Tag 52
Tims Sicht
Heute Morgen war ich schon früh wach, ich wusste gar nicht ob ich wirklich geschlafen habe, ich freute mich auf zu Hause. Und heute würde es endlich wieder soweit sein. Ich war nervös und aufgeregt. Um sieben Uhr kam dann der Arzt um mir wieder Blut abzunehmen. "Guten Morgen, Mr. McGee, freuen sie sich schon auf zu Hause?" "Oh ja, kann es kaum erwarten." "Wir haben dann noch ein Gespräch mit dem Chefarzt um 11 Uhr und danach dürfen sie heim. Werden sie abgeholt?"
"Ja, Penny holt mich ab. Ich werde eine zeitlang bei ihr bleiben, sie macht sich Sorgen um mich und will mich aufpäppeln." Der grauhaarige Mann grinste. "Ja, dass sind Omas!" er zwinkerte. "Ich komme wieder wenn ich die Blutwerte habe."
Ich stand auf und packte meine letzten Sachen. Die Zeit zog sich heute wie Kaugummi. Es klopfte und herein kam eine aufgeregte Penny. "Timothy, du hast ja schon alles gepackt, mein Lieber. Wann können wir los?" "Ich habe um elf ein Gespräch mit dem Chefarzt und danach können wir los, meine mein Arzt!"
Der Arzt kam wieder gab mir meine Blutwerte und meinte ich solle um 11 Uhr vor der Sprechstunde warten, vorher wurde ich noch mal durchgecheckt, musste wieder zur Sonographie, zum EKG, zum Augenarzt und zu allen möglichen anderen Untersuchungen.
Dann war endlich das Gespräch.
"Setzen sie sich, Mr. McGee." meinte der Chefarzt nachdem wir uns begrüßt hatten. "Wie fühlen sie sich?" "Bereit um nach Hause zu gehen." Der alte Professor erklärte mir alles weitere über den Stand der Dinge, im Knochenmark konnten keine Spuren von BCR-ABL mehr gefunden werden, was super war, allerdings wollten sie in ein paar Wochen noch mal eine Punktion machen um ganz sicher zu gehen. "Die 100 Tage Frist kennen sie schon?" wollte der Mann vor mir wissen. "Das muss mir wohl entfallen sein. Was ist das für eine Frist." "Man sagt die ersten 100 Tage zählen über Erfolg oder Misserfolg einer Behandlung. Wenn sie die ersten 100 Tage ohne Rezidiv überstehen, ist es unwahrscheinlich dass sich noch einmal Krebszellen bilden. Außerdem müssen sie bis Tag 100 einen Mundschutz tragen, ihr Immunsystem ist immer noch sehr schwach, wie bei einem Neugeborenen.
Weiter müssen sie sich von großen Menschenmengen fernhalten und von Wiesen, Wäldern etc. Kein Kontakt zu Tieren. Beim Essen müssen sie ebenfalls noch die Regeln befolgen, keine frischen Lebensmittel, die mit der Erde in Berührung gekommen sein könnten. Brot und Semmeln am besten gefroren zum selber aufbacken, möglichst immer etwas länger drinnen lassen. Wurst nicht vom Metzger, hier auch am besten abgepackt. Es sollte möglichst Keimarm sein, dass ist wichtig.
Ich möchte sie außerdem einmal die Woche zum Blut abnehmen sehen." "Wann darf ich wieder arbeiten gehen?" "Mr. McGee, darüber werden wir heute noch nicht reden. Sie müssen erst wieder zu Kräften kommen." "Hmm…" "Sie sind heute bereits an Tag 52, die Hälfte haben sie also schon geschafft." Ich nickte.
Später entließ mich der Arzt und ich ging zurück zu meinem Zimmer, ich öffnete die Tür und erschrak etwas. Penny saß auf einem der Stühle, lehnte zurück und hatte ihre Arme verschränkt. Mein Vater stand in voller Uniform am Fenster. "Dad?" meinte ich überrascht. Er sah so fehl am Platz aus, mit seiner Uniform und dem Mundschutz. "Timothy. Wie geht es dir?" "Ich kann heute nachhause." meinte ich knapp und dachte mir meinen Teil dazu. "Warum bist du nicht an dein Telefon gegangen, ich habe ständig versucht dich zu erreichen. Es war entweder besetzt oder hat durchgeklingelt." "Ich wollte nicht Telefonieren. Das ist alles." "Ich habe mir Sorgen um dich gemacht." "Und deshalb bist du jetzt gekommen? Nach fast acht Wochen? So habe ich dich nicht erzogen… ich muss schon sehr sagen, dass es sehr enttäuscht." "Ich war unterwegs, als Admiral kann man nicht einfach mal so Urlaub machen. Das muss dir doch klar sein!" "Nicht streiten, ich will meine Ruhe haben. Bitte!" "Ja, natürlich es tut mir leid. Timothy, ich war in Gedanken immer bei dir… ich kann das Kranke Menschen Dingens nicht, ich kann nicht damit umgehen. Es erschreckt mich, dich so zu sehen… ich würde dich aber gerne bei uns zu Hause wissen, wo du dich auskurieren kannst." "Dad, ich komme bei Penny unter. Wir haben uns in den letzten sieben Jahren kaum gesehen und ich fühle mich bei Penny um einiges wohler." "Das verstehe ich." Ich bekam eine Stunde später meine Entlassungspapier und gemeinsam mit Penny und meinem Vater verließ ich das Bethesda. Vor der Klinik verabschiedete ich mich von meinem Vater und wir fuhren zu Penny nach Norfolk.
Die Fahrt machte mir ganz schön zu schaffen und als wir dann endlich da waren, wollte ich nur noch ins Bett. Ich sah in die Einfahrt und ich sah die Autos. Mir sehr bekannte Autos. "Bitte nicht!" dachte ich mir und doch war es mir eh schon klar, dass es mein Team war, meine zweite Familie. "Penny, der Arzt hat gesagt, dass ich nicht unter Menschenmengen darf!" Sie lächelte mich an. "Schatz, deine Freunde haben das schon vorgestern geplant, als du Abby gesagt hast das du heim darfst. Du kannst es ihnen nicht verdenken, Timothy, sie hatten alle Angst um dich." "Ich weiß doch." meinte ich müde.
Also gingen wir ins Haus und Abby die mich als erste entdeckte rannte auf mich zu und umarmte mich Herzlichst. Mir blieb die Spucke weg und ich meinte nur kurz, sie solle mich doch bitte nicht erwürgen. "Oh, Timmy, es tut mir leid, aber ich habe mich so gefreut und ich bin wahnsinnig erleichtert… ich war so geschockt und du weißt das ich sensibel bin." "Abs. Es ist okay!" Er sah seine große Liebe vor sich, schade, dass sie seine Gefühle nicht erwiderte, jedenfalls nicht in der Form in der er es gerne gehabt hätte.
Jetzt kamen auch Ziva und Tony zu ihm, jeder umarmte ihn und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. "Hi Bambino, herzlich Willkommen zu Hause!" meinte DiNozzo und umarmte mich noch einmal. "Du hast uns echt gefehlt!" Ich legte meine Stirn ihn Falten. "Ihr habt mich jeden Tag besucht, schon vergessen?" "Das ist nicht dasselbe, wir haben dich nur durchs Fenster beobachtet… irgendwie schon verrückt, wie so einen süßen Babytiger oder ein Nilpferd…" Ziva holte aus und gab ihm eine Kopfnuss. "Aua!" protestierte Tony, ich musste grinsen, es hatte sich nichts verändert. "Das ist mein Privileg, Ziva! Oder bist du zum Teamleiter geworden?" beschwerte sich Gibbs. Ich hob meine Augenbrauen, sah zu Ziva und Tony und dann wieder zu Gibbs. "Hey, Boss!" Gibbs war immer derjenige gewesen, der nicht auf ein Feierabendbier mit in die Bar gekommen war, sich immer eher ausgekränzt hatte umso mehr wunderte ich mich dass er extra nach Norfolk gekommen ist um meine Entlassung zu Feiern. "Tim, schön dich zusehen. Der Mundschutz steht dir nicht!" er zwinkerte. Ich musste ebenfalls grinsen.
Penny kam und rettete mich aus den Fängen meiner Freunde, sie dirigierte mich zu ihrem Sofa, scheuchte Palmer und Ducky weg und zeigte mir mit dem Finger dass ich mich setzen sollte. "Es tut gut euch alle zu sehen!" meinte ich leise.
Abbys Sicht
Ich setzte mich neben McGee und redete auf ihn ein, so wie ich es immer tat. Ich hatte ihn schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr gesehen, obwohl es gerade mal zwei Tage her war. Ich holte Luft und merkte erst dann, dass Timmy eingeschlafen war. Er sah friedlich aus und doch sah ich wie sein Körper gelitten hatte. Er war so schmal wie noch nie, seine Haut war blass und unter seinen Augen waren dunkle Schatten erkennbar. Seine Haare hatten wieder angefangen nach zu wachsen, allerdings waren diese nicht wie gewohnt braunen sondern eher dunkelgrau, Anthrazit war wohl die beste Beschreibung.
Gibbs und Tony halfen dabei, Timmy nach oben in sein Zimmer zu bringen, was Penny für ihn hergerichtet hatte. Jetzt saß ich neben ihm, während er die Augen wieder öffnete, seine schönen, grünen Augen waren das einzige was nicht unter der Chemo gelitten hatte. Sie strahlten nach wie vor. "Danke." meinte er zu Gibbs und Tony und war schon wieder eingeschlafen.
Ich selber hatte mir für zwei Wochen Urlaub genommen um ganz für Timmy da zu sein. Wir machten Spaziergänge, jeden Tag ein bisschen weiter, seine Kondition hatte durch den Krankenhausaufenthalt ziemlich gelitten, so dass er bereits nach kurzen Strecken außer Atem war. "Abby, wenn das nicht langsam besser wird kann ich beim NCIS einpacken." stöhnte er nach einiger Zeit. "Blödsinn, der Arzt hat dir noch nicht mal einen Gedanken daran gegönnt wieder zu Arbeiten und du machst dir jetzt schon Sorgen? Lass dir und deinem Körper etwas Pause zum verschnaufen, du kannst froh sein dass du noch schnaufen kannst… du bist ein starker Mensch. Wenn die Zeit kommt, dann bist du wieder fit, okay?" Er seufzte und ich konnte seine Verzweiflung spüren. "Geht's wieder? Können wir zurück gehen?" "Ich denke schon…" schnaufte er wieder etwas ruhiger. Als wir wieder bei Pennys waren, wechselte er seinen Mundschutz wie alle zwei Stunden. Ich genoss die Zeit mit ihm, es war längst mehr geworden als pure Freundschaft. Immer öfter musste ich an unsere Affäre denken und wie ich ihm gesagt hatte, dass ich ihn liebte wie ich Hundewelpen liebte, dass stimmte ganz und gar nicht mehr. Ich liebte ihn, wie nur eine Frau einen Mann lieben konnte, doch wie sollte ich ihm dass sagen, er würde es falsch verstehen. Vielleicht würde er denken, dass ich ihn nur wollte, weil ich nicht wüsste wie lange er noch Leben würde. Ich beschloss es für mich zu behalten bis McGee völlig gesund geworden war.
Tag 100
Tims Sicht
Heute war wieder einer jener Tage den ich schon nicht mochte, wo ich noch eingehüllt in meiner Bettdecke in meinem Zimmer lag. Ich hatte ein seltsames Gefühl im Bauch und zu gerne hätte ich mich einfach wieder umgedreht und weiter geschlafen. Doch besonders heute ging das nicht und dann wollte auch noch mein Vater mit kommen. Mein Vater liebte mich, dass wusste ich, aber es war keine seiner Stärken es auch zu zeigen. Ich wollte ihm trotzdem noch eine Chance geben, wieder teil meines Lebens zu werden.
Es klingelte und ich wusste es war Dad. Ich stand auf und ging duschen, dann zog ich mich an und ging in Richtung Küche, wo ich die Stimmen hörte.
"Guten Morgen!" meinte ich und bekam es doppelt zurück. "Wollen wir los, Timothy!" "Ungern. Ihr wisst wie ich zu Krankenhäusern stehe." Beide nickten. "Wenn ich wüsste das ich nach dem Dormicum noch fahren könnte, würde ich allein fahren… ich hab so vieles worüber ich nachdenken musste."
Natürlich fuhr ich gemeinsam mit meinem Vater, der Arzt begrüßte mich nahm Blut ab und ich wurde fast sofort zur KMP gebracht. Ich wollte nicht wieder ewige Zeit damit verbringen auf zu wachen, so bat ich heute um das Gegenmittel. Es fühlte sich seltsam an, gerade als ich die Augen geschlossen hatte machte ich sie auch schon wieder auf. "Alles in Ordnung, Mr. McGee?" Ich nickte noch etwas benommen. "So, wir haben ihnen gleich die Immungloboline angeschlossen. Die allerletzte." die junge Frau lächelte mich an. Beim Arztgespräch eine Stunde später, durfte ich meinen Mundschutz abnehmen. "Ich brauche ihn nicht mehr?" "Nein!" "Gut! Kann ich wieder arbeiten gehen?" "Nein!" der Arzt lächelte nicht mehr und war ernst geworden. "Mr. McGee, ihre Arbeit in allen Ehren, aber sie werden dieses Jahr nicht mehr arbeiten gehen. Frühestens im Januar." "Aber warum… ich fühle mich gut." "Es ist zu anstrengend für ihren Körper, Mr. McGee!" "Ich könnte anfangen nur Büroarbeit zu machen, es gibt genügend Akten die auf mich warten!" "Nein! Wir können nächsten Monat noch mal verhandeln, wir werden sehen." Ich seufzte, ich wollte nicht noch länger zu Hause bleiben. "Darf ich wenigstens meine Kollegen besuchen gehen?" "Ja, dass können sie, aber wenn ich höre das sie arbeiten komme ich persönlich vorbei und trete ihnen in den Allerwertesten!" "Keine Sorge, Gibbs würde das auch übernehmen!" Wir grinsten, der Arzt kannte Gibbs recht gut.
Wir fuhren auf den Navy Yard, ich sprang hinaus und ging ins Gebäude ohne auf meinen Vater zu warten. Mit zügigem Schritt machte ich mich auf um zum Aufzug zu gehen, dass vertraute "Pling" bestätigte mir das ich im Großraumbüro angekommen war. Ich stieg aus dem Fahrstuhl und sah sofort auf meinen Schreibtisch. Innerlich grinste ich, ich vermisste meinen Schreibtisch, meinen Computer, meine Arbeit an sich und vor allem vermisste ich meine Kollegen, speziell Tonys Sarkasmus.
Dann traf mich Gibbs Blick. "McGee? Was machst du denn hier und wo ist dein Mundschutz?" wollte der Boss wissen. "Ich besuche euch. Den Mundschutz durfte ich heute offiziell in die Tonne treten! Langsam fühle ich mich wieder wie ein Mensch!" "Und wann darfst du wieder zurück?" Ich ließ automatisch den Kopf hängen. "Frühestens im Januar! Also noch zwei Monate!" jammerte ich ein wenig. Vance kam aus seinem Büro und ging die Treppen runter zu uns. Er begrüßte mich und wollte wissen wie es mir ging. Später kamen auch Tony und Ziva zu uns und dann besuchte ich Abby in ihrem Labor.
Es tat so gut alle zu sehen und im NCIS Hauptquartier zu sein, es hatte mir sehr gefehlt und es brachte eine Hauch von normalem Leben zurück.
Nach meinem Ausflug zum Navy Yard war ich wieder total erschöpft, Dad brachte mich zurück zu Pennys Haus und ich schlief den ganzen Weg im Auto.
