Show me your face
Kapitel 11
Absolution
Die Tage bis zu unserem nächsten Aufeinandertreffen vergehen nur schleppend. Zwar konnte ich ihn zweimal beim Essen in der großen Halle erblicken, doch beide Male waren wir so zahlreich von Schülern oder Lehrern umringt, dass die Begegnung nicht einmal für Blickkontakt ausreichte, was mich enttäuscht und ebenso unsicher wie zuvor zurückließ.
Erst in seinem Klassenzimmer sehen wir uns wieder. Wie üblich kommt er schwungvoll die Treppe herunter und trägt seine Anweisungen vor. Nichts deutet daraufhin, dass er derart fertig war, was einfach daher kommt, dass er ein sehr disziplinierter Mensch ist, der durch eine harte Lebensweise geprägt ist.
Zuerst scheint er mich nicht einmal zu bemerken, was mir einen weiteren Stich versetzt. Nach und nach aber, als alle anderen damit beschäftigt sind, sich Notizen von seinen Worten zu machen, fällt mir auf, dass er mich hin und wieder zwischen seinen Strähnen hindurch ins Visier fasst; natürlich unbemerkt vom Rest der Klasse. Niemandem würde auffallen, dass wir uns auf unerklärliche Weise näher stehen, als es sich gehört. Dennoch sind mir seine Blicke unergründlich und ich komme ins Grübeln.
Als dann das Ende der Stunde naht, legt er seine Fingerspitzen aneinander und reckt steif das Kinn in die Höhe, um uns mit leiser, dafür kraftvoller Stimme zu entlassen. Ich muss schaudern. Fast ist es mir ein wenig unheimlich, ihn so zu beobachten. Um mich her stöhnen alle erleichtert auf und suchen ihre Sachen zusammen. Nur ich bleibe mit gemischten Gefühlen sitzen und warte auf ein Zeichen von ihm; irgendetwas, das mir besagt, was ich tun soll, denn offengestanden bin ich noch immer zu durcheinander, um eine vernünftige Entscheidung - in Bezug auf das was mich nun mit ihm verbindet oder auch nicht - zu fassen.
Nach und nach leert sich der Raum und ich halte mit den Augen Ausschau nach ihm, da erblicke ich ihn an seinem Schreibtisch stehend mit einem Buch in der Hand. Bedrückt packe ich meine Habseligkeiten zusammen und bin die Letzte auf dem Weg zur Tür.
Mein Herz pocht wild, als ich in einem Bogen an seinem Tisch vorbeigehe und ihn aus den Augenwinkeln beobachte. Von seiner Seite aber kommt nichts. Kein Blick, kein von mir erhofftes Zeichen. Nur die übliche, mit Verachtung gemischte Anteilnahmslosigkeit, mit der er uns Schülern seit Jahren bedenkt, sobald wir entlassen sind.
Schweren Herzens setze ich meinen Weg fort, die anderen sind ohnehin schon alle geflüchtet, und fasse nach der Türklinke, um sie hinter mir zu schließen, da spüre ich ein ruckartiges Zerren an meinem Arm. Ich zucke vor Schreck zusammen, schließlich habe ich ihn nicht einmal kommen gehört, geschweige denn damit gerechnet, dass er mich oder meine Anwesenheit überhaupt noch registriert hat.
Snape zieht mich zurück ins Innere seines Klassenzimmers und verriegelt vor meinen verunsichert dreinblickenden Augen die Tür. Dann lehnt er sich mit dem Rücken dagegen, verschränkt die Arme vor der Brust und sieht mich eindringlich und zugleich voller Erwartung an.
Zuerst bin ich zu überrumpelt von seiner Aktion, um etwas zu sagen, doch dann hole ich Luft und schnaube ihn an: „Was willst du?"
Sein Gesichtsausdruck wechselt schlagartig zu purer Ernüchterung. Er schluckt angespannt.
„Dich sehen."
„Und deshalb hast du mich zu Tode erschreckt?"
„Nein", sagt er leise. „Aber ich dachte mir, du willst mich sprechen, Hermine. Oder habe ich mich da getäuscht?"
Mir scheint fast das Herz stehenzubleiben. Die Traurigkeit und die Unsicherheit in seiner Stimme lässt mich schwach werden. Ich senke den Blick auf seine von Knöpfen gesäumte Brust und schüttle den Kopf.
„Nein. Hast du nicht."
Ich sehe auf, mitten in seine Augen. Er nickt. Dann nimmt er die Hände hoch und fährt sich damit durch die Haare.
„Ich wollte dich nicht erschrecken."
„Das weiß ich", sage ich kleinlaut. „Ich hatte nur nicht damit gerechnet, dass du mich so überfällst. Oder dass du mich sehen willst."
„Wieso nicht?"
„Weil es kompliziert ist, Severus. Du bist manchmal so kühl und zurückweisend, dass ich mich nicht auskenne."
„Das war schon immer so, Hermine, erinnerst du dich? Trotzdem hat es dich nicht davon abgehalten, auf mich zuzugehen. Außerdem, was soll ich in Gegenwart deiner Mitschüler tun? Dich ansprechen?"
„Ich weiß auch nicht, Severus. Jedenfalls tut es gut, dich zu sehen."
Er legt die Stirn in Falten, als würde er mir nach diesem enttäuschenden Gesprächsverlauf kein einziges Wort glauben.
„Ich meine das ernst", sage ich mit Nachdruck. „Nur manchmal bin ich überfordert mit allem; mit unserer Situation."
„Verstehe", sagt er leise.
Wieder einmal höre ich etwas Resigniertes aus seinem Tonfall heraus, das er nur mir gegenüber offenbart. Langsam mache ich einen Schritt auf ihn zu und lege meine Hand auf sein Herz. Ich spüre, dass er von einem Schauder erfasst wird und lasse meine andere Hand über seine Knöpfe gleiten. Dann lehne ich meinen Kopf gegen seine Brust. Die vertraute Wärme und sein Herzschlag dazu sagen mir deutlich, dass das letzte Wort zwischen uns noch nicht gesprochen ist, ganz entgegen meiner ursprünglichen Meinung. Auch dann, wenn ich enttäuscht von ihm war, muss ich zugeben, dass sich gewisse Bereiche meines Seins nach seiner Zuneigung sehnen.
Ich höre ihn tief einatmen. Zaghaft legt er seine Arme um mich und hält mich fest.
Vielleicht ist es eigenartig, dass es ausgerechnet jetzt passiert, aber in mir regt sich etwas. Ich spüre, dass Tränen in meine Augen schießen und lasse ihnen freien Lauf. Er streichelt sanft mit seinen Händen über meinen Rücken und bettet sein Kinn auf meinen Kopf.
„Ich weiß, dass es dafür zu spät ist, Hermine", sagt er mit belegter Stimme, „aber wenn du jemals mit mir reden möchtest, dann werde ich für dich da sein, ganz gleich wann."
Ich schluchze auf.
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Severus." Betreten wische ich mir mit dem Handrücken über die Augen.
„Du musst gar nichts sagen."
„Nein, muss ich nicht. Aber – aber ich will eigentlich gar nicht, dass diese Sache für immer zwischen uns steht. Es fällt mir nur schwer, damit umzugehen."
„Das ist verständlich, Hermine. Und wenn dem so ist, habe ich es zu respektieren."
„Nein!"
„Hermine … Ich kann dich wirklich verstehen, glaube mir. Aber denn du … wenn du dich irgendwann anders entscheiden solltest, egal wann, werde ich für dich da sein, so gut ich kann. Ich bin es dir schuldig. Für alles was du meinetwegen getan und erduldet hast."
„Und wie soll das gehen?", platzt es aus mir heraus. In mir überschlägt sich alles, die schlimmsten Szenarien, die ich mir in den vergangenen Tagen ausgedacht habe, seit ich weiß, dass er Dumbledore töten soll, werden lebendig. „Wenn du das tun wirst, wenn du seinen Plan ausführen wirst, werden wir uns aus den Augen verlieren, nicht wahr? Ich bin nicht so blöd, dass ich mir keine Gedanken darüber gemacht habe, Severus. Aber ich weiß nicht wann … und wie … und … Wie soll ich dich überhaupt erreichen, wenn es soweit ist? Wo wirst du dann sein? Bei ihm? Voldemort?"
Er nimmt mich mit bestimmtem Griff bei den Schultern und flüstert mir etwas ins Ohr. Die Nähe zu ihm habe ich vermisst, doch ich bin so befangen, dass ich ihr kaum Beachtung schenke, denn was er mir zu sagen hat, ist nicht ohne. Als er fertig ist, löse ich mich irritiert von ihm los.
„Was soll das sein?", frage ich vorsichtig.
„Das ist eine Adresse."
„Das dachte ich mir. Aber wofür?"
„Es ist mein Elternhaus, Hermine. Der Ort, wo ich bin, wenn ich nicht in Hogwarts bin oder bei ihm oder im Grimmauldplatz."
„Tatsächlich? Du – du hast ein Haus?"
Er rollt etwas überfordert die Mundwinkel zurück. „Mehr oder weniger. Eigentlich ist es eine trostlose Bruchbude, aber sie erfüllt ihren Zweck und dient mir als Unterschlupf, wenn ich einen klaren Kopf oder ein Dach über mir brauche."
Dass er so offen reagiert, überrascht mich, denn er spricht nicht gerne über seine Kindheit, das ist mir längst bewusst geworden. In diesem Fall aber zeigt es mir, dass er sich ebenso Gedanken gemacht hat wie ich mir. Er überlässt nicht gerne etwas dem Zufall, was kein Wunder ist, denn in seinem Leben ist es nicht gerade vorteilhaft, unvorbereitet zu sein.
„Und wie komme ich da rein?", frage ich erstaunt. „Wenn es dir gehört, ist es doch bestimmt gegen Eindringlinge geschützt."
„Nicht gegen dich", gibt er knapp von sich.
„Was soll das heißen?"
„Dass ich Vorkehrungen getroffen habe. Auch ich weiß nicht, wann es soweit sein wird und was ich danach zu erwarten habe. Aber mir ist klar geworden, dass ich dich nicht aus den Augen verlieren möchte, Hermine."
Das zu hören gibt mir den Rest. Meine ganzen Bemühungen, ihn zu ignorieren oder ihm die kalte Schulter zu zeigen, sind gescheitert. Es ist zwecklos, mich dagegen zu wehren: die Anziehungskraft zwischen uns ist zu groß.
„Und wie geht es weiter? Was werden sie mit dir machen, wenn er tot ist?"
„Dumbledore geht fest davon aus, dass ich seine Nachfolge antreten werde. Ich bin der einzige Todesser, der es vermag, diese Schule zu leiten."
„Dann wird Voldemort dafür sorgen, dass du Hogwarts übernimmst?", frage ich ungläubig. „Aber das wird dich unweigerlich noch mehr ins Zentrum des Geschehens rücken. Vor allem, ich kann mir nicht vorstellen, dass das Ministerium das so ohne Weiteres hinnehmen wird."
„Doch, wird es. Es ist alles infiltriert, Hermine. Nachrichten und Briefe werden abgefangen, Kamine überwacht. Das ist dir doch bestimmt nicht entgangen, nachdem ihr letztes Jahr Schwierigkeiten mit Umbridge hattet, oder?"
„Natürlich nicht." Ich muss mich unbewusst schütteln. „Und was ist mit dem Orden?"
Er zuckt mit den Schultern. „Was denkst du?"
Ich spüre förmlich, wie mir die Farbe aus dem Gesicht weicht und greife nach den Knöpfen auf seiner Brust, um mich irgendwo festzuhalten.
„Sie werden denken, dass du ihn mit Absicht ermordet hast, nicht wahr?"
Er entgegnet nichts darauf und starrt stumm in den Raum hinein.
Meine Finger graben sich noch fester in den schwarzen Stoff seiner Kleidung. „Antworte mir, Severus!", fordere ich hart.
Seine Hände umfassen zärtlich mein Gesicht und er sieht mich an.
„Das ist der Plan."
Meine Beine werden ganz schlapp. Das habe ich nicht gewollt. Trotz des Fehlers, den er gemacht hat, kann ich nicht glauben, dass das seine Zukunft sein soll. Es ist unfassbar. Doch Dumbledore selbst hat es mir bestätigt, als er mir während unserer hitzigen Unterhaltung nicht widersprochen hat.
„Das heißt, sie alle werden dich hassen, obwohl du das für uns tust ... Für Dumbledore."
„Es wird nicht viel anders sein als jetzt", sagt er matt.
Ich reiße die Augen auf. „Bist du verrückt? Natürlich wird es das. Alle lieben Dumbledore ..."
„Ja. Ich hingegen ..." Er verstummt schnell wieder. Nachdenklich.
„Severus!" Ich stürze nach vorne und werfe mich an seinen Hals. „Dass das passiert, wollte ich nicht", wimmere ich leise vor mich hin.
Ich spüre das abgeschlagene Nicken seines Kopfes. „Ich weiß, Hermine. Ich weiß."
