürte er seine stumme Frage, ob er einer der Mörder war.
Plötzlich kam es dem Grafen absurd vor, dass er sich hier vor dem Sohn seiner ehemaligen Geliebten rechtfertigen musste, in seinem eigenen Haus, in dem eine Gesellschaft stattfand, die fröhlich war und nichts vom Ernst des Lebens und schon gar nicht vom Tod wissen wollte.
Mit einem Ruck stand nun auch de Wardes auf, die matte Helligkeit vom Flur gab zeichnete scharfe Züge in sein Gesicht, da er mit dem Gesicht zur Tür stand, während Mordaunt noch immer im Dunkeln war.
„Eure Mutter, Monsieur, war mir eine entzückende Geliebte, anderen Menschen gegenüber aber war sie ein Dämon, ein Ungeheuer geradezu. Sie hat die Geliebte eines Mannes umgebracht, aus reiner Rachsucht, sie ist für den Tod des Herzogs von Buckingham verantwortlich und für den Tod eines anderen Mannes, den sie verführt und somit ins Elend gebracht hat. Außerdem hat sie das Leben eines weiteres Mannes zerstört, eines untadligen Edelmannes, sie hat geraubt, Unzucht getrieben und immer wieder versucht, den Männern, die sie später gerichtet haben, auf grausame Art das Leben zu nehmen. Sie…" Weiter kam der Graf, der seine Worte immer schneller hervorgestoßen hatte, nicht. Ein heftiger Schlag ins Gesicht hatte ihn zur Besinnung gebracht und mit verzerrtem Gesicht stand Mordaunt vor ihm, die Hand noch immer erhoben.
Langsam führte de Wardes seine Hand ans Gesicht, seine Wange brannte rot. Als sich der Graf versichert hatte, dass sein Gesicht noch heil war, blickte er wieder Mordaunt an.
„Das ist alles was ich Euch erzählen kann", sagte er sehr kühl. „Ihr könnt nicht weiter Hilfe von mir verlangen, nach dem, was Ihr gerade getan habt. Eigentlich müsste ich Euch fordern, doch ich schreibe es Eurer Sohnesliebe zu und werde Euch nicht dafür strafen. Ich wünsche Euch noch einen schönen Abend. Ich denke, Ihr verlasst das Haus." Mit diesen Worten wandte er sich zum Gehen, doch Mordaunt, der bis dahin wie erstarrt gestanden hatte, vertrat ihm den Weg.
„Die Mörder meiner Mutter, Monsieur", brachte er mit versagender Stimme hervor. „Bitte, nur die Namen…" Ärgerlich wich de Wardes ihm aus, ihm wurde dieser Auftritt zuviel.
„Monsieur, ich denke, es ist genug. Ich kann Euch nicht mehr sagen, da ich nicht mehr weiß. Belasst es dabei, mehr Informationen kann ich Euch nicht geben."
In einem letzten Versuch, den Grafen dazu zu bringen, sich zu verraten, rief Mordaunt:
„Monsieur, Ihr verschweigt mir was! Ich weiß, dass die Mörder meiner Mutter Musketiere waren!" Tatsächlich fuhr de Wardes heftig zusammen, als er das hörte und Entsetzen malte sich auf seinen Zügen, obwohl ihm Mordaunts lauernder Blick nicht entging, der gierig jede Regung beobachtete.
„Dann wisst Ihr… mehr als ich", brachte der Graf schließlich mit schwacher Stimme hervor. „Ihr werdet mich nicht gebrauchen können, Monsieur, denn das Musketiere die Mörder Eurer Mutter sind, ist mir völlig neu. Ich kann Euch nicht mehr sagen."
„Ihr lügt, Monsieur, ich sehe es Euch an. Ich habe in meinem Leben oft genug erkennen müssen, ob einer die Wahrheit sprach", entgegnete Mordaunt eisig. „Aber das tut nichts zur Sache. Ich werde ohne Euch weiter nachforschen und ich sage Euch, ich werde jeden töten, der sich mir in den Weg stellt. Und sollte ich in Erfahrung bringen, dass Ihr jemanden aus dem Corps der Musketiere gewarnt habt… dann werdet Ihr das bereuen, das schwör ich!"
Mit dieser Drohung trat Mordaunt an dem Grafen vorbei, stieß ihn dabei heftig an und kehrte, totenbleich und vollkommen erregt, zur Gesellschaft zurück.

Im Zimmer verharrte der Graf für einen Moment, während sich seine Gedanken überschlugen. Er musste die Musketiere warnen. Der Sohn der Mylady war offenbar deutlich gefährlicher, als er zuerst angenommen hatte und er bereute inzwischen zutiefst, dass er dem jungen Mann einen Fingerzeig gegeben hatte, als er ihn damals in den Korridor führte, in dem die Zeichnung seiner Mutter hing. Was hatte er da für einen Stein losgetreten, der sich anscheinend bereits in eine Lawine verwandelt hatte. Er musste unbedingt den Musketieren eine Warnung zukommen lassen. Doch wie sollte das geschehen? Er konnte nicht zu ihnen gehen und sagen: „Hütet Euch vor dem jungen Mordaunt, er ist der Sohn der Gräfin Winter und will die Mörder seiner Mutter umbringen." Nein, das wäre absurd. Das wäre auch für ihn viel zu gefährlich, wenn Mordaunt es herausfand, dass er die Musketiere gewarnt hatte… Zudem würden diese nie so unvorsichtig sein, dass sie sich dem jungen Mann zu entdecken geben oder sich auf irgendeine Art und Weise verraten würden. Immerhin waren sie erwachsene Menschen, erfahren und besonnen.

Mit diesem Gedanken beruhigte sich der Graf und als er kurze Zeit später zur Gesellschaft zurückkehrte, konnte ihm niemand anmerken, was zwischen ihm und Mordaunt vorgefallen war und dass er von der Gefahr wusste, in der einige der Gäste schwebten, wenn Mordaunt zuviel herausfand.

Es blieb nicht unbemerkt, dass der Vater des Gastgebers, Monsieur de Wardes, die Gesellschaft für einen Moment verlassen hatte. Man wunderte sich darüber, auf galante Einzelabenteuer war er offenbar nicht aus, denn seine derzeitige Geliebte, eine bezaubernde Dame von knapp dreißig Jahren, versicherte gerade hinter vorgehaltener Hand und unterbrochen von dem Gekicher der umstehenden Damen, dass sie den eleganten Grafen noch immer mit ihrer Gunst beglücke. Oder er sie mit seiner.

Die Abwesenheit des Engländers fiel allerdings nur drei Personen auf, den Herren d'Artagnan und de La Fère sowie Anne.

Monsieur d'Artagnan, der auf Grund seines Auftrages sowieso an Mordaunt interessiert war, näherte sich Anne, nachdem sich diese von einem Kavalier gelöst hatte, um ein wenig über ihren englischen Freund herauszufinden. Getrieben von einer väterlichen Sorge folgte ihm de La Fère, ihm erschien das Verhältnis zwischen den beiden Engländern noch nicht gesichert und er wollte, wenn sich seine Vermutungen bestätigten, seinem Ziehsohn gegebenenfalls einen Wink geben.

Erschöpft vom Tanzen ließ sich Anne auf einem eleganten, behaglichen Sessel nieder, den ein alter, grauhaariger Soldat ihr charmant anbot und blickte überrascht auf, als der Leutnant der Musketiere und der Vater ihres verliebten Tanzpartners plötzlich vor ihr standen.„Mademoiselle, ist es gestattet, bei Euch Platz zu nehmen und ein wenig zu plaudern?", erkundigte sich d'Artagnan höflich. Mit einem Neigen ihres Hauptes bejahte sie und fächelte sich Luft zu, während die beiden Herren sich ebenfalls Sessel zu ihr heranzogen.
Einem Diener fiel ihr leicht gerötetes Gesicht und ihr Wedeln mit dem Fächer auf und er bot ihr eine Erfrischung an, die sie dankend annahm. Auch die Herren zierten sich nicht und nahmen ein wenig Obst und Gebäck.
„Wie ich sehe, amüsiert Ihr Euch gut", brachte d'Artagnan schließlich galant an, „die Männerwelt von Paris hat sich fast darum geschlagen, mit Euch tanzen zu dürfen." Sie errötete, ob vor Hitze oder vor Freude war nicht zu sagen und betätigte ihren Fächer heftiger.
„Ich habe in England wenig Möglichkeiten zum Tanzen, da ich sehr zurückgezogen lebe. Umso mehr habe ich mich über die Einladung des Grafen de Wardes gefreut, die es mir ermöglicht, endlich einmal wieder eine Gesellschaft zu besuchen."
In diesem Moment entdeckten sie alle drei Mordaunt, der von seinem Gespräch mit de Wardes père zurückkehrte, sich kurz umsah und dann verschwand.
Sie alle drei hatten ihn dabei beobachtet, doch verlor vorerst keiner von ihnen eine Bemerkung darüber.
„Ihr wolltet nicht lange in Paris bleiben, hörte ich vorhin Monsieur Mordaunt sagen?", begann d'Artagnan, dem immer noch viel daran gelegen war, etwas über Mordaunt zu erfahren, damit er den Wissensdurst Kardinal Mazarins auch stillen konnte.
„Ich denke, in einigen Tagen werden wir Frankreich verlassen", erwiderte sie. „Unsere Arbeit hier ist getan."
„Seid Ihr schon öfter mit ihm verreist?"
„In England besuchen wir häufig andere Städte. Allerdings war ich noch nie in einem anderen Land –"
Sie wurde von Mordaunt unterbrochen, der unvermittelt vor ihr auftauchte und auf Englisch zu ihr sagte:
„Monsieur de Wardes hat mich gerade gebeten, sein Haus zu verlassen."
Erschrocken blickte Anne auf und wechselte gleich ihm in die englische Sprache:
„Er hat dich rausgeworfen? Was hast du getan?"
„Das erzähl ich dir später", entgegnete er heftig und warf einen Blick zu de La Fère und d'Artagnan, die mit gleichgültigen Mienen in ihren Sessel saßen. Doch weder Anne noch Mordaunt ahnten, dass beide Edelleute die englische Sprache genug beherrschten, um jedes ihrer Worte zu verstehen, wenn sie sich auch den Anschein der Ungerührtheit gaben. Es war beiden Männern bewusst, dass es unangenehme Folgen haben konnte, erführe Mordaunt, dass sie diese kleine Unterhaltung mitangehört hatten. In d'Artagnan wuchs das Verlangen, mehr über diesen undurchsichtigen Puritaner herauszufinden.
Auf eine kleine Handbewegung ihres Pflegebruders hin erhob sich Anne und wandte sich an d'Artagnan und de La Fère, die es ihr höflich gleichtaten.
„Meine Herren, sosehr ich es bedaure, muss ich diese Gesellschaft nun doch verlassen", sprach sie und ihr Akzent war bei diesen Worten durch die wenigen englischen Sätze plötzlich stärker ausgeprägt.
Zuvorkommend verneigten sich die beiden Herren vor ihr, während sie Mordaunt bereits den Arm reichte und d'Artagnan die Rechte zum Abschied hinhielt.
Dieser neigte sich über ihre Hand und sprach sodann, sich aufrichtend:
„Ich würde es außerordentlich bedauern, wenn es heute das letzte Mal gewesen ist, dass wir uns sahen. Ich schlage vor - " Er wurde von Raoul unterbrochen, der in diesem Moment herankam, mit fliegendem Atem und vom Tanzen geröteten Wangen, eine besorgte Miene zeigend, da ein Abschied offensichtlich war.
„Ihr wollt gehen?", wandte sich der junge Mann bestürzt an Anne, die errötete und Mordaunt einen scheuen Blick zuwarf.
Dieser verneigte sich vor den Herren und sprach, an Raoul gewandt:
„Es ist leider unumgänglich, doch es erscheint mir sicher, Monsieur, dass wir noch in Paris bleiben werden. Man sieht sich gewiss noch ein zweites Mal."
„Oh, ich habe Euch doch versprochen, Euch Paris zu zeigen!", rief der Vicomte aus, Anne dabei unaufhörlich ansehend. „Und ich wollte auch Monsieur d'Artagnan bitten, uns die Fechtkünste der Musketiere zu zeigen und die Fechthalle von Paris, die einzigartig ist in ihrer Art. Ihr wolltet dies doch so gern sehen!"
Überrascht blickte Mordaunt auf Anne, er hatte angenommen, sie tändelte nur mit Raoul, stattdessen hatte sie offenbar an ihn gedacht. Oder sie wollte nur mit Raoul möglichst viel zusammen sein. Wieder marterte Mordaunt die Eifersucht und unbewusst zog er Anne näher an sich heran.
„Wenn das so ist", warf d'Artagnan mit leichtem Lächeln ein, „dann können wir es der Lady gewiss nicht verwehren, sich dies alles anzusehen. Ich schlage deshalb vor, dass wir uns morgen treffen. Alle zusammen. Auch Euch, Monsieur Mordaunt, wird die Fechthalle sicher fesseln, es gibt dort Fechtmeister, die über die Ländergrenzen hinaus bekannt sind. Möglicherweise wollt Ihr mit einem von ihnen die Klinge kreuzen? Auch sonst wird es vieles zu sehen geben."
„Abgemacht", willigte Mordaunt ein und sprach nun schneller, denn er sah de Wardes père am einige Schritte entfernt, dessen Miene sich deutlich verfinsterte, als er den Puritaner noch in seinem Hause sah.
„Wir treffen uns dann morgen Vormittag. Im Hauptquartier? Ist es recht so, Messieurs?" Mit dieser Verabredung tat er immerhin das Beste, was aus diesem Abend noch zu holen war. Während man sich nun richtig verabschiedete, was seltsamerweise bei dem Vicomte und Anne am längsten zu dauern schien, wurde de Wardes' Miene zunehmend gereizter, so dass Mordaunt froh war, als sie endlich das Haus verlassen konnten, dass er mit einem Gefühl, ähnlich dem eines Verlierers nach einer Schlacht, verließ. Beim Herausgehen hatte er noch de Wardes fils mit der koketten Brünetten, die vorher mit Raoul getanzt hatte, gesehen, der junge Graf hatte ihm verschwörerisch zugezwinkert und ihn so an die Verabredung für den nächsten Tag erinnert. Die Stimmung Mordaunt wurde noch schlechter, soweit das überhaupt möglich war.

Sobald d'Artagnan und de La Fère wieder allein waren, Raoul hatte betrübt den Engländern hinterher gesehen und war dann wieder zu den Tanzenden gegangen, sprach d'Artagnan leise seinen Jugendgefährten an:
„Habe ich eben richtig vernommen, dass der Graf den Puritaner aus dem Haus geworfen hat oder versagen meine Kenntnisse der englischen Sprache?"
Ruhig und bedächtig nickte der Graf.
„Ihr habt richtig gehört. Ich schlage vor, wir wenden uns nun an den Grafen." Mit diesen Worten erhob er sich und zusammen mit d'Artagnan drängte er sich solange an den ausladenden Röcken der Damen vorbei, bis er plötzlich vor de Wardes stand, der, wahrscheinlich zum ersten Mal an diesem Abend, allein stand und nichts tat, weder reden, noch lachen, noch jemanden anschauen. Er fuhr zusammen, als die beiden Freunde vor ihm auftauchten, fasste sich aber rasch und lächelte ihnen zu.
„Ihr saht aus, als wäret Ihr in Gedanken weit weg gewesen", bemerkte d'Artagnan. Unbekümmert winkte der Graf ab. „Das schien nur so. Wollten die Herren zu mir?"
„Es ist eher so, dass wir auf Euch getroffen sind", warf Athos mit der ihm eigenen vornehmen Sicherheit ein, „wir suchten den jungen Monsieur Mordaunt, können ihn aber nicht finden. Vielleicht habt Ihr ihn gesehen?" Stirnrunzelnd blickte der Graf auf die beiden Herren, er hatte doch gesehen, dass diese sich von Mordaunt verabschiedet hatten. Wollten sie ihn zum Narren halten?
„Monsieur Mordaunt hat die Gesellschaft bereits verlassen", entgegnete er und versuchte, seiner Stimme den verächtlichen und erzürnten Klang bei der Erwähnung des Namens des Puritaners zu nehmen, was nur mangelhaft gelang.
„Oh, das tut uns leid. Nun, vielleicht werden wir ihn an einem anderen Tag treffen."
„Das wünsche ich für Euch auch." De Wardes zögerte einen Moment, dann fuhr er fort:
„Es ist so, dass man manche Menschen nicht treffen sollte, selbst wenn man wollte. Und zuweilen ist es besser, wenn man sich gewisse Leute fern hält, damit diese sich einem nicht nähern können." Nun war es an den beiden Herren, die Augenbrauen hoch zu ziehen, während de Wardes schon wieder von anderer Seite in Anspruch genommen wurde.

„Verrückt, die ganze Sippschaft", dachte d'Artagnan zum wiederholten Male in den letzten Tagen und diesen Gedanken konnte sein väterlicher Freund ihm am Gesicht ablesen. Er hatte die Worte des Grafen ebenfalls nicht in dem von de Wardes gewünschten Sinne verstanden, was ihm auch niemand übel nehmen konnte, doch de Wardes fühlte sich nach dieser orakelhaften Warnung erleichtert, er hatte getan, was er konnte, um die Musketiere zu schützen.

In de La Fère erwachte der Wunsch, sich zurück zu ziehen, auch d'Artagnan hatte genug von der Gesellschaft, die, je weiter die Zeit voranschritt, immer lauter wurde. Die Luft war schwül und dumpf, am Boden lagen Brotreste und Athos entdeckte Scherben und einen großen roten Fleck auf dem Teppich. Hier hatte ein Diener vorhin das Geschirr fallen gelassen, der Graf hatte noch das Scheppern im Ohr.

Auf den Sesseln, die die beiden Männer vorher inne gehabt hatten, hatte es sich nun ein Pärchen bequem gemacht, sie küssten sich schamlos, während ein alter Herr ihnen zusah.
Auf einem breiten, mit rotem Samt bezogenen Stuhl schnarchte hingegossen eine alte, dicke Frau, ein halbleeres Weinglas stand, gehalten von ihrer Hand, auf ihrem hervortretendem Bauch. Zwei junge Burschen versuchten, eine lange, schmale Feder von einem Hut in ihren halbgeöffneten Mund zu schieben und amüsierten sich dabei über alle Maßen.

„Gehen wir", empfahl de La Fère und d'Artagnan nickte zustimmend. Sie kämpften sich zum Tanzraum durch, man klatschte eben, eine Courante hatte geendet. Bevor der Graf seinen Ziehsohn überhaupt ausmachen konnte, kam dieser schon auf ihn zu. Er widersprach nicht, als man ihm sagte, dass man sich zurückziehen wolle.

Obwohl de Wardes fils ganz bestürzt war, dass sie nun aufbrechen wollten, ließen sich die Herren nicht beirren und erschöpft von der ungewohnten Anstrengung einer Gesellschaft brachen sie nach Hause auf.