Tear me apart - Teil 3

Kapitel 2

Die Eröffnungsfeier

„Zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig ..."

Hermine zählte und zählte, bis sie nach der Siebenundsiebzigsten Umdrehung den Rührstab losließ und sich mit dem Handrücken über die Stirn wischte.

„Puh!", schnaufte sie angestrengt. Nach ihrer unfreiwilligen Pause als junge Mutter war es nicht so einfach, sich auf die Rezeptur zu konzentrieren, wie sie gedacht hätte.

Ein Klopfen an der Tür riss sie schließlich aus ihren Gedanken und sie zuckte zusammen.

„Herein", rief sie eifrig, ohne den Kessel vor sich aus den Augen zu lassen. Hoffentlich hatte Severus nichts von ihrem heimlichen Unterfangen bemerkt...

Schon trat ein junger Mann mit zerzausten schwarzen Haaren in das Labor.

„Hermine?"

Sie hob den Blick. „Harry!"

Mit strahlendem Gesicht rannte sie auf ihn zu und fiel ihm um den Hals. „Was tust du hier?"

Er zuckte mit den Schultern. „Na, euch besuchen natürlich."

Sie hob die Braue. „Tatsächlich? Mitten unter der Woche?"

„Schön, ich kann ja wieder gehen ..."

Schnell schüttelte sie den Kopf. „Unsinn. Meine Türen stehen dir immer offen."

„Wo ist Snape - Severus? Ich habe etwas klappern gehört und gedacht, dass ich ihn hier antreffen würde."

„Er ist bei Sean."

„Ah, verstehe. Und was tust du hier?"

Sie blinzelte ihn verlegen an. „Ich dachte, ich mach mich mal nützlich. McGonagall meinte, dass Severus vor der Eröffnung noch mal seine Räumlichkeiten überprüfen sollte ..."

„Und da du zufällig gerade Zeit hast, wolltest du das für ihn übernehmen." Er seufzte und Hermine nickte. „Vermutlich wird er darüber nicht gerade glücklich sein, oder? Das Labor ist sein Heiligtum. Ganz zu schweigen von der Vorratskammer."

Langsam kehrte das Schuldbewusstsein in Hermine zurück. „Vielleicht, Harry. Doch ehrlich gesagt, habe ich schon eine ganze Weile mit dem Gedanken gespielt, irgendetwas zu tun. Verstehst du? Ich meine, ich liebe Sean, aber trotzdem hätte ich schon gerne meinen Abschluss fertig gemacht."

„Das kannst du doch immer noch, wenn der kleine Mann etwas älter ist."

Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß auch nicht, was plötzlich in mich gefahren ist. Aber wenn ich jetzt nicht damit anfange, denke ich, wird es später auch nichts mehr. Nach einer längeren Pause wieder rein zu kommen und mit dem Lernen anzufangen ist gar nicht so leicht."

„Und das sagst ausgerechnet du? Du warst die beste Schülerin, die Hogwarts je gesehen hat."

„Übertreib nicht."

Er grinste schelmisch. „Tue ich nicht. Okay, vielleicht die beste Schülerin in den letzten hundert Jahren. Aber das ist doch auch schon was ..."

Sie schnaubte. „Bist du deswegen hier? Um dich über mich lustig zu machen?"

Schnell setzte er seinen treuen Hundeblick auf. „Tut mir leid, es war nicht so gemeint."

„Hmmm."

Harry drehte sich um und ließ seinen Blick durch den Raum gleiten und Hermine beschlich das eigenartige Gefühl, dass er irgendetwas auf dem Herzen hatte.

„Was ist los, Harry?", fragte sie ernst.

Er nahm die Hände hoch und fuhr sich damit durch die Haare. „Genau genommen wollte ich Severus sagen, wie leid es mir tut, dass mein Vater so ungerecht zu ihm war. Ich dachte all die Jahre immer, er wäre selbst Schuld daran gewesen. Doch dann musste ich einsehen, dass ich mich getäuscht habe."

„Das weiß er, Harry."

„Trotzdem. Ich habe das eigenartige Gefühl, dass ich mit ihm darüber reden sollte."

Hermine klemmte ihre Lippe zwischen die Zähne. „Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist, ihn daran zu erinnern?"

Er zuckte mit den Schultern.

„Weißt du, Harry, nachdem ihr es geschafft habt, einigermaßen miteinander auszukommen, solltest du die Sache vielleicht erst einmal ruhen lassen."

„Vielleicht."

Sie nickte. „Ganz sicher sogar. Gib ihm Zeit, sich erst einmal wieder an den Alltag zu gewöhnen. Außerdem denke ich, dass es nicht gerade förderlich für seine Gesundheit ist, wenn er sich jetzt darüber aufregt."

Er hob fragend die Brauen an. „Und was ist mit dir? Meinst du, er wird sich weniger aufregen, wenn du in seinem Labor herumschnüffelst?"

„Hey! Vielleicht hast du vergessen, dass wir verheiratet sind und da ist es meine Pflicht, ihm unter die Arme zu greifen."

„Oder ihm die Arbeit abzunehmen."

„Genau. Wo wir gerade dabei sind … Ich muss mich um diesen Trank kümmern, bevor etwas damit schief läuft und er wirklich einen Grund hat, um sauer zu sein. Wir sehen uns bei der Eröffnungsfeier, Harry."

Er rollte mit den Augen. „Schon verstanden. Du willst, dass ich gehe."

Hermine lächelte und machte einen Satz auf ihn zu, um ihn in die Arme zu schließen. „Wir sehen uns! Versprochen Harry. Und grüß Ginny und Ron von mir."

Er legte die Arme um sie und drückte sie an sich. „Werd ich machen. Aber bevor ich gehe, sollte ich Neville besuchen. Er liegt mal wieder im Krankenflügel."

Überrascht machte sie sich von ihm los. „Sag bloß! Ist er es etwa gewesen, der versucht hat, die Peitschende Weide zu schmücken?"

Er nickte. „McGonagall ist vorhin total aus dem Häuschen gewesen, als ich ihr begegnet bin. Bis zum Fest sollte er allerdings wieder fit sein."

„Hoffentlich. Ich will schließlich nicht alleine da stehen, während du mit Ginny auf Sean aufpasst."

„Das wirst du nicht. Er wird mit Luna dort sein und Ron kommt auch."

„Wen bringt er denn mit?"

„Lass dich überraschen."

„Wenn du es sagst."

„Vertrau mir. Das wird dich umhauen!"

Hermine rollte mit den Augen.

„Jetzt muss ich aber los, bevor ich McGonagall noch mal über den Weg laufe. Sie war voll in ihrem Element und hätte mich am liebsten eingespannt."

„Das wundert mich nicht. Seit Sean geboren ist, versucht sie unermüdlich, das Schloss kindersicher zu machen. Die ganze Belegschaft ist nur noch am Stöhnen."

Harry schmunzelte. „Wer hätte das gedacht! So langsam habe ich das Gefühl, es weht ein neuer Wind in Hogwarts."

„Allerdings. Eine scharfe Brise Gryffindor."

xxx

„Bist du fertig, Severus?"

Ein tiefes Brummen kam aus dem Wohnzimmer und Hermine lugte neugierig um die Ecke.

„Wie lange willst du noch da stehen und die Tür zu Seans Zimmer anstarren?"

„So lange, bis Potter und Miss Weasley aufgeben."

Hermine lachte auf. „Vergiss es! Das wird nicht passieren. Sie haben ihn schon im Griff, Severus. Glaube mir."

Sie eilte auf ihn zu, löste liebevoll seine vor der Brust ineinander verschränkten Arme und hängte sich bei ihm ein.

„Komm schon, das Fest beginnt."

Erst jetzt schien er aufzuwachen und nahm sie bei den Schultern, um sie zu betrachten.

„Du siehst umwerfend aus."

Hermine nickte anerkennend. „Danke. Das gebe ich gern zurück."

Severus nahm ihr Kinn zwischen seine Finger und sah sie eindringlich an. „Bist du sicher, dass du da hingehen willst? Ich meine, wir könnten die Feierlichkeiten auch ausfallen lassen. Ich mache mir ohnehin nichts daraus."

Sie blinzelte. „Bitte versuch nicht, dich jetzt raus zu reden. Ich kann spüren, dass du total nervös bist, weil du dir Sorgen um Sean machst."

„Wenigstens auf das Essen sollten wir verzichten. Wir können genauso gut was aufs Zimmer kommen lassen ..."

„Unsinn. Es tut uns gut, mal was anderes als nur die Mauern des Kerkers zu sehen. Selbst jetzt, wo alles renoviert ist, kann es nicht schaden, mal raus zu kommen. Und wir sind ja in der Nähe."

„Trotzdem fühle ich mich nicht wohl bei dem Gedanken, ihn ausgerechnet bei den beiden zu lassen."

„Sie sind seine Paten. Und sie werden ihre Sache gut machen."

„Aber keiner von ihnen hat Erfahrung mit Kindern, wenn du ehrlich bist."

„Da würde ich mir bei Ginny keine Sorgen machen. Sie hat eine so riesige Verwandtschaft, dass bestimmt immer irgendwo jemand ein Baby zu hüten hat."

„Hmmm."

Unweigerlich musste sie lächeln. Dann schlang sie die Arme um seine Hüften und drückte sich an ihn. „Je eher wir weg sind, umso eher sind wir wieder zurück. Versprochen."

Ohne auf eine Antwort von ihm zu warten, schob sie ihn dann in Richtung Tür davon.

„Ich verstehe immer noch nicht, warum Minerva so einen großen Wert auf meine Anwesenheit legt, wenn Potter sich davor drücken darf", grummelte er weiter.

Hermine seufzte. „Harry wird Auror, Severus. Du hingegen wirst wieder unterrichten und bist somit weiterhin ein Teil dieser Schule. Denkst du nicht, es wirft ein komisches Bild auf dich, wenn du den Feierlichkeiten fern bleibst?"

Endlich hatten sie die Tür erreicht und Hermine schaffte es, ihn nach draußen zu bugsieren, da überkam sie selbst ein eigenartiges Gefühl, bei dem Gedanken, den Kleinen alleine zu lassen. Sie hielt inne und seufzte. „Es ist nur ein Abend, Severus."

Er schnaubte und Hermine rempelte ihn spielerisch an, woraufhin er ihr einen seiner üblichen Blicke mit hochgezogener Braue entgegen warf, denen sie hoffnungslos erlegen war.

„Komm schon", drängte sie sanft.

Endlich tauchte der Hauch eines Lächelns auf seinem Gesicht auf.

„Dir zuliebe."

„Ich weiß."

Arm in Arm schlenderten sie durch die Gänge und erreichten die große Halle.

Severus hielt vor den mächtigen Flügeltüren inne und richtete sich auf. Dann sah er stolz auf seine junge Frau in ihrem bezaubernden Kleid hinunter.

„Bereit?"

Hermine nickte ihm zu und als sie ihm in die Augen sah, wurde sie etwas ruhiger. Immerhin war es der erste offizielle Anlass, zu dem sie an seiner Seite geladen war. Und das war ohne Zweifel etwas Besonderes für sie.

„Bereit."

Er nickte. Dann öffneten sich die Türen und sie traten ein.

xxx

Der Lärmpegel und das Gedränge in der Halle waren unglaublich und Hermine verstand endlich, warum Harry so wild darauf gewesen war, gemeinsam mit Ginny auf Sean aufzupassen, anstatt sich hier auf die Füße treten zu lassen und Gott und der Welt die Hände zu schütteln.

Alle namhaften Zauberer und Mitarbeiter des Ministeriums schienen anwesend zu sein. Dazu die Veteranen des Phönix-Ordens, etliche Vertreter anderer Schulen, zwei Reporter und Fotografen des Tagespropheten, sowie eine Unmenge an Zauberern, die Hermine unbekannt waren.

Sprachlos klammerte sie sich an den Arm ihres Mannes und versuchte einen Überblick über die gut gefüllte Halle zu gewinnen.

Severus neben ihr schien gefasst zu sein. Wie gewöhnlich ließ er auf seinem Gesicht keine Regung erkennen. Hermine aber wusste nur zu gut, dass er sich in der Masse der Menschen unwohl fühlte.

Ihr Herz klopfte wie wild und nur mit Mühe schaffte sie es, ihren Atem unter Kontrolle zu bringen, als Minerva McGonagall auf sie zusteuerte.

„Miss Granger. Severus. Ein Glück, dass ihr gekommen seid. Das ganze Land scheint auf den Beinen zu sein, um Hogwarts Respekt zu zollen."

Snape setzte ein schiefes Grinsen auf. „Wenn ich mir das Publikum so ansehe, habe ich eher den Eindruck, sie sind gekommen, um sich wichtig zu machen."

Minervas faltiger Mund kräuselte sich. „Severus, bitte. Nicht heute."

Er schnaubte unbeeindruckt. „Hast du eine Ahnung, wer diese ganzen reichen Säcke auf die Gästeliste gesetzt hat?"

Sie rückte ihren Hut zurecht. „Ich bin erstaunt, dass du so sprichst. Die Finanzen von Hogwarts haben durch den Wiederaufbau stark gelitten, Severus."

„Und jetzt?", fragte er scharf. „Kaum sind wir Voldemort los, sollen wir uns kaufen lassen?"

Sie seufzte. „Ich fürchte, mir sind leider die Hände gebunden. Wenn wir die Schule weiterhin finanzieren wollen, müssen wir zu drastischen Mitteln greifen. Außerdem hat das Ministerium auch noch ein Wörtchen mitzureden, wie du weißt."

„Natürlich!", stieß er voller Sarkasmus und zugleich mit den Augen rollend aus.

McGonagall aber ging nicht darauf ein und wirbelte herum, bereit, sie alleine zu lassen.

„Nun denn, ich wünsche euch einen vergnüglichen Abend. Ich muss mich jetzt um die Gäste aus Beauxbatons kümmern. Madame Maxime ist auch gekommen und Hagrid wirkte etwas zerstreut, als er davon erfahren hat, dass sie eingeladen war. Vielleicht könnt ihr euch vorstellen, dass er bei den Vorbereitungen keine allzu große Hilfe war ..."

„Einen Moment noch, Minerva", zischte Snape streng.

Sie drehte sich zu ihm um und beäugte ihn kritisch.

„Wozu so ein großer Auflauf, wenn wir pleite sind? Man könnte glatt meinen, Albus würde das Fest schmeißen."

Ihre Augen verhießen nichts Gutes, als sie nach den richtigen Worten suchte. Snape aber erlöste sie von ihrem sorgenvollen Blick und fuhr fort.

„Dachte ich es mir doch. Er ist hier, oder?"

Sie nickte kaum merklich und seine Mundwinkel zogen sich zurück und entblößten die Zähne.

„Wie viele Sponsoren gehen auf sein Konto, Minerva? Und warum hast du mir nichts gesagt?", fragte er mit einem Anflug von Wut in der Stimme.

McGonagall aber streckte die Hand nach ihm aus und legte sie beschwichtigend auf seinen Arm. „Tut mir leid, Severus. Ich wusste nicht, wie ich es dir beibringen sollte. Albus hat immer noch Macht und Einfluss. Angeblich hat er sich beim Ministerium gemeldet und mischt jetzt dort mit. Kingsley selbst hat mir etwas über seinen Verbleib verraten und mich gebeten, ihn einzuladen, um mit den alten Fehden an der Schule Schluss zu machen."

Er kniff die Brauen zusammen und eine dunkle Furche tauchte in ihrer Mitte auf. „Schön. Wenn der Minister spricht, können wir nichts dagegen tun. Das war schon immer so, nicht wahr? Vielleicht sollten wir uns heute Abend alle noch einmal tüchtig auf die Kosten der Geldgeber satt essen. Wer weiß schon, was nächste Woche auf dem Speiseplan steht."

Hermine starrte verwirrt zwischen ihm und McGonagall umher und wusste einfach nicht, was sie davon halten sollte. Nur langsam dämmerte ihr, dass jetzt alles anders war, als sie ahnen konnte.

Snape räusperte sich. „Geh jetzt, Minerva. Deine Gäste warten."

Dann war die Schulleiterin auch schon verschwunden.

Hermine blickte ihr verdutzt nach, bis sie sie in der Menge aus den Augen verlor.

„Was war das denn eben?", fragte sie zu ihm hinauf blinzelnd.

Severus betrachtete sie eingehend. „Es sieht so aus, als würden wir vor dem finanziellen Ruin stehen, Hermine." Nachdenklich presste er die Kiefer aufeinander. „Ich wusste, dass das neue Schuljahr eine Hängepartie werden würde. Dass es jedoch so schlecht um Hogwarts steht, konnte ich nicht ahnen."

Hermine grub ihre Finger in seinen Arm. „Warum hast du mir nichts gesagt?"

Er hob eine seiner Brauen und starrte beinahe sanftmütig auf sie hinab.

„Ich wollte dich nicht beunruhigen. Die Aufregung wäre nicht gut fürs Baby gewesen. Aber so langsam denke ich, ist es an der Zeit, der Wahrheit ins Auge zu blicken."

Sie schluckte. „Das ist ja furchtbar."

„In der Tat."

Kaum hatte er ausgesprochen, versteifte er sich und reckte das Kinn in die Höhe. Hermine folgte seinem Blick, um den Grund für seine plötzliche Reserviertheit zu erfahren.

Lucius.

Sie biss sich auf die Lippe, als sie den einarmigen Mann mit den blonden Haaren vor sich sah, der von seiner wunderschönen Frau begleitet wurde.

Von all den Anwesenden schien er die mitunter größten Veränderungen durchgemacht zu haben, dennoch wirkte er so, als würde sein einst so berüchtigter Stolz langsam in ihn zurückkehren.

„Narcissa", grüßte Severus knapp. „Lucius."

Hermine wusste, dass sie aus alter Gewohnheit so aufeinander reagierten. Dennoch fühlte es sich seltsam an, dass sie so steif wirkten, wo doch der Krieg vorüber war.

Narcissa lächelte und Hermine spürte einen Stich in ihrer Seite, als sie sich zu Severus hoch streckte und ihn auf die Wange küsste.

Es hatte nichts Verwerfliches an sich, schließlich waren sie so etwas wie Freunde. Die Schönheit und das galante Auftreten der Frau jedoch gaben Hermine das Gefühl, selbst nie diese Klasse zu erreichen, die Narcissas Ruf alle Ehre machte.

Schnell löste sie sich wieder von ihm los.

„Miss Granger. Wie bezaubernd Sie aussehen. Da ist es kein Wunder, dass unser guter Severus schwach geworden ist."

Hermine errötete und setzte ein unbeholfenes Lächeln auf.

Snape aber rollte gelangweilt mit den Augen, noch ehe irgendjemand etwas erwidern konnte.

„Das ist jetzt wohl kaum der richtige Zeitpunkt für Smalltalk, findest du nicht, Narcissa?"

Sie funkelte ihn amüsiert an. „Wie du meinst, Severus. Lass die Show beginnen." Würdevoll trat sie einen Schritt zurück und setzte ein ernstes Gesicht auf. „Also, was hast du für Neuigkeiten?"

Hermine hörte nur noch halbherzig zu. Sie kam sich mit einem Mal überflüssig in der Runde vor und blickte sich nach jemandem um, der sie von diesem Gefühl erlösen konnte. Da sah sie plötzlich Ron, der sich mit zwei Gläsern in der Hand zu ihr durchkämpfte. Beschwingt kam sie ihm entgegen.

„Ron!"

„Hi, Mione!"

Sie drückte ihn vorsichtig an sich. Dann blickte sie an ihm hinab. „Du siehst gut aus!"

Er lächelte beschämt. „Danke. Du auch."

„Mit wem bist du hier? Harry wollte mir nichts verraten."

„Ah. Hat er doch dicht gehalten."

Sie nickte. „Allerdings. Er meinte, es wäre eine Überraschung."

Ron grinste breit. „Ich bin mit Gabrielle hier."

Hermine riss fragend die Augen auf. „Mit Fleurs kleiner Schwester?"

Er nickte und gab Entwarnung. „Als Aufpasser natürlich. Was dachtest du denn? Sie ist ungefähr zwölf oder so. Jedenfalls ist sie über die Ferien kurzerhand mit in den Fuchsbau gekommen und da sie Hogwarts wiedersehen wollte, hat sie alle überredet, mich auf die Feier zu begleiten." Seine Augen blitzen geschäftig auf. „Wo wir schon dabei sind, ich muss zurück. Fleur reißt mir den Kopf ab, wenn ihr was zustößt."

„Verstehe, wo steckt sie überhaupt? Ich muss sie sehen!"

Er deutete mit dem Kopf in die Ferne. „Bei Luna und Neville. Wir haben ein etwas ruhigeres Plätzchen in der Ecke dort hinten ergattert, wo uns nicht gleich jeder auf die Füße tritt. Ich wollte uns nur was zu Trinken besorgen. Sie wird sich freuen, dich zu sehen. Kommst du mit?"

Sie nickte eifrig. „Das klingt großartig, Ron. Mir wird es hier ohnehin zu voll." Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Severus noch immer in sein Gespräch mit den Malfoys vertieft war, machten sie sich auf und bahnten sich gemeinsam einen Weg durch die Menge. Als sie endlich angekommen waren, waren Rons Gläser nur noch bis zur Hälfe gefüllt.

„Hey!", rief er strahlend. „Seht mal, wen ich mitgebracht habe."

Während Hermine Fleurs kleine Schwester in die Arme schloss und aufgeregt Luna und Neville begrüßte, wendete Ron sich wie ein großer und überaus fürsorglicher Bruder seinem Schützling zu.

„Tut mir leid, aber ich wurde mindestens von drei Leuten angerempelt, die es auf meine Gläser abgesehen hatten."

„Das macht doch nichts", kommentierte sie knapp. Vermutlich hatte sie schon genug davon, ständig unter Beobachtung zu stehen. „Ermine! Wie geht es dir?"

„Bestens, danke. Wie waren die Ferien im Fuchsbau?"

„Molly und Arthur sind großartig. Aber das weißt du ja ..."

Nach und nach taute Hermine endlich auf. Die Gesellschaft ihrer Freunde tat ihr gut und sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie zuletzt so unbefangen mit ihnen zusammen gewesen war, denn so sehr sie das Leben als Frau an der Seite von Severus genoss, so wurde ihr auch wieder bewusst, wie sie es vermisst hatte, von ihren Freunden umringt zu sein und über Gott und die Welt zu plaudern.

Immer wieder sah sie sich nach ihrem Mann um, der genauso wie früher keine Regung auf seinem Gesicht zeigte, obwohl sie nur zu gut wusste, dass seine Blicke aufmerksam die Halle scannten. Am meisten Beachtung schien er dabei einer Figur mit langem Bart und einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen zu schenken, die sich angeregt mit dem neuen Zaubereiminister unterhielt.

Erst dann, als McGonagalls Stimme magisch verstärkt durch die Halle dröhnte, richteten sich aller Augen auf sie.

Während die Schulleiterin ihr Glas erhob und ihre Rede hielt, begnügte sich Hermine damit, Severus zu beobachten, der wie angewurzelt mit den Malfoys in der Nähe der Flügeltüren stand.

Verträumt zog sie sich etwas zurück, lehnte den Kopf gegen die kühle Wand und lauschte den Worten McGonagalls, da spürte sie, dass plötzlich jemand hinter ihr stand und unsanft nach ihrem Ellenbogen griff.

Erschrocken fuhr sie herum und erstarrte, als sie in das Gesicht von Cormac McLaggen blickte.

„Cormac!"

„Granger."

Ein selbstgefälliges Grinsen legte sich über seine Lippen, ohne dass er Anstalten machte, von ihr abzulassen.

Hermine fröstelte. Wenn Cormac irgendwo auftauchte, konnte es nur unangenehm werden.

„Was willst du?", fragte sie forsch.

Er legte die Stirn in Falten. „Warum so unfreundlich?"

Hermine zog an ihrem Arm und riss sich von ihm los. Cormac aber packte flink ihr Handgelenk und drehte ihr den Arm auf den Rücken.

Hermine blieb fast die Luft weg. „Du hast Glück, dass wir nicht allein sind, Cormac", zischte sie drohend. „Nach unserer letzten Begegnung hätte ich Lust, dir eine zu scheuern!"

Er leckte sich über die Lippen. „Wirklich? Wie ich sehe, bist du immer noch schwer zu zähmen, Granger. Aber das wird sich schon noch legen."

Hermine starrte ihn an. Sie wusste, dass die Umstehenden zu sehr mit der Rede der Schulleiterin beschäftigt waren, um sie oder Cormac in der Abgeschiedenheit zu bemerken. Selbst ihre Freunde, die nur wenige Meter vor ihr standen, hatten ihre Aufmerksamkeit auf McGonagall gelenkt. Außerdem hatte sie ohnehin keine Lust auf eine Szene vor versammelter Mannschaft.

„Was willst du?", fragte sie so ruhig, wie sie nur konnte.

Er beugte sich näher an ihr Ohr. „An deiner Stelle wäre ich vorsichtig, Granger. Du weißt, dass ich bereit bin, mir das zu holen, was ich will."

Ohne Vorwarnung verstärkte er den Griff an ihrem Handgelenk und presst sie zu sich an seinen Körper.

Hermine riss überrascht die Augen auf, als sich seine harte Männlichkeit gegen ihre Rückseite drückte.

„Du bist verrückt!"

Er grinste. „Nicht so laut. Wir wollen doch nicht, dass uns jemand hört."

Langsam hob er seine andere Hand und ließ sie über ihre Hüften gleiten. „Es ist schon faszinierend, wenn ich darüber nachdenke, dass sie damals meinen Antrag abgelehnt haben."

„Wovon sprichst du?", fragte sie verstört. Die Situation behagte ihr keineswegs.

„Das Heiratsgesetz, Hermine. Ich war dabei, als es verabschiedet wurde und hatte mich an Ort und Stelle für dich beworben. Doch ich war wohl zu jung, um alle Kriterien zu erfüllen."

„Was?", stieß sie ungläubig aus. „Das ist unmöglich!"

„Tatsächlich?", flüsterte er herausfordernd in ihr Ohr. „Ich war nicht zufällig im Schloss, als ich dir über den Weg gelaufen bin."

In Hermine überschlug sich alles, als sie sich die unerwartete Begegnung mit ihm ins Gedächtnis rief. „Du lügst! Du sagtest, du wärst für das Ministerium in Hogwarts."

„Richtig. Ich sollte überprüfen, ob du den Vertrag einhältst."

Ihr Atem ging mit einem Mal sehr unruhig. „Du widerliche, schleimige Kreatur!", presste sie mühsam hervor. „Wie kannst du es wagen, das zu behaupten?"

Noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, spürte sie, dass er ihr Ohrläppchen zwischen die Zähne klemmte und darauf herum lutschte.

Am liebsten hätte sie ihm eine rein gehauen, doch er hatte sie zu gut im Griff.

„Ich mag es, wenn du so störrisch bist, Granger. Aber es wird dir nicht helfen. Und diesmal wird dir auch dein Mann nicht helfen können."

„Lass mich zufrieden, Cormac", schnaubte sie wütend und mit aller Kraft, die sie in diesem Moment aufbringen konnte. „Sofort!"

Endlich löste er seine Hände von ihr los. Doch wohl eher, weil sich die Rede der Schulleiterin dem Ende näherte und die Gäste zu Klatschen anfingen.

„Schön, wie du meinst", sagte er arrogant und wich langsam von ihr zurück. „Wir sehen uns, Granger."

Die Halle brach in tobenden Applaus aus. Pfiffe und Jubelschreie durchdrangen die aufgeheizte Atmosphäre. Für Hermine aber gab es keinen Grund zum Feiern. Sie schlang die Arme um den Körper und drückte sich mit Tränen in den Augen an die Wand, in der Hoffnung, dass niemand sie bemerken würde.