Tear me apart – Teil 3

Kapitel 8

Auswirkungen

Gemeinsam auf dem alten Sessel zu sitzen, mit Hermine auf Snapes Schoß, fest in seinen Armen, hatte sich zu einer fest etablierten Eigenart zwischen ihnen entwickelt.

Hermine hatte den Kopf an seine Schulter gelehnt und angefangen, sich mit den Fingern den Knöpfen auf seiner Brust zu widmen, wie sie es schon unzählige Male zuvor getan hatte.

Obwohl beide wussten, dass sie sich früher oder später mit der Befragung auseinandersetzen mussten, wagte es keiner, den Anfang zu machen, bis plötzlich ihre Stimme die Stille durchbrach.

„Was wollte er von dir wissen, Severus?"

Wie zu erwarten gewesen war, antwortete er nicht. Genau genommen reagierte er überhaupt nicht darauf.

„Severus, bitte. Wir sollten wirklich darüber reden."

„Wozu?", fragte er barsch, den Blick starr geradeaus gerichtet.

Sie legte den Kopf schief und sah ihn mit gerunzelter Stirn an.

Ein leises Schnauben entfuhr ihm. „Das Übliche, Hermine. Im Grunde genommen geht es doch immer um dasselbe."

Sie rollte mit den Augen. „Oh, das ist ja sehr informativ."

Wie beiläufig zuckte er mit den Schultern, doch Hermine ließ nicht locker.

„Und was genau soll das heißen?" Sie seufzte angestrengt. „Muss ich dir wirklich wieder jedes Wort aus der Nase ziehen, Severus?"

Er stöhnte genervt auf. „Ob ich die Entscheidung, ein Todesser zu sein, bereut habe. Wann ich angefangen habe, die Seiten zu wechseln. Welche Rolle Dumbledore dabei gespielt hat … Es war alles Mögliche dabei, Hermine."

Ungläubig blinzelte sie ihn an. Wenn er so redete, klang er wie eine Maschine, doch ihn schien es nicht zu kümmern, denn er hielt den Blick die ganze Zeit über starr geradeaus gerichtet, als würde er ihre Gegenwart nicht einmal bemerkten.

„Er hat dich über Voldemort ausgefragt?"

„Hast du was anderes erwartet?", fragte er bitter.

„Keine Ahnung. Aber bestimmt nicht das."

„Hmm."

„Und weiter?"

Endlich sah er sie an, wobei eine elende Ungewissheit in seinem Blick lag. Dann schüttelte er träge den Kopf. „Lass es gut sein, Hermine."

„Nein, das werde ich nicht", sagte sie bestimmt. „Also? Was wollte er noch wissen, Severus?"

Ihre Worte klangen so energisch, dass er tief Luft holte und sich dazu herabließ, weitere Details herauszurücken. „Ob ich beabsichtigt habe, dich zu heiraten, um vor meinesgleichen gut da zu stehen. Wann ich angefangen habe, mich für dich zu interessieren. Ob ich vor oder erst nach unserer Eheschließung mit dir intim geworden bin ..." Er seufzte und hielt inne. „Ich will nicht darüber reden, Hermine", schloss er schließlich.

Hermine schluckte. Die Resignation in seiner Stimme hätte nicht deutlicher sein können. „Warum nicht?"

„Weil es nichts mehr bringt."

„Das würde ich nicht so einfach sagen, Severus", sagte sie mit einem erzwungenen Lächeln. „Wir sind eine Familie. Vor allem: wo bleibt dein Kampfgeist?"

„Den habe ich ertränkt."

Ihr Gesicht wurde schlagartig wieder todernst. „Das ist nicht komisch."

Seine Mundwinkel zuckten unbeeindruckt. „Mag sein."

Hermine lehnte seufzend ihren Kopf an seine Stirn.

„Hat er dir auch nahegelegt, das Schloss nicht zu verlassen?"

Er nickte wortlos und sie schüttelte sich bei dem Gedanken daran, dass sie wie zwei Verbrecher behandelt wurden, obwohl sie das alles nur auf sich genommen hatten, um das Gesetz zu befolgen.

„Das ist doch vollkommen absurd", murmelte sie leise vor sich hin.

„Allerdings."

„Also? Was jetzt?"

Snape brummte. „Er hat mir von seiner Tochter erzählt."

Sofort wurde Hermine hellhörig. „Was? Dir auch?"

Er nickte matt und Hermine war es langsam leid, ständig nachzufragen. Doch solange er zumindest bereit war, hier mit ihr zu sitzen, anstatt sich zurückzuziehen, wie er es früher getan hatte, wollte sie nicht lockerlassen.

„Was hältst du davon?", fragte sie vorsichtig.

„Hmm. Würde ich in seiner Lage stecken, würde ich vermutlich genauso handeln, Hermine."

Irritiert legte sie den Kopf weit in den Nacken und blinzelte ihn an. „Du hast doch nicht etwa vor, ihn für seine Dreistigkeit in Schutz zu nehmen?"

„Es war nur so ein Gedanke", sagte er monoton.

Hermine schnaubte leicht säuerlich. „Hör zu, Severus. Ich kann verstehen, dass du dir das alles sehr zu Herzen nimmst. Aber du darfst nicht anfangen, an dir selbst zu zweifeln. Du hast nichts Unrechtes getan. Du wolltest mir lediglich helfen ..."

„Und was hat es uns gebracht?", knurrte er scharf.

„Wir haben uns. Und wir haben einen gemeinsamen Sohn. Reicht dir das nicht?"

Träge nahm er die Hände hoch und schob sie durch seine Haare. „Wir sind einfach zu verschieden, Hermine. Es war von Anfang an schwierig mit uns. Jetzt haben wir nur einen weiteren Beweis dafür, dass das mit uns niemals hätte passieren dürfen."

Entgeistert stand ihr der Mund offen. „Was?"

„Tu nicht so, als hättest du es nicht gemerkt."

„Lass diesen Sarkasmus, Severus!", stieß sie zornig aus. „Würdest du bitte auf der Stelle damit aufhören, alles schlecht zu machen, was wir uns aufgebaut haben?"

Doch er antwortete nicht und ließ Hermine wieder einmal im Ungewissen damit, was tatsächlich in seinem Inneren vorging. Sie für ihren Teil begriff sehr wohl, dass sie ihn damals verletzt hatte, als sie sich vollkommen unvorbereitet in diese Ehe gestürzt hatte. Schlimmer noch, als sie sich ihm in ihrer Unerfahrenheit und ihrer Verzweiflung an den Hals geworfen hatte, bis sie das bekommen hatte, was sie wollte. Der Schmerz, ihren heute so sehr geliebten Professor einst so behandelt zu haben, wie alle anderen Menschen es auch getan hatten, saß bei beiden zu tief, als dass sie es vergessen konnte. Im Moment aber konnte sie nicht klar denken.

Das Flehen in seinen Zügen war deutlich. Auch dann, wenn er den Kopf immer noch wie leblos geradeaus gerichtet hielt, kam es ihr so vor, als würde sie die Geister seiner Vergangenheit in seinen Augen vorbeiziehen sehen.

Er war still; so unglaublich still. Und das für viel zu lange.

Selbst nach etlichen Minuten des Schweigens, als Hermine ihn erneut ansprach, sagte er kein Wort, sondern saß einfach nur da und hatte die Hände abgeschlagen auf den Lehnen seines Sessels abgelegt.

Irgendwann, als sie es nicht mehr aushielt, fing sie stumm zu weinen an.

„Es tut mir leid", flüsterte sie kaum hörbar. „Es tut mir so unendlich leid, Severus."

Langsam schüttelte er den Kopf. „Sag das nicht, Hermine. Es war nicht deine Schuld."

„Wenn ich es damals nur verstanden hätte … Wenn ich gewusst hätte, wie sehr ich dich damit verletzen würde ..."

„Was dann?", fragte er mit rauer Stimme. „Denkst du, es hätte irgendetwas geändert?"

„Natürlich!"

Er schüttelte den Kopf, ohne etwas darauf zu antworten.

Hermine schluckte. „Ich hätte dir das niemals antun dürfen", murmelte sie in ihre Gedanken versunken. „Ich hätte dich nicht bedrängen dürfen. Und ich hätte dich niemals belügen dürfen."

Vollkommen unerwartet sah er sie mit seinen sonst so unergründlichen schwarzen Augen an. Diesmal aber lag deutlich eine Mischung aus Unverständnis und Schmerz darin. „Merkst du es denn nicht, Hermine? Es geht nicht um dich. Es geht um sie! Sie wollen mich hetzen. Sie wollen mich zur Strecke bringen. Mit allen Mitteln. Seit das Ministerium weiß, dass ich etwas mit Voldemort zu schaffen hatte, wollten sie mich tot sehen."

Hermine riss entsetzt die Augen auf. „Was?"

„Alle wissen, dass ich ein Todesser war, Hermine. Das war noch nie ein Geheimnis. Und für die Dinge, die ich unter seiner Führung getan habe, hätte ich schon damals nach Askaban gehen sollen. Nur Dumbledore hat mich davor bewahrt."

„Aber - aber du hast dein Leben für den Orden riskiert. Du hast so viele von uns vor der Unterdrückung gerettet ..."

„Nicht genug."

„Du hast dein Bestes getan."

„Und ich habe getötet."

„Oh, Severus ..."

Er legte die Stirn in Falten, seine Augen blitzten auf. „Was, Hermine? Überrascht dich das etwa?", fragte er mit sardonischem Unterton.

Hermine klappte den Mund auf, doch noch ehe sie etwas erwidern konnte, fuhr er fort.

„Dumbledore hat damals für mich gebürgt. Er alleine war es, der mir getraut und mir noch eine Chance gegeben hat."

„Ich weiß, Severus. Aber das hing nur damit zusammen, dass du gut in dem warst, was du tun musstest. Wenn auch nur jemand anders dahintergekommen wäre, was du riskiert hast … Du selbst sagtest, dass du nicht wusstest, ob Voldemort dich in dem Fall so lange am Leben gelassen hätte."

Er nickte abwesend. „Es ist spät, Hermine. Wir sollten schlafen gehen."

Schmerzhaft biss sie sich auf die Lippe. Es war zermürbend, wenn sie sich im Kreis drehten, ohne eine Lösung für ihre Probleme zu finden. Das war es immer schon gewesen.

Zaghaft strich sie ihm mit der Hand über die Wange, doch er sah sie nur kurz an, ehe er wieder den Blick ins Nichts hinein richtete. Dann löste sie sich von ihm los und verschwand im Badezimmer.