Chapter 3

Nero stöhnte laut und animalisch auf.
Seine Ausruf galt eher einem Elch in der Brunftzeit als einem Menschen.

Der Holzstuhl unter ihm knackte leise, als er sich mit seinem ganzen Gewicht nach hinten an die Rückenlehne schmiegte und dabei ein Gesicht zog, als würde die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern liegen.
„Ahhh...Das war köstlich. Ich glaube ich bin so voll ich kann mich für den Rest des Tages nicht mehr bewegen!"
Er ächzte erneut auf und ließ sich den würzigen Geschmack des blutigen Steaks noch einmal auf seiner Zunge zergehen.
Den starken Muskel presste er sich dabei noch mehrfach schmatzend unter seinen Gaumen, während seine Lippen sich abwechselnd schlossen und wieder öffneten, bis der liebliche Geschmack sich langsam wieder verflüchtigte.

Avilio schaute derweil mit verklärtem Blick aus dem kleinen Sprossenfenster hinaus zur Straße und zog an seiner Zigarette.
Das Gestöhne und Gejaule seines Tischnachbarn dabei still über sich ergehen lassend, als er leise nuschelte:
„Völlerei ist eine Sünde."

Nero blickte auf. Dabei schaute er kritisch über den kleinen Tisch hinweg und machte eine provozierende Nickbewegung zur gegenüberliegenden Seite herüber.
„Was für eine Völlerei? Wo ist die Sünde wenn man nach langer Zeit eine Kleinigkeit zu sich nimmt?"

Avilio stützte derweil locker sein Kinn auf seiner Hand ab, als er einen flüchtigen Blick zu Nero herüber warf. Seine Augen musterten zunächst das offensichtlich erschöpfte Gesicht des Mannes, wanderten dann hinunter zu seinem runden Bauch und beäugten dann kritischen die vielen leeren Teller, welche vor ihnen auf dem kleinen Tisch verteilt standen. Das Verhältnis war offensichtlich nicht ausgeglichen und während vor Avilio nur ein einziger leerer Teller ruhte, waren es vor Nero gleich vier.

Avilio zog ganz langsam seine linke Augenbraue vorwurfsvoll nach oben und warf Nero dabei einen überaus fragwürdigen Blick zu.
Doch dieser konterte ihn direkt und zog daraufhin ebenfalls eine Augenbraue schuldabweisend nach oben.
Die beiden Streithähne blickten sich sturr an und es verging ein Moment der plötzlichen Stille.

Es war später Nachmittag und die beiden saßen in einem kleinen Lokal am Ende der Stadt. Es war gemütlich und stilvoll eingerichtet und im Hintergrund spielte aus einer Musikbox leise Jazz Musik.
Schon fast seit zwei Stunden saßen sie dort und während Avilio schon mehrfach aufstehen wollte, machte Nero noch immer keine Anstalten den Laden verlassen zu wollen. Nach jedem Teller folgte ein nächster, nach jedem Schluck Kaffee ein Gespräch mit der hübschen Kellnerin.

Avilio seufzte erneut auf. Neros Ruhe und Gelassenheit nagten zunehmend an seiner Geduld und so entschied er sich schließlich offensichtlich in seiner Jackentasche herumzukramen, auf der Suche nach dem nötigen Kleingeld.
Seine schlanke Hand tauchte zunächst in der linken Tasche ab, danach in der Rechten.
„Hmm…" Summte Avilio zunächst etwas verwundert über seine Lippen. Seine Hand begann sich nun schneller in seiner Jackentasche zu bewegen und aus anfänglicher Gelassenheit wurde bald steigende Hektik. Er holte kurz Luft.
„Ich habe kein Geld mehr bei mir. Die Runde geht wohl auf dich!" Sagte Avilio schließlich feststellend und schaute dabei herüber zu Nero, der immer noch sich den dicken Bauch in kreisenden Bewegungen massierte, so als könnte er die vier Teller mit etwas Fingerspitzengefühl wieder ungeschehen machen.

Nero stutzte.
„Haaa? Immer futterst du dich auf meine Kosten durch..." Grummelte er missmutig und packte dann widerwillig in seine rechte Sakkotasche.
Auch er wühlte ein paar mal hin und her, so als würde eine Tasche von innen fünf mal ihrer Dimension von außen entsprechen. Doch auch er griff kurzerhand danach verwundert in seine linke Tasche. Doch auch dort zog er nach kurzer Zeit seine leere Hand wieder heraus und klopfte als nächstes seine Hosentaschen ab.

Avilio beäugte das bunte Treiben derweil kritisch, während er sich fragte wie viele Taschen sich in Nero's Kleidern wohl noch verbargen? Er zog erneut an seiner Zigarette, den hellen Rauch weit über den Tisch pustend.

Doch Nero's Hände hielten nicht still. Ganz im Gegenteil. Als nächstes ging es weiter zur Gesäßtasche. Von dort aus weiter zur Innentasche seines Sakkos und von dort in alle weiteren Nischen und Ritzen, welche sich zwischen seinem Körper und den Stoffen ausfindig machen ließen. Als er einmal reihum war griff seine Hand schließlich wieder in die rechte Sakkotasche, dort wo er begonnen hatte, so als wollte er noch einmal sicher gehen, dort zu enden wo er auch angefangen hatte. Schließlich runzelte Nero die Stirn und schaute irritiert an die Decke.

Avilio lienste erneut herüber, dass unbeholfene Treiben im Augenwinkel mitlerweile mit ansteigender Verunsicherung begutachtend.

„Hey... Avilio!"
Zischte Nero plötzlich ganz leise herüber. Unauffällig lehnte er sich langsam mit seinem Oberkörper über den Tisch. Er arbeitete sich förmlich in Zeitlupe auf Avilios Seite herüber und machte dabei einen leicht besorgniserregenden Gesichtsausdruck.

Avilio, dem die plötzliche Zusammenkunft ihrer Köpfe leicht missbilligte lehnte sich ausweichend nach hinten, als er etwas angenervt sagte:
„Ha? Sprich gefälligst etwas lauter. Wenn du so rumnuschelst kann ich dich nicht verstehen!" Er pustete ein letztes Mal den Qualm seiner Zigarette über den Tisch, direkt in Neros Gesicht, bevor er diese dann mit einer lockeren Handbewegung in einem Aschenbecher ausdrückte. Dabei beobachtete er Neros Näherkommen mit Skepsis und wich dem Körperkontakt weiterhin aus, so als hätte er bedenken erneut seine Unschuld gleich hier am Tisch zu verlieren.

„Tzz..."
Nero schnallste kurz unzufrieden mit seiner Zunge.
Dann zischte er leise im Flüsterton weiter:
„Nein... Avilio... Lehn dich mal kurz rüber, nach vorne und hör mir zu!"
Nero wagte einen flüchtigen Blick zum Wirt herüber. Dann lockte er vorsichtig mit seinem Finger Avilio näher an sich heran.

Avilio, der nun langsam zu verstehen begann, dass Nero tatsächlich nicht wieder irgendwelche seltsamen Aussetzer hatte, sondern scheinbar etwas wichtiges ihm mitzuteilen hatte, lehnte sich nun doch ebenfalls leicht über den Tisch und kam Nero dabei bereitwillig etwas entgegen.

„Was ist los?"
Fragte Avilio ungeduldig, während die beiden die Köpfe zusammensteckten.

Nero schaute Avilio plötzlich ernst an.
„Wir haben ein kleines Problem!"

Avilios Augen kniffen sich scharf zusammen.
„Wie klein…ist klein genau?" Nun flüsterte auch er, dem ernst der Lage schließlich gerecht werdend und schaute dabei skeptisch drein.

Nero wartete noch einen kurzen Moment mit seiner Antwort und blickte sich dann ein weiteres Mal im Lokal um, nur um noch einmal sicher zu gehen, dass sie auch niemand hörte.
„Wir sind pleite!" Zischte er schließlich leise herüber.

Avilios Augen weiteten sich zunächst überrascht und er zog seine Augenbrauen nach oben. Doch dann blickte er ungläubig drein und flüsterte misstrauisch:
„Wie, wir sind pleite? Du bist Nero Vannetti. Wie kannst du so schnell pleite sein?"

„Pssst..."
Zischte Nero Avilio plötzlich scharf an. Er zuckte kurz mit seinen Schultern, seinen Sakko dabei etwas unauffälig richtend, als er Avilio noch etwas näher kam.
„Nicht so laut!" Zischte er mit finsterer Miene.
„Aber was heißt hier überhaupt, ich sei Nero Vanetti? Dank dir bin ich einer mit der letzten Vanettis, vergiss das nicht. Was glaubst du wo das Geld jetzt noch her kommen soll? Meinst du ich habe bei unserer überstürzten Abreise erst noch Zeit gehabt mein Erbe einzufordern? Du bist ein Lagusa. Wo ist dein ganzes Geld hin?"

Avilios Augenbrauen und Mund zogen sich angespannt zusammen, als er nun ebenfalls im scharfen Flüsterton konterte:
„Glaubst du ich habe damals Zeit gehabt mir noch irgendwas in die Taschen zu stecken? Dank dir gibt es außer mir gar keinen Lagusa mehr! Also sieh zu, dass du jetzt für diesen Wochenendtrip auch bezahlst in den du mich mit hineingezogen hast!"

Die beiden schauten sich scharf an und die Luft begann zu schwingen.
Während sie ein stilles Duell noch mit ihren Blicken ausfochten und keiner von beiden bereit war nachzugeben, wechselte währenddessen die Musikbox ihre Schallplatte. Ein lebendiges Saxophon Solo erfüllte das Lokal.

Ein Moment des Schweigens verging und niemand rührte sich, als Nero plötzlich nachgebend durch seine Nause amüsiert schnaufte.
Er schloss kurz seine Augen, ließ sich wieder nach hinten an seine Rückenlehne fallen und kramte dann noch einmal demonstrativ in seiner Tasche umher.
Er zuckte mit den Achseln.
„Ok, schon verstanden, aber ich habe wirklich meine Geldbörse nicht mehr. Sie ist weg!" Er zuckte mit den Achseln, schüttelte seinen Kopf hin und her und seufzte dann einmal kurz auf.
Sein Blick wanderte dabei prüfend durch das Lokal. Mittlerweile hatte der Wirt ihr verdächtiges Verhalten bemerkt und schaute zu ihnen mürrisch herüber. Er trocknete ein paar Gläser ab, verräumte diese im Regal und ließ die Zwei dabei nicht mehr aus den Augen.

Nun schnaufte auch Avilio kurz auf und lehnte sich ebenfalls wieder nach hinten, als er noch einmal nachhakte:
„Wie sie ist weg? Wie kann sie einfach weg sein?"

Nero blickte ihn angenervt an.
„Sie ist halt weg!" Zischte er herüber, wissend, dass es dieses Mal tatsächlich sein Verschulden war.
„Hab sie verloren…keine Ahnung."

Nun schüttelte auch Avilio seinen Kopf verneinend hin und her und bohrte weiter dort herum, wo es am meisten weh tat.
„Und wie sollen wir jetzt bitte die Rechnung bezahlen? Kannst du nicht mal auf deine letzten Groschen vernünftig aufpassen?"

Nero knirschte mit den Zähnen, als er nun etwas angenervt und mit lauterer Stimme aus seinem Mundwinkel zischte:
„Desswegen sagte ich ja, dass wir nun ein kleines Problem haben. Was weiß ich, wie wir nun das Essen bezahlen! Hochwürgen und zurückgeben sieht schlecht aus!"
Während die beiden sich noch gegenseitig Vorwürfe machten und sich mehr oder weniger leise anzischten, kam an ihrem Tisch ein junger Mann in einem schwarzem Mantel vorbei. Er trug einen dunklen Hut bis weit in sein Gesicht hinein gezogen und seine Schritte waren bedacht und schwer. Nero und Avilio hörten sofort auf zu sprechen und folgten stattdessen dem Mann mit ihren Blicken im Augenwinkel. Der Mann schritt geradewegs an ihnen vorbei und passierte dann am Ende des Lokals eine Schwingtür und verschwand dann leise im Personalbereich.

Nero zeigte kurz kickend mit seinem Kopf in Richtung Schwingtür und schaute Avilio an.
Sein Blick wurde schließlich mehr als ernst und mit tiefer Stimme flüsterte er: „Der sieht mir nicht danach aus als wollte er gleich mit einem Besen wieder kommen."

Auch Avilios Blick hatte sich mittlerweile verdunkelt und bestätigend nickte er Nero ohne Wiederworte zu.
Die beiden waren sich nun einig und standen schließlich ganz langsam auf. Sie zogen ihre Jacken an und Avilio setzte sich seine Schirmmütze auf und zog sie weit in sein Gesicht. Dann bewegten sie sich langsam und nahezu schleichend Richtung Ausgang.

Nero begann ganz unauffällig pfeifend in das Saxophon Solo mit einzusteigen und schaute sich dabei unbekümmert im Lokal um, so als wollten die beiden nur kurz vor der Tür etwas Luft schnappen gehen.

Doch der Wirt hatte die beiden ganz genau im Blick. Misstrauisch und mit grämender Miene schaute er den beiden nach und linste hinter seinem Tresen hervor.

-Klack-
Wieder wechselte die Musikbox ihre Schallplatte und es begann eine komikhafte Gangstermusik den Raum zu erfüllen.

Nero begann Avilio schließlich von hinten schneller in Richtung Tür zu schieben. Ein leichtes Geschubse und Gerangel entstand während Nero seinen Körper immer wieder in Avilios drückte und versuchte den jungen Mann zum schnelleren Gehen zu bewegen. Doch dies hatte eher den Effekt das Avilio etwas stolpernd den Gang entlang torkelte und die beiden daher mehr Aufmerksam auf sich zogen, anstatt dieser zu entgehen.

Avilio, dem das stoßhafte Voranschieben von Neros Hüfte gegen seinen Hintern eher missbilligte zog ein verärgertes Gesicht als er nach hinten zischte:
„Hör auf so eine Panik zu verbreiten und so zu schieben. ..Und nimm endlich deinen Schwanz aus meinem Ar…"

Doch Nero fiel ihm schon ins Wort als er den Jungen von hinten packte und nun an den Armen voran drückte:
„Dann musst du einfach schneller gehen!"
Argumentierte er ungeduldig von hinten in Avilios Ohr, als er dabei fest an dessen Unterarm fasste und scheinbar bereit war ihn noch gewaltvoller nach vorn zu bringen. Doch in diesem Moment trat der Wirt plötzlich hinter seinem Tresen hervor. Mit ausgestrecktem Finger deutete er auf die beiden flüchtenden Männern und sagte mit lauter Stimme:
„Entschulden Sie. Wo wollen sie hin? Dort haben Sie keinen Zutritt!"

Nero und Avilio schauten sich hastig um.
Alle Gäste im Lokal blickten sie nun aufmerksam an und selbst die attraktive Kellnerin stand mit überraschtem Blick an einem Tisch und traute kaum ihren Augen.

Es verging ein kurzer Moment der peinlichen Stille, als Nero diesen schließlich entschlossen durchbrach:
„Jetzt ist Panik angesagt!"
Sagte er hastig aber bestimmt, als er Avilio von hinten plötzlich kräftig durch die Schwingtür stieß. Avilio strauchelte nach vorne, der Türflügel flog weit auf und die beiden flogen nahezu ungebremst nach hinten in den Personalbereich.

„Hey stehen bleiben!" Rief der Wirt hinter ihnen her und setzte dann sogleich zur Verfolgung an.
Das Lokal geriet in helle Aufregung und die paar Gäste linsten mit gierigem Blick hinter ihren Tischen hervor und sahen sich interessiert das Spektakel mit an.

Nero und Avilio fanden sich plötzlich auf einem schmalen Flur wieder, welcher eher spärrlich beleuchtet war. Doch sie hatten keine Zeit sich zunächst mit den Örtlichkeiten vertraut zu machen und so rannten sie hektisch erst einmal den Gang hinunter. Am Ende angekommen bogen sie um eine Ecke und kamen von dort zu einer Tür die scheinbar nach draußen führte. Ein heller Lichtschlitz unter dem schlecht eingebauten Türblatt lockte mit Freiheit. Doch noch während Avilio seine Hand nach dem massiven Türgriff ausstreckte, hörten sie schon die schnellen Schritte des Wirtes der hinter ihnen herkam.

Aufgebracht und mit zorniger Stimme rief er den Flur hinab:
„Stehen bleiben! Sofort! Ich hack euch die Hände ab ihr Diebe!"

Nero und Avilio zuckten am ganzen Körper zusammen, als sie in windeseile aus der Tür heraus schossen. Wie eine Horde wildgewordener Elefanten sprangen sie zwei Stufen hinunter und landeten dann draußen an der frischen Luft, direkt in einem kleinen Innenhof.

„Wohin?"
Fragte Avilio aufgebracht, während er kurz nach Luft schnappte und sich dabei hektisch umsah.

„Da hinein!" Nero deutete auf eine kleine Tür am anderen Ende des kleinen Innenhofes.

Die beiden stürmten sofort los. Die kleinen Kiessteine knirschten dabei unter ihren Schuhsohlen, während der Wirt sich wutentbrannt ebenfalls mit im Innenhof einfand und ihnen dicht auf den Fersen war.
„Ich leg euch um wenn ich euch in die Finger bekomme!" Schrie er mit hochrotem Kopf.

Nero zog noch kurz verwundert eine Augenbraue nach oben, als er im Eifer des Gefechts zu Avilio sagte:
„Sind wir nicht eigentlich die gefürchtete Mafia? Sollten wir nicht eher Leute umlegen anstatt vor ihnen davon zu laufen? So ganz hab ich mich scheinbar an meine neue Rolle noch nicht gewöhnt."

Avilio schnallste mit seiner Zunge, als er mit einem beherzten Griff die kleine Tür am anderen Ende des Innenhofes öffnete. Die beiden stolperten erneut in einen langen, dunklen Flur und das alte Dielenholz knarrte unter ihren hastigen Füßen. Ihre Augen hatten kaum Zeit sich an die plötzliche Dunkelheit zu gewöhnen, als Avilio als forderster Mann schon begann sich mit den Händen an der Wand entlangzuhangeln und den Flur hinunter zu laufen.

Doch die beiden kamen nicht weit, als sie plötzlich zwei Frauenstimmen vernahmen. Noch etwas undeutlich schallten sie den Flur hinauf aber schienen stetig deutlicher und klarer zu werden. Avilio bremste abrupt ab und Nero lief ungebremst von hinten auf, als die beiden mit geweiteten Augen den Flur entlang starrten. Währenddessen polterte und knarrte es hinter ihnen, als der Wirt im Begriff war aufzuholen.

Avilio atmete einmal stoßartig ein, als Nero ihn plötzlich fest am Arm packte.
„Hier hinein!" Schnaufte er hastig und seine Augenbrauen zogen sich angestrengt zusammen.
Er zog Avilio strauchelnderweise direkt in einen kleinen Raum, dessen Tür er gerade noch rechtzeitig zu seiner Linken entdeckt hatte.

Sie stolperten unkontrolliert in den dunklen Raum hinein und Avilio lief als erstes scheppernderweise vor ein hohes Wandregal. Während Nero es noch schaffte schnell die Tür hinter sich zuzuziehen, folgte sein Aufprall prompt, als er nicht mit einberechnet hatte, dass der Raum schon wieder zu Ende sei und so stieß er Avilio von hinten ins Kreuz. Eingequetscht wie ein Sandwich presste Avilio einmal kurz die Luft schmerzerfüllt aus seiner Lunge, als Nero ihn plötzlich an den Schultern packte und zu Boden zwang.

„Pssst!" Zischte er dabei und nach einem kurzen Gerangel und Sortierung ihrer Gliedmaßen krabbelten die beiden unter das Regal und quetschten sich zu zweit in den kleinen Luftraum umringt von Wollmäusen und Krümeln.

„Schieb nicht so!" Jaulte Avilio verärgert, welcher an diesem Tag schon einige harte Stöße von Nero einstecken musste.

„Pssssst..!" Zischte Nero erneut.
Er legte seine linke Hand plötzlich auf Avilios Mund und mit seiner Rechten hielt er seinen Zeigefinger aufrecht vor seine Lippen. Doch es war so dunkel in dem Raum das Avilio gerade noch Neros Gesichtskonturen erkennen konnte.

Sie horchten beide gespannt auf und die Stimmen der Frauen, untermalt von dem unangenehmen Geräusch ihrer immer näherkommenden Schritte, wurden immer lauter und deutlicher. Schließlich blieben sie genau vor der kleinen Tür stehen.

Nero und Avilio hielten beide vor Anspannung den Atem an.

Die Damen unterhielten sich lautstark weiter und schienen sichtlich aufgeregt über ein Thema zu sein.
„Ja, habe ich dir doch erzählt. Du hast mir ja nicht geglaubt." Sagte die eine, während die andere noch einmal hinter vorgehaltener Hand ihrem Staunen Ausdruck verlieh.
„Das gibts doch echt nicht…" Nuschelte sie noch einmal förmlich fassungslos.

Doch in diesem Moment polterte auch schon der aufgeregte Wirt plötzlich an ihnen vorbei und sprach die beiden Damen keuchend und außer Atem an:
„Haben Sie zwei Rattengesichter gesehen? Sie müssen hier lang entlanggekommen sein!"

Die beiden Damen zuckten leicht erschrocken zusammen. Die Stimme des Wirtes war alles andere als freundlich und der hochrote Kopf des Mannes verhieß nichts Gutes. Die beiden Damen wendeten sich etwas passiv ab, als eine von beiden das Wort ergriff. Etwas eingeschüchtert und unsicher sagte sie: „Es tut mir Leid mein Herr, leider haben wir niemanden den Flur entlangkommen sehen. Auch kein Rattengesicht..."

Der Wirt atmete einmal lautstark ein, als er dann erzürnt und mit kräftiger Stimme ausrief: „FUCK!"

Die beiden Damen flogen erneut zusammen und ihre Augen weiteten sich dabei ängstlich. Etwas eingeschüchtert beobachteten sie den erzürnten Mann vor sich, als dieser sich die Haare raufte und mit seinem Fuß einmal kräftig auf den alten Holzfußboden aufstampfte.
Es knallte einmal laut. Dann drehte sich der Wirt auf dem Absatz um und fluchte mehrfach in sich hinein.
„Dieses verfluchte Gesindel. Und wer soll jetzt die Scheiße bezahlen?"
Der Mann stampfte wutentbrannt den Weg wieder zurück welchen er gekommen war und noch eine ganze Weile hörte man sein unzufriedenes Geknurre und Gejaule.

Die Damen standen noch etwas erschrocken auf ihrem Fleck und blickten dem ungemütlichen Mann noch hinterher, bis er wieder am Ende des Flures durch die Tür zum Hinterhof verschwunden war.

Die eine Dame atmete etwas erleichtert auf, als sie noch ganz verschreckt sagte:
„Du meine Güte. Sollten so welche Männer frei rumlaufen? Die beiden "Rattengesichter" müssen ja Schlimmes ausgefressen haben, wenn der solch eine Laune hat."

Die andere Frau schüttelte ebenfalls ihren Kopf und erwiderte:
„Ich habe richtig Angst bekommen so hat der uns angefahren. Ich dachte schon uns trifft gleich sein Zorn. Aber wenn ich mich recht erinnere ist dies der Wirt von nebenan oder nicht?"

„Hmmmm, jetzt wo du es sagst…" Nuschelte die andere nachdenklich.
„Aber komm, lass uns schnell fertig machen und gehen. Mit dem möchte ich keinen Ärger haben."

Die beiden Damen waren sich schnell einig und schienen ebenfalls das Gebäude wieder verlassen zu wollen.

„Du hast recht. Schnell weg hier, bevor der noch einmal wieder kommt, ich bin nämlich noch mit Allesandro später verabredet."

„Ohhhhh!" Hörte man plötzlich den weiblichen Ausruf der Freude.
„Das hattest du mir ja noch gar nicht erzählt. Wolltest du es etwa für dich behalten? Haha."
Lachte die Dame erfreut auf, während man plötzlich ein hohes Klimpern vernahm.

Avilio und Nero bemerkten plötzlich wie die kleine Tür ihrer Kammer noch einmal kräftig per Hand angezogen und fest geschlossen wurde. Mit einem dominanten Klacken fiel die Tür in ihr Schloss und auch kein Rappeln an der Türklinke bekam sie wieder auf. Danach folgte ein sehr markantes Türschlossklicken und der unverkennbare Ton von einem Schlüsselbund.
Die dumpfen Stimmen der Frauen wurden langsam leiser und entfernten sich immer weiter, bis es schließlich wieder draußen auf dem schmalen Flur still wurde.

Avilio schaute aber noch immer mit Skepsis zur Tür herüber. Er hoffte inständig sich verhört zu haben, auch wenn im ersten Moment die Erleichterung von ihm abfiel. Sie atmeten beide einmal tief ein und wieder aus. Die Anspannung der letzten halben Stunde fiel endlich von ihnen ab und die beiden sackten unter dem alten Regal kurz in sich zusammen.

„Puhhhh das war knapp!" Seuftzte Nero auf und nahm erst jetzt seine warme Hand wieder von Avilios Mund herunter.
Dieser pustete sogleich einmal kräftig aus seinem Mund heraus und knetete kurz sein Kinn, als er leicht scharf zu Nero herüber blickte und sofort seinen Unmut kundtat.
„Könntest du bitte endlich dein Knie aus meinem Schritt nehmen?"

Nero blickte verwundert in die finstere Kammer und fühlte einmal kurz in sein linkes Knie herein. Und in der Tat, es fühlte sich warm und zart umschlossen an.
„Oh verzeih!"
Sagte er schnell und zog in diesem Moment sein Knie ruckartig zurück.

„Autsch!"
Krähte Avilio als nächstes unter dem Regal hervor.

„Was habe ich jetzt gemacht?"
Nero versuchte sich im dunkeln zu orientieren und wo genau seine Gliedmaßen lagen, doch er konnte einfach nichts sehen.

„Mein Fuß, mein Fuß. Du quetscht mir gerade meinen Fuß ein!"
Mäckerte Avilio schrill und zerrte unter Schmerzen an Neros Bein herum.

„Ey... Avilio hör auf, wir bringen gleich das Regal zu Fall."
Nero versuchte sich vorsichtig unter dem Regal hervorzuschieben und streckte seine Hand aus um irgendwo Halt zu finden.
Doch dabei haute er Avilio einmal kräftig einen von unten vor die Nase. Der Staub wirbelte nur so auf.

„Au, oh fuck! Pass doch endlich auf! Hör jetzt einfach auf dich zu bewegen und lass mich das machen."
Avilio hielt sich nun auch noch schmerzerfüllt die Nase. Selbst im Dunkeln konnte man das auffallende verdrehen seiner Augen sehen, in dem mehr weißer Aufapfel als Pupille zum Vorschein kam.

„Was hängt deine Nase auch genau hier in meinem Bereich rum!"
Kritisierte Nero.

„Was macht deine Hand in meinem Gesicht?"
Konterte Avilio sofort wütend.

„Tsss…" Schmollte Nero kurz und machte ein angenervtes Schnalzgeräusch mit seiner Zunge. Doch in der Tat fühlte er sich leicht schuldig und wartete nun besser regungslos ab, bis Avilio als Erster unter dem Regal wieder hervorgekrochen war.
Avilio tastete sich dabei vorsichtig im Dunkeln voran, auf der Suche nach etwas mehr Licht. Etwas unbeholfen und wackelig kam er auf die Beine und tastete mit seinen Händen im Dunkeln. Nach einer Weile bekam er tatsächlich eine dünne Schnür zu fassen, welche direkt von der Decke herab hing.
„Ich glaub ich hab was!"
Langsam zog er daran und schon flackerte ein schwaches, fahles Licht im Raum auf.
Die Glühbirne leuchtete zunächst etwas heller auf, doch schon nach einem kurzen Moment schwächte sich ihre Lichtquelle wieder ab und nur eine sperrliche Beleuchtung im Schummerlicht blieb noch übrig.
Doch es reichte gerade noch aus, in dem Raum wieder etwas mehr zu erkennen und so wollten sich die beiden lieber nicht weiter beschweren.
Kaum Licht, war immerhin immer noch besser als gar kein Licht.

Nun kletterte auch endlich Nero unter Geächze und Gestöhne unter dem staubigen Regal wieder hervor. Er konnte es kaum abwarten die Wollmäuse und Krümel von seinen Kleidern zu klopfen.

Die beiden sahen sich zunächst etwas um und stellten fest, dass sie sich scheinbar in einer winzig kleinen Besenkammer befanden. Außer Putzutensilien war nicht viel brauchbares zu erkennen.

„Aha, desswegen riecht es hier so muffig!"
Nero rümpfte missmutig seine Nase.
„Na, egal, wir wollen hier ja schließlich nicht drinnen übernachten!"
Mit diesem Entschluss tastete sich Nero zielstrebig zur Tür vor und suchte nach der Klinke. Als er diese zu Fassen bekam drückte er diese einmal kräftig nach unten und ruckte einmal kurz. Doch außer dem lauten Knacken der Scharniere war nicht zu hören.
Nero stutzte kurz.
„Ähm... Avilio...?"

„Was ist?"
Fragte Avilio leicht desinteressiert, der gerade dabei war im Putzregal das Weinflaschenversteck ausfindig zu machen.

„Ich glaube wir haben schon wieder ein kleines Problem!"
Nero klang sichtlich unzufrieden und in seiner Stimmfarbe war fast eine gewissen Verzweiflung heraus zu hören.

„Hmpf.." Schnaufte Avilio aus seiner Nase, so als hätte er es schon geahnt, dass Nero ihm nur Probleme bescheren würde.
„Was ist es dieses mal? Nun mach schon die Tür auf, du wolltest doch nicht hier drinnen übnernachenten oder?"

Nero's Stirn zog sich bei diesem Satz nur noch krauser zusammen. Mit schwerer Stimme sagte er:
„Ähm...Ich hab den Türgriff zwar runtergedrückt... Aber die Tür lässt sich nicht öffnen. Ich glaube die zwei Damen haben uns eingeschlossen!"
Nero starrte geschockt auf die Türklinke, welche absolut nicht das Tat wofür sie gebaut war.

Nun war auch Avilios volle Aufmerksamkeit bei Nero.
„Das ist ein Scherz oder?" Er schaute Nero böse an und fand den vermeintlichen Scherz gar nicht lustig.

„Ja glaubst du etwa ich würde darüber Witze machen?"
Nero's Stimme hatte einen leicht vorwurfsvollen Unterton. Er rüttelte noch mehrfach am Türgriff, aber es tat sich einfach nichts.

Avilio's Augen weiteten sich nun ebenfalls, während auch er sprachlos auf die Arbeitsverweigerung der Türklinke starrte.
„Versuch es nochmal!" Gab er Anweisungen von hinten.

„Hab ich doch. Glaubst du ich bin zu blöd eine Türklinke zu benutzen? Verdammte Scheiße. Da ist nichts zu machen!"
Fluchte Nero mit allen Beleidigungen die ihm gerade so spontan einfielen. Dabei zog und rüttelte er an dem Türgriff mehrfach herum und schmieß sich noch ein paar mal mit seinem Körpergewicht gegen die Tür, als wenn es kein Morgen mehr gäbe. Als er endlich davon überzeugt war, dass die Tür nicht einfach nur klemmte, ließ er sich schließlich frustriert an der Wand herunter rutschten und setzte sich auf den dreckigen Fußboden.

Die Kammer in der sie sich befanden war so klein, dass er nicht einmal seine Beine ganz ausstrecken konnte und einen Fuß an der Wand gegenüber abstützte.

Avilio raufte sich das Haar.
„Na super, das hast du ja mal wieder toll hingekriegt!"

„Warum eigentlich immer ich?"
Konterte Nero gleichgültig und lockerte dabei schonmal seine Krawatte.

„Weil du Hunger hattest und dir den Bauch vollgeschlagen hast ohne überhaupt Geld dabei zu haben!"
Avilio schüttelte entrüstet seinen Kopf, stieg über Nero's Beine herüber und versuchte es dann ebenfalls ein paar Mal an der Türklinke. Doch auch bei ihm tat sich einfach nichts.

Nero starrte derweil mit leerem Blick an die öde Wand vor ihm. Aber es dauerte nicht lange, bis das erneute Gerappel an der Tür nach kurzer Zeit schon wieder verstummte und auch Avilio einsehen musste, dass die Tür sich nicht nur einfach verzogen hatte.

Nachdem auch ihm ein paar Beleidigungen gegenüber der Tür rausrutschten ging dieser schließlich auf die Vollen. Avilio schmiess sich mehrfach gegen das Türblatt. Doch außer das Poltern seiner Knochen auf hartem Holz war nichts zu hören. Nero blickte sich eine ganze Zeit das hektische Treiben vom Boden aus an und als Avilio schließlich sogar anfing aggressiv gegen die Tür zu treten dauerte es nicht mehr lange bis man sogar der Entstehung von blauen Flecken lauschen konnte.
Doch egal wie er sich auch anstrengte, es passierte einfach nichts.
Die Tür lachte, Nero lachte, die Wollmäuse auf dem Boden lachten.

Avilio stand die Wut und der Schweiß im Gesicht. Nach einem kurzen Moment des Durchatmens musste auch er sich schließlich geschlagen geben. Er hockte sich frustriert neben Nero an die Wand und ließ sich kraftlos zu Boden gleiten.
Es war kalt, als er auf dem harten Boden zum Sitzen kam und auch seine Fußspitzen berührten fast das andere Ende des Raumes.
Avilio schnaufte einmal angenervt auf, ehe er seine Arme vor der Brust verschränkte und sein Schicksal nur widerwillig akzeptierte.
„Tssss..." Zischte er zwischen seinen Zähnen hervor. Er trat frustriert gegen die dünne Wand und schaute dann nach oben zu der schwach flackernden Glühbirne.

Nero atmete einmal tief ein.
„Morgen früh wird bestimmt jemand kommen und die Tür wieder aufschließen. Machen wir einfach das Beste drauß und genießen eine ungestörte, trockene Nacht mit einem Dach über dem Kopf. Gegessen haben wir schließlich schon, also muss niemand hungrig ins Bett…"
Neros Frohsinn kam scheinbar allmählich wieder zurück. Immerhin war er um eine kecke Antwort nicht verlegen und schloss sogar schon seine Augen und wirkte mit seiner plötzlichen Ruhe wie ein alter Mann, den im Leben nichts mehr schocken konnte.

„Hmpf" Schnaufte Avilio einmal durch seine Nase und lehnte dann seinen Hinterkopf an der Wand an. Langsam ließ er seine Hände in seine Jackentaschen gleiten, als die Anspannung des Tages langsam von ihm ablies.

Es verging ein kurzer Moment der Stille in dem man nur das aufdringliche Surren der Glühbirne vernahm.

Dann stupste Nero Avilio plötzlich mit seinem Knie an.
„Ach Komm schon, wir haben schon viel tiefer im Schlamassel gesteckt. Wir beiden alleine in einer kleinen Besenkammer. Eine Nacht auf dem Fußboden, mehr nicht. Was sollte hier schon schlimmes passieren?" Nero zog eine Augenbraue hoch und blickte Avilio dabei achselzuckend an. So ganz glücklich sah er zwar selbst mit der Situation nicht aus, aber immerhin schien er aus irgendeiner Überzeugung zu sprechen.

Avilio's Gesichtsausdruck hingegen wirkte alles andere als beruhigt. Als sich seine Augen zu zwei kleinen Schlitzen formten und er Nero einmal eindringlich musterte, sagte er schließlich:
„Und genau das ist es ja was mir Sorge bereitet!" Er rückte ein kleines Stück von Nero wieder ab um wieder etwas mehr Abstand zu gewinnen. Zwischen ihren Knien tat sich somit wieder eine Lücke auf und Nero blickte überrascht auf Avilio's Abrücken.

Nun zogen sich auch seine Augen scharf zusammen, als er skeptisch fragte:
„Warum genau… rückst du wieder von mir ab?"

Avilio blickte ganz langsam zu Nero herüber. Ihre Augen trafen sich und sie schauten sich beide an. Der eine skeptisch fragend, der andere skeptisch unterstellend.

Das kontinuierliche Surren der flackernden Glühbirne erschien in diesem Moment auf einmal besonders laut.