Kapitel 17


Ungeduldig klopfte Lucius Malfoy mit seinen Fingern auf die dunkelgrüne Sessellehne im Gemeinschaftsraum der Slytherins. Sein Blick war starr in die Flammen gerichtet, doch in seinen grauen Augen tobte ein wahrer Sturm an Gefühlen. Seit dem der Unterricht für heute beendet war saß Lucius bereits hier und seine Freunde hatten sofort gemerkt, dass es besser war, den blonden Zauberer vorerst in Ruhe zu lassen. Auch die übrigen Slytherinschüler hatten gemerkt, dass mit dem Malfoy-Erben heute nicht gut Kirschen essen war und mieden die Sitzgelegenheit vor dem Kamin. Nur selten hörte man das leise Rascheln eines Schulumhanges und flüsternde Stimmen waren alles, was das leise Knacken der Holzscheite im Kamin unterbrach.

Lucius schenkte all dem keine Beachtung. In seinem Kopf wälzte er Gesprächsfetzen hin und her, mutmaßte über den Verbleib von Severus Snape, der bereits seit vier Tagen nicht mehr am Unterricht teilgenommen hatte und konnte nicht umhin, dass die kalte Wut in seinem Inneren immer stärker wurde. Wo war Snape? Und warum rief der Dunkle Lord sie bereits seit Wochen nicht mehr zu sich?

Lucius hatte noch am Abend zuvor kurz mit seinem Vater Amergin über das Flohnetzwerk gesprochen und dieser hatte ihm auch nicht weiter helfen können. Auch er war bereits einige Zeit nicht mehr zu einem der Todessertreffen gerufen worden und das beunruhigte auch Amergin sehr. Etwas passierte, von dem sie nichts wussten. Und das war nie ein gutes Zeichen.

Lucius knirschte mit den Zähnen. Eine Eigenart, die er sich eigentlich abgewöhnt hatte, doch immer mal wieder trat sie erneut zum Vorschein und zeugte davon, wie sehr Lucius sich ärgerte. Er hasste es, nicht Bescheid zu wissen und nicht zu wissen, was um ihn herum passierte. Und noch viel mehr hasste er es, ausgeschlossen zu werden. Und er hatte immer stärker das Gefühl, dass genau das gerade passierte. Was plante der Dunkle Lord? Warum wurden sie nicht eingeweiht?

Wieder hörte Lucius leises Rascheln von Stoff hinter sich und wusste, dass jemand näher kam. Noch im selben Augenblick wusste er, dass es sich um Aurelia Blackwood handeln musste. Ihr teures, blumiges Parfum hätte Lucius in der belebten Londoner Innenstadt sofort erkannt und hier, im kleinen Gemeinschaftsraum der Slytherins, erfüllte der schwere Duft sofort den ganzen Raum.

Schweigend trat Aurelia an seine Seite und sagte erst einmal nichts. Ein guter Anfang. Sie wusste genau, wie man mit Lucius umgehen musste, wenn er innerlich kochte vor Wut. Natürlich gab es auch noch andere Mittel und Wege, die Aurelia ebenso exzellent beherrschte, doch danach stand Lucius im Moment nicht der Sinn.

Für einen kurzen Moment schloss er die Augen, versuchte sich innerlich etwas zu sammeln und ließ dann einen leisen Seufzer hören.

„Sie haben dich geschickt, um nach dem Rechten zu sehen?", fragte Lucius und kam nicht umhin, den bitteren Unterton in seiner eigenen Stimme wahrzunehmen.

Aurelia schwieg zuerst noch, ließ sich elegant in einen der leeren Sessel neben Lucius sinken und atmete einmal tief durch. Dann sprach sie mit leiser, aber fester Stimme:

„Warum verkriechst du dich, Lucius? Das ist doch sonst nicht deine Art."

Lucius spürte sofort, wie eine weiß lodernde Flamme der Wut in ihm emporstieg, doch er wusste auch, dass Aurelia ihre Worte mit Bedacht gewählt hatte. Sie waren vielleicht provokant, aber sie entsprachen zu einem großen Teil auch der Wahrheit. Und das wussten sie beide.

Wieder knirschte Lucius mit den Zähnen und schloss für einen Moment die Augen, bevor er mit leiser, eiskalter Stimme eine Gegenfrage formulierte:

„Wieso wurden wir so lange nicht mehr zu einem Treffen gerufen, Aurelia? Die Angriffe auf die Muggel haben nicht nachgelassen, auch muggelstämmige Hexen und Zauberer und viele reinblütige Familien werden angegriffen und verschwinden spurlos. Und trotzdem sind wir nicht dabei. Wieso nicht?"

Aurelia schien kurz zu überlegen, dann zuckte sie leicht mit den Schultern. „Ich weiß es auch nicht, Lucius. Aber es ist nicht an uns, die Entscheidungen des Dunklen Lords zu hinterfragen. Wir werden gerufen werden, wenn er uns braucht…"

„Was ist mit dem Training?", fuhr Lucius unfreundlich dazwischen und spürte, wie seine Stimme vor Wut zitterte. „Wir hätten schon längst wieder mit dem Training weitermachen sollen. Das Schuljahr hat schon lange begonnen, daran kann es nicht liegen!"

Dieses Mal nickte Aurelie und blickte Lucius von der Seite an. „Ich weiß, mir und den Anderen kommt es auch komisch vor. Aber es ist, wie es ist. Und wir können nicht mehr tun, als abwarten."

„Ich hasse es, wenn man mich warten lässt!", polterte Lucius und zitterte voller unkontrollierter Wut. Der Frust der letzten Wochen schien kurz davor, sich zu entladen und er wusste einfach nicht, wohin mit seiner Wut.

Jetzt blickte Aurelie ihn direkt an und ihre dunkelblauen Augen schienen verständnisvoll und tadelnd zugleich zu sein.

„Lucius Malfoy, du bist nicht das Zentrum dieser Welt und du hast nicht darüber zu entscheiden, ob und wann wir gerufen werden!" Ihre sonst so kontrolliert vornehme Stimme hatte einen scharfen Unterton angenommen und Lucius wusste, dass sie Recht hatte. Und trotzdem war da diese Wut in ihm, die er immer schwerer kontrollieren konnte. Er würde bald etwas dagegen unternehmen müssen, sonst gab es im Schloss noch Unfälle, für die er keine glaubwürdige Erklärung haben würde. Und er wusste, dass sein Vater ihn nicht ungestraft davonkommen lassen würde, wenn er in Hogwarts zu sehr für negative Aufmerksamkeit sorgte.

Ohne zu wissen, was er überhaupt tat, hatte Lucius sich aus seinem Sessel erhoben und sich vor Aurelia gestellt. Beide Hände stütze er auf ihrem Sessel ab und drängte sie so tiefer in das Sitzmöbel hinein. Sie hielt seinem wütenden Blick mit kühler Arroganz stand, doch in ihren Augen stand eine stumme Herausforderung so deutlich geschrieben, dass er sich ganz nah zu ihr hinunter beugte und mit eiskalter Stimme in ihr Ohr flüsterte: „Das sollte ich aber sein, meine liebe Aurelia! Ich sollte das Zentrum dieser Welt sein, denn nicht weniger steht mir zu!"

Lucius ließ seinen Atem über Aurelias Ohr gleiten und verharrte einen Moment länger als unbedingt notwendig so nah an ihrem Gesicht. Dann zog er sich einige Zentimeter zurück und blickte tief in ihre dunkelblauen, wunderschönen Augen. Aurelia war eine junge Frau von exzellenter Abstammung und wäre es würdig, an seiner Seite die Mutter der nächsten Malfoy-Generation zu werden. Ein Gedanke, dem Lucius nicht unbedingt abgeneigt war, teilten Aurelia und er doch viele Gemeinsamkeiten und würde eine Heirat der beiden Familien Malfoy und Blackwood auch enorme finanzielle und politische Vorteile für sie Beide mit sich bringen. Und außerdem waren er und Aurelia ohnehin bereits seit ihrem vierten Schuljahr in Hogwarts so etwas wie ein Paar, wieso also nicht über kurz oder lang die Sache offiziell machen…

Sein Vater, das wusste Lucius, wollte eigentlich lieber eine Heirat mit dem Hause Black und dort war Narzissa, die jüngste Tochter der Familie und ein Schuljahr unter Lucius und Aurelia, die Kandidatin im Rennen um den Platz an seiner Seite. Aber Narzissa hatte Lucius nicht genug Feuer. Sie war zwar ebenfalls aus einer der ältesten und reinblütigsten Familien der Zauberergesellschaft, aber sie war beinahe schon blass im Vergleich zu Aurelia. Wenn Lucius wählen könnte und dürfte, würde er Aurelia wählen. Und er wusste, dass auch Aurelia nichts dagegen hatte. Vielleicht sollte er bald einmal mit seinem Vater darüber sprechen, aber im Moment gab es wichtiger Dinge, um die er sich Gedanken machte.

Aurelia hatte von dem Chaos in seinem Kopf natürlich nichts mitgenommen, doch ihre feine, kühle Hand legte sich unvermittelt auf Lucius' Wange und er genoss ihre leichte Berührung.

„Mein lieber Lucius", flüsterte sie und zog ihn wieder näher zu sich heran. „Für mich bist du das Zentrum und das wirst du auch immer sein. Doch quäle dich nicht mit Fragen, auf die du die Antwort nicht weißt."

Natürlich hatte sie Recht, doch Lucius war nun einmal der, der er war und seitdem sein Onkel auch noch Severus Snape adoptiert hatte, schien seine ganze Welt immer mehr Kopf zu stehen. Und das gefiel ihm überhaupt nicht.

Sich einen kurzen Moment der Schwäche erlaubend ließ sich Lucius dazu hinreißen, Aurelia einen leichten Kuss auf den Kopf zu geben. Normalerweise zeigten sie keinerlei körperliche Zuneigung in der Öffentlichkeit, doch noch immer war der Gemeinschaftsraum wie ausgestorben und kein anderer Schüler traute sich, die beiden Siebtklässler zu unterbrechen.

Aurelia schloss kurz die Augen und genoss den federleichten Kuss. Noch einmal strich ihre kühle Hand über Lucius' Gesicht und dann fasste sie ohne Vorwarnung in sein langes, blondes Haar. Sie zog Lucius zu sich hinunter, küsste ihn stürmisch auf den Mund und legte ihre Stirn an die seine.

„Deine Zeit wird kommen, Lucius Malfoy!", sie blickte ihn geradewegs an und in ihren Augen las Lucius nichts außer ehrlicher Bewunderung und Überzeugung. Sein Herz begann schneller zu schlagen vor lauter Aufregung. Was für eine wunderbare Frau Aurelia doch war…!

Er nickte nur und seufzte leise. „Ich danke Dir, meine Liebste. Du weißt genau, wie man die richtigen Worte für mich findet."

Ein ehrliches Lächeln erschien für die Dauer eines Wimpernschlages auf Aurelias Gesicht, bevor sie wieder ernst wurde. Sie zog sich an Lucius starkem Körper nach oben und beide standen sich in einer leichten Umarmung gegenüber. Sie hatte keine Furcht vor Lucius Malfoy und sie wusste um seine Schwächen genauso, wie um seine Stärken. Und sie war sich sicher, dass es eine Zeit geben würde, in der der Name Lucius Malfoy enorme Bedeutung haben würde. Und auf diese Zeit hofften sie beide.

„Deine Zeit wird kommen, Lucius. Und bis dahin werden wir unsere Karten clever und bedacht spielen."

Lucius nickte und gab ihr erneut einen Kuss auf die Stirn. Natürlich hatte sie Recht, wie so häufig. Er dürfte sich von seinen Gefühlen nicht in die Enge treiben lassen. Es würde sich schon alles finden, zur rechten Zeit. Und dann würden sie bereit sein.

Lucius und Aurelia trennten sich zwei Schritte voneinander und Lucius hoffte, dass sie die Dankbarkeit in seinen Augen lesen konnte.

„Du hast wie so oft Recht, Aurelia. Wie viel Uhr ist es? Haben wir noch Zeit, für einen kleinen Spaziergang vor dem Abendessen?"

Aurelia lächelte und nickte. „Ja, wir haben noch eine gute Stunde bis zum Abendessen. Lass uns um den See gehen, es ist ein herrlich kühler Herbsttag."

Lucius nickte und schenkte ihr ein leichtes, ehrliches Lächeln, welches nur sehr wenige Menschen von ihm bekamen. „Eine wunderbare Idee. Ich hole unsere Umhänge."

Aurelia nickt und wandte sich zum Ausgang des Gemeinschaftsraumes. „Ich werde am Portal auf dich warten, Lucius."

Während Lucius die Stufen zu ihren Schlafräumen erklomm, machte sie Aurelia Blackwood auf den Weg in die Kerker der Schule, um von dort die große, steinerne Treppe nach oben zu nehmen. Ein Spaziergang und etwas frische Luft würde ihnen beiden gut tun und vielleicht konnte sie dann noch über ein anderes Thema mit Lucius reden, welches sie im Gemeinschaftsraum bewusst vermieden hatte: der Verbleib von Severus Snape und die Ankunft eines Fremden in Hogwarts.


Kheelan betrachtete die Platte mit fein säuberlich geschnittenen Gurken-Creme-Sandwiches vor sich und wog ab, ob er – der Gastfreundlichkeit halber – eines davon nehmen sollte oder nicht. Der Direktor hatte ihnen, nachdem sie von der Krankenstation gekommen waren, bei den Hauselfen des Schlosses eine kleine Mahlzeit kommen lassen, die aus besagten Sandwiches, einer Schale mit frischem Obst und einem kleinen Teller süßer, teilweise mit Schokolade überzogenen Plätzchen bestand. Und einer großen Kanne süßen Früchtetees selbstverständlich. Kheelan hatte alles mit einem dankbaren Lächeln quittiert und der Direktor hatte sich kurz zurückgezogen, um sich zu erkundigen, ob während seiner Abwesenheit in der Schule alles in Ordnung war.

Ehrlicherweise war Kheelan durchaus bewusst, dass der höfliche, weißhaarige Zauberer ihm nur etwas Zeit alleine ermöglichen wollte und dafür war er dankbar. In den letzten Stunden war viel geschehen und die Möglichkeit, dass Severus Snape der von seinem Volk so lange ersehnte König war, schien noch immer absolut unfassbar. Wie konnte es sein, dass ein Erbe ihres Volkes in dieser Welt erwachte? Diesen Umstand konnte Kheelan sich beim besten Willen nicht erklären und die Vorstellung, dass sie ihn, falls Christian nicht in diese Schule gekommen wäre, womöglich niemals gefunden hätten, bereitete Kheelan innerliche Schmerzen, die er lieber ignorierte. Diesen Gedanken wollte er nicht weiterdenken. Christian hatte ihn gefunden und Kheelan nun an seiner Stelle in diese Welt geschickt. Es gab wieder Hoffnung für sie. Und alles schien nun von Kheelan abzuhängen.

Er seufzte und ließ seinen Blick noch einmal über die Köstlichkeiten vor sich wandern. Eine Tasse Tee würde nicht schaden, vielleicht doch mit einem kleinen Sandwich oder einem Keks. Er hatte immerhin seit Tagen nicht viel zu sich genommen und ein Gefühl des Schwindels wurde immer stärker. Außerdem bekam er langsam Kopfschmerzen. Er würde bald nach draußen müssen, vielleicht in der kommenden Nacht…

Kheelan goss sich eine Tasse Tee ein, nahm zwei Löffel Zucker dazu und griff vorsichtig nach einem Gurken-Creme-Sandwich. Ein kleiner Bissen konnte nicht schaden. Kheelan biss ab und schloss die Augen. Das Sandwich hatte eine weiche Textur und das Brot schmeckte ausgezeichnet. Die Creme war leicht und erfrischend. Und trotzdem kam er nicht umhin, einen bitteren Geschmack wahrzunehmen und den Beginn eines unangenehmen Pochens in seiner Stirn. Obwohl das Sandwich sicherlich wunderbar schmeckte, sollte er doch lieber einen der Schokokekse nehmen. Zucker bekam ihm besser. Ein wenig enttäuscht legte er das angebissene Sandwich auf den Tellerrand seiner Teetasse und nahm stattdessen einen Schokoladenkeks. Die schwere Süße verteilte sich sofort in seinem Mund und vertrieb den bitteren Geschmack des Sandwiches. Das war besser. Noch einen großen Schluck süßen Früchtetees hinterher und Kheelan lehnte sich in seinem Sessel zurück. Im Kamin brannte ein gemütliches Feuer und die tanzenden Flammen und der Geruch des verbrennenden Holzes erinnerten ihn an seine Heimat. Bevor Kheelans Gedanken abschweifen konnten konzentrierte er sich auf seine Umgebung.

Auf dem Flur war alles leise, der Direktor schien noch nicht sobald zurück zu kommen. Kheelan genoss die Ruhe und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Überall im Schloss hörte er Schülerstimmen, Fußgetrappel, Rufe und andere Geräusche. Es war kurz vor sechs und das gemeinschaftliche Abendessen würde bald beginnen. Vielleicht blieb der Direktor für diese Zeit in der Großen Halle? Er hatte zwar nichts diesbezüglich gesagt, aber Kheelan konnte verstehen, dass er sich als Leiter dieser Schule sicherlich öfter sehen lassen musste als er es in den letzten zwei Tagen gekonnt hatte. Kheelan lag es fern, den Schulbetrieb zu stören. Er würde sich in seinem Gespräch mit dem Direktor später kurz fassen müssen, damit er selbst die Nacht nutzen konnte und der weißhaarige Zauberer ausreichend Schlaf fand.

Ein leises Rascheln auf der Treppe zum Büro ließ Kheelan inne halten und die Augen öffnen. Er wusste, wer mit langsamen, bedachten Schritten auf dem Weg nach oben war: Airell Malfoy. Obwohl Kheelan ihn nur kurz kennen gelernt hatte, hatte er Airells Art sich zu bewegen aus Gewohnheit sofort abgespeichert und erkannte ihn nun augenblicklich an seinem Gang. Es freute Kheelan, dass Airell scheinbar aufgewacht war.

Er blickte zur noch geschlossenen Bürotür, an die Airell nun leise, aber entschlossen klopfte.

„Kommen Sie herein, Mr. Malfoy!", rief Kheelan ihm zu und wartete, bis der weißblonde Zauberer die Tür öffnete und hindurch trat. Sein Blick fiel sofort auf den leeren Stuhl hinter dem Schreibtisch des Direktors und dann auf Kheelan, der auf einem der Sessel vor dem Kamin saß. Airell schien nicht überrascht ihn hier zu sehen und nickte Kheelan leicht zu. Er schloss die Tür hinter sich und kam mit langsamen, aber sicheren Schritten auf Kheelan zu. Dieser beobachtete jede Bewegung Airells genau und erkannte sofort, dass es dem blonden Mann tatsächlich besser ging. Er schwankte nicht und auch sonst schien er körperlich keine Beeinträchtigungen mehr zu haben. Lediglich sein Gesicht zeigte eine deutliche Müdigkeit und seine sturmgrauen Augen blickten ein wenig stumpf.

Kheelan versuchte sich an einem leichten Lächeln und deutete auf einen der beiden freien Sessel.

„Bitte setzten Sie sich, Mr. Malfoy. Direktor Dumbledore ist kurz in der Schule unterwegs und hat mir während seiner Abendwesenheit einige Köstlichkeiten bringen lassen. Möchten Sie eine Tasse warmen Tee?"

Airell blickte kurz in das Feuer des Kamins, dann zu Kheelan und nickte: „Tee klingt gut, vielen Dank…Kheelan."

Kheelan lächelte aufgrund der persönlicheren Anrede und freute sich, dass Airell scheinbar nicht mehr zu ihren formellen Anreden zurück wollte. Das lag ganz in seinem Sinne. Und es freute ihn. Vielleicht mehr, als er sich eingestehen wollte.

„Selbstverständlich. Hier, bitte." Er reichte Airell eine Tasse mit einer winzigen Menge Zucker. Er hatte genau beobachtet, wie Airell seinen Tee am Tag zuvor getrunken hatte. Diesem schien das gar nicht aufzufallen, als er einen großen Schluck nahm, sich im Sessel nach kurzem Zögern nach hinten sinken ließ und kurz die Augen schloss.

Kheelan freut sich noch immer über das offensichtliche Vertrauen, welches Airell ihm entgegen brachte und nahm mit einer goldenen, kleinen Gebäckzange ein Gurken-Creme-Sandwich und zwei Kekse, die er auf einen kleinen Teller legte und Richtung Airell schob.

„Hier, dass wird dir gut tun. Die Sandwiches sind ausgezeichnet und die Kekse hier in Hogwarts ohnehin immer ein Genuss. Jedenfalls ist das bisher mein Eindruck."

Ein leichtes Schmunzeln zeigte sich auf Airells schmalen Lippen, doch sofort war er wieder ernst und öffnete langsam die Augen. Er nahm noch einen weiteren Schluck Tee, setzte sich nach vorne und stellte die Tasse elegant auf den kleinen Beistelltisch. Dann warf er Kheelan einen schnellen Blick zu und schien etwas in dessen Gesicht zu suchen. Kheelan runzelte leicht die Stirn.

„Ist etwas, Airell?", fragte er und wartete geduldig auf das, was den blonden Zauberer offensichtlich bedrückte. Dieser schüttelte leicht den Kopf und seufzte.

„Nein, eigentlich nicht. Ich bin nur etwas müde und habe viele Fragen." Airell nahm sich das Sandwich und aß es schweigsam und ohne auch nur einen einzigen Krümel zu hinterlassen. Wieder einmal fiel Kheelan auf, wie elegant und selbstbewusst Airell war. Jede seiner Bewegungen kennzeichnete ihn als starken Mann, der sich seiner Stellung und seinem Ruf absolut bewusst war. Und trotzdem konnte Kheelan hinter der kühlen Fassade einen ehrlichen und freundlichen Menschen erkennen. Und gerade diese Kombination machte Airell Malfoy in seinen Augen zu einem sehr interessanten Menschen. Kheelan würde ihn gerne besser kennen lernen, wenn ihnen dazu irgendwann einmal die Zeit blieb.

Kheelan nahm noch einen letzten Schluck seines nun kalten Tees und goss sich eine zweite Tasse nach. Er nickte und versuchte, Airell einen offenen, aufmunternden Blick zuzuwerfen.

„Ich verstehe. Auch ich habe einige Fragen und vielleicht können wir uns gegenseitig helfen, etwas mehr Licht in die Dunkelheit zu bringen."

Bei dieser Redewendung schmunzelte Airell wieder leicht und Kheelan kam nicht umhin zu denken, dass er ihn gerne öfter lächeln sehen würde. Es stand den weißblonden Mann ausgezeichnet. Auch Kheelan lächelte leicht und wartete darauf, ob Airell etwas sagen würde. Und tatsächlich fragte dieser mit einem leicht müden Blick in das Kaminfeuer: „Was ist mit mir passiert?"

Kheelan überlegte kurz, wie er diese Frage am besten beantworten konnte und nahm noch einen kleinen Schokoladenkeks. Zufrieden beobachtete er, wie auch Airell ein zweites Sandwich nahm und seine leere Teetasse auffüllte. Kheelan erinnerte sich an die vergangene Nacht zurück.

Während Severus Snape und Airell Malfoy bewusstlos auf der Krankenstation gelegen hatten, hatte der Direktor Kheelan auf seine Nachfrage hin ein wenig mehr über den blonden Aristokraten erzählt. Dumbledore hatte ihm von dessen Bruder Amergin Malfoy erzählt, von Airells Zurückgezogenheit und seiner Ablehnung der üblichen Kreise, in denen sich die Reinblüterfamilien normalerweise aufhielten. Und auch über Voldemort hatten sie gesprochen und Kheelan hatte einiges erfahren, was ihn dazu bewegt hatte, sein bisheriges Bild von Airell Malfoy noch einmal zu überdenken. Es hatte Kheelan zwar erstaunt, dass der Direktor ihm, einem Fremden, anscheinend wichtige und eher persönliche Dinge erzählte, doch anscheinend hatte der weißhaarige Mann ihn zu diesem Zeitpunkt bereits eingeschätzt und als würdig erachtet. Eine wichtige und seltene Gabe. Und Kheelan hatte nicht vor, dieses Vertrauen so schnell wieder zu zerstören.

Der blonde Aristokrat war bei weitem nicht so, wie ihn die Zeitungen und die Öffentlichkeit darstellten und mehr als das hatte Kheelan bei seiner Ankunft hier in Hogwarts auch nicht über ihn gewusst. Als er hierhergekommen war hatte er einen arroganten, hochnäsigen, gefühlskalten Mann erwartet, der sich um nichts anderes kümmerte als um sich selbst, doch bereits bei ihrer ersten Begegnung hatte Kheelan gewusst, dass dies lediglich eine Illusion war, ein Trugbild, das Airell Malfoy nach außen hin entworfen hatte um die Menschen um sich herum zu täuschen. Kheelan hatte nur einen einzigen Blick in die sturmgrauen Augen werfen müssen um zu wissen, dass er eine perfekte Maske vor sich hatte, hinter der sich der wahre Airell Malfoy bereits sein Leben lang verbarg.

Nach Airells Zusammenbruch hatten Professor Dumbledore, Madame Pomfrey und Kheelan überlegt, was mit ihm passiert sein könnte und nach anfänglichem Zögern hatte der Direktor ihm von Airells Verbindung zu Voldemort berichtet und sie beide waren sich einig gewesen, dass diese es war, die Airell gefangen gehalten hatte. Voldemort musste einen Weg gefunden haben, das Dunkle Mal auf seinem Arm zu benutzen, um ihn in eine Art Tiefschlaf zu versetzen, in dem er Airells Geist gefangen nehmen und angreifen konnte. Doch etwas hatte Kheelans Misstrauen geweckt. Wenn Voldemort einen mentalen Weg gefunden hatte, Airell zu schaden, woher kamen dann die körperlichen Verletzungen? Oder war es ihm gelungen, den Schmerz fließend vom Geist auf den Körper zu übertragen?

Madame Pomfrey hatte nach einem dezenten Hinweis Kheelans herausgefunden, dass Airell zwei Rippen gebrochen und einige schwerwiegende, jedoch nicht lebensbedrohliche innere Verletzungen davon getragen hatte. Nach seinem ersten Erwachen war Kheelan sofort aufgefallen, dass dieser seine rechte Körperseite kaum belastete und zwei gebrochene Rippen waren eine äußerst beunruhigende Erklärung, zumal jeder von ihnen hätte schwören können, dass Airells Körper Hogwarts niemals verlassen hatte. Also musste Voldemort tatsächlich einen Weg gefunden haben, Airell über das Dunkle Mal zu verletzen und das war aller Wahrscheinlichkeit nach auch der Grund für Severus Snapes Zustand. Denn auch der junge Mann trug das Zeichen Voldemorts auf seinem linken Unterarm und aller Wahrscheinlichkeit nach waren beide Männer der dunklen Magie Voldemorts zum Opfer gefallen.

Mehr hatten sie jedoch noch nicht herausfinden können.

Kheelan beobachtete Airell noch einen kurzen Augenblick und antwortete mit leiser, aber fester Stimme, da er nicht wusste, wie der blonde Zauberer es aufnehmen würde, dass er von seiner Verbindung zu Voldemort wusste:

„Es hat den Anschein, als ob deine Verbindung zu dem, den ihr Voldemort nennt, damit zu tun hat."

Kheelan warf Airell einen vorsichtigen Blick zu. Dieser schloss kurz die Augen und als er sie wieder öffnete, konnte Kheelan in ihnen Schmerz und so etwas wie Bedauern feststellen.

„Ich verstehe", war alles, was Airell antwortete und wirkte auf einmal unendlich niedergeschlagen. Diesen Anblick des stolzen, kühlen Mannes mochte Kheelan gar nicht.

Kheelan fuhr fort und bemühte sich, keinerlei Urteil in seiner Stimme mitklingen zu lassen. Er wusste nicht, warum Airell oder Severus sich das Mal Voldemorts hatten geben lassen und es war nicht an ihm, darüber zu urteilen. Vielleicht würde er es irgendwann erfahren. Jetzt galt es, die Verbindung besser kennen zu lernen und zu verstehen, wie Voldemort durch sie Severus und Airell schaden konnte.

„Voldemort muss es geschafft haben, eine Verbindung zu Dir und Severus aufzubauen, die so intensiv ist, dass ihr alles, was ihr in diesem Schlaf-ähnlichen Zustand erlebt, auch im Hier und Jetzt erlebt. So hattest du beispielsweise einige schwere Verletzungen, nachdem du wieder erwacht warst und auch Severus schien das Erlebte für die Realität gehalten zu haben. Kannst Du mir erklären, wie das Dunkle Mal funktioniert? Vielleicht ist es dann leichter für uns heraus zu finden, wie wir die Verbindung beenden können. Oder wenigstens abschwächen."

Airell blickte ein wenig verloren in die Flammen und zögerte. Er warf einen kurzen Blick zur Tür als wollte er sich vergewissern, dass der Direktor nicht genau in diesem Moment zurückkam. Kheelan verstand, dass es sicherlich ein prekäres Thema für ihn war und eigentlich wollte er nicht in Airells Privatleben herumwühlen. Aber leider hatten sie keine andere Wahl.

Airell seufzte leise und senkte den Blick. „Du weißt, wer Voldemort ist?", fragte er und blickte Kheelan noch immer nicht an. Kheelan nickte langsam und setzte noch ein leises „Ja." hinterher, weil Airell es noch immer vermied ihn direkt anzusehen. Der weißblonde Mann seufzte hörbar und seine Stimme klang ungewohnte leise, fast ein wenig brüchig, als er erklärte:

„Jeder Anhänger Voldemorts bekommt das Dunkle Mal auf seinen Unterarm gebrannt. Es ist eine körperliche und geistige Verbindung zwischen dem Dunklen Lord und seinen Anhängern. Er kann uns dadurch zu sich rufen, er weiß wo wir sind, er fühlt was wir fühlen."

Airell machte eine kurze Pause, leerte seine Teetasse und stellte sie mit leicht zitternden Händen auf dem kleinen Beistelltisch ab. Noch immer mied er Kheelans Blick und schaute stattdessen in das Kaminfeuer.

„Was nur die Wenigstens wissen: die Male unterscheiden sich voneinander. Es gibt einige wenige Hexen und Zauberer, die sind enger mit ihm verbunden, da sie seinen inneren Kreis bilden, die sogenannten ‚Jünger'. Diese Male stellen eine deutlich stärkere Verbindung her als die, die Todesser niederen Ranges erhalten. Wie er es geschafft hat, die Male in ihrer Stärke zu differenzieren, weiß ich nicht."

Nun war es an Kheelan leicht schockiert zu schauen. Aber er bemühte sich, seinen Gesichtsausdruck sofort wieder neutral erscheinen zu lassen. Er hatte die Bedeutung hinter Airells Worten natürlich sofort verstanden. Er räusperte sich kurz, bevor er fragte:

„Also gehe ich richtig in der Annahme, dass Du und auch Severus Snape zu diesen… ‚Jüngern' gehört?"

Airell schloss die Augen und verzog leicht sein Gesicht. Diese Tatsache schien ihm beinahe Schmerzen zu verursachen. Seine Stimme klang eisig und voller Selbsthass, als er mit einem brüchigen „Ja." auf Kheelans Frage antwortete. Dann fuhr Airell fort:

„Durch das Mal sind die Todesser mit ihm verbunden und wenn Voldemort es will, kann er durch die Verbindung einen Teil seiner Macht auf seine Anhänger übertragen. Aber er kann ihnen durch das Mal auch Schmerzen zufügen, die bis zum Tod führen können. Es ist eine Verbindung, die der vollkommenen Kontrolle dient."

Kheelan hatte ganz plötzlich das Gefühl, als würde ein eisiger Schauer seinen Rücken hinunter laufen und er schüttelte sich kurz. Aber das konnte nur Einbildung sei. Sie waren schließlich alleine im Raum. Oder?

Kheelan bemühte sich um Neutralität. Er konnte nicht wissen, was Airell oder Severus dazu bewogen hatte sich diesem dunklen Zauberer, Voldemort, anzuschließen, aber er würde es vielleicht irgendwann noch erfahren, doch hier und jetzt war nicht der richtige Augenblick dafür. Es galt im Moment nicht zu verurteilen, sondern herauszufinden, was mit Airell geschehen war und ob es noch einmal geschehen konnte. Und er musste wissen, inwiefern der junge Severus Snape mit Voldemort verbunden war und was es mit seinem möglichen Erwachen zu tun hatte.

Kheelan fühlte sich plötzlich beobachtet und blickte geradewegs in Airells sturmgraue Augen. Dort las er unendlich viele Emotionen auf einmal, doch die stärksten von ihnen waren mit Abstand Wut auf sich selbst und Enttäuschung. Warum war Airell enttäuscht? Kheelan machte sich eine innerliche Notiz, dass er sehr behutsam vorgehen würde, wenn er Airell irgendwann nach den Gründen fragen wollte. Jetzt hielt er sich mit seinem Urteil zurück und nickte stattdessen nur.

„Ich verstehe. Darf ich das Mal sehen? Vielleicht kann ich herausfinden, welche Art von Verbindung es ist."

„Wofür?"

Airell klang leicht panisch, aber auch wütend. Ein klarer Abwehrmechanismus. Beschwichtigend hob Kheelan die Hände. „Ich möchte Dir wirklich nicht zu nahe treten, Airell! Aber wenn wir herausfinden wollen, ob wir die Verbindung in irgendeiner Form schwächen oder unterdrücken können, sollten wir es tun. Und dazu muss ich das Mal untersuchen. Ich muss es…berühren. Mehr nicht."

Airell hob zweifelnd eine Augenbraue. „Es berühren?", fragte er und Misstrauen lag in seiner Stimme. Kheelan spürte, wie der blonde Zauberer dabei war eine Mauer aus Eis um sich herum zu errichten und beeilte sich, um das Schlimmste zu verhindern. Wenn Airell jetzt blockierte und sich zurückzog, dann würden sie kostbare Zeit verlieren. Aber Kheelan war klar, dass sie hier über intimste und privateste Dinge sprachen. Und eigentlich waren sie einander immer noch Fremde.

Kheelan bemühte sich, so verständnisvoll wie möglich zu klingen: „Airell, bitte. Ich möchte weder Dir, noch Severus auf irgendeine Art und Weise schaden. Aber uns scheint die Zeit davon zu laufen und es gibt auf beiden Seiten so viele Fragen, die geklärt werden müssen. Aber bevor ich Dir und euch mehr über mich erzählen kann, muss ich sicherstellen, dass Voldemort davon nichts erfährt. Noch weiß er von meinem Besuch hier nichts. Aber wenn er es herausfindet, könnte das fatale Folgen haben!"

Airell atmete wieder tief durch, schloss die Augen und ließ sich müde in seinem Sessel nach hinten sinken.

„Ich weiß", antwortete er leise und klang nur noch unendlich müde. „Es geht nur alles so schnell, ich verstehe nicht, was hier passiert. Und das macht mir Angst. Ich bin für Severus verantwortlich und habe ihn in den letzten Jahren so gut ich konnte vor dem Dunklen Lord und allen anderen beschützt. Habe ich nun versagt?"

Nun war es an Kheelan zu seufzen. Er schüttelte den Kopf. „Nein, du hast sicherlich nicht versagt! Ich kann Dir so viel bereits jetzt erzählen: es hat den Anschein für mich als Außenstehenden, als wäre Voldemort sehr an Severus interessiert. Und ich habe eine Vermutung warum…"

Airell öffnete seine Augen und schaute Kheelan herausfordernd an, doch dieser schüttelte leicht den Kopf. „Nicht hier, nicht jetzt. Bitte lass mich nur kurz das Mal sehen, damit ich weiß, womit wir es zu tun haben. Ich kann das sehr gut und sehr schnell einschätzen, ich bin…" An dieser Stelle stockte Kheelan und wusste nicht so Recht, was er sagen sollte. Aber er wollte so ehrlich sein wie möglich, dass war er Airell schuldig.

Nun lächelte Airell ein gequältes Lächeln und sein Gesicht wirkte auf einmal eher wie das eines alten, freudlosen Mannes.

„Du bist wie Christian Keriann, nicht wahr?!"

Kheelan schluckte hart und nickte dann. Wie sollte er es erklären?

„Was seid ihr?", fragte Airell und setzt sich wieder nach vorne in seinem Sessel. Sein eben noch müder Blick war auf einmal wieder scharf und berechnend. Kheelan stockte. Wie konnte der Mann vor ihm nur so schnell umschalten? Erstaunlich. Es schien, als habe er Airell erneut unterschätzt.

„Wir…", setzte Kheelan an und war noch immer um Worte verlegen, was sonst so gar nicht seine Art war.

„Seid ihr…Vampire?", platzte Airell heraus und Kheelan spürte, wie seine Augen groß wurden und er sicherlich ein nicht unbedingt intelligentes Bild abgab. Ihm war zwar klar gewesen, dass Airell ein schlauer Mann war, aber dass er so schnell auf die richtige Fährte gekommen war erstaunte Kheelan nun doch.

„Woher…?", begann er und räusperte sich dann. Es zu leugnen würde sie nicht weiter bringen. Kheelan überlegte kurz und deutete ein Nicken an. Dann schüttelte er leicht den Kopf.

„Ja und nein, es ist schwer zu erklären. Ich werde es Dir erklären wenn Du möchtest, aber erst, nachdem ich sicher weiß, dass Voldemort es nicht mitbekommt."

Airell nickte und seine sturmgrauen Augen schienen Kheelan förmlich zu durchbohren.

„Einverstanden."

Ohne ein weiteres Wort erhob sich Kheelan aus seinem Sessel und ging zwei Schritte auf Airell zu. Dieser beobachtete jede seiner Bewegungen genau, doch er zögerte nicht, als er sich den linken Arm seiner schwarzen Robe nach oben schob und den Blick auf ein schwarzes Mal freigab: Ein Totenschädel, aus dessen Mund sich eine Schlange wand.

Kheelan blickte in Airells Augen und suchte in ihnen noch einmal nach der Erlaubnis, das Mal berühren zu dürfen. Mit einem Mal erschien ihm diese Situation sehr intim und persönlich. Airell schien das Gleiche zu empfinden, denn er blinzelte einmal kurz und schluckte. Dann nickte er.

Kheelan streckte seine bleiche, weiße Hand aus und war kurz davor, das Dunkle Mal zu berühren. Seine Finger schwebten einige Millimeter über dem Mal, doch bereits jetzt konnte er die düstere und verdorbene Präsenz Voldemorts spüren. Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinab und er spürte, wie das uralte Wesen in ihm erwachte. Es wollte sich instinktiv verteidigen. Er versuchte es zurück zu halten, doch Kheelan war sich sicher, dass seine Augen dunkelrot aufglommen. Airell wollte seinen Arm mit einem erschrockenen Keuchen sofort zurückziehen, doch Kheelan schüttelte den Kopf und hoffte, er klang einigermaßen entspannt. Aber seine Stimme hatte ihren gewohnt kalten, dunklen Klang, als er sprach:

„Es ist alles in Ordnung, Airell. Ich kann Voldemort bereits jetzt spüren, die Verbindung ist um einiges stärker als ich dachte. Ich muss es nicht berühren um zu wissen, dass er alles was du erlebst spüren und sehen kann, wenn er will."

Airell wurde, falls das überhaupt möglich war, noch bleicher im Gesicht. „Er sieht uns?"

Kheelans Finger verharrten noch für einen kurzen Augenblick über dem Mal und er hörte kreischendes, kaltes Lachen. Aber die Präsenz war weit weg. Sie war zwar da, aber sie war nicht bei ihnen. Jedenfalls im Moment nicht.

Kheelan schüttelte den Kopf und schloss kurz die Augen. Er hoffte, dass sie wieder ihre dunkle Farbe haben würden, als er sie öffnete.

„Jetzt nicht. Er ist zwar immer da, aber er konzentriert sich jetzt nicht auf die Verbindung. Sicherlich, weil er gemerkt hat, wie Du auf der Krankenstation gelegen hast. Er hat seine Aufmerksamkeit anderen Dingen zugewendet."

Airell lachte freudlos und zog den Arm zurück. Sofort rutschte der schwarze Stoff über das Mal und Airell schloss seine rechte Hand fest um seinen linken Unterarm.

„Er war also die ganze Zeit über dabei? In meinem Leben?"

Kheelan spürte deutlich, dass seine Antwort auf diese Frage sehr wichtig für Airell war. Und genauso wusste er, dass ihm diese Antwort nicht gefallen würde. Aber er konnte und wollte nicht unehrlich sein, deshalb schaute er Airell offen ins Gesicht als er sprach:

„Ja und nein. Voldemort kann alles sehen und spüren wenn er es will. Aber er kann sich auch aus eurer Verbindung zurückziehen. Wann und wie er das macht, ist noch nicht ganz klar. Vielleicht gibt es einen Weg, wie Du herausfinden kannst wenn er präsent ist und wenn nicht…"

Airell lachte wieder leise und es klang absolut kalt und freudlos. Kheelan wusste, dass sie für diesen Abend genug Offenbarungen durchlebt hatten. Der weißblonde Zauberer schien am Ende seiner Geduld und seiner Kräfte, aber er ließ es sich nicht anmerken. Kheelan bewunderte ihn dafür.

„Das erklärt einiges", meinte Airell und schnaubte. Eine Reaktion, die so gar nicht zu seinem sonst so vornehmen und edlen Auftreten passte. Dann schüttelte er den Kopf und blickte Kheelan beinahe trotzig an. Doch Kheelan wusste, dass dieser Trotz nicht ihm galt. Airell hatte immerhin gerade erfahren, dass der Dunkle Lord alle seine Schritte beobachtet hatte und das war sicherlich ein Schock, den man erst einmal verarbeiten musste.

Airell erhob sich aus seinem Sessel und die Bewegung wirkte steif. „Ich muss hier raus, Kheelan. Bitte entschuldige mich."

Kheelan machte zwei Schritte zur Seite und bedachte Airell mit einem durchdringenden Blick.

„Soll ich mitkommen?", fragte er und spürte, wie eine leichte Aufregung in seinem Inneren aufkam. Auch er musste diese Schlossmauern endlich einmal verlassen und einen freien Kopf kriegen. Und wieso nicht zusammen mit Airell Malfoy? Jetzt, wo dieser schon wusste, was Kheelan war… Oder hatte Airell vielleicht Angst vor ihm?

Kheelan versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, doch er suchte in Airells Augen, seiner Körperhaltung und seiner Stimme nach Anzeichen des Unwohlseins und war mit einem Mal erstaunt – denn er fand keine.

Airells Augen glitzerten auf einmal gefährlich und Kheelan schluckte.

„Wieso eigentlich nicht?!", meinte Airell und bedachte Kheelan nun selbst mit einem Blick von Kopf bis Fuß. Dann nickte er und machte sich auf den Weg zur Tür. Doch mitten in der Bewegung stockte er.

„Die Schüler werden jetzt auf dem Weg in ihre Schlafräume sein…", überlegte Airell und blickte sich fragend im Büro des Direktors um, als erwarte er eine Antwort auf seine unausgesprochene Frage. Doch das Büro hatte keine Antwort für ihn. Kheelan aber schon. Dieser wandte sich zum großen Fenster und öffnete es. Draußen dämmerte es bereits und niemand würde sie sehen.

Airell zog fragend eine Augenbraue nach oben und Kheelan machte eine einladende Geste durch das Fenster nach draußen.

„Hier geht es lang, Mr. Malfoy." Kheelan lächelte und spürte, wie sein Körper kribbelte. Die Aussicht auf ein paar Stunden Freiheit und vielleicht noch etwas mehr…und das in Gesellschaft von Airell. Dieser Gedanke gefiel ihm.

Airell schaute nur kurz zur Tür, dann zuckte er mit den Schultern und ging zum Fenster. Er und Kheelan sahen sich tief in die Augen und niemand wollte den Moment zerstören.

„Hast du Angst?", flüsterte Kheelan und spürte, wie seine Stimme noch dunkler wurde. Das Kribbeln wurde stärker, seine Haut eiskalt. Das Wesen in ihm erwachte und er wollte die Freiheit der Nacht genießen. Seine Augen glommen erneut dunkelrot, doch dieses Mal entwich Airell kein Laut des Schreckens. Er musterte Kheelan beinahe schon interessiert.

„Nein", erwiderte Airell und schwang kurz seinen Zauberstab. Auf dem Schreibtisch des Direktors erschien ein kleiner Zettel, doch Kheelan kümmerte sich nicht darum.

Stattdessen trat er den letzten Schritt auf Airell zu, legte seine Hand um dessen schmale Hüfte und sog den Geruch von Herbstlaub und Holz in sich ein. Airell roch verdammt gut, dass war ihm bereits bei ihrer ersten Begegnung aufgefallen. Und so völlig untypisch für einen Menschen.

Ihre schwarzen Umhänge schienen sich miteinander zu vermischen und ihre Körper waren sich so nah, dass Kheelan Airells Herzschlag spüren konnte. Kheelan beugte sich nach vorne an Airells Ohr und flüsterte dunkel:

„Lass dich fallen, Airell."

Noch bevor Airell wusste, wie ihm geschah, waren sie beide durch das offene Fenster nach draußen verschwunden und niemand bemerkte den dunklen Schatten, der sich vom Schloss fort in Richtung Wald bewegte.


To be continued...