Show me your face

Kapitel 13

Improvement

„Wie ich gehört habe, ist uns eine interessante Gefangene ins Netz gegangen, Severus."

Snape nickt zustimmend. „In der Tat, mein Lord."

„Und hast du schon etwas aus ihr herausbekommen?"

„Granger hat sich bei ihrem Sturz den Kopf angeschlagen. Sie ist verwirrt und kann sich an nichts erinnern."

„Tatsächlich?", fragt Voldemort spitz. Seine Nasenschlitze beben missbilligend. „Komm zu mir, Severus."

Snape gleitet beinahe lautlos neben ihn und kniet sich vor ihm nieder, den Blick tief auf den Boden gesenkt.

„Mein Lord."

Ein wütendes Zischeln entfährt Voldemort. „Du würdest doch nicht so etwas sagen, wenn es nicht wahr wäre", stellt er heuchlerisch fest.

Es ist eine Prüfung. Nur eine unter vielen, doch Snape bleibt nach außen hin gänzlich unbeeindruckt.

„Ich habe sie untersucht. Bestimmt ist es nur eine vorübergehende Erscheinung, begünstigt durch ihren Erschöpfungszustand."

„Das hoffe ich ... Das hoffe ich sogar sehr, Severus. Du kannst gehen. Und sieh zu, dass sie bald wieder wohlauf ist. Ich habe schon viel zu lange auf diesen Tag gewartet."

Von einem leisen Rascheln seines Umhangs begleitet erhebt sich der dunkle Zauberer und schwebt davon.

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„Wenn du ihr auch nur ein Haar krümmst, reiße ich dir bei lebendigem Leib die Eingeweide heraus, verstanden Rodolphus?", bellt Snape in die Gefängniszelle hinein. „Sie gehört mir. Mir allein. Ich habe sie hierher gebracht … Du weißt, was das bedeutet?"

Der Todesser nickt und lässt langsam seinen Zauberstab sinken, mit dem er über meine Wange gestrichen hat. Ich bin so dankbar für die Unterbrechung, dass ich mich sogar darüber freue, Snapes kalte Stimme zu hören.

„Mag sein, doch Bella hätte gern ein schönes neues Spielzeug, Severus", sagt der Todesser amüsiert.

Snapes Haltung versteift sich unmissverständlich. „Dann soll sie sich selbst eins suchen."

Rodolphus rollt gelangweilt mit den Augen. „Immer diese verdammten Regeln!"

Erleichterung durchströmt mich. Aber wieso eigentlich? Ich muss vollkommen verrückt sein, mich für einen der beiden Todesser zu entscheiden. Und dennoch ist da irgendwas, das mir sagt, ich soll Snape nehmen. Es fühlt sich an wie ein emotionaler Rückblick in meine Vergangenheit, vielleicht etwas, das mit meiner Zeit in Hogwarts zu tun hat.

„Willst du es aushandeln?", fragt Snape herausfordernd. „Mann gegen Mann?"

„Schon gut", lenkt Rodolphus ein. „Ich werde ihr sagen, dass das Schlammblut dir gehört, bis der Dunkle Lord eine Verwendung für sie hat."

Er wendet sich zum Gehen und hält erst unmittelbar neben der Zellentür inne, Snape direkt in die Augen starrend. „Du solltest sie schnell zur Vernunft bringen, solange sie noch unverdorben ist. Bella hat bereits ein Auge auf sie geworfen und du weißt ja, sie kann ganz schön ungeduldig werden, was das anbelangt."

Ein schiefes Grinsen legt sich über Snapes Gesicht und sofort bereue ich, dass ich mich dafür entschieden habe, ihm den Vorzug zu geben.

„Lass das mal meine Sorge sein, Rodolphus. Eigentlich hat Bella ja dich zum Spielen auserkoren, es sei denn, sie hat keine Verwendung mehr für dich ..."

„Halt den Mund, Snape!"

Der Professor hebt halb im Scherz, halb abwehrend die Hände. „Nicht doch", höre ich seine Stimme säuseln. „Wir wollen sicher nicht darüber streiten, wer höher in ihrer Gunst steht, nicht wahr? Du weißt, dass sie mich nicht ausstehen kann."

„Wundert dich das? Du hattest schon immer etwas Eigenartiges an dir, das die Frauen nicht mochten."

„Mag sein", entgegnet Snape ungerührt. „Umso mehr wirst du einsehen müssen, dass ich meinen Spaß mit ihr haben möchte."

Rodolphus schüttelt gelangweilt den Kopf. „Du musst es ja echt nötig haben, sonst würdest du dich nicht so ins Zeug legen."

Snape schnaubt belustigt. „Wie du bereits gemerkt hast, ist sie noch unverdorben."

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„Was sollte das bedeuten, dieses unverdorben?"

„Was denken Sie, Granger?"

Mir schwant nichts Gutes. „Sie – Sie meinen, dass ich noch ..."

„In der Tat; wobei das nicht ganz richtig ist."

„Na hören Sie mal! Was geht Sie das an?"

„Jede Menge, denn ich war es damals, der Sie gewissermaßen, ähm, gepflückt hat."

Mir fällt die Kinnlade runter. „Was?", flüstere ich in ersticktem Ton. „Sie wollen doch nicht etwa ernsthaft behaupten, dass Sie und ich …. dass wir …"

„Doch, Miss Granger, genau das will ich damit sagen."

„Aber … das ist verrückt! Wieso sollte ich jemals so etwas mit Ihnen tun wollen?"

Er räuspert sich verlegen, als würde ihm dieses Thema genauso wenig behagen wie mir. „Nun, ich gebe zu, dass das eine etwas längere Geschichte ist, die ich Ihnen gerne ausführlicher beibringen möchte, wenn ich Sie hier herausgebracht habe."

Ich starre ungläubig an ihm hinab, da fängt er an, nach jemandem zu rufen.

„Dobby. DOBBY!"

Mit einem eigenartigen Geräusch taucht ein Elf in meiner Zelle auf.

„Ja, Sir?"

„Dobby!" Er wirbelt herum und starrt dem kleinen Geschöpf angestrengt in seine riesigen Augen. „Bring Miss Granger von hier weg und gib ihr das, sobald sie in Sicherheit ist."

Der Elf nickt eifrig und nimmt eine kleine Phiole aus der Hand des Professors entgegen.

„Gut. Und beeile dich, dass niemand etwas merkt."

„Ja, Sir, Dobby wird schnell wie der Wind sein, Sir."

Snape nimmt seinen Zauberstab heraus und kommt auf mich zu. Mein Herz pocht wieder einmal so stark, dass ich fürchte, es könnte jeden Moment den Geist aufgeben, was mir unter den gegebenen Umständen ehrlich gesagt ziemlich gelegen käme.

Er beugt sich zu mir hinab und legt mir seine Hände auf die Schultern. Sein Handeln überrascht mich. Es ist ein gezielter, zugleich sanftmütig gemeinter Griff.

„Wenn Sie in Sicherheit sind, werden Sie alles verstehen, Granger. Keine Sorge. Dobby hat die Erinnerungen, die ich Ihnen genommen habe, um Ihnen Zeit zu verschaffen. Sie sollten sie sorgsam aufbewahren, denn nachdem ich dafür zur Verantwortung zu ziehen bin, dass Sie geflohen sind, werden wir uns vermutlich nie wiedersehen." Er schluckt schwer. Sein Verhalten überrascht mich. Snape wirkt unsicher und irgendwie auch überwältigt, als wüsste er nicht so recht weiter. „Wie dem auch sei", fährt er abwesend fort, „lassen Sie sich nicht unterkriegen. Lassen Sie sich auf gar keinen Fall ein weiteres Mal fangen, verstanden? Nächstes Mal wird Ihnen niemand helfen."

Seine Worte kommen mir eigenartig vor, doch vielleicht hängt das auch nur damit zusammen, dass mein Kopf noch immer nicht so funktioniert wie er es sollte.

Snape beugt sich tiefer über mich. Seine dünnen Lippen werden zu schmalen, schmerzverzerrten Linien, als er mich ansieht.

„Passen Sie auf sich auf, Granger."

Etwas betreten blinzle ich ihn an. „Ja, Sir."

Er seufzt und schließt kurz die Augen. Mir kommt es vor, als würde ihm dieser Abschied außerordentlich schwer fallen.

„Dobby."

Der Elf tritt an meine Seite und wirf einen letzten Blick zum Professor empor. Als dieser nickt, bin ich auch schon verschwunden.

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August 1998

Ich erinnere mich heute ganz anders an gewisse Ereignisse und Gegebenheiten als zuvor. Nicht zuletzt, weil Snape derart in mein Leben eingegriffen hat. So hat er beispielsweise mein Gedächtnis verändert und dafür gesorgt, dass ich nicht von den anderen Todessern in Empfang genommen wurde. Er hat es als einzige Chance gesehen, mir Zeit zu verschaffen, indem er behauptet hat, ich hätte mir auf der Flucht den Kopf gestoßen. Vielleicht war es kein Geniestreich, sondern vielmehr eine Verzweiflungstat. So oder so hat er mir damit das Leben gerettet.

In Gedanken bin ich rund um die Uhr bei ihm, denn ich weiß, dass er dafür bestraft wurde, ungehorsam zu sein. Seine Stimme von damals im Denkarium zu hören, erweckt die alte Vertrautheit in mir, ebenso wie das Gefühl, ihm derart nahe zu stehen. Ich bin nicht bereit dazu, ihn gehen zu lassen, dafür steckt mir der Schock, dass er das auf sich genommen hat, um mir zu helfen, noch zu tief in den Knochen.

Wenn wir alle an einem Tag wie diesem im Grimmauldplatz zusammenkommen, um der Opfer des Krieges zu gedenken, wird mir schwer ums Herz. Viele sind gestorben. Aber wir haben überlebt.

Noch immer sind einige von uns deutlich angeschlagen, was wohl auch noch eine Weile so bleiben wird. Und dennoch sitzen wir zusammen um den Tisch in der Küche und sehen uns gemeinsam Erinnerungen an, die uns alle einander näher bringen. Wir waren beteiligt an Voldemorts Fall. Jeder auf seine Weise, jeder für sich aufopfernd und bedeutungsvoll.

Harry und Ron sind hier, die Weasleys, McGonagall und natürlich Snape.

Er sitzt still und zurückhaltend neben mir und hält meine Hand. Ich werfe ihm ein zaghaftes Lächeln zu und er hebt die Brauen.

Fast muss ich über seine Unsicherheit schmunzeln, aber nicht, weil ich mich über ihn lustig machen will, sondern weil es eine dieser Eigenheiten an ihm ist, die ich so sehr schätzen gelernt habe. Es ist schwer für ihn, in der Gegenwart anderer damit klar zu kommen, dass wir alle ihn mehr oder weniger als einen von uns akzeptiert haben. Vermutlich wird sich das auch nie ändern, doch die Hauptsache ist, dass er anerkannt wird, denn nach allem was er getan hat, um Voldemort hinters Licht zu führen, verdient er unseren Respekt.

Überraschend forsch recke ich mich zu ihm empor und vergrabe meine Finger in seinem Haar. Dann drücke ich ihm einen Kuss auf die Lippen.

Mir ist egal, was Harry oder McGonagall davon halten mögen, für mich zählt nur, dass er bei mir ist. Ich drücke fest seine Hand. Die bloße Gegenwart dieses so unergründlichen Mannes lässt mich erkennen, dass es das einzig Richtige ist, mich auf ihn zuzubewegen, so wie ich es bereits zuvor getan habe. Es ist das, was ich tief in meinem Herzen will, etwas, das mich meine einstige Vorsicht ihm gegenüber vollkommen vergessen lässt. Dann blicken wir zurück, auf eine Zeit der Ungewissheit, doch es ist wichtig, dass wir es nie vergessen. Das Denkarium lässt alles zum Leben erwachen; und wie zur Ironie des Ganzen kann ich auf der anderen Seite des Tisches Tränen in den Augen meiner Hauslehrerin sehen. Ich weiß, dass es ihr leid tut, an Severus gezweifelt zu haben. Wir alle hatten schließlich diese Phasen. Der, der während der letzten Monate am meisten zu seiner Einsamkeit beigetragen hat, ist aber nicht mehr unter uns.

Natürlich ist es schwer, Dumbledore als Schuldigen in den Mittelpunkt zu rücken, sogar ich muss das einsehen, denn er hat einfach keinen anderen Ausweg gefunden. Doch dass Severus fast sein Leben gelassen hätte, ohne dass jemand von seinen Opfern wusste, macht mich wütend.

„Ich möchte nicht, dass du das tun musst, Severus", höre ich mich sagen. Es klingt im Denkarium ebenso traurig wie damals.

„Aber ich weiß, dass du keine andere Wahl hast, richtig?"

Er nickt. „Ich möchte es auch nicht tun. Meine Seele hat schon genug Schuld auf sich geladen, Hermine."

Dass er sich dessen bewusst ist, bedeutet mir viel. Damals wie heute.

„Vielleicht brauchst du einfach nur irgendjemanden, dem du dich anvertrauen kannst, wenn es soweit ist", bemerke ich wie beiläufig.

„Das geht nicht."

„Aber du wirst Unterstützung brauchen. Deine Kollegen … was ist mit McGonagall? Kannst du es ihr nicht einfach erklären?"

Er schnaubt leise. „Ihr was erklären? Dass ich ihren wichtigsten Freund und Kollegen töten soll? Den berühmten und glorreichen Schulleiter von Hogwarts? Glaubst du, sie wird das akzeptieren?"

Ich muss mich schütteln. „Nein. Du hast Recht."

„Es wird so geschehen, wie Albus es vorgesehen hat, Hermine. Ohne Ausflüchte."

„Dann versprich mir, dass du vorsichtig sein wirst. Diese Tat wird deinen Beliebtheitsgrad an Hogwarts nicht gerade in die Höhe jagen."

Ein gebrochenes Lächeln erscheint auf seinem Gesicht. „Nein, vermutlich nicht."

Es ist dieser Blick, der mich daran erinnert, wie sehr wir einander gebraucht haben. Dankbar für seine Zuneigung spüre ich seine Hand in meiner. Und ich weiß, dass ich sie nie wieder loslassen möchte.