A:N: Ich konnte es nicht lassen und musste mal wieder eine Mycroft/John Szene schreiben. Ich hoffe ihr genießt das Lesen genauso sehr wie ich das Schreiben genossen habe. Wie findet ihr die Entwicklung der Dinge?
Kapitel 7
Als John nach Mitternacht endlich sein Appartement erreichte, ließ er sich erschöpft auf das Bett sinken. Die Neuigkeiten über sein Blog und dessen Bedeutung bei seiner Entführung hatten ihn tief getroffen und seine Maske vor Moran und seinen Männern aufrecht zu halten, hatte ihm die letzten Kräfte geraubt. Nun konnte er endlich alle Schutzschilde fahren lassen und sich seinen Gedanken hingeben. Fakt war: sein Blog wurde gehackt um in Sherlocks Namen Botschaften abzusenden. Er war sich fast sicher, dass es nicht Sherlock gewesen sein konnte. Sherlock war tot und selbst wenn er lebte, hätte er John niemals auf diese Weise in Gefahr gebracht. Zudem war er nicht der Typ der mit seinen Erfolgen hausieren ging. Nein, Sherlock schied aus, auch wenn sein Unterbewusstsein sich nur zu gerne an diese Hoffnung klammern wollte. Doch bevor er sich ein genaueres Bild von der Sache machen konnte, brauchte er mehr Daten. Das hatte er durch die Arbeit mit Sherlock gelernt. Also klappte er seinen Laptop auf und tippte die Adresse seines Blogs in den Browser. Wenige Sekunden später wurde die Seite geladen. Und tatsächlich, es gab zwei neue Einträge. Der neuste Eintrag war 3 Stunden alt:
„Drogenring in Sutton ausgehoben. Die Spuren im Schnee waren eine Fährte, die jedem Denkfähigen den Weg weisen musste. SH."
Der Eintrag davor stammte vom 18. November und war somit zwei Tage vor Johns Entführung geschrieben worden. Hier hieß es:
„James Peterson zugelaufen. Meistbietend zu veräußern an Exmillitärs. Bei Interesse ein Gebot als Kommentar unter diesem Beitrag hinterlassen. SH"
Das war alles. Und doch hatte es John in solche Schwierigkeiten gebracht. Er seufzte. Was nun? Gerade als er den Rechner wieder ausschalten wollte, erschien ein Fenster mit Mycrofts Ebenbild auf seinem Bildschirm. John seufzte.
„Guten Abend, John." Grüßte Mycroft ihn freundlich. „Ich wollte mich nach Ihrem Befinden erkundigen."
John seufzte. „Ich schätze ich kann Sie nicht überreden sich morgen noch einmal zu melden?" fragte John hoffnungslos.
Mycroft antwortete nicht darauf, sondern sagte stattdessen: „Sie sehen müde aus. Was ist geschehen, John?" Seine Stimme hatte dabei einen leicht besorgten Tonfall.
„Sie haben in letzter Zeit nicht zufällig einen Blick auf mein Blog geworfen?" meinte John, und er wusste, dass die Müdigkeit in seiner Stimme deutlich zu hören war.
„Meine Männer überwachen selbstverständlich alles, was mit Ihnen in Verbindung steht" erklärte Mycroft steif und musterte John mit unbewegter Miene. Doch Johns Gedanken rasten.
„Dann wussten Sie also von der Nachricht auf meinem Blog" stellte John irritiert fest. „Und Sie hielten es nicht für nötig mich zu warnen, dass Moran mich vielleicht damit in Verbindung bringen könnte?"
Mycroft wirkte ein wenig verlegen. „John, meine Männer hatten Sie die ganze Zeit über im Auge. Nachdem diese Nachricht abgesendet wurde, herrschte in Bezug auf ihren Schutz höchste Alarmbereitschaft."
John war nicht überzeugt und fuhr grummelnd fort: „Wer hätte überhaupt Interesse meinen Blog zu hacken? Und wer hätte vor allem die Mittel dazu?" überlegte John laut. „Nach dem letzten Hack auf meinen Besucherzähler habe ich Sherlock gebeten mal einen Blick auf darauf zu werfen. Der Hacker kann also unmöglich ein Anfänger gewesen sein."
Mycroft sagte nichts und so überlegte John weiter. „Moriarty hätte natürlich das Zeug dazu gehabt. Aber der ist tot und stand zudem auf der falschen Seite. Es muss also jemand von uns sein. Nur wer hätte außer Sherlock Interesse an Moriarties Netzwerk?"
Mycroft wirkte unsicher. „Moriarty hatte viele Feinde, John" erklärte er. „Sein Netzwerk erstreckte sich über weite Teile Europas."
John winkte ab. „Ja, aber der Hacker spielt in seinen Beiträgen auf Geschehnisse in London an. Er ist in der Stadt, Mycroft!"
„Auch innerhalb der Stadt könnte Moriarty unzählige Feinde gehabt haben" beschwichtigte ihn Mycroft. Doch John ließ sich nicht beirren.
„Mag sein. Aber warum sollte einer dieser Leute gerade auf die Idee kommen mein Blog zu hacken? Und warum sollte er sich als Sherlock ausgeben? Das passt nicht…"
John grübelte und sah plötzlich, dass Mycroft immer unruhiger wirkte. „Möchten Sie mir vielleicht irgendwas sagen, Mycroft?"
Der Andere zog eine Grimasse und wirkte, als hätte er auf eine Zitrone gebissen. Schließlich seufzte er und sagte: „Ich habe veranlasst ihr Blog zu hacken, John" erklärte er ruhig. John starrte Mycroft fassungslos an und wurde sich bewusst, dass der Mund ihm offen stand. Er konnte es nicht glauben.
„Wir mussten eine Reaktion von Moran provozieren um herauszufinden wo er steckt" erklärte Mycroft ruhig. „Das war die logischste Option."
John wurde übel. Er war es gewohnt von Sherlock für seine Experimente benutzt zu werden, doch hatte Sherlock ihn dabei nie ernsthaft in Gefahr gebracht. Mycrofts Missbrauch spielte in einer ganz anderen Liga. John hätte leicht bei dieser Aktion sterben können und er war sich nicht einmal sicher, ob Mycroft das wirklich gekümmert hätte. „Sie haben das alles geplant" murmelte John schließlich wie betäubt. „Die Entführung, meinen vorgetäuschten Selbstmord, vielleicht sogar die Sache mit Christopher Hamilton."
Mycroft stritt es nicht ab. John konnte es nicht fassen. „Ich verstehe" meinte er schließlich zerknirscht. „Ich war also nur ein Bauer auf ihrem Schachbrett."
Mycroft schmunzelte daraufhin gutmütig und meinte beschwichtigend: „Eher ein Läufer."
John hatte genug. Er spürte wie seine Beherrschung zu bröckeln begann und wusste, dass er nicht noch mehr ertragen konnte. Daher sagte er mit mühsam gezähmter Stimme: „Gehen Sie mir aus den Augen."
Mycrofts Miene blieb unverändert ruhig. „John…" begann dieser vorsichtig, doch John sah rot.
„Gehen Sie!" rief John wütend. Und mit einem Seufzen war Mycrofts Abbild verschwunden.
Als John am nächsten Abend schlecht gelaunt in Richtung des nächsten Supermarktes stapfte, spürte er plötzlich das Handy in seiner Brusttasche vibrieren. Zunächst wollte er es einfach ignorieren - er war müde und wollte seine Ruhe - doch schließlich besann er es sich eines Besseren. Es konnte Moran sein. Und so sehr John sich auch unter einer Schicht aus Wut und Frust vergraben hatte, so war er doch kein Idiot. Er konnte jetzt nicht einfach einen Rückzieher machen und Christopher Hamilton von der Bildfläche verschwinden lassen. Das würde den ganzen Plan gefährden – Mycrofts Plan flüsterte eine düstere Stimme – doch zugleich musste John sich wiederwillig eingestehen, dass er es genoss wieder gebraucht zu werden. In den Wochen nach seiner Beerdigung hatte er sich so lebendig gefühlt wie lange nicht mehr. Was das verrückt? Wahrscheinlich. Aber es kümmerte ihn nicht.
An Blick auf das Display seines Handys ließ ihn jedoch aufseufzen.
Steigen Sie in das Taxi, John. MH
Sich lebendig fühlen hin oder her, er war immer noch sauer auf Mycroft. Der Mann hatte ihn in Gefahr gebracht, benutzt und belogen. Und nun wollte er John wieder nach seinen Fäden tanzen lassen.
Bin heute nicht an Ihren Spielchen interessiert. JW
Seinen sie nicht kindisch John. Wir beide wissen, dass ich Sie wenn nötig zwingen kann. MH
John seufzte und steckte das Handy wieder in die Tasche. Natürlich wusste er es. Und er würde die Sache lieber erhobenen Hauptes hinter sich bringen, als sich von Mycrofts Gorillas im Anzug in eine schwarze Limousine zerren zu lassen, oder etwas ähnlich würdeloses. Er hatte einen Holmes überlebt, dachte er freudlos, er würde auch mit einem zweiten fertig werden.
„Guten Abend Doktor Watson." Begrüßte ihn Mycroft höflich, als John schließlich in sein Büro im Diogenes Club trat. Er hatte es sich auf einem der Sessel gemütlich gemacht, eine Zeitung auf dem Schoß und eine dampfende Tasse Tee neben sich stehen. „Setzen Sie sich doch."
„Ich nehme an es liegt in der Familie ein ‚Nein' nicht gelten zu lassen?" fragte John mit ärgerlich hochgezogener Augenbraue und blieb im Türrahmen stehen.
Mycroft lächelte ihn gütig an, sagte jedoch nichts dazu. Stattdessen meinte er: „Da Sie scheinbar beschlossen haben mir aus dem Weg zu gehen und sich eine eigene Meinung zu den … Geschehnissen zu bilden, habe ich beschlossen Sie zumindest über alle nötigen Fakten in Kenntnis zu setzen."
John musterte ihn mit vor dem Körper verschränkten Armen. „Warum so plötzlich? Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, hatten Sie es noch vorgezogen, mich im Dunkeln tappen zu lassen."
Mycroft seufzte. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass Sie nach Sherlocks … Ableben eine besonders hohe Meinung von mir hatten. Daher hatte ich nicht den Eindruck, dass Sie meiner Einladung gefolgt wären, geschweige denn sich meinen Vorschlag angehört hätten."
John runzelte die Stirn. „Sie hätten es zumindest versuchen sollen." Knurrte er halbherzig. Im Nachhinein war es schwer zu beurteilen, wie er in einem solchen Fall reagiert hätte. Doch Mycroft hatte vermutlich Recht. Er wäre einer Einladung von ihm nicht gefolgt. Nach Sherlocks Beerdigung war Mycroft der letzte, den er hatte sehen wollen.
Mycroft schien seinen Gedankengang aus seinem Gesicht abzulesen. Noch einmal deutete er einladend auf dem Sessel ihm gegenüber, und dieses Mal nahm John den angebotenen Platz mit finsterer Miene an. Mycroft nahm dies mit Gleichmut, schenkte ihm stattdessen eine Tasse Tee ein und reichte Sie ihm.
„Bereuen Sie Ihre Verwicklung in die Geschehnisse?" fragte Mycroft ihn schließlich höflich und blickte ihn neugierig an.
John lächelte reumütig. „Nicht wirklich. Es fühlt sich sogar gut an endlich wieder … nunja … gebraucht zu werden, schätze ich."
Mycroft nickte verstehend und nippte an seinem Tee. „Dann nehme ich an, dass wir unsere Zusammenarbeit trotz der unglücklichen Geschehnisse fortsetzen können?" fragte er in hoffnungsvollen Tonfall.
John musterte ihn ernst. „Unter einer Bedingung" sagte er schließlich. „Keine Geheimnisse mehr. Wenn Sie einen Plan haben, der mich einschließt, dann möchte ich darüber informiert werden. Vollständig!"
Mycroft überlegte kurz, tippte aber schließlich mit dem Kopf zur Seite und sagte: „Einverstanden."
John atmete innerlich auf. Dann jedoch fiel ihm etwas ein und er fragte: „Wie viele Männer Morans haben Sie inzwischen verschwinden lassen?" Mycroft hob erstaunt die Augenbraue.
„Wie auf Ihrem Blog bekannt gegeben, habe ich nur das Verschwinden von James Peterson und den Mitgliedern des Drogenringes zu verantworten. Beides waren eher kleine Erfolge und ausschließlich dazu gedacht um Moran nervös zu machen und aus der Reserve zu locken."
John grübelte. „Aber wenn ich Moran richtig verstanden habe, sind noch weit mehr seiner Leute verschwunden."
„Davon ist auszugehen, ja. Es gibt noch eine weitere Partei in diesem Spiel, deren Identität mir bisher jedoch verborgen geblieben ist" gestand Mycroft und sein Gesicht nahm einen nachdenklichen Ausdruck an.
„Also wissen wir auch nicht, ob dieser jemand auf unserer Seite ist oder seine ganz eigenen Ziele verfolgt."
Mycroft nickte. „Das bleibt abzuwarten, ja."
Die beiden schwiegen eine Weile lang einträchtig und John hing seinen Gedanken nach. Er verspürte immer noch einen unterschwelligen Groll gegen Mycroft, doch gleichzeitig merkte er wie seine offene Feindseligkeit Mycroft gegenüber so langsam verflog.
Ein Räuspern Mycrofts riss ihn schließlich aus seinen Gedanken. „Sie erwähnten mir gegenüber neulich, dass Sie … ein wenig Gesellschaft zu schätzen wüssten" begann dieser vorsichtig und John sah ihn verwundert an, nickte aber unsicher. „Was schwebt Ihnen vor?"
Mycroft wirkte verlegen. „Vielleicht hätten Sie Interesse an einem Brettspiel?"
John schmunzelte. „Ein Brettspiel? Sie meinen Schach?" fagte er ein wenig hilflos und fügte hinzu. „Leider habe ich nicht sonderlich viel Ahnung…"
Doch Mycroft unterbrach ihn. „Ich hatte eher an etwas Vergnüglicheres gedacht. Mein Bruder erzählte mir vor einiger Zeit von einem Spiel, das er für sich entdeckt hatte. Sagt ihnen der Name Cluedo etwas?"
