Tear me apart – Teil 3

Kapitel 5

Die neue Generation

„Wo warst du?", fragte Snape sichtlich irritiert. „Ich hab mir Sorgen gemacht, Hermine."

Sie ließ den Blick nach unten gleiten und starrte belämmert auf die Knöpfe auf seiner Brut, die sich vor Aufregung schneller als gewöhnlich hoben und senkten. Dass er ihretwegen so bald aufgestanden war, ließ das schlechte Gewissen, das sich seit ihrem plötzlichen Verschwinden in ihrem Inneren angestaut hatte, nur noch größer werden.

„Ich war bei Harry", sagte sie leise und sah zu ihm auf.

Die Züge auf seinem Gesicht wechselten schlagartig von besorgt zu verärgert, als er die Kiefer aufeinander presste. „Das hätte ich mir denken können. Und? Verrätst du mir auch, warum du bei ihm warst? Oder soll ich ..."

Hermine holte Luft und fuhr ihm dazwischen. „Beruhige dich, Severus. Lass mich erst mal versuchen, es zu erklären, bevor du dich aufregst."

Er schnaubte wortlos und sie gab sich die größte Mühe, ihm ein unschuldiges Gesicht zu zeigen. „Bitte."

Leise vor sich hin grummelnd setzte er sich aufs Sofa und verschränkte die Arme vor der Brust. Hermine folgte ihm sichtlich verunsichert und nahm neben ihm Platz.

„Das ist eigenartig, nicht wahr?", bemerkte sie kleinlaut. „Diese ganze Situation kommt mir so vor, als hätte ich sie schon einmal erlebt."

Seine Braue rutschte in die Höhe. „Wundert dich das? Du schleichst dich wie ein lausiger Teenager mitten in der Nacht davon, ohne mir ein Wort zu sagen. Werd' endlich erwachsen, Hermine."

Zutiefst getroffen blinzelte sie ihn an. „War das jetzt wirklich nötig, Severus?"

Mit einem unliebsamen Zischen auf den Lippen starrte er ihr in die Augen. „Was erwartest du denn von mir? Sean ist aufgewacht und du warst nicht da. Ich hätte ihm nur zu gern klar gemacht, dass du gleich wieder kommst, um ihn zu füttern, aber er ist ein Baby. Und ich wusste ja nicht einmal, wo du steckst."

Sie schluckte. „Oh."

Er fuhr sich mit den Händen durch die Haare. „Du hättest wenigstens eine Nachricht hinterlassen können. Aber nein! Nichts."

Hermine nickte, ohne darauf einzugehen. „Hat er sich wieder beruhigt?"

„Sieht ganz danach aus, Hermine." Er seufzte und sie sah, wie schwer es ihm fiel, nicht aus der Haut zu fahren. „Weißt du, es war deine Entscheidung, ihn zu stillen. Aber wenn es dir zu viel wird, rund um die Uhr in seiner Nähe zu sein, sollten wir es lassen und ihm die Flasche geben."

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Ich tue das gern. Außerdem habe ich ihn gefüttert, bevor ich weg bin."

Seine Mundwinkel zuckten angespannt. „Und woher sollte ich das wissen?"

Hermine biss sich auf die Lippe. „Du hast ja recht, Severus. Es war falsch von mir. Aber du hast geschlafen und ich wollte dich nicht wecken, wo wir doch ohnehin schon so viele Sorgen hatten ..." Sie sah, dass seine Augen aufblitzen und überdachte ihre Worte schnell noch einmal. Vermutlich war es besser, die schrecklichen Neuigkeiten von Lucius erst einmal beiseite zu lassen. „Entschuldige. Das nächste Mal werde ich dir eine Nachricht dalassen, versprochen. Aber irgendwie musste ich heute Nacht zu Harry. Bitte versteh das."

Ungläubig schüttelte er den Kopf. „Das ist der nächste Punkt. Würdest du mir vielleicht verraten, was du bei ihm gesucht hast?"

Hermine stutzte. „Er ist mein bester Freund, Severus. Ich weiß, dass ihr lange Zeit Schwierigkeiten hattet, aber ..."

„Darum geht es nicht, Hermine", unterbrach er sie energisch. „Du kannst von mir aus täglich mit ihm über Gott und die Welt reden. Aber warum ausgerechnet mitten in der Nacht? Und warum dann, wenn wir von dieser Nachricht erfahren haben? Denkst du, es macht mir Spaß, dir alles aus der Nase zu ziehen? Was ist los mit dir? Die ganze Zeit während des Dinners hatte ich das Gefühl, dass du mir etwas verschweigst. Und wenn du dann gleich zu Potter rennst, liege ich da wohl nicht ganz falsch, nicht wahr?"

Er sah sie so eindringlich an, dass Hermine einen Stich in ihrer Seite verspürte. Sie hasste es, etwas vor ihm geheim zu halten. Doch eigentlich hatte sie vorgehabt, ihm die Sache mit Cormac zu nicht sagen, um ihn nicht damit zu belasten. Jetzt, als er sie so anblickte, sah sie kaum eine andere Möglichkeit, als damit herauszurücken.

Noch ehe Hermine wusste was sie tat, griff sie nach seiner Hand und hielt sie fest. „Es geht um Cormac, Severus. Du hast ihn auf der Feier gesehen. Ich hatte gestern eine Begegnung mit ihm ..."

„Was?", zischte er hart.

Sie nickte. „Ich glaube, du hast recht. Er will sich an uns rächen."

Mit einem Mal schien sein ganzer Körper unter Spannung zu stehen. Seine Nasenflügel bebten und sein Atem ging rasend schnell, als er sie anfuhr. „Was hat er getan, Hermine?"

Sie schüttelte den Kopf. „Es hat nichts zu bedeuten, Severus. Du weißt, dass er ein Idiot ist und immer nur Ärger macht, wenn er wo aufkreuzt."

Seine Augen glühten jetzt förmlich. „Das war nicht meine Frage. Ich wollte wissen, was er getan hat."

„Er hat mich bedrängt", sagte sie knapp. „Aber es war nichts, womit ich nicht fertig geworden bin."

Wütend schnaubte er sie an. „Das glaube ich nicht, Hermine! Warum hast du mir das nicht gesagt? Und was meinst du mit bedrängt?"

Hermine streckte die Hand nach ihm aus und legte sie auf seine Wange. „Es war nichts, Severus. Bitte, reg dich nicht auf. Ich sagte, ich werde schon damit fertig. Und das meine ich auch so."

„Wirklich? Und warum sieht dein Gesicht dann so verheult aus?"

Sie schluckte überrascht. Hätte Harry nicht wenigstens was dazu erwähnen können, bevor sie sich von ihm verabschiedet hatte? „Denkst du nicht, dass ich allen Grund dazu hatte, mir Sorgen zu machen, Severus? Was Lucius Malfoy gesagt hat, ist eine sehr ernste Sache."

Er nickte mit einem irrem Blick in seinen Augen. „Allerdings. Aber genau darum verstehe ich nicht, warum du zu Potter rennst, anstatt erst einmal mit mir darüber zu reden."

Nur langsam wurde Hermine bewusst, dass es ihn schwer getroffen hatte. „Severus, bitte. Ich wollte dich nicht damit verletzen. Im Gegenteil. Ich wollte mir einen Rat einholen. Harry will Auror werden und kennt einige Leute, die ihm vielleicht helfen könnten, mehr in Erfahrung zu bringen."

Er schob ruckartig ihre Hand von sich und kam auf die Beine. Dann stand er mit abgewandtem Gesicht im Raum und starrte zu Boden. „Hast du dabei auch nur einen Augenblick an Lucius gedacht?", fragte er mit einem schmerzverzerrten Ausdruck auf dem Gesicht. „Vermutlich nicht. Wenn das stimmt, was er gesagt hat, wovon ich zum jetzigen Zeitpunkt ausgehen muss, weil ich keine Beweise habe, die belegen könnten, dass er uns etwas vormacht, hat er Kopf und Kragen riskiert, um uns darauf vorzubereiten, was uns bevorstehen könnte."

Hermine spürte, dass sich die Aufregung mehr und mehr zwischen ihnen anstaute und gab sich die größte Mühe, ihn zu verstehen, obwohl es ihr alles andere als leicht fiel.

„Doch das habe ich, glaub mir. Harry wird niemandem was verraten. Aber er kann die Augen für uns offen halten."

„Kann er das", entgegnete er wenig überzeugt.

„Ja." Sie schüttelte traurig den Kopf und versuchte verzweifelt, einen Blick auf sein abgewandtes Gesicht zu erhaschen. „Ich weiß, dass es schwer für dich ist, ihm zu vertrauen, Severus. Aber nach allem was geschehen ist, solltest du es wenigstens versuchen. Er würde nie zulassen, dass uns etwas passiert. Im Gegenteil. Er würde alles für Sean tun, da bin ich mir sicher. Weil er nicht will, dass er ohne seine Eltern aufwächst."

Snape drehte den Kopf in ihre Richtung und sah sie an. Dann, ganz langsam, nickte er. „Schön. Wir können ohnehin nichts tun als abwarten, nicht wahr?"

Erleichterung durchströmte Hermine und sie warf ihm ein sanftes Lächeln zu. „Ja. Wir müssen warten. Erst dann können wir weitersehen."

xxx

Die Tage zogen dahin und das Warten rückte in den Hintergrund, als Hogwarts zum ersten Mal nach dem Tod von Voldemort die Tore öffnete und eine neue Generation junger Hexen und Zauberer in Empfang nahm.

Professor McGonagall hatte Tränen in den Augen, als sie die Kinder dabei beobachtete, wie sie voller Erwartung und Vorfreude in die große Halle strömten, um ihren Häusern zugeordnet zu werden. Überschwänglich und mit unzähligen Emotionen durchflutet hielt sie ihre Rede und Hermine dachte wehmütig daran zurück, wie es damals gewesen war, als sie unter den Erstklässlern gestanden hatte, um darauf zu warten, zugeordnet zu werden. Es schien eine Ewigkeit her zu sein.

Gemeinsam mit Sean in den Armen hatte sie sich in die hinterste Ecke des Lehrertischs zurückgezogen, um den reibungslosen Ablauf nicht durch ihre Anwesenheit zu stören, denn genau genommen hatte sie nichts mehr in der großen Halle verloren. Die Feierlichkeiten gebührten allein den Schülern und Lehrern von Hogwarts. Wenn man also Poppy, Filch und Hagrid außen vor ließ, war sie die Einzige, die nirgendwo dazuzugehören schien. Sie war irgendwas zwischen ehemaliger Schülerin, Ehefrau und Mutter, das sie sich selbst nicht erklären konnte. Auf jeden Fall hatte sie sich fest vorgenommen, Severus dieses Jahr nicht so große Schwierigkeiten zu bereiten wie im vergangenen, schließlich brauchten sie seinen Job und das Einkommen mehr denn je.

Dann war es soweit. Der erste Schultag lag vor ihnen. Severus stand im Bad vor dem Spiegel und knöpfte wie schon unzählige Male zuvor sein Hemd zu.

Hermine hatte sich gegen den Türstock gelehnt und beobachtete jede seiner Bewegungen, während sie angespannt mit den Zähnen auf ihrer Lippe herumkaute.

„So gegen Mittag sollte ich heute fertig sein", sagte er monoton. „Der erste Tag ist meist schnell vorbei. Morgen sieht es schon anders aus. Am Nachmittag gebe ich Unterricht. Aber wenn du willst, können wir heute Mittag mit den anderen in der Halle essen."

Sie nickte abwesend. „Denkst du denn, dass das in Ordnung ist?"

Er drehte den Kopf zu ihr und sah sie mit hochgezogener Braue an.

„Ich meine, vielleicht sollte ich mich lieber nicht dort blicken lassen. Irgendwie habe ich ein seltsames Gefühl dabei, mit Sean zwischen euch zu sitzen, wo ich doch eigentlich nichts mehr dort verloren habe."

Snape seufzte und kam auf sie zu. Dann griff er nach ihren Schultern und sah ihr in die Augen. „Was auch immer das eben sollte, ich will nicht noch mehr davon hören, Hermine. Verstanden? Solange Minerva das Sagen hat, wird uns das Ministerium nicht vorschreiben, wo du zu sitzen hast. Dein Platz ist bei mir." Er beugte sich über sie und nahm ihr Kinn zwischen seine Finger. „Ich habe ohnehin nicht verstanden, warum du bei der Feier nicht bei mir sitzen wolltest. Aber so langsam glaube ich, geht mir ein Licht auf."

Sie warf ihm ein unsicheres Lächeln entgegen. „Ich weiß zu schätzen, dass du das gesagt hast, Severus. Aber ich habe trotzdem das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören. Ich habe keine Aufgabe, mal abgesehen von Sean."

Er schnaubte leise. „Willst du damit sagen, dass du dich nicht ausgefüllt fühlst?"

Hermine zuckte mit den Schultern. „Es ist schwer zu beschreiben. Du weißt, dass ich Sean liebe und es kaum ertrage, ihn mal kurz allein zu lassen, schließlich braucht er meine Aufmerksamkeit. Doch eigentlich hätte ich nie geglaubt, dass ich so früh ein Kind haben würde. Ich dachte immer, ich mache in Hogwarts meinen Abschluss. Aber dann kamst du und dann noch Sean, also wurde nichts daraus."

„Das klingt für mich nicht gerade so, als wärst du zufrieden mit deinem Leben", bemerkte er ernst.

„Nein, das wollte ich damit nicht sagen. Und ich will dir auf keinen Fall einen Vorwurf machen, Severus. Aber irgendwie fehlt mir das Lernen."

„Hmmm. Vielleicht solltest du dann mit Minerva reden. Wenn du willst, kannst du bestimmt einige Kurse belegen."

Erstaunt riss sie die Augen auf. „Tatsächlich?"

Er nickte. „Ja. Wieso nicht?"

Hermine stürzte nach vorne und fiel ihm um den Hals. „Das wäre wunderbar, Severus!"

Sie spürte, wie er die Arme um sie legte und sie an sich drückte. Dann hörte sie ein tiefes Lachen aus seinem Rumpf dröhnen.

„Um ehrlich zu sein, habe ich mir schon so etwas gedacht. Du kannst den Gedanken nicht ertragen, dass die anderen zur Schule gehen und du nicht, nicht wahr?"

„Das ist kein Geheimnis, Severus."

„Nein, ist es nicht. Also, worauf wartest du? Wenn du Glück hast, erwischst du sie noch vor der ersten Stunde in ihrem Büro."

Hermine löste sich von ihm los und sah ihn mit großen Augen an. „Aber was soll ich mit Sean machen? Ich kann ihn wohl schlecht zum Unterricht mitnehmen."

Er verzog die Mundwinkel. „Das wäre jetzt wirklich eigenartig. Doch ich bin mir sicher, es gibt jemanden vom Personal im Schloss, der sich seiner für ein paar Stündchen in der Woche annimmt."

„Ist das dein Ernst? Letztes Mal hattest du noch Bedenken wegen Harry und Ginny. Und jetzt schlägst du mir tatsächlich vor, ich soll ihn einem Babysitter überlassen?"

Snape rollte mit den Augen und suchte seine restlichen Sachen zusammen. „Dass mein Verhalten übertrieben war, weiß ich selbst, Hermine. Doch wenn es dir so wichtig ist, mit dem Lernen weiter zu machen, solltest du es tun. Sean wird sicher nicht glücklich damit sein, eines Tages von Vorwürfen überschüttet zu werden, wenn du dich jetzt seinetwegen in den Kerkern einschließt."

Hermine nickte gedankenverloren. „Da hast du vielleicht gar nicht so unrecht. Ich halte es nicht aus, nur hier herum zu hocken. Doch das Problem ist, wer könnte auf ihn aufpassen?"

Er funkelte sie an, während er mit flinken Fingern das Tuch an seinem Hals festknotete. „Ich wüsste da schon jemanden, der es von Anfang an nur darauf angelegt hat."

„Tatsächlich? Wer soll das sein, Severus? Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Personal die Zeit aufbringen kann, sich um ein Baby zu kümmern." Sie wusste, dass er sie mit Absicht zappeln ließ und konnte die Antwort vor Aufregung kaum abwarten. Angespannt beobachtete sie, wie er seinen schwarzen Frack vom Haken nahm und sich hinein schälte. Warum hatte sie nicht selbst daran gedacht, anstatt sich aus dem Geschehen zurückzuziehen?

„Poppy."

Ihr fiel die Kinnlade nach unten. „Wie kommst du darauf?"

„Sie liebt Kinder. Im Gegensatz zu manch anderem." Er räusperte sich verhalten und widmete sich dann den Knöpfen auf seiner Brust.

Hermine aber war zu aufgeregt, um die Anspielung auf seine kleine Schwäche zu beachten. „Und du denkst, dass sie Zeit dafür hat?"

„Warum nicht? Es wären nur ein paar Stunden, Hermine. Meistens sitzt sie einsam im Krankenflügel und liest schnulzige Romane. Es sei denn, die Masern sind ausgebrochen. Abgesehen davon langweilt sie sich zu Tode und träumt von ihrer Jugend. Im Kollegium ist es kein Geheimnis, dass sie immer eine Familie wollte. Doch leider hat es nicht geklappt."

Sie nickte gedankenverloren vor sich hin. „Verstehe. Dann werde ich mich jetzt besser mal auf den Weg machen und sehen, ob was daraus werden kann, bevor ich mir vor meinem inneren Auge Dinge zurecht spinne, die niemals in die Tat umgesetzt werden können."

Snape nickte. „Tu das."

Hermine konnte ihr Glück kaum fassen. Schnell wie der Wind schloss sie die Distanz zwischen ihnen und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen.

„Danke."

„Gerne."

„Wir sehen uns dann später beim Essen, schätze ich."

Er nickte. „Nun geh schon. Ich werde sehen, ob ich zwischenzeitlich mit Poppy reden kann."

Ein breites Grinsen tauchte auf ihrem Gesicht auf, dann drehte sie sich um und verschwand in Seans Zimmer.

Severus holte tief Luft und lehnte sich gegen die Badezimmertür. Seine Hände zitterten und etwas Schweiß war an seinen Schläfen aufgetaucht. Er war froh, dass sie so aufgeregt gewesen war, dass sie gar nicht registriert hatte, in welch schlechter Verfassung er war. Es würde anstrengend für ihn werden, wieder zu unterrichten. Aber sie brauchten seinen Job.

xxx

Mit Sean auf den Armen stand Hermine vor der Tür zu McGonagalls Büro und fühlte sich dabei mindestens ebenso nervös wie eine Erstklässlerin.

Dass Severus die Tatsache, sie wieder am schulischen Geschehen teilhaben zu lassen, ohne Widersprüche unterstützen würde, hätte sie nicht gedacht. Für Hermine jedoch war es die richtige Entscheidung. Sie wusste, dass sie die Gelegenheit jetzt ergreifen musste und hoffte inständig, dass McGonagall es genauso sah.

Nachdem sie wenigstens halbwegs das Gefühl hatte, dafür bereit zu sein, öffnete sie die Tür und trat ein.

Die Schulleiterin erhob sich überrascht von ihrem Anblick von ihrem Platz und eilte auf sie zu, um Hermine und Sean in eine Umarmung zu bringen. „Guten Morgen, Miss Granger."

„Guten Morgen, Professor", sagte Hermine zaghaft.

„Sie sehen gut aus."

„Ähm, danke."

„Es tut mir leid, meine Liebe, dass ich Ihnen nichts anbieten kann, aber der Unterricht fängt bald an und Sie wissen ja, wie die ersten Tage so sind. Es läuft immer etwas chaotisch ab, bis sich endlich alles eingependelt hat."

Hermine nickte verunsichert. „Das verstehe ich. Ich wollte Sie auch gar nicht lange aufhalten." Sie räusperte sich verlegen. „Eigentlich bin ich nur gekommen, um zu fragen, ob es möglich wäre, den ein oder anderen Kurs zu belegen. Ich weiß, dass das sehr kurzfristig ist, aber ..."

McGonagall setzte ein Lächeln auf. „Merlin, ich hatte mich schon gefragt, ob Sie das nicht tun möchten. Es überrascht mich, dass Sie so lange gezögert haben, Miss Granger."

Hermine war spürbar erleichtert, kam aber nicht zu Wort.

„Sie sollten sich sofort eintragen. Wenn ich mich recht entsinne, hatten Sie immer eine Vorliebe für Verwandlung."

„Ja, das hatte ich."

„Gut. Und wie steht es mit Alte Runen?"

„Genau genommen war das meine erste Wahl. Es gibt noch so viel zu lernen."

„Hätte ich mir denken können. Was ist mit Zaubertränke?"

Hermine schluckte. Natürlich hatte sie innerlich schon mit dem Gedanken gespielt, Zaubertränke wieder aufzunehmen. Ob es jedoch klug wäre, es ausgerechnet jetzt zu tun, war eine andere Sache.

„Um ehrlich zu sein, würde ich erst noch mal gerne mit Severus darüber reden."

„Natürlich, Miss Granger. Ich kann verstehen, dass Sie aufgrund der Vorkommnisse im letzten Schuljahr Bedenken haben. Doch da Sie und Severus zusammengefunden haben, vertraue ich darauf, dass es nicht mehr zu derart unangenehmen Situationen kommen wird.

Hermine nickte. „Es tut mir leid, dass das passiert ist."

Die Schulleiterin winkte ab. „Reden wir nicht mehr davon. Lassen Sie uns lieber überlegen, wie es jetzt weitergehen soll." Sie setzte ein ernstes Gesicht auf und legte Hermine die Hand auf die Schulter. „Sehen Sie, es liegt mir fern, Sie beeinflussen zu wollen, doch da Sie immer schon ein Händchen für Zaubertränke hatten, sollten Sie ernsthaft in Erwägung ziehen, damit weiter zu machen."

„Ja, vielleicht sollte ich das wirklich."

„Wunderbar."

Hermine schmunzelte. Wie es aussah, hatte wohl jeder damit gerechnet, dass sie mit dem Lernen weitermachen würde. Nur sie selbst nicht.

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„Ich dachte, du willst mich dabei unterstützen."

Snape stieß einen tiefen Seufzer aus und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. Er saß so desolat auf seinem Stuhl, dass Hermine fast schon Mitleid mit ihm hatte. Dennoch wollte sie nicht glauben, dass das letzte Wort dazu schon gesprochen war.

„Severus bitte."

Langsam umrundete sie das Pult in seinem Klassenzimmer und setzte sich vor ihm auf die Kante.

„Natürlich möchte ich das tun. Aber ich habe dabei nicht gleich an Zaubertränke gedacht, wo uns aller Voraussicht nach schon das Ministerium im Nacken sitzt."

„Hmmm."

„Hermine, bitte verstehe das. Mir ist bewusst, wie ungerecht es ist, dass du zurückstecken musst. Ich weiß auch, wie sehr dir Zaubertränke liegt. Doch vielleicht solltest du zuerst einmal die anderen Fächer belegen. Dann können wir immer noch weiter sehen."

„Ach ja?", fragte sie schnippisch. „Und warten, was im nächsten Jahr passiert? Vielleicht gibt es dann wieder neue Gesetzesänderungen ..."

Er schüttelte den Kopf. „Wenn ich nicht so von Hogwarts abhängig wäre, würde ich sagen, dass ich mir eine andere Stelle suche. Dann könntest du jedes beliebige Fach wählen. Aber das geht nicht. Wir brauchen das Geld."

Schuldbewusst nickte sie. „Ich weiß, dass ich keine allzu große Hilfe bin, Severus. Aber ohne Ausbildung werde ich auch später keine Arbeit finden."

„Vermutlich."

„Also? Was werden wir tun?"

Er lehnte sich nach vorne und drückte sie vorsichtig an sich, mit Sean in ihrer Mitte.

„Du hast recht. Wir sollten es versuchen. Es waren schließlich nicht unsere Gesetze, die uns in diese Lage gebracht haben."

Hermine streckte eine Hand nach ihm aus und vergrub sie in seinem Haar.

„Wie hat Poppy denn eigentlich reagiert? Wenn sie uns nicht unter die Arme greift, sehe ich ohnehin keine Möglichkeit, das durchzuziehen."

Er hob den Kopf und blinzelte sie an. Erst jetzt bemerkte Hermine, wie müde er aussah, doch nachdem sie wusste, wie ungern er sich bemuttern ließ, wollte sie vorerst einmal abwarten, wie sich alles entwickeln würde. Hoffentlich, so dachte sie, mutete sie ihm nicht zu viel zu.

„Genauso wie ich es dir gesagt habe. Sie liebt Kinder und freut sich auf etwas Abwechslung."

„Dann sollten wir es versuchen."

„Ja, sollten wir."