Show me your face

Kapitel 3

Gravity

„Sie hat darüber nachgedacht, Hogwarts zu verlassen."

„Und was hast du ihr gesagt?"

Snape zuckt mit den Schultern. „Dass mein Gedächtnis von Zeit zu Zeit verändert wird."

Dumbledore beugt sich über den Tisch und sieht sein Gegenüber über den Rand seiner Brille hinweg an. „Und hat sie dir geglaubt?"

Wie desinteressiert rollt Snape mit den Augen. „Es geht keine Gefahr von ihr aus, schließlich ist sie nicht mit dem Dunklen Lord zu vergleichen, Albus."

„Nein. Aber sie ist ein junge Frau."

Snape legt den Kopf schief. Seine Augen werden zu schmalen Schlitzen. „Was soll das heißen?"

„Dass du einen Fehler gemacht hast. Nicht mehr, aber auch nicht weniger."

„Ich habe alles im Griff."

Dumbledore schmunzelt. „Das sehe ich. Ich würde fast behaupten, dass sie sich um dich sorgt."

„Das ist nicht komisch! Dieser Zwischenfall war ein unglücklicher Moment. Mehr steckt nicht dahinter."

„Und wenn doch?"

„Lassen Sie das meine Sorge sein. Ich werde mich darum kümmern."

Dumbledore nickt in seine Gedanken versunken. „Das solltest du."

Snape stützt den Kopf auf die Hände und seufzt. „Denken Sie, sie wird das meistern, Schulleiter? Wenn sie sich wirklich dazu entscheidet, Hogwarts zu verlassen, dann …"

„Sie muss. Harry kann das nicht alleine tun. Er wird seine Freunde mehr denn je brauchen."

Ein bitteres Schnauben durchzuckt den Raum. „Es war meine Schuld. Ich hätte ihre Hilfe nicht annehmen sollen."

„Vielleicht, Severus. Aber du hattest sie nötig. Wir wissen nicht, wie es sich auswirken wird, doch ich bin mir sicher, dass dieser Zwischenfall auch etwas Gutes für sich hat."

Ungläubig schüttelt Snape den Kopf. „Etwas Gutes? Das glaube ich kaum. Sie hat Dinge gesehen, die sie nie hätte sehen dürfen."

„Waren das ihre Worte?"

„Ja."

Dumbledores Augen blitzen auf. „Verstehe." Er holt Luft. „Komm zu mir, Severus."

Der Blick des Schulleiters ist ernst und lässt keinen Raum für Diskussionen übrig, doch für einen winzigen Moment erscheint etwas Schmerzliches in Snapes Zügen, als er sich von seinem Platz erhebt und den Tisch umrundet. Erst vor Dumbledore bleibt er stehen. Dann sieht er ihn an und geht vor ihm auf die Knie.

Für einen Augenblick sehen sie sich einfach nur an, bis der alte Mann seinen Zauberstab herausnimmt und seine Hand auf Snapes Kopf legt.

„Es tut mir leid."

Snape nickt und schließt für einen Moment die Augen. „Tut es das nicht immer?"

Dumbledore ignoriert den ironischen Unterton in seiner Stimme. Auch der intensive Blick seines Gegenübers schert ihn nicht. Und so setzt er seinen Zauberstab an Snapes Schläfe.

„Wenn der Krieg vorbei ist, wirst du sie zurückerhalten."

„Seien Sie vorsichtig mit Ihren schönen Worten, Albus, denn wenn ich das hier überleben sollte, werde ich es ihr sagen."

„Was wirst du ihr sagen?"

„Die Wahrheit."

„So?"

Snape nickt. „Natürlich erinnere ich mich an einige Dinge, obwohl ich immer wieder bewusstlos war. Doch es wäre alles andere als klug gewesen, es ihr zu sagen. Ich bin kein Narr. Ich weiß, dass sie dazu tendiert, sich die Sachen zu sehr zu Herzen zu nehmen. Das war schon immer so."

„Und was ist mit dir?"

Snape legt den Kopf schief. „Mit mir?"

Dumbledore funkelt ihn warnend an. „Spiel nicht mit mir, Severus. Beantworte einfach nur meine Frage."

Es wird still und der alte Mann nickt.

„Das dachte ich mir. Aber wenn der Krieg vorbei ist, dann ist es nicht länger meine Angelegenheit. Du kannst tun und lassen was du willst."

„Es wäre ein Wunder, wenn sie mich laufen lassen würden", schnaubt Snape unbeeindruckt.

„Noch ist es nicht zu spät, die Welt wissen zu lassen, was du für den Kampf gegen Tom riskiert hast."

„Niemals!"

„Überlege es dir gut. Doch jetzt sei still."

xxx

Am nächsten Morgen erwacht das Haus zu neuem Leben und niemand ahnt auch nur, was sich im Verborgenen zwischen Snape und mir abgespielt hat.

Es ist eigenartig, aber so langsam wird mir bewusst, wie dramatisch das alles ist. Der Orden verlässt sich auf seine Informationen, ohne dabei zu berücksichtigen, wie es für ihn sein muss, sie zu beschaffen. Dass Dumbledore das einfach so hinnimmt, kann und will ich nicht glauben, wo doch die ganze Welt der Zauberer davon überzeugt ist, dass er ein so nobler Mann ist. Wer weiß, vielleicht habe ich mich einfach in ihm getäuscht und er ist nicht ganz so harmlos, wie es den Anschein hat. Anders ist es mit den Jungs. Sie stehen voll und ganz auf der Seite unseres Schulleiters, denn schon bei unseren Gesprächen am Frühstückstisch wird darüber diskutiert, dass wir einen weiteren Gast im Hause haben. Die Meinungen über Snape sind immer dieselben. Nur ich halte mich vorsichtshalber zurück. Abgesehen von mir gibt es nur noch Molly, die nicht näher darauf eingeht. Im Gegenteil, sie bringt ein Tablett mit Kaffee und Toast nach oben, die erste menschliche Tat für den Professor, an der ich nicht beteiligt bin.

Für recht viel mehr reicht es nicht, dann wird seine Anwesenheit wieder unter den Tisch gekehrt, schließlich will sich niemand von Snapes plötzlichem Auftauchen die gute Ferienlaune verderben lassen.

Wie um ihm aus dem Weg zu gehen, entschließen sich noch am selben Tag alle Anwesenden zu einem Ausflug nach Hogsmeade. Mir kommt das sehr gelegen, denn nach Gesellschaft ist mir nach den jüngsten Vorkommnissen nicht zumute und so rede ich mich wieder einmal raus, indem ich vorgebe, mich in die Bibliothek zurückziehen zu wollen.

Endlich herrscht wieder Ruhe. Der Trubel der Weasleys, der mich sonst immer so aufgeheitert hat, ist nun alles andere als angenehm, wenn man den Kopf so voller Gedanken hat.

Eine Weile sitze ich auf dem Sofa und wippe mit den Füßen auf und ab. Ich bin unsicher was ich tun soll. Vermutlich ist Snape noch immer dort oben, denn in einem Zustand wie diesem sollte er es besser unterlassen, zu viel durch die Gegend zu reisen.

Was er wohl gerade macht? Ob er etwas braucht? Nachdem Molly so schnell wieder in der Küche war, bezweifle ich, dass sie ihm das Tablett ans Bett gebracht hat.

Der Gedanke lässt mich unruhig werden. Snape ist alleine. Ich bin es auch. Wieso sollte ich nicht nach ihm sehen?

Meine Neugierde nimmt überhand und so mache ich mich auf den Weg zu ihm. Schnell bewahrheiten sich meine Befürchtungen: das Tablett mit seinem Frühstück steht unberührt vor der Tür.

Ich schüttle bedrückt den Kopf und klopfe an. Doch Snape antwortet nicht. Das macht mich stutzig, also trete ich vorsichtig ein. Wenn er gewollt hätte, dass ich draußen bleibe, hätte er es mich wissen lassen.

Die Erleichterung darüber, dass er lediglich im Bett liegt und schläft, ist groß. Nachholbedarf hat er ja genug. Ich hatte mir aufgrund seines Zustands schon Sorgen um ihn gemacht.

Leise setze ich mich neben seinem Bett auf den Stuhl und nehme mein Buch aus der Tasche meines Sweaters. Nach nur wenigen Seiten gebe ich das Lesen aber wieder auf. Es fällt mir so schwer, mich auf den Text zu konzentrieren, dass ich einsehen muss, wie wenig Sinn mein Vorhaben hat.

Snape neben mir wird ohnehin langsam unruhig. Er wälzt den Kopf herum, dann schlägt er die Augen auf und sieht mich an.

Die Falte zwischen seinen Brauen zieht sich tief zusammen.

„Granger."

Es ist nur ein Wort, aber weitaus mehr als eine einfache Begrüßung. Die dahinter steckende Botschaft sagt mir unter anderem, dass er immer noch geschwächt ist. Außerdem ist er überrascht, mich zu sehen.

„Hallo, Professor", sage ich mit einem zaghaften Lächeln auf den Lippen.

Ich bin froh, dass er diese Nacht überstanden hat.

Er schluckt hart. Sein Mund ist trocken. „Was tun Sie hier?"

Ich lege die Stirn in Falten.

„Sir?"

„Ich denke, Sie haben mich sehr wohl verstanden, meinen Sie nicht?"

Ich räuspere mich. „Alle Anderen sind außer Haus und da wollte ich sehen, ob Sie vielleicht etwas brauchen."

Er dreht den Kopf weg, nimmt seine Hand hoch und fährt sich damit durch die Haare.

„Dann tun sie das Richtige. Und Sie sollten mich ebenso meiden, Granger."

Überrascht lehne ich mich zu ihm vor. „Warum, Professor?"

Er schließt die Augen und atmet tief ein. „Es ist besser so, glauben Sie mir."

Ich schüttle mich unbewusst. Der traurige und resignierte Ton in seiner Stimme jagt mir mindestens so viel Angst ein, wie sein plötzlicher Auftritt von gestern.

Schnell fange ich mich wieder und greife nach seinem Arm.

Snape zuckt zusammen, doch ich ignoriere es. Ich will ihm nichts Böses, sondern ihm nur damit zeigen, dass er sich irrt. Jeder Mensch braucht hin und wieder Gesellschaft.

„Warum sagen Sie das? Es war offensichtlich, dass Sie Hilfe nötig hatten. Und das ist keine Schande in Ihrem Zustand."

Erst jetzt sieht er mich wieder an.

Seine Finger beginnen zu zittern und er entzieht mir seinen Arm.

„Es ist mein Einfluss, Granger. Ich bin nicht gut für Sie."

Einen Moment lang weiß ich nicht, ob ich darüber lachen oder laut aufheulen soll. Er sieht immer noch erschöpft aus, gar nicht wie ein Todesser oder ein Spion. Vielmehr gleicht er einem von der Welt verstoßenen Menschen, der sich selbst vor langer Zeit aufgegeben hat.

„Aber Sie sind mein Professor", sage ich schnell. „Sie unterrichten mich."

Seine Mimik verfinstert sich.

„Genau darum sollten Sie das nicht miterleben."

Ich stutze. Vermutlich hat er Recht. Doch es ist mir gleich. Er hat jemanden gebraucht, der für ihn da war und das Schicksal wollte, dass ich dieser Jemand bin.

„Ist das alles? Tut mir leid, Professor, aber ich sehe das etwas anders."

„Natürlich tun Sie das", entgegnet er sarkastisch, doch es wirkt keinesfalls so bissig wie sonst.

Ich blinzle ihn an.

„Okay. Wenn Sie alleine sein wollen, brauchen Sie es nur zu sagen. Ich kann ebenso gut wieder in der Bibliothek verschwinden."

Er seufzt und schüttelt den Kopf. „Warten Sie, Granger, es war nicht so gemeint."

Plötzlich sieht er mich an.

„Verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte nicht undankbar sein für das, was Sie getan haben. Doch glauben Sie mir, wenn ich eine andere Möglichkeit gehabt hätte, als Ihre Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen, hätte ich sie ergriffen."

„Dass weiß ich", entgegne ich knapp.

Er sieht mich schief an, ehe er etwas darauf erwidert. „Es ist ungewöhnlich für mich, auf andere angewiesen zu sein. Bisher war es nicht nötig, aber die Lage wird ernster und der Dunkle Lord ungeduldiger."

„Sie müssen mir das nicht erklären."

Schnell schüttelt er den Kopf. „Nein, muss ich nicht."

„Sehen Sie? Es ist gut, Professor. Manchmal brauchen wir andere Menschen. Und manchmal brauchen wir Hilfe."

Leise schnaubend verzieht er die Mundwinkel. „Sieht wohl so aus. Ich werde schließlich nicht jünger."

Kaum hat er ausgesprochen, klappt er den Mund zu. Was er so spontan von sich gegeben hat, überrascht uns beide, denn er starrt ohne ein weiteres Wort auf seine Hände.

„Ich hätte das nicht sagen sollen."

Ich gehe nicht darauf ein. Alleine die Tatsache, dass ein so disziplinierter Mensch wie er sich in meiner Gegenwart dazu herablässt, auf dieser Ebene mit mir zu kommunizieren, ist bemerkenswert.

„Ähm, soll ich Ihnen vielleicht ein Frühstück bringen? Sie sehen aus, als könnten Sie eins brauchen."

Er schnaubt leise vor sich hin und nickt, woraufhin ich ihn alleine lasse.

xxx

In der Küche geht alles schief. Ich verbrühe meine Hand am heißen Wasserdampf und der Toaster ist zu dunkel eingestellt, worauf die ersten Scheiben verkohlt herausspringen.

Snapes Worte und die Abgeschlagenheit dazu haben mich ziemlich durcheinander gebracht.

Als ich dann endlich den Tee und einige Marmeladentoasts fertig habe, bringe ich alles nach oben in sein Zimmer.

Er sieht sofort den roten Fleck auf meiner Hand und runzelt die Stirn.

„Ah, das – das ist nicht weiter schlimm", murmle ich unbeholfen vor mich hin, obwohl es in Wahrheit ziemlich brennt.

Snape rollt mit den Augen und setzt sich auf.

„Kommen Sie her, Granger."

Ich platziere sein Frühstück auf dem Stuhl neben seinem Bett und bleibe vor ihm stehen.

„Geben Sie mir Ihre Hand", fordert er ernst.

Verunsichert senke ich den Blick.

„Sir, es ist nicht so schlimm, dass ich dafür Ihre Kräfte in Anspruch nehmen sollte. Ich kann selbst ..."

Er wirft mir einen derart finsteren Blick zu, dass ich sofort verstumme und ihm ohne weitere Proteste meine Hand reiche.

Das Gefühl, diesmal von ihm berührt zu werden, lässt mich schaudern.

Snape ist hochkonzentriert, als er seinen Zauberstab herausholt, denn jede Bewegung kostet ihn Kraft. Dennoch weiß er genau was er tut, denn kaum bewegen sich lautlos seine Lippen, hört das Brennen an meiner Hand auf und der rote Fleck verschwindet.

Ich weiß nicht genau, warum er das getan hat, aber vielleicht hatte er einfach das Gefühl, sich bei mir revanchieren zu müssen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum er es riskiert, noch geschwächter als zuvor auf sein Kissen zurück zu sinken.

Ich höre seinen angestrengten Atem und weiß, dass ich besser gehen sollte, um ihm Ruhe zu gönnen. Aber ich kann es nicht. Ich kann ihn nicht einfach alleine lassen, denn im Grunde genommen ist kein Mensch gern allein. Nicht einmal Snape, obwohl er natürlich das Gegenteil behaupten würde.

Insgeheim muss ich zugeben, dass mich diese neuen Verhaltensweisen an ihm überraschen. Es ist paradox und steht mit so ungefähr jeder Meinung im Widerspruch, die ich mir in den vergangenen Jahren über ihn zusammengereimt habe.

In meiner Hilflosigkeit setze ich mich zu ihm an den Bettrand und reiche ihm wortlos eine Tasse Tee, doch seine Hände zittern wieder und so helfe ich ihm einfach beim Trinken.

Es ist die erste Mahlzeit, die er seit einer Weile zu sich nimmt. Jeder, der ihn in diesem Moment dabei beobachtet, wie langsam und vorsichtig er von seinem Toast abbeißt, könnte das feststellen. Nur hat eben noch nie jemand darauf geachtet.

Als er fertig ist, kann ich mich nicht länger zurückhalten. In meinem Kopf türmen sich die Fragen nach dem Warum und dem Wieso.

„Wofür haben Sie sich diesen Cruciatus eingefangen?"

Er sieht mich abwägend an und es dauert, ehe er darauf antwortet.

„Braucht es einen Grund, Granger?"

Ich spüre einen Stich in meinem Inneren.

„Aber irgendwas muss ihn doch dazu gebracht haben, oder?"

„Er ist unzufrieden."

„Womit?"

„Dafür gibt es keine sinnvolle Erklärung. Manchmal reicht schon ein kleiner Erfolg der Auroren aus, um ihn wütend zu machen."

„Das ist verrückt."

Er geht nicht darauf ein.

„Der Dunkle Lord ist unberechenbar, Granger. Und je mehr wir ihm zusetzen, umso schwieriger wird es für mich, ihn mit gewissen Informationen zu füttern."

Ich schüttle den Kopf. „Weiß Dumbledore von dem, was Sie hier durchmachen?"

Ein Schnauben entfährt ihm. „Was glauben Sie, Granger?"

„Ich habe keine Ahnung. Ehrlich. Er muss verrückt sein, wenn er das zulässt."

„Manchmal hat selbst er keine andere Wahl."

„Das glaube ich nicht."

„Wieso nicht?"

„Weil es barbarisch ist."

„Irgendjemand muss immer die Drecksarbeit machen."

„Aber doch nicht so!"

„Haben Sie denn eine Alternative?"

„Nein."

„Gut. Dann sollten Sie aufhören, sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Es ist zwecklos, denn wenn ich das nicht tue, wird keiner es tun."

„Aber ..."

„Sie haben mich gehört. Mehr gibt es nicht dazu zu sagen."

„Dann werden Sie das also weiterhin tun?"

Er legt den Kopf schief und sieht mich durch eine Handvoll ungepflegter Strähnen hindurch an. „Was tue ich denn?"

„Sie liefern sich einem Irren aus und lassen sich von ihm foltern."

Seine Augen blitzen warnend auf. „Ich bin mir nicht sicher, ob Ihnen der Ernst der Lage bewusst ist, Miss Granger, aber wir haben keine andere Verbindung zu ihm."

Ich senke den Blick und starre zutiefst getroffen auf die Knöpfe auf seiner Brust, die aus der Bettdecke hervor ragen.

„Es tut mir leid."

„Natürlich", brummt er leise vor sich hin.

Ich weiß nicht was ich sagen soll und so schweigen wir uns eine Weile an. Erst dann kommt mir der Einfall, dass er vielleicht mal das Badezimmer aufsuchen muss.

„Wollen Sie … ähm … mal ins Bad?"

„Ja."

Ich hätte mir gleich denken können, dass er mich nie danach fragen würde. Das hätte ihm auch gar nicht ähnlich gesehen. Er scheint mir viel zu sehr wie einer dieser sturen alten Krankenhauspatienten zu sein, die lieber ins Bett machen, ehe sie es wagen, nach der Schwester zu klingeln.

Ohne viel Gerede helfe ich ihm hoch und bringe ihn ins Bad. Mein Helfersyndrom ist nicht zu übersehen, doch es ist mir gleich, den ich muss sagen, dass ich mich langsam daran gewöhne, in seiner Nähe zu sein. Snape sieht das vermutlich anders, lässt sich aber nichts anmerken.

Diesmal nimmt er sich mehr Zeit für seinen Besuch im Bad. Vielleicht weil niemand außer uns im Haus ist und er nicht weiß, wann er die nächste Gelegenheit dazu bekommt.

Als dann die Tür aufgeht, steht er erschöpft, aber auch erfrischt vor mir und sieht mich an.

Wieder muss ich frösteln. Seine durchdringenden schwarzen Augen faszinieren mich. Unbeholfen lächle ich zu ihm hoch.

„Bereit?"

Er nickte und wir gehen zurück auf sein Zimmer. Dort angekommen lässt er sich auf der Bettkante nieder und ich löse mich vorsichtig von ihm los. Mir entgeht nicht, dass ihn etwas beschäftigt. Irgendwas will er mir wohl mitteilen, also setze ich mich neben ihn und warte.

„Danke, Granger."

Ich blinzle hinauf in sein Gesicht, denn obwohl er so schwach ist, überragt er mich mit seiner Größe.

„Sie müssen mir nicht danken", erkläre ich schnell.

Wieder nickt er. Dann wird es still.

Während wir so beieinander sitzen, überkommt mich ein eigenartiges Gefühl. Snape mag nicht attraktiv sein oder einladend auf Menschen wirken. Außerdem ist er sehr geschwächt. Doch trotz allem ist da etwas an ihm, das es mir schwer macht, ihn alleine zu lassen, geschweige denn, mich ihm zu entziehen. Es ist, als würde er eine eigenartige Kraft ausstrahlen, die mich zu ihm hinführt, eine Macht, die auch seine Augen in ihrem Inneren verbergen.

Je länger wir uns ansehen, umso weniger kann ich mich von ihm loslösen. Und er? Er hält meinem Blick stand, wie schon unzählige Male zuvor. Der einzige Unterschied zu sonst ist der, dass er etwas Verletzliches und Fragendes in seinen Augen hat.

Ich weiß nicht, warum ich das tue, aber als ich meine Hand hebe und sie auf seine lege, wird mir ganz warm.

Seine Augen blitzen auf, doch noch immer sehen wir uns ungebrochen an. Dann muss ich blinzeln und erhasche einen Blick auf seine dünnen Lippen. Es scheint, als würden sie zittern, jedoch lange nicht so wie seine Hände gezittert haben. Etwas ist anders: er ist nervös.

Mir ist noch gar nicht aufgefallen, dass er sich rasiert hat, aber seine Haut wirkt jetzt wieder glatt, mal abgesehen von den Schatten und Falten, die ihn immerwährend begleiten, ganz so wie es immer der Fall war. Ich fröstle und mir steigt sein Geruch in die Nase, eine Mischung aus Seife und Rasierwasser. Schlicht und herb.

Der Eindruck, den ich in diesem Moment von ihm habe, ist durchaus angenehm und ich beginne mich zu fragen, was so anders an ihm ist als zuvor. Seit er hier im Haus aufgetaucht ist, habe ich das Gefühl, in seiner Nähe verweilen zu müssen. Im Gegensatz zu gestern lasse ich mich nun aber nicht mehr von dem Drang leiten, ihm helfen zu wollen. Es ist weitaus komplizierter geworden.

Meine Hand ruht noch immer auf seiner, als ich die andere nehme und sie auf die Knöpfe lege, die seine Brust säumen.

Ein Schauder durchfährt ihn. Ich kann es deutlich spüren. Dann schluckt er, sein Kehlkopf vibriert und er öffnet den Mund.

Ich lege ihm meinen Zeigefinger auf die Lippen; einfach so, obwohl er mein Professor ist. Er starrt mich verwundert an, doch es ist mir egal, was andere davon halten mögen. Ich tue das, weil ich das Gefühl habe, es tun zu müssen. Und irgendwie glaube ich, dass ihm ähnliche Dinge durch den Kopf gehen. Es ist nur schwerer für ihn, damit umzugehen.

Vorsichtig lasse ich meinen Finger über die Kontur seiner Oberlippe gleiten - so weich und so warm - da greift er plötzlich nach meinem Arm und hält mich fest.

Wir sehen uns an, dann beugt er sich zu mir vor und streicht mir mit der anderen Hand eine Strähne aus dem Gesicht.

Seine Blicke sind so tief und innig, dass mir ganz schummrig davon wird.

Für einen Moment schließe ich die Augen. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann sich zuletzt etwas so intensiv angefühlt hat. Was ich empfinde, als er mich mit seinen Fingern an der Wange streift, kann ich nicht beschreiben. Er ist mein Professor. Er ist ein Todesser und ein Spion. Aber mir ist es gleich. Ich will das hier spüren, will es auskosten.

Ich blinzle. Mit großen Augen sehe ich ihn an und etwas Neues liegt in seinem Blick: Verlangen.

Sein Atem geht schneller und mir wird bewusst, dass es uns verboten ist, sich so nahe zu sein. Der Reiz aber, der sich dahinter verbirgt, ist größer als jegliche Vorsicht.

Fest entschlossen greife ich mir die Knöpfe auf seiner Brust und ziehe ihn zu mir, bis unsere Nasen nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt sind. Dann passiert es: er schließt die letzte Distanz zwischen uns und drückt seine Lippen zaghaft und vorsichtig auf meine.

Mein ganzer Körper wird weich, als ich die Berührung seiner warmen Haut auf meiner spüre, zugleich durchzuckt ein Blitz meinen Unterleib. Es ist eine eigenartige Regung, ich begreife kaum noch was geschieht. Doch ihn auf diese Weise und derart innig bei mir zu haben, überwältigt mich.

Seine Hände legen sich auf meinen Rücken und erkunden mich Stück für Stück, während unsere Lippen einander liebkosen. Es ist ein wunderbarer Kuss, der sanft begonnen hat, doch schon merke ich, dass er fordernder wird. Snape gibt sich mir hin. Er drückt mich immer fester an sich, lässt seine Hand nach oben gleiten und vergräbt seine Finger in meinen Haaren, bis er meinen Hinterkopf umfasst hat und mich an sich presst. Seine Zunge stößt gegen meinen Mund und ich lasse ihn ein.

Ich spüre, wie sich sein Brustkorb hebt und senkt und weiß, dass er eigentlich viel zu schwach dafür ist, mich auf diese Weise zu erforschen. Doch für einen Moment ist es uns beiden egal. Wir küssen uns, lang und innig, bis uns die Luft wegbleibt. Erst dann ringen wir beide nach Atem und sehen uns an. Seine Finger umfassen meine Wange, sein Daumen streichelt mich. Er lehnt den Kopf gegen meine Stirn und ist dabei so warm, so liebenswert, dass ich überhaupt nichts mehr begreife. Im Grunde genommen ist es mir gleich, selbst dann, wenn mein Verstand absolut verrückt spielt, will ich mehr davon.

Und so nähere ich mich ihm wieder und dringe mit meiner Zunge in seinen Mund ein, mindestens ebenso willig und neugierig wie zuvor er. Erneut liebkosen wir uns, immer stürmischer, immer härter. Unsere Lippen und Nasen prallen wild aufeinander. Was vorhin noch das Atmen zweier irritierter Menschen war, wird jetzt zu einem sanften Stöhnen. Eine unglaubliche Hitze macht sich dabei in meinem Inneren breit. Seine Stimme in meinem Mund zu hören, gibt mir das Gefühl, als würde ich ihn schon ewig kennen. Eigentlich tue ich das sogar, nur eben nicht so. Wir sind im Einklang miteinander, voller Leidenschaft und Hingabe.

Ich nehme meine Hand und lasse sie tiefer gleiten, über seine bebende Brust, seinen Bauch, bis hinab zu seinem Unterleib. Dort angekommen schiebe ich seine Kleidung beiseite, um freien Zugang zu seiner Hose zu haben.

Meine Finger gleiten wie zufällig zwischen seine Beine, obwohl uns beiden klar zu sein scheint, was ich vorhabe.

Snape drückt sich mit dem ganzen Körper gegen mich, als ich ihn durch die Hose hindurch berühre. Instinktiv schließe ich meine Hand um seinen Penis und höre ihn aufstöhnen, so rau und kehlig, dass mich ein Schauder streift.

Ich weiß, dass er das will. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass Schweiß auf seiner Stirn glänzt, also schiebe ich ihm mit der anderen Hand die langen Strähnen beiseite, um ihn besser betrachten zu können.

Sein Gesicht ist so konzentriert und voller Emotionen, wie ich ihn nie zuvor erlebt habe. Alleine dieser Anblick ist es wert, aufs Ganze zu gehen, denn inzwischen bin ich mir sicher, dass ich es auskosten will, soweit es geht.

Meine Finger fangen an, ihn zu streicheln, doch dann greift er plötzlich nach meiner Hand. Unser Kuss wird unterbrochen und ich sehe ihn fragend an.

Seine Augen sind ernst, zugleich flehend, als er nach Worten sucht.

„Es – es tut mir leid. Aber ich kann das nicht."

Ich ringe nach Luft und schlucke.

„Wieso nicht? Sie wollen es doch, oder?"

Er antwortet nicht, sondern senkt den Blick.

Ich war mir so sicher.

In diesem Moment wird mir klar, dass etwas nicht stimmt. Er sieht abgeschlagen aus. Und das ist er auch. Er ist geschwächt. Doch erst langsam begreife ich, dass er es vielleicht wirklich nicht kann. Die Auswirkungen der Cruciatus-Flüche haben einen hohen Preis von ihm gefordert.

„Es ist eine Weile her, dass ..."

Ich nehme meine Hand und lege sie auf seine Lippen. In einer Situation wie dieser will ich nicht, dass er sich vor mir rechtfertigen muss. Der Moment mit ihm ist zu kostbar für mich.

„Es ist in Ordnung."

Er schließt die Augen und die tiefe Falte zwischen seinen Brauen kommt deutlich zum Vorschein. „Nein. Das ist es nicht."

Ich spüre einen Stich in mir. Das Letzte was ich jetzt tun sollte, ist es, ihm Vorwürfe zu machen, denn so langsam fange ich an, ihn zu verstehen. Sein Verhalten, seine Lebensweise. Er braucht Ruhe.

„Ich hätte nicht damit anfangen sollen", sage ich leise. „Es war falsch von mir."

Snape sieht mich noch immer nicht an. Sein Gesicht ist von langen Strähnen verdeckt und seine Stimme ist ganz rau, als er damit die plötzliche Stille durchbricht: „Gehen Sie jetzt."

Es trifft mich hart, ihn so zu erleben, nachdem wir uns eben noch so nahe waren. Ich kann nicht gehen, denn in Wahrheit sorge ich mich weitaus mehr um ihn, als ich es mir eingestehen will. Meine Gefühle für ihn sind zerrissen und auf einer sehr tiefen emotionalen Ebene in meinem Inneren verankert, die von weitaus mehr als Mitleid geprägt ist.

Vorsichtig lege ich meine Hand auf seine Wange.

„Es spielt keine Rolle."

Er scheint zu überlegen, so wie immer, wenn ihm etwas unangenehm ist.

„Tut es doch."

Langsam fange ich an, sein Gesicht zu streicheln. Ich berühre seine Wangen, seine Lippen, seine Nase. Zuerst kämpft er mit sich, es geschehen zu lassen, doch dann lehnt er sich an meine Schulter und lässt mich gewähren. Ich nehme meine andere Hand, lege sie um seinen Rumpf und ziehe ihn näher zu mir heran.

Snape reagiert nicht darauf, schiebt mich aber auch nicht weiter von sich. Er lässt sich einfach gehen.

Es ist schwer für mich, ihn nach diesen Erfahrungen so zu erleben, doch ich glaube fast, dass die Enttäuschung seinerseits weitaus größer ist. Er weiß, dass er körperliche Grenzen hat, die er früher nicht hatte. Das ist mir in dem Gespräch mit ihm klar geworden. Aber erst jetzt weiß ich wirklich, wovon er geredet hat. Genau genommen ist es kein Wunder, denn sein Lebenswandel ist alles andere als normal. Hinzu kommt, dass wir beide wissen, dass es uns verboten ist, sich so nahe zu sein, was uns nicht davon abgehalten hat, aufeinander zuzugehen.

Ich begreife allmählich, wie ungewohnt das hier alles für ihn sein muss und so fahre ich fort, seine Wange und seinen bebenden Oberkörper zu streicheln, um ihn zu beruhigen und ihn abzulenken. Er braucht einen menschlichen Kontakt. Er braucht jemanden, der für ihn da ist. Jemanden, der ihm Kraft gibt und Ruhe und Frieden. Und manchmal bedeutet das, nicht weiter zu drängen, bis der richtige Zeitpunkt für den nächsten Schritt gekommen ist.

Ganz langsam lasse ich mich auf sein Bett sinken und ziehe ihn mit mir. Snape lässt es geschehen. Er ist zu erschöpft, um sich dagegen zu wehren.

Irgendwann entspannt er sich und legt seinen Arm um mich. Dann liegen wir nebeneinander und halten uns einfach nur fest.