Heilmittel
Draco atmete tief durch. Er rückte die Manschetten seines Hemdes zurecht, die von silbernen Schlangenknöpfen gehalten wurden, die seine Mutter ihm zum Geburtstag geschenkt hatte, glättete seinen schwarzen Umhang, strich sich durch die Haare, schob einige Papiere auf seinem Schreibtisch hin und her, richtete den Bücherstapel und rückte seinen Stuhl so zurecht, dass er perfekt hinter dem Schreibtisch stand.
In einer Minute würde er seine erste Unterrichtsstunde haben. Schüler aus den ersten Jahr. Draco hatte das Gefühl, dass McGonagall seinen Stundenplan so zusammengestellt hatte, dass er im seichten Wasser beginnen konnte. Trotzdem spürte er, wie sein Herz in seiner Brust, seinen Schläfen und seinem Körper pochte und seine Nerven ihn zu lähmen drohten.
Er holte noch einmal Luft. Dann riss er hektisch den Ärmel seiner Roben hoch, beeilte sich, die Manschette zu öffnen, und schob sein Hemd bis zum Ellbogen –
Seine Haut war glatt und blass und leer. Draco seufzte zittrig und rückte seine Ärmel zurecht. Nur für den Fall, dass er es vergessen hatte...
Die Glocke läutete, und er stand gerade da. Seine Handflächen waren feucht. Seine Augen huschten durch den Raum, um sich zu vergewissern, dass alles an seinem Platz war. Er richtete den Bücherstapel erneut und schob ihn dann ganz in die andere Ecke seines Schreibtisches.
Langsam trudelten die Schüler ein, einer nach dem anderen, gefolgt von einer kleinen Gruppe, die lachend das Ende ihrer Unterhaltung in den Raum trug und sich verflüchtigte, als sie sich setzten. Draco versuchte, diejenigen anzulächeln, die seinem Blick begegneten, aber sie sahen genauso schnell wieder weg, und sein Lächeln verblasste. Er wischte sich die Hände an seiner Hose ab. Erst als der Raum voll und ruhig war, räusperte er sich.
Eine Klasse von Augen blinzelte zu ihm auf. Ab und zu bewegte sich einer von ihnen und das Rascheln einer Robe oder das Scharren eines Stuhls durchbrach die erwartungsvolle Stille.
Draco nahm einen tiefen Atemzug.
„Die meisten von Ihnen wissen wahrscheinlich, wer ich bin, weil mich die Schulleiterin beim Abendessen vorgestellt hat, aber für diejenigen, deren Gedächtnis nachlässt, ich bin Professor Malfoy. Ich werde Sie in Zaubertränke unterrichten, solange Sie in Hogwarts sind." Er hielt inne. Sein Blick schweifte über das Meer aus leeren Gesichtern. „Haben Sie Fragen?"
Ein Mädchen ganz vorne stand auf und hob die Hand. Draco nickte ihr zu.
„Stimmt es, dass Sie ein Todesser sind?"
Sein Kiefer kribbelte. Eine plötzliche Stille senkte sich über den Raum, und er schob die Bücher wieder auf seinem Schreibtisch herum und lehnte sich dagegen. „Das war ich.", sagte er. Gemurmel verbreitete sich, aber er unterbrach es. „Der Krieg war eine ganz andere Zeit... Es gab kein Schwarz und Weiß, kein Richtig und Falsch, nur Leben und Tod. Ich bin am Leben, weil ich ein Todesser war... Ich bin hier, weil ich ein schlechter Todesser war. Sie werden wahrscheinlich viel über mich und den Krieg hören, und man kann sich aussuchen, ob man es glaubt. Ich kann Ihre Meinung darüber nicht ändern. Aber ich kann Ihnen viel über Zaubertränke beibringen." Draco atmete zittrig ein. „Wenn Sie mich lassen."
In der Klasse herrschte Schweigen.
„Noch irgendwelche Fragen?"
Niemand sprach. Oder bewegte sich.
Draco nickte. Sein Mund war trocken. „Wenn das so ist, können wir mit dem Unterricht weitermachen."
Er bewegte sich vom Pult weg, schwenkte sein Handgelenk und die Bücher schwebten zu den Kindern hinüber und landeten sanft vor ihnen.
„In diesem Jahr werden wir uns mit der grundlegenden Theorie des Zaubertrankbrauens befassen, einschließlich der zwölf Verwendungsmöglichkeiten von Drachenblut, der verschiedenen Arten von Kesseln und der Frage, welche Phiolen man am besten für welche Tränke verwendet. An der Tafel sehen Sie die Liste der Zaubertränke, die wir dieses Jahr zu brauen lernen werden, angefangen mit dem Furunkelheiltrank.", sagte Draco und deutete auf die Tafel hinter ihm.
Er hatte die Liste geschrieben, bevor der Unterricht begonnen hatte:
Furunkelheiltrank
Vergesslichkeits-Trank
Herbizid
Mega-Power-Trank
Gegenmittel zu gewöhnlichen Giften
Pompion-Zaubertrank
„Diese Tränke wurden vom Ministerium als leicht eingestuft, aber das bedeutet nicht, dass sie einfach sind. Bei Zaubertränken geht es nicht nur darum, Anweisungen zu befolgen." Draco sah seine Schüler an. Er schluckte, sein Blick wanderte zurück zu seinem Schreibtisch, zu seinem Schreibtischstuhl. „Es geht nicht nur um die Zutaten. Einige von Ihnen sehen es vielleicht nicht einmal als Magie an. Aber Zaubertränke sind eine komplizierte Kunst. Nur wenige können sie beherrschen... Aber wenn Sie auf mich hören und tut, was ich sage –" Draco hörte plötzlich das Flüstern einer alten Stimme, die durch den Raum schwebte, und er sprach mit ihr: „Dann kann ich Sie lehren, wie man Ruhm in Flaschen füllt, Ansehen zusammenbraut, sogar den Tod verkorkt... Wie klingt das?"
Die Klasse blieb still. Draco nickte. „Ausgezeichnet."
Er löste die Manschettenknöpfe an seinem Hemd und krempelte die Ärmel bis zu seinen Ellbogen hoch. Mit einem weiteren Gemurmel und einer Handbewegung wurde die Tafel leer und die Kreide, die auf ihrem Rand ruhte, setzte sich in Bewegung, um die Anweisungen für den Furunkelheiltrank aufzuschreiben.
„Heute –", fuhr Draco fort, „– möchte ich, dass wir sofort loslegen. Ich will sehen, wie gut Sie dem Lehrbuch folgen können und welche Grundkenntnisse Sie bereits haben. Aber zuerst müssen wir unsere Stationen einrichten. Das werden wir gemeinsam tun."
oOo
Als er am Ende der Stunde die Bücher wieder einsammelte, klopfte es an seiner Tür. Draco blickte auf und sah Hermine in der Tür stehen, die Hand immer noch erhoben. Sie lächelte. „Ich habe fünf Minuten Zeit. Ich dachte, ich sehe mal nach, wie deine erste Stunde gelaufen ist."
Er hielt inne und lehnte sich gegen den Schreibtisch. Ihr Mund war leicht angespannt, und als sie nervös an ihrer Lippe knabberte, wusste er, dass sie sich Sorgen um ihn machte. Draco lächelte.
oOo
Hermines Geburtstag fiel auf das erste Hogsmeade-Wochenende des Jahres. Das war ein Glücksfall, denn es bedeutete, dass die meisten Schüler das Schlossgelände verließen und sich in das kleine Dorf begaben, so dass nur die jüngeren Schüler übrig blieben, die sich in der bitteren Septemberkälte nicht nach draußen wagen wollten. Der Himmel war grau, bedeckt und verhieß Regen, aber der Boden war trocken und fest, und das machte ihn perfekt für ein Picknick.
Draco holte den Korb an diesem Morgen in der Küche ab und wurde von einer Schar zufriedener und eifriger Hauselfen begrüßt. Sie stellten sich abwechselnd in der Küche auf, um ihm ihren Beitrag zu zeigen, und präsentierten stolz ihre Mini-Zitronen- und Bakewell-Törtchen, makellos dreieckige Gurkensandwiches und kleine Kanister mit Jasmintee, bevor sie in den Korb gepackt wurden. Er hatte auch einen seiner Umhänge in eine große Decke verwandelt und sie darüber gelegt.
Es war nach dem Frühstück, als er an die Tür zu ihren Zimmern klopfte, da er wusste, dass die meisten Schüler inzwischen gegangen waren. Sie öffnete die Tür, verschlafen, mit zerzaustem und verfilzten Haaren, noch im Schlafanzug. Ihre Augen weiteten sich leicht, als sie ihn sah.
Draco grinste. „Ein kleines Vögelchen hat mir gezwitschert, dass jemand Geburtstag hat.", sagte er und versteckte den Korb hinter seinem Rücken.
„Oh, Draco!"
Seine Augen huschten an ihr auf und ab. Er verzog das Gesicht. „Ein kleines Vögelchen, das aus deinen Haaren gekommen ist, wie es aussieht."
Hermine warf ihm einen finsteren Blick zu, aber die Hitze war verschwunden, und das Lächeln, das ihre Lippen umspielte, ließ sie so aussehen, als würde sie die Augen zusammenkneifen oder noch halb in den Fängen des Schlafes stecken. Sie trat von der Tür weg und er folgte ihr in ihr Quartier.
„Wie ist dein Lehrerleben?", fragte Hermine, griff nach ihrem Morgenmantel und zog ihn an. Sie lächelte ihn verschlafen an.
Dracos Lippen zuckten. Er nickte. „Erstaunlich gut. Bis jetzt hat sich noch niemand in Brand gesetzt oder in die Luft gesprengt, also betrachte ich die ersten drei Wochen als erfolgreich. Pomfrey hat mir gesagt, es sei der beste Start, den ein Zaubertankmeister je hatte. Normalerweise wäre inzwischen jemand im Krankenflügel eingeliefert worden."
Hermine hob die Augenbrauen. „Oh.", sagte sie. „Na, das ist doch schon mal was."
„Kein Rekord, von dem ich dachte, dass ich ihn brechen würde, aber ich nehme was ich bekommen kann."
Sie lächelte ihn an. Draco schmolz dahin. Er holte den Picknickkorb hinter seinem Rücken hervor und sagte: „Nun, zurück zum Thema. Ich schlage ein Picknick vor. Es ist dein Geburtstag, ein Wochenende, und alle sind entweder drinnen oder in Hogsmeade. Und die Sonne scheint fast."
„Wow, du hast dir wirklich alles gut überlegt.", strahlte Hermine. „Wie könnte ich zu so einer gründlichen Planung nein sagen? Gib mir nur eine Minute, um mich anzuziehen."
Draco trat wieder auf den Korridor hinaus und schloss die Tür hinter sich. Mit dem Picknickkorb in der einen Hand fuhr er sich mit der anderen durch die Haare, um sie zu glätten, dann strich er über sein weißes Hemd und versuchte, die Falten in seiner braunen Hose zu glatt zu streichen. Plötzlich richtete sich seine Aufmerksamkeit auf seinen Arm, und er verkrampfte sich, entspannte sich aber wieder, als er die saubere Hautfläche sah. Er atmete tief durch.
Die Tür hinter ihm öffnete sich, Draco zuckte zusammen und wirbelte herum. Er blinzelte, und sein Griff um den Picknickkorb lockerte sich, bevor er seine Faust ballte. Hermine stand vor ihm, das Kleid reichte ihr bis zu den Waden, die Wolljacke hing ihr von den Schultern und sie lächelte ihn an. Ihre Haare waren immer noch wild.
„Du kannst dir eine Minute mehr Zeit nehmen, um deine Haare zu bürsten, wenn du sie brauchst.", sagte Draco nach einem Moment, aber seine Stimme war schwach und sein Lächeln frisch und jung, als er sie ansah.
Hermine verdrehte die Augen. Sie wurde rot. „Du bist ein Trottel.", sagte sie.
Er grinste und bot ihr seinen Arm an. „Miss Granger."
Sie lächelte und hackte sich bei ihm unter.
Draco führte sie durchs Schloss, wobei er wie ein Fremdenführer Fakten lieferte und die Geschichten der Porträts ausschmückte, die entrüstet aufstöhnten, wenn er laut genug sprach, dass sie hören konnten, wie er ihren Lebensinhalt beschmutzte. Hermine lachte, als er auf die Stufe hinwies, in der sein Fuß in der ersten Klasse stecken geblieben war, als Peeves ihn mit gestohlenem Blutegelsaft aus Snapes Büro überfallen hatte. Er sah zu, wie sie den Kopf zurückwarf und lachte. Sein Herz flatterte, und ein Lächeln umspielte locker seine Lippen. Langsam schlängelten sie sich aus dem Schloss und den Hang hinunter zu dem vertrauten Baum am See, wo er die Decke für sie ausbreitete und ihr den Picknickkorb mit den Leckereien überreichte. Draco setzte sich neben sie und bediente sich an einem Bakewell-Törtchen, das er sich in einem Biss in den Mund schob, was Hermine zum Schmunzeln brachte. Er schenkte ihnen beiden Jasmintee ein und erfreute sich an dem warmen Blick, den sie ihm dabei zuwarf.
Sie nahm ein Zitronentörtchen, die freie Hand als behelfsmäßigen Teller darunter geklemmt, und lachte. Draco lächelte sie an. Der Quark und die Krümel klebten an ihren Lippen, und er deutete darauf: „Du hast da etwas..."
Hermine neigte ihr Kinn, damit er es abwischen konnte. „Alles weg?"
Er nickte und leckte den Quark von seinem Daumen. Sie beobachtete ihn und lehnte sich auf ihre Hände zurück. „Das ist sehr lieb von dir, Draco."
Er sah weg, über den See, und spürte, wie sich seine Wangen erhitzten. „Es ist dein Geburtstag.", sagte er nur. „Wir sollten feiern. Es gab eine Zeit, zu der es nicht sicher war, ob wir es bis zu diesem Alter schaffen würden."
„Wir können uns immer noch nicht sicher sein.", sagte Hermine. „Du könntest mich bis Juni so sehr nerven, dass ich dich verschwinden lasse. Das habe ich schon mal gemacht, weißt du."
Draco starrte sie an. „Du bist furchterregend, Granger. Ich hoffe, du weißt das."
Sie grinste, warf den Kopf zurück und lachte. Das Geräusch schwebte über ihnen, pfiff durch das Gras und kräuselte sich auf der Oberfläche des Sees. Draco schloss die Augen und lauschte dem Geräusch, als wäre es Musik in seinen Ohren.
Als ihr Lachen auf ihren Lippen versiegte, seufzte Hermine. Mit leiser Stimme sagte sie: „Ist es nicht seltsam, dass wir uns vor einem Jahr auf der anderen Seite des Sees nicht eingestehen wollten, dass wir einander brauchen."
Draco blickte über den Schwarzen See, erinnerte sich an das Zusammentreffen, den Blick in Hermines Augen, die Anspannung in ihrer Stimme, den Schmerz in seiner Brust. Er konnte fast ihre Silhouetten in der Ferne sehen, aber mit dem nächsten Windstoß verschwanden sie im grauen Himmel und in der Vergangenheit.
„Ich glaube nicht, dass ich hier wäre, wenn es nicht dieses Gespräch gegeben hätte.", sagte Draco. Die Ehrlichkeit schmeckte bitter.
Er spürte Hermines Blick auf sich. „Nein, wahrscheinlich nicht.", räumte sie ein. „Ich bezweifle, dass McGonagall dir die Stelle gegeben hätte, wenn du dein Leben nicht so verändert hättest –"
„Das habe ich nicht gemeint, Granger."
Sie war eine Weile still. Dann, mit einer Stimme, die kaum in der Luft um sie herum hörbar war: „Du hättest überlebt, Draco."
Er presste den Kiefer zusammen und weigerte sich immer noch, sie mit brennenden Augen anzusehen. Ihre Hände waren kalt, als sie seine Wange umfassten, und sie zwang ihn dazu. Hermine sagte nichts mehr, sie starrte ihm nur in die Seele, in sein Herz, mit ihrer liebevollen Beharrlichkeit, und ihr Finger strich eine verirrte Träne weg, die er nicht zurückhalten konnte.
Draco nickte, und sie lehnte sich zurück. Er schniefte, rief sich die Augen und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Er zwang sich zu einem Lächeln, zog den Korb zu sich und sagte: „Du bist nicht einmal neugierig, was dein Geschenk ist?"
Hermines Augen weiteten sich. „Das ist nicht mein Geschenk?", fragte sie und deutete auf das Picknick.
Draco spottete. „Malfoys haben mehr drauf als das, Granger."
Sie verdrehte die Augen, obwohl sie lächelte. Er klammerte sich an ihr Lächeln, zählte die Sommersprossen auf ihrem Nasenrücken, um sich zu beruhigen. Er griff in den Korb und reichte ihr eine Karte, was sie noch mehr zum Strahlen brachte.
Als sie die Geburtstagskarte öffnete, runzelte Hermine die Stirn, als etwas herausfiel. Sie hob es auf und las die Vorderseite. Ihr Gesicht wurde ausdruckslos. Sie starrte auf die Karte. Eine Träne kullerte ihre Wange hinunter und bildete einen kleinen, dunklen Kreis auf ihrem Kleid, wo sie hinfiel.
„Draco.", flüsterte sie. Ihre Stimme zitterte. Er hörte sie kaum, aber er hatte gelernt, besonders auf seinen Namen auf ihren Lippen zu achten.
„Meine Mutter hat einen Freund im australischen Ministerium, Hopkins. Ich stehe seit dem Prozess meiner Mutter mit ihm in Kontakt. Er arbeitet in der Muggel-Verbindungsstelle und hat sich für mich darum gekümmert. Seine Daten stehen auf der Karte. Ich weiß nicht, ob du schon einmal eine Fernreise mit dem Ministerium gemacht hast.", sagte Draco schnell und mit leiser Stimme, wobei sein Blick ihr Gesicht nicht verließ. „Ich nehme an, es ist wie ein Muggelflug, nur mit dem Flohnetzwerk. Ein Ticket nach Australien. Offene Rückreise... Geh deine Eltern suchen, Hermine."
Hermine leckte sich über die Lippen. Sie hob den Kopf und sah ihn an, weitere Tränen fielen. Ihre Augen waren rosa umrandet und leuchteten trotz des grauen Septemberwetters. Sie sah ihn an, als sähe sie ihn zum ersten Mal, ihre Augen wanderten über sein Gesicht, huschten zwischen seinen hin und her, dann beugte sie sich nach vorne.
Sie küsste ihn, bevor er blinzeln konnte. Hart und schnell. Ihre Lippen drückten nur eine Sekunde lang auf seine, bevor sie sich zurückzog.
Draco starrte sie an. Ihre Wangen waren feucht, die Lippen rosa wie Nelken. Das letzte Licht des Sommers, der sich in den Herbst hineinbewegte, tanzte über ihr Gesicht und verfing sich in ihren Haaren. Hermine schluckte, dann beugte sie sich wieder vor, diesmal langsamer, die Augen auf die seinen gerichtet. Ihre Wimpern waren dunkel und erstarrt. Ihre Hände umfassten sein Kinn, das Ticket glitt nach unten in ihren Schoß, die Daumen streichelten abwesend sein Gesicht, als sie ihre Lippen noch einmal auf die seinen legte. Draco schloss die Augen. Seine Arme umschlangen sie ohne zu zögern und zogen sie näher zu sich, bevor eine Hand ihren Hinterkopf umfasste und seine Finger durch ihre Locken fuhren.
Sie küssten sich langsam, träge, ihre Münder heiß gegen die Kälte der Septemberluft. Draco küsste sie, als wäre sie seine Lebensader. Sie ist in der Dunkelheit bei ihm geblieben, genau wie sie es an jenem winterlichen Tag vor einem Jahr versprochen hatte, auf der anderen Seite des Schwarzen Sees, und sie hat ihn nicht fallen lassen. Jetzt war es nur fair, dass er ihr gab, was sie sich am meisten wünschte. Auch wenn er ihr die Chance geben konnte, ihre Eltern zu finden, wäre das noch nicht genug, weil sie ihm sein Leben zurückgegeben hatte.
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Lieber Draco,
Magie verblüfft mich immer wieder. Es hat nur Sekunden gedauert mit dem Flohnetzwerk! Ein Muggelflugzeug würde für die gleiche Strecke 20 Stunden brauchen. Unglaublich! Schade, dass der Zaubererzoll nicht genauso schnell ist...
Sobald ich in meinem Hotel gewesen bin , habe ich eine Eule an Hopkins vom australischen Ministerium geschickt. Wir werden uns morgen treffen, damit er mir alles erzählen kann, was er bis jetzt weiß. Ich habe auch alles, was ich über Gedächtniszauber weiß, gelesen und mir Notizen gemacht. Ich lasse es dich wissen, wenn ich etwas finde.
Tut mir leid, dass mein Brief so kurz ist. Es ist schon spät hier. Ich schreibe dir morgen und halte dich auf dem Laufenden.
Nochmals vielen Dank, Draco. Ich danke dir aus tiefstem Herzen.
Deine, Hermine
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Lieber Draco,
ich komme gerade von meinem Treffen mit Hopkins zurück. Es hat sich herausgestellt, dass es in Australien eine Menge Leute mit dem Nachnamen Wilkins gibt. Er hat meine Eltern nicht gefunden.
Ich habe beschlossen, den Erinnerungstrank als mögliches Heilmittel für den Zauber zu untersuchen. Ich weiß, wie sich das anhört. Als Zaubertrankmeister zieht sich dir wahrscheinlich schon bei der bloßen Erwähnung alles zusammen, aber hör mir zu. Der gedächtnisverändernde Zauber fügt neue Erinnerungen hinzu, während der Trank die geistige Wahrnehmung steigert. Ich habe die Zutaten recherchiert; Alraune bringt verklärte und verfluchte Gegenstände wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurück. Obwohl es sich nicht um einen Fluch handelt, erkennt es vielleicht die magische Veränderung im Gedächtnis meiner Eltern und kann sie rückgängig machen? Schneeglöckchen wird in der Muggelwelt zur Behandlung von Alzheimer eingesetzt, obwohl meine Eltern nicht unbedingt ihre Erinnerungen verloren haben. Ich weiß nicht, was die Semantik ist. Ich glaube, die beste Spur, die wir haben, ist die Jobberknoll-Feder, die in Wahrheitsseren verwendet wird. Ich werde in den Archiven des australischen Ministeriums für Zaubertränke nachsehen, wann und mit welcher Wirkung sie verwendet wurde. Ich schicke dir meine Notizen.
Es tut mir leid, wenn ich nicht sofort auf deinen Brief antworte. Ich wollte dir jetzt schreiben, um mich zu sammeln, um mir Zeit zum Durchatmen zu geben und mich daran zu erinnern, dass dies nicht bedeutet, dass wir sie nicht finden werden. Ich habe immer noch Hoffnung.
Ich hoffe, dass bei dir alles in Ordnung ist und der Unterricht weiterhin nach Plan verläuft. Denk daran, wenn die Dinge schief laufen und du merkst, dass sie nicht auf dich hören, jage ihnen einfach eine Heidenangst ein. Bei Snape hat es auch immer funktioniert.
Für immer dein, Hermine
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Lieber Draco,
Ok, ich verstehe, was du mit dem Schneeglöckchen vorhast. Trotzdem, wenn du es mit Einhornhaar kombinierst, um die Eigenschaften zu verstärken, würde es sicher eine gewisse Wirkung auf die Erinnerung haben. Ich hatte Kitzpurfel-Zähne in Erwägung gezogen, aber habe die Idee wieder verworfen. Ich werde nochmal genauer recherchieren, wenn du meinst, dass etwas dran sein könnte.
Hopkins und ich arbeiten uns langsam aber sicher durch die Liste aller Wilkins-Haushalte in Australien. Ich habe ein gutes Gefühl, Draco. Ich weiß, dass meine Eltern hier irgendwo sind. Ich bringe sie nach Hause, und dann arbeite ich daran, ihre Erinnerungen wiederherzustellen.
Ich bin so froh, dass der Unterricht gut läuft! Du bist ein unglaublicher Zaubertrankmeister. Hogwarts kann sich glücklich schätzen, dich zu haben.
Für immer dein, Hermine
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Was hältst du von Murtlap?
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Ich habe sie gefunden.
