A/N: Hallo ihr Lieben. Schön, dass ihr immer noch dabei seid. Ich hoffe ihr mögt die Fanfic nach wie vor. Lasst mir doch bitte einen kleinen Kommentar da, damit ich weiß ob sich das weiterschreiben lohnt.
Kapitel 3
Es war ein seltsames Gefühl bei seiner eigenen Beerdigung zuzusehen. Nicht, dass John persönlich anwesend gewesen wäre. Das hatte Mycroft unterbunden. Stattdessen hatte er einen gemütlichen Ehrenplatz in seinem neuen Bett in Mycrofts Anwesen und beobachtete das Geschehen auf dem Bildschirm eines Laptops, welchen er träge auf seinem Schoß balancierte. Im Nachhinein wusste John nicht mehr, wie er in diese Lage geraten konnte. Der Plan war wahnwitzig und gerade deshalb so brilliant. Mycroft hatte ihn aufgeklärt, dass Morans Männer gleich verschwunden sein mussten, nachdem sie John die Kapseln hatten schlucken lassen. Sicher, Moran hatte ihm für seine letzten Atemzüge Privatsphäre zugesichert. Doch er überraschte John, dass der Colonel sich nicht einmal die Zeit genommen hatte seinen Erfolgt zu überprüfen. Doch er wollte sich nicht beschweren, denn diese kleine arrogante Unachtsamkeit hatte ihm das Leben gerettet und bildete nun das Fundament ihres kleinen Planes Johns Tod vorzutäuschen. Das einzig große Opfer war, dass John seine Wohnung in der Baker Street aufgeben musste. Dieser Ort hatte sich in den letzten beiden Jahren zu seinem zu Hause entwickelt. Es war der Ort an dem er mit Sherlock gelacht und gestritten hatte. Hier hatten sie gemeinsam mit ihren Freunden Weihnachten gefeiert, Sherlock hatte Küchentisch und Zimmerdecke mit seinen verrückten Experimenten ruiniert und Pistolenkugeln in die Wand geblasen. Und nun würde er diesen Ort so schnell nicht wiedersehen.
Mit einem traurigen Lächeln ließ John seinen Blick über den Bildschirm gleiten. Er hatte auf eine kleine Feier bestanden, doch er wusste, dass die Medien früher oder später Wind von der Sache bekommen würden. Doch wenigstens seine Beerdigung sollten seine Gäste in Ruhe feiern können. Seine Gäste – was für ein absurder Gedanke. Er musste unweigerlich kichern. Mycroft trug seine typische ernste Miene zur Schau. John musste gestehen, dass er einen guten Schauspieler abgab. Auf der anderen Seite hatte John ihn eigentlich kaum mit einem anderen Gesichtsausdruck gesehen. Mrs Hudson wirkte hingegen völlig aufgelöst und schluchzte hemmungslos in ein gerüschtes Taschentuch. Neben ihr stand Mollie mit verquollenen Augen und tätschelte ihr hilflos die Schulter. Dahinter bildeten Lestrade, Anderson und Sally Donovan eine stumme, trübe dreinblickende Mauer. Etwas abseits davon warteten schließlich Mike Stamford und seine Familie. Sie Kinder wirkten gelangweilt, schließlich hatten sie John kaum gekannt. Doch Mike und seine Frau Elizabeth wirkten ehrlich bedrückt. Johns Schwester Harriet stand in Begleitung ihrer Exfrau Clara direkt an der Grabstätte und musterte den dunklen Sarg mit ungläubigem Gesichtsausdruck. John wusste, dass sie bis zum heutigen Morgen die Tatsachen bestritten und an ein Missverständis geglaubt hatte. Sie kannte ihren kleinen Bruder, hatte sie Mycroft gegenüber betont, John Watson war nicht der Mann der Selbstmord beging. Heute zeigte ihr Gesicht hingegen Unsicherheit und John wusste, dass die Geschehnisse am Abend über sie hereinbrechen würden. Unweigerlich regte sich sein schlechtes Gewissen. Es war falsch seiner eigenen Familie einen Selbstmord vorzutäuschen. Er wusste nur zu gut, wie sie sich im Moment fühlten. Und so war er zumindest etwas beruhigt, dass Clara in diesem Moment an Harriets Seite sein würde.
Es war später Nachmittag, als Mycroft schließlich von der Beerdigung zurückkehrte. Er wirkte Müde als er an Johns Bett herantrat, ließ sich jedoch in gewohnter snobistischer Eleganz auf die weichen Polster des Sessels sinken.
„Wie geht es Ihnen heute, John?" fragte er höflich und musterte John mit überschlagenen Knien. „Sie sehen müde aus."
John konnte sich ein schnaubendes Lachen nicht verkneifen. „Und sie sehen aus, als hätten sie die letzten beiden Nächte kaum geschlafen und die vergangenen beiden Stunden in der Kälte auf einem abgelegenen Friedhof verbracht." Er funkelte amüsiert zu Mycroft: „ Ich hoffe sie hatten wenigstens Tee zum aufwärmen."
„Ich habe für Tee und Bebäck zur Erfrischung sorgen lassen, John." Entgegnete sein Gegenüber steif und musterte ihn weiterhin. „Nun?"
„Es geht mir schon besser, danke Mycroft." Antwortete John in bemüht höflichem Tonfall. „Ich habe mein Mittagsessen problemlos bei mir behalten und mein Kopf fühlt sich nicht mehr an wie eine überreife Melone. Ich denke in ein oder zwei Tagen bin ich wieder vollkommen auf den Beinen."
Mycroft nickte zufrieden. „Zu diesem Zeitpunkt sollten Ihre Sachen hier eingetroffen sein. Ich schicke morgen einen meiner Leute in Ihre alte Wohnung." Erklärte er in geschäftsmännischem Unterton.
„Dann wurde das Testament anerkannt?" fragte John erstaunt.
„Da zum Zeitpunkt ihres Todes…" Mycroft räusperte sich kurz „…kein anderes Testament vorlag…" er warf John einen leicht tadelnden Blick zu „…und das vorgelegte Testament eindeutig in ihrer Handschrift angefertigt und von meinem Notar mit einem Datumsstempel von vor 3 Tagen versehen wurde bestand kein Zweifel an der Gültigkeit des Testamentes, nein." Es folgte eine unsichere Pause. „Dennoch herrschte leichte Verwunderung über dessen Inhalt, besonders von Seiten Ihrer Schwester." fügte er hinzu „Genauer gesagt, warum Sie Ihr gesamtes Hab und Gut dem ungeliebten…" wieder ein tadelnder Blick „…Bruder ihres besten Freundes vermacht haben."
Es folgte ein unangenehmes Schweigen. John wusste, dass er Mycroft in den letzten Tagen viel zu verdanken hatte. Doch er konnte ebenso wenig die Geschehnisse, auf welche Sherlocks unmittelbarer Tod gefolgt waren, vergessen. Mycroft hatte Sherlock an Moriarty verraten, wenn auch unabsichtlich - sofern man dem Mann Glauben schenken konnte - und dies hatte zu der Katastrophe auf dem Dach des St. Barts Krankenhauses geführt. So sehr Mycroft sich in den letzten Tagen auch bemüht hatte, so dachte John doch insgeheim dass nichts davon nötig gewesen wäre, wenn Sherlock noch am Leben wäre. Doch wenn Wünsche Pferde wären, würden Bettler reiten. „Meine Schwester hat sich noch nie sonderlich viel für mich interessiert, außer wenn sie dachte, dass es etwas zu holen gibt." Meinte John trocken. „Sie wird den Verlust verkraften. Wir hatten noch nie das innigste Verhältnis zueinander. Ich habe versucht ihr zu helfen und auf sie acht zu geben. Sie fühlte sich dadurch bedroht und eingeengt." Er warf einen Seitenblick zu Mycroft. „Sie kennen das ja. Sie wird meinen Tod und den Verlust meiner Wertsachen schnell verdauen."
Mycroft entgegnete zunächst nichts sondern musterte John mit ernstem Gesichtsausdruck. Er spürte deutlich, dass sich Mycroft jetzt plötzlich außerhalb seiner Komfortzone bewegte und fragte sich gerade, ob er das Thema einfach ruhen lassen würde – sie hatten seit dem Sturz nie wieder über Sherlock gesprochen – als er plötzlich sagte: „John, Sie mögen vielleicht den Eindruck gewonnen haben, dass zwischen mir und meinem Bruder nie besonders viel brüderliche Zuneigung geherrscht hat…" begann er vorsichtig und John spürte sofort wie sich sein Magen verkrampfte und das Blut in seinen Ohren zu rauschen begann. „…aber Sie können versichert sein, dass ich meinen Bruder geliebt habe." Wäre John in diesem Moment nicht halb rasend vor Zorn gewesen hätte er bemerkt wieviel es Mycroft gekostet hatte dies zuzugeben. So hingegen rebellierte jedoch alles in ihm gegen die gehörten Worte und er erwiderte kalt: „Warum haben Sie dann Ihren Bruder verraten und seine Geschichte gegen ein paar Halbwahrheiten von Moriarty eingetauscht?" John spürte, wie sich Mycroft automatisch unter seinen Worten versteifte und wusste instinktiv, dass er eine unsichtbare Linie überschritten hatte. Und tatsächlich war Mycrofts Stimme eisig als er antwortete:
„Ich nehme nicht an, dass Sie meine Entscheidung verstehen können, John. Aber wir beide kannten Sherlock und wissen, wie er in meiner Situation gehandelt hätte." Er musterte John mit leicht hochgezogener Augenbraue und fuhr fort: „Die größte Stärke der Holmes Familie war noch nie ihre überragende Intelligenz, auch wenn viele das vielleicht glauben mögen. Die Stärke unserer Familie besteht darin, sich nicht von Emotionen leiten zu lassen wenn es darum geht wichtige Entscheidungen zu treffen. Nur weil ich das Leben tausender britischer Bürger über das Leben meines Bruders gestellt habe, heißt es jedoch nicht, dass ich ihn nicht geliebt habe." Sagte Mycroft schließlich brüsk und erhob sich. „Denken Sie darüber nach was Sie in meiner Situation getan hätten und ob Sie sich danach noch im Spiegel hätten ansehen können." Mit diesen Worten wandte er sich ab, das Gesicht müde und emotionslos. „Gute Nacht, Doktor Watson." Und bevor John etwas erwidern konnte war Mycroft verschwunden.
In dieser Nacht lag John noch lange wach. Auch wenn John immer noch der Meinung war, dass Mycroft seinen Vorwuft verdient hatte, war er Mycroft gegenüber eindeutig zu weit gegangen. Aber nur weil der Mann einen Fehler gemacht hatte hieß das nicht, dass er Sherlock nicht geliebt hatte. Mycrofts übertriebener Beschützerinstinkt deutete sogar ganz klar auf das Gegenteil hin. Und doch hatte John sich von seiner Wut und seinem Ärger lenken lassen und blindlinks zugeschnappt. Egal wie er es drehte und wendete, er stand in Mycrofts Schuld und würde in der nächsten Zeit auf ihn angewiesen sein. Wegen der Gefahr durch Moran hatten sie beschlossen, dass es das sicherste war wenn John erst einmal in Mycrofts Privatwohnsitz unterkam. Das Gelände war überwacht und Mycroft hatte ihm versichert, das sämtliche Angestellte absolut verschwiegen und vertrauenswürdig waren. Zudem hatten John und Mycroft von hier aus die besten Ressourcen zur Ausführung ihres Planes. Kurzum: John würde die nächsten Monate seines Lebens hier verbringen und es war beinahe unmöglich und zudem dumm Mycroft auf Dauer aus dem Wege zu gehen. Trotzdem hatte John soeben die Möglichkeit auf eine gute Zusammenarbeit zunichte gemacht. Nun, egal wie er im die Sache widerstrebte, er würde sich bei Mycroft entschuldigen müssen, wenn er da ohnehin schon angespannte Verhältnis zwischen ihnen nicht noch mehr belasten wollte.
Nachdem John sich etwa zwei Stunden unruhig in seinem Bett umhergeworfen hatte, stand er frustriert auf. So lange ihn diese Gedanken weiter verfolgen, war er unmöglich einzuschlafen können. Vielleicht würde es helfen wenn er ein wenig umherlief? Er würde sich aus der Küche ein Glas Wasser holen -die Wasserflasche neben seinem Bett hatte er vor wenigen Minuten ausgetrunken – und seit Mycrofts plötzlichem Abgang war niemand mehr gekommen um ihm Nachschub zu bringen. Ein Glas Wasser zu besorgen war also der perfekte Vorwand für ein bisschen Bewegung. Unsicher schlüpfte John mit seinen Füßen in die warmen Pantoffeln, die ein Angestellter Mycrofts ihm bei seiner Ankunft zur Verfügung gestellt hatte. Er fühlte sich noch immer etwas wacklig auf den Beinen und einmal mehr fragte er sich, was genau Moran ihm eigentlich untergeschoben hatte. Schlaftabletten waren in so geringer Menge sehr unwahrscheinlich tödlich, doch Mycrofts Männer hatten sich auf John Frage hin in Schweigen gehüllt.
Vorsichtig tastete sich John im Halbdunkel voran und griff nach dem Morgenmantel, welchen man auf einem Stuhl für ihn bereitgelegt hatte. Er zog ihn sich vorsichtig an und saugte abrupt Luft zwischen den Zähnen ein, als seine Schulter sich meldete. Verdammte Kriegsverletzung! Er hatte eindeutig zu lange gelegen. Das weiche, glatte Material glitt leicht über seine Schultern und er band sich den Morgenrock fest um die Hüften zusammen. Schließlich tastete er sich zur Tür vor und trat hinaus in den weiten Flur. Zuvor hatte John sich immer nur in Begleitung durch das Haus bewegt, doch dank seines militärischen Trainings hatte er keine Mühe sich bei diesen wenigen Gelegenheiten den Weg genau einzuprägen. Die Küche lag im Endgeschoss des Hauses, am anderen Ende des langen Korridors. John tastete sich vorsichtig zur Treppe voran, hielt Inne und lauschte. Alles im Haus war ruhig. Dann schlich er vorsichtig die Treppe hinab und wandte sich nach links. Wenige Augenblicke später hatte er die Küche erreicht. Vorsichtig schob er sich durch die Tür und tastete nach dem Lichtschalter, zuerst links neben der Tür, dann rechts. Endlich hatte er ihn gefunden. Kurz darauf erfüllte das kühle Licht mehrerer Neonstrahler den Raum und erleuchtete den Blick auf weiß glänzende Bodenfließen, teure Küchenmöbel im modernsten Stil, einen Edelstarhlkühlschrank, den Küchentisch und schließlich… Mycroft. Verdammt!
Unweigerlich zuckte John zusammen und trat einen Schritt zurück. Warum saß der Mann denn hier im Dunkeln am Küchentisch? „Oh, ich wusste nicht, dass Sie noch wach sind. Habe ich Sie gestört?" Mit diesen Worten schob sich John vorsichtig einen Schritt voran. Mycroft hingegen bewegte sich zunächst nicht, sondern starrte vor sich in die Leere. War der Mann vielleicht mit offenen Augen eingeschlafen? „Mycroft?" Wieder tastete sich John einen Schritt nach vorn, dann noch einen und schließlich hatte er ihn erreicht. Mycroft saß mit dem Rücken zur Tür und trug noch immer denselben Anzug, welchen er am Nachmittag getragen hatte. Seine Haltung verriet Müdigkeit und gleichzeitig Angespanntheit. Es war offentsichtlich, dass etwas nicht in Ordnung war, nur was? Nach einem weiteren Schritt stand John endlich neben ihm. Und dann sah er es und das Blut gefror ihm unweigerlich in den Adern. Vor Mycroft auf dem Küchentisch lag eine Handfeuerwaffe.
„Was tun Sie hier, John?" bemerkte dieser schließlich in erschreckend neutralem Tonfall.
„Ich wollte nur schnell ein Glas Wasser holen." Entgegnete John zögerlich, rührte sich jedoch nicht vom Fleck. „Und Sie?"
Zunächst erhielt er nur Schweigen als Antwort, doch schließlich blickte Mycroft zu ihm auf und sagte: „Was denken Sie?" und er musterte John mit einem Gesichtsausdruck als erwartete er eine interessante Deduktion. John konnte nicht umhin die Ähnlichkeit zu Sherlock zu bemerken. Dieser hätte in an Mycrofts Stelle ganz genauso geantwortet.
John blickte zunächst auf Mycroft und ließ seinen Blick schließlich unsicher zu der Waffe auf dem Tisch gleiten. „Ich vermute Sie können auch nicht schlafen." Meinte er mit gespielter Leichtigkeit und deutete schließlich unsicher auf den Stuhl zu Mycrofts Rechten. „Darf ich?"
Mycroft schenkte ihm ein wissendes Lächeln. „Bitte sehr." John setzte sich und für einen Moment rang er nach Worten. Schließlich fasste er sich ein Herz, holte tief Luft. Jetzt war so gut wie jeder andere Moment auch. Er sagte: „Mycroft, ich möchte mich für meine unüberlegten Worte heute Nachmittag entschuldigen. Der Gedanke an Sherlock …" er brach ab, atmete tief ein „…ich war so wütend, vor allem auf ihn, glaube ich." Und ließ die Luft kraftlos wieder entweichen. „Wie dem auch sei, ich hätte mich nicht so gehen lassen dürfen. Es tut mir Leid."
Wieder ruhte Mycrofts analysierender Blick auf ihm und John rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Unter dem Blick der Holmes Brüder konnte einem schon leicht unwohl werden. „Emotionen wie Wut und Verbitterung sind in Ihrer Situation ganz natürlich." Meinte Mycroft schließlich in einem Tonfall der suggerierte, dass er selbst gar nichts mit der Sache zu tun hätte. „Mein Bruder hat immer wieder betont, dass Gefühle für ihn eher eine Schwäche darstellen. Und doch entschied er sich letztendlich für die emotionalste aller Reaktionen, statt einen logischen Ausweg zu suchen." John musste Mycroft unweigerlich zustimmen, auch wenn er nicht so ganz verstand, was dies mit den Geschehnissen des Nachmittages zu tun hatte. „Es ist nur natürlich, sich in solch einer Situation betrogen zu fühlen. Hätte Sherlock die Reaktion auch nur im Geringsten angedeutet, so sind wir uns sicher einig, dass keiner von uns beiden das Geschehene zugelassen hätte."
Wieder nickte John und sein Blick schweifte unweigerlich zu der Waffe vor ihm. Er seufzte. „Wissen Sie was das schlimmste ist? Ich habe ihm kurz vor seinem Tod vorgeworfen eine Maschine zu sein. Wir waren im Bart's und ich erhielt einen Anruf. Man sagte mir, dass Mrs Hudson angeschossen wurde. Natürlich wollte ich sofort zu ihr. Doch Sie kennen Sherlock. Er sagte etwas davon, dass er zu tun hätte." John seufzte und rieb sich die Augen mit den Handballen. Plötzlich spürte er die Müdigkeit der letzten Monate. „Im Nachhinein glaube ich, er wollte mich einfach nicht dabei haben. Sherlock wusste, dass ich es nicht geschehen lassen würde."
Mycroft blickte ihm in die Augen und John sah, wie etwas in seinem Blick flackerte. „Ich weiß es ist irrational, aber manchmal hoffe ich, dass mein Bruder mich einmal mehr an der Nase herum geführt hat. Es sähe ihm ähnlich seinen eigenen Tod zu inszenieren." Er lächelte mild und plötzlich wirkte er um Jahre jünger und beinahe verletzlich. John fühlte sich unwohl. Dies war eine Seite an Mycroft die er nicht kannte. Und er war sich nicht sicher, ob er sie überhaupt kennen lernen wollte. Es war nicht richtig dass er Mycroft in so einem verletzlichen Zustand zu sehen bekam. Und doch hatte er unweigerlich das Bedürftnis etwas Aufmunterndes zu sagen.
„Aber wäre das nicht komisch? Stellen Sie sich vor er hockt jetzt irgendwo da draußen und liest in der Zeitung, dass sein bester Freund John Watson sich aus Trauer um seinen Tod umgebracht hat." ER grinste resigniert. „Das wäre die gerechte Strafe, finden Sie nicht?"
Mycroft lächelte halbherzig. „Ich gebe zu, das wäre ein gelungener Streich. Gott weiß wie viele er mir in meinem Leben schon gespielt hat. Können Sie es sich vorstellen wie es ist mit einem kleinen Bruder wie Sherlock aufzuwachsen?" Er seufzte müde und rieb sich das Gesicht. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich ihn einmal vermissen würde." Gab er zu.
John war ratlos. Ein Holmes welcher ihm gegenüber gleich das zweite Mal an diesem Tag seine Gefühle zugab war etwas, womit er nicht so recht umzugehen wusste. Er war sich sicher, dass Mycroft es am nächsten Morgen hassen würde, dass John ihn in einem Moment der Schwäche erwischt hatte. Doch er konnte die Trauer des anderen fast spüren, auch wenn Mycroft sich immer noch um einen neutralen Tonfall bemühte. Es war nicht unwahrscheinlich das erste Mal, dass Mycroft über seine Gefühle nach Sherlocks Selbstmord sprach. Und automatisch fragte John sich, ob Mycroft überhaupt so etwas wie Freunde hatte. Irgendwie konnte er es sich nicht vorstellen.
Unsicher zuckte John mit den Fingern und fasste sich schließlich ein Herz. Langsam hob er seinen Arm und legte die Hand vorsichtig auf Mycrofts Schulter. „Ich vermisse ihn auch." Sagte er schließlich und drückte zu. Und es fühlte sich komischerweise richtig an.
