- Massage
Genervt, verspannt und angepisst vom Feinsten ließ sich Raika mit einer kalten Wasserflasche in der Hand auf eine Bank fallen. Bis jetzt war der Tag stressig gewesen: Anträge ausfüllen, das Team eintragen, Telefonate führen. Halt die ganzen organisatorischen Dinge erledigen, die sie so tun musste. Doch das Schlimmste daran waren nicht die Berge von Formalitäten sondern der Stalker, der hinter ihr her war. Nun ja, ein richtiger Stalker war Thalim Shala nun nicht, doch der Betreuer der Blade Flowers nutzte jede Gelegenheit, um sie anzugraben. Und von diesen Gelegenheiten gab es viele, da er scheinbar nur darauf zu warten schien, dass sie an der nächsten Antragstelle ankam, bevor auch er dort „zufällig" eintraf. Natürlich immer beteuernd, was für ein „Glücklicher Zufall" es sei und das das Schicksal sein muss.
So ein Gewäsch.
Raika hatte ihn immer betont freundlich abgewiesen und ignoriert und war schlussendlich mehr oder weniger vor ihm geflüchtet, um ihre Ruhe zu haben, aber sie vermutete, dass das nicht das Ende war.
Und als hätte der Teufel ihre Gedanken gelesen, erschien Shala auch schon in ihrem Blickfeld.
/Okay, was nun? Wegrennen ist zu offensichtlich. Aber ich will nicht mit ihm reden. Wo sind nur die ritterlichen Helden, die den Maiden in Nöten zu Hilfe eilen? Wo ist Kai schon wieder?!/ Natürlich erhörte sie nun kein höheres Wesen und schickte ihr jemanden zur Hilfe. Natürlich, wäre auch zu schön gewesen. Deprimiert seufzend nahm sie einen langen Schluck aus ihrer Wasserflasche und machte sich innerlich auf die Konfrontation mit Shala bereit. Konnte doch nicht so schwer sein, dem Kerl klar zu machen, dass man nichts von ihm wollte…
„Ach, welch erneuter Zufall! Da treffen wir uns ja schon wieder!" ertönte es auch schon fröhlich neben ihr.
Warum hatte Raika eigentlich die Augen wieder geöffnet? Sie hätte sich ja auch einfach tot stellen können. Obwohl, das hätte er bestimmt für eine Mund-zu-Mund-Beatmung ausgenutzt. Igitt!
Bei diesem Gedanken lief ihr ein eiskalter Schauer über den Rücken und sie schüttelte unweigerlich den Kopf, um wieder zurück auf das eigentliche Thema zu kommen und nicht ihrem viel zu fantasievollem Kopfkino zu erliegen.
„Herr Shala, ich bitte Sie aufrichtig: LASSEN SIE MICH IN RUHE ODER ICH ZEIGE SIE WEGEN STALKENS AN!" Raikas Gesichtsausdruck glich der einer Furie. Sie hatte ihn an diesem Tag schon oft genug abgewiesen, aber scheinbar war das zum einen Ohr hinein und zum anderen Ohr wieder heraus geflogen zu sein. Daher hoffte sie, dass diese, nun, etwas offensivere Taktik mehr Erfolg aufzeigen würde.
„Aber meine liebe Frau Hiwatari, ich verfolge sie doch nicht!" verteidigte sich Shala mit einem breiten, höflichem Grinsen auf dem Gesicht, doch Raika konnte es in seinen Augen sehen, dass er da nicht ganz wahrheitsgemäß war.
„Ach ja? Das sind aber viele Zufälle. Zu viele für meinen Geschmack. Lassen sie mich in Zukunft in Ruhe oder sie werden Ihr blaues Wunder erleben! Ich möchte nicht auf juristische oder gar firmeninterne Verbindungen zurückgreifen." Ihr drohender Blick bohrte sich förmlich in Shalas, der etwas irritiert einen Schritt rückwärtsging.
„Firmeninterne Verbindungen?" fragte er verunsichert, was seinen scheußlichen Akzent noch stärker hervorhob.
„Sagen wir, ich bin per-du mit dem jetzigen wie auch dem zukünftigen Präsidenten der BBA." Raikas Lippen verzogen sich zu einem hinterhältigen, fast schon machtgeilen Lächeln, als sie den nun doch offensichtlich eingeschüchterten Shala vor sich stehen sah. Wie sie es sich gedacht hatte, hing dieser doch sehr an seiner Position, und diese nun so in Gefahr zu sehen, ließ ihn scheinbar ziemlich schlucken.
Zufrieden mit sich selbst, drehte sie sich um und ging zurück in Richtung Wohnhaus.
„Ich hoffe für sie, dass sie mich verstanden haben, Shala." Damit war die Angelegenheit für Raika erledigt. Vorerst.
„Boah, ich kann net mehr. Dieser Shala is die reinste Nervensäge!" Raika ließ sich entnervt auf die Veranda fallen, welche das Wohnzimmer mit dem Garten verband. Es war früher Nachmittag und Tyson hielt gerade ein Trainingsmatch gegen Daichi ab, Hillary feuerte sie an, Kenny dokumentierte den Kampf mit seinem Laptop, Kai beobachtete das Match einfach so und Gregory spielte gelassen mit ein paar Spielzeugautos am Ende der Veranda.
„Sieht das nicht genauso aus wie bei dir hinterm Dojo aus, Tyson?" Sie hatte mal ein Foto von Tysons Garten gesehen und der Garten hier erinnerte sie doch ziemlich daran.
„Ja es sieht so aus und nebenbei redest du gerade Deutsch." antwortete ihr Kai und löste sich aus dem Schatten des Baumes, an den er sich angelehnt hatte um Tyson beim Training zuzusehen.
„Oh, sorry." Ein verlegenes Lächeln und einmal tief durchatmen und schon war der Stress des Tages und Shala vergessen und sie wieder nahtlos ins Japanische gewechselt.
„Nebenbei ein scheußliches Deutsch. Woher hast du diesen grässlichen Mischakzent nochmal?" Kai war zu Raika gegangen, vorbei an seinem ihm verwundert hinterherblickenden Teamkollegen, und hatte sich neben seine Mutter auf die Stufen der Veranda gesetzt. Nun schaute er sie von der Seite an mit diesem unverwechselbaren kecken Gesichtsausdruck und diesem kaum sichtbarem Schmunzeln um die Lippen.
Raika war klar, dass er sie aufziehen wollte, immerhin wusste er ganz genau warum sie so einen komischen Dialekt im Deutschen hatte und das sie diesen nicht gerade leiden konnte.
Sie schaute ihm tief in die Augen, kniff diese dabei misstrauisch zusammen und schnaufte ihren Sohn einmal an, bevor sie sich wieder grinsend von ihm abwandte, um sich nach hinten auf ihre Arme abzustützen und die Sonne zu genießen.
„Solltet ihr nicht eigentlich trainieren?" maunzte sie den Rest des Teams an, der angesichts dieser Szenerie wie angewurzelt in ihrem Tun innegehalten hatte und die Beiden beobachtet hatte.
„Ehm…" Verlegen kratzte sich Tyson am Hinterkopf, bevor er sich wieder Daichi zuwandte und diesem zu einem neuen Match aufforderte, welches auch gleich begeistert angenommen wurde. Kenny vertiefte sich wieder in die Daten auf seinem Laptop und Hillary versuchte sich krampfhaft nicht anmerken zu lassen, dass sie die Beiden immer noch aus dem Augenwinkel heraus beobachtete.
„Also hast du heute schon trainiert? Und ich meine offiziell. Nicht dein kleines Geheimtraining, was du jeden Morgen abhältst bevor die anderen aufstehen." Natürlich war Raika nicht entgangen, dass sie immer noch beobachtet werden und war wieder ins Deutsche gewechselt. Nun hatte sie den Kopf schief gelegt und schaute Kai ernst an, doch weiterhin mit diesem schiefen Lächeln im Gesicht, so als würde sie etwas quälen.
„Ja, ich hab die beiden Hohlköpfe zweimal fertig gemacht und sie dreimal ums Haus gejagt." meinte er ebenfalls in Deutsch.
„Zufrieden?" fragte er und zog skeptisch die Augenbrauen nach oben.
„Nein, nicht wirklich. Du weißt, dass ich nicht will, dass du so ein Mysterium um dein Training und dein Leben machst. Jedenfalls nicht vor deinen Teamkollegen. Immerhin sind sie deine Freunde. Aber du hast immer noch deinen unglaublichen Dickkopf, auch wenn es sich mittlerweile gebessert hat. Also überanstreng dich einfach nicht, ok?" Ihr Lächeln wurde aufrichtiger und sanfter, doch Kai konnte nur ein Grummeln von sich geben. Er wusste, dass sie Recht hatte. In ALLEN Punkten. Er seufzte kurz auf und streckte sich danach ausgiebig, weil er eigentlich wieder aufstehen wollte um Tyson noch einmal in den Hintern zu treten. Er hatte gewusst, dass sein Rücken verspannt war, doch es zog unverhofft stark, weshalb sich ein kurzes Schmerzzucken auf seinem Gesicht zeigte. Nur ein Bruchteil einer Sekunde, doch Raika hatte es mitbekommen.
„Verspannt?" Kai lief ein eiskalter Schauer über den Rücken, so lasziv und unheilschwanger wie Raika dieses Wort aussprach. Und dazu noch dieses gehässige Grinsen…
Kai nickte nur ergeben und stand auf, nur um ganz auf die Veranda zu gehen. Zwischendurch hatte er sich noch sein Top ausgezogen und ihm waren dabei bestimmt nicht Raikas anerkennende und sehnsüchtige Blicke entgangen, weshalb er nur genervt mit den Augen rollte und sich flach auf den Bauch legte. Raika raffte sich, überflutet mit Euphorie und so neu motiviert, auf und ließ sich ohne auch nur einem Anzeichen von Scharm oder Unbehagen auf Kais Hintern nieder und dehnte sich mit einem lauten Knacken die Finger. Ihr Grinsen wurde immer breiter und die Vorfreude stand ihr buchstäblich ins Gesicht geschrieben.
Das nächste, was man hörte, war ein sehr lautes, schmerzhaftes Hissen von Kai, weshalb die anderen den Kopf wieder Richtung Veranda drehten, woraufhin sie alle beinahe ohnmächtig umgefallen wären- nun ja nicht ganz, nur Hillary; Kenny hatte sein Gesicht sofort wieder hinter seinem Laptop versteckt um seine errötenden Wangen zu verstecken; Tyson klappte entsetzt der Mund auf und Daichi stand genervt da, weil sein Matchpartner wieder einmal abgelenkt worden war.
„Hubs, sorry. Geht's wieder?" Gespielt besorgt beugte sich Raika zu Kais Gesicht hinunter.
„Schon gut, schon gut, ist ja nicht so, dass ich das nicht von dir gewöhnt wäre. Außerdem tut es am Anfang nun mal weh." Kai bereute seine Wortwahl genau in dem Moment, indem er Raikas ersticktes Lachen hörte bzw. die davon herrührenden Erschütterungen auf seinem Rücken. Genervt und über sich selbst frustriert donnerte er seine Stirn gegen die Holzlatten der Veranda während er darauf wartete, dass sich seine Mutter wieder ein bekam.
„OKAY, was läuft bei euch beiden da?" Tyson hielt es nicht mehr aus und musste jetzt einfach fragen. Das Ganze war einfach viel zu seltsam. Kai ließ sich da einfach so massieren und zudem hatte er bei seiner Mutter einen scheinbar ziemlich schlimmen Lachanfall verursacht, denn die bekam sich schon seit ein paar Minuten nicht mehr ein und wischte sich nun zum x-ten Mal die Lachtränen aus den Augen.
„Nich-Nichts, wirklich. Er war nu….nur verspannt und da massiere ich ihn halt und er hat…" allein der Gedanke an Kais verhauener Formulierung ließ sie in neue Lachanfälle verfallen" …hat sich einfach blöd ausgedrückt." langsam hatte Raika sich wieder beruhigt und Tyson und Co. davon überzeugt, dass zwischen den Beiden nichts ungewöhnliches passiert sei. Kai hatte geschwiegen.
„Das hast du mit Absicht gemacht, nicht wahr?" raunte sie ihm ins Ohr, bevor sie sich wieder aufrichtete, um ihn weiter zu massieren. Diesmal jedoch etwas sanfter, da ja jetzt ohnehin die gröbsten Verspannungen raus waren.
„Was mir Absicht?" fragte er und legte den Kopf schief, so dass er sie aus dem Augenwinkel sehen konnte.
„Alles heute." Ihr vielsagender Blick ließ Kai verstehen. Eine ganze Zeit lang herrschte Ruhe zwischen ihnen, man hörte nur Tysons und Daichis Gezanke und Hillarys Zwischenrufe, um die Kampfhähne wieder auseinander zu bekommen.
„Ach ja, ich muss heute Abend nicht arbeiten. Wenn du willst kannst du den Laptop haben."
„Wozu?" Argwöhnisch blickte er wieder zu ihr hoch.
„Videokonferenz?" meinte sie nur und grinste breit, bevor sie Kai noch einen ordentlichen Klaps auf den Rücken gab, aufstand und zu Gregory ging, um sich um ihn zu kümmern.
