Show me your face

Kapitel 6

Against the odds

Die Freiheit des Geistes ist etwas Wundersames. Wir können träumen und uns darin verlieren. Manchmal sind meine Träume in Zeiten wie diesen, wo alles so ungewiss und verworren ist, mein einziger Halt. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie es ist, sich an nichts erinnern zu können, was bedeutungsvoll oder wichtig war. Und auch dann, wenn ich gewisse Dinge lieber manchmal verdrängen würde, so glaube ich nicht, dass ich das Andere missen möchte.

Doch was, wenn jemand das manipuliert? Wenn jemand da eingreift, wo er eigentlich nichts zu suchen hat? Jemand wie Voldemort oder Dumbledore zum Beispiel?

Ich weiß, dass alle beide (jeder auf seine Weise) sich Snapes Verstand zunutze machen. Sie beuten ihn zu ihren Gunsten aus und benutzen ihn in einem ständigen Wettlauf gegeneinander. Dabei verdient er es wie wir alle, frei zu sein. Doch diese Freiheit ist es, die ihm nicht zuteil wird. Es ist traurig, dass er sie nicht hat, wenn man bedenkt, dass er all diese Dinge mit sich geschehen lässt, um damit Voldemort zu bekämpfen.

Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich für ihn da war. Und er für mich. Obwohl die Welt um uns herum auseinanderzubrechen droht, haben wir völlig unverhofft etwas miteinander geteilt. Vielleicht nur wenige, kostbare Stunden. Doch genau das hat mir den Unterschied gezeigt. Es hat mir gezeigt, wie er wirklich ist.

Snape hat sich mir hingegeben und ich bin ihm dankbar dafür. Es waren die schönsten Stunden meines Lebens. Sie waren zärtlich und vertraut. Wir waren umgeben von einer Intimität, wie ich sie mir nicht einmal vorstellen konnte. Und das mit jemand vollkommen unerwartetem.

Als er mich jedoch in diesen Minuten so ansieht, glaube ich, dass es nie wieder so sein wird wie zuvor. Wie Recht ich damit habe, kann ich nur erahnen.

„Lassen Sie mich allein, Granger", sagt er hart.

„Was? Nein! Warten Sie! Ich – ich werde Ihnen nichts tun. Ich will nur mit Ihnen reden! Aber Sie machen es mir unmöglich, auf Sie zuzugehen."

„Ich sagte, lassen Sie mich allein." Diesmal klingt es weitaus bedrohlicher. Der Ausdruck auf seinem Gesicht hat sich binnen Sekunden in bloße Wut gewandelt. „Was gibt es da nicht zu verstehen?"

„Weil ich das nicht möchte. Bitte, Professor, hören Sie mich an. Ich weiß, dass da etwas vor sich geht, das nicht sein sollte. Was Dumbledore da tut, ist grausam. Er hat kein Recht dazu, Ihnen das anzutun, glauben Sie mir."

„Denken Sie nicht, dass ich das nicht wüsste? Aber es muss sein, Granger. Es ist nicht umsonst geschehen."

Verblüfft starre ich ihn an. Es ist schwer für mich, mit seinen sich so schnell wechselnden Stimmungen umzugehen.

„Wie meinen Sie das?"

„Ich darf mich nicht ablenken lassen. Meine Arbeitsweise darf nicht gefährdet werden."

Wie sehr er mich damit verletzt, scheint ihm gar nicht bewusst zu sein. Eigentlich hatte ich gehofft, mehr als nur eine Ablenkung für ihn darzustellen.

Snape sieht irgendwo an mir vorbei ins Nichts hinein. Er wirkt eigenartig zerrissen und schiebt seine langen dünnen Finger durch die Haare.

„Gehen Sie jetzt, Granger, bevor alles nur noch schlimmer wird."

„Schimmer? Was soll das heißen?"

Er blinzelt und sieht mich so hilflos an, dass ich sofort weiß, dass etwas nicht stimmt.

„Können Sie sich an etwas erinnern?", frage ich besorgt.

Er senkt den Blick auf seine Knie und nickt.

„Was ist es?"

Verunsichert schüttelt er den Kopf. Er ringt damit, mich hinauszuwerfen, ich kann es spüren, schließlich weiß ich, wie er im Normalfall reagieren würde. Doch das hier ist nicht normal, genauso wenig wie das, was zwischen uns geschehen ist. Irgendetwas scheint ihn davon abzuhalten, mich eiskalt zurückzuweisen. Er kann es sich nur nicht erklären und das macht ihm zu schaffen.

„Was ist es, Professor?", frage ich erneut.

Eigentlich weiß ich schon gar nicht mehr, warum ich weiter dränge. Mir ist, als würde es ihn quälen. Doch ich will nicht, dass er einfach aufgibt. Er verdient es, etwas zu haben, woran er glauben und festhalten kann, wenn er Voldemort gegenübertreten muss.

„Ich habe Sie gesehen, Granger", sagt er matt. „Und mich."

Erleichterung durchströmt mich, also gehe ich vor ihm in die Knie und lege meine Hände auf seine. Snape starrt mich mit großen Augen an.

„Sagen Sie mir, was Sie gesehen haben, Professor. Bitte."

Er nimmt mit einem Ruck seine Hände hoch und ich falle fast nach hinten um. Erst kurz bevor ich mit dem Hintern auf dem Boden sitze, fange ich mich wieder. Im gleichen Moment steht er auf. Und plötzlich scheint er sich wieder gefasst zu haben. Nichts auf seinem Gesicht deutet darauf hin, dass er verunsichert war. Es ist erstaunlich, wie er das nur immer wieder tut.

„Was auch passiert sein mag, hätte nicht geschehen dürfen, Granger", sagt er ernst.

„Wieso nicht?"

„Das wissen Sie nur zu gut."

„Ehrlich gesagt nein."

Im Grunde genommen ist das auch so, denn wenn man mal von der Tatsache absieht, dass er mein Professor oder Voldemorts Schoßhund ist, bin ich durchaus bereit dazu, auf dem aufzubauen was ich von ihm kennenlernen durfte.

„Dann machen Sie sich etwas vor."

„Ich mir? Ich denke eher, Sie sind es, der das tut."

„Inwiefern?", schnaubt er bitter.

„Indem Sie sich davor drücken, mir zuzuhören."

Seien Augen werden zu schmalen Schlitzen und er beugt sich über mich.

„Wollen Sie etwa damit andeuten, dass ich feige bin?"

Ich muss schlucken. Ihn so zu erleben ist vollkommen anders als ich ihn in Erinnerung habe. Es ist verstörend und nimmt mir den letzten Rest meiner Hoffnung, ihn davon zu überzeugen, dass es zwischen uns anders sein sollte.

Er presst seine Kiefer aufeinander und starrt mich an.

„Was nun, Granger? Keine weiteren Einfälle, wie Sie mir das Leben schwer machen können?"

„Wieso sollte ich das tun wollen?"

„Genau das ist der Punkt. Sagen Sie es mir."

Ich senke den Blick auf die Knöpfe, die seine Brust säumen. Jene verdammten Knöpfe, die ich einst ungeduldig und von Leidenschaft ergriffen mit meinen Fingern geöffnet habe. Traurigkeit überkommt mich dabei.

„Aber … Ich – ich wünschte, Sie würden mich verstehen, doch ich glaube nicht, dass das möglich ist, solange Sie sich davor verschließen, was geschehen ist."

Er versteift sich und verschränkt die Hände hinter seinem Rücken. „Ihr Vortrag ist erbärmlich. Genauso wie Ihr Anliegen."

Ich sehe nach oben, in sein vertrautes Gesicht. Die Härte, die mir dabei entgegenschlägt, trifft mich obgleich seiner Worte unvorbereitet. Meine Atmung beschleunigt sich ungewollt. Jetzt vor ihm zu stehen, ist wieder genauso wie damals in meinem ersten Schuljahr, als ich noch ein Mädchen war und ängstlich zu ihm aufgeblickt habe.

„Denken Sie, dass ist mir nicht bewusst?", gebe ich irritiert von mir. „Ich weiß, was geschehen ist, Professor. Ich bin nicht verrückt!"

Er presst die Lippen aufeinander, seine Kiefer mahlen.

„Vergessen Sie es einfach, Granger. Damit wäre uns beiden geholfen. Alles andere ist hinfällig."

Es fühlt sich an wie ein direkter Schlag in meine Magengegend, ihn so kühl zu hören.

Was soll ich tun? Ihn aufgeben und sich selbst überlassen? Ihn kampflos in die Hände von Voldemort und Dumbledore übergeben, bis sie das letzte Fünkchen Selbstvertrauen an ihm gebrochen und seinen Verstand Stück für Stück zertrümmert haben? Er mag zwar belastbarer als der Rest von uns sein, die auf der Seite des Guten kämpfen, doch ich habe erlebt, dass er an seine Grenzen gestoßen ist. Sein Körper ist nicht mehr der, der er vielleicht einmal war. Und obwohl er im Moment alles andere als wehrlos oder schwach vor mir steht, so weiß er doch selbst, dass er nicht ewig so ein Leben führen kann.

„Haben Sie denn gar keine Hoffnung, dass es eines Tages vorbei sein wird? Dass dieser immerwährende Krieg geben Voldemort irgendwann ein Ende nehmen wird?"

„Es gibt keine Hoffnung", sagt er resigniert und dreht seinen Kopf zur Seite. „Nicht für jemanden wie mich. Und jetzt lassen Sie mich allein."

„Erzählen Sie mir nicht so etwas! Ich weiß was wir getan haben. Daran möchte ich festhalten und ich möchte auch daran glauben, dass es wieder so sein wird."

Er fährt blitzschnell herum, sodass ich verschreckt vor ihm zurückweiche.

„Warum verstehen Sie denn nicht, dass es niemals dazu kommen wird? Dass es vorbei ist. Und es wird auch nicht mehr wahr werden."

„Es war wahr. Bis Sie angefangen haben, daran zu zweifeln."

„Zu zweifeln?"

„Ja. Wir haben uns geliebt. Und wagen Sie ja nicht, es abzustreiten, solange Sie nicht bereit sind, sich mit der Wahrheit auseinander zu setzen, Professor."

Er verzieht das Gesicht und rollt seine Mundwinkel zurück, bis ich seine Zähne sehen kann.

„Es gibt Gründe dafür, Granger, dass alles so gekommen ist", sagt er ruhig. „Sie mögen Ihnen nicht einleuchtend erscheinen, aber so ist es nun einmal. Zu viel steht auf den Spiel. Darum sollten Sie es dabei belassen."

„Aber das kann ich nicht! Wie ist es möglich, dass wir uns so unglaublich nahe waren und jetzt so weit voneinander entfernt sind?"

Er schluckt. „Es tut mir leid."

Ich kann es nicht glauben. Von allen Dingen, die man in einer Situation wie dieser sagen kann, zählt das mit zu den schlimmsten.

„Was tut Ihnen leid? Dass Sie mit mir geschlafen haben? Ist es das?"

Seine Nasenflügel beben und seine schwarzen Augen funkeln mich an.

„Wie gesagt, ich kann nicht zulassen, dass mich etwas ablenkt."

Vollkommen überrumpelt schüttle ich den Kopf. „Das kann ich nicht bestätigen. Sie haben mein Leben beeinflusst, seit Sie an jenem Tag in den Grimmauldplatz gestolpert kamen. Das Wort Ablenkung ist daher ziemlich untertrieben."

„Jetzt gehen Sie zu weit, finden Sie nicht?"

„Nein. Oder denken Sie, ich hätte mit Ihnen geschlafen, wenn es mir nichts bedeutet hätte? So wie ich das sehe, tun Sie nun so, als wäre nie etwas gewesen, damit Ihnen und Ihren Missionen nichts in die Quere kommt. Es ist wirklich sehr einfallsreich von Ihnen, sich aus der Affäre zu ziehen, um mich loszuwerden."

Für einen winzigen Moment scheine ich ihn erwischt zu haben. Zumindest liegt nun nicht mehr diese Feindseligkeit in seinem Blick.

„Verstehen Sie denn nicht, dass es nicht anders geht?", fragt er zurückhaltend.

„Nein. Ehrlich gesagt nicht."

Er nimmt die Hände hoch und fährt sich damit durch die Haare.

„Gehen Sie, Granger. Ich kann mich nicht länger auf diese Art mit Ihnen unterhalten."

„Das haben Sie schon einmal gesagt."

„Und Sie sollten es beherzigen."

„Vielleicht. Aber das war, bevor Sie mit mir geschlafen haben. Jetzt ist es zu spät dafür. Ich will nicht einfach so tun, als wären Sie mir gleichgültig, Professor. Dumbledore mag zwar Ihre Erinnerungen verändert haben, doch ich bin mir sicher, dass Sie tief in ihrem Innern noch immer etwas für mich empfinden, genauso wie Sie es mir zu verstehen gegeben haben."

Er ballt die Hände zu Fäusten und zieht seine Brauen finster zusammen.

„Und was sollte das sein, Granger? Dass ich Sie liebe? Dass ich Sie begehre? Dass ich nicht ohne Sie leben kann? Ist es das, was Sie von mir hören wollen? Oder vielleicht, dass Sie der beste Fick meines Leben waren?"

Ich starre ihn sprachlos an. Mit so einem massiven verbalen Angriff seinerseits habe ich nicht gerechnet.

„Ich … Das ist ..."

„Was ist mit Ihnen?", säuselt er süßlich. „Fehlen Ihnen jetzt etwa die Worte? Nun, dann sollten Sie in Zukunft besser darüber nachdenken, was Sie mir sagen wollen, ehe Sie sich mit diesen Dreistigkeiten an mich wenden. Und jetzt hinaus!"

Seine Hand schnellt in die Höhe und deutet zur Tür. Wie ein Häufchen Elend sehe ich ihn an. Sein hartes Gesicht, seine abweisende und angespannte Haltung … alles an ihm besagt, dass ich mich absolut vor ihm zum Narren gemacht habe. Es scheint so, als wäre nichts Menschliches in ihm übrig, keine Gnade für mich und meine Gefühle. Vor allem aber kein Platz für gemeinsame Erinnerungen.