Und hier kommt das letzte Kapitelchen. Danach fehlt nur noch der Epilog. Der folgt in den nächsten Tagen. Freue mich wie immer auf euer Feedback.

Kapitel 13

John hatte kurzentschlossen sein Zimmer im obersten Stockwerk des Hauses bezogen und beschlossen sich schlafen zu legen. Sherlock und Mycroft hatten ihm versichert rechtzeitig Bescheid zu geben wenn sich Moran und seine Männer auf den Weg machten und so wollte er die Gelegenheit nutzen noch ein wenig Schlaf zu erhaschen, bevor es in die Schlacht ging. Mehrfach war John den Plan in seinem Kopf noch einmal durchgegangen und obwohl es sich um einen guten Plan handelte, hatte er ein ungutes Gefühl. Ein unangenehmes Kribbeln hatte sich seiner Magengegend festgesetzt und die Haare in seinem Nacken hatten sich förmlich aufgestellt. Unruhig setzte John sich auf sein Bett und überprüfte und reinigte seine Browning bevor er sie an ihrem gewohnten Platz an seinem Kopfkissen verstaute. Danach schlich er sich noch einmal zum Fenster und warf einen Blick nach draußen. Die Straße vor der Baker Street war gewohnt ruhig und die Sicht war in dieser Nacht erstaunlich gut. Vereinzelt liefen Passanten über den Gehweg, doch es lümmelten keine verdächtigen Personen in Straßenecken und auch von Mycrofts Leuten war niemand zu entdecken. Alles schien in Ordnung zu sein. John zuckte die Schultern, schloss das Fenster wieder und schlurfte zurück in sein Bett. Er zog die Decke locker über sich und schloss die Augen. Doch erst nach einigen Stunden fiel er in einen unruhigen Schlaf.

John erwachte durch das knarren einer Treppenstufe zu seinem Zimmer und war sofort hellwach. All seine Soldateninstinkte schrien Alarm und er hatte das untrügliche Gefühl, dass jemand im Haus war. Die knarrende Stufe war die dritte von unten und er wusste, dass ihm wenig Zeit blieb. In einer fließenden Bewegung griff er nach seiner Waffe und ließ sich aus seinem Bett gleiten. Sofort ging er in Deckung und schlich in die Ecke neben den Türrahmen. Dort lehnte er sich an die Wand und wartete. Wieder knarrte die Treppe – noch zwei Stufen bis zu seinem Zimmer. John hielt den Atem an. Danach ging alles blitzschnell. Die Tür flog auf und John hörte einen Schuss aus dem Lauf einer schallgedämpften Pistole. In der Decke seines Bettes bildete sich ein Krater und ein Schatten schob sich durch den Türrahmen. John stürzte sich mit voller Wucht von hinten auf ihn. Er schien den Gegner überrascht zu haben, denn beide Männer gingen zu Boden und landeten mit einem lauten Poltern auf dem kalten Dielenboden. John hatte für einen Moment die Oberhand und holte gerade mit dem Griff seiner Pistole zu einem Schlag aus, als der Fuß des Anderen ihn an der Brust traf. Grunzend kippte er nach hinten und der Andere war sofort über ihm. Eine kräftige Hand schloss sich um seine Kehle und drückte zu.

„So sieht man sich wieder, Captain." Schnarrte eine altvertraute Stimme die ihm die Nackenharre aufstellte. „Doch jetzt wird es Zeit sich zu verabschieden. Zu ihrem Bedauern kann ich eine Falle inzwischen meilenweit gegen den Wind wittern. Keiner ihrer Freunde wird rechtzeitig hier sein." John versuchte verzweifelt Moran mit den Händen zu erwischen, doch schon merkte er wie sein Geist sich umwölkte. Seine Sicht trübte sich und seine Arme drohen zu erschlaffen, als er plötzlich einen weiteren dumpfen Schlag hörte und der Druck von Morans Fingern augenblicklich nachließ. Stattdessen wurde John unter Morans hühnenhaftem Körper begraben, der bewusstlos auf ihn herabsackte.

Ein ersticktes Stöhnen entwich Johns Kehle bevor er einen Teil seiner Kraft wiedererlangte und Moran vor sich herunterwälzte. Gerade wollte er sich aufrichten, als sich eine Hand auf seine Schulter legte und ich vorsichtig aber bestimmt zu Boden drückte.

„Bleiben Sie liegen, John." Es war Sherlock. „Das Haus ist sicher und ich kümmere mich um Moran." John gab nur ein Stöhnen als Antwort und nutzte die Gelegenheit für ein paar tiefe Atemzüge. Das war knapp gewesen. Neben sich hörte er das Klicken von zwei Paar Handschellen und aus dem Augenwinkel sah er, wie Sherlock Moran an einen der Bettpfosten fesselte. Als er schließlich das Getrappel mehrerer Paar Füße auf der Treppe hörte richtete er sich benommen auf und stapfte in die Mitte des Zimmers. Wenig später schwärmten drei Männer die offensichtlich zu Mycrofts Leuten gehörten in den Raum und nahmen Moran sofort kommentarlos in Gewahrsam. Kaum hatten sie ihn die Treppe heruntergeführt kam Mycroft durch den Türrahmen stolziert. Er warf einen kurzen Blick durch das Zimmer und wandte sich schließlich an John.

„Wie ich sehe sind die wohlauf, John." Sagte er in seinem gewohnt steifen Tonfall. „Sie haben Moran gut in Schach gehalten so dass mein geschätzter Bruder…" bei diesen Worten ließ er seinen Blick in Richtung Sherlock gleiten „die Gelegenheit hatte ihn problemlos von hinten zu überwältigen. Ich muss Ihnen gratulieren."

John schnaubte zunächst nur und warf schließlich einen strafenden Blick in Richtung der beiden Brüder. „Was war eigentlich los? Ich dachte Sie sagen Bescheid, wenn Moran auf dem Weg ist. Nur habe ich keinen Anruf erhalten. Der Typ hätte mich beinahe in meinem Bett erschossen," erklärte er und deutete in Richtung seiner durchlöcherten Bettdecke. Für einen Moment wirkten die beiden Holmes' wie gescholtene kleine Jungen, doch schließlich fasste sich Sherlock und sagte:

„Er muss misstrauisch mir gegenüber geworden sein, denn er hat keinem seiner Männer gegenüber seine Pläne für den heutigen Abend erwähnt. Stattdessen sagte er nur, dass er über einen guten Plan nachdenken wolle. Er muss sich alleine auf den Weg gemacht haben. Mir hätte etwas auffallen müssen!" Sagrte er in ärgerlichem Tonfall.

John nickte nur und wandte sich an Mycroft. „Und wo waren ihre Männer?"

Mycroft blickte John ernst entgegen und erwiderte zerknirscht: „Ich hatte zwei Männer in der Baker Street postiert. Er muss sie von hinten überrascht und überwältigt haben, bevor sie Meldung machen konnten."

John nickte und rieb sich abwesend den Hals. Dabei sah er aus dem Augenwinkel wie Sherlock ihn wachsam musterte. „Und wie kommt es, dass ich nun doch nicht hier auf dem Boden mein Leben ausgehaucht habe?" fragte er sarkastisch.

Die Antwort kam von Sherlock. „Ich habe die Baker Street im Auge behalten. Die Wohnung gegenüber steht leer." Sagte dieser leichthin. John hatte das Gefühl dass Sherlock dem noch etwas hinzufügen wollte, doch falls dies der Fall war, so hatte er sich aus irgendeinem Grund dagegen entschieden. Und so seufzte John nur und sagte an Sherlock gewandt:

„Dann verdanke ich Ihnen mein Leben – schon wieder." Er rieb sich verlegen den Nacken. „Danke."

„Lassen Sie es nicht zur Gewohnheit werden." Erwiderte Sherlock, doch sein Grinsen verriet, dass er es nicht so meinte. Gerade als John zu einer Antwort ansetzen wollte unterbrach ihn Mycroft mit einem Räuspern und sagte:

„Jemand sollte einen Blick auf Ihre Verletzungen werfen, Doktor Watson. Einer meiner Männer könnte…"

Doch John winkte ab. „Ich kümmere mich selbst darum." Sagte er und griff neben dem Bett nach seiner Arzttasche.

„Natürlich." Antwortete Mycroft knapp und wandte sich zum Gehen.

„Ihre Männer können sich unterdessen um Moran kümmern. Haben Sie schon einen Blick auf Mrs Husdon geworfen?" fragte John gerade als des ältere Holmes den Türrahmen erreicht hatte.

Mycroft lächelte gütig. „Sie schläft."

„Gut. Dann sagen Sie ihren Leuten Sie sollen leise sein. Wir wollen doch nicht, dass Mrs Hudson noch mit der Bratpfanne auf die losgeht."

John schlief die restliche Nacht lang wie ein Stein. Mycrofts Männer schafften es tatsächlich binnen weniger Minuten das Haus mit Moran zu verlassen und dabei keinerlei Hinweise auf die nächtlichen Geschehnisse zurückzulassen. Kurz darauf verabschiedeten sich auch Mycroft und Sherlock mit knappen Worten und wünschten John eine gute Nacht. Und die hatte John tatsächlich gehabt. Erst gegen 10 Uhr des kommenden Tages rappelte er sich aus seinem Bett auf, streifte sich seinen Morgenrock über und machte sich auf den Weg in die Küche um den Tag mit einer Tasse Tee zu beginnen. Als er jedoch die Tür des Wohnzimmers öffnete bot sich John ein Anblick welcher ihn sprachlos im Türrahmen verharren ließ. Auf dem Sofa lag Sherlock, wieder in alter Haarpracht und in seinen liebsten blauen Morgenrock gehüllt, der lässig Johns Laptop auf seinen Knien balancierte.

„Ah John, gut dass Sie kommen. Mycroft hat angerufen. Wir haben in einer Stunde einen Termin bei Scotland Yard," sagte Sherlock in seinem gewohnt beiläufigen Tonfall und John konnte nicht anders, als ihn zunächst einfach nur sprachlos anzustarren. Nach einigen langen Augenblicken erlange er jedoch seine Fassung wieder und fragte irritiert:

„Was tun sie hier, Sherlock?" Wofür er sich einen irritierten Blick des Anderen einfing.

„Ich gehe meine Notizen zu Moran und seinen Leuten durch. Wir haben gestern Nacht zwar Moran geschnappt, aber seine Männer sind noch immer auf freiem Fuß."

John seufzte und machte sich kopfschüttelnd auf den Weg in Richtung Küche. „Ich meinte eigentlich: was machen sie mit meinem Laptop auf meinem Sofa in meiner Wohnung," presste John hervor während er Wasser in den Wasserkocher füllte und einen Teebeutel aus einem der Küchenschränke hervorholte. Er sah wie Sherlock die Augen verdrehte bevor er antwortete:

„Mein Laptop ist noch bei den Sachen die Mycrofts Leute erst später hier vorbei bringen. Das Sofa ist wie Sie wissen mein bevorzugter Ort zum Nachdenken in dieser Wohnung und da mein altes Zimmer noch leer steht bin ich gleich wieder eingezogen." Ratterte er im für ihn typischen Sprechtempo herunter. „Problem?"

John starrte Sherlock mit herabhängender Kinnlade an. Als er schließlich das Klicken des Wasserkochers hinter sich hörte fing er sich wieder und fragte bemüht ruhig: „Und Ihnen ist nicht in den Sinn gekommen mich vorher zu fragen?"

Sherlock legte die Stirn in Falten, tat den Laptop beiseite und setzte sich auf dem Sofa auf, bevor er John mit seinem analysierenden Blick festnagelte: „Mein Zimmer ist das größere von beiden. Dennoch haben sie es vorgezogen weiterhin in ihrem alten Zimmer wohnen zu bleiben. Dennoch sind Boden und Inventar in meinem Raum regelmäßig gereinigt worden und sogar das Bett wurde vor kurzem frisch bezogen. Freilich hat sich Mrs Hudson darum gekümmert, doch haben Sie es nicht für nötig gehalten, ihr das auszureden." Schon merkte John wie seine Ohren heiß und seine Beine weich zu werden begannen, doch Sherlock hatte sich gerade erst warm gelaufen. „Dann ist da noch die Tatsache dass sich überall in der Wohnung alte Habseligkeiten von mir befinden. Mein Morgenrock, meine Violine, das Geweih und sogar meinen Schädel haben Sie behalten. Meine restlichen Sachen haben Sie Mycroft überlassen, doch diese Dinge haben Sie behalten. Für einen Außenstehenden sind diese Dinge völlig wertlos, daher schätze ich, dass Sie sie aus Sentimentalität behalten haben. Ergo, Sie haben mich vermisst und würden einer erneuten Wohngemeinschaft positiv gegenüberstehen. Ich wollte ihren Schlaf nicht unterbrechen und ihre Zeit mit überflüssigen Fragen vergeuden. Also bin ich gleich eingezogen."

John seufzte tief, bevor er das heiße Wasser aus dem Wasserkocher in seine Tasse goss. Was hatte er erwartet? Für Sherlock war die Sache so einfach, wie er sie darstellte. Selbstverständlich hatte er seinen alten Freund vermisst und sich nichts sehnlicher gewünscht als dass ein Wunder geschieht und er auf mysteriöse Weise von den Toten zurückkehren würde. Aber auch nur Sherlock brachte es fertig, seinen vorgetäuschten Tod als blanke Notwendigkeit dastehen zu lassen und sich keine Gedanken darüber zu machen, dass John sich hintergangen und wie ein Idiot fühlen musste. Aber wollte er tatsächlich, dass Sherlock wieder auszog und John weiter alleine in der Baker Street wohnte? Er seufzte schicksalsergeben, nahm seine Tasse und setzte sich mit ihr in seinen Lieblingssessel.

„Haben Sie schon gefrühstückt?" wechselte er das Thema und nahm einen Schluck aus seiner Tasse.

Sherlock musterte John mit hochgezogener Augenbraue. „Der Kühlschrank ist leer. Sie waren offensichtlich noch nicht einkaufen." Antwortete dieser schließlich beinahe gelangweilt und John konnte sich ein Schnauben nicht verkneifen.

„Und Ihnen ist natürlich nicht in den Sinn gekommen…" er brach kopfschüttelnd ab. „Natürlich nicht." John nahm einen weiteren Schluck aus seiner Tasse. So verharrten beide eine Weile lang in Schweigen. Gerade als John seine Tasse Tee beendet hatte und aufstehen wollte hielt Sherlock ihm ein in Zeitung gewickeltes Päckchen entgegen. John stutzte.

„Ist das für mich?"

Sherlock schenkte ihm ein beinahe spitzbübisches Grinsen. „Gute Deduktion."

John nahm es zögerlich entgegen und packte es aus. Kaum hatte er einen ersten Blick unter die Verpackung geworfen blickte er Sherlock verdutzt an. „Cluedo?"

„Während einer der letzten Begegnungen mit meinem Bruder konnte ich ableiten, dass Sie eine neuerliche Begeisterung für das Spiel entwickelt haben. Ich hielt es für das passende Wiedereinzugsgeschenk."

John schmunzelte innerlich. Es war nicht das erste Mal, dass Sherlock bei seinen Beobachtungen eine Kleinigkeit übersehen hatte. Für einen Moment suchte John nach einer passenden Antwort, doch dann grinste er und sagte: „Wir finden sicher wieder einen geeigneten Platz an der Wand dafür. Ich muss zugeben, dass ich den Anblick in den letzten Monaten tatsächlich ein wenig vermisst habe." Der verdutzte Gesichtsausdruck welchen Sherlock daraufhin machte, war Einzugsgeschenk genug.