Show me your face
Kapitel 8
Aftermath
Die Zeit scheint stillzustehen. Sein Brustkorb hebt und senkt sich rapide. Dann, als ich schon gar nicht mehr damit rechne, lässt er die Hände sinken und gibt mich frei.
Er schluckt hart und macht einen winzigen, wackeligen Schritt zurück. Sein ganzer Körper zittert, ebenso wie meiner, nur eben aus anderen Gründen.
Ich schlinge meine Arme um mich, um die eisige Kälte einzudämmen, die mir in den Knochen steckt.
„Wa-warum hast du das getan, du Scheusal?", stottere ich leise.
Meine Kehle brennt vor Hass auf ihn.
Er senkt den Blick, sodass sein Gesicht von den langen schwarzen Strähnen umrahmt wird, für die er so verrufen ist. Dennoch entgeht mir nicht der schmerzliche Beigeschmack des Schuldbewusstseins, der sich aufgrund seines Handelns in sein Bewusstsein mischt, sowie die damit verbundene Verwirrung, die in seinen Augen liegt.
„Du kennst den Grund, Hermine."
Seine Stimme ist kaum ein Flüstern und irgendetwas daran sagt mir, dass es ihm schwer fällt, überhaupt zu sprechen. Trotzdem spüre ich eine unbändige Wut in mir hochkommen. Seine Fassungslosigkeit über sein eigenes Handeln reicht vorne und hinten nicht aus, um mich für seine Tat zu entschädigen.
„Wirklich?", keife ich ihn an.
„Du hättest dich nie von mir abgewendet, wenn ich nicht alles versucht hätte."
Ich spüre einen stechenden Schmerz in meiner Brust. Er wusste genau, warum er das getan hat. Doch mir ist unbegreiflich, dass er es gewagt hat, so weit zu gehen, um mein Vertrauen in ihn zu zerstören.
Meine Beine fühlen sich an, als würden sie einknicken. Im nächsten Moment sitze ich auf dem Boden und heule los.
Er steht wie angewurzelt da und weiß nicht wo er hinsehen soll. Seine Pupillen kreisen um mich, ich kann es deutlich erkennen, obwohl mein ganzes Gesicht voller Tränen ist.
„Ich – ich wollte das nicht", murmelt er mit rauer Stimme. „Aber ich musste es tun, um dich auf Abstand zu bringen."
Mein Körper zittert.
„Was bist du nur für ein erbärmlicher Lügner! Wahrscheinlich war ich einfach zu dumm, um die Wahrheit zu erkennen. Nie hätte ich gedacht, dass ich mich so sehr in dir täuschen würde. Du bist ein Feigling, Severus, dem nichts Besseres eingefallen ist, als ausgerechnet meine körperliche Schwäche gegen mich zu verwenden."
„Nein!"
„Geh! Lass mich allein."
Er ringt nach Luft, als würde ihm etwas den Atem nehmen, doch mir ist es gleich. Von mir aus könnte er hier und jetzt umfallen und ich würde nie wieder einen Finger für ihn krümmen.
Langsam geht er auf die Knie und setzt sich vor mir auf den Boden. Er wirkt müde und abgeschlagen. Die dunklen Schatten um seine Augen und die tiefen Furchen in seinem Gesicht lassen ihn alt erscheinen.
Schnell bringe ich meine Sachen in Ordnung, ich will ihm nicht länger die Gelegenheit geben, mich so zu sehen.
Erst jetzt scheint er zu merken, dass noch immer seine Hose offen ist, denn seine zittrigen Finger machen sich daran, alles wieder zu richten, wie es sich gehört.
Für eine Weile sitzen wir uns gegenüber und starren uns schweigend an. Es ist kein gewöhnliches Starren, bei dem es darum geht, wer länger den Blickkontakt aufrecht erhalten kann, sondern ein bedrücktes. Uns beiden behagt nicht, was geschehen ist, ich spüre es, doch es ist mir egal. Ich bin derart fertig mit den Nerven, dass ich nicht einmal daran denke, einfach abzuhauen, denn im Grunde will ich niemandem so über den Weg laufen.
Ich weiß nicht, was ich denken oder glauben soll, denn selbst wenn er es bedauern sollte, habe ich keine Ahnung, wie ich damit umgehen soll, dass er so weit gegangen ist.
Irgendwann durchbricht ein schmerzlicher Atemzug von ihm die Stille. Ich schnaube ihn unbeeindruckt an, da kann ich aus den Augenwinkeln sehen, warum er das getan hat, denn schon presst er seinen Arm gegen den Körper. Seine linke Hand zittert, Schweiß perlt auf seiner Stirn; genau das, worauf ich in einer Situation wie dieser gewartet habe, um ihn endlich los zu werden. Für immer.
Aber warum zögert er?
„Solltest du nicht besser gehen?", frage ich bissig.
Er hat die Lippen fest aufeinander gepresst und schüttelt den Kopf.
„Hermine ..."
„Ich will nichts von dir hören! Wir sind ein für alle mal fertig miteinander."
Er schluckt.
„Ich wünsche dir viel Vergnügen mit deinen neuen Erinnerungen. Vielleicht solltest du ihm zeigen, wozu du fähig bist, Severus. Das wird der Brüller des Tages, glaubst du nicht? Wenn du Glück hast, bringt es dir einen Beliebtheitsbonus ein, denn ich bin sicher, ihm würde gefallen, dass du beinahe ein Schlammblut gefickt hättest. Gegen ihren Willen."
Seine Brauen ziehen sich fest zusammen.
„Ich wollte das nicht ..."
„Das hast du bereits gesagt. Also, worauf wartest du? Geh und stell ihn zufrieden!"
Er schüttelt verbissen den Kopf. „Ich kann so nicht gehen."
Das überrascht mich ein wenig.
„Wieso nicht?"
„Weil es mir leid tut."
Ich schnaube ungläubig vor mich hin. „Das ist die dümmste Entschuldigung, die ich je erhalten habe. Wer hätte gedacht, dass sie ausgerechnet von dir kommen wird?"
„Ich – ich weiß selbst, dass es erbärmlich ist ..."
„Dann lass es. Verschwinde endlich! Je länger du wartest, umso mehr musst du dich rausreden. Und das willst du sicher vermeiden."
Er fährt sich mit seiner rechten Hand durch die Haare. „Bitte, hör mir zu. Nur einmal noch, dann werde ich dich für immer in Ruhe lassen."
„Wohl kaum. Du bist mein Lehrer. Und noch dazu einer, der es drauf hat, andere mies zu behandeln."
„Ja. Aber du sollst wissen, dass ich weiß, wie falsch es war. Es war meine Schuld. Ich hatte kein Recht, so gegen dich vorzugehen ... Es – es war einfach nur falsch."
„Ja, das war es."
„Hermine … ich weiß nicht, wie ich das je rechtfertigen soll."
„Warum sollte ich dir dann zuhören? Ha?"
Er nickt mit deutlicher Traurigkeit in seinem Blick. Aber es interessiert mich nicht, jedenfalls nicht wirklich. Ich bin wütend und enttäuscht von ihm. Verletzt und verwirrt.
„Ich verstehe dich", sagt er leise.
„Nein." Unbewusst muss ich mich schütteln. „Du weißt nicht, wie es ist, so behandelt zu werden, weil du nicht weißt, wie es sich anfühlt, so hilflos zu sein."
Er blinzelt. „Denkst du das wirklich?"
Mir fällt die Kinnlade runter.
„Natürlich! Aber was soll's! Du bist ein Mann, Severus. Ich erwarte nicht, dass du das verstehst."
„Ich wollte nicht behaupten, dass ich dasselbe gefühlt habe. Aber wenn es darum geht, hilflos zu sein, kenne ich mich damit aus ..."
Er kam nicht weiter, denn erneut drang ein von Schmerz durchzogenes Zischen aus seinem Inneren hervor.
„Würdest du jetzt endlich gehen?", frage ich ungeduldig. „Ich habe genug von dir."
Er nickt. Dann stützt er sich auf seinen rechten Arm, den linken immer noch fest an seinen Körper gepresst und rappelt sich auf.
„Es tut mir leid, Hermine. Mehr als du glauben kannst."
„Das hoffe ich für dich. Denn es ist unverzeihlich, so etwas zu tun."
„Ich weiß."
Sein Körper wird von einem heftigen Zittern gebeutelt und ich beiße mir auf die Zunge, als ich ihn dabei beobachte, wie er vor mir steht und darauf wartet, so etwas wie Absolution von mir zu erhalten.
„Können wir morgen miteinander reden? Bitte."
Ich sperre sprachlos den Mund auf und starre ihm in die Augen. Zugegeben, der traurige Blick auf seinem Gesicht lässt mich nicht ganz so kalt, wie ich gedacht hätte. Doch weitaus eigenartiger ist es, seine Stimme so gebrochen zu hören. Es ist ihm ernst. Das wird mir immer mehr klar, je länger ich ihn betrachte. Aber was er getan hat, war schrecklich. Wieso kann ich ihn also nicht einfach zum Teufel jagen?
„Warum sollte ich das tun wollen?", frage ich kühl.
Er senkt den Blick. Ich weiß, dass er sich unwohl fühlt in seiner Haut. Liebend gern würde ich behaupten, dass ihm das zurecht widerfährt. Doch ich kann es nicht. Trotz der Abscheu, die ich vorhin empfunden habe, steckt noch immer tief in mir das Gefühl, dass er es am liebsten ungeschehen machen möchte. Es ist ein trauriger Versuch meinerseits, sein Handeln auf die Umstände seines zerrissenen Daseins abzuwälzen, was nicht bedeutet, dass er frei von Schuld wäre. Er ist schließlich ein erwachsener Mann und muss den Unterschied zwischen Recht und Unrecht kennen. Dennoch hat in seinem Fall zu einem Großteil Voldemort dazu beigetragen, dass das aus ihm geworden ist, ebenso wie Dumbledore.
„Weil ich sehr bald noch ganz andere Dinge tun muss, um diesen Krieg zu einem Ende zu führen."
Ich schüttle den Kopf. „Wie rührend, Severus. Doch glaube ja nicht, dass mir das reicht, um dir zu vergeben."
Er kneift die Augen zusammen und seufzt.
„Nein. Das tue ich nicht. Ich hätte nicht damit anfangen dürfen ... Es – es tut mir leid, Hermine. Alles. Aber nicht die Dinge, die im Grimmaulplatz passiert sind."
Mit diesen Worten dreht er sich um und geht.
Ich schließe die Augen und warte, bis die Tür hinter ihm ins Schloss fällt. Dann schlinge ich die Arme um meine Knie und heule los. Etwas anderes kommt mir nicht in den Sinn.
Die Realität hat mich eingeholt. Was ich mit ihm hatte, war lediglich ein schöner Traum. Doch genauso abrupt wie er begonnen hat, ist er wieder zerplatzt.
Vielleicht hätte ich mir von Anfang an keine Illusionen machen sollen. Menschen wie er sind unberechenbar. Sie können gefährlich sein. Aber wer weiß das schon so genau im Voraus. Mit Sicherheit sagen lässt sich nichts. Und noch immer spüre ich einen Stich in mir bei dem Gedanken daran, dass er wieder bei Voldemort ist.
Seine Worte haben mich nachdenklich gemacht. Ich habe keine Ahnung, wie es weiter gehen wird. Ich weiß nicht, was noch vor mir liegt oder was mich erwartet. Aber irgendwie denke ich, dass er mir mehr als das sagen wollte. Etwas über eine grausame Wahrheit in einer ungewissen Zukunft. Etwas über die Dinge, die mit unseren gemeinsamen Erfahrungen zu tun haben.
Was weiß er? Was weiß er nicht?
Vielleicht werde ich es nie erfahren. Aber warum ist es mir dann nicht einfach gleichgültig?
Der Gedanke, ihn loszulassen, schmerzt weitaus mehr, als ich gedacht hätte. Meine Gefühle für ihn sind mir selbst ein Rätsel. Im Grunde genommen möchte ich, so glaube ich zumindest, einfach nur Klarheit. Doch die ist ebenso in weite Ferne gerückt wie meine Träume von einer Zeit mit ihm, zu der wir bereit waren, uns fallen zu lassen.
