XXXII.
Der rote Schnauzbart, der in Wirklichkeit Sergeant Kenzo hieß und der Boss von Wartungsteam 26 war, vertrat die Meinung, dass niemand, der einigermaßen geschickt mit einem Schraubenschlüssel hantierte, ein ganz und gar hoffnungsloser Fall auf menschlicher Ebene sein konnte. Demzufolge hatte er sich zu der Erkenntnis durchgerungen, dass eine harmlose Unterhaltung mit dem Sohn von Lord Vader nicht unbedingt lebensgefährlich sein musste. Und er hatte vor, diese Theorie heute zu beweisen – teilweise auch deshalb, weil seine weniger optimistisch eingestellten Männer ihn zu einer Wette herausgefordert hatten und neben seiner Ehre auch noch hundert sauer verdiente Credits auf dem Spiel standen. (Ganz zu schweigen von dem inzwischen angesammelten Jackpot!)
Aus diesem Grund wischte er nun energisch sein schweißglänzendes Gesicht und seine Glatze mit einem eigens dafür bestimmten Mikrofasertuch ab, das er immer in einer der zahlreichen Taschen seines Overalls bei sich trug, nahm all seinen Mut zusammen und betrat die Droiden-Werkstatt, um dem dort herumwerkelnden Objekt der allgemeinen Neugierde und mehr oder weniger fantasievollen Spekulationen einen kleinen Besuch abzustatten und bei dieser Gelegenheit vielleicht sogar ein echtes Gespräch anzuknüpfen – am besten so etwas wie einen Erfahrungsaustausch zwischen Fachleuten.
Luke Skywalker, der gerade den verworrenen Kabelsalat sortierte, den er aus einer Klappe in R2s Kehrseite heraus gepflückt hatte, pfiff unmelodisch, aber munter vor sich hin. Sergeant Kenzo fand das ausgesprochen motivierend. (Ein einsamer Mechaniker, der bei der Arbeit nicht pfiff, sang, summte oder wenigstens ein Radio im Hintergrund laufen ließ, war wirklich ein hoffnungsloser Fall!)
Angespornt durch dieses eindeutige Anzeichen von Normalität und gesundem Menschenverstand trat Kenzo näher. Er warf einen abschätzenden Expertenblick auf den unglaublich verbeulten und zerkratzten kleinen Astromech (sogar die Plakette mit der Seriennummer war abgewetzt!) und entschloss sich zu einer ersten Äußerung.
„Ein R2, was? So einen habe ich ja schon ewig nicht mehr gesehen – schon gar nicht so einen alten. Der muss ja locker zwanzig Jahre auf dem Buckel haben."
Luke zwickte mit einer winzigen Zange und der Präzision eines operierenden Herzchirurgen ein fadendünnes Stück Draht ab, das durchgeschmort war, und sagte leichthin: „Ja, ja, wir sind gemeinsam gealtert."
Kenzo, der immer für eine humoristische Einlage zu haben war, lachte dröhnend und dachte, dass dieser Jungspund sich gerade einen weiteren Pluspunkt verdient hatte. Er beobachtete, wie Luke einen ebenfalls hauchdünnen Ersatzdraht aus einem Werkzeugkasten herausfischte, und sagte: „Nee, der hält nie. Versuchen Sie es lieber mit einem, der vier Millimeter Durchmesser hat."
Luke verglich seine Auswahl mit dem angeschmolzenen Überbleibsel von R2s Innereien und stellte fest, dass sein Besucher recht hatte. Er holte sich einen Draht in der richtigen Größe und einen Lötkolben und flickte die beiden Kabelenden schnell und kunstgerecht zusammen.
Kenzo war zufrieden, sein erster Eindruck hatte sich bestätigt: Dieser Junge wusste, was er tat, und er taute sogar recht schnell auf. Es war Zeit für den nächsten Schritt. In dem Gedanken, dass die meisten Lebewesen positiv reagierten, wenn man sie fütterte (Liebe ging ja bekanntlich oft durch den Magen und daher jede andere Form der Zuneigung vermutlich auch), zog er etwas aus seiner Hosentasche und hielt es Luke einladend unter die Nase.
„Ich hab gesehen, dass Sie seit heute morgen hier drinnen sind und noch keine Pause gemacht haben. Sie müssen inzwischen ganz schön Kohldampf haben", sagte er leutselig.
Luke beäugte das unerwartete Geschenk mit mildem Erstaunen. Es handelte sich um einen handtellergroßen Keks, der vor Nüssen und Rosinen nur so strotzte und ziemlich appetitlich aussah, wenn man nach dem Bild auf der Packung urteilte. Und er hatte tatsächlich Hunger, weil er in seinem Eifer mit R2s Reparatur fertig zu werden, das Mittagessen übersprungen hatte.
Als Kenzo gutmütig polterte: „Na, jetzt nehmen Sie ihn schon!", ließ Luke sich daher nicht länger bitten und griff zu.
„Danke."
„Keine Ursache. Das Ding ist aus einem der Snackautomaten da draußen vor der Halle. Sie können davon haben, so viel Sie wollen. Es ist alles gratis", erklärte Kenzo.
Luke hatte die Snackautomaten schon entdeckt, war aber davon ausgegangen, dass man für ihren Inhalt bezahlen musste. Und da er zurzeit weder über einen Creditchip verfügte noch die Absicht hatte, seinen Vater um Taschengeld zu bitten wie ein Kind, hatte er sie bisher ignoriert. Aber jetzt sah es ganz so aus, als würde er sie doch mal aus der Nähe begutachten müssen …
Er biss in den Keks, der so gut schmeckte wie etwas nur schmecken konnte, das nicht aus Tante Berus Backofen kam, sondern industriell hergestellt worden war. Er nickte beifällig. Ja, es würde sich definitiv lohnen, den Inhalt dieser Automaten in Augenschein zu nehmen …
Kenzo hatte die Pause genutzt, um R2 aus der Nähe zu begutachten, und nickte jetzt ebenfalls und ebenso beifällig. Er wusste gute Arbeit noch mehr zu schätzen als Humor.
„Der ist ja ziemlich ramponiert, aber Sie kommen gut voran. Wenn Sie Hilfe brauchen sollten..." Er ließ den Satz und das damit verbundene Angebot in der Luft hängen und sah Luke erwartungsvoll an.
Luke bedankte sich noch einmal (besonders höflich jetzt) und bekundete, dass er aller Voraussicht nach keine Hilfe brauchte, aber wirklich gerne auf das Angebot zurückkommen würde, falls sich das ändern sollte.
Danach fachsimpelten sie noch eine Weile über Astromechs ganz allgemein, besprachen ausführlich die Vorzüge und Macken der verschiedenen Modelle (die neuen Versionen waren nicht unbedingt besser als die alten, darüber waren sie sich sofort einig!) und kamen dabei schnell zu dem Schluss, dass ihr jeweiliger Gesprächspartner generell sehr vernünftige Ansichten hatte. Als der Sergeant sich schließlich verabschieden musste (er konnte nicht allzu lange bleiben), war die Stimmung beinahe freundschaftlich.
Kenzo verließ die Droiden-Werkstatt in einer ausgesprochen aufgeräumten Gemütsverfassung und das gleich aus mehreren Gründen. Erstens hatte er Recht gehabt (nichts konnte einen Mann mehr beflügeln als dieses erhabene Gefühl!) und zweitens hatte er die Wette gewonnen.
Also grinste er über das ganze Gesicht, als er rauskam. Und zu seinen Leuten, die schon mit Spannung auf den Ausgang dieses doch ein wenig riskanten Aufeinandertreffens warteten, sagte er lässig: „Was glotzt ihr denn so? Ich hab euch doch gesagt, dass der Kleine in Ordnung ist. Er ist ein feiner Kerl, wirklich... Und ihr alle schuldet mir jetzt einen Haufen Geld, also her mit der Knete!
Und nein, Worrick, ich warte nicht bis zu deinem nächsten Sold! Ich kann nichts dafür, dass du immer schon mitten im Monat pleite bist. Spielschulden sind Ehrenschulden, also hör gefälligst auf zu jaulen und rück meine Moneten raus!"
Doch während Sergeant Kenzo voller Triumph seine nicht unbeträchtlichen Gewinne in Form von reichlich zerknautschtem Flimsipapier-Bargeld einsackte, kniete der feine Kerl in der Werkstatt vor seinem Astromech, fummelte an ihm herum und grübelte gleichzeitig darüber nach, was seine Freunde von der Allianz wohl von dieser Fraternisierung mit dem Feind halten würden.
Aber war das jetzt überhaupt noch von Bedeutung? Es war ziemlich unwahrscheinlich, dass sie je davon erfahren würden (von Leia, Han und Chewie mal abgesehen). Luke Skywalker aber musste an seine sehr ungewisse Zukunft denken. Und es ließ sich nun einmal nicht leugnen, dass ein paar halbwegs friedfertige und vertrauensselige Imperiale in seiner kniffligen Situation sehr viel besser waren als Scharen von feindseligen und misstrauischen …
Außerdem entsprach es zweifellos dem Jedi-Kodex, sich so friedlich wie nur möglich mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen. In diesem Sinne hatte Luke also richtig gehandelt.
Und doch musste er sich langsam fragen, wie weit er noch würde gehen müssen, um sowohl den hochgesteckten Ansprüchen der Jedis als auch den noch viel elementareren Bedürfnissen der Galaxis gerecht zu werden, und ob vielleicht irgendwann der Tag kommen würde, an dem er sich eingestehen musste, dass er für das Wohl von so vielen anderen alle seine Grundsätze und damit sich selbst verraten hatte. War er im Begriff, sich zu verlieren?
Der Gedanke war so demoralisierend, dass Luke ihn sofort von sich schob, indem er sich sagte, dass jetzt kaum der richtige Zeitpunkt war, um sich über philosophische oder gar ideologische Spitzfindigkeiten den Kopf zu zerbrechen. Er musste eben tun, was getan werden musste. Der Zweck heiligte die Mittel …
Er erschrak, als ihm plötzlich bewusst wurde, dass es sich bei beiden Sätzen um Vader-Zitate handelte. Das Weltbild seines Vaters schien bemerkenswert ansteckend zu sein.
Ein wenig bedrückt wandte Luke seine Aufmerksamkeit wieder R2 zu.
Eine Stunde später entschied er, dass er für heute Schluss machen sollte, denn er hatte noch die heikle Aufgabe vor sich, seine Schwester abzuholen und sie zu der ersten Zusammenkunft mit ihrem Vater zu lotsen – eine Aussicht, die ungefähr so erfreulich war wie ein Spaziergang mit einem wütenden Gundark. Obwohl sich das im Nachhinein vermutlich wirklich wie ein Spaziergang anfühlen würde, wenn er bedachte, dass das Treffen zwischen Leia und Vader sich wohl eher so abspielen würde wie ein Revierkampf zwischen zwei wütenden Gundarks …
Als er in die Werkhalle hinauskam, sah er, dass das Team des Schnauzbarts dieses Mal um einen TIE-Bomber versammelt war wie ein Hexenzirkel um einen Zaubertrankkessel. Zumindest übten sie ihre Magie ungefähr mit der gleichen selbstvergessenen Andacht aus wie Hexen die rituelle Zubereitung irgendeines geheimnisvollen Gebräus.
Luke, der es nicht allzu eilig hatte, wenn er ehrlich mit sich selbst war, blieb stehen und sah ihnen eine Weile zu, unwillkürlich fasziniert von ihrer Professionalität und – wenn er noch ehrlicher war! – von dem TIE-Bomber an sich.
Wie alle Piloten der Allianz war Luke schon aus rein professionellen Gründen äußerst interessiert an dem Design und den technischen Möglichkeiten imperialer Raumjäger. Aber der von jedem flugfähigen Ding besessene Teenager in ihm, der immer noch unter der sehr viel würdevolleren Jedi-Fassade lebte und von Zeit zu Zeit seine Nase rausstreckte, verging jetzt fast vor Neugier. Noch nie zuvor hatte er TIEs aus solcher Nähe gesehen wie hier an Bord der Executor. Zu gerne hätte er sich diesen TIE noch näher angesehen. Um genau zu sein: Er hätte seinen rechten Arm dafür gegeben. Nun ja, vielleicht nicht gleich seinen ganzen rechten Arm …
Aber aufdrängen wollte er sich nicht, also blieb er, wo er war, und besah sich den Bomber aus sicherer Entfernung und mit einem Hauch von Wehmut.
Doch es dauerte nicht lange, bis er wieder mal erspäht wurde. Sergeant Kenzo, der auf einer der Doppelgondeln hockte, aber seine scharfsichtigen Augen überall zugleich zu haben schien wie ein Greifvogel auf Beuteschau, winkte ihm zu und röhrte: „Wollen Sie sich mal reinsetzen, Sir?"
Dieser Verlockung konnte Luke noch weniger widerstehen als Keksen!
Einen Moment später erklomm er die Arbeitsbühne unter den lautstark herausgebellten Anweisungen von Kenzo: „Los, los, Jungs, macht dem Mann mal Platz! Schneller! Kommen Sie hier rüber, Sir, ja, genau da rauf. Der Einstieg ist hier, links von mir … Ich mache Ihnen die Luke gleich auf. Worrick! Schieb endlich deinen fetten Hintern aus dem Weg!"
Der angesprochene Mechaniker rutschte so hastig ein Stück zurück, dass der straff gespannte Overallstoff über seinen tatsächlich ziemlich ausladenden vier Buchstaben auf der Hülle des kleinen Schiffes quietschte wie ein ausgetrockneter Wischmop auf Fensterglas.
Kenzo öffnete das Kanzeldach. Gleich darauf glitt der notorische Rebellenpilot in das Cockpit des TIE-Bombers hinein wie eine Hand in einen Handschuh und so ungefähr fühlte es sich auch an. Und so kam es, dass Luke Skywalker zum ersten Mal in seinem Leben in einem imperialen Jäger saß.
Mit jungenhafter Begeisterung sah er sich alles genau an, die Kontrollen auf dem Armaturenbrett, das sich überraschend wenig von seinem X-Flügler unterschied, die taktischen Displays, die Lebenserhaltungssysteme und alles andere auch.
Er testete sämtliche Einstellungen des erstaunlich bequemen Pilotensessels aus und zog mit kindlicher Freude den Steuerknüppel rauf und runter, als würde er wirklich fliegen. Es hätte nicht viel gefehlt und er hätte „Wrrrooommm!" vor sich hingezischt oder ähnliche Geräusche von sich gegeben wie als Zehnjähriger, wenn er mit flügelartig ausgebreiteten Armen auf der Farm seines Onkels herumgerannt war und so getan hatte, als wäre er ein Skyhopper, der mit Höchstgeschwindigkeit durch den Beggars Canyon raste. Aber da Kenzo und Worrick inzwischen ihre Köpfe durch die Einstiegsluke hereingesteckt hatten und ihm zusahen, beherrschte er sich gerade noch. Er musste immer noch auf seine Würde achten … So ein bisschen jedenfalls …
„Heißes Teil, unsere Hummel, was?", sagte Kenzo voller Stolz und tätschelte liebevoll das Kuppeldach des todbringenden künstlichen Insekts.
Luke, ganz hypnotisiert von all dem blitzblanken stromlinienförmigen Schwarz und Chrom ringsum, konnte ihm nur zustimmen. Er wusste es nicht, aber genau das gewann ihm das Herz des Sergeants endgültig. Sogar Worrick, der bis jetzt etwas finster ausgesehen hatte, ließ sich zu einem kleinen Schmunzeln hinreißen. Er schmunzelte sozusagen auf Sparflamme. (Was übrigens nicht an der Anwesenheit von Lord Vaders Rebellenbengel lag, sondern an seiner ganz persönlichen Finanzkrise und Kenzos ungeniertem Mobbing.)
„Sie ist natürlich nicht gerade die Schnellste, aber viel manövrierfähiger, als sie aussieht, und so solide und zuverlässig wie Omas Schaukelstuhl."
Luke zeichnete andächtig mit dem Zeigefinger die blinkende Zahlenreihe auf der Ladeanzeige des üppig bestückten Torpedoschachts nach. Nichts an diesem kleinen Feuerspucker hatte auch nur die geringste Ähnlichkeit mit der gemütlichen und völlig harmlosen Sitzgelegenheit einer alten Dame, aber er verstand im Prinzip, was Kenzo meinte.
„Sie ist zwar ein bisschen hecklastig, wenn man mit ihr runter muss, aber das lässt sich bei der Ballastverteilung nun mal nicht ändern. Schwerkraft ist einfach nicht ihr Ding, aber hier im All fliegt sie wie ein Traum. Das werden Sie dann ja sehen, wenn Sie mal draußen mit ihr rumkurven, Sir."
So weit hatte Luke noch gar nicht gedacht, aber er musste zugeben, dass die Aussicht auf so eine Gelegenheit etwas für sich hatte. Endlich mal eine Zukunftsperspektive, die nicht wie ein Mühlstein an seinem Hals hing! Dieser Gedanke erinnerte ihn sofort daran, dass er noch etwas vorhatte – leider.
Mit aufrichtigem Bedauern nahm er Abschied von dem TIE-Bomber und seiner Wartungscrew. Er bedankte sich für die erwiesene Gastfreundschaft und das mit einer Wärme, die auch den Rest von Kenzos Team einfach dahinschmelzen ließ. So viel Nettigkeit war man nicht gewöhnt und von der Chefetage schon gar nicht.
„Ich sag's ja: Ein feiner Kerl!" behauptete Kenzo, als Luke außer Hörweite war, und dieses Mal gaben ihm alle recht. Sogar Worrick ließ sich zu einem bejahenden Grunzen herab.
Luke Skywalker aber, der sich nicht bewusst war, dass er gerade eine Eroberung gemacht hatte, eilte jetzt mit wieder bewölkter Miene in Richtung Lazarett.
Seine Sorgen waren nicht unbegründet, denn als er sein Ziel erreichte, war seine Schwester zwar bereits gestiefelt und gespornt, also vollständig angezogen und so gut wie startklar, aber ihr Gesichtsausdruck war so grimmig, dass er eher einen unmittelbar bevorstehenden Vatermord ankündigte als eine einigermaßen glimpflich ablaufende Familienzusammenführung.
Luke bedachte sie mit einem etwas zaghaften Begrüßungsgrinsen, denn dass sie bekleidet war, war immerhin eine kleine Erleichterung. Er hatte schon befürchtet, Leia in ihrem weißen Hemd und barfuß zu Vader hin zerren zu müssen, am besten noch mit wallenden offenen Haaren wie die jungfräuliche Priesterin irgendeiner verrückten fanatischen Sekte, die in der nächstbesten Vollmondnacht einem kultisch verehrten Dämon geopfert werden sollte.
Aber seine Erleichterung verflog gleich wieder, als Leia, die vor einem Wandspiegel stand und düster ihr ziemlich imperial angehauchtes Erscheinungsbild musterte, leise sagte: „Diese Schande! Wenn meine armen Eltern mich jetzt so sehen könnten..."
Ihre Stimme wurde brüchig und Luke sah mit Bestürzung, dass ihr Tränen in die Augen schossen.
Er legte rasch die Arme um Leia und drückte sie kurz an sich.
„Sie würden es verstehen", sagte er tröstend.
„Meinst du?"
„Ganz bestimmt", versicherte Luke.
Doch Leia war weniger davon überzeugt. Sie schwieg einen Moment lang, während sie ungeduldig an dem steifen Stehkragen der Uniformjacke zupfte, dann sagte sie: „Das glaube ich nicht. Papa und Mama hätten sich nie auf einen Pakt mit Vader eingelassen. Sie wären lieber gestorben."
Luke dachte im Stillen, dass die Organas genau wegen dieser Kompromisslosigkeit tatsächlich gestorben waren und mit ihnen ihre ganze Welt. Und wem hatte das im Endeffekt genutzt? Niemandem! Aber es wäre ein fataler Fehler gewesen, diese unangenehme Wahrheit hier und jetzt laut auszusprechen. Was sollte er also dazu sagen? Er überlegte, doch Leia schien gar keine Antwort von ihm zu erwarten. Sie nahm ihren Zopf, legte ihn kranzförmig um ihren Kopf und verknotete sein Ende über ihrem Nacken irgendwie mit einem weiteren zweckentfremdeten Stück Mullbinde.
Sie schnitt eine kleine Grimasse, als sie so mit erhobenen Armen an ihren Haaren herumnestelte, und Luke fragte sofort: „Tut es noch weh?"
„Nur wenn ich lache, also erzähl mir jetzt bloß keinen Witz", erwiderte Leia und schenkte ihm ein winziges Regenbogenlächeln, sozusagen die melancholische Schmalspurversion ihres üblichen Strahlens.
Es traf Luke direkt ins Herz, dieses traurige Lächeln – und noch mehr ihr tapferer Versuch, selber einen Scherz zu machen. Er schluckte ein wenig, doch Leia sah es nicht, denn sie warf gerade einen letzten kritischen Blick in den Spiegel, um den Sitz ihrer offiziellen Prinzessin-im-Dienst-Frisur (natürlich Hans Wortschöpfung!) zu überprüfen.
Die Frisur saß so gut, wie es ohne Haarnadeln und mit immer noch eingeschränkter Bewegungsfähigkeit nur möglich war – also ein bisschen windschief, aber nicht allzu schlimm. Doch Leia fand trotzdem, dass sie alles in allem grauenhaft aussah. Weiß wie ein Laken, Ringe unter den Augen und nicht einmal ihr Makeup-Kit, um hier Abhilfe zu schaffen, weil dieses wichtige Utensil nun wie alle ihre irdischen Besitztümer verloren war. Sie fühlte sich seltsam nackt und wehrlos mit dieser ungeschminkten kreidebleichen Larve von einem Gesicht und dieser grässlichen Uniform, die übrigens wie ein Kartoffelsack an ihr herunterhing. Ja, sie sah unmöglich aus – und das ausgerechnet jetzt, wo sie wirklich alles gebraucht hätte, was ihr wenigstens ein klein wenig den Rücken gestärkt hätte!
Sie hoffte inständig, dass wenigstens Han anwesend sein würde, um ihr so etwas wie moralische Unterstützung zu geben, aber sie bezweifelte ernsthaft, dass ihr Vater …
Nein! Vader!
… ihr so weit entgegenkommen würde. Nicht einmal dann, wenn sein Leben davon abhing…
Bastard!
„Tja, sieht so aus, als wäre ich fertig", sagte sie resigniert. "Wir können jetzt gehen, wenn du willst … wenn wir überhaupt gehen müssen. Muss ich wirklich zu ihm gehen?"
Diese Grundsatzdiskussion hatten sie eigentlich schon morgens abgehakt, als Luke ihr eröffnet hatte, dass heute der Tag der Tage war, aber sie musste einfach noch einmal versuchen sich herauszuwinden, obwohl sie wusste, dass es sinnlos war.
„Es führt kein Weg daran vorbei, Leia", antwortete ihr Bruder. Und als ihre Mundwinkel sich bei der bloßen Vorstellung angewidert kräuselten, sagte er ernst: „Vergiss nicht unser Ziel."
„Das vergesse ich nie!"
„Außerdem ist es jetzt nicht mehr so wie früher. Nichts ist mehr so wie vor Endor. Und du weißt doch, wie es heißt: Der Feind meines Feindes ..."
„Aber er ist mein Feind! Er ist DER Feind!", sagte Leia schroff.
„Jetzt nicht mehr."
„Das glaubst auch nur du."
Luke sah ihr in die Augen und sagte eindringlich: „Wir brauchen ihn, Leia, ob du das wahrhaben willst oder nicht. Wir brauchen ihn genauso wie er uns. Er ist die einzige Chance, die wir noch haben."
Sie gab ein verächtliches kleines Grollen von sich, ungefähr wie eine gereizte Katze („Purrrhhh!"), um ihm zu zeigen, was sie von dieser Zumutung hielt. Aber sie protestierte nicht länger – es wäre reine Zeitverschwendung gewesen – und als er nach ihrer Hand griff und sich umdrehte, folgte sie ihm widerstandslos.
Der Weg zu Vaders Quartier war Luke nie länger vorgekommen als an diesem Abend, aber für Leias Geschmack war er eindeutig viel zu kurz.
Sie versuchte sich zu konzentrieren, sich wenigstens mental auf diese Begegnung der besonders unangenehmen Art vorzubereiten, aber sie hatte ein Brausen und Rauschen in den Ohren, das nicht unbedingt von einem zu niedrigen Blutdruck und einem entsprechend geschwächten Kreislauf kam, und sie fühlte eine Übelkeit in ihrer Magengrube, die bestimmt rein gar nichts damit zu tun hatte, dass sie vor lauter Zorn und Aufregung den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte. Oder vielleicht doch?
Und als ihr Bruder schließlich vor einer Tür stehenblieb und Leia klar wurde, dass sie bereits angekommen waren, dass es jetzt jeden Moment so weit war, wurde ihr so schwindlig, dass sie sich an die Wand lehnen musste.
„Alles in Ordnung?" fragte Luke beunruhigt.
Leia sagte aus purem Eigensinn prompt: „Ja!", obwohl sie keineswegs in Ordnung war. Nichts war in Ordnung!
Aber ihr Bruder starrte sie besorgt an, also atmete sie zweimal tief durch und sagte dann mit mehr Überwindung, als sie jemals zugeben würde: „Na schön. Bringen wir es endlich hinter uns!"
