Kapitel 13
Es war ein halbes Jahr später. Mordaunt saß in seinem Zimmer auf Cromwells Gut am Fenster und starrte hinaus aus dem Fenster. Dabei rupfte er an dem Fensterbrett kleine Holzstückchen ab. Es klopfte und Anne trat ein.
„John? Ich habe gerade mit dem Arzt gesprochen. Er meinte, die Lunge wird nicht mehr viel kräftiger werden." Ohne sich zu ihr umzudrehen, nickte Mordaunt.
„Das habe ich mir schon gedacht. Die Verwundung ist immerhin schon ein halbes Jahr her und seit einigen Wochen ist es überhaupt nicht mehr besser geworden. Den Arzt brauchte ich wirklich nicht, um das zu erfahren." Anne spielte mit einer losen Haarlocke, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatte und trat einige Schritte näher an Mordaunt heran. Nach einem Schweigen begann sie:
„Der Arzt meinte auch … er meinte, dass es gut wäre, wenn Ihr weniger grübeln und Euch wieder mehr dem Leben zuwendet würdet. Er meinte, es war durchaus richtig, dass Ihr Euch so viel Ruhe gegönnt habt, aber langsam wird es auch wieder Zeit, etwas zu … nun, zu tun. Es nützt doch nichts, sich nur im Zimmer zu verkriechen und das Leben an sich vorbeiziehen zu lassen." Mordaunt senkte den Kopf und zupfte weiterhin unbewusst an dem Brett, auf dem er saß.
„Diese Diskussion haben wir schon zur Genüge geführt, Anne", sagte er leise. „Ich … habe momentan nicht die Kraft dafür, mich in das Leben oder in die Arbeit zu stürzen."
„Aber selbst der General-" Ein Klopfen an der Tür unterbrach sie. Auf Ihr „Herein!" trat ein Diener mittleren Alters ein. Er verneigte sich vor ihnen, trat auf Anne zu und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie warf Mordaunt einen merkwürdigen Blick zu und verließ ohne ein Wort zusammen mit dem Diener das Zimmer. Mordaunt spielte kurz mit dem Gedanken, herauszufinden, was der Diener ihr gesagt hatte, gab diesen Gedanken aber bald auf. Er begnügte sich damit, weiter aus dem Fenster zu starren und wieder in die Lethargie zu sinken, die ihn seit der Abreise aus Frankreich beherrschte. Nach einer Weile klopfte es schon wieder an seiner Tür. Unwillig richtete er sich auf und Anne trat schon wieder ein.
„Es ist Besuch für Euch da", teilte sie ihm mit.
„Wer ist es? Doch nicht ein weiterer Arzt, der Lohn dafür bekommt, dass er das Gleiche wie sein Vorgänger sagt."
Ein Lächeln umspielte ihre Lippen.
„Seht selbst", sagte sie und ließ den Besucher herein. Mordaunt war so verblüfft, dass er aufsprang und dem Besucher entgegen ging. Anne stellte fest, dass diese Reaktion schwungvoller war als alles andere, was er in der letzten Zeit getan hatte. Mit einem Gefühl, als würde vielleicht irgendwann doch noch alles gut werden, verließ sie das Zimmer. Mordaunt reichte seinem Besucher die Hand.
„Monsieur de Wardes, was für eine Überraschung. Was führt Euch hier in diese Einöde?"
„Oh, ich halte mich zur Zeit in London auf und angesichts des schönen Wetters dachte ich mir, dass ich mal wieder die Landschaft und den englischen Frühling genießen sollte", entgegnete der Graf und ergriff Mordaunts ausgestreckte Rechte.
„Ja, es ist dieses Jahr besonders mild und schön", gab Mordaunt zu. „Setzt Euch doch, Monsieur le comte. Wollt Ihr etwas trinken?"
„Vielen Dank, nein. Später vielleicht." Die beiden Herren nahmen Platz, de Wardes auf dem einzigen Sessel im Raum, Mordaunt setzte sich wieder auf das Fensterbrett. Neugierig betrachtete der Graf den jungen Mann, der abgemagert und blass aussah. Er vermittelte nicht mehr die Gefahr, die einst in einem kleinen Korridor oder auf der Festlichkeit seines Sohnes von ihm ausgegangen war. Mordaunt bemerkte den Blick und wandte sich wieder dem abgesplitterten Fensterbrett zu. Dann fragte er unvermittelt: „Woher wusstet Ihr, dass ich hier zu finden bin?"
„Die Lady", entgegnete de Wardes und Mordaunt nickte, als hätte er mit einer solchen Antwort gerechnet. „Sie hat mir geschrieben und ich dachte, ich besuche Euch nach all der Zeit wieder."
„Wie geht es Euch in Frankreich?"
„Oh, es ist alles ruhig. Wir hatten kürzlich einen Aufstand, aber dieser wurde niedergeschlagen. Von den Musketieren." Der Graf beobachtete, wie Mordaunt diese Worte aufnahm, aber dieser blieb wider Erwarten ruhig. Er brachte es sogar über sich, zu lächeln und hörte endlich auf, die Splitter aus dem Holz zu ziehen.
„Die Musketiere … Wie geht es dieser Truppe mittlerweile?"
„Es haben sich einige Veränderungen ergeben. Der Hauptmann, Monsieur de Tréville, hat sich aus dem Gardeleben zurückgezogen."
„So? Und wer ist dann jetzt der Hauptmann der Kompanie?"
„Monsieur d'Artagnan. Nach seiner letzten entschlossenen Vorgehen gegen die aufständischen Frondeure hat Mazarin ein Einsehen gehabt und d'Artagnan wurde nach fast zwanzig Jahren Dienstzeit endlich befördert."
„Meinen Glückwunsch. Ich gönne es ihm. Er ist ein fähiger Hauptmann, soweit ich das beurteilen kann."
„Das kann man wohl sagen. Mein Vetter Rochefort ist durch ihn ins Gefängnis gekommen, wurde aber bei einer Nacht-und Nebel-Aktion wieder befreit. Bei dieser bin ich mir nicht mal so sicher, ob dabei nicht der Graf de Lá Fère seine Hände mit im Spiel hat. Er war immer gegen Mazarin, genauso wie mein Vetter."
„Wie geht es ihm?"
„Wem? Meinem Vetter? Ganz gut, er ist jetzt …"
„Nein, ich meine den Grafen. Den Grafen de Là Fère. Geht es … geht es ihm gut?"
„Ich höre nicht viel von ihm", gestand de Wardes achselzuckend. „Er ist für seine Genesung noch einige Zeit in Paris geblieben. Die Hand wird er nicht mehr wie früher gebrauchen können, sie ist etwas steif. Aber mittlerweile ist er wieder auf seine Güter in Lá Fère zurückgekehrt."
„Allein?"
„Mit Bragelonne. Dieser hat sich mittlerweile dem Condè-Heer angeschlossen hat, wo er sich viel hervortut durch Tapferkeit. Man spricht sogar in Paris von seinen Heldentaten."
„Es muss de La Fère schmerzen, seinen Sohn für den Krieg herzugeben", meinte Mordaunt versonnen.
„Oh ja. Seine Traurigkeit kennt keine Grenzen. Aber es ist besser so."
„Warum?" Mordaunt sah überrascht auf.
„D'Artagnan hat mir berichtet, dass die beiden, also de La Fère und Bragelonne, sich kaum noch etwas zu sagen hatten. In Bragelonne ist alles zerbrochen, alles, was er je an Liebe und Verehrung für den Grafen empfunden hat und nun versucht er, dieser erfahrenen Schande durch seine außergewöhnliche Tapferkeit im Krieg wieder Herr zu werden."
„Aber er kann doch nichts für die Vergehen seines Vaters", widersprach Mordaunt und errötete.
„Aber er schämt sich für seinen Vater und ich glaube, dass ist das Schlimmste, was einem Vater von seinem Sohn widerfahren kann. Ich weiß nicht, was Ihr ihm in dieser Hütte alles gesagt habt, aber es hat furchtbar auf den Vicomte gewirkt." Auf diese Worte folgte ein bedrücktes Schweigen.
Mordaunt nagte an seiner Unterlippe und grübelte über die Worte des Grafen nach. Schließlich fragte er:
„Meint Ihr nicht, dass die Zeit den Vicomte Verständnis finden lassen wird für das, was sein Vater getan hat?"
„Ich weiß es nicht. Wie steht es denn mit Euch? Ihr seid schließlich auch durch den Comte geschädigt worden. Ihr habt Eure Mutter verloren. Könnt Ihr ihm für seine Taten verzeihen?"
„ Ja. Mittlerweile kann ich es. Ich glaube, ich habe verstanden, was ihn dazu getrieben hat, meine Mutter zu töten. Anne hat mir erzählt, was Ihr ihr berichtet habt, nachdem sie Raoul aus der Hütte befreit und zu Euch gebracht hat. De Lá Fère hätte nicht anders handeln können, ich hätte aber auch nicht anders handeln können. Vielleicht würde ich es heute tun. Alles, was mir jetzt noch bleibt, ist, dem Grafen zu verzeihen."
„Und Euch selbst", fügte de Wardes sanft hinzu.
„Das kann nur der Graf."
„Trotzdem ist es wichtig, dass Ihr nicht allzu streng mit Euch ins Gericht geht. Ihr habt als Sohn gehandelt, daran ist nichts Verwerfliches. Ihr tragt die Verantwortung für Eure Taten, das ist richtig. Deswegen seid Ihr aber auch als Einziger in der Lage, Euch selbst für das, was Ihr getan habt, zu vergeben." Auf diese Worte folgte wieder ein längeres Schweigen, aber es war nicht mehr drückend, sondern leichter, bis Mordaunt, der die trüben Gedanken abschütteln wollte, schließlich wieder das Wort ergriff.
„Ich habe ganz vergessen, nach Eurem Sohn zu fragen. Wie geht es ihm? Gedenkt er endlich zu heiraten?"
„Das hat noch Zeit. Er ist noch nicht mal fünfundzwanzig, ein wenig Freiheit will ich ihm schon noch gönnen". Mordaunt lächelte zum ersten Mal ohne Traurigkeit. De Wardes betrachtete ihn, suchte nach einer Ähnlichkeit mit Mordaunts Mutter, die ihm in Paris aufgefallen war, aber er fand keine mehr.
„Wie ist es denn mit Euch, mein lieber Mordaunt? Ihr seid schließlich auch schon lange großjährig. Wird es für Euch nicht auch langsam Zeit zu heiraten?"
„Da müsste sich erst einmal eine finden", murmelte Mordaunt. Der Graf stand lächelnd auf und stellte sich zu ihm ans Fenster. Gemeinsam beobachteten sie Anne, die über den Hof ging und vor dem Stall von einem Diener aufgehalten wurde, der sie offenbar etwas fragte.
„Oh, ich denke, ich wüsste da schone eine. Eine treue gute Frau, die alles für Euch tun würde. Eine, die zu Euch steht, auch, wenn Ihr Fehler macht. Es gibt sicherlich genau so eine, wie Ihr sie bracht." Mordaunt lächelte und trat vom Fenster weg.
„Wir werden sehen, Graf. Wenn sie ja sagt, wird es sich schon so ergeben."
