A/N: Und weiter geht's. Ich hoffe ihr habt immer noch Spaß bei der Sache? Wie immer: die Charaktere gehören nciht mir, sondern Doyle und dem großartigen Team von BBC.
Kapitel 5
John begann noch am selben Abend mit dem Training. Es war erschreckend, wie sehr ein halbes Jahr ohne Sherlock ihn außer Form gebracht hatte. Zum Glück war ihm das militärische Trainingsprogramm nur allzu vertraut und auch wenn seine Fitness in den letzten zweieinhalb Jahren spürbar nachgelassen hatte, kannte sein Körper die Bewegungsabläufe im Schlaf. Auch wenn das Training anstrengend war, hatte es beinahe etwas Meditatives. Als er sich am nächsten Morgen von Muskelkater gequält die Treppen hinab schleppte bereute er seinen Enthusiasmus jedoch fast ein wenig. Dann rief er sich sein neues Motto ins Gedächtnis ‚Bereit alles zu tun' und er lächelte. Also los.
Nach seinem morgendlichen Sportprogramm verbrachte John den Vormittag in der Bibliothek und studierte die Unterlagen zu Christopher Hamilton, welche Mycroft ihm überlassen hatte. Wenn er sich schon als dieser ausgeben musste, dann sollte er ihn besser in und auswendig kennen. Das militärische Gebaren war ihm natürlich noch durchaus vertraut, doch um eine überzeugende Darstellung abzugeben, würde er noch etwas weiter gehen müssen. Und so beschloss er Mycroft am Abend zu bitten ihm Hamiltons restliche Habseligkeiten bringen zu lassen. Am Nachmittag traf schließlich der Tätowierer ein. Jefferson war ein schmaler, unauffällig gekleideter Mann, der eher einem Doktor als einem Tätowierer glich. Er trug eine kleine Brille mit dickem Rahmen, hatte kurzes rostrotes Haar und blaue aufgeweckte Augen. John mochte ihn auf Anhieb. Das Stechen des Tattoos war unangenehm, doch John biss die Zähne zusammen und versuchte sich mit leichter Konversation. Und so lernte er, dass Jefferson zwei Kinder hatte und mit seiner Frau und dem Labrador am Stadtrand von Newcastle wohnte. Jefferson hingegen hielt sich mit Fragen zurück. John vermutete, dass man ihn über John speziellen Status zumindest zum Teil in Kenntnis gesetzt hatte. Und vielleicht war es nur gut, wenn der Mann nicht allzu viel wusste.
Jefferson arbeitete bis kurz vor dem Abendessen. Mycroft hatte es tatsächlich geschafft ein Foto von Hamilton zu besorgen, auf welchem das Tattoo gut zu sehen war. Die Buchstaben waren verschlungen und kunstvoll angeordnet und durch die speziell von Jefferson angemischte Farbe leuchtete das Tattoo schließlich in bläulichem dunkelgrau auf der geröteten Innenseite von Johns rechtem Unterarm. Auch wenn John eigentlich kein Liebhaber von Tattoos war erwischte er sich dabei, wie er sogar ein wenig stolz auf seine neue Errungenschaft war. Umso besser. Er würde sich den Rest seines Lebens mit dieser Markierung abfinden müssen.
Die nächsten Tage bestanden größtenteils aus körperlichem Training und dem Studium von Mycrofts Akten. Er analysierte Hamiltons Character so gut er konnte und beschloss dessen Auftreten bereits für ausgedehntere Zeitspannen während des Tages zu kopieren. Er strich seinen militärischen Gang etwas mehr heraus während er durch die weiten Flure schritt und übte kühles, arrogantes und eiskaltes Auftreten vor dem Spiegel. In Gedanken ging er bereits erste Konfrontationen oder mögliche Aufträge von Moran durch und versuchte die besten Reaktionen für verschiedenste Situationen zu ermitteln. Er fand er machte gute Fortschritte.
„Wie kommen Sie mit dem Training voran, Doktor?" fragte Mycroft an einem Abend etwa zwei Wochen nach der Beerdigung. „Es sieht beinahe so aus, als würde ihre körperliche Ertüchtigung erste Erfolge zeigen." Er musterte John mit hochmütig erhobener Augenbraue.
John rollte gedanklich mit den Augen. Vermutlich musste er ein solches Zugeständnis Mycrofts fast als Kompliment werten. „Es geht gut, danke." Antwortete John höflich und stocherte in seiner Forelle.
„Und wie laufen die Nachforschungen über Moran? Haben Sie schon etwas Neues herausgefunden?" John war begierig auf jede Neuigkeit. Er war Sherlocks Tempo und Rastlosigkeit gewöhnt und die scheinbare Gemütlichkeit mit welcher Mycroft den Fall handhabte zehrte an seinen Nerven.
„Darüber wollte ich mit Ihnen reden." Erklärte Mycroft und teilte gekonnt das Fleisch über der Mittelgräte seines Fisches. „Meine Kontakte haben weiterhin Gerüchte über die Aktivitäten Christopher Hamiltons gesät. Erst gestern ist ein bedeutender Mitarbeiter des Innenministeriums verschwunden – ein Cousin von mir…" ergänzte Mycroft mit arrogantem Lächeln „…dessen Verschwinden Christopher Hamiltons zugeschrieben wird. Das sollte uns die Aufmerksamkeit Morans sichern."
John nickte und versuchte sich nun statt des Fisches an den Salzkartoffeln. „Was ist mit ihrem Cousin passiert? Ist er in einem Zeugenschutzprogramm untergekommen?"
Mycroft schenkte ihm ein gütiges Lächeln. „So ähnlich. Wie dem auch sei, ich denke es ist Zeit, dass wir die nächsten Schritte ergreifen. Ihr Bart ist inzwischen recht stattlich und sobald wir die letzten Veränderungen vorgenommen haben, sollte es dem unwissenden Beobachten unmöglich sein Sie zu erkennen. Morgen früh lasse ich ihnen einen Friseur und einen Maskenbildner kommen. Die sollten Sie bis zum Abend so weit präpariert haben, dass Sie einen ersten kleinen Ausflug in die Stadt machen können. Es ist wichtig, dass Sie sich an einigen entscheidenden Orten sehen lassen um unsere Gerüchte zu bestätigen. Dann sollte es nicht lange dauern, bis Sie von den richtigen Personen kontaktiert werden."
Der nächste Abend war schneller herangebrochen als John es für möglich gehalten hätte. Nach seinem morgendlichen Sportprogramm war er sogleich von Mycrofts Friseur aufgesucht wurden, der ihm Haare, Augenbrauen, Bart und sogar Wimpern in glänzendem schwarz gefärbt hatte. Als John gescherzt hatte, dass er ja Glück habe, dass man den Rest seiner Körperbehaarung in Ruhe ließe meinte dieser nur nüchtern, dass er ein Profi sei, der natürlich auf solche Details achten würde. Und eher sich John versah hatte man ihn seines Hemdes entledigt und ihm das beißend riechende Färbemittel auf die Brust geschmiert. Im Hintergrund hörte er Mycroft kichern und von da an ließ John die dummen Sprüche dummen Sprüche bleiben.
Die Maskenbildnerin war um einiges freundlicher und eine echte Augenweide, wie John gestehen musste. Während sie die Haut um Johns Auge herum präparierte, versuchte John immer wieder sie in ein lockeres Gespräch zu verwickeln. Die Frau antwortete dabei zwar stets höflich auf seine Fragen, machte jedoch unmissverständlich klar, dass seine Avancen bei ihr vergebens waren. Wie schade. John seufzte innerlich, doch er fand sich damit ab. So wie es aussah, würde er diese Frau nun regelmäßig sehen. Zwar konnte seine neue stattliche Narbe ein paar Tage standhalten, doch in und wieder bedurfte sie dennoch einer kleinen Auffrischung. Und so wollte er es sich besser nicht mit ihr verscherzen.
An frühen Nachmittag inspizierte John schließlich die ihm zur Verfügung gestellte Garderobe. Ein Großteil der Sachen die Mycroft ihm hatte schicken lassen war schwarz oder khakifarben. Die Hosen waren robust und funktionell und mit mehreren Taschen an den Hosenbeinen versehen. Die Pullover waren entweder aus schlichter Baumwolle oder aus dünnem Funktionsmaterial, das sich körperbetont eng um seine Haut legte. Hinzu kamen mehrere Paar getragen aussehende Militärstiefel, Jacken, eine Titanuhr welche die Uhrzeiten mehrerer Länder zeigte und andere lustige Gimmicks hatte und ein brandneues Handy. John seufzte. Keines dieser Dinge entsprach wirklich seinem Geschmack und er konnte nur hoffen, dass er sich nicht allzu unwohl fühlen würde.
Letztendlich entschied sich John für eine khakifarbene Hose mit Seitentaschen, einen hautengen Funktionspullover, eine Fliegerjacke und halbhohe Schnürstiefel. Die Sachen passten wie angegossen und als John sich im Spiegel betrachtete blickte ihm ein Fremder entgegen. Wenn er nun noch eine überzeugende Vorstellung abgab, würde es unmöglich sein ihn als John Watson zu erkennen. Alles hing von seiner Schauspielkunst ab.
Er straffte die Schultern, hob das Kinn ein wenig und stapfte in straffem Schritt die Treppe herunter. Wie John vermutet hatte, wartete Mycroft unten im Treppenhaus auf ihn. „Doktor Watson." Grüßte dieser höflich und nickte ihm zu. John wappnete sich innerlich. Es war am besten, wenn er gleich hier mit seinem kleinen Schauspiel begann. So konnte er sich gleich an seine neue Rolle gewöhnen.
„Captain Christopher Hamilton für Sie, Sir." Erwiderte John kühl und blickte dem anderen hochmütig entgegen. Mycroft verzog keine Miene sondern nickte nur höflich.
„Wie Sie meinen, Captain." Sagte er und griff in seine Innentasche. Hervor kam eine Desert Eagle und ein Messer, wie es im Militär benutzt wurde und Mycroft reichte ihm beides. „Ich wurde informiert, dass dies Ihnen gehört, Captain."
John rang für einen kurzen Moment um Fassung, dann besann er sich und sagte: „Wurde auch Zeit, dass Sie die wieder rausrücken." Er setzte sein wölfischstes Grinsen auf, nahm die Waffen entgegen und überprüfte Sie. Sie waren gebraucht, aber in hervorragenden Zustand. Er sicherte die Pistole wieder und versenkte sie im Hosenbund am Rücken. Dann zog er sich ohne Kommentar Hemd und Pullover aus und schnallte sich das Messer mit der hierfür vorgesehenen Scheide auf den Rücken. Dabei würdigte er Mycroft keines Blickes. Nachdem er sich wieder angekleidet hatte wandte er sich wieder an den älteren Holmes. „Was haben Sie sonst noch von mir?" verlangte er kühl und erwartete fast eine Abfuhr. Stattdessen musterte der Mann ihn gerade heraus und reichte ihm eine Brieftasche, eine Kette mit Identifikationsmarken und ein Schlüsselbund mit verschiedenen Schlüsseln. „Hier sind die Schlüssel zu Ihrem Appartment. Die Adresse finden Sie in einer Textnachricht auf Ihrem Telefon. Nach dem heutigen Abend ist es sicherer, wenn Sie nicht hierher zurückkehren. Ihre Sachen finden Sie bei Ihrer Rückkehr dort. Außerdem sind da noch die Schlüssel zu Ihrem Motorrad. Ich hoffe Sie haben während Ihrer Abwesenheit das Fahren nicht verlernt?"
John grinste mit einem Selbstbewusstsein, das er eigentlich nicht verspürte. Doch er ließ sich nichts anmerken. „Motorrad fahren ist wie Fahrrad fahren. Das verlernt man nicht." Sagte er in arrogantem Tonfall und wandte sich ab. „Ich nehme an die Maschine steht im Hof?" Und mit diesen Worten war er verschwunden.
John wandte sich für seine Spritztour nach Hackney, einem der schlimmsten Viertel Londons. Mycroft hatte ihn informiert, dass Moran hier sehr wahrscheinlich eines seiner Verstecke aufgeschlagen hatte und so machte es am meisten Sinn hier anzufangen. Die Gegend war finster und passte zu Moran. John entschied sich nach kurzem umherstreifen für eine kleine Eckkneipe, welche trotz des uneinladenden Ambientes von einem bulligen Türsteher bewacht wurde. John konnte sich mühelos vorstellen, dass jemand wie Moran hier Augen und Ohren hatte. Der Ort schien einfach der perfekte Magnet für allerlei zwielichtige Gestalten zu sein. John schob sich lässig an dem Türsteher vorbei und als dieser ihm mit finsterer Miene zunickte, würdigte er ihn keines Blickes. John Watson hätte sich von seiner Gegenwart vielleicht beeindrucken lassen, doch für Christopher Hamilton war er nur ein lästiger Köter, der seine Aufmerksamkeit suchte. Er setzte sich an die Bar und bestellte einsilbig ein Bier. Als der Kellner es ihm brachte, nickte John ihm beiläufig zu und trank das Glas in einem Zug leer. „Noch eins." Forderte er barsch und der Nachschub folgte prompt. Dieses Mal ließ er sich mehr Zeit und starrte schweigend geradeaus, während er nebenbei den Gesprächen im Lokal lauschte. Es dauerte nicht lange und er sah aus dem Augenwinkel, wie sich eine Gestalt neben ihm auf den Barhocker schob. John grinste innerlich. Na das hatte ja nicht lange gedauert. Der Neuankömmling bestellte einen Gin Tonic und kaum hatte er diesen entgegen genommen, wandte er sich an John. Dieser rollte innerlich die Augen. Was für ein Anfänger.
„Mein Name ist Mike Frankham." Sagte der Andere und wartete nun seinerseits auf eine Vorstellung von John. Doch dieser beschloss ihn noch eine Weile zappeln zu lassen und starrte stattdessen unbeeindruckt geradeaus. Die Stille hielt für etwa eine Minute bevor er gefragt wurde. „Wie heißen Sie?" John seufzte und blickte den Kerl an. Der Typ war einen Kopf größer als er, mager und hatte glattes aschblondes Haar, welches unter der Kapuze eines grauen Pullovers hervorlugte und ihm kinnlang und fettig ins Gesicht hing. Dunkelbraune Augen blickten ihm aus einem hohlwangigen Gesicht interessiert entgegen.
„Hamilton." Erwiderte John knapp und wandte sich wieder seinem Bier zu. „Und nun lassen Sie mich gefälligst in Ruhe meinen Drink trinken." Brummte er und nahm einen langen Schluck. Und bevor er das Glas wieder abgesetzt hatte, war der Andere verschwunden.
Es dauerte keine drei Stunden bis Moran sich bei ihm meldete. John hatte gerade sein neues Appartment betreten und seine Jacke an die Garderobe gehängt, als sein neues Handy sich vibrierend in seiner Hosentasche meldete. Die Nummer auf dem Display war unterdrückt und John hatte eine Ahnung, dass der Anruf nicht von Mycroft sein würde. Nach dem dritten Klingeln hob er ab.
„Was wollen Sie?" fragte er gelangweilt und wartete. Am anderen Ende herrschte für einen Moment Stille. Schließlich sagte eine bekannte Stimme:
„Hier spricht Sebastian Moran."
Innerlich jubelte John, doch äußerlich ließ er sich nichts anmerken. „Was wollen Sie?" wiederholte er in gelangweiltem Tonfall und wartete – wieder Stille am anderen Ende der Leitung. Dann schließlich:
„Ich würde Ihnen gerne ein Angebot machen. Wenn Sie Interesse haben kommen Sie morgen um 22 Uhr in die 44 Greenwitch Road." Und ohne eine Antwort abzuwarten legte Moran auf. John grinste. Das Spiel hatte begonnen.
