9. Kapitel

D'Artagnan hatte am nächsten Morgen einige Schwierigkeiten, wieder in den raschen Trott des Arbeitslebens in der Musketierkompanie einzufinden, doch jahrelange Gewohnheit überwand schließlich die Müdigkeit, die ihm der ungewohnte Gesellschaftsabend bei de Wardes fils eingebracht hatte. Zudem war der Leutnant der Musketiere in guter Stimmung, da er noch heute mit Monsieur Mordaunt zusammen treffen sollte.
Und das hieß für ihn Beförderung in den nächsthöheren Dienstgrad. Während er endlose, scheinbar immer gleiche Berichte abzeichnete und sich die Klagen und Soldforderungen der Musketiere anhörte, sah er sich schon als Hauptmann der Musketiere, eine Aussicht, die ihn sehr beflügelte und ihn die Ärgernisse des Kompanieführens klein erschienen ließ.

Am Nachmittag gewahrte er auf dem Hof des Palais' eine Gruppe Menschen, die keine Musketieruniform trugen. Zu seiner Freude erkannte er Monsieur Mordaunt nebst der jungen Lady sowie Monsieur de La Fère und den Vicomte de Bragelonne.
Es entging d'Artagnan nicht, dass einige junge Musketiere sich in der Nähe der kleinen Gruppe heftigst vorausgabten, mit ihren Degen angaben und sich gegenseitig kühne Kunststückchen vorführten. Dies war zweifellos Anne zuzuschreiben, die sich sehr hübsch gemacht hatte aber leider die Herren Musketiere keiner Beachtung würdigte.
Da die dort unten auf ihn warteten, beendete d'Artagnan für heute seine Arbeit und war durch nichts und niemanden aufzuhalten. Auch die Musketiere, die ihm entgegen kamen und ihm dringend Meldung von neuen Unruhen im Volk machen wollten, verwies er an den Hauptmann und kurze Zeit später stand er unten im Hof und begrüßte die drei Herren und die Dame.
„Ich habe Euch warten lassen", bemerkte er während er Anne flüchtig die Hand küsste, „bitte vergebt mir mein Säumen, ich hatte noch zu tun."
„Der Dienst geht immer vor", entgegnete Mordaunt, der offenkundig schlechte Laune hatte und diese nicht einmal zu verbergen versuchte. Ein Wink von Monsieur de La Fère bezeigte d'Artagnan den Grund dafür: Raoul tauschte ständig vielsagende Blicke mit Anne und deren Wangen waren leicht gerötet, sobald sie den jungen Vicomte nur ansah.
Um Mordaunt davon abzulenken, wandte sich d'Artagnan zum Gehen wobei er sprach: „Ich denke, ich zeige Euch erst einmal die Fechthalle. Wir müssen nur ein paar Schritte gehen, dann seht Ihr, Monsieur, eine Fechthalle, die tatsächlich einzigartig in ihrer Art hier in Paris ist. Es wird Euch zweifellos gefallen." Ob er wollte oder nicht, Mordaunt musste sich dem Leutnant anschließen und da Anne mit Raoul und dem Comte de la Fère hinter ihm lief, hatte er sie nicht einmal im Blick.
Das Einzige, was ihn tröstete, war die Tatsache, dass der Comte noch dabei war, so dass sie nichts miteinander reden konnten, was nur für sie beide bestimmt war. Der Comte de La Fère allerdings achtete nicht im Geringsten auf das, was die beiden jungen Menschen miteinander redeten. Ihm war sehr wohl aufgefallen, wie Mordaunt den Vicomte gemustert hatte und er war nicht der Mann, der seinen Sohn einfach in sein Unglück laufen ließ. Sobald es nötig war, würde er seinem Sohn auch verbieten, sich mit der jungen Lady zu treffen, da er Mordaunt durchaus zutraute, im Überschwange seiner offenkundigen Eifersucht auch vor Gewalt nicht zurückzuschrecken.
Andererseits tat ihm der junge Mordaunt beinahe leid, wenn er auch nicht wusste, woher diese weiche Regung kam. Immerhin wirkte der Puritaner nicht wie ein Mensch, der sich nicht zur Wehr setzen konnte, auch war er wenig vertrauenerweckend, besonders wenn man bedachte, dass er aus England kam und auf Befehl Mazarins überwacht werden sollte. Und dennoch fühlte sich der Comte de La Fère aus irgendeinem Grunde ihm gegenüber befangen und hätte ihm liebend gerne etwas Gutes getan. Die gleiche Regung war es auch gewesen, die de Wardes père dazu bewogen hatte, Mordaunt das Bild seiner Mutter zu schenken, aber davon wusste der Comte de La Fère selbstverständlich nichts.

Nachdem man den Hof überquert hatte, vorbei an Musketieren, die bereitwillig Platz machten, sobald sie den Leutnant oder die Dame gewahrten, gelangte die kleine Gruppe an ein hohes Haus, vor dessen Eingang ganze Heerscharen von Höflingen, Musketieren und Lakaien wimmelten.

Das Haus war langgestreckt und wies unter dem Satteldach eine Reihe kleiner, offener Fenster auf, aus denen Rufe und Degengeklirr hinausdrangen.
Es dauerte eine ganze Weile, bis es der kleinen Gruppe gelang, sich bis zum Eingang vorzukämpfen. An der Tür standen Edelleute, die unter Rufen zwei Männer anfeuerten, die einen wilden Fechtkampf aufführten und den Beifall der Menge offensichtlich genossen.
Auch die Gäste aus England, Anne und Mordaunt, waren von diesem Schauspiel fasziniert und Raoul nutzte die Gelegenheit, Anne zärtlich an der Hand berühren, damit sie sich von dem Anblick lösen konnte. Sie zog dann auch Mordaunt mit und gemeinsam begaben sie sich nach dem Betreten der Halle zu ihrem linken Ende.
Es war warm und stickig drinnen, obwohl alle Fenster geöffnet waren. An den Wänden und in den Ecken befanden Ständer, in denen zerbrochene und ganze Degen steckten, außerdem lagen überall verstreut durchgeschwitzte Westen und Jacken, die als Schutzkleidung gedacht waren.
Sie kamen an einem Mann vorbei, dem gerade der Degen zerbrochen war und Anne roch den beißenden Schweiß, der von ihm ausging. Dieser Geruch stand ihr noch in der Nase, als sie bei Monsieur d'Artagnan angekommen war, der mit einem älteren Mann sprach, dessen Wams über dem Herzen das Zeichen der Königslilie zierte. Dieser war einer der Fechtmeister, wie d'Artagnan erläuterte und nebenbei für die Wartung der Halle verantwortlich.
„Wir können hier gerne fechten und Monsieur du Farges, der Fechtmeister, stellt uns auch Schutzkleidung zur Verfügung, denn es soll ja keiner zu Schaden kommen", erklärte d'Artagnan, dem die dumpfe Luft wenig auszumachen schien.
Es war offenkundig, dass der Leutnant sich oft hier aufhielt, denn er kannte die Halle ausgezeichnet und wusste auch, wo man gute Degen herbekommen konnte, da Anne keinen eigenen besaß. Allerdings war dies unnötig, da Raoul ihr seine Waffe gerne zur Verfügung stellte.
„Ihr könnt fechten, Mademoiselle?", erkundigte sich der Comte de la Fère bei ihr, da sie die Waffe Raouls prüfend in der Hand wog und einige Paraden vollführte.
„Oh gewiss, man ist als Frau seines Lebens nicht sicher, wenn man nicht einigermaßen geschickt mit dem Degen umzugehen weiß. Ich kann fechten, reiten und schießen und werde mich besonders im Fechten auch weiterhin vervollkommnen. John-Francis ist ein strenger Lehrmeister gewesen." Sie lächelte ihrem Pflegebruder zu, der das Lächeln nicht unbefangen erwiderte konnte, da er immer noch verstimmt und eifersüchtig war. So wurde seinerseits nur eine klägliche Grimasse daraus.
„Wo habt Ihr denn fechten gelernt?", erkundigte sich de La Fère nun bei dem jungen Mann im Bestreben, mit diesem eine gewöhnliche Unterhaltung anzuknüpfen.
„Ich hatte in England verschiedene Lehrmeister, die mir alle möglichen Finten verraten konnten. Man sagte mir, ich sei ein großes Talent und riet mir, Fechtmeister zu werden, doch ich lehnte das ab. Ich denke, dieser Stand ist etwas ganz Eigenes, aber nichts für mich. Mir bleiben auch so noch genug Gelegenheiten, zu fechten und mich in dieser Kunst zu üben." Mordaunt beobachtete mit finsterem Gesicht, wie der Vicomte eine Weste nahm und Anne half, diese anzulegen. Anne trug heute ein einfach und gerade geschnittenes Kleid, ohne weite Ärmel oder große Kragen, damit sie mitfechten konnte. Dass sie zuließ, dass Raoul ihr beim Ankleiden half, etwas, was sonst Mordaunt tat, verdross diesen noch mehr.
„Nun, meine Herren", rief sie de La Fère und d'Artagnan zu, „wer ist bereit, mit mir einen Gang zu wagen? Nur zu, ich erwarte keine Zurückhaltung!" Sie hieb mit Raouls Degen kräftig in die Luft, so dass es pfiff und ging in Fechtstellung.
Mit einem Blick verständigten sich die beiden Freunde und der Comte de La Fère zückte seinen Degen und trat seiner „Gegnerin" gegenüber. Sie griff sofort an.

Mordaunt, Raoul und d'Artagnan hatten sich zur Seite gestellt und verfolgten von dort den Kampf. Sie schlug sich wacker, wenn man auch erkennen konnte, dass de La Fère sie schonte und offenbar zauderte, eine Frau anzugreifen, aber sie fochten beide formvollendet und schön.
„Sie führt eine ausgezeichnete Klinge", bemerkte d'Artagnan, dem ein gutes Gefecht immer Vergnügen bereitete, „erlaubt mir, Euch ein Kompliment zu machen, Monsieur Mordaunt. Hat Euer Vater darauf gedrungen, dass Ihr so gute Fechtlehrer bekommt?"
„Ich habe keinen Vater mehr", entgegnete Mordaunt, der nun, da Anne nicht mehr mit Raoul redete, etwas gelöster wirkte. „Meine Pflegeeltern haben sich um meine Ausbildung gekümmert und als ich die Waffe einigermaßen sicher führte, durfte ich meine Kenntnisse Anne mitteilen. Ihre Eltern sind meine Pflegeeltern."
D'Artagnan schwieg einen Moment und betrachtete mit einer Art von Anteilnahme Mordaunt, der so tat als bemerke er diesen Blick nicht.
„Und Eure Mutter?", mischte sich Raoul ein, dadurch anzeigend, dass er dem Gespräch gefolgt war. Mordaunt bedachte ihn mit einem hochmütigen Blick.
„Sie ist vor zwanzig Jahren auf tragische Weise ums Leben gekommen. Ich habe sie kaum gekannt, genauso wenig wie meinen Vater. Meine Pflegeeltern mussten mir die Familie ersetzen und haben sich auch sehr darum bemüht." Der junge Mann zuckte mit den Schultern. „Man kann auch ohne Familie leben, wenn man nie etwas anderes gekannt hat."
Mit gemischten Gefühlen lauschte d'Artagnan diesen Worten. Er selber hatte auch keine Familie, da er mit Leib und Seele Soldat war, doch wenn er das innige Verhältnis zwischen Athos und Raoul beobachtete, verspürte er durchaus manchmal eine Art von Neid und ein Gefühl, als hätte er etwas sehr Schönes im Leben verpasst. Nun zu hören, wie sich Mordaunt eher abschätzig über solche Dinge äußerte, ärgerte ihn, gleichzeitig aber musste er notgedrungen Verständnis für den Puritaner aufbringen.
D'Artagnan brannte darauf, diese Neuigkeit Athos zu erzählen und von diesem zu hören, was er darüber dachte. Auch außerhalb des Auftrags von Mazarin nötigte ihm der junge Puritaner inzwischen ein gewisses Interesse ab.

Inzwischen versuchte Anne den Grafen de La Fère zu entwaffnen, was ihr nicht gelang, da er sich immer geschickt von ihrer Waffe lösen konnte. Mordaunt bemerkte das nicht ohne Verwunderung. Er hatte geglaubt, der Comte sei behäbiger und nicht mehr so geschickt, da er ihn älter als fünfzig Jahre einschätzte. Offenbar aber waren die Fähigkeiten des Grafen immer noch ungebrochen und er verfügte über eine große Kraft und Behändigkeit.
Gleichzeitig ließen die beiden Gegner schließlich voneinander ab. Sie atmeten schwer und grüßten sich höflich mit den Degen, wobei sie einander zulächelten. Anne ließ den Degen unter lautem Scheppern fallen und musste sich die Haare aus dem Gesicht streichen und ihre Frisur, die sie mithilfe von Nadeln gebändigt hatte, neu richten.
Mordaunt trat zu ihr, bückte sich und hob den Degen auf, der auf dem Boden noch ein Stück gerollt war.
„Monsieur", wandte er sich an de La Fère, der eben zu den anderen gehen wollte und an seiner Fechtweste nestelte, „bitte überlasst mir Euren Degen." Er streckte seine freie Hand aus und der Graf reichte ihm seine Waffe und ging zu den anderen, die ihn und Anne, die auch hinzugekommen war, mit Komplimenten über ihr Können überschütteten. Mordaunt blieb dort, wo Anne und de La Fère gefochten hatten und rief:
„Heda, Vicomte! Fangt auf!" Er warf dem überraschten Raoul den Degen zu, doch dieser bestand zu Mordaunts großem Missvergnügen diese Übung, denn er fing die Waffe geschickt auf und trat ruhig und anmutig auf seinen Gegner zu.
Hilfsbereit kam Anne hinzu, um den beiden jungen Herren beim Anlegen der Schutzkleidung behilflich zu sein.
„Ich weiß, dass Ihr besser fechtet als er", murmelte sie Mordaunt zu, während sie an einem der Verschlüsse seiner Weste nestelte. „Bitte schont ihn, Ihr müsst niemandem etwas beweisen und habt es daher nicht nötig." Doch ihr Pflegebruder erwiderte nichts, er erweckte eher den Anschein als hätte er ihre Worte nicht einmal vernommen. Nachdem sie auch Raoul behilflich gewesen war, aber nicht mit diesen gesprochen hatte, da Mordaunt sie nicht aus den Augen ließ, zog sie sich aus der Reichweite der beiden Kontrahenten zurück und stellte sich neben d'Artagnan und den Comte de La Fère.
Der Leutnant hatte die kurze Zeit, die sie allein gewesen waren, genutzt, um leise den Grafen von dem, was er gehört hatte, zu berichten.
„Ein Waisenkind?", hatte der Graf erstaunt erwidert und auf d'Artagnans bestätigendes Nicken: „Dann kann man ihm nur Mitleid entgegen bringen, denn das Edelste, was es auf Erden geben kann, fehlt ihm: Die Liebe seiner Eltern. Bedauern wir ihn, d'Artagnan, denn das Schicksal hat ihm vieles vorenthalten."
„Monsieur", entgegnete d'Artagnan, „ich bedauere ihn, doch kann ich nicht sagen, dass mir das Wissen um seine elternlose Kindheit ihn mir angenehmer macht."
„Weil Ihr nie Kinder hattet", gab Athos darauf zurück und d'Artagnan wurde einer Antwort enthoben, denn nun trat Anne zu ihnen. Sie wandten sich nun alle zu den beiden jungen Männern, die sich flüchtig grüßten und sich dann aufeinander stürzten als handle es sch um ein wirkliches Duell.
Einige Musketiere, die in der Nähe ihre Übungen abgehalten hatten wurden auch aufmerksam und traten näher um zu sehen, welcher der beiden gewinnen würde. D'Artagnan als ihr Leutnant bemerkte das sehr wohl, hinderte seine Männer aber nicht – ein guter Kampf war für jeden lehrreich. Und dass die beiden jungen Leute gut kämpften, war für jeden ersichtlich. Raoul focht elegant, mit wunderschönen Bewegungen und Paraden, die das Herz eines jeden Fechters erfreuten. Mordaunt focht ebenfalls gewandt, sehr schnell und voller List, seine Paraden kamen rasch und sicher, es war eine Freude, ihnen zuzusehen.
Hatte Monsieur de La Fère anfangs mit Sorge dem Kampf zugesehen, beruhigte er sich jetzt schnell. Sein Sohn schlug sich wacker und Mordaunt, der trotz seiner unverhohlenen Eifersucht wusste, dass er den Vicomte schlecht vor aller Augen erdolchen konnte, focht sauber und ohne Tücke.
„Monsieur Mordaunt ist Euer Ziehbruder?", wandte sich d'Artagnan nun an Anne, da er darauf brannte, mehr von ihr über Mordaunt zu erfahren, denn es dünkte ihm leichter, von einer Frau unterrichtet zu werden als von dem verschlossenen Mordaunt.
„Er hat es Euch gesagt?", fragte sie zurück und riss sich vom Anblick der beiden kämpfenden Männer los. „Ja, es ist wahr, er ist mein Pflegebruder. Er kam zu uns, kurz bevor ich geboren wurde. Ein Priester aus Kingston hat ihn uns übergeben, da er zu alt war, als dass er sich um einen Dreijährigen hätte kümmern können. Meine Eltern haben sich seiner angenommen. Seinen Vater hat er nie gekannt, seine Mutter nur wenige Male gesehen." Sie musterte den Comte de La Fère, der gedankenverloren zu den beiden jungen Männern blickte. Mit dem sicheren Instinkt einer Frau erriet sie, dass der Graf Mordaunt bedauerte, denn dass dieser seinen Sohn liebte, war nicht zu übersehen. Mordaunt aber, der eine solche Liebe nie erfahren hatte, tat ihm nun leid und da Mitleid immer ein Interesse in sich birgt, versuchte sie, den Grafen bei dieser Regung an Mordaunt zu fesseln. Immerhin gehörte auch das zu ihrem inoffiziellen Auftrag – Cromwell erwartete von ihr, dass sie ihren Pflegebruder bei seiner Suche nach den Mördern seiner Mutter unterstützte, gleichzeitig sollte sie ihn aber auch bremsen, falls er die Herrschaft über sich verlor.
„Es ist John-Francis immer sehr hart angekommen, dass er seine richtigen Eltern nie kennen lernen konnte," fuhr sie fort, „denn leider ist es meiner Familie nie gelungen, ihm das Gefühl zu geben, er sei zu uns zugehörig. Er hat es nie gelernt, uns als seine Familie zu sehen, wenn auch ich mich sehr gut mit ihm verstehe. Später hat es dann keine Rolle mehr für ihn gespielt, da er durch seine Arbeit genug beschäftigt war."
„Welcher Art von Arbeit geht Monsieur Mordaunt denn nach?", fragte d'Artagnan beiläufig, ohne aber eine gewisse Anspannung verbergen zu können, was Anne nicht entging.
„Oh, er… er steht im Dienste Englands und ist Offizier in der Armee", erwiderte sie, den Blick auf den Vicomte und Mordaunt gerichtet, als würde sie die prüfenden Blicke des Leutnants nicht bemerken. Dieser war von ihrer knappen Antwort überrascht.
„Er ist Offizier? Tatsächlich? Dann sind wir gewissermaßen im Rang gleichgestellt?"
„So kann man es sehen. Zu meinem Bedauern kann ich Euch nicht sagen, welchem französischen Dienstagrad seiner entsprechen würde"sagte sie mit leichtem Erröten und brach dann gewaltsam die Unterhaltung ab, indem sie vorgab, dem Kampf mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu folgen. Mit heftigen Attacken trieb Mordaunt den jungen Vicomte vor sich her, der aber geduldig in Deckung blieb und sich scheinbar willenlos verfolgen ließ.
Mit einem anerkennenden Pfiff durch die Zähne kommentierte d'Artagnan die Taktik des Vicomtes und de La Fère war sichtlich stolz auf Bragelonne, der sich nicht reizen ließ sondern solange mit sich spielen lassen würde, bis sein Gegner eine falsche Bewegung machte. Zu aller Überraschung aber verlor Mordaunt plötzlich die Lust, sprang einige Schritte zurück und zog die Schutzmaske vom Kopf.
„Vielen Dank, Monsieur, dies war ein sehr lehrreicher Gang." Mit einer Grimasse, die ein Lächeln sein sollte, reichte er Raoul die Hand, die dieser ebenfalls nur gezwungen höflich ergriff.
„Aber, aber, Monsieur!", rief d'Artagnan dem sichtlich erschöpften Mordaunt zu, „nun könnt Ihr Euch nicht einmal für eine Revanche verabreden, da weder Ihr noch Monsieur le Vicomte aufgegeben haben."
„Es lag durchaus nicht in meienr Absicht, mich um Sieg und Niederlage zu schlagen, es handelte schließlich nur eine Übung", entgegnete Mordaunt hochfahrend und der Leutnant wusste wieder, weshalb ihm der Engländer schon beim ersten Sehen unangenehm gewesen war. Es hätte eine peinliche Situation entstehen können, wenn nicht de La Fère, nachdem er ausgiebig seinen Ziehsohn gelobt hätte, in diesem Moment zu der kleinen Gruppe getreten wäre.
„Messieurs, Mademoiselle, ich denke, wir haben uns nun genugsam vorausgabt. Vielleicht wollen die Herrschaften eine Kleinigkeit zu sich nehmen?" Sichtlich erfreut beeilten sich alle, zuzusagen und nun wieder im besten Einvernehmen begab man sich zu dem Quartier de La Fères, welches dieser mit Bragelonne während des Aufenthaltes in Paris bewohnte.

Wie zwei fröhliche Kinder liefen Anne und Raoul vorne, den Comte an ihrer Seite, der ihrem unbekümmerte Geplauder über verschiedene Fechtstile und andere Kampfarten lauschte, während sich d'Artagnan und Mordaunt, da sie beide bestrebt waren, etwas über den jeweils anderen herauszufinden, langsamer nebeneinander hergingen. Es war inzwischen kühl geworden und die Sonne, obwohl sie noch hoch stand, sandte ihre bleichen Strahlen ohne Wärme auf die Erde. Die Hände tief in den Taschen vergraben, eilten die Bürger und Handwerker durch die Gassen und wichen scheu beiseite, wenn sie den Leutnant der Musketiere erkannten.
„Verzeiht diese möglicherweise naiv erscheinende Frage, Monsieur le lieutenant, gehe ich recht in der Annahme, dass der Ruf der Musketiere größer und besser ist als der anderer Garden?", fragte Mordaunt und wischte sich, noch immer vom Fechten etwas erhitzt, über das verschwitzte Gesicht. „Denn wie mir auffällt, schlagen alle Menschen einen Bogen und sobald nur von ferne eine Patrouille Musketiere auftaucht, beeilen sich die meisten, auszuweichen. Wie ist das zu erklären?"
„Es ist wahr, Monsieur Mordaunt, die Musketiere sind berühmt und gefürchtet. Viele von ihnen haben sich im letzten Krieg erfolgreich geschlagen und auch in Paris sind wir, als Leibgarde des Königs, hoch angesehen."
„Dies ist mir bereits am Tag meiner Ankunft hier aufgefallen. Lady und ich waren unterwegs und eine Menschenansammlung, in deren Nähe wir uns befanden, zerstreute sich in Windeseile, als eine Patrouille Musketiere herankam. Wenn ich mich nicht täusche, wart Ihr es auch, der sie anführte, Monsieur."
„Ja, ich erinnere mich. Es geschieht sehr häufig, dass sich Menschen in Luft aufzulösen scheinen, soabld wir uns nähern", bemerkte d'Artagnan und überlegte dabei fieberhaft, warum dieser Mordaunt ausgerechnet davon gesprochen hatte. Wollte er wissen, ob er, d'Artagnan, sich daran erinnerte, dass sie den Reden Gesetzloser gelauscht hatten? Vielleicht war es eine geheime Drohung, die er nicht verstand. Oder es waren wirklich nur harmlos dahingesprochene Worte gewesen. Doch daran mochte d'Artagnan nicht glauben. Sein Misstrauen gegen den Engländer war groß und seine Überzeugung, dass dieser, in welcher Weise auch immer, etwas mit der Fronde zu tun hatte, war kaum noch zu erschüttern.
„Ihr müsst wissen", meinte Mordaunt, ohne eine Ahnung zu haben, welchen Verdacht er mit seiner Frage in d'Artagnan genährt hatte, „dass mir die Musketiere außerordentlich interessant sind, da ich selber militärische Erfahrung habe, wenn auch nur im beschränkten Maße. Die Leitung einer stehenden Kompanie ist sicherlich nicht zu vergleichen mit der Führung einer Kompanie in einem Feldzug, die Schwierigkeiten dürften hier auf einer ganz anderen Ebene stehen, habe ich Recht?"
„Durchaus, durchaus, Monsieur Mordaunt", stimmte d'Artagnan zu, wobei er rasch nachdachte, „die Führung ist ein anstrengendes Geschäft, als Leutnant habe ich natürlich nicht den Oberbefehl, doch bleiben mir die Ärgernisse des Soldatenlebens keineswegs erspart."
„Es erstaunt mich, dass ein Mann wie Ihr, mit Eurem Ansehen und Eurer Erfahrung, noch nicht einen höheren Rang bekleidet", schmeichelte Mordaunt.
„Oh, was denkt Ihr… Ein solcher Posten ist immer mit allerlei Intrigen und Spielchen am Hofe verbunden, da zählt es nicht nach Ansehen und Erfahrung, wie Ihr so schön sagtet." Aber durch Euch, mein Lieber, werde ich vielleicht bald den Posten erhalten, über den wir gerade sprechen', fügte d'Artagnan für sich hinzu und ein Lächeln ging über seine Züge, was Mordaunt aber, da es vom Schnurrbart verdeckt war, nicht wahrnahm.
„Ihr als Leutnant müsst Euch doch wunderbar in allen Bereichen dieser Kompanie auskennen und, wie ich schon sagte, diese Leibgarde nötigt mir ein nicht geringes Interesse ab. Meint Ihr, es wäre möglich, Monsieur, dass ich etwas mehr Einblick erhalte, als es für die meisten Leuten üblich ist? Ihr habt Recht", warf Mordaunt hastig ein, als er die Veränderung in d'Artagnans Gesichtszügen wahrnahm, „doch versteht mich nicht falsch, mein Anliegen ist lediglich, zu verstehen, wie eine solche Garde funktioniert und auch, ein wenig zu ergründen, wie sie ihren Ruf so erfolgreich zu wahren versteht."
Verzweifelt versuchte d'Artagnan, die wahren Absichten hinter diesen recht fadenscheinigen Begründungen zu erkennen und betete, dass er keinen Fehler beging, als er, wenn auch zögerlich, Mordaunt die Erlaubnis erteile, in den nächsten Tagen vorbeizukommen, um das Treiben der Musketiere näher kennen zu lernen. Mordaunt selbst war höchst zufrieden mit sich, da es ihm so erstaunlich leicht möglich gewesen war, sich den Musketieren zu nähern, so dass es hoffentlich auch nicht zu lange dauerte, bís er etwas über die Geschichte und Vergangenheit einiger ganz bestimmter Musketiere erfuhr.
Inzwischen war man bei Monsieur de La Fère angekommen und alle waren erleichtert, sich drinnen am von Grimaud, dem Diener des Grafen, bereits entzündeten Kamin wärmen zu können, denn es war draußen immer kälter geworden.
Gleich darauf teilte Grimaud mit, dass angerichtet worden sei, wenn er auch die Suppe deutlich hatte strecken müssen, denn auf solch einen großen Besuch war er nicht eingestellt gewesen, am wenigsten aber auf die Dame, die er mit einiger Verwunderung betrachtete. Doch als gutgeschulter Diener, der sich aus lauter Gehorsam sogar das Sprechen abgewöhnt hatte, trug er schweigsam und höflich vom Gemüse und Fleisch auf und reichte den Herrschaften Brot. Während der Mahlzeit blieb man stumm, nur Raouls Augen sprachen beredter als sein Mund es vermocht hätte und Anne, der diese Blicke galten, wurde ständig rot wie eine Kirsche. Zu ihrem Glück bemerkte ihr eifersüchtiger Pflegebruder nichts von diesem stillen Zwiegespräch, da er von Stolz über sein gelungenes Gespräch mit d'Artagnan beinahe trunken war und vor lauter freudiger Erwartung mehr aß, als es bei ihm üblich war. Alle waren entzückt, als Grimaud, eine Flasche und ein Tuch in der Hand, nach dem recht großzügigen Mahl, herumging und jedem Wein anbot.
„Nur nicht zu sparsam, lieber Grimaud!", rief d'Artagnan und streckte als Erster dem Diener sein Glas entgegen, „wir haben gut gegessen, besser, als es früher bei uns üblich war und am Wein brauchst du nun auch nicht mehr knausern!" Gemächlich kam Grimaud dieser Aufforderung nach und schenkte jedem von dem Wein an, aber jedes Glas nur halbvoll, da eine Karaffe mit Wasser auf dem Tisch stand, falls jemand noch mehr Durst hatte und sein Getränk etwas strecken wollte. D'Artagnan belustigte sich sehr über diese Sparsamkeit des Dieners, der aber unerschütterlich um den Tisch herumging und am Ende Mordaunt die Flasche hinhielt. Ohne ihn zu beachten, hob dieser sein Glas und sah erst auf, als Grimaud einen Schritt näher zu ihm treten musste, da es ihm sonst nicht möglich war, das Glas zu füllen.
Sobald der Diener aber auch nur einen Blick in das Gesicht des jungen Mannes getan hatte, erbleichte er und schloss entsetzt die Augen. Erstaunt richtete sich Mordaunt auf und de La Fère, dem die Gemütsregung des Dieners nicht entgangen war, fragte diesen streng: „Grimaud?" Dieser riss sich zusammen, als er dieses eine Wort hörte, als enthielte es eine ganze Standpauke und goss nun mit ruhiger Miene ein, doch er konnte weder Moradunt noch de La Fère täuschen. Seine Hand zitterte und einige Tropfen Wein rannen über Mordaunts Hand, woraufhin Grimaud schnell über die Haut wischte. Dann zog sich Grimaud zurück und Mordaunt wandte sich schulterzuckend wieder der Unterhaltung am Tisch zu, da d'Artagnan für alle Anwesenden höchst amüsante Hofgeschichten auftischte. Nur der Graf blieb vorerst ein wenig nachdenklich, da es sonst nicht seines Dieners Art war, vor Gästen zu erschrecken und Wein zu verschütten. Doch tat er das rasch ab – sein Diener wurde alt und seltsam, wenn er sich so etwas noch öfter zuschulden kommen ließe, hätte er die längste Zeit dem Comte gedient.

Man blieb bis zum Abend in der ungezwungenen Gesellschaft des Grafen de La Fère, der, wenn er auch nur einige Herbergszimmer zur Vefügung hatte, die Gastfreundschaft eines Fürsten aufwies, seine Gäste unterhielt, sie beköstigte und für einen äußerst angenehmen Nachmittag sorgte. Wie sehr unterschied sich dieser Abend doch von der lauten Feier bei Monsieur de Wardes, die in Ausschweifung und Unordnung geendigt hatte. Sogar Mordaunt, der am liebsten auf menschliche Nähe verzichtete, tat es leid, gehen zu müssen und er und Anne ließen sich nur zu gern das Versprechen abnehmen, sich bald wieder sehen zu lassen. Raouls Handkuss für Anne fiel inniger aus als es gewöhnlich der Fall ist und zutiefst befriedigt von diesem Abend begaben sich der Leutnant sowie Mordaunt mit Anne nach Hause. Ein Stück weit hatten sie noch den gleichen Weg und als sich Mordaunt beim Leutnant verabschiedete, erinnerte er diesen noch einmal vorsorglich an sein Versprechen, dass er sich bei den Musketieren einmal blicken lassen dürfe. Von da an war der Zauber des schönen Abends gebrochen und d'Artagnan kam recht besorgt zu Hause an, während Anne und Mordaunt schweigsam aber beschwingten Schrittes zu ihrer Unterkunft gingen, wo Anne berauscht vom Wein und in Erinnerung an die schmachtenden Blicken des Vicomtes sofort ins Bett ging.

Für Mordaunt hingegen war der Abend noch nicht zu Ende, wenn er auch nicht die geringste Neigung verspürte, sich de Wardes fils auszusetzen, der ihn mitten in der Nacht abholen wollte zu etwas, was Mordaunt immer noch nicht begriffen hatte. Der Tag war zu anstrengend gewesen und es war zuviel auf ihn eingestürmt, als dass er sich das Ganze noch einmal in Ruhe durch den Kopf hätte gehen lassen können. Was ein Glück für Monsieur de Wardes war, denn hätte Mordaunt erfasst, was der junge, lebenshungrige Graf ihm vorgeschlagen hatte, so hätte er energisch und entsetzt abgelehnt und ihn möglicherweise noch zum Duell gefordert, welches Monsieur de Wardes fils, der genau soviel Talent wie sein Vater im Fechten besaß, auf keinen Fall heil hätte überstehen können.
Doch diese Muße war ihm nicht gegeben und seufzend griff er nach einem langen Mantel und seinem Degen, als pünktlich um elf Uhr abends de Wardes vor der Tür stand.
Wie üblich strahlte er voll Munterkeit und begrüßte seinen Freund mit einem zu lauten Wortschwall:
"Mein lieber Mordaunt, ich kann Euch gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue, dass Ihr zugesagt habt. Das hätte ich Euch, ehrlich gesagt, erst gar nicht zugetraut, aber ich wusste gleich, das Ihr genug Schneid dafür aufbringt, nicht wahr? Es ist ja auch nichts weiter dabei. Seid Ihr fertig? Dann können wir ja losgehen. Es ist nicht weit, müsst Ihr wissen, ich kenne genug Schleichwege und dergleichen, ein par Hinterhöfe, durch einen Hauseingang hinein und dann wieder hinaus und schon werden wir da sein." Er nahm den Puritaner am Arm und führte ihn aus dem Haus und dann durch die dunklen Straßen.
„Ihr seid doch bewaffnet, hoffe ich? Paris ist gefährlich, wie Ihr sehr wohl wisst und ich könnte es nicht ertragen, wenn Ihr überfallen und ermordet werdet, das würde Euch den Aufenthalt in Paris doch viel zu sehr verleiden, meint Ihr nicht auch?" De Wardes stockte einen Moment, runzelte die Stirn und dachte darüber nach, was er gerade gesagt hatte. Nach einem kurzen Moment schien er zu dem Schluss zu kommen, dass besser zu übergehen, da auch Mordaunt nicht reagierte und fuhr fort:
„An das Geld habt Ihr doch hoffentlich auch gedacht, man sollte bei diesen Gelegenheiten nicht allzusehr knausern, es lohnt sich nicht. Oh, ich weiß", Mordaunt hatte bedrohlich die Stirn gerunzelt, „Ihr Puritaner seid alle geizig, aber Ihr werdet selbst sehr rasch bemerken, dass es bei dieser Gelegenheit klüger ist, ein wenig mehr auszugeben, als dass man gewisse Dinge", de Wardes lachte albern, „nicht… bekommt. Oh, nun müssen wir hier einbiegen. Seht Ihr das Haus, das sich zwischen die anderen beiden großen drängt? Da müssen wir hinein. Es wird Euch gefallen." Wie von selbst beschleunigten sich de Wardes' Schritte und wohl oder übel musste sich Mordaunt dem anpassen.
„Hinein ins Vergnügen, mein Lieber!", rief de Wardes, sprühend vor guter Laune und schob Mordaunt in das Haus hinein. Drinnen war es dunkel, stickig und warm. Von weitem, gedämpft durch eine Tür hörten sie Kneipenlärm. Mordaunt verhielt seinen Schritt und de Wardes, der das nicht bemerkt hatte, prallte gegen ihn.
„Was ist, warum bleibt Ihr stehen?", fragte er ärgerlich.
„Was ist das hier?", erkundigte sich Mordaunt. „Hier ist doch gar nichts. Wolltet Ihr mich in die Irre führen? Ist das eine Falle?"
„Nein, verfluchter Puritaner, stellt doch endlich Euer Misstrauen gegen mich ein!" Aufgebracht packte de Wardes ihn am Ärmel und führte ihn den dunklen Korridor entlang, bis sie an eine Tür kamen. Durch die Ritzen im Holz und den Spalt am Boden fiel Licht auf den Korridor, der mit Holz verkleidet war. Die Luft in diesem schmalen Gang war abgestanden und schmeckte schal.
„Hört zu, Monsieur, wir werden jetzt beide hier eintreten, dann gehe ich vor und Ihr haltet Euch dicht hinter mir, verstanden? Es wird drinnen sehr voll sein, Ihr werdet angerempelt werden und festgehalten, aber Ihr geht einfach weiter." De Wardes öffnete, nun wieder schwungvoll und heiter, die Tür. Von dem plötzlichen Licht überrascht, blinzelte Mordaunt in den verräucherten Raum und nahm nur als Schatten den Grafen war, der mit festen Schritten zielstrebig den Schankraum des Hauses durchquerte. Menschen aller Art tummelten sich hier, man spielte Karten, man trank, man fluchte und man prügelte sich und zwischen diesen ganzen betrunkenen Gesellen tummelten sich üppige Frauen, die Weinflaschen und Becher zwischen den Tischen und den schwitzenden Männern vorbeibalancierten. Mordaunt entdeckte die blauen Uniformen einiger Musketiere.
Der Gestank in diesem niedrigen, nur mit kleinen Fenstern versehenen Raum verschlug dem jungen Mann geradezu den Atem. Er musste husten und stolperte gegen die Beine eines baumlangen Kerls, der halb auf einem Stuhl lag und im Arm eine dickliche Brünette mit gekräuselten Haaren und halboffenem Kleid hielt. Dieser erhob sich prompt zu seiner beeindruckenden Größe, wobei er die Dicke wegschubste und stierte nun auf Mordaunt herab.
„Es tut mir leid,", murmelte Mordaunt und machte, dass er de Wardes wieder einholte, den er im Gedränge fast aus den Augen verloren hatte. Der große Kerl brüllte ihm noch eine Verwünschung hinterher, doch besänftigte die dicke Frau seine Wut sehr bald mit zwitschernden Koseworten. Nach einer Ewigkeit des irren Gedränges, des Schiebens und Schubsens, in dem er kaum wusste, was er tat, gelangte Mordaunt endlich auf die andere Seite des Schankraumes, wo de Wardes ihn erwartete.
„Was soll das alles?", fragte Mordaunt erschöpft und wischte sich mit einem Taschentuch über das Gesicht. Gleich darauf zuckte er zusammen, als ein Mann irgendwo aufschrie und alsdann einen lästerlichen Fluch folgen ließ.
„Oh, nehmt es nicht zu schwer, Monsieur", erwiderte de Wardes, während er sich die Rippen rieb, da ihn eine sehr harte Faust dort schmerzhaft, wenn auch versehentlich getroffen hatte. „Wir sind nicht hier, um das zu sehen. Diese gutgehende Wirtschaft ist für gewöhnliche Menschen, wie Ihr deutlich erkennen könnt. Doch für uns, die wir nicht wie alle anderen sind, gibt es noch einige Hinterzimmer." Mit verschwörerischem Grinsen öffnete der Graf eine Tür, die so vollkommen in die Wand eingelassen war, dass Mordaunt sie nicht einmal bemerkt hätte, wenn er Stunden davor gestanden hätte und schob Mordaunt herein. Zum zweiten Male an diesem Abend fand er sich in einem Korridor wieder, der aber immerhin von einer einsamen Kerze auf einem Regal unruhig erleuchtet wurde. Die Stille hier war wohltuend, die Schreie und das Klirren, sowie das plötzlich einsetzende Singen der Gäste war nur noch ein undeutliches Gewirr, unterbrochen von zerbrechendem Glas oder zersplitterndem Holz.
„Dort entlang!", de Wardes wies zu einer Tür am Ende des Korridors. Der Gang war so eng, das sie hintereiander gehen musste, de Wardes schob Mordaunt geradezu und dieser öffnete zögerlich die Tür.
Es offenbarte sich ihm hier eine völlig andere Situation. Es war ruhiger in diesem Raum, angenehm warm und vorerst war niemand zu sehen.
An den Wänden hingen breite Vorhänge, die andere Zimmer zu verdecken schienen, gedämpfte Laute drangen heraus. Aus einer Tür gegenüber trat eine schon ältere Frau, die ganz offentsichtlich bestrebt war, ihre einstige Schönheit wieder zu beleben. Ihre roten Haare waren zu zahllosen Löckchen gebrannt und ihr Ausschnitt war so großzügig, dass man die Brustspitzen sah. Als Mordaunt das entdeckte, wurde er schamrot und senkte den Blick. Der Frau entging das nicht, doch sie wandte sich mit freudigem Lächeln an de Wardes.
„Mein Lieber, dass Ihr mein bescheidenes Haus endlich wieder beehrt, freut mich wirklich außerordentlich! Sagt, wo habt Ihr solange gesteckt?" Sie kam heran und legte vertraulich ihre Hand auf de Wardes Arm. Dieser lachte ungezwungen.
„Ich war auf Reisen, meine Schöne, in England. Da habe ich auch diesen jungen Herrn aus besten Hause kennen gelernt, der es gar nicht erwarten kann, Eure Bekanntschaft zu machen." Er nickte zu Mordaunt hoch, der sich standhaft weigerte, seinen Blick noch einmal auf dieser, für seine Begriffe abscheulichen, Frau ruhen zu lassen. Sie bemerkte seine Verlegenheit und ging darüber hinweg.
„Was darf es denn heute sein, mein wilder Graf? Lisette ist frei und bald wird auch Hélène wieder da sein. Oder jemand anderes? Es ist eine Neue gekommen, ganz zauberhaft, ganz jung und sie wird Euch bestimmt gefallen."
Zum ersten Mal im Leben befiel Monsieur de Wardes das ihm ganz unbekannte Gefühl der Verlegenheit, als Mordaunt den Kopf hob und ihn so angewidert und verächtlich anblickte, dass sich der junge Graf beinahe wand.
„Erstmal noch nicht, mein Liebe", wies er sie ab, „später, wenn Ihr gestattet. Kommt, Monsieur", er schob Mordaunt in eine Ecke, abseits von den verhängten Stuben und winkte der Dame. Diese verschwand und kam bald darauf mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern zurück. Dann zog sie sich vollends zurück.
Finster sah Mordaunt zu, wie de Wardes die Flaschen entkorkte und beide Gläser mit Wein befüllte.
„Was macht Ihr hier mit mir, Monsieur?", fragte Mordaunt mit kalter Wut in der Stimme. „Glaubt Ihr, ihr könntet mich hier vorführen? Denkt Ihr, ich weiß nicht, wo wir hier sind? Wa-"
„Trinkt doch erstmal!", unterbrach ihn de Wardes hastig und schob ihm das Glas zu. „Bitte regt Euch nicht auf. Sicherlich, ich hätte Euch vorbereiten können, doch das wollte ich nicht. Seid doch nicht so stur. Es ist nichts gefährliches hier. Ihr müsst ja nichts hier tun, Ihr solltet Euch das hier nur einmal anschauen und könnt vielleicht später wieder kommen."
„Was nie geschehen wird", knurrte Mordaunt und probierte den Wein. Klugerweise ließ de Wardes diese Worte ohne Erwiderung und sah zu, wie Mordaunt den sehr starken Wein immerhin schnell austrank. Als er das erste Glas geleert hatte, füllte de Wardes wieder auf.
„Und Ihr seid oft hier?", brummte Mordaunt. „Offenbar kennt man Euch hier? Ich hätte Euch viel zugetraut, aber dass Ihr Euch in derartigen… Einrichtungen herumtreibt, dass hätte ich nicht gedacht."
„Ihr werdet die Enttäuschung überwinden", versicherte de Wardes. „Ich dachte nur, ich zeige Euch einmal, was es noch so alles gibt."
Ein Geräusch lenkte sie beide ab. Einer der Vorhänge nicht weit von ihnen wurde beiseite geschoben. Dahinter war eine schmale Liege zu sehen, auf der ein nackter Mann lag. Eine ebenso nackte Frau mit aufgelösten Haaren lief quer durch das Zimmer zu der Tür, hinter der die rothaarige Bordellbesitzerin verschwunden war.
„Was ist mir ihr?", fragte Mordaunt, dessen Redelust in dem Maße stieg, wie der Weinbestand in seinem Becher abnahm.
„Ich weiß es nicht. Vielleicht ist er gerade gestorben. Das muss ein Tod sein. Auf dem Gipfel der Lust, in den Armen einer Hure…" Schwelgerisch verdrehte de Wardes die Augen und nippte an seinem Glas. Bereits vom ungewohnten Wein berauscht, starrte Mordaunt auf den nackten Mann, der bewegunsglos auf der Pritsche lag. Dann öffnete sich die Tür wieder und eine Schar Frauen in den unterschiedlichsten Gewandungen kam herein umd reihte sich am Bett des Mannes auf, wobei sie leise redeten. Einige, die nicht so fasziniert waren, sahen sich um. Eine von ihen winkte de Wardes fröhlich zu, sagte was zu den anderen und dann wandten sie sich alle um, um de Wardes zu winken.
„Kennt Ihr sie alle?", fragte Mordaunt ehrlich entsetzt.
„Nun…", winkte de Wardes ab und grinste vielsagend, „das möchte ich als diskreter Edelmann nicht ausplaudern. Ich kompromittiere doch keine der anwesenden Damen. Ah, seht. Da kommt ja Lisette. Die ist ganz wundervoll. Lisette, mein Kind, komm her und lass dich küssen!" De Wardes sprang auf, schloss die Hure in die Arme und drückte seine Lippen auf ihren Mund. Dann wandte er sich an Mordaunt.
„So macht man das, mein Lieber. Aber bleibt Ihr nur sitzen, ich komm nachher noch einmal vorbei. Langweilt Euch unterdessen nicht." Den Arm um sie legend, verabschiedete er sich lässig von Mordaunt und verschwand mit seiner Schönen in einer der mit Vorhängen von dem Schankraum abgetrennten Kammern.
Dort schob er Lisette von sich und lugte durch ein Loch im Vorhang, was Mordaunt trieb.

Dieser trank seinen Wein und starrte vor sich hin. Es entging de Wardes nicht, dass Mordaunt die Frauen insgeheim musterte und nach einer ganzen Weile hielt der junge Graf es für angebracht, der Herrin des Hauses einen Wink zu geben. Diese vestand sofort. Der Raum hatte inzwischen sich mit mehreren anderen Herren belebt, die alle miteinander plauderten oder sofort mit einer der Huren verschwanden, doch Mordaunt wurde bisher in Ruhe gelassen. Bis Madame auf de Wardes' Zeichen eines ihrer Mädchen losschickte.
Der junge Puritaner hielt sich an seiner Weinflasche fest, als eine große, vollbusige Frau mit kräftigen Armen und Beinen sich zu ihm auf den Tisch setzte.
„So allein?", flötete sie und packte ihn unter dem Kinn und zwang ihn, sie anzusehen.
Mit dem glasigen Blick eines Betrunkenen schaute er zu ihr auf.
„Ganz allein", gab er zurück und drehte den Kopf weg.
„Das könnten wir doch schnell ändern, nicht wahr, mein junger Herr?", fragte sie, rutschte vom Tisch herunter und setzte sich zu ihm gewandt auf seinen Schoß. Mordaunt ächzte unter ihrem Gewicht und versuchte, sie wegzuschieben. Doch sie war schwer und klammerte sich an ihm und den Stuhl fest. Vor ihm ragte ein Gebirge aus festem Fleisch, ihr Busen war direkt vor seinem Gesicht und er starrte mit großen Augen auf die Spalte zwischen den beiden Brüsten. Rasch und zielsicher griffen ihre Hände in seinen Schoß, während sie sich runterbeugte und ihn zu küssen versuchte. Willenlos und vollkommen apathisch ließ Mordaunt das mit sich geschehen, doch er blieb steif wie ein Stück Holz und ihre rhythmischen Bewegung lösten bei ihm nicht das Geringste aus. Beobachtet wurden die Bemühungen Maries von Madame sowie von de Wardes. Schließlich begab sich Madame zu dem jungen Grafen, während sich die Hure weiterhin darum bemühte, Mordaunts Aufmerksamkeit wenigstens im körperlichen Sinne zu erregen.
„Mein Lieber, seid Ihr Euch sicher, dass Euer Freund… auf Frauen anspricht?"
„Ganz sicher bin ich nicht, doch rate ich davon ab, auszuprobieren, wie er auf Knaben reagiert, meine Teure. Denn er ist höchstwahrscheinlich in dieser Beziehung nicht sehr humorvoll. Nehmt eine andere. Eine, die nicht ganz so… direkt ist. Wenn Ihr versteht."
„Aber er bewegt sich ja überhaupt nicht!", rief sie.
„Ihr müsst bedenken,d ass dies nicht nur sein erstes Mal in einem Bordell ist, sondern überhaupt seine erste Erfahrung mit dem weiblichen Geschlecht. Mit dem männlichen wird er zwar auch keine Erfahrung haben, aber das ist ja gleich…"
„Seine erste…" die Augen der Dame wurden groß und sie blickte kichernd zu Mordaunt hin, der inzwischen versuchte, seine lästige Gesellschaft wegzudrängen. Dann hellte sich das Gesicht der Bordellbesitzerin auf. „Ah, ich habe eine ausgezeichnete Idee. Einen Moment, ich muss sehen, ob sie noch frei ist. Die wird ihm bestimmt gefallen…"
Sie sprang auf, verschwand hinter der Tür und kam kurz darauf mit einer hübschen, blonden Frau wieder, die nicht ganz so üppig wie Marie war und eine gewisse Gebrechlichkeit ausstrahlte.
De Wardes pfiff anerkennend, woraufhin er von Lisette einen leichten Schlag mit der Hand auf die Wange erhielt.
„Wer ist sie denn?", erkundigte er sich angelegentlich.
„Sie heißt Amélie und ist schrecklich eingebildet!", zischte Lisette giftig, was de Wardes nicht davon abhielt, Amélie begehrlich hinterher zu schauen.
Diese berührte Marie an der Schulter, die darafhin endlich von Mordaunt abließ. Erstaunt blickte dieser auf, befreit von Maries schwerem Körper und starrte fasziniert Amélie an. Die blonde Frau lächelte, was de Wardes nicht sehen konnte, da sie ihm den Rücken zukehrte und nahm Mordaunt an der Hand, um ihn in eines der Zimmer zu ziehen, die mit Türen verschließbar waren.
„Na, ob die das hinkriegt…", meinte Marie zu Lisette und de Wardes, da ihr aufgefallen war, dass diese das Geplänkel beobachtet hatten.
„Selbst ein Eisblock hat mehr Feuer als der."„Wir werden ja hören, was Amélie uns dann zu sagen hat", ewiderte de Wardes und mit leichtem Bedauern wandte er sich an die zwar sehr hübsche, aber recht stämmige Lisette, die nicht die Zartheit einer Amélie aufwies.

Zwei Stunden später saß de Wardes mit einigen anderen Herren und Damen am Tisch und man unterhielt sich lustig. Überraschend aber sprang de Wardes auf, als Amélie auftauchte, und stürmte zu ihr.
„Und?", fragte er wissbegierig. Sie lächelte geheimnisvoll und schüttelte ihr helles Haar.
„Er schläft jetzt."
"Aha. Und, wie war er?"
„Wie diese jungen Männer halt sind, mein edler Herr. Nicht gerade geschickt, dafür aber voll Eifer und Temperament."
De Wardes konnte es kaum glauben und versuchte sich, den strengen, in schwarz gekleideten Mordaunt eifrig und temperamentvoll vorzustellen. Es gelang ihm nicht.
„Und danach??"
„Er ist fast sofort eingeschlafen, ich hatte Mühe, mich aus seiner Umklammerung zu befreien." Sie lächelte und änderte plötzlich ihren bis dahin sanften Tonfall in einen geschäftsmäßigen. „Ich habe seine Taschen durchsucht. Was er an Geld dabei hatte, war nicht besonders üppig, Monsieur." Sie streckte fordernd die Hand nach de Wardes aus. „Ihr habt ihn doch begleitet und hier eingeführt?"
„Schon gut, meine Liebe", brummte de Wardes und nahm einen Geldbeutel aus seinem Wams. Er zählte ihr einige Münzen in die geöffnete Rechte und danach zog sie sich, von den begehrlichen Blicken der anderen Männer verfolgt, zurück.
„Sie ist ihr Geld wohl wert", bemerkte einer der Männer.
„Ach", verteidigte de Wardes edelmütig die anderen Frauen, „sie sind doch alle gleich. Hoffen wir nur, dass sie keine Krankheiten hat. Obwohl es sehr komisch wäre", er lachte laut auf, „Monsieur Mordaunt, der Puritaner, der an der italienischen Krankheit leidet." Die anderen Anwesenden lachten belustigt und man trank sich unter allerlei weiteren Scherzen zu.

Mit einem merkwürdigen Gefühl erwachte Mordaunt etwa eine Stunde später. Im Halbschlaf meintet er gehört zu haben, wie jemand ans Bett getreten war, doch als er die Augen aufschlug, war niemand zu sehen. Im Zimmer war es sehr dunkel, nur unten am Boden sah er einige zitternde Lichtflecke durch die grob zusammengehauene Tür schimmern. Halb benommen vom vorher reichlich genossenen Wein setzte er sich auf und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.
Im Zimmer stand ein seltsamer Geruch, der ihn verstörte, außerdem bemerkte er plötzlich, dass er keine Hose mehr anhatte. Entsetzt rappelte er sich auf und stolperte durchs Zimmer, wobei er mit den nackten Füßen an ein Stoffbündel stieß.
Da sich seine Augen allmählich an das karge Licht gewöhnten, hockte er nieder und erkannte mehr durch Tasten als durch Sehen seine Hose, die er hastig anzog. Auch seine Stiefel fand er wieder sowie sein Wams und den Mantel. Wieder vollständig angekleidet, trat er hinaus in den Raum, er schwankte und faßte sich an die schmerzende Stirn. Das Gemurmel der Männer, die mit de Wardes an einem großen eichenen Tisch saßen, verstummte und sie betrachteten ihn neugierig.
Ohne ihre Blicke zu bemerken, wandte sich Mordaunt an de Wardes, der aufstand und ihm einige Schritte entgegenkam. Obwohl sie eine Armeslänge voneinander entfernt standen, roch der Graf den schalen Wein und eine seltsam dumpfe Ausdünstung, die diesem Bordell eigen war, aber ihm noch nie zuvor so aufgefallen war. Mühsam verbarg er seinen Ekel und fragte, ohne wie sonst munter zu lächeln:
„Nun, wie geht es Euch?" Sein neugieriger Blick wanderte an Mordaunts Kleidung auf und ab und blieb schließlich an seinem Gesicht hängen, welches vor Verlegenheit glühte und gleichzeitig einen merkwürdigen Zug erkennen ließ, der vorher nicht dagewesen war. Mit Erleichertung stellte de Wardes fest, dass Mordaunt seine Wut gegen ihn offenbar vergessen hatte und ihn nicht fordern würde.
Da Mordaunt nicht antwortete, übernahm de Wardes wie gewöhnlich die Führung.
„Ich denke, es ist für heute genug und wir verlassen dieses gastliche Haus. Um die Bezahlung macht Euch keine Sorgen, ich habe alles übernommen." Mit dieser Lüge zerrte er Mordaunt, der mehr hinter ihm her taumelte als dass er ging, durch die Wirtschaft, vorbei an den noch immer lärmenden und trinkenden Männer auf die kühle dunkle Straße. Ohne ihm Zeit zu lassen, sich in der plötzlichen Dunkelheit zurecht zu finden, packte er ihn am Arm und brachte ihn in die Pension, die Mordaunt bewohnte. Zuweilen lallte Mordaunt mit schwerer Zunge Unverständliches auf englisch vor sich hin und de Wardes war nicht wohl bei dem Gedanken, mit dem betrunkenem Engländer allein zu sein, doch schließlich kamen sie glücklich an der Herberge an. Es schien dem jungen Grafen eine Ewigkeit, bis der Vermieter endlich öffnete, eine Kerze in der Hand und barfuß in einem grauen Nachthemd.
„Nehmt Euch seiner an und bringt ihn ins Bett", wies de Wardes den erschrockenen und noch schläfrigen Vermieter an, „er hat getrunken und alles, was er braucht, ist genügend Schlaf. Hier ist der Dank für Eure Mühen." Froh, seine Pflicht erfüllt zu haben, drückte er dem Wirt eine Münze in die Hand und überließ es diesem, Mordaunt die Treppe hinauf und in sein Bett zu bringen.

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