- Abflug!

Tyson wollte nicht aus dem Bett, obwohl er sich schon seit Wochen auf diesen Tag gefreut hatte. Es waren endlich Sommerferien und Kai hatte die vergangene Woche für ein besonders hartes Intensivtraining genutzt. Hieß von früh morgens bis spät abends bei Gluthitze trainieren, trainieren und noch einmal trainieren. Dabei hatte keiner auch nur ein Sterbenswort aus ihrem Leader herausbekommen. Er hatte nichts gesagt, überhaupt NICHTS! Tyson wurmte die gesamte Sache ziemlich. Auf der einen Seite war er extrem neugierig, wie Kais Mutter so war, auf der anderen Seite hatte er auch ein unangenehm flaues Gefühl im Magen, wenn er an sie dachte. Er hatte überlegt, ob sie vielleicht Russin war. Aber er musste sich eingestehen, dass sie eigentlich noch viel zu jung aussah, um Kais Mutter zu sein. Hilary und Kenny hatten seinen Bedenken hinsichtlich dieser Tatsache zugestimmt. Raika war keine 30 Jahre alt, auf jeden Fall sah sie nicht so aus. Und nun stand der entscheidende Tag bevor: in zwei Stunden würde er abgeholt werden und dann würden sie nach China zu den asiatischen Qualifikationsspielen fliegen. Und von diesem Augenblick an wird er die nächsten vier Wochen komplett mit ihr verbringen müssen. Irgendwie stimmte ihn dieser Gedanke ziemlich Bange.

Lautes Getrampel rüttelte den Blauhaarigen aus seinen Gedanken. Den Klang der Schritte kannte er nur allzu gut.

/Hilary…/ dachte er sich und vergrub sich genervt unter seiner Decke. Daichi neben ihm schnarchte weiter vor sich hin, als wäre es ein ganz normaler Tag. Doch heute würden sie zur Weltmeisterschaft aufbrechen, die in vier Wochen in Moskau stattfinden würde. Davor standen noch eine Reihe Qualifikationen quer über den ganzen Erdball an, bei denen sie zumindest Anwesend sein mussten.

„Aufstehen ihr Schnarchnasen!" Hilarys Stimme holte ihn erneut in die Realität zurück und dazugehörige Person stand in der Schiebetür zu seinem Zimmer, welches er sich seit mehr als einem Jahr nun mit Daichi teilte, welcher mittlerweile zu so etwas wie seinem kleinen Bruder mutiert war. Was seinen echten, größeren Bruder anging, hatte Tyson absolut keine Ahnung, was dieser gerade tat. Aber vermutlich würde er im ungünstigsten Moment wieder auftauchen und sich wichtigmachen.

„Tyson, was sitzt du da so tagträumend in deinem Bett? Steh endlich auf! In zwei Stunden müssen wir am Flughafen sein und ich will nicht, dass Raika schon am ersten Tag schlecht von uns denkt!" Seine Teamkollegin trat ein und zog dem kleinen Rotschopf auf dem Boden die Decke weg, was normalerweise zum Wecken reichte. Da Tyson bereits halbwach zu sein schien, musste sie ihn jedenfalls nicht auch noch wach bekommen, was sich bei diesem um einiges schwerer darstellte.

„Ja, bin ja schon wach. Wenn du aus meinem Zimmer gehen würdest, könnte ich mich auch anziehen. Um Daichi kümmere ich mich schon. Du könntest mir ja Frühstück machen!" schlug Tyson vor und grinste Hilary verschlafen an, genau wissend, dass er bei so etwas auf taube Ohren stieß.

„Vergiss es Ty! Das machst du dir mal schön selbst. Wir werden in etwas mehr als einer Stunde abgeholt, also zieh dich an."

„Hä?" Das war seine einzige Antwort. Hatte er mal wieder was falsch verstanden oder hatte sich der Zeitplan geändert, ohne dass er es mitbekommen hatte, was ja schon nicht das erste Mal dann gewesen wäre. Gut, wenn er noch duschen wollte, musste er sich beeilen. Eine Stunde war für ihn zwar viel, weil er es gewohnt war, sich innerhalb von Minuten fertig zu machen, um nicht zu spät zum Training zu erscheinen, aber normalerweise war da auch Daichi schon aufgestanden, sodass er sich das Bad nicht teilen musste.

Also stand er auf, verpasste dem Rothaar einen leichten Tritt gegen die Seite, was reichen sollte und suchte sich aus dem Schrank seine Sachen. Hilary verzog sich aus dem Zimmer und ließ die Jungs machen. Sie setzte sich in die Küche und machte sich einen Tee. Tysons Großvater gesellte sich zu ihr.

„Na, geht's heute wieder los? Ich bin mal gespannt, wie es dieses Jahr ablaufen wird. Irgendwas war ja immer verkehrt. Vor allem frage ich mich, ob es Kai dieses Jahr endlich einmal bis zum Ende mit euch aushält." Den letzteren Teil hatte er eher scherzhaft gemeint, doch Hilary schluckte etwas schwer. Mr. Granger war nicht der einzige gewesen, der diesen Gedanken gehabt hatte. Daichi hatte beim Training auch schon des Öfteren solche Sprüche losgelassen, wofür er immer sofort Strafrunden laufen musste, da Kai meistens genau daneben gestanden hatte.

Doch wenn eben dieser nicht da gewesen war, kam es doch manchmal zu einer richtigen Diskussion diesbezüglich. Am Ende hatten sich drei Fronten gebildet: Daichi war der Meinung, dass Kai wieder verschwinden würde, Tyson vertraute ihm hingegen und Kenny und Hilary hielten sich daraus, da man Kais Verhalten ohnehin nicht einschätzen konnte und wollten deshalb keine Meinung abgeben. Außerdem hofften beide, dass die Anwesenheit von seiner Mutter ihm im Thema „Team verlassen" eine Schranke setzten würde, die er hoffentlich nicht allzu leicht überwinden konnte. Immerhin war ein Ersatzspieler pro Team notwendig und Kenny hatte keine Lust, diese Rolle zu übernehmen.

„Nun ja, ich denke, es wird dieses Jahr etwas ruhiger. Immerhin muss jeden Team einen volljährigen Betreuer haben, der auf das Team aufpasst. Das wird bei uns sicherlich interessant. Wie Mr. Dickenson nur auf Kais Mutter gekommen ist, ist mir aber ein Rätsel." Den Rest hatte sie gemurmelt. war etwas betrübt gewesen, dass er selber nicht gefragt worden ist, die Rolle des Betreuers zu übernehmen, da er nur allzu gern seinem Enkel und dessen „kleinen Bruder" auf die Finger geschaut hätte.

Keine zehn Minuten war der erste Krach zu hören.

„Der Streit um das Bad." Stöhnte Hilary auf und ließ den Kopf hängen. Sie hatte geahnt, dass es daran scheitern würde und hatte vorsichtshalber den offiziellen Zeitplan für Tyson und Daichi etwas kürzer geplant, um noch ausreichend Puffer zu haben. Sie ahnte, dass sie diesen unbedingt brauchen würde.

Weitere fünf Minuten später war Daichi der erste, der in die Küche geschlurft kam, Missmutig daher grummelnd machte er sich was zum Frühstück und setzte sich an den Tisch.

„Hat er dich aus dem Bad gejagt?" fragte Mr. Granger, doch eigentlich brauchte er keine Antwort. Sie stand dem Rothaar ins Gesicht geschrieben.

„Na das wird ja noch lustig…" seufzte Hilary und blies sich gelangweilt eine Strähne aus dem Gesicht.

Erstaunlicherweise waren sie nur wenige Minuten zu spät. Jedenfalls nach Hilarys Zeitplan. Dadurch kamen sie genau rechtzeitig am Flughafen an. Zwischendurch hatten sie noch Kenny abgeholt, welcher mit seinem Laptop bewaffnet auf der Rückbank des Taxis zusammen mit Tyson und Daichi saß.

Auf dem Flughafen war es recht ruhig und nicht sehr viele Leute waren anwesend. Jedenfalls nicht an ihrem Gate. Bei den anderen Hallen des Flughafens von Tokio war sich Hilary nicht sicher, ob das dort ebenfalls der Fall war.

„Hatte Mr. Dickenson nicht geschrieben, dass wir mit einem Privatjet fliegen?" Daichi war hellauf begeistert gewesen, als sie diese Nachricht erhalten hatten. Scheinbar hatte der Chef einer Schwestergesellschaft der BBA seinen Jet zur Verfügung gestellt, um das ständige hin- und herreisen der drei asiatischen Teams, die an der Weltmeisterschaft teilnehmen würden, zu erleichtern.

„Ja, so scheint es zu sein. Wir sollten aber auf Kai und seine Mom warten." Antwortete Kenny und schaute sich um. Augenblicke später erschien Kai mit seinem Seemannssack über der Schulter in der Halle und stellte sich zu ihnen, drehte sich jedoch zum Eingang um. Ihm entfuhr ein genervtes Brummen. Am Eingang stand Raika, mit dem kleinen Jungen auf dem Arm, und verabschiedete sich mit einem langen Kuss von einen schwarzhaarigem Mann, der ganz elegant in Anzug gekleidet war.

„Ist das dein Dad?" Tyson konnte die Frage nicht unterdrücken. Die Distanz zum Eingang war zu groß, um Ähnlichkeiten ausmachen zu können, doch die herzliche Verabschiedung von seiner Frau und seinem kleinen Sohn stach so deutlich als Kontrast heraus.

Kai nickte nur als Antwort und hob kurz die Hand zum Abschied, als ihm sein Vater winkte, bevor er die Halle wieder verließ. Raika ließ den Jungen auf den Boden und stupste ihn am Rücken an, worauf er lachend auf Kai zulief und sich an dessen Hose klammerte. Kai schien das nicht einmal zu merken.

„Gut, ihr seid schon alle da. Ich hatte gedacht, dass ihr später kommen würdet, aber meine Erwartungen von Hilary wurden übertroffen." Raika grinste und stellte ihren Koffer zu den anderen des Teams.

„Oh, bin ich etwa so berüchtigt?" Hilary fühlte sich wahrhaft geschmeichelt.

„Na ja, berüchtigt nicht, aber ein bisschen bekommt man doch schon mit von eurem Teamleben. Vor allem, wenn man weiß, wie man Kai ausquetschen kann." Sie grinste den Grauhaarigen an und tätschelte ihm kurz die Schulter, was Kai ein leichtes Knurren entlockte.

„Gut gelaunt wie immer. Egal, wollen wir? Dann können wir eher los; der Jet blockiert nur die anderen Flieger." Sie schnappte sich wieder ihren Koffer und ging auf einen der Schalter zu, um sich um das Check-In zu kümmern.

Nur zwanzig Minuten später saßen alle in einem geräumigen Privatjet, der ohne weiteres Platz für 50 Personen bot. Die Bezeichnung Privatjet stimmte daher irgendwie nicht, da allgemein diese Art von Flugvehikeln eher für noch weniger Leute Platz bot. Die Maschine, in der sie momentan saßen, war eher eine auf mehr Platz und Komfort umgebaute kleine Linienmaschine.

„Das nenne ich mal geräumig. Sonst sind wir immer ganz normal mit Linienflügen von A nach B gekommen." Tyson schaute sich staunend um und setzte sich auf einen der Sitze, die im vorderen Bereich um kleine Tische angeordnet waren. Weiter hinten hatte man dann lange Seitenbänke und sogar eine Bar.

„Welcher Firmenchef stellt so einen Jet der Schwestergesellschaft zur Verfügung?" Kenny hatte sich ebenfalls hingesetzt und freute sich über eine funktionierende Internetverbindung im Flugzeug.

„Mein Mann. Er braucht ihn im Moment nicht und ehe das gute Stück auf dem Airport verstaubt, kann er genauso gut von Nutzen sein." Antwortete Raika und verfrachtete den kleineren ihrer Söhne auf einen Platz der Sitzecke gegenüber von Tyson.

„Oh, der gehört euch?" Daichi setzte sich neben Tyson und blickte neugierig zu Raika. Ihm war Frau Hiwatari weitaus angenehmer als Kai, da sie offensichtlich wesentlich kommunikativer war als ihr großer Sohn. Das schien auch Hilary zu merken.

„Oh, wie heißt eigentlich der Kleine? Kai hat uns nichts erzählt." Fragte sie und setzte sich neben Kenny, warf aber Kai einen enttäuschten Blick zu, da sie den Kleinen wirklich süß fand.

„Ja, der Jet ist noch ein Überbleibsel von meinem zum Glück verstorbenem Schwiegervater. Und der Kleine ist schon groß genug, das selber zu beantworten. Nur leider etwas schüchtern Fremden gegenüber. Von wem er das nur hat…"Das ‚zum Glück' hatte sie eher geflüstert, sodass es in ihrer Antwort gut untergegangen war, doch der kurze Seitenblick zu Kai, der sich gerade auf den Platz gegenüber seinem kleinen Bruder setzte, brachte alle zum Lachen.

„Also, wie heißt du denn? Ich bin Hilary!" fragte sie den Jungen und beugte sich lächelnd über ihren Sitz. Oh wie sie Kinder doch liebte! Vor allem wenn sie noch so klein und unschuldig waren.

„Ich heiße Gregor und bin drei Jahre alt!" antwortete er und lächelte stolz. Seine wilden schwarzen Strähnen hingen ihm ins Gesicht, was Hilary unweigerlich an Kai erinnerte.

„Charakterlich haben die beiden ja keine Ähnlichkeit." meinte Tyson und kassierte einen bösen Blick seines Leaders, den er nicht ganz nachvollziehen konnte.

„Na ja, kommt ganz auf die Situation an." Raika schaute wissend zu Kai, der daraufhin stur aus dem Fenster schaute. Tyson konnte jedoch mit dieser Antwort rein gar nichts anfangen.

„Wie sind sie eigentlich mit Kai verwandt? Sie sehen mir ein wenig jung aus, um seine Mutter zu sein." Kenny schaute von seinem Laptop auf und kratze sich am Kopf, da seine Frage etwas indiskret war.

„Oh, ich bin nur seine Stiefmutter. Gregor ist somit auch nur sein Halbbruder. Nach Voltaires Tod ist Kai zu uns gezogen, weil er ja noch nicht volljährig ist." Raika schien jedoch kein Problem zu haben, auf so unhöfliche Fragen zu antworteten und hatte fast augenblicklich geantwortet. Kenny war doch überrascht, dass sie so offen und unbefangen war. Er fragte sich insgeheim, wie das Zusammenleben von zwei so offensichtlich gegensätzlichen Charakteren wie Kai und seiner Mutter unter einem Dach zustande gebracht werden konnte. Bei den täglichen Auseinandersetzungen, die er vermutete, wäre es sicherlich kein friedliches Familienleben.

„In der Tat bin ich noch jung genug, um theoretisch seine große Schwester zu sein. Zwischen uns liegen nur zwölf Jahre." Sie lächelte und schnallte Gregor sowie sich selbst fest, denn sie würden vermutlich bald abheben; die Triebwerke liefen bereits an. Genau in diesem Moment kam auch die Durchsage des Piloten, der ihnen die üblichen Information zur Bordsicherheit und den Flugbedingungen durchgab. Nach Anweisung schnallten sich auch die BladeBreakers alle an und nur wenige Augenblicke später setzte sich das Flugzeug in Bewegung.

Kaum hatte das Flugzeug Flughöhe erreicht und der Pilot das Abschnallen erlaubt, machten es sich die BladeBreakers gemütlich. Kenny untersuchte noch einmal die Blades von Tyson und Daichi auf Mängel, während die beiden bladelosen Jungs sich stritten, wer von ihnen nun der bessere Blader war. Hilary versuchte verzweifelt, ihren Streit einigermaßen zu beruhigen, doch scheiterte kläglich. Sie wurde jedoch abgelenkt, als Raika etwas in ihrer Tasche suchte, die sie als Handgepäck mitgenommen hatte. Nach kurzem Wühlen holte sie ein buntes Kinderbuch hervor und hielt es Gregor hin, der es freudestrahlend annahm und aufschlug. Zielsicher suchte er in dem recht dicken Buch die richtige Seite heraus und stand auf. Raika beobachtete das ganze erst interessiert, fing jedoch an, laut zu lachen, als der Kleine seinen Sitz verließ.

„Raika, was ist?" fragte Hilary verwundert. Auch die Jungs hatten in ihrer Handlung angehalten und schauten nun zur gegenüberliegenden Sitzecke.

„Gut aufpassen!" antwortete Raika nur und zeigte mit einem vielsagendem Blick auf Gregor, der sich mit dem großen Buch in der Hand an ihr vorbei quetschte und um den Tisch auf Kais Seite zusteuerte. Raika hatte erst vermutet, dass ihr kleiner Sohn wollte, dass SIE ihm aus dem Buch vorlas. Aber als er aufgestanden war, hatte sie gewusst, worauf der Kleine aus war. Gregor stand nun vor Kai, welcher immer noch aus dem Fenster starrte und seinen kleinen Bruder total ignorierte.

„Kai?" fragte Gregor mit seiner hellen Stimme, bekam jedoch keine Reaktion. Also noch mal.

„Kai~?" Nun zog er den Namen quengelnd in die Länge und wippte etwas auf der Stelle herum. Jedoch traf auch das auf taube Ohren. Tyson unterdrückte ein Prusten. Die Versuche des Kleinen, Kais Aufmerksamkeit zu erhaschen, waren ja fast schon bemitleidenswert. Gregor fand das Ganze scheinbar auch nicht nett. Er zog eine Schnute und holte seine stärkste Waffe raus. Er setzte einen Schmollmund auf, machte ganz große Augen und verpasste seiner Stimme einen flehenden Ton.

„Onii-chan?" Kinder waren ja so berechnend, auch schon in diesem Alter. Sie wussten genau wie sie bei wem an ihr Ziel kamen. Das hatte auch Kai gerade zu spüren bekommen. Er seufzte, schloss kurz die Augen und drehte den Kopf zu seinem Bruder. Der Anblick war so herzzerreißend; da hätte jeder normale Mensch sofort ohne Bedenken nachgegeben. Vor allem Frauen waren für so etwas sehr empfänglich. Zu seinem Glück war er keines von Beidem, was ihm eine etwas überlegende Position verlieh. Gregor stand vor ihm, das Buch zu ihm emporhaltend, mit Schmollmund und Dackelblick. Normal hätte jeder andere jetzt schon aufgegeben. Aber auch Kai war menschlich genug, um bei manchen Sachen bestechlich zu sein und er hatte leider eine Schwäche dafür entwickelt, mit „Onii-chan" angesprochen zu werden. Jedenfalls bei seinem kleinen Bruder, weshalb er sich diese Schwäche auch zugestand. Wenn er nicht einmal eine einzige Regung zeigen würde, hätte man ihn nun wirklich als absolut gefühllos abstempeln können. Und das war er nun wirklich nicht. Jedenfalls nicht mehr.

Er seufzte noch mal, dann hob er seinen kleinen Bruder auf seinen Schoss und nahm ihm das Buch ab.

„Oh nein…" noch ein resigniertes Seufzen, denn was ihm da sein Bruder vor die Nase gesetzt hatte, war nun wirklich eine Gemeinheit. Raika lachte schon wieder, oder eher noch? Während der ganzen Bettelei von Gregor hatte sie feixend in ihrem Sitz gesessen und das Prozedere erheitert beobachtet. Jetzt war sie erneut in Lachen eingefallen, weil sie ganz genau wusste, wie sehr er dieser Art von Lektüre aus dem Weg ging.

„So kannst du jedenfalls deine Aussprache verbessern!" grinste sie Kai an und warf einen belustigten Blick zu den BladeBreakers, die dem ganzen gerade etwas ungläubig gefolgt waren.

„Wieso Aussprache?" fragte Daichi verwirrt und verstand gar nichts mehr.

„Weil das Deutsch ist und Deutsch leider nun wirklich keine leichte Sprache ist." Antwortete Kai mit zusammengebissenen Zähnen und schaute über Gregors Schulter hinweg in das Buch. Noch bevor einer der BladeBreakers fragen konnte, erklärte Raika kurz die Umstände:

„Ich bin Deutsche und erziehe den Kleinen zweisprachig. Daher hat er auch deutsche Bücher und das ist auch der Grund, warum sich Kai mit der deutschen Sprache abmüht. Aber er macht sich wirklich ganz gut. Kein Wunder bei seinem sprachlichen Talent."

„Ah, sie sind Deutsche? Das erklärt natürlich ihr Aussehen und ihre stattliche Größe. Aber wie sind sie nach Japan gekommen und vor allem: wie haben sie da ausgerechnet Kais Vater kennen gelernt?" Hilarys Neugierde war unübertroffen und sie schämte sich schon fast dafür. Als sie jedoch einen kurzen Blick in Tysons Gesicht warf, verschwand dieses Gefühl wieder zum größten Teil: Tyson schien vor Neugierde fast zu platzen.

„Neugierig seid ihr überhaupt gar nicht, oder?" Raika zog skeptisch eine Augenbraue in die Höhe, bevor sie mit einem verständnisvollen Lächeln auf den Lippen anfing, zu erklären.

„Nachdem ich mit der Schule fertig war, musste ich mich entscheiden, wo ich studieren wollte. Es kam zu einigen Problemen mit meinem damaligen Freund, der recht unkooperativ in dieser Hinsicht war. Ich entschied mich dann für die drastischste Variante, nahm das Studium hier in Tokyo an und kappte dabei alle Verbindungen zu meinen damaligen Freunden. Das Studium war mit einer Forschungsgruppe bei der BBA verbunden, wo ich dann auch Susumu, also Kais Vater kennen gelernt habe. Er war der Gruppenleiter. Ich hab fast drei Jahre gebraucht, um ihn rum zu bekommen. War ne ganz schöne Arbeit, muss ich schon sagen. Da weiß man, wo der familienbedingte Dickkopf herkommt." Sie warf einen kurzen scheelen Blick zu Kai, welcher sich mit der Aussprache des deutschen Textes recht gut machte, da der Text jetzt gerade kein literarisches Meisterwerk sondern schlicht ein Kinderbuch war. Angestrengt versuchte er dabei, seine Mutter einfach zu ignorieren; was ihm allerdings nicht gelang.

„Was heißt hier Dickkopf?" Langsam und mit einem deutlich drohenden Unterton wandte Kai sich an Raika und man sah ihm an, dass er schon jetzt mehr als nur genervt war. Tyson zog automatisch den Kopf ein; er kannte nur allzu gut diese Art seines Leaders. Raika zuckte jedoch nur mit den Schultern und lächelte beseelt. Respekt schien sie scheinbar keinen vor Kai zu haben, geschweige denn Angst.

Hilary zog überrascht über dieses Verhalten die Augenbrauen hoch und die Jungs staunten nicht schlecht darüber. Für Tyson war es immer wieder ein Mysterium, wie es Menschen geben konnte, die nicht von Kais Art und Weise eingeschüchtert werden konnten.

Raika bemerkte seinen Gesichtsausdruck.

„Tja, ich kenne Kai wesentlich besser als ihr und vor allem kenne ich auch seine andere Seite." Und mit einem mysteriösem Lächeln holte sie aus ihrer Tasche ihren iPod raus, machte es sich in ihrem Sitz gemütlich, schloss die Augen und ließ den Flug im Halbschlaf über sich ergehen.