Show me your face

Kapitel 9

Clarity

Mein Verstand ist benebelt. Nie hätte ich gedacht, dass er so etwas tun würde, geschweige denn, dass mir so etwas passieren würde. Das Gefühl, ihm derart ausgeliefert zu sein, war schrecklich. Ich bin so erschöpft, so müde, dass ich in meiner kauernden Stellung auf dem Boden einschlafe. Das ist die einzige Erleichterung, die ich mir jetzt vorstellen kann.

Irgendwann merke ich, dass jemand bei mir ist, denn ich werde hochgehoben, vorsichtig auf zwei Arme gebettet, dann fortgetragen. Ich öffne nicht die Augen, es ist mir gleich. Die Gerüche um mich herum sind mir vertraut, die Berührungen auch. Es scheint alles in Ordnung zu sein. Vielleicht bin ich aber auch verrückt, so etwas zu glauben.

Mir ist alles egal. Ich will einfach nur vor mich hindämmern und nichts spüren, als dass meine angespannten Muskeln endlich schlaff werden. Ich will nichts denken und nichts reden, denn diese Dinge kommen mir wie Zwänge vor. Alleine die Vorstellung, den Mund öffnen zu müssen, um etwas zu sagen, erscheint mir irrsinnig. Was soll ich dazu überhaupt von mir geben?

Ich werde auf ein Bett gelegt und gebe mich dem einzig Sinnvollen hin, das mir einfällt: meiner Müdigkeit. Dem Schlaf.

Es ist fast gänzlich dunkel um mich herum, als ich die Augen öffne. Vor mir sitzt jemand auf einem Sessel, ich erkenne eine Gestalt im Schein des Feuers, das im Kamin knistert.

Ruckartig setze ich mich auf und hülle mich in die Decke ein, die auf mir liegt.

Er sieht mich an und schluckt. Die Vibrationen seines Kehlkopfs lassen mich erzittern. Ein eisiger Schauder streift meinen Rücken. Daraufhin zieht sich die dunkle Falte zwischen seinen Brauen zusammen. Doch es sieht nicht bedrohlich aus, im Gegenteil, vielmehr verletzt, denn sein Gesicht wirkt viel zu schuldbewusst und zu müde; mal abgesehen von den wachen Augen, die mich fixieren.

Wortlos hebt er die Hand und führt eine Flasche zu seinem Mund.

Das ganze Zimmer scheint nach Alkohol zu riechen.

„Was mache ich hier?", schieße ich ihm hart entgegen.

Es ist die erste Frage, die mir auf der Zunge liegt.

Er lässt die Flasche sinken und wischt sich mit seinem zittrigen Handrücken über die dünnen Lippen.

„Du hast geschlafen."

Seine Stimme klingt rau und schwach, doch es ist mir gleich.

„Das weiß ich selbst."

„Ha."

„Ich nehme an, das ist dein Bett?"

Er nickt.

„Und wie komme ich hier her?"

Träge stellt er die Flasche auf seinem Schoß ab und fährt sich mit seiner rechten Hand durch die Haare.

Beinahe denke ich, dass er das mit Absicht tut, um mich davon zu überzeugen, dass es ihm leid tut.

„Also?", zische ich ihn an. Meine Geduld mit ihm ist am Ende. Ganz gleich, wie fertig er sein mag.

„Du erinnerst dich nicht?"

Ich starre ihn mit großen Augen an.

„Du willst doch nicht etwa sagen, dass du es warst, der mich weggetragen hat?"

Wieder nickt er.

„Das kann nicht sein!"

Er legt den Kopf schief, Strähnen fallen ihm ins Gesicht. „Wer sonst sollte es gewesen sein?"

Berechtigte Frage. Immerhin war ich in seinem Territorium, als das passiert ist.

„Wo zum Teufel sind wir hier überhaupt?"

„In den Kerkern."

„Aber du unterrichtest nicht mehr Zaubertränke."

„Nein."

Ich bin verwirrt, da fällt mir ein, dass er ja immer noch Hauslehrer der Slytherins ist.

„Wie lange warst du weg?", höre ich mich plötzlich fragen.

Ich beiße mir schnell auf die Zunge. Eigentlich hatte ich ja fragen wollen, wie lange ich geschlafen habe. Aber warum ist mir dann etwas ganz anderes über die Lippen gerutscht?

Seine Mundwinkel ziehen sich angespannt zurück. „Zwei Stunden in etwa."

Okay. Kein Wunder, dass ich so fertig bin. Ich fühle mich so träge und ausgelaugt, als wäre ich viel länger weg gewesen, aber das ist ein glatter Witz.

„Wieso hat er dich so schnell wieder gehen lassen?"

Er zuckt mit den Schultern, doch im Grunde genommen ist es mir gleich. Genervt rolle ich mit den Augen, da fällt mein Blick auf die Flasche in seinem Schoß.

„Kann ich die haben?"

Seine Brauen rutschen fragend in die Höhe.

„Tu nicht so. Ich bin echt fertig."

Ein tiefes Seufzen dringt aus seinem Inneren hervor, dann steht er auf, ganz langsam. Er hat eindeutig schon mal besser ausgesehen. Seine Lippen sind fest aufeinander gepresst, als er zu mir herüber wankt.

Für einen Moment bin ich mir nicht mehr ganz sicher, warum ich trotz der jüngsten Ereignisse zulasse, dass er sich auf mich zubewegt. Ich reiße den Mund auf und will etwas sagen, da bleibt er stehen und streckt seine Hand aus, soweit es geht.

Erleichtert schnappe ich mir die Flasche und robbe bis ans andere Ende des Bettes, so weit wie möglich weg von ihm. Meine Hände zittern, als ich sie zum Mund führe. Normalerweise trinke ich nicht viel mehr als mal ein Butterbier. Das Zeug hier ist also nicht gerade was für Anfänger, doch unter den gegebenen Umständen finde ich, sollte ich eine Ausnahme machen. Ich nehme also einen kräftigen Zug und lasse meinen Mund volllaufen.

Aus den Augenwinkeln kann ich sehen, wie er damit ringt, es mir auszureden, denn er hebt unbeholfen die Hände, um nach der Flasche zu greifen, da fällt ihm ein, dass wir uns ja eigentlich nichts mehr zu sagen haben. Doch um mich aufzuhalten ist es ohnehin zu spät. Ich spüre, wie meine Zunge zu kribbeln anfängt. Die Sensoren in meinem Mund brauchen nicht lange, um zu registrieren, dass das Zeug wie Feuer brennt. Am liebsten würde ich es ausspucken, doch er sieht mich so verblüfft an, dass ich mir denke: „scheiß drauf!", also schlucke ich alles runter.

Im nächsten Moment muss ich mich schütteln und ringe nach Luft. Meine Eingeweide ziehen sich vor Schmerz zusammen. Bestimmt ist meine Speiseröhre total verätzt.

Dann ist es wieder vorbei. Nicht ganz, aber immerhin so, dass es erträglich ist.

Mit Tränen in den Augen blinzle ich ihn an. Dann strecke ich die Hand aus und reiche ihm die Flasche zurück. Er zögert, also robbe ich ein Stück auf ihn zu.

Erst jetzt wagt er es, mir entgegenzukommen.

„Hermine ..."

Wütend funkle ich ihn an. „Sei bloß still! Ich weiß selbst, dass ich nichts vertrage."

Er senkt den Blick und nimmt mir die Flasche ab. Dann steht er da, das Gesicht von seinen Strähnen verhangen.

Ich muss ihn ansehen. Irgendwie kann ich nicht anders. Doch das ist ein Fehler, denn die Tränen, die sich in mir angesammelt haben, stammten nicht alleine vom hochprozentigen Alkohol.

Unbewusst ziehe ich die Nase hoch und er dreht den Kopf, sodass sich unsere Blicke treffen. Mein Körper fängt zu zittern an und ich sacke in mich zusammen und schluchze los.

„Ich werde dir nichts tun", sagt er sanft.

Ich weiß, das klingt absolut verrückt, aber ein Teil von mir glaubt ihm sogar, also nicke ich.

„Okay."

Er blinzelt mich unbeholfen an und ich wische mir mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht.

Seine Beine wanken, er kann sich kaum noch aufrecht halten, doch das sehe ich erst jetzt, also sage ich nichts mehr, als er auf die Knie geht und sich vor mir auf den Boden setzt. Seine Hand stellt die Flasche ab, dann sehen wir uns einfach nur an.

Die sich daraufhin zwischen uns ausbreitende Stille, die ich in seiner Gegenwart schon öfter erlebt habe, hat mich zuvor noch nie richtig gestört. Jetzt aber habe ich das Gefühl, etwas sagen zu müssen. Um meinetwegen und um Antworten zu erhalten.

„Was du gesagt hast, bevor du gegangen bist … und woran du dich erinnerst oder auch nicht … ich bin verwirrt. Wie kannst du so etwas von dir geben, wenn du dich nicht erinnern kannst?"

„Ich erinnere mich an Bruchstücke, Hermine."

„Ja, das habe ich herausgefunden. Aber an was? Was sind diese Bruchstücke?" Ich schüttle den Kopf. „Erzähl mir einfach was. Irgendwas. Aber die Wahrheit. Ich weiß nicht, was ich tun soll und wie ich damit umgehen soll, Severus. Du hast meine ganze Welt zum Einsturz gebracht."

Er nickt und fängt zu sprechen an, leise und abwesend.

„Ich erinnere mich an Gefühle. Emotionen. Dinge, die der Dunkle Lord nicht herausfiltern und entziffern kann, sollte er irrtümlicherweise durch meine Barrieren brechen. Ich bin darauf trainiert, ihm das zu zeigen, was er sehen soll. Es ist mühsam, das zu kontrollieren, aber es ist möglich, solange man die nötige Konzentration und ausreichend Willenskraft besitzt. Oft ist es einfach nur ermüdend, es kostet Kraft, was der Grund ist, warum ich manchmal so erschöpft bin."

Das ist mir nicht entgangen, aber nur langsam begreife ich es richtig.

Seine Stimme zu hören, raubt mir fast den Atem. Er klingt so traurig und resigniert, dass ich mir auf die Lippe beißen muss, um ihn nicht zu unterbrechen. Und doch registriere ich seine Fähigkeit, sich vor allem und jedem zu verschließen, um seine Dinge kalkulierend wie eine Maschine vorzutragen.

Er schließt schwer atmend die Augen.

„Es ist hart, darüber zu reden, richtig?", frage ich abschätzig.

Ich weiß nicht einmal warum ich das tue. Doch, eigentlich schon, denn ich will Antworten und Klarheit.

Er blinzelt mich an.

„Du praktizierst es, aber darüber zu reden ist anders, oder?"

„Ja."

Ich muss mich räuspern. „Was du zuvor gesagt hast … Erinnerst du dich daran, dass ich es war?"

„Ja."

Ich nicke ihm zu, dass er weitersprechen soll, doch er zögert.

„Erzähl es mir."

Er zuckt wie von Schmerz durchzogen zusammen. Es behagt ihm nicht, darüber zu reden.

„Hermine ..."

„Nein", sage ich hart. „Denkst du nicht, ich habe ein Recht darauf, es zu erfahren, nach diesem … diesem Ereignis?"

Er nickt kaum merklich und schluckt.

„Es tut weh."

„Natürlich tut es das. Denkst du nicht, dass es mich beeinflusst hat?"

„Nein. Versuch das zu verstehen. Es tut wirklich sehr, sehr weh … Eine Berührung zu fühlen, die von dir stammt, in dem Wissen, dass es nie wieder passieren wird."

Ich öffne den Mund und schließe ihn wortlos wieder. Erst Sekunden später bringe ich es fertig, zu sprechen.

„Richtig. Mach weiter."

Ich will ihn dazu drängen, bevor all meine Sinne wieder geklärt sind und mein Verstand wieder so arbeitet, wie er es tun sollte.

„Du warst es", sagt er fest überzeugt. „Ganz sicher. Es gibt niemanden sonst, der es gewesen sein könnte. Ich erinnere mich an die Berührung deiner Lippen auf meinen, als wir uns zum ersten Mal geküsst haben."

„Du meinst, als du mich geküsst hast."

Erneut zuckt er zusammen. „Ja."

Meine eigenen Worte klingen hart, doch erst jetzt fällt es mir auf. Ich will nicht gehässig sein, aber ich kann es nicht ändern.

„Ich wollte nicht so forsch sein", erkläre ich kurz angebunden. Mehr muss er im Moment nicht wissen.

Er schüttelt den Kopf. „Nein. Du hast jedes Recht dazu. Ich – ich verstehe es."

„Tatsächlich?"

Er nickt und zieht die Enden seines langen Umhangs fest um seinen Körper. Er zittert dann und wann. Und er sieht wirklich übel aus, fast so schlimm wie damals, als ich ihm in sein Zimmer zurück geholfen habe, bevor wir uns geküsst haben.

Dieser Tag muss ihn all seine Kraft gekostet haben, schießt es mir bitter in den Kopf. Es war – aus welcher Perspektive auch immer gesehen – bestimmt nicht leicht für ihn, so etwas zu tun.

„Hat er dich – hat er dich bestraft, weil du zu spät gekommen bist?"

„Manchmal lässt es sich nicht vermeiden. Ich unterrichte und muss Aufsätze und Hausaufgaben korrigieren. Da kann ich nicht immer sprungbereit dastehen und warten, wann er nach mir ruft."

Es ist offensichtlich, dass er nicht über Voldemort reden möchte, also wechsle ich das Thema.

„Und was ist mit Dumbledore?"

„Was soll mit ihm sein?"

„Das zwischen euch … ist … was?"

Sein Oberkörper versteift sich. „Kompliziert."

„Was heißt?"

Er seufzt tief und verloren. „Wir kennen uns seit Jahren. Aber wir haben verschiedene Meinungen und Ansichten, was es nicht gerade leicht macht, wenn man so eng zusammen arbeiten muss."

„Aber du respektierst ihn. Oder?"

„Jeder der halbwegs bei Verstand ist, tut das. Und wenn er das Gegenteil behauptet, ist er entweder ein Lügner oder ein Dummkopf. Sogar der Dunkle Lord weiß, dass er ein großer und mächtiger Zauberer ist. Er ist stark in seinem Glauben."

„Verstehe. Aber als ich ihn zuletzt gesehen habe, wirkte er geschwächt."

„Das spielt keine Rolle, solange er an seinem Glauben festhält, etwas ändern zu können."

„Vielleicht." Ich sehe ihn ernst an. „Respektiert er dich?"

„Ich weiß nicht. Manchmal mehr, manchmal weniger."

„Obwohl du all das für ihn riskierst", stelle ich fest.

„Was ich tue ist nicht richtig. Aber es muss getan werden. Oftmals. Es gibt keinen anderen Weg."

„Ich weiß."

Er hebt kritisch die Brauen an. „Wirklich?"

„Ja. Überwiegend glaube ich, dass du damit Recht hast."

„Hmm. Das bewahrt mich dennoch nicht davor, Fehler zu machen."

„Nein, tut es nicht."

Er sieht weg, mitten in die Hitze des Feuers hinein.

Der Raum ist nicht so kalt, wie ich zuerst geglaubt habe, aber erst jetzt fällt es mir auf. Er zittert trotzdem.

„Warum hast du nicht versucht, einfach mit mir zu reden? Du hättest mir einiges erklären können, bevor du ausgetickt bist."

„Ich weiß nicht. Es war dumm von mir, zu glauben, es wäre eine Lösung, um dich von mir zu schieben."

„Ja."

Ein Schauder streift ihn, dann öffnet er den Mund und sucht nach Worten. „Ich hatte nie ein normales Leben, Hermine. Ich weiß nicht, was ich tun soll, geschweige denn, wie ich mit diesen Dingen umgehen soll. Meine Kindheit war … grausam. Ja, es ist keine Erklärung für das was ich getan habe, aber ich will, dass du verstehst, wie schwer das alles für mich ist. Ich fühle mich … verloren."

„Dann fühlen wir dasselbe."

„Ich denke schon. Es – es tut mir leid."

„Das weiß ich. Und ich glaube dir. Aber das heißt nicht, dass es etwas an dem ändert, was du getan hast."

„Nein, das wird es nicht."

Stille legt sich zwischen uns, doch es gibt da noch eine Sache, die ich unbedingt wissen muss.

„Severus?"

„Ja?"

Er blickt auf und sieht mich so durchdringend an, dass ich fröstle.

„Was musst du tun?"

Jetzt habe ich seine ungeteilte Aufmerksamkeit erregt. Seine Augen zeigen mir deutlich, wie zerrissen er ist. Er weiß nicht weiter, doch es liegt ihm fern, mich noch einmal zu verletzen.

„Ich muss jemanden töten, Hermine."

„Was?"

Er sieht mich nicht mehr an, aber ich kann erahnen, dass er den Schock in meiner Stimme herausgehört hat.

„Unser Schulleiter ist krank. Er wird sterben."

„Und? Was hat das damit zu tun?"

„Alles."

Ich muss schlucken.

„Er ist … gewissermaßen verflucht. Ich konnte nichts daran ändern, es lediglich hinauszögern. Aber wenn ich ihm nicht helfe, wird er grausam zugrunde gehen."

„Das heißt, du wirst Dumbledore töten? Einfach so?"

„Nein. Weil er mich darum gebeten hat."

„Das glaube ich nicht."

„Das habe ich auch gar nicht erwartet."

Ich starre ihn an. Mein Puls rast förmlich, meine Gedanken überschlagen sich, als das Ausmaß seiner Worte in mir nieder sackt.

„Wieso sollte er das von dir verlangen?"

„Weil ich der Einzige bin, der es tun kann und tun wird."

„Aber ..."

„Er wird so oder so sterben, Hermine. Und es ist sein Wunsch, ein schnelles Ende zu bekommen, ohne Qualen und Schmerzen."

„Aber … aber was wird dann aus dir?"

„Aus mir?"

„Ja. Wenn er das von dir verlangt, wird man dich ächten."

Er zuckt wie beiläufig mit den Schultern. „Du meinst mehr als jetzt?"

Das hatte ich nicht erwartet. Aber es ist die grausame Wahrheit. Seit er in den Grimmauldplatz gestolpert kam, wusste ich, wie einsam er ist. Ich lernte zu verstehen, dass es niemanden gibt, der für ihn da ist. Niemanden, der auch nur ein freundliches Wort an ihn richtet.

Wie zur Ironie schlechthin fallen mir in diesem Moment die Geschenke auf seinem Tisch ein.

„Weiß McGonagall davon? Oder sonst noch wer?"

„Nein. Nur er und ich. Und du. Aber niemand sonst darf es je erfahren. Mein Leben hängt davon ab."

„Warum hast du es mir dann gesagt?"

„Weil ich möchte, dass du weißt, wie ernst es mir ist. Du hast mir vertraut. Du warst für mich da. Und ich habe es zerstört."

Ich beiße mir schmerzhaft auf die Zunge.

„Gibt es denn keinen anderen Weg?"

„Nein."

„Dann wirst du es tatsächlich tun?"

„Ich muss."

„Aber was wird dann aus dir? Ich meine, wie stellst du dir das vor?"

„Spielt das eine Rolle? Mein Leben ist ohnehin verwirkt."

„Sag doch nicht so etwas!"

„Es ist wahr. Niemand würde mich vermissen. Die Welt hätte ihren Schuldigen und alles wäre wie immer."

„Aber das ist nicht richtig!"

„Vielleicht ... Ich – ich weiß es nicht."

„Doch, tust du. Du musst es dir nur eingestehen."

Ich rutsche näher an ihn heran. Sein Geständnis lässt mich glauben, dass er es wirklich ernst meint und keine Gefahr von ihm ausgeht.

„Severus, auch wenn du das mit uns falsch gemacht hast, ist es etwas Unrechtes, so etwas von dir zu verlangen."

„Er wird seine Meinung nicht ändern. Es ist ohnehin schon zu spät dafür."

„Warum?"

„Ich kann nicht aus. Es ist wichtig für den Fortbestand der magischen Welt. Außerdem bindet mich etwas daran, das ich nicht zurücknehmen kann."

Seine Worte treffen mich wie ein Schlag. Wieso ist mir das nicht schon eher eingefallen?

„Es ist der Schwur, richtig?"

Seine Brauen ziehen sich zusammen. „Woher weißt du davon?"

„Harry."

Er rollt mit den Augen. „Natürlich."

„Hör auf damit, Severus", sage ich ernst. „Das ist nun wirklich unser geringstes Problem, glaubst du nicht?"

Er schiebt seufzend seine Hände durch die Haare. „Du solltest dir keine Gedanken darüber machen."

„Wieso nicht?"

„Ich möchte nicht, dass du dich auch noch damit belastest."

„Dafür ist es zu spät. Ich bin mit Harry befreundet, also lässt sich so etwas nicht vermeiden."

Er hebt die Brauen. Dass Harry nicht der einzige Grund ist, mir Sorgen zu machen, verschweige ich aber. Es ist besser so.

„Ich werde jetzt gehen. Du solltest dich ausruhen. Ehrlich, du siehst fruchtbar aus."

Er nickt stumm vor sich hin und ich komme auf die Füße.

Als ich neben ihm stehe, hebt er den Kopf und sieht mich an. Obwohl er mit sich zu hadern scheint, mir etwas zu sagen, fällt es mir schwer, ihm entgegen zu kommen.

Ich fühle mich, als würde ich mich von ihm verabschieden, was genau genommen schon vor Stunden passiert ist, nämlich in dem Moment, in dem er begonnen hat, mein Vertrauen in ihn zu zerrütten.

Trotz meiner gespaltenen Gefühle für ihn strecke ich die Hand aus und lege sie auf seinen Kopf. Ihn zu spüren tut gut. Immer noch.

„Gute Nacht, Severus."

Er blinzelt mich an wie ein kleines, trauriges Kind, dem man an Weihnachten die Geschenke vorenthält, obwohl sie vor der Nase ausgebreitet liegen.

„Gute Nacht."