Kapitel 11

D'Artagnan hatte einen harten und anstrengenden Tag hinter sich. Fast täglich kam es zu Zusammenstößen mit Frondeuren, aber vorerst hielt es der Hauptmann für klug, die Situation nicht eskalieren zu lassen und so mussten sich die Musketiere in der Regel mit ein paar Warnschüssen zufrieden geben. Anschläge auf Musketiere und Edelleute erbosten die Soldaten so sehr, dass sie kaum zurück zu halten waren. So war d'Artagnan einfach nur froh, dass er am frühen Nachmittag nach Hause gehen konnte und mit den Gedanken an ein schönes Essen und die Gesellschaft seiner Wirtin trat er den Heimweg an. Madeleine begrüßte ihn auch gleich, machte aber ein Gesicht, das ihn ahnen ließ, dass er wohl nicht viel Zeit mit ihr verbringen würde.

„Monsieur de la Fère wartet seit einer Stunde auf Euch. Er ist oben." D'Artagnan bedauerte dies für einen Moment, er hätte die Frau dem Freund vorgezogen aber das konnte er später nachholen. Also stampfte er die Treppe hoch und betrat seine Wohnung, wo Athos ihm sofort entgegenkam. Bevor d'Artagnan auch nur den Mund aufmachen konnte um zu fragen, was los sei, kam Athos ihm zuvor.

„Raoul ist verschwunden. Seit heute vormittag. Ich weiß, dass er bei Madame de Chevreuse gewesen ist. Sie hat mir gesagt, dass er gegen elf Uhr gegangen sei, er wollte sofort nach Hause kommen. Ich warte seit vier Stunden auf ihn."

D'Artagnan wollte die Sorge des Vaters beschwichtigen und meinte: „Raoul ist noch jung, vielleicht wollte er sich noch irgendetwas ansehen, er war doch von der Notre Dame immer so beeindruckt oder er wollte die Stadt verlassen und wieder ein bisschen Land sehen. Vielleicht hat er sich einfach nur in der Zeit vertan. Woher wollt Ihr nicht wissen, dass er nicht längst wieder zu Hause ist?"

„Ich habe Grimaud beauftragt, mir sofort Bescheid zu geben, wenn er aufgetaucht ist."

„Also gut. Schauen wir erst mal bei Euch nach, ob er inzwischen wieder zurückgekehrt ist." Mit einem heimlichen Bedauern, dass es heute nichts mit einem entspannten Abend werden würde, griff d'Artagnan wieder nach seinen Hut. Seite an Seite verließen die beiden Männer das Haus und marschierten zurück zum Quartier des Grafen. Athos schlug ein rasches Tempo an, so dass d'Artagnan ihm kaum folgen konnte. Doch die Hoffnung, die seine Schritte beflügelt hatte, stürzte ein, als er Grimauds ansichtig wurde, der auf der Türschwelle stand und nur der Kopf schüttelte, als er den Grafen sah.

Alle zusammen betraten sie die Wohnung. „Weiß Madame de Chevreuse auch ganz gewiss, dass Raoul sofort nach Hause kommen wollte?" vergewisserte sich d'Artagnan. „Vielleicht wollte er noch jemanden besuchen? Und was soll ihm denn auch passiert sein?"

„Er hat sich ganz gewiss nicht verlaufen", sagte de La Fère. „Er findet sich ausgezeichnet in Paris zurecht und ich kann mir wirklich nicht erklären, warum er so lange ausbleibt. Wenn er nur nicht …" de La Fère sprach nicht zu Ende, denn d'Artagnan unterbrach ihn.

„Ich weiß, was Ihr denkt, Monsieur. Ihr glaubt, dieser kleine Bastard hat Bragelonne."

„Ist dieser Gedanke denn tatsächlich so abwegig?"

„Nein", gab d'Artagnan zu, „aber wie wollt Ihr ihn denn finden? Wir werden wohl kaum einen Wegweiser finden, der uns in die richtige Richtung führen wird. Außerdem, wer sagt uns, dass Mordaunt noch in Paris ist. Die ganze Angelegenheit liegt doch schon zehn Tage zurück."

„Und Ihr habt Euch nicht gewundert, dass bisher alles ruhig geblieben ist? D'Artagnan, glaubt Ihr wirklich, dass der Sohn der Gräfin de Winter keine Rache üben will?" D'Artagnan schwieg, da sich die Antwort erübrigte und Athos sank verzweifelt auf einen Stuhl. Nach einem Moment sprang er aber wieder auf.

„Ich weiß! Monsieur d Wardes! Die beiden jungen Männer haben sich doch immer so blendend verstanden! Vielleicht weiß er, wo Mordaunt Bragelonne hingebracht hat?" Er lief plötzlich ohne Vorwarnung aus der Wohnung und d'Artagnan blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

„Aber Athos, könnt Ihr Euch wirklich vorstellen, dass der junge de Wardes Mordaunt helfen würde, Euren Sohn zu verstecken? Athos? Athos!" Ohne ein Wort zu erwidern, ohne überhaupt ein Zeichen zu geben, dass er d'Artagnan gehört hatte, lief Athos weiter und d'Artagnan keuchte ihm hinterher. Innerhalb kürzester Zeit hatten sie das Haus der de Wardes' erreicht und Athos betätigte mit aller Macht den Türklopfer. Nach kurzer Zeit öffnete ein Diener.

„Lubin!" keuchte Athos ihm entgegen. „Ist der Herr zu Hause?"

„Sehr wohl, Monsieur. Er hat aber Besuch." Lubin ging den beiden Herren voran in den Salon, um sich dann in das Zimmer seines Herrn zu begeben, wo dieser sich gerade heftig mit seinem Vetter stritt.

„Ich sage es Euch noch einmal, Monsieur, was Ihr vorhabt, ist purer Unverstand, gebraucht doch einmal wieder Euren klaren Geist! Der Kardinal hat die Königin vollkommen in der Hand und Ihr wollt mit Eurem Beaufo- … Was ist denn, Lubin?!", unterbrach sich de Wardes und wandte sich von seinem maßlos aufgebrachten Vetter ab.

„Es ist Besuch da, die Herren d'Artagnan und de La Fère", meldete Lubin verschüchtert.

Einigermaßen erschrocken sahen sich die beiden Herren an und leise fragte de Wardes:

„Wollt Ihr Euch nicht lieber entfernen, mein lieber Charles?" Doch Rochefort schüttelte den Kopf.

„Der kleine Gascogner macht mir keine Angst und was de Là Fère angeht, habe ich eher Hoffnungen." Angesichts der überraschten Miene seines Vetters grinste er und gemeinsam begaben sie sich in den Salon, wo d'Artagnan und Athos in höchster Erregung auf sie warteten. Die Herren reichten sich die Hände und liebenswürdig, ohne dass man ihm die eben erfolgte Auseinandersetzung mit Rochefort angemerkt hätte, fragte de Wardes:

„Meine Herren, was für eine Überraschung. Ich hoffe, es geht Euch gut. Was führt Euch zu mir?"

„Eigentlich wollten wir zu Monsieur de Wardes, Eurem Sohn … Ist er zu Hause?"

„Ich habe ihn seit gestern früh nicht mehr gesehen. Hat der Schlingel etwas ausgefressen?"

„Das wissen wir leider nicht. Es geht um Monsieur de Bragelonne." De La Fères Miene war so bekümmert, dass Rochefort und de Wardes merkten, dass der Anlass des Besuches ein ernsthafter war. Sie richtete ihre gesamte Aufmerksamkeit nun auf den Grafen.

„Reden wir offen", sagte Athos. „Bragelonne ist verschwunden und ich habe den dringenden Verdacht, dass dieser Engländer, Monsieur Mordaunt, etwas damit zu tun hat."

„Wie kommt Ihr darauf?", fragte de Wardes, der plötzlich totenbleich wurde, was keinem der anwesenden Herren entging.

„Es ist eine Vermutung, von der wir uns aber ziemlich sicher sind, dass sie richtig ist. Wir haben diesen Engländer schon seit längerem im Auge, weil sein Benehmen teilweise verdächtig war."

„Besonders nach Eurer Bemerkung an dem Abend des Empfangs Eures Sohnes", fügte d'Artagnan an de Wardes gewandt hinzu. „Ich muss zugeben, dass ich zu Anfang fest davon überzeugt gewesen bin, dieser Monsieur Mordaunt sei aufgrund der Aufstände nach Paris gekommen, um die hiesigen Frondeure kraft seiner Erfahrung mit den Cromwell'schen Truppen zu unterstützen."

„Da kann ich Euch beruhigen, Monsieur d'Artagnan", warf Rochefort mit hinterhältigem Lächeln ein. „Dieser Mordaunt hat rein gar nichts mit der Fronde zu tun. Das wüsste ich." Für einen Moment vergaß d'Artagnan, warum er hier war und fühlte sich als Leutnant der Musketiere durchaus willens, seinen ehemaligen Erzfeind sofort zu verhaften. Der Blick, den er Rochefort zuwarf, verhieß diesem nichts Gutes, doch der lächelte nur unverschämt.

„Wie auch immer", warf de Wardes eilig ein, „ und dieser Monsieur Mordaunt, was ist jetzt mit ihm?"

„Er ist Miladys Sohn." Diese Worte schlugen unter ihnen ein wie eine Kanonenkugel, alle hielten die Luft an und für einen Moment wusste niemand ein Wort zu sagen. Drei der anwesenden Herren hatten mit Milady das Bett geteilt, bei dem vierten wusste es keiner sicher und jeder der Männer hatte eine ganz besondere Beziehung zu der Frau, deren Sohn als Racheengel zurückgekehrt war.

„Und sobald", fuhr Athos mit schwerer Stimme fort, „Mordaunt durch Zufall rausgefunden hat, wer wir sind und was in der Vergangenheit geschehen ist, hat er Rache geübt."

„Und Bragelonne entführt."

„Ganz die Mutter", sprach Rochefort aus, was alle dachten.

„Und Ihr glaubt, mein Sohn hätte damit etwas zu tun?", fuhr de Wardes erbost und voller Schuldgefühle auf Athos los. Der wehrte mit einer Handbewegung ab.

„Um der Liebe Christi willen, nein. Aber vielleicht weiß er, wo Mordaunt Bragelonne hingebracht hat."

„Vielleicht hat er ihn gar nicht entführt. Vielleicht ist der Vicomte schon längst wieder zu Hause", versuchte de Wardes den Grafen zu beruhigen.

„Wenn er wirklich in den Fängen des Engländers ist, würde ich darauf nicht bauen. Wenn er auch nur einen Teil des Talentes seiner Mutter geerbt hat, hat er dem jungen Vicomte bestimmt einige Geschichten erzählt, die diesem die Haare zu Berge stehen lassen werden." Athos unterdrückte nach diesen Worten Rocheforts ein Stöhnen. Die Vorstellung, dass Raoul Mordaunt ausgeliefert war, marterte ihn. Schließlich entschieden sie, dass d'Artagnan und Athos wieder nach Hause zurückkehren sollten. Wenn Raoul wirklich entführt worden war, dann würde es sicher eine Nachricht geben, die eine Reaktion ihrerseits ermöglichen würde. De Wardes versprach, seinen Sohn abzupassen, sobald dieser nach Hause kam und ihn nach Mordaunt auszufragen und die beiden Männer sofort zu benachrichtigen, sobald er etwas Neues erführe. Rochefort versprach, gleichfalls die Augen offen zu halten und verschwand nach einem kurzen Grußwort, wobei er es sich nicht verkneifen konnte, d'Artagnan einen spöttischen Blick zuzuwerfen.

Zutiefst bekümmert nach diesem fruchtlosen Besuch schlugen Athos und d'Artagnan den Weg nach Hause an. Grimaud bedeutete dem Grafen mit einer Handbewegung, dass in ihrer Abwesenheit nichts geschehen sei und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu warten. D'Artagnan setzte sich, de Lá Fère aber, von Unruhe getrieben, sprang alle naselang auf und tigerte im Zimmer umher. D'Artagnan wurde selber unruhig und fing an, mit einem Messer an einem klobigen Scheit aus dem Holzhaufen neben dem Kamin rumzuschnitzen, um sich abzulenken.


„Ach, Monsieur le Vicomte, welch ein Zufall, Euch hier zu treffen." Unvermittelt stand Mordaunt vor Raoul, als dieser gerade das Anwesen der Madame de Chevreuse verließ.

„Monsieur Mordaunt", Raoul neigte den Kopf und sah sich um, ob er nicht auch Anne entdeckte, aber vergebens. Mordaunt, dem dieser Blick nicht entging, lächelte.

„Darf ich Euch bitten, mich ein Stück des Weges zu begleiten? Es gibt da etwas, was Ihr unbedingt sehen solltet." Mordaunt wandte sich um, ohne ein Antwort abzuwarten und Raoul, den die Neugier gepackt hatte, folgte ihm.

Vielleicht hoffte er insgeheim, auf Anne zu treffen und selbst wenn nicht – nur weil sie beide dieselbe Frau liebten, musste das doch noch lange nicht heißen, dass sie nicht vernünftigen Umgang miteinander pflegen konnten. Als Mordaunt aber Paris verließ, und sich seitwärts mit ihm durch die Büsche schlug, wurde Raoul unbehaglich zumute. Der Weg war ziemlich lang und unbequem und er geriet etwas außer Atem, bei der Geschwindigkeit, die Mordaunt ansetzte. Mehrere Male erkundigte er sich nach dem Ziel dieses Marsches, aber Mordaunt vertröstete den Vicomte immer mit den Worten, dass es nicht mehr lange dauern und er es bald erfahren würde. Raouls Unbehagen steigerte sich, als sie auf eine Lichtung kamen, an deren anderem Ende eine kleine Holzhütte stand. Raoul packte Mordaunt am Ärmel, der innehielt und sich zu ihm umdrehte.

„Wohin wollt Ihr denn, Monsieur? Ich weiß nicht, was Ihr vorhabt. Ich gehe keinen Schritt weiter, wenn Ihr mir nicht Bescheid gebt."

„Wartet nur ab, Bragelonne. Es soll eine Überraschung werden." Mordaunt wandte sich ab, um sein Lächeln zu verbergen. Kopfschüttelnd setzte Bragelonne sich wieder in Bewegung. Kurz vor der Hütte hielt Mordaunt an und wartete, bis Raoul zu ihm aufschloss, dann öffnete er die Tür und ließ Raoul den Vortritt. Der fühlte sich etwas unwohl, trat aber mutig vor. Er hatte kaum einen Blick in die Hütte geworfen, deren Inneres einen Tisch mit einem Seil darauf aufwies, als er hinter sich ein Keuchen hörte. Er wollte sich umwenden, als ihn plötzlich ein schwerer Gegenstand am Kopf traf und er hinten über kippte. Mit einem Schmerzenslaut fiel er zu Boden und versuchte, sich wieder hochzurappeln. Mordaunt war irritiert, er hatte gedacht, das Bürschchen würde beim ersten Hieb ohnmächtig werden. Doch Raouls Blick war etwas getrübt, deswegen nutzte Mordaunt das unsichere Schwanken des Vicomtes aus und schlug ihm noch einmal mit dem Knüppel über den Kopf. Mit einem Ächzen sackte Raoul zusammen. Wenig später lag Raoul an ein Tischbein gefesselt auf dem Boden, am ganzen Körper verschnürt wie ein Paket. Mordaunt spritzte ihm etwas Wasser ins Gesicht, um ihn schneller zu sich kommen zu lassen.

„So", sagte er befriedigt, „wie gefällt Euch das, kleiner Vicomte?"

„Was soll das? Bindet mich sofort los! Seid Ihr verrückt geworden?"

„Immer langsam. Ihr werdet vielleicht wieder frei werden, aber nicht sofort. Könnt Ihr Euch vorstellen, warum ich diesen Zirkus veranstaltet habe?"

„Weil ich bei der Dame mehr Erfolg habe als Ihr?", mutmaßte Raoul dreist. Er hatte schreckliche Angst, aber er wollte Mordaunt nicht die Genugtuung geben, das zu bemerken.

Mordaunt lachte höhnisch. „Kleiner Vicomte, das hat sie nur für mich getan und ich muss sagen, sie hat ihre Sache gut erledigt, wenn Ihr wirklich glaubt, Anne empfände etwas für Euch. Nein, Monsieur, es geht um etwas ganz anderes, besser gesagt, um jemanden anders. Um Euren Vater."

„Meinen Vater? Was meint Ihr? Außerdem ist Monsieur de Lá Fère nur mein Adoptivvater." Mordaunt sah Raoul verächtlich an.

„Stellt Euch nicht dümmer an, als Ihr seid, Bragelonne. Die Ähnlichkeit zwischen Euch und dem Grafen ist unverkennbar. Warum er Euch nicht sagt, dass Ihr sein Bastard seid, weiß ich natürlich nicht, aber er wird seine Gründe dafür haben."

„Wagt es ja nicht!", keuchte Bragelonne und zerrte an seinen Fesseln, „wagt es ja nicht, mich oder den Grafen zu beleidigen!"

„Was wollt Ihr dagegen tun? Mit den Füßen scharren? Außerdem ist es nicht meine Aufgabe, den Grafen zu beleidigen, das tut er schon genug durch seine Handlungen."

„Der Graf tut nie etwas unehrenhaftes! Nehmt Eure Worte sofort zurück."

„Das werde ich ganz gewiss nicht tun. Stattdessen werdet Ihr mir mal ganz genau zuhören, weil ich Euch etwas erzählen werde über Euren Vater, was Ihr ganz sicher noch nicht wisst."

Raoul wimmerte. „Ihr lügt! Ich weiß wirklich nicht, was dieses Theater soll, aber ich schwöre Euch, Ihr werdet dafür bezahlen!"

„Oh nein, mein kleiner Vicomte. Ich habe genug in meinem Leben für die Untaten Eures Vaters bezahlen müssen. Euer Vater ist ein heimtückischer Mann, dem sein Stolz mehr wert war als alles andere auf der Welt. Beispielsweise mehr als das Leben meiner Mutter." Mordaunt Gesicht verzerrte sich bei diesen Worten und Raoul brachte ein höhnisches Lachen zustande, um seine Furcht zu verbergen. Verächtlich sagte er:

„Dann kann sie es nur verdient ha-" Raoul konnte nicht weitersprechen, weil Mordaunt ihm unbeherrscht ins Gesicht schlug.

„Meine Mutter war eine Heilige!", schrie er Raoul an. „Euer Vater hat sich mit seinen Freunden zusammen getan und sie ohne jede Gerichtsbarkeit zum Tode verurteilt! Glaubt Ihr, er nahm sich Zeit, sie anzuhören? Vielleicht hat sie gefehlt in ihrem Leben, aber Euer Vater hat sich als Richter über eine wehrlose Frau aufgeschwungen. Fünf Männer gegen eine Frau!"

„Wenn Eure Mutter auch nur ansatzweise ihre Niederträchtigkeit und Boshaftigkeit auf Euch übertragen hat, dann hat sie es verdient." Raoul war stolz darauf, dass seine Stimme bei diesen Worten kaum zitterte, wenn er auch verunsichert war von Mordaunts Worten.

„Glaubt Ihr das wirklich? Glaubt Ihr, dass eine einzige Frau es verdient hat, von fünf Männern zum Tode verurteilt zu werden, ohne dass ein ordentliches Gericht abgehalten wird?"

Auf diese Frage wusste Raoul keine Antwort. Seine Gedanken jagten sich hinter seiner Stirn. Konnten Mordaunts Behauptungen wahr sein? Aber nein, der Graf hatte sich nie unehrenhaft verhalten. Wenn er, Raoul, sich die kleinste Grenzüberschreitung als Kind erlaubt hatte, war denn da der Graf nicht immer mit ernsthaften Ermahnungen über Ehre und Redlichkeit an ihn herangetreten? Hatte nicht der Lebenswandel des Grafen gezeigt, dass er über solche Anschuldigungen wie die von Mordaunt erhaben war? Mordaunt ließ Raoul keinen Moment aus den Augen. Er sah, wie es in dem jungen Mann gärte und arbeitete und doch wurde er enttäuscht, als Raoul sich wieder fassen konnte.

„Ihr lügt! Wenn mein Vater diese Frau verurteilt hat, dann, weil sie etwas Schlimmes getan hat, was gesühnt werden musste." Mordaunt schnaubte.

„Benutzt Euren Verstand, Bragelonne, darin wurdet Ihr doch ausreichend ausgebildet. Habt Ihr denn nie Euren Vater danach gefragt, warum er Abschied von den Musketieren nahm? Warum hat er sich mit Euch auf seinem Landgut versteckt? Warum hat er nie wieder geheiratet?" Mordaunt unterbrach sich, als Raoul den Kopf zu schüttelte. Er suchte nach Argumenten, die die Worte Mordaunts entkräften konnten, doch tief in seinem Innern regten sich Zweifel, wurden immer größer und lauter. Was Mordaunt sagte, hatte Hand und Fuß, sosehr sein Verstand und sein Herz sich dagegen sträubten, das Gesagte zu akzeptieren. Der Graf hatte sich für lange Jahre in die Provinz zurückgezogen. Er hatte wenig Verkehr mit den adligen Nachbarn aus der Umgebung gehabt, soweit Raoul erkennen konnte. Mit Damen war er immer höflich umgegangen, aber niemals hatte er eine der Damen, die ihn umschwärmt hatten wie Bienen den Honig, geheiratet. Mordaunt fuhr fort, dem Vicomte das Gift einzuträufeln, wahre Worte und Worte, die er für wahr hielt, ohne die ganze Wahrheit zu kennen.

„Ich sage Euch, warum er nicht wieder eine Frau heimgeführt hatte, warum er nicht einmal Eure Mutter heiratete, obwohl er ein Kind mit ihr hatte. Weil er wusste, dass er es nicht wert war, jemals wieder eine Frau zu heiraten. Er hat bereits eine Frau auf dem Gewissen, eine Frau, die er einmal geliebt hat. Wegen einer geringfügigen Angelegenheit wollte er schon einmal ihren Tod. Doch sie hat überlebt. Und Jahre danach hat sich Euer werter Vater erneut als Richter über diese Frau aufgeschwungen, eine Frau, die nur ihr eigenes Leben führen wollte. Und diese Frau war meine Mutter. Sagt es mir, Bragelonne: glaubt Ihr, es sei gerecht, dass Ihr noch Euren Vater habt, der Euch nicht einmal als eigenen Sohn anerkennt, während ich meine Mutter nur dreimal in meinem Leben sehen durfte?"

Mit einem befriedigten Gesichtsausdruck beobachtete Mordaunt die Wirkung seiner Worte. Endlich konnte er sich über diesen Vicomte erheben, der alles in seinem Leben geschenkt bekommen hatte und über dessen Vater gleich mit. Das Erkennen der Schuld des Grafen an dem Mord seiner Mutter hatte Mordaunt mehr verletzt, als er zugeben wollte. Tief in seinem Innern hatte er Bewunderung und Respekt für diesen Edelmann empfunden, ihn um seinen Stolz und um sein vornehmes Wesen beinahe beneidet. Es war ein Gefühl, ähnlich wie er es bei General Cromwell empfand, der sein verehrter Dienstherr war. Doch bei de Lá Fère war dieses Gefühl tiefer gewesen und hatte eine Saite in ihm zum Klingen gebracht, von der Mordaunt nicht gewusst hatte, dass er so empfinden konnte. Tief in seinem Herzen hätte er sich die Anerkennung des Grafen gewünscht, aber nun hatte sich de Lá Fère als unwert erwiesen. Nun würde er für seine Verbrechen bezahlen.

Mordaunt legte Raoul eine Hand auf die Schulter, was dieser mit zusammengebissenen Zähnen geschehen lassen musste.

„Hier, Monsieur de Vicomte. Dieses Schreiben gab mir mein Herr, der es von einem Geistlichen in England erhielt. Ich habe mit dem Mann gesprochen und dass was ich von ihm noch erfuhr, dazu geschrieben. Lest es, ich lasse es hier. Und danach könnt Ihr überlegen, ob de Lá Fère Eurer kindlichen Liebe wert ist." Mordaunt legte das Schreiben, welches die Beichte des Henkers von Béthune enthielt, vor Raoul auf den Boden und löste diesem die Fesseln, wobei er ihm mit einer Hand die Hände auf dem Rücken festhielt. Dann band er das Seil neu, so dass Raoul eine gewisse Bewegungsfreiheit mit den Händen hatte und verließ die Hütte. Draußen setzte er sich vor die Tür. Sein Herz schlug heftig und dumpf wie eine Trommel. In sich fühlte er eine tiefe Befriedigung, dass bisher alles so geschehen war, wie er es geplant hatte. Sorgfältig hatte er in den letzten Tagen überlegt, wie er vorgehen sollte. Raoul war schnell wankend geworden, obwohl sein Vertrauen in den Grafen doch immer so groß erschienen war. Es war doch erstaunlich, wie leicht so ein Junge mit ein paar richtigen Worten zu erschüttern war.

Als Mordaunt aus dem Innern der Hütte ein Stöhnen hörte, begab er sich wieder hinein. Raoul saß in sich zusammengesunken, die Papiere hatte er von sich geworfen.

„Das ist alles nicht wahr", murmelte er. Mordaunt hörte aber, dass seinen Worten jegliche Überzeugung abhanden gekommen war.

„Ich konnte nicht zulassen, dass Ihr mit einer falschen Vorstellung von Eurem Vater herumlauft, Monsieur de Vicomte", sagte Mordaunt sanft. „Er verdient weder Eure Liebe, noch Eure Verehrung. Ich weiß, Ihr brauchtet einen Helden, aber leider hat Euer Vater nicht nach den Maßstäben gehandelt, die er von anderen verlangt hat. Ehre mag schön und gut sein, doch wenn sie die Menschen dazu treibt, dunkle und schlechte Taten zu vollbringen, ist es fraglich, ob es sich dann noch um die sogenannte Ehre handelt. Euer Vater hat nach einer Ehre gehandelt, die nicht mit seinen eigenen Ehrbegriffen zu vereinbaren sein dürfte. Glücklicherweise seid Ihr als einziger Mensch in der Lage, ihm zu zeigen, dass er für seine Fehler bestraft werden muss." Wie betäubt hörte Raoul diese Worte und hatte Mühe, ihren Sinn zu erfassen. Am liebsten wäre er eingeschlafen und friedlich gestorben, ohne das alles je erfahren zu müssen. Wimmernd sank er noch weiter in sich zusammen. In ihm war ein Gefühl, als sei er am tiefsten Punkt seines Lebens angekommen und er konnte sich nicht vorstellen, wie er mit dieser Last auf dem Herzen jemals wieder glücklich werden konnte. Und wie er jemals seinem Vater wieder in die Augen blicken konnte, nachdem, was er erfahren hatte.