An alle, die mir fleißig geschrieben habe: Vielen Dank ganz lieb knuddel
Laurie
lantar lassi súrinen
Wie Gold
fallen die Blätter im Wind
Neunundneuzig Jahre und 351 Tage
Es war nicht schwer zu erkennen, wann sie in Ithilien waren. Adamantiel sah sich staunend im lichtüberfluteten Wald um. Wie vieles hatte sich verändert! Die Häuser in den Bäumen waren gut versteckt. Bevor ein Mensch auch nur ein Baumhaus entdecken würde, würde er schön tief im Zentrum dieser wunderschönen Elbenkolonie angekommen sein. Ein Gefühl der Freude und des Leichtmuts erfasste sie und die kleine Elbin vergaß für einen kurzen Moment die Fieberhitze, die in ihrem Körper brannte. Sie schielte leicht beleidigt zu Narwainion hinüber, der aufrecht im Sattel saß und keine Emotionen zeigte. Von wegen die Spinne war nicht giftig. Anscheinend hatte er sich geirrt, denn sie fühlte sich nicht wirklich gut. Sie wischte sich eine Schweißperle von der Stirn und sah dann abermals zu dem älteren Elben hinüber. Seine Gesichtszüge waren wie aus Stein gemeißelt und seit sie am frühen Morgen aufgebrochen waren, hatte er kein Wort mehr mit ihr gewechselt. Ob es daran lag, dass sie ihn an seine Tochter erinnerte? Adamantiel runzelte nachdenklich die Stirn, und fragte sich, was wohl zwischen den beiden vorgefallen sein mochte.
Adamantiel ließ den Blick schweifen. Einige Elben saßen in den Bäumen und blickten singend auf die Ankömmlinge herab. Kinder tollten über den Weg, um einen Blick auf die Heimkehrenden zu werfen. Sanft geschwungene Treppen führten die Bäume hinauf und überall wimmelte es nur so vor kleinen Vögeln und Schmetterlingen. Der Wald stand im vollen Duft des Hochsommers. Pilze schossen überall aus der Erde hervor und boten den Elben zusätzliche Nahrung.
Adamantiel leckte sich über die spröden Lippen. Sie liebte Pilze über alles. Vielleicht hatte Hellina schon einige gekocht. Vollkommen aufgeregt, rutschte die Elbin im Sattel hin und her. Endlich würde sie die Freundinnen wieder sehen! Und Tinnu, Alagos und Timpetu. Über Nestalinnas ruhige und liebe Art freute sie sich riesig. Wie oft hatten die drei Freundinnen des Abends am Feuer gesessen und sich Geschichten erzählt. Sie fühlte sich auf einmal rundum glücklich und hätte noch Stunden so durch den zauberhaften Wald reiten können, hätte sich ihnen nicht ein großer schwarzhaariger Elb in den Weg gestellt. Die drei Reisenden zügelten die Pferde und brachte sie zum Stehen.
"Seid gegrüßt im neu erblühten Ithilien", verkündete Sémersion würdevoll. Man sah ihm seinen Stolz an. Schließlich hatte er sich in Legolas' Abwesenheit um den Aufbau und die Organisation der Elbenkolonie gekümmert. Und das Resultat war durchaus überwältigend.
"Schön dich wieder zu sehen, Sémersion", grüßte ihn Adamantiel lächelnd. Der Elb musterte sie eingehend. Sie sah sehr erschöpft aus. Er fragte sich, ob ihr Zustand etwas mit Legolas' zu frühem Auftauchen zu tun hatte. Der Prinz war zwar plötzlich am frühen Morgen aufgetaucht, hatte aber fast kein Wort gesprochen. Sémersion hatte ihm die wichtigsten Details umständlich aus der Nase ziehen müssen.
"Ich werde euch nun eure Häuser zeigen. Danach findet auf der großen Lichtung ein Fest zu Ehren des Prinzen statt. Folgt mir bitte." Sémersion führte sie über enge schmale Pfade durch die Baumhäusersiedlung hindurch. Adamantiel genoss die verschiedenen Grüntöne der Blätter und Büsche. Die Pflanzen wirkten beruhigend auf ihr Gemüt. Nach kurzer Zeit stellte sie fest, dass sie sich dem Wasserfall näherten, an dem sie viele Decken geflochten und Schalen getöpfert hatte. Sein Rauschen war nur sehr schwach aber dennoch zu hören.
"Tiel!!!", kreischte es auf einmal über ihr, und ehe es sich die kleine Elbin versah, landete ein kleiner Körper schwungvoll auf ihrem Rücken. Ihr Pferd empfand die doppelte Belastung als unangenehm und wollte sich aufbäumen, doch Luferion beruhigte es rechtzeitig, indem er ihm sanfte Worte zuflüsterte.
"Tinnu! Bist du bescheuert!? Mama hat doch gesagt, dass du nicht von den Bäumen springen sollst", rief eine ärgerliche Jungenstimme von oben. Adamantiel legte den Kopf in den Nacken und lachte den kleinen Alagos an, der zwischen den Blättern in den Ästen saß.
"So ein Quatsch. Du machst es doch auch", maulte seine Schwester und streckte ihm die Zunge raus.
"Nein mach ich nicht!", beharrte er trotzig und kletterte die Leiter herunter, die zu einem wunderschönen Baumhaus führte. Einen Augenblick später stand er vor den Pferden der Reisenden und musterte seine Schwester, die immer noch an Adamantiels Hals klammerte, mit bösen Blicken.
"Ich bin so froh, dass du endlich wieder da bist", quietschte Tinnu vergnügt und kuschelte sich an Adamantiel.
"Sie hat die ganze Zeit gejammert und geheult", fügte Alagos hinzu und erntete erneut eine weit herausgestreckte rote Zunge. Adamantiel schwang sich grinsend vom Pferd und Tinnu sprang leichtfüßig auf die Wiese. Beide Kinder standen nun mit leuchtenden Augen vor ihr.
"Wir haben die ganze Zeit vor deinem Haus gewartet", plapperte das Mädchen munter weiter.
"Ich habe es strengsten bewacht", schob sich Alagos in den Vordergrund.
"Das stimmt nicht! Du bist immer eingeschlafen." Tinnu versetzte ihm einen Rippenstoß, den er verärgert erwiderte. Luferion, Sémersion und Narwainion verzogen amüsiert die Mundwinkel.
"Also ist das da mein Haus?", fragte Adamantiel aufgeregt und deutete nach oben. Die Kinder nickten unison und schon wuselte Alagos den Baumstamm hinauf. Dicht gefolgt von Tinnu, denn jeder wollte als Erster Adamantiels Gesicht sehen, wenn sie ihr neues Haus betrat.
"Wir haben darauf geachtet, dass du in unsere Nähe kommst", ertönte plötzlich die Stimme einer Frau. Adamantiel fuhr herum. Dort standen Nestalinna - schüchtern lächelnd - und Hellina - aufmüpfig grinsend. Beide sahen frisch und erholt aus. Anscheinend hatten sie hier viel Spaß. Übermütig rannte die junge Frau auf sie zu und umarmte eine nach der anderen herzlich.
"Es ist so schön euch zu sehen! Wie geht es euch? Wo wohnt ihr? Wie lange hat das alles hier gedauert? Gut seht ihr aus", platzte es aus Adamantiel heraus. Die Männer entfernten sich mit einem Gruß. Sie wollten das Wiedersehen nicht stören. Die Freundinnen lachten. Hellina wuschelte der Blondhaarigen amüsiert über den Kopf.
"Dass du bald einhundert Jahre alt wirst, darfst du auch keinem verraten. Du machst Tinnu und Alagos Konkurrenz", scherzte die Mutter beider Kinder.
"Sie ist kaum wieder da und schon musst du anfangen, sie zu ärgern", tadelte Nestalinna die Freundin, gab Adamantiel aber einen liebevollen Kuss auf die Wange.
"Sie darf nicht denken, dass sie ab jetzt ein schönes Leben führen wird", konterte Hellina. Adamantiel grinste bis über beide Ohren. Wie hatte sie das nur vermisst!? Plötzlich schien alles in unendlich weite Ferne zu rücken. Luz und Legolas waren vergessen.
"Immerhin könntest du auf ihren Zustand acht geben. Sie sieht sehr erschöpft aus", fuhr Nestalinna fort. Adamantiel sah an sich herunter und konnte die Freundin gut verstehen. Ihre Kleidung stand vor Dreck und seit dem Morgen hatte sie sich nicht mehr gewaschen.
"Da hilft ein erfrischendes Bad und alles ist wieder wie vorher. Dann stinkst du auch nicht mehr nach Raubtier", stichelte Hellina und schob die Freundin sanft auf den Baum zu, auf dem Tinnu und Alagos verschwunden waren. Oben angekommen, verschlug es der Elbin beinahe den Atem. Das Haus glich einem Eichhörnchennest. Das Dach und die Wände waren rund, und aus dunklem Holz gefertigt. Als Tür diente ein langer dicker Vorhang aus grünem Stoff. Links und rechts des Eingangs standen Fackelhalter. Der Boden, auf dem sie liefen bestand aus mehreren runden Holzbalken, die mit Seilen aneinander gebunden waren und führte als Holzbrücke ohne Geländer über einen luftigen Abgrund zum nächsten Baumhaus.
"Da drüben wohne ich. Und Hellina und die Kinder haben das Haus direkt gegenüber von dir bezogen." Nestalinna deutete auf die Brücke, die links von Adamantiels Haus zu einem anderen Baum führte und dann auf die gegenüberliegende Seite des Weges.
"Bei Aule! Was ihr alles in so kurzer Zeit geleistet habt. Es ist gar nicht zu glauben."
"Warte nur bis du das Haus von innen siehst", erwiderte Hellina lachend.
"Schön kuschelig für zweisame Stunden", fügte sie schelmisch hinzu und fing sich einen gut gezielten Seitenstoß und tadelnden Blick von Nestalinna ein.
"Sieh du erst einmal zu, dass du wieder zweisame Stunden mit jemandem verbringen kannst", konterte Adamantiel lachend. Die Freundin gab einen knurrenden Laut von sich und schob die junge Elbin dann entschieden in richtung Eingang.
"Genug Komplimente ausgetauscht. Jetzt geh schon rein, sonst fasse ich dein Desinteresse als persönliche Beleidigung auf." Die Freundinnen lachten und Adamantiel betrat das kleine Baumhaus. Was sie sah, gefiel ihr sehr. Die Einrichtung erinnerte sie etwas an das Zelt der Nomaden, bei denen sie einmal übernachtet hatten. In der hinteren rechten Ecke stand ein Bett mit frischen Stroh und Moos als Matratze und einer goldgelben Decken, die grüne Blätter als Muster hatte. Als Kopfkissen diente ein mit Federn gestopfter Stoffsack. Ihr Blick wanderte weiter zu dem kleinen Schränckchen, das wie eine Kommode aussah, hinüber zu dem Tisch, auf dem ihre Sachen lagen, die sie nicht mit nach Gondor genommen hatte. An der runden Wand waren ebenfalls selbst gestrickte Decken angebracht und auch ein kleines Waffenarsenal - ein Bogen, eine Axt, ein Köcher mit Pfeilen und ein Jagdmesser. Adamantiel kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und Hellina kicherte, als sie ihr Gesicht sah.
"Wir dachten, du musst dich wehren können, wenn dich jemand überraschen sollte." Die Elbin nickte nur und betrachtete die kleine Kochstelle, welche die Freundinnen ihr eingerichtet hatten. Von der Decke hingen getrocknete Gewürze und Pilze.
"Maiskolben kommen auch noch dazu, aber die Felder sind noch nicht reif. Es dauert noch einen Mondzyklus lang, ehe wir ernten können. Aber in der Vase dort drüben ist getrocknetes Fleisch. Und in dem kleinen Korb auf dem Esstisch liegen fünf Wachteleier. Tinnu und Alagols haben sie heute für dich gesucht, als Prinz Legolas eingetroffen ist, und sagte, dass du mit Narwinion und Luferion nach kommst." Da war er wieder. Der Name, der ein merkwürdiges Gefühl in ihrer Magengegend hervorrief. Adamantiel verscheuchte ihn aus seinen Gedanken und drehte sich strahlend zu den Freundinnen um.
"Ich weiß gar nicht wie ich euch danken soll!", stieß sie hervor und umarmte beide innig. Kleine Tränchen schlichen sich in ihre Augen, denn damit hatte sie wirklich nicht gerechnet. Sie war aufgebrochen ohne einen Gedanken daran u verschwenden, wo sie bei ihrer Rückkehr wohnen sollte. Und jetzt hatten die beiden Elbinnen alles in die Hand genommen.
"Such am besten die Kinder", flüsterte Hellina fröhlich.
"Die verstecken sich hier irgendwo. Und ich muss beide noch dazu bringen, sich zu waschen. Die kleinen Dreckfinken." Adamantiel grinste breit und tat der Freundin den Gefallen. Sie hatte die Geschwister in der Tat noch nicht entdeckt. Sie sah unter dem Bett und dem Tisch nach, doch da waren sie nicht. Ein Kichern drang durch die Wand. Adamantiel sah sich fragend um. Nestallina deutete vage auf die Wand neben dem Fenster. Und jetzt bemerkte die Elbin, dass hier keine Rundungen, sondern eine gerade Wand war.
Ein Geheimversteck, dass sich nur öffnen ließ, wenn man unter dem Bett einen kleinen Stein einmal umdrehte, wie ihr Hellina nach etlichen Minuten der Suche hilfsbereit erklärte. Alagos und Tinnu beschwerten sich lautstark.
"Du hast uns verraten!", platzte Alagos hervor, als er aus dem kleinen Raum auftauchte.
"Und sowas will unsere Mutter sein", beschwerte sich auch Tinnu. Adamantiel lachte.
"Hätte sie es mir nicht gesagt, hättet ihr noch ewig warten können, bis ich euch finde. Bis in alle Ewigkeit", beschützte sie die Mutter der beiden Kinder. Sie beugte sich zu Alagos hinunter und stupste mit dem Zeigefinger seine Nasenspitze an. Und plötzlich übermannte sie die Hitze in ihrem Körper und ihr wurde schwarz vor Augen. Zudem kam noch ein stechender Schmerz in der Magengegend hinzu. Sie hörte noch, wie Alagos und Tinnu immer wieder hysterisch fragten, was mit ihr los wäre, während vier Hände sie packten und aufs Bett legten. Sie musste Nestalinna unbedingt einen Tipp geben, bevor sie das Bewusstsein verlor.
"...Spinnen", krächzte sie schwach. Nestalinna begriff sofort.
"Wie sahen sie aus?" Es war wichtig, dass sie das wusste, denn jedes Gift musste anders behandelt werden.
"..groß...schwarz..langer Stachel..am Beim", brachte Adamantiel noch hervor, ehe sie das Bewusstsein verlor.
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"Weißt du jetzt, was sie hat?" Hellina flüsterte, um die schlafende Kranke nicht aufzuwecken. Nestalinna wiegte vage den Kopf auf den Schultern hin und her.
"Ich bin nicht sicher. Aber ich weiß auf jeden Fall, dass ein Gift in ihrem Körper wütet. Und es waren ganz sicher nicht die Spinnen, die sie beschrieben hat. Die sind nämlich nicht giftig. Der Einstich ist zwar tief, aber es war Stecherspinnen, die ihre Beute aufspießen und nicht vergiften. Aber es sieht nicht gut aus. Ich weiß nicht, auf welches ich sie behandeln soll, wenn sie mir nicht sagen kann, welche Symptome sie hat."
"Dass sie Fieber hat, ist ja wohl kaum zu übersehen", zischte Hellina genervt. Sie machte sich große Sorgen um Adamantiel. Sie hatte nicht gut ausgesehen, aber nichts gesagt. Eigentlich hätten beide sie sofort fragen müssen, als sie ihre müden Augen gesehen hatten. Denn Adamantiel beklagte sich nie, wenn es ihr schlecht ging, um andere nicht zu belasten. Sie ärgerte sich über sich selbst, sagte sich aber im gleichen Moment, dass sie nicht viel hätten ändern können. Aber ihre Begleiter hätten es doch bemerken müssen!
"Das weiß ich auch, Hellina. Und wenn du mich weiter anzischst, bringt mich das nur durcheinander und hilft mir nicht. Du solltest kaltes Wasser holen. Sie braucht neue kühle Umschläge. Und hol Legolas!" Hellina sah ein, dass es keinen Sinn machte, wie ein verwundetes Raubtier um Adamantiels Bett herum zu schleichen und gab sich seufzend geschlagen. Wie der Wind stürmte sie aus der gemütlichen Behausung und rief nach ihren Kindern. Sie brauchte nicht lange auf Antwort zu warten, denn die Kleinen hatten sich hinter das Haus verdrückt. Sie hatten gemault, als sie aus dem Baumhaus geschickt wurden, waren dann aber doch gegangen, weil Nestalinna ihnen erklärt hatte, Adamantiel brauche Ruhe, um sich zu erholen.
"Tinnu. Lauf schnell auf die Festwiese und hol den Prinzen. Aber pass auf, dass nicht jeder mitbekommt, weswegen er gehen soll. Nur Legolas darf kommen. Alles klar?" Das Mädchen nickte eifrig und stob dann so schnell es ging davon. Die Dämmerung hatte schon begonnen, sich zur Nacht zu neigen. Aber das erschwerte der kleinen Elbin den Weg nicht. Sie sah auch so gut.
"Und was soll ich machen?", fragte Alagos abwartend.
"Geh zu Nestalinna und frage, ob sie noch etwas braucht. Wenn ja, dann hol es ihr. Aber sei leise." Ihr Sohn nickte pflichtbewusst und Hellina war von glühendem Stolz über ihre Kinder erfüllt. Sie benahmen sich der Situation angemessen und verloren nicht kreischend den Kopf. Aber auch nur deswegen, weil sie nicht wussten, wie ernst es wirklich um Adamantiel stand. Hellina beeilte sich, um mit der großen Schale am Fluß neues Wasser zu schöpfen. Eigentlich wartete noch die größte Überraschung auf Adamantiel auf der Festwiese. Doch das war erst einmal nebensächlich. Jetzt galt es, das Fieber der jungen Freundin zu senken.
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Die Wiese war festlich geschmückt. Am Rand hingen überall Lampions von den Bäumen und ein kleines Lagerfeuer brannte in der Mitte, damit überall Licht auf die Gäste fiel. Legolas saß an einem langen Tisch und unterhielt sich angeregt mit einem Gast, der vor wenigen Tagen eingetroffen war. Spöttisch lächelnd hörte er sich seine Schimpftiraden über die Unhöflichkeit der Elben an und wollte gerade etwas auf eine besonders gemeine Äußerung antworten, als er an seinem Arm ein Zupfen spürte. Als er nach neben sich sah, blickten ihn zwei aufgeregte Kinderaugen an.
"Prinz Legolas. Ihr müsst ganz schnell kommen", flüsterte Tinnu so leise, dass nur er und Sémersion - der neben ihm saß - ihre feine Stimme hören konnten. Ihr Klang beunruhigte ihn und sein Herz schlug ohne Grund plötzlich schneller.
"Wohin denn?", fragte er leise zurück. Tinnu sah kurz den dicken bärtigen Mann an, der auf der anderen Seite des Prinzen saß und schwieg, als sie bemerkte, dass er sie aufmerksam musterte.
"Es ist irgendwas mit Adamantiel", sagte sie nach kurzem Zögern leise, aber sehr weinerlich. Sofort sprangen Legolas, Sémersion und der dicke Zwerg auf die Beine. Er hatte zwar nichts gehört - und selbst wenn, hätte er nichts verstanden, denn sie sprachen in Sindarin - aber die Kunst des Lippenlesens verstand er seit seiner Jugend. Und er hatte eindeutig den Namen Adamantiel erkannt. Er hatte sich schon den ganzen Nachmittag gefragt, wo sie steckte, hatte aus Legolas aber keine vernünftige Antwort heraus bekommen.
"Was ist mit ihr!?", polterte der Bärtige plötzlich los, sodass der halbe Tisch auf ihn aufmerksam wurde. Gerade das hatte Tinnu vermeiden sollen und Tränen stiegen ihr in die Augen. Wie konnte der Zwerg nur so blöd sein!? Sie hatte doch nicht umsonst so leise gesprochen!
Gimli hingegen legte seine große Hand auf ihre Schulter und drängte sie zu einer Antwort.
"Wo ist sie? Ich möchte sie endlich sehen", brauste er auf. Legolas legte eine Hand auf Gimlis Arm und bewegte ihn dazu, das kleine Mädchen loszulassen. Die anderen Gäste betrachteten das Gechehen teils neugierig, teils desinteressiert. Legolas ließ den Blick schweifen. Auch Narwainion schien noch nichts bemerkt zu haben. Das war gut so.
"Gimli bleib ruhig. Wir gehen jetzt alle ganz ruhig und gelassen von der Festwiese. Wir wollen ja keinen Aufruhr betreiben." Als er sah, dass der Zwerg Widerstand leisten wollte, sah er ihn eindringlich an. Gimli schwieg, kaute aber nervös auf den Lippen herum. Erst als sie sich etwas entfernt hatten, fragte Legolas Tinnu, was geschehen war.
"Sie ist plötzlich umgefallen und jetzt hat sie hohes Fieber. Mama weiß nicht, dass wir es gehört haben, aber Nestalinna sagte, sie wurde vergiftet."
"VERGIFTET!?", kreischte Gimli los. Er konnte nicht mehr an sich halten.
"Legolas ich warne dich! Wenn du etwas damit zu tun hast, dann sind wir die längste Zeit Freunde gewesen", fuhr er den Elben an. Dieser runzelte zornig die Stirn. Bedachte man, dass Gimli ihn nur streitend und hasserfüllt mit Adamantiel erlebt hatte, waren seine Anschuldigen berechtigt. Es ärgerte ihn trotzdem.
"Ich würde ihr nie etwas zuleide tun, Gimli.", erwiderte er nur knapp und überließ es dem Zwerg, ob er ihnen folgte oder nicht. Gimli konnte nur schwer mithalten, denn der Prinz hatte seine Schritte beschleunigt. Er konnte sich nicht erklären was geschehen war. Und wenn wirklich ein Gift in Adamantiels Blut floss, musste schnell etwas unternommen werden.
Nach kurzer Zeit erreichten sie das Baumhaus, das Nestalinna und Hellina für ihre Freundin errichtet hatten und Legolas schlug schwungvoll den Vorhang zurück. Der Anblick ließ ihn erstarren und er fasste erst wieder einen klaren Gedanken, als Gimli ihn prustend und schnaufend zur Seite boxte.
"Lass mich durch, ich sehe ja gar nichts", beschwerte er sich und stürzte gleich darauf ans Bett der kranken Elbin. Nestalinna wollte schon lauthals protestieren, doch Legolas legte ihr kopfschüttelnd eine Hand auf die Schulter.
"Adamantiel! Schätzchen, wach auf. Was machst du denn für Sachen?", brummelte Gimli in seinen Bart hinein. Er ergriff die Hand seiner Ziehtochter und drückte sie fest. Sie glänzte weiß und war heiß und klebrig. Legolas trat ans Bett und das erste, was ihm ins Auge fiel, waren weiße, blutige Laken.
"Bei Eru! Was ist mit ihr?", entfuhr es ihm. Seine Stimme zitterte leicht vor Angst. Nestalinna und Hellina - die etwas abseits auf einem Stuhl saß - sahen sich vielsagend in die Augen.
"Prinz...Darüber würden wir gerne unter vier Augen mit Euch sprechen.", begann Nestalinna behutsam und warf Hellin einen erneuten Blick zu. Diese verstand und erhob sich, um mit ihren beiden Kindern nach draußen zu gehen. An der Tür zog sie auch Sémersion mit sich. Da er zunächst nicht recht wusste, was er tun sollte, bewegte er sich nicht vom Fleck.
"Das hier geht uns nichts an.", fülsterte ihm Hellina zu.
"Kommt mit zu mir, ich bereite Euch eine Tasse frischen Tee zu." Ein müdes und besorgtes Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. Sémersion folgte ihr langsam.
"Unter vier Augen!? Das könnt ihr vergessen! Ich will alles hören!", raunte Gimli nun die Heilerin an.
"Aber Herr Gimli, es wäre wirklich besser, wenn Ihr hie bleiben würdet und Euch um sie kümmert, während ich dem Prinzen die Angelegenheit erkläre.", beharrte sie.
"Papperlapapp. Solche Spielchen könnt ihr nicht mit mir treiben! Ich komme mit!", polterte er. Adamantiel wälzte sich unruhig hin und her. Ein lautes Stöhnen entfuhr ihr. Nestalinna wischte ihr sanft den Schweiß von der Stirn.
"Sie sollte nicht hören, was ich zu sagen habe. Und auch nicht alleine bleiben. Ihr wollt sie doch nicht im Stich lassen?" Das setzte Gimli Schachmatt. Dagegen war er machtlos. Er konnte seine Tochter doch nicht allein lassen. Was für ein Vater wäre er dann gewesen?
"Na schön. Aber nur, wenn mir Legolas nachher alles erzählt." Er sah seinen Freund, der bisher nur schweigend im Raum gestanden hatte, und sich nicht rührte, fordernd an. Doch ehe der Prinz antworten konnte, schaltete sich Nestalinna ein.
"Wir werden sehen, ob er die Nachricht mit ihnen teilen wird.", sagte sie und zog Legolas am Arm hinaus. Übrig blieb ein beleidigter Zwerg.
"Wir werden sehen, ob er die Nachricht mit Ihnen teilen wird", äffte er sie nach.
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Legolas POV
Nestalinna zog mich hinter das Baumhaus. Die Wände waren dick genug. Wenn wir leise sprachen, würden weder Adamantiel noch Gimli etwas hören. Ich wollte endlich erfahren, was sie hatte. Ich war zutiefst in Sorge. Ihr Anblick, so schwach und hilflos, hatte mir das Herz in die Leggins sinken lassen. Ich hatte ebenso wie Gimli ihre Hand nehmen wollen, doch anstatt zu handeln, konnte ich nur regungslos und dumm im Raum rumstehen.
"Was hat sie?" Meine Stimme war belegt. Ich schalt mich meines Egoismus wegen, dafür, dass ich sie am Morgen allein gelassen hatte. Ihre Worte der letzten Nacht hatten mich zutiefst verletzt und ich wollte erst darüber nachdenken, wie ich weiter mit ihr umging. Ich wollte sie nicht als Liebhaberin. Ich wollte sie ganz oder gar nicht. Doch das schien nun alles bedeutungslos.
"Seid ihr euch in Gondor näher gekommen?", fragte Nestalinna vorsichtig. Ich sah sie überrascht und leicht verärgert an.
"Ich denke nicht, dass dich das etwas angeht", entfuhr es mir. Sie schüttelte den Kopf.
"Wäre es gut gegangen, dann nicht, aber jetzt geht es mich als Adamantiels Ärztin etwas an, denn sie war schwanger." Die Antwort traf mich wie ein Blitzschlag und in meinem Körper wechselten die Gefühle. Unbändige Freude stieg in mir auf und wurde plötzlich von einer tiefen Angst und Trauer übermannt.
"War?", flüsterte ich kaum hörbar. Die Elbin nickte.
"Sie hat das Kind in der letzten halben Stunde verloren." Die Laken, schoss es mir durch den Kopf und ich sah das Blut an ihnen direkt vor mir.
"Es war nur ein paar Wochen alt.", fuhr sie weinerlich fort. Ich senkte den Kopf. Die erschütternde Nachricht, dass ich Vater geworden wäre, wenn nicht,...ja wenn nicht...?
"Was ist geschehen?" Meine Stimme war schneidend und schärfer als ich es beabsichtigt hatte. Nestalinna konnte nichts dafür.
"Ich weiß es nicht. Vielleicht hat sie etwas falsches gegessen. Ich vermute, dass es Jolkraut oder Ziberwurzel war. Beide rufen Symptome hervor, die Adamantiel zeigt. Sie sind nicht lebensgefährlich aber sie..." Sie konnte nicht weiter sprechen doch ich wusste auch ohne ihre Erklärungen, was Jolkraut und Ziberwurzel bewirkten. Man gab sie den Frauen, wenn sie das Kind, was sie in sich trugen, nicht haben wollten. Ein grausamer Verdacht stieg in mir auf. Hatte sie eventuell selbst das Kraut geschluckt?
"Ich glaube nicht, dass sie so etwas tun würde. Sie weiß auch nicht über so viele Kräuter bescheid. Eigentlich wird das Geheimnis über sie nur an Heiler weitergegeben." Sie hatte meine Gedanken also erahnt. Tiefer Schmerz über das verlorene neue Leben, über unser verlorenes Kind, wühlte in meiner Brust.
"Alle Elben besitzen die Gabe zu heilen.", flüsterte ich. Aber auch ich konnte mir nicht vorstellen, dass Adamantiel dazu in der Lage war.
"Einige mehr und andere weniger. Ihr kennt nur die Grundlagen. Aber viel wichtiger ist jetzt die Frage, ob sie es erfahren sollte?" Ich sah sie schmerzerfüllt an und sie legte besänftigend eine Hand an meine Wange. Elben bekamen nicht viele Kinder. Sie waren nur wenige Male im Leben fruchtbar, sodass ein Kind gezeugt werden konnte. Oft verpasste man diese Momente und wenn es klappte, wurde das heranwachsende Leben mit Adleraugen gehütet.
"Ich denke, es ist besser, wenn sie nichts weiß.", erwiderte ich matt. Wieder quälten mich Selbstvorwürfe. Ich hatte sie allein gelassen, obwohl wirklich die Möglichkeit bestanden hatte, dass sie ein Kind von mir empfangen hatte. Aber ich hatte es einfach in den Wind geschlagen und war in der letzten Stunde der Nacht feige davon geritten.
"Was sollen wir ihr sagen, wenn sie aufwacht?", fragte Nestalinna. Ich schüttelte gedankenverloren den Kopf. Ein Kind...Ich stellte mir sie und mich mit einem Baby vor. Wieder ging ein Stich durch mein Herz. Mir wurde klar, dass ich mir nichts sehnlicher wünschte, als mit ihr zusammen zu sein. Mit ihr und unserer Familie...
"Legolas? Was sollen wir ihr sagen?" Ich merkte erst jetzt, dass ich lange Zeit nichts gesagt hatte. Verwirrt sah ich sie an.
"Reißt Euch zusammen. Sie ist es, die zu bedauern ist.", tadelte die Heilerin, als ich noch immer kein Wort hervorbrachte. Ich nickte. Sie hatte recht. Meine Aufmerksamkeit, meine gesamte Aufmerksamkeit musste jetzt Adamantiel gelten.
"Ich weiß nicht, was wir ihr sagen können. Auf keinen Fall die Wahrheit. Das würde sie todunglücklich machen und Luz nur bestärken." Ich spürte, wie die Elbin darauf brannte, mehr von Luz zu erfahren. Sie wusste noch so gut wie gar nichts über Adamantiels Fluch. Doch sie schwieg eine Weile ehe sie antwortete.
"Adamantiel denkt, sie wurde von einer Spinne vergiftet. Lassen wir sie in dem Glauben. Dann wäre es nur eine halbe Lüge. Obwohl ich denke, Ihr solltet es ihr sagen. Vielleicht findet sie es heraus und dann...?"
"Von wem sollte sie es erfahren?", fragte ich drohend.
"Von uns wird sie nichts erfahren. Wenn es das Beste für sie ist, dann werden Hellina und ich nicht ein Wort verlieren. Nur wir wissen es." Ich nickte zufrieden.
"Gut." Ich drehte ihr den Rücken zu und begab mich eilig in das kleine Häuschen. Gimli saß noch immer an ihrer Seite und hielt ihre Hand. Außerdem summte er etwas, das ich nicht verstand. Aber es schien Adamantiel zu beruhigen, denn sie stöhnte nicht mehr im Schlaf. Wortlos ließ ich mich neben Gimli nieder. Ich spürte seinen fragenden Blick auf mir ruhen. Er unterbrach kurz das Lied, das er sang, fuhr dann aber fort als ich schwieg. Was sollte ich ihm auch sagen? Ich war die Ursache aller Probleme. Ich war es, wegen dem Adamantiel jetzt hier lag. Wir hatten uns mehr als einmal geliebt und vor Gimli schien mir das unverantwortlich. Ich war beinahe drei Jahrtausende älter als sie und hatte mich verhalten, wie ein liebestoller Jüngling ohne an irgendwelche Konsequenzen zu denken. Gimli hatte sie mir anvertraut um sie zu schützen und ich war es gewesen, der Hand an seine Tochter gelegt hatte. Ich beugte mich über das Bett um ihre fieberheiße Wange zu streicheln. Ich hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. Hoffentlich hatte Nestalinna recht und das Gift griff nicht auch noch Adamantiels Leben an.
"Ihr seid euch sehr nahe gekommen, nicht wahr?" Gimlis tiefe brummige Stimme erschreckte mich. Ich fühlte mich ertappt und streichelte Adamantiels Wange nervös weiter.
"Wie meinst du das?" Etwas Dümmeres hätte mir nicht einfallen können. Gimli musste auch so denken, denn er ließ die Hand seiner Tochter los und stemmte beide Hände in die Hüften.
"Legolas. Ich bin zwar ein Zwerg aber weder blind noch blöd. Das sieht mein blinder Urgoßvater - in Frieden möge er ruhe - mit nem Krückstock. Du bist bis über beide spitzen Öhrchen in sie verknallt und hast sie auch sicher sehr oft aus der Fassung gebracht. Außerdem murmelt sie immer wieder deinen Namen. Bei Aule, was finden die Frauen nur an dir? Ich dachte sie wäre anders, aber da habe ich mich wohl getäuscht." Gimli klang leicht enttäuscht. Ich musste wider Willen schmunzeln. Es war merkwürdig mit ihm darüber zu sprechen.
"Aber..." ich spitzte die Ohren. Sein Ton war in eine Drohung übergegangen.
"Wenn du deine Finger nicht von ihr lassen konntest und sie aus Liebeskummer dieses verfluchte Gift geschluckt hat, dann versohl ich dir deinen blank polierten Elbenarsch!" Jetzt donnerte seine Stimme durch den Raum und ich zog schuldbewusst den Kopf ein. Gimli deutete es richtig. Als er wieder sprach war seine Stimme nahe dem Knurren eines angriffslustigen Hundes.
"Legolas?!", knurrte er. In diesem Moment wurde ich von Adamantiel gerettet. Sie schlug flatternd die Lider auf und atmete wieder unregelmäßiger.
"Vater?", fragte sie schwach und der alte Zwerg vergaß seinen Vorsatz, mir die Hölle heiß zu machen und schupste mich zur Seite, damit er ihr Gesicht sehen konnte.
"Kind! Aule sei dank! Was machst du nur für Sachen?" Ich bemerkte Tränen in seinen Augen und zog mich erst einmal auf die andere Seite des Raumes zurück.
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Adamantiel POV
Ich träumte wohl noch? Wie konnte mein Vater hier sein? Es war unmöglich, war er doch im Einsamen Berg bei Mutter. Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Das Spinnengift rief anscheinend Halluzinationen hervor und das war eine, die sehr schmerzte. Denn ich wollte Gimli unbedingt sehen. Mit ihm waren die Dinge leichter zu ertragen. Ich spürte einen brennenden stechenden Schmerz im Unterleib und mir war leicht übel. Dann schlug ich die Augen wieder auf. Aber das bärtige, tränennasse Gesicht schwebte noch immer über mir. Ich wollte die Hand heben, um das Bild weg zu wedeln, doch ich fühlte mich zu schwach.
"Vater?", fragte ich noch einmal ungläubig. Gimli blinzelte mich grinsend an. Salzige Tränen tropften auf mein Gesicht und ich schüttelte unwirsch den Kopf.
"Verdammt kannst du nicht woanders auslaufen?", fuhr ich ihn schwach an. Er grinste noch breiter und tätschelte meine Hand.
"Na immerhin scheinst du noch bei Verstand zu sein. Diese Elben! Ich hätte wissen müssen, dass es nicht gut ist, wenn du bei ihnen bleibst. Jetzt fangen sie schon an dich zu vergiften!", empörte er sich und nun war ich mir sicher, dass es keine Fatamorghana war.
"Und ich sagte doch, du sollst mich nicht mit Grünblatt allein lassen.", gluckste ich. Wurde aber mit einem noch stärkeren Stechen bestraft. Ich verzog das Gesicht.
"Mit dem hab ich noch ein Hühnchen zu rupfen", knurrte mein Vater. Ich schüttelte nur den Kopf.
"Nein lass. Er ist ok." Es schmerzte, wieder an Legolas zu denken. Gimli wedelte aufgeregt mit der Hand.
"Du kannst das gar nicht entscheiden. Du siehst alles durch Rosenquarz. Kopflos rennst du durch die Welt. Und ich dachte ich hätte dich so erzogen, dass du ihm widerstehen kannst. Ts ts ts." Ich wollte lachen, konnte es aber nicht. Ich wollte etwas erwidern, doch da entdeckte ich den großen Schatten, der an der gegenüberliegenden Wand lehnte.
"Legolas?", flüsterte ich erstaunt. Ich hatte ihn nicht hier erwartet. Aber ich hatte auch Gimli nicht hier erwartet, insofern war es keine großartige Sache, dass ich überrascht war. Ich spürte seinen Blick durch das Halbdunkel hindurch. Er rührte sich nicht.
"Adamantiel du bist wach!" Nestalinna schlug den Vorhang zurück und kam in mein Zimmer. Ich lächelte ihr matt entgegen.
"Hier trink das. Hellina hat den Tee frisch gekocht. Sie lässt dir die besten Wünsche ausrichten." Sie kam an mein Bett und reichte mir einen Krug mit heißem, duftendem Tee.
"Wie schön dass du wach bist. Ich habe nicht damit gerechnet." Ich trank langsam und schlückchenweise.
"Bei euch verweichlichten Elben kein Wunder! Ein Zwerg hält das aus." Ich grinste leicht, als ich Gimli hörte. Wie hatte ich ihn vermisst!
"Könntet ihr sie jetzt allein lassen? Sie braucht Ruhe", beschwor Nestalinna meinen Vater. Der sah sie jedoch empört an.
"Sie ist doch putzmunter. Außerdem kann ihr ein bisschen Gesellschaft nicht schaden." Ich verstand ihn, aber ich gab Nestalinna recht. Es war zuviel Aufregung für mein schwaches Gemüt.
"Bitte Papa. Morgen früh kannst du mich zu Tode nerven. Nur lass mir heute meinen Schlaf", stichelte ich. Er sah mich entrüstet an, kam dann aber auf mich zu und drückte mir einen Kuss auf die Stirn.
"Aber nur heute", brummte er und begab sich zur Tür. Meine Freundin erhob sich und begleitete ihn. Dann rührte sich auch Legolas. Doch noch ehe er den Vorhang erreichte, konnte ich nicht mehr schweigen. Meine Stimme klang hilflos und flehend, als ich zu sprechen begann.
"Bitte bleib heute Nacht bei mir. Ich habe Angst", flüsterte ich unbeholfen und schämte mich im selben Moment in Grund und Boden. Er war stehen geblieben und schien zu überlegen, ob er bleiben sollte oder nicht. Ich schloss gequält die Augen. Ich wusste, dass ich ihn zutiefst verletzt hatte, mit dem, was ich ihm vorgeschlagen hatte. Ich hörte wie der Vorhang zurückfiel und kniff die Augen zusammen. Er war gegangen. Ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals. Ich fühlte mich hundeelend.
"Legolas.", flüsterte ich mit erstickter Stimme in die Dunkelheit hinein.
"Ja?" Ich spürte warme lange Finger, die meine Hand umschlossen und schlug ungläubig die Augen auf. Da war er und sah mir unbewegt in die Augen. Er hatte sich auf dem kleinen Stuhl neben dem Bett nieder gelassen. Ich schüttelte nur verwirrt den Kopf und sah ihn aus großen Augen an. Das schwache Licht der Lampe glänzte in seinen Augen. Er drückte meine Hand.
"Ich lasse dich nicht allein, Melamin." Er drückte mir einen zärtlichen Kuss auf die Wange.
"Legolas!", polterte es plötzlich vor dem Vorhang. Keine Sekunde später streckte mein Vater auch schon seinen Kopf herein.
"Ich gebe dir eine halbe Stunde! Und wehe du fasst sie an." Ich gab ein kurzes Lachen von mir. Legolas nickte stumm. Ohne irgendeine Gefühlsregung. Das machte mir Angst. Ich hasste sein Gesicht aus Stein.
"Ich meine es Ernst!", rief der Zwerg noch einmal, dann wurde er von irgendjemanden weg gezogen und man hörte seine Proteste immer leiser werden.
Die Stille, die uns umfing, war mir unangenehm und unheimlich. Was ging in Legolas vor? War er sauer? Was dachte er? Ich schloss wieder die Augen. Mir war zum Heulen zumute und ich drehte den Kopf zur Seite, da er sonst meine Tränen gesehen hätte. Doch ich hatte nicht mit seiner Hartnäckigkeit gerechnet. Sanft legte er eine Hand unter meine weggedrehte Wange und zwang mich, ihn anzusehen. Ich sah, wie sich Entsetzen in seinen Augen ausbreitete, als er die Träne auf meiner Wange bemerkte.
"Melamin! Warum weinst du?", fragte er bestürzt. Seine Miene änderte sich jedoch nicht. Nur seine Stimme verriet ihn. Da die Tränen immer gerade mehr flossen, wenn man mich fragte, was ich habe, kullerte eine weitere stumme Träne über meine Haut und plumpste mit einem 'Plop' auf das Kissen.
"Du hast schon wieder diesen Gesichtsausdruck.", schluchzte ich. Mir war schlecht, mein Kopf hämmerte und jetzt heulte ich auch noch.
"Welchen Gesichtsausdruck?", fragte er verblüfft. Doch im nächsten Moment schien er zu verstehen, was ich meinte, denn ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
"Deshalb weinst du? Das ist süß von dir.", flüsterte er an meinem Ohr. Und jetzt begannen die Tränen erst recht zu fließen. Ich klammerte meine Finger in seine Hand, biss mir auf die Lippen, um nicht laut zu schluchzen.
"Adamantiel...bitte weine nicht."
"Warum-.. versteckst du dich hinter-... einer Maske? Das...macht mich nervös", schluchzte ich. Legolas schob plötzlich den Stuhl zurück und zog mich an seine Brust. Lange Zeit verharrte ich so in seinen Armen. Er streichelte liebevoll meinen Kopf. Ich liebte ihn. Und konnte es ihm nicht sagen.
"Ich möchte nicht, dass du siehst, wie besorgt ich um dich bin. Ich mache mir Vorwürfe, da ich dich allein gelassen habe." Ich war überrascht über die Bitterkeit in seiner Stimme. Anscheinend dachte er, er wäre schuld an der ganzen Sache.
"Aber es geht mir doch wieder besser", versuchte ich ihn aufzuheitern. Lange Zeit sagten wir nichts. Dann spürte ich, wie der Stoff an meiner Schulter nass wurde. Weinte er etwa?
"Legolas?", fragte ich sanft. Doch er schüttelte nur den Kopf. Er atmete tief ein und aus und das nur durch den Mund. Kein Zweifel: er weinte. Etwas ratlos streichelte ich seinen Rücken.
"Weinst du?" Er antwortete nicht und ich versuchte, mich von ihm loszumachen. Doch er hielt mich eisern fest. Er wollte nicht, dass ich seine Tränen sah und ich respektierte es. Ich kuschelte mein Gesicht in seine Halsbeuge und schlummerte langsam wieder ein.
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Keine POV
Xenia beobachtete, wie ein kleiner Vogel vor dem Fenster hin und her flog. Anscheinend wusste er nicht recht, wohin er fliegen sollte. Sie lächelte leicht. Es ging ihr, im Vergleich zur letzten Woche wieder erheblich besser. Sie hatte Mühe gehabt, Ingjara zu beruhigen, denn die war immer aufgelöst und weinend aus dem Raum gegangen. Nicht gerade aufbauend, wenn man sich erholen sollte. Der König hatte auch ein, zwei Mal nach ihr gesehen und sie beim letzten Besuch nach den Vorfällen an jenem Tag gefragt, an dem sie verschleppt worden war. Doch so genau konnte sie sich nicht daran erinnern.
Es klopfte an der Tür und gleich darauf trat die Königin ein. Ihren wenige Wochen alten Sohn auf dem Arm. Er war schon kräftig gewachsen. Xenia richtete sich im Bett auf. Es war ihr leicht peinlich, dass Arwen sie so sah. Doch die Königin lächelte freundlich und setzte sich zu ihr ans Bett.
"Wie geht es dir?", fragte sie.
"Gut, danke", erwiderte ich lächelnd. Es ging mir wirklich schon viel besser. Doch ich wusste, dass sie nicht nur deswegen hier war.
"Das ist schön zu hören. Wir werden weiterhin alles tun, damit du wieder vollkommen gesund wirst.", sagte Arwen und wippte den kleinen Prinzen auf den Knien auf und ab.
"Xenia. Es ist wichtig, dass du dich erinnerst, wer dir das angetan hat. Es besteht ein schrecklicher Verdacht gegen den Prinzen von Ithilien. Doch weder Aragorn noch ich glauben, dass Legolas so etwas getan haben kann. Es weilten noch zwei andere Elben hier. Narwainion und Luferion. Vielleicht hast du einen von ihnen gesehen?"
Xenia neigte leicht den Kopf. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern. Auch nicht daran, wie der Mann ausgesehen hatte. Und ob es übehaupt ein Elb gewesen war. Ingjara hatte behauptet, dass sie gesagt haben soll, sie hätte Legolas gesehen, kurz bevor sie verschwunden war.
"Ich weiß gar nichts mehr. Aber auch ich glaube nicht, dass es Prinz Legolas gewesen ist. Ich kann es nicht beschreiben, aber mein Gefühl sagt mir, dass er es nicht gewesen ist. Ich sehe nur eiskalte grüne Augen vor mir. Das ist alles."
"Grüne Augen?", fragte Arwen und das Zimmermädchen nickte. Ja es waren grüne Augen gewesen.
"Ich danke dir." Die Königin erhob sich hastig. Hatte ihr das weiter geholfen?
"Ich wünsche dir gute Besserung. Bleib noch ein paar Tage liegen und dann sehen wir weiter." Sie lächelte freundlich und eilte dann aus dem Raum. Sie musste Aragorn noch erreichen, bevor er Gondor mit ein paar Soldaten verließ. Er hatte sich gegen sein Herz entschieden, und wollte aufbrechen, um Legolas zu verhaften.
Sie rannte, so schnell es ihr möglich war, durch die Gänge. Hufgetrappelt war durch die Fenster zu hören. Sie würde es nicht schaffen, ihn zu erreichen. Kurz entschlossen riss sie ein Fenster auf und steckte den Kopf hinaus. Da war er. Ihr Mann in voller Größer. Sie lächelte liebevoll, besann sich dann aber wieder und hing sich noch weiter aus dem Fenster, das Kind an die Brust gedrückt.
"Aragorn!!", rief sie so laut sie konnte. Doch die Gruppe setzte sich schon in Bewegung.
"ELESSAR!", rief sie ihn bei seinem elbischen Namen an. Diesmal hörte sie ein Reiter. Er drehte den Kopf nach oben und sah Arwen, wie sie sich weit aus dem Fenster lehnte.
"Hoheit! Die Königin will springen!", schrie er plötzlich durch die Reihen. Arwen lachte, als sie diese Worte hörte. Sie waren absurd, taten aber immerhin ihre Wirkung. Aragorn zügelte sein Pferd und sah sich ebenfalls um. Sie sah seinen fragenden Gesichtsausdruck und die Verwunderung, als er zu ihr herauf sah.
"Arwen?"
"Es ist nicht Legolas gewesen!", rief sie laut und deutlich herunter.
"Xenia sprach von grünen Augen. Legolas hat blaue!" Sie registrierte, wie ihr Gatte die Stirn runzelte und dann seine Erleichterung.
"Wer war es dann?", rief Aragorn zurück.
"Derjenige der grüne Augen hat.", kam die Antwort zurück. Aragorns Gesichtszüge versteinerten.
"Narwainion.", flüsterte er und riss sein Pferd herum. Er hob die Hand, um seiner Gemahlin einen Abschiedsgruss zu schicken und preschte dann mit den verdatterten Wachen das Tor hinaus. Eile war geboten. Wenn Narwainion hinter alle dem steckte, schwebten Legolas und Adamantiel in höchster Gefahr.
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"Nun Legolas ich bin gespannt, was du alles zu erzählen hast." Gimli stand in Legolas' Gemach und knabberte an einem Lembasbrot herum. Eine Woche lang hatten Hellina, Nestalinna, Legolas und er selbst sich abwechselnd um Adamantiel gekümmert. Sie war nur langsam wieder zu Kräften gekommen. Legolas schmunzelte leicht. Die Tage, die er an ihrem Bett verbrachte waren sehr lustig und abwechslungsreich gewesen. Gimli und Adamantiel hatten abwechselnd vom Einsamen Berg erzählt und in zweisamen Augenblicken waren sie sich wieder näher gekommen. Sie hielt zwar noch immer an ihrem Vorschlag fest, aber der Elb spürte, dass sie mehr empfand, als sie zugeben wollte.
Von dem verlorenen Kind wussten aber nur Legolas und die Freundinnen der kleinen Elbin. Der Elb hatte es nicht übers Herz bringen können, Gimli die traurige Nachricht mitzuteilen. Und die ganze Zeit über hatten sie keine Möglichkeit gehabt, einmal unter vier Augen zu sprechen. Und es drängte, denn der einhundertste Geburtstag Adamantiels rückte bedrohlich nahe. Bis dahin musste Gimli über ihren Fluch bescheid wissen.
Gimli legte mürrisch das Elbenbrot zur Seite und Legolas meinte, etwas wie "Pfurztrocken" vernommen zu haben, überging den Kommentar aber einfach und begann, ihm von Luz zu erzählen. Der Zwerg machte hier und da einen sarkastischen Kommentar, wurde aber gegen Ende der Geschichte immer kleinlauter. Schließlich setzte er sich stumm auf den anderen Sessel.
"Das habe ich nicht gewusst. Bei Aule, das ist ja schrecklich", stieß er fassungslos hervor. Legolas ließ dem Freund Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass Adamantiel noch immer in Lebensgefahr schwebte.
"Was machen wir jetzt?", fragte der Zwerg nach langer Zeit des Schweigens. Legolas zuckte mit den Schultern.
"Wir können nur auf Narwainions Rat vertrauen und abwarten", erwiderte er. Ein Rumoren war auf einmal auf dem Gang zu hören. Legolas hatte seinen kleinen Palast in den Höhlen hinter dem Wasserfall anlegen lassen. Es war traumhaft geworden. Doch nun schien irgendetwas auf dem Gang zu geschehen und im nächsten Moment flog die Tür schwungvoll auf.
"Aber Adamantiel ich sagte Euch doch, dass Ihr nicht eintreten könnt." Luferion versuchte vergebens, die junge Elbin wieder hinaus zu ziehen. Legolas sah seine Geliebte an und ein ungutes Gefühl beschlich ihn. Ihr Gesicht war verstört und wütend. Doch da war noch etwas anderes. Sie schien trotz allem etwas Hoffnung zu haben.
"Lass sie. Sie darf eintreten", sagte der Prinz und Luferion seufzte, schloss die Tür und ließ die drei allein. Adamantiel stand da, außer Atem, mager und noch schwach von der Krankheit. Sie trug die Tunika falsch gefaltet. Doch das schien sie nicht zu hören. Ihr Blick irrte irre durch den Raum und traf Legolas' Augen. Legolas erschrak, denn ihr Blick war kalt wie Eis.
"Stimmt es!?", fuhr sie ihn lauthals an und sah dann zu Gimli hinüber. Auch ihn traf ein vernichtender Blick. Der Arme wusste gar nicht, womit er den verdient hatte.
"Es ist nicht so wie es scheint. Wir haben nichts miteinander", brummte Gimli und schlug die Beine übereinander.
"Stimmt es, was Narwainion sagt!?" Ihre Stimme überschlug sich. Sie fühlte, wie ihr Herz raste. Es war die Anstrengung nicht gewohnt. Dass beide schwiegen machte sie noch aggressiver.
"Was sagt Narwainion?", fragte Legolas ruhig und trat an sie heran. Er wollte ihre Hand fassen, doch sie schlug sie weg und sah ihn verletzt an.
"Stimmt es...dass ich unser Kind verloren habe?", fragte sie leise. Die Anwesenden standen wie vom Donner gerührt. Eisiges Schweigen breitete sich aus.
Fortsetzung folgt!!
So ihr Lieben. Die Geschichte neigt sich langsam dem Ende zu. Jetzt kommen noch höchstens 3 Kapitel und dann ist Schlussschnief Leider...ich schreibe gern an der Geschichte. Bitte seid so lieb und schreibt mir mal wieder so ordentlich Reviews und Kommentare! Da steh ich drauf lol und es animiert zum Weiterschreiben!
