„Weißt du

Laurie lantar lassi súrinen
Wie Gold fallen die Blätter im Wind

Die Lasten der Vergangenheit

Der Wald wirkte dicht und bedrohlich in der Dämmerung. Tiere huschten unruhig durch das Unterholz, als würden sie vor etwas flüchten. Auch die Entdame bewegte sich langsam immer weiter von den Geräuschen der Elben fort. Sie war der Kolonne gefolgt und seit deren Ankunft immer in ihrer Nähe geblieben, um ein wachsames Auge auf den kleinen Ollifanten zu werfen. Das Elbenmädchen schien seine Sache gut zu machen, das junge Ding. Immer wenn Timpetu zu ihr kam, wusste er nur lustige und spannende Erfahrungen zu berichten. Doch einige von diesen Berichten beunruhigten die Entin. Sie konnte die Gefahr in der alten Rinde spüren. Den genauen Ursprung konnte sie nicht ergründen, aber sie wusste, dass die Mitte der Elben verdorben war. Etwas würde geschehen… Und sie brachte die Tiere in Sicherheit.

So in Gedanken bemerkte die sonst aufmerksame Laubträgerin den Schatten an der Felswand nicht.

Auch der Elb vernahm die Geräusche, die von der Festwiese ausgingen, nur noch sehr schwach, obwohl er ein sehr ausgeprägtes Ohr hatte. Sein Blick durchbohrte die anbrechende Dunkelheit immer wieder, als könnte er allein das Geschehen von hier aus beobachten. Seine Kleidung war unauffällig und er trug einen Bogen und einen Köcher. An seinem Gürtel baumelte eine Axt. Er strich darüber und konzentrierte sich wieder ganz auf seine Tätigkeit – Warten. Sein Herz schlug unregelmäßig und Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Die Gefühle, die er hegte, versetzten ihn zurück an einen sonnigen Vormittag.

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FLASHBACK

Narwainion stand am Rande eines plätschernden Baches. Es waren jene Tage im Sommer, an denen die Nächte wieder kühler wurden und die Winde stärker. Tage der Hitze und Stürme wechselten einander ab. Heute wehte nicht ein Lüftchen.

Der alte Elb stand mit verschränkten Armen da und starrte in das fließende Wasser, das hier und da ein paar kleine Steine mit sich zog, die sich jedoch an einem größeren festklammerten, als wollten sie nicht die gewohnte Umgebung verlassen.

Aus den Augenwinkeln beobachtete er den weitaus jüngeren Elben, der am Bachufer auf und ab ging. Der Anflug eines amüsierten Lächelns legte sich auf sein Gesicht. Auch er war aufgeregt an jenem Tag. Doch die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass nervöses Hin- und Herlaufen den Lauf der Dinge auch nicht zu beschleunigen vermochte.

„Setze dich und gönne deinem Herzen Ruhe. Es wird nichts schief gehen. Idiel ist bei ihr." Der andere Elb hob den Kopf, schenkte Narwainion einen leeren Blick, ehe er den Kopf schüttelte und entschuldigend sagte:

„Verzeih. Ich war gerade in Gedanken. Hast du etwas gesagt?" Narwainion sah ernst zu dem Mann seiner Tochter hin.

„Die Fische beißen heute nicht gut.", erwiderte er ruhig. Fingon sah ihn irritiert, aber diesmal bewusst an.

„Du hast doch gar keine Angel…", brachte er lahm hervor. Narwainion hob die leeren Hände und schmunzelte. Eigentlich war er sonst ein ziemlich aufgeweckter junger Mann. Aber er konnte die Sorgen des Elben gut verstehen. Die Geburt des ersten Kindes war etwas Besonderes. Ein Ereignis, das man nie vergessen würde. Dieser Tag würde ewig im Herzen der Eltern mit den kleinsten Details gespeichert sein.

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FLASHBACK ENDE

Der Elb schloss gequält die Augen. Diesen Tag sollten sie alle nicht so schnell vergessen. Denn das was er gebracht hatte, war Unglück. Er hielt die linke Hand an den Kopf und rieb sich mit den Fingern erschöpft die Augen. Wie viele Jahre hatte er gelitten, dachte er verbittert? Wie viele tausend Tage hatte er damit verbracht, eine Lösung zu finden. Ein Mittel, das den Fluch rückgängig machen würde. Doch war ergebnislos geblieben. Bis heute. Dabei hatte er seiner Tochter geschworen, sie zu beschützen. Seine Tochter…

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FLASHBACK

Jiona atmete tief ein und aus. Die Wehen kamen nun immer häufiger und heftiger doch sie biss sich auf die Lippen. Sie wusste, dass Fingon sie irgendwann einmal damit aufziehen würde, dass sie bei der Geburt geschrieen hatte. Und sei es auch nur zum Spaß. Das wollte sie nicht riskieren. Außerdem wollte sie das kleine hilflose Geschöpf unter ihrer Bauchdecke nicht erschrecken, wenn es sich schon mühsam hinauskämpfte.

Der Schweiß stand ihr auf der Stirn und wurde sofort von Idiel abgetupft. Jiona lächelte die Freundin an. Sie war Heilerin und Jiona war froh, sie heute an ihrer Seite zu haben. Sie war es auch gewesen, die die Männer nach draußen geschickt hatte, hatte Jiona aber versprochen, sie bald wieder hineinzuholen, damit sie den Rest des Geburtsvorgangs miterleben konnten. Doch bis dahin, sagte die Heilerin aus vollster Überzeugung heraus, würden sie die angehende Mutter nur beunruhigen.

Wäre sie nicht vom Schmerz gezwungen gewesen, ihre Hände in die weichen Laken zu krallen, hätte Jiona dem Baby in ihrem Bauch liebevoll über den Hintern gestreichelt. Und ihm vielleicht auch einen kleinen Schubs gegeben, damit es sich ein bisschen beeilte.

Jiona lächelte bei dieser Vorstellung. Die Wehen machten eine Pause und erlaubten ihren Händen, sich zu entspannen.

„Es ist so weit.", flüsterte Idiel freudig und eilte zur Tür, um den Männern zu bedeuten, hineinzukommen. Fingon stolperte etwas tölpelhaft über die Türschwelle. Seine Frau musste schief grinsen. Ihr sonst so gefasster und würdevoller Mann hatte tatsächlich die Fassung verloren. Ein Blick in sein Gesicht verriet ihr, dass er sich mehr Sorgen machte als sie selbst.

Hinter Fingon betrat ihr Vater den kleinen Raum. Eine wohlige Ruhe breitete sich bei seinem Anblick in ihrem Körper aus. Er hatte eine besondere Ausstrahlung, die jeden in seiner Umgebung Vertrauen fassen ließ. Sein Wissen war immens und er stand ihr jederzeit mit Rat und Tat zur Seite. Er lächelte leicht und sie konnte die Freude in seinen Augen erkennen. Jiona wollte ihn anlächeln, brachte jedoch nur eine komische Grimasse hervor, da sie abermals von einer Wehe übermannt wurde. Diesmal fühlte sie sich, als würde ihr Unterleib zerreißen.

„Melamin, fühlst du dich wohl?", brachte Fingon hervor. Idiel warf ihm einen zynischen Blick zu. Männer benahmen sich in einer solchen Situation einfach erbärmlich. Fingon war kreidebleich geworden.

„Jetzt musst du pressen, Jiona. Pressen!", wies sie die Freundin an und sie gehorchte. Mehrere Minuten vergingen, in denen Jiona abwechselnd presste und atmete. Allmählich wünschte sie sich, dass alles vorüberging.

„Ich sehe das Köpfchen.", sagte Idiel ruhig und sah der Freundin aufmunternd in die Augen.

„Gleich hast du es geschafft!" Ein Schrei der Erleichterung und Freude löste sich von Jionas Lippen.

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FLASHBACK ENDE

Narwainion öffnete wieder die Augen. Er erinnerte sich noch an jede Einzelheit dieses Tages. Jiona, die erschöpft, aber glücklich im Bett lag und beinahe mit Fingon schimpfen musste, damit er ihr half, sich aufzusetzen. Doch ihr Mann hatte darauf beharrt, dass sie sich schonen müsse. Damals war er an das Bett seiner Tochter herangetreten und hatte sie, die Proteste des Jüngeren missachtend, im Bett aufgesetzt. Jiona hatte mit leuchtenden Augen zu dem kleinen Wesen hinüber gesehen, das protestierend schrie, als es in einem Zuber mit lauwarmem Wasser gewaschen wurde. Sie hatte ausgesehen, als wollte sie jede Zelle ihres Kindes mit den Augen absorbieren. Er hatte damals stolz gelächelt. Doch das Lächeln war ihm schnell vergangen.

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FLASHBACK

Die drei am Bett lächelten sich erfreut an und die junge Mutter konnte es kaum erwarten, den Säugling endlich in die Arme zu nehmen.

„Idiel! Nun sag schon. Ist es ein Junge oder ein Mädchen?", drängte sie neugierig. Idiel antwortete nicht sofort.

„E…", stieß sie hervor. Jiona wurde unruhig und eine dunkle Vorahnung schlich sich in ihr Herz.

„Es ist ein…Mädchen.", erklärte Idiel langsam. Nun war Jiona wirklich beunruhigt. Sie war bei vielen Geburten zugegen gewesen, um Idiel zu unterstützen. Und die Freundin hatte das Kind immer sofort freudestrahlend in die Arme der neuen Mutter gelegt.

„Idiel? Was ist mit dir?" Ihr Vater erhob sich aus der knienden Stellung, die er eingenommen hatte, und trat zu der Heilerin. Er drehte sie sanft an der Schulter um. Fingon griff nach Ionas Hand. Auch ihn beschlich ein ungutes Gefühl und er runzelte die Stirn.

Das kleine Mädchen in den Armen der Heilerin gluckste vergnügt, schrie kurze Zeit und schloss dann genüsslich die Augen. Aller Augen richteten sich auf sie und das Herz der Mutter wurde warm, erfüllt mit Liebe zu ihrem Kind.

„Gib sie mir.", verlangte Narwainion und nahm der Heilerin das kleine Mädchen aus den Armen. Jiona protestierte. Ihr stand es als erster zu, das Kind zu halten!

„Vater. Bitte gib sie mir.", verlangte sie. Eine Spur Ungeduld lag in ihrer Stimme. Narwainion lächelte zu ihr hinüber.

„Gleich Liebes. Sie öffnet die rechte Hand nicht. Das hat Idiel verwirrt. Ich will versuchen, die Hand zu öffnen." Doch auch an ihm nagte ein Schatten dunkler Vorahnung. Er hatte bisher einmal von einer Geburt gehört, bei der das Kind eine Hand geschlossen hatte.

Plötzlich nahmen zwei starke Arme den Säugling aus seinen Händen. Das Mädchen blinzelte verwirrt. So viele unterschiedliche Gerüche von Wesen, die es gar nicht kannte! Es verzog ärgerlich das kleine Gesicht und fing an zu wimmern.

„Ich denke, Jiona kann das auch.", sagte Fingon ruhig und legte seiner Frau das Kind mit einem Lächeln in den Arm. Idiel und Narwainion tauschten unruhige Blicke aus, doch davon bemerkte die kleine Familie nichts. Jiona wurde von einem Gefühl tiefsten Glücks überflutet, als das kleine Mädchen unbeholfen an einer ihrer freigelegten Brustwarzen schmatzte. Das Saugen musste noch gelernt werden, schmunzelte die junge Mutter. Auf jeden Fall half es, die Spannung aus ihren Brüsten zu nehmen, die prall mit Milch gefüllt waren.

Die Eltern fixierten das kleine, zerknitterte Gesicht mit tiefster Liebe.

„Sieh nur." Sie strahlte erst Fingon an, der ihre Gefühle nur allzu gern erwiderte und dann ihren Vater und Idiel, die sich wieder gefasst hatten und ebenfalls lächelten.

„Willkommen in der Welt, meine kleine Adamantiel."

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FLASHBACK ENDE

Er ballte die Fäuste. Adamantiel. Er hatte gehofft, mit ihr würde der Fluch brechen. Er hatte sie jahrelang beobachtet. In Abständen und aus weiter Ferne, aber das was er gesehen hatte, hatte ihm gefallen. Damals hatte er geglaubt, er könne Luz umgehen, indem das Mädchen einhundert Jahre lang nichts von ihrer Familie erfuhr. Die Entscheidung hatte ihn sehr viel gekostet. Und lange Zeit hatte es danach ausgesehen, dass sein Plan funktionieren könnte. Seine Enkelin hatte sich zu einer starken jungen Frau entwickelt. Doch wie sich nun erwiesen hatte, war sie schwächer als auch nur irgendeiner seiner Vorfahren. Aus Überlieferungen hatte er herausgefunden, dass viele dem Rachegeist unablässig über Jahre hinweg getrotzt hatten. Hatte Luz versucht, aufzutauchen, waren sie für längere Zeit verschwunden und kehrten erst wieder, als sie ihn bezähmt hatten. Doch irgendwann hatte er sie alle überwältigt. Für Adamantiel hatte er jedoch nur 100 Jahre gebraucht.

Er schüttelte verständnislos den Kopf und gestand sich ein, dass er enttäuscht war. Enttäuscht und wütend. Er hatte geglaubt, dass sie die innere Reinheit und Stärke seiner Tochter und die Besonnenheit und den eisernen Willen von ihrem Vater geerbt hatte. Er ärgerte sich über sich selbst. Er hatte sie durch einen Schleier von positiven Gefühlen gesehen und bewertet.

„Vergib mir, Jiona.", flüsterte er matt. Seine Worte verhallten in der Dunkelheit der Nacht ohne gehört zu werden.

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FLASHBACK

„Fingon!" Jionas Stimme schrillte durch den Wald. Panische Angst hatte sich ihrer bemächtigt und sie aus dem Kindsbett getrieben. Ihr Haar war wüst und ihre Augen blickten wirr von dem Fieber, dass sie drei Tage lang ans Bett gefesselt hatte. Fingon, Idiel und ihr Vater hatten sich rührend um die kleine Adamantiel gekümmert. Doch gestern war etwas Unfassbares geschehen. Das Baby hatte endlich die kleine Hand geöffnet. Und zu Jionas Erstaunen hatte sich ein winziges Goldenes Blatt darin verborgen.

„Bei Eru.", hatte sie ehrfurchtsvoll geflüstert. Dieses Phänomen war einmalig. Doch entgegen ihrer freudigen Verblüffung und dem Mutterstolz, erkaltete die Stimmung im Raum augenblicklich. Narwainion und Idiel wechselten einen viel sagenden Blick, der Jiona irritiert hatte.

„Für euch ist es kein Wunder?" Die Frage hatte unbeantwortet im Raum gestanden. Die junge Frau hatte sich nach unangenehmen Minuten des Schweigens geräuspert und diesmal schien es die beiden älteren Elben wach zu rütteln.

„Jiona Liebes. Es ist an der Zeit, dass ich dir etwas über unsere Vorfahren berichte.", hatte ihr Vater gesagt und in diesem Augenblick hatte man ihm die Tausende Jahre seines endlosen Lebens angesehen. Seine Schultern waren eingefallen, sein Gesicht matt und grau gewesen.

Und dann hatte er ihr die unglaubliche Geschichte von einem Fluch erzählt, der vom Anfang der Zeit an existierte.

Jiona wischte sich eine verfilzte Haarsträhne aus dem Gesicht. Wo war ihr Kind!? Gestern noch war sie in einen heftigen Streit mit ihrem Vater geraten. Er war der Ansicht, dass Adamantiel hoch gefährlich war. Aber wie konnte dieses kleine unschuldige Wesen jemals gefährlich sein. Jiona hatte sich ihm wehement widersetzt. Sie hatte alle seine Pläne in den Wind geschlagen, in denen es sich nur darum gedreht hatte, das Kind bis zu seinem einhundertsten Geburtstag fort zu geben.

Tränen standen ihr in den Augen. Sie hatte ihren Vater noch nie so erlebt, wie er gestern gewesen war und sie vermutete, dass er ihr nicht die ganze Geschichte vom Fluch und seinen Folgen erzählt hatte.

Narwainion hatte getobt und das erste Mal die Stimme gegen sie erhoben. In mehr als fünftausend Jahren hatte sie kein böses Wort von ihm gehört. Auch diesmal nicht. Aber seine Stimme hatte unerschüttert geklungen.

„Ich will sie nicht fort geben!", hatte sie, geschwächt durch das Fieber aber doch unmissverständlich, klar gestellt.

„Sie wird uns vernichten. Irgendwann tritt der Rachegeist ans Licht und wir werden bald in die Ewigen Hallen eingehen.", hatte ihr Vater erwidert. Sie hatte ihn verächtlich angesehen. Auch von ihr hatte er nie ein böses Wort gehört.

„Du fürchtest dich vor einem Kind! Vor MEINEM Kind! Das ist lächerlich, Vater!" Tränen hatten in ihren Augen gestanden und sie hatte die Kleine fest an ihre Brust gedrückt, um sie zu beschützen. Adamantiel hatte die angespannte Atmosphäre gespürt und leicht gewimmert. Jiona war sich sicher, dass sie schlichtende Worte anstatt des Wimmerns gebraucht hätte, hätte sie schon die Sprache der Elben beherrscht.

„Jiona…", ihr Vater hatte seiner Tochter durch das Haar gestrichen doch sie hatte trotzig den Kopf abgewandt.

„Ich will dich beschützen.", hatte er leise gesagt.

„Nicht mich sondern UNS! Adamantiel ist meine Tochter. Und wenn es jemanden gibt, den wir alle beschützen müssen, dann ist sie es allein.", hatte Jiona ihm entgegnet. Narwainion hatte geschwiegen und sie hatten einen wortlosen Machtkampf ausgetragen, den Jiona triumphierend gewann, als er die Augen senkte. Er war noch geblieben und hatte an ihrem Bett gewartet bis sie eingeschlafen war.

„Ich werde dich beschützen." Diese Worte hatte sie in den Gefilden ihrer Träume nicht mehr gehört.

Sie hielt das kleine Blatt in der Hand. Es schien zu wachsen. Verwundert und irritiert betrachtete sie es und schüttelte den Kopf. Warum gerade ihr Kind?

„Jiona!" Sie reagierte nicht, als Fingon sie rief. Erst beim dritten Versuch bemerkte sie, dass er hinter ihr stand. Als er ihre Schultern mit seinen Händen fasste, zuckte sie leicht zusammen.

„Jiona du musst wieder ins Bett. Die Geburt hat dich geschwächt."

„Ich muss mein Kind suchen.", flüsterte sie leise. Ihr Mann wich erschrocken zurück, als sie sich mit einem unerwarteten Ruck zu ihm umdrehte.

„Wo ist sie?" Ihre Stimme war ruhig. Doch wer sie kannte, wusste dass es nur die Ruhe vor dem Sturm war. Schuldbewusst senkte er den Kopf.

„Ich habe versucht, ihn aufzuhalten und ihm sein Vorhaben auszureden. Ich wollte, dass er wartet, bis du wieder zu Kräften kommst", begann er lasch. Jionas Augen funkelten Unheil verkündet. So wild und mit ungekämmtem Harr stand sie wie eine Löwin vor ihm und fixierte ihn feindlich. Muttergefühle durften auf gar keinen Fall unterschätzt werden, wurde ihm bewusst.

„Wohin bringt er sie?", fauchte sie ihren Mann an. Dieser zuckte hilflos mit den Schultern.

„Er meinte, er wird sie zu einer Heilerin bringen, die den Fluch zu brechen vermag.", erwiderte Fingon. Jiona sah ihm an, dass er selbst an diese Version von Narwainions Vorhaben glaubte. Doch sie kannte ihren Vater zu gut und spürte, dass er etwas ganz anderes vorhatte.

„Hoffentlich tut er ihr kein Leid an.", fauchte sie wie ein verwundetes Tier und drängte sich an Fingon vorbei.

„Wo willst du hin?", fragte er.

„Mein Kind retten!", knurrte sie zurück. Panische Angst hatte sie erfasst. Und ihr einziger Gedanke galt nur noch einer Sache: Der Suche nach Adamantiel. Die Verzweiflung sollte erst später in ihr Herz eindringen, als alle Hoffnung, das Kind jemals zu finden, verloren war. Doch sie wollte kämpfen.

„Aber er kommt doch sicher bald zurück.", startete Fingon einen Beschwichtigungsversuch, für den sie nur einen vernichtenden Blick übrig hatte.

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FLASHBACK ENDE

Narwainion schloss gequält die Augen. Sie war in einem lebensbedrohlichen Zustand aufgebrochen, um nach ihrem Kind zu suchen und war zehn Jahre nicht wiedergekehrt. Sie hatte seine Spuren bis zum Düsterwald verfolgt und war selbst in gefährlichen Gebieten nicht von ihrer Suche abzubringen gewesen. Doch er hatte die Spuren sorgfältig verwischt. Niemals sollte sie in die Nähe des unheilvollen Kindes kommen. Er hatte sie in dieser Zeit nicht einmal gesehen. Ihr Ehemann hatte sie immer begleitet und beide litten stummen, tiefen Schmerz. Das Gefühl, verraten und betrogen worden zu sein hatte sich in ihren sonst reinen Herzen verankert. Und als sie nach endlosen Jahren ergebnisloser Suche wieder zurückgekehrt waren, war in Jionas Herz nur Verachtung für ihren Vater gewesen. Nie hatte sie auch nur ein Wort an ihn gerichtet. Nie auch nur einmal gefragt, warum er das getan hatte. Denn sie kannte ihn zu gut um zu wissen, dass er daraufhin nur schweigen würde. Außerdem wollte sie daran glauben, dass ihre Tochter noch lebte. Sie wollte sich nicht die Hoffnung nehmen lassen.

Er schüttelte den Kopf, als könnte er damit seine Taten rückgängig machen. Er wusste, dass sie gelitten hatten auf ihrer Suche. Nicht nur seelisch sondern auch physisch. Aber das war eine ganz andere Geschichte. Und obwohl er spürte, dass sie ihm nie wieder verzeihen würden, war er überzeugt, dass er das richtige getan hatte. Er hatte es getan und tat es aus Liebe zu seiner einzigen Tochter. Denn der Gedanke, sie zu verlieren, war unerträglich. Dabei hatte er nie bemerkt, dass er sie so gut wie verloren hatte.

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KEINE POV

„Mami! Bitte bitte lass uns noch ein bisschen bleiben! Die Lieder sind gerade so anmutend." Helinna verdrehte genervt die Augen und sah Semérsion hilflos an. Dieser zuckte nur unwissend mit den Schultern und lächelte.

„Wo er recht hat, hat er recht. Außerdem drückt er sich so schön gewählt aus. Das erlaubt dir, eine halbe Stunde länger zu bleiben." Semérsion zwinkerte Alagos zu. Helinna wollte gerade protestieren, als der Kleine die Nase rümpfte.

„Nö. Das ist zu einfach! Und wer fragt denn dich?", erwiderte er keck. Helinna musste sich stark beherrschen, um ihre strenge Miene aufrecht zu erhalten, als sie das verblüffte Gesicht des älteren Elben sah. Statt prustend loszulachen, tadelte sie ihren Jüngsten.

„Alagos wo bleiben deine Manieren? Man müsste meinen du wirst immer jünger." Der Kleine sah kurz entschuldigend zu seiner Mutter auf, musterte den schwarzhaarigen Elben jedoch weiterhin feindlich. Ihm war nicht entgangen, dass er in letzter Zeit sehr häufig zu Besuch kam. Tinnu und er hatten schon heimlich darüber beraten. Und sie waren beide zu dem Schluss gekommen, dass Semérsion in der nächsten Zeit unter zwingender Beobachtung stand. Vor allem in Alagos regte sich der Beschützerinstinkt.

„So. Dir sollte ich es nicht zu leicht machen, nicht wahr." Semérsion hatte seine Stimme wieder gefunden.

„Naja. Ich bräuchte ja eigentlich einen neuen Bogen, aber ich befürchte, diese Aufgabe ist zu einfach, als dass du sie übernehmen solltest," sinnierte Semérsion laut und Hellina musste grinsen, als sie die leuchtenden Augen ihres Sohnes sah. Tinnu gab ihm einen heftigen Rippenstoß noch ehe er antworten konnte.

„Los lass uns tanzen.", befahl sie und zerrte den kleinen Bruder energisch mit sich. Wieder sahen sich die beiden erwachsenen Elben an und lachten leise. Dann wurde die Stimmung wieder ernst.

„Was denkst du? Wird Adamantiel es schaffen?", fragte Semérsion. Hellinas Blick trübte sich.

„Ich hoffe es. Aber sie ist seelisch sehr angegriffen. Sie zeigt es keinem, aber der Verlust des Kindes sitzt tief. Es war erst wenige Wochen in ihrem Körper aber… Ich könnte mir nicht vorstellen…" Sie verstummte. Denn sie wagte es nicht, den Gedanken auch nur auszusprechen dass sie jemals Tinnu oder Alagos verloren hätte.

Semérsion nickte. Er verstand, was sie sagen wollte und er bewunderte die junge Elbin, die ihr Schicksal so gefasst auf den einhundert Jahre alten Schultern trug.

„Adamantiel ist jung und lebensfroh gewesen. Wenn du daran denkst, wie sie war, als sie in den Düsterwald kam: wild und ungezähmt, dann weißt du, wie sehr sie jetzt leidet. Vielleicht würden wir unsere Trauer an ihrer Stelle offener zeigen, doch jeder geht mit seinen Gefühlen anders um. Zur Zeit befindet sie sich in einem Stadium, in dem sie alles verdrängt." Hellina seufzte. Nie hätte sie erwartet, dass Adamantiels Schicksal so grausam sein sollte.

Auf einmal kam ein leichtes Murmel unter den Gästen auf. Eines, das kein Menschenohr je auch nur ansatzweise bemerkt hätte, doch das den Elben auf keinen Fall entging.

Jetzt drang die Ursache auch an das Ohr der beiden Elben.

„Hellina…König Elessar ist eingetroffen. Er scheint schlechte Botschaften zu bringen.", Nestalinna trat aus dem Schatten zwischen den Bäumen hervor.

„Geht es um Adamantiel?", fragte Hellina besorgt. Die Freundin warf ihr einen unmissverständlichen Blick zu und Hellina verstand sofort.

„Ich bringe die Kinder ins Bett, damit sie von alledem nicht viel mitbekommen. Sie würden es nicht verstehen.", erwiderte Hellina schnell und beeilte sich, ihre kleinen Sprösslinge auf der Festwiese einzusammeln.

„Was sagt König Elessar?", erkundigte sich Semérsion. Nestalinna wiegte leicht den Kopf hin und her. Ein Zeichen dafür, dass sie es nicht wusste.

„Ich bin mir nicht sicher. Aber Späher haben vernommen, dass der König gekommen ist, um Narwainion zu stellen." Jetzt spiegelte sich Verblüffung auf Semérsions Gesicht wider.

„Was interessiert den König von Gondor unmittelbar nach der Geburt seines Thronfolgers denn so an einem alten Elb."

Nestalinna konnte abermals nur die Schultern zucken. Sie konnte sich auch keinen Reim darauf machen. Sicher war die Stimmung etwas angespannt, seit sie erfahren hatten, dass der alte Elb der jungen Adamantiel von ihrer Fehlgeburt erzählt hatte. Gedanken hatte sich jedoch keiner wirklich darüber gemacht. Alles war viel zu schnell geschehen. Legolas und Gimli hatten sich zerstritten und die Ursache war bisher nicht unter die Lupe genommen worden. Doch jetzt dämmerte ein unguter Verdacht in Nestalinnas Kopf. Woher hatte Narwainion gewusst, dass Adamantiel schwanger gewesen war? Hatte er sie gehört, als sie besorgt bei ihr im Baumhaus waren? Hatte er vor der Tür gestanden? Möglich wäre es. Sie konnte es nicht mehr mit Gewissheit sagen.

Jetzt sahen sie auch die beiden hoch gewachsenen Gestalten, die sich in Würde und Königlichkeit glichen. Deine eine König, der andere Prinz.

„Komm mit. Wir müssen erfahren, was vor sich geht." Nestalinna winkte Semérsion sie zu begleiten. Er folgte ihr über die Festwiese. Kurz vor den beiden Männern blieben sie stehen und verneigten sich respektvoll.

„Hoheiten. Seid willkommen, Elessar.", grüßten sie den Menschenkönig. Ein Lächeln schlich sich ebenso schnell auf Aragorns Züge, wie es wieder verschwand. Er sah erschöpft und abgekämpft aus. Falten fraßen sich schleichend in seine alternde Haut.

„Sei gegrüßt Semérsion. Ich komme in dringender Angelegenheit.", entgegnete Aragorn und begrüßte auch Nestalinna.

„Wir ziehen uns besser zurück.", schlug Legolas vor und führte sie zu einer nahe gelegenen Baumgruppe an der Festwiese, die genügend Schutz bot, um nicht gesehen zu werden.

„Untersuchungen haben ergeben, dass Narwainion die Alte Frau ermordet und das Dienstmädchen geschändet hat, um den Verdacht auf Legolas zu lenken." Aragorn rückte mit den Informationen ohne größere Umschweife heraus. Nestalinna schlug die Hände vor den Mund und vergaß für einen Moment das Atmen.

„Aber…warum…?"

„Ich vermute, um das Vertrauen zwischen mir und Legolas und zwischen Legolas und Adamantiel zu stören. Wenn nicht gar um es zu vernichten. Eine Intrige, die beinahe gelungen wäre, wäre meine Gemahlin nicht wachsam gewesen."

Aragorn sah Legolas entschuldigend an und der Elb neigte leicht den Kopf. Es war seinem Freund noch immer unangenehm, dass er auch nur eine Sekunde an Legolas' Unschuld gezweifelt hatte.

Kurze Zeit herrschte Schweigen. Die Nachricht musste zunächst verarbeitet werden.

„Habt ihr heute Abend eine Veränderung an Adamantiel beobachten können?", fragte Legolas. Semérsion und die Heilerin verneinten.

„Ich habe sie auch seit einer halben Stunde nicht mehr gesehen.", sagte Hellina, die dazugekommen war. Legolas sah alarmiert auf.

„Seit einer halben Stunde?" Er tauschte besorgte Blicke mit Aragorn aus.

„Wo ist sie jetzt?" Keiner wusste darauf eine Antwort.

„Wenn es stimmt, dass Luz heute auftauchen soll, dann bleibt ihm noch sehr wenig Zeit. Aber wenn er auftaucht, wird er ihre Familie suchen." Legolas' Kopf schnellte in die Höhe. Er drehte sich hektisch und untypisch für einen Elben zur Festwiese um. Seine scharfen Augen fixierten alles. Doch er fand nicht den, den er suchte.

„Weiß jemand wo Gimli ist?"

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Fortsetzung folgt!!