Kapitel 3

Es werde Licht!

Albus hatte Minerva am Abend zuvor informationstechnisch auf den aktuellen Stand gebracht, so dass sie um alles wusste, was während ihrer Abwesenheit vorgefallen war und ihr auch einen Insiderbericht von den Ereignissen im Ministerium geliefert. Nun saß sie nachdenklich in ihrem Zimmer und überdachte die letzten Ereignisse, drehte und wendete sie in ihrem Kopf, bis sie einige Einsichten daraus gewonnen hatte. Schließlich warf sie einen Blick auf die Uhr und seufzte frustriert. Es dauerte noch beinahe eine Stunde, bis sie sich in der großen Halle zum Abendessen einfinden würde.

Minerva langweilte sich, ein Gefühl, das ihr normalerweise fremd war. Aber normalerweise würde sie auch arbeiten und sich mitunter wünschen, dass der Tag ein par Stunden mehr zur Verfügung hätte, damit sie alle ihre Vorsätze umsetzen konnte. Aber nun, da sie beschäftigungslos herumsaß, wünschte sie sich zur Abwechslung, dass der Tag etwas kürzer wäre. Zu gerne würde sie ihre Arbeit wieder aufnehmen, doch Dumbledore hatte ihr das ausdrücklich verboten und wann immer sie sich in ihr Büro schlich, um zumindest ein paar Dinge zu erledigen, war er kurze Zeit später bei ihr aufgetaucht, um sie daran zu erinnern, dass sie noch immer eine Rekonvaleszentin war und ihr damit zu drohen, sie im Krankenflügel festzusetzen, wenn sie sich nicht schonte. Wie genau er das immer mitbekam, dass sie anfing zu arbeiten, wusste sie nicht, aber sie hatte in all den Jahren, in denen sie Dumbledore nun schon kannte, gelernt, dass ihm nur wenig bis gar nichts entging und es demnach auch zwecklos war, sich seinen Wünschen zu widersetzen.

Sie warf einen neuerlichen Blick auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde. Ein Klopfen an ihrer Tür erlöste sie aus ihren trüben Gedanken.

Septima steckte den Kopf durch die Tür.

„Minerva. Ich dachte, ich hole dich zum Abendessen ab."

„Septima, dich schickt der Himmel. Ich langweile mich gerade ganz furchtbar."

„Ich habe es befürchtet, deshalb komme ich ja so früh", entgegnete diese trocken und trat ganz ein.

„Hat Dumbledore dir verboten, zu arbeiten?"

„Ja, gewissermaßen."

Septima setzte sich in einen Sessel Minerva gegenüber, faltete die Hände im Schoß und beugte sich vor.
„Was hältst du von der Idee, dass ich die ersten paar Ferienwochen hier in Hogwarts bleibe, um dir Gesellschaft zu leisten? Ich habe noch keine Pläne gemacht, wie du weißt, und vielleicht langweilst du dich nicht gar so sehr, wenn du jemanden hast, mit dem du dich unterhalten kannst. Ich habe gehört, dass Dumbledore während der Ferien nicht viel hier sein wird und nur Poppy und Filch zur Gesellschaft sind doch ein wenig mager."

Minerva strahlte sie an.

„Das würdest du tun? Ich wüsste das sehr zu schätzen, Septima. Mir hat schon vor den Ferien gegraut, wenn ich ehrlich bin."

„Sicher bleibe ich hier, wenn dir daran gelegen ist. Ich freue mich schon darauf, unsere neue Freundschaft zu vertiefen, wenn ich ehrlich bin."

Septima lächelte Minerva offen an und diese erwiderte das Lächeln.

„Sollen wir uns dann mal langsam auf den Weg nach unten machen? Ich stehe kurz vor dem Hungertod", bemerkte Septima und erhob sich.

„Wann wärst du mal nicht hungrig", bemerkte Minerva, griff nach ihrem Stock und erhob sich ebenfalls. Zusammen verließen sie Minervas Räume und machten sich langsam auf den Weg in die große Halle.

„Irgendwie bin ich schon froh, dass morgen die Ferien anfangen", bemerkte Septima unterwegs. „Die Ereignisse der letzten Tage machen es unmöglich, die Kinder auch nur einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Ich hoffe nur, dass sich die Aufregung bald wieder legt, im Moment schwanken alle zwischen Furcht, Hysterie und extremen Aufgeregtsein hin und her."

Minervas schüttelte den Kopf.

„So schnell wird sich das nicht legen, vor allem die Hysterie und die Furcht nicht. Davon werden wir noch einiges mehr zu spüren bekommen, bevor der Spuk vorbei ist."

„Du weißt wieder einmal mehr als wir anderen, oder?", fragte Septima ohne Groll.

„Ja", erwiderte Minerva schlicht.

„Albus?"

„Von wem denn sonst?"

„Wie lange kennt ihr euch eigentlich schon?"

„Albus und ich? Wir kennen uns schon beinahe mein ganzes Leben. Er war mein Lehrer für Verwandlung, als ich damals als Schülerin nach Hogwarts kam, er hat mich ausgebildet und später als Lehrerin an die Schule zurückgeholt. Er ist mein Mentor und mein Freund."

„Wusstest du eigentlich, dass die Gerüchteküche euch beide als Paar hochstilisiert hat? War da mal was zwischen euch?"

Minerva sah sie an.

„Sei nicht albern. Albus und ich als ein Paar? Das ist himmelschreiender Blödsinn."

Septima streckte abwehrend die Hände aus.
„Ich habe mir das nicht ausgedacht, ich habe das nur gehört."

„Aber Genaueres darüber wissen wolltest du trotzdem", konstatierte Minerva sachlich.

„Natürlich", gab Septima ohne weiteres zu, „ich war halt neugierig. Wer wäre das nicht?"

Minerva neigte den Kopf zur Seite.

„Vermutlich fragen sich das so einige. Nur daraufhin angesprochen hat mich noch niemand."

„Vermutlich will sich niemand deinem Zorn aussetzen. Du bist ziemlich eindrucksvoll, wenn du wütend bist."

„Und da fragst du mich trotzdem?"

„Ja. Ich war davon überzeugt, dass du nicht unter die Decke gehst. Und falls doch, hätte ich damit leben können."
Septima stieß die Tür zur großen Halle auf und ließ Minerva den Vortritt.

„Wir sind noch reichlich früh", bemerkte diese und sah sich in der noch menschenleeren Halle um.

„Das macht nichts. Wir können uns in Ruhe hinsetzen und noch etwas plaudern, bis die anderen eintrudeln."

Kurz darauf füllte sich die Halle mit einer lärmenden Schar von hungrigen Schülern und auch die restlichen Lehrer tauchten auf und nahmen ihre Plätze ein, Dolores Umbridge ausgenommen, die noch immer im Krankenflügel lag und sich von ihrem Zusammenstoß mit den Zentauren erholte. Die Hälfte der Mahlzeit ging wie gewohnt vorüber, unter leichtem Geplauder der einzelnen Grüppchen, bis dann plötzlich ein Tumult von der Eingangshalle her zu hören war.

Minerva und Septima sahen sich mit hochgezogenen Brauen an, als sie das gackernde Gelächter von Peeves dem Poltergeist identifizierten, untermalt von den spitzen schrillen Schreien von Dolores Umbridge.

Die Schüler hörten das natürlich auch und erhoben sich unter großem Lärm und strömten unter Gejohle in die Eingangshalle, um dem Spektakel zuzusehen. Peeves trieb Umbridge mit hämischem Gelächter vor sich her, wobei er abwechselnd mit einer mit Kreide gefüllten Socke und einem Gehstock auf sie einschlug, was die Schüler entzückt zur Kenntnis nahmen und lautstark bejubelten und kommentierten.

Die Hauslehrer Snape, Sprout, Flitwick und McGonagall versuchten halbherzig, ihre Schüler zur Ordnung zu rufen und schlossen sich dann ihren Schülern an, um das Schauspiel zu genießen, McGonagall ausgenommen, die sich enttäuscht und murrend wieder in ihren Stuhl zurücksinken ließ.

„Und ich hätte so gerne gesehen, wie Peeves Umbridge aus dem Schloss jagt, und ihren Abschied draußen bejubelt, aber leider hat Peeves sich dafür meinen Gehstock ausgeliehen! So ein Mist aber auch!", beklagte sie sich bei Septima, die inzwischen wieder zum Lehrertisch zurückgekehrt war, von Ohr zu Ohr grinsend.

„Hach, welch ein Anblick", seufzte sie begeistert und ließ sich wieder auf ihren Stuhl sinken. „Die sind wir endgültig los!"

Hungrig machte sie sich wieder über ihr Essen her. McGonagall beobachtete sie dabei.

„Du kannst doch nicht immer noch hungrig sein?"

„Doch", erwiderte Vector mit vollem Mund, „ich werde immer furchtbar hungrig, wenn ich glücklich bin."

„Dann hoffe ich um deiner Figur Willen, dass du nicht immer so überströmend glücklich bist", bemerkte McGonagall mit Blick auf Septimas wohlgeformte Rundungen, als Vector sich einen neuerlichen Nachschlag genehmigte.

Diese zuckte nur die Achseln und aß weiter mit großem Appetit. Nach und nach fanden sich die Schüler und Lehrer wieder in der Halle ein, um ihr unterbrochenes Abendessen fortzusetzen, wobei der spektakuläre Abgang von Professor Umbridge das Hauptgesprächsthema war. Die Professorin hatte ihren Schülern und Kollegen so das Leben schwer gemacht, dass sie ihre würdelose Flucht als ausgleichende Gerechtigkeit dafür ansahen.

„Ist schon ganz gut, dass die Kinder morgen nach Hause fahren", meinte Vector zwischen zwei Bissen. „Ich bin froh, wenn ich diese überdrehte Bande mal für ein paar Wochen los bin."

McGonagall zuckte die Achseln.

„Das mag sein, aber ich bin immer wieder froh, wenn sie im September zurückkommen und ein neues Schuljahr anfängt."

Septima lächelte ihr zu.

„Ich doch auch. Aber eine kleine Erholungspause von der Rasselbande wird uns beiden ganz gut tun. Apropos Pause: Könnte ich dich dazu überreden, morgen Nachmittag mit an den See zu kommen? Kleines Picknick vielleicht?"

McGonagalls Gesicht hellte sich auf.

„Das ist keine üble Idee. Ich glaube, das würde mir Spaß machen."

„Ich hole dich dann ab", wisperte Vector leise, denn Dumbledore war inzwischen aufgestanden, um seine Schuljahresendrede zu halten.

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Am kommenden Nachmittag klopfte es an McGonagalls Tür und Septima erschien auf der Schwelle.

„Fertig, meine Liebe?"

„Bin sofort da!" Minerva griff nach ihrem Gehstock, den Peeves ihr freundlicherweise wieder zurückgebracht hatte, allerdings nicht ohne massive Überzeugungsarbeit seitens Dumbledore, und erhob sich aus ihrem Sessel.

Septima bemerkte mit Wohlgefallen, dass Minerva sich schon viel energischer und sicherer bewegte als noch vor ein par Tagen und teilte das auch Minerva mit.

Jene lächelte.

„Ja, ich denke, in ein paar Tagen werde ich sicher schon ohne dieses Ding hier auskommen." Sie hob den Stock ein wenig an. „Ich fühle mich schon wesentlich besser."

„Ich bin froh, das zu hören. Trotzdem brauchst du nicht zu rennen wie ein Reiseleiter bei einer Elf-Länder-in-drei-Tagen-Tour. Minerva, wir haben Zeit. Und du solltest es nicht gleich übertreiben, sonst liegst du wieder auf der Nase."

Minerva schnitt zwar eine Grimasse, verlangsamte ihr Tempo aber. Aus den Augenwinkeln betrachtete sie Septima, die in ihrer tief ausgeschnittenen dunkelblauen Robe und mit den schön aufgesteckten silbergrauen Haaren heute besonders hübsch aussah. Nicht zum ersten Mal beschlich sie der Gedanke, dass ihre Kollegin eine überaus attraktive Frau war.

Septima gingen ähnliche Gedanken durch den Kopf.

Sie betrachtete verstohlen die Frau, die auf ihren Stock gestützt an ihrer Seite ging. Trotz der grauen Strähnen, die ihr einst dunkles Haar durchzogen, trotz der Falten in ihrem Gesicht war Minerva in ihren Augen die schönste Frau, die sie kannte.

Sie hatte seit rund siebzig Jahren an ihrem Gesicht und ihrem Körper gearbeitet, denn die Entwicklung dieser Art Schönheit ließ sich nicht überstürzen. Die Falten in ihrem Gesicht wurden hart erarbeitet, jede einzelne. Die sture um ihren Mund, die sich mit jedem energischen „Nein" vertiefte, die dünnen Linien auf der Stirn, die immer dann auf rätselhafte Weise auftauchten, wenn sie unterrichtete und die beiden dünnen Furchen zwischen ihren Brauen, die stets zuverlässig ihre Besorgnis anzeigten. Ihre blauen Augen wurden nun durch eine Brille geschützt, dennoch waren die feinen Dauerfältchen drumherum unverkennbar. Junge Augen huschten und hasteten, aber diese Augen waren weise und sprachen von einem langen Leben. Augen, die vor Stolz geglänzt, sich aus Sorgen und Kummer mit Tränen gefüllt, aus Zorn geblitzt und aus Schlafmangel gebrannt hatten. Ihr Blick war direkt und durchdringend und ging bis auf den Grund der Seele.

Septimas Blick glitt von Minervas Gesicht über ihre Gestalt.

Minervas Rundungen waren klassisch, ihr Rücken trotz aller an sie gestellten Anforderungen gerade und ungebeugt. Ihre Beine waren noch immer wohlgeformt, doch sie waren ein wenig langsamer geworden. Zu oft war sie wegen ihrer Schüler durch die Gänge von Hogwarts gehastet, zu lange hat sie vor ihren Klassen gestanden, zu schnell war sie gerannt, als man ihre Hilfe dringend brauchte.

Septima richtete ihren Blick auf Minervas Hände. Ihre Hände waren schmal, mit langen schlanken Fingern, in die sich ihr Zauberstab schmiegte wie eine Erweiterung ihres Körpers. Und was sie mit diesen Händen nicht alles getan hatte: Gestreichelt, gearbeitet, gezaubert. Minerva hatte unermüdlich gearbeitet, um die Welt zu einer besseren zu machen und nicht zuletzt diese Welt mit ihrer Anwesenheit verzaubert.

Minerva fing Septimas nachdenklichen und zugleich andächtigen Blick auf.

„Was ist denn mit dir los? Warum siehst du mich so merkwürdig an?"

Septima richtete ihren Blick nun offen auf Minervas schönes Gesicht.

„Ich dachte nur gerade darüber nach, wie schön du bist", entgegnete sie offen.

„Ich gebe mir auch alle Mühe", erwiderte Minerva trocken und lächelte leicht, während sie sich insgeheim fragte, warum Septima und sie nicht schon längst eine Freundschaft etabliert hatten. Diesen Gedanken teilte sie ihrer neuen Freundin mit.

Septima runzelte die Stirn.

„Ich weiß es nicht", antwortete sie nachdenklich. „Ich schätze, wir haben uns einfach nie die Zeit dafür genommen, einander besser kennen zu lernen. Bis wir dich beinahe verloren hatten, da fiel mir erst so richtig auf, was du für unsere Gemeinschaft bedeutest. Es fiel mir auf, wie wenig ich dich im Grunde kenne und ich habe diese Unterlassung bedauert. Ich bin froh, dass ich die Gelegenheit bekommen habe, dieses Versäumnis zu korrigieren."

Minerva sah sie ernsthaft an und legte ihr die freie Hand auf den Arm.

„Ja, ich auch", sagte sie schlicht und hakte sich bei Septima unter.

„Im Grunde müsste ich Umbridge sogar dankbar dafür sein, dass sie und ihre Ministeriumskollegen mir diese Flüche aufgehalst haben."

Septima blieb wie angewurzelt stehen und brachte Minerva damit beinahe aus dem Tritt.

„Dankbar? Nach allem, was diese furchtbare, machtbesessene Person getan hat? Denk nur mal daran, was sie Trelawney angetan hat, und Hagrid, denk daran, wie sie Dumbledore die Schule wegnehmen wollte und wie sie den armen Potter hat leiden lassen."

Minerva wiegte den Kopf.

„Das weiß ich alles, ich war dabei, weißt du? Ich hatte in den letzten Tagen sehr viel Zeit, um über die Ereignisse nachzudenken und schlussendlich hat Dolores mir zu einigen sehr wertvollen Einsichten verholfen, die ich bislang zu gerne verdrängt hatte. Dass ich nicht ewig lebe und dass das Leben zu kurz ist, um die wichtigen Dinge immer wieder aufzuschieben. Sie hat mir, wenn auch auf einem kuriosen Umweg eine wunderbare Freundin beschert, was vermutlich mehr ist, als sie jemals hatte. Sie ist innerlich so zerfressen von ihrem Machthunger, so blind von ihren Vorurteilen, dass sie das Wesentliche gar nicht erkennt – nicht erkennen kann. Und sie tut mir beinahe Leid deswegen. Im Grunde ist sie ein armer Mensch, aber ich fürchte, dass sie sich niemals ändern wird."

Den restlichen Weg zum See legten sie schweigend zurück, jede hing ihren eigenen Gedanken nach.

Am See angekommen zeigte sich, dass Septima bereits alles vorbereitet hatte. Auf dem sonnengewärmten Boden hatte sie – als Zugeständnis an Minervas Vorliebe - eine schottischkarierte Decke ausgebreitet, auf der ein altmodischer Picknickkorb stand und nur auf sie zu warten schien.

Minerva drehte sich halb zu Septima um.

„Schottenkaros? Soll mir das etwas sagen?", fragte sie mit hochgezogenen Brauen.

„Nun ja, im Grunde schon. Ich habe bemerkt, dass du eine gewisse Vorliebe dafür hast." Sie streckte die Hand aus und zupfte spielerisch an Minervas kariertem Umhang.

Minerva lachte.

„Bin ich denn so leicht zu durchschauen? Anscheinend schon. Hilf einer alten Frau mal runter, ja?"

Septima half ihr, sich auf der Decke niederzulassen und setzte sich ihr gegenüber.

„Ein klassisches Picknick, dachte ich mir", meinte sie und begann, den Korb auszupacken.

„Sag mal, willst du ein ganzes Regiment durchfüttern?", fragte Minerva entgeistert, als Septima Unmengen an Lebensmitteln aus dem Korb heraus beförderte.
„Oder bist du wieder glücklich?"

„Ich? Ja, irgendwie schon. Warum auch nicht? Wir haben Ferien, das Wetter ist wunderbar und ich sitze in einer wildromantischen Kulisse und picknicke mit einer interessanten und attraktiven Frau. Genug Gründe, um glücklich zu sein, oder?" Septima lächelte Minerva verschwörerisch an und drückte ihr einen Teller in die Hand.

„Sag mal, flirtest du etwa mit mir?"

„Flirten impliziert einen Mangel an Ernsthaftigkeit", erwiderte Septima und belud ihre Teller.

„Und jetzt iss", befahl sie augenzwinkernd, „ich habe keine Lust, nachher wieder alles einpacken und zum Schloss schleppen zu müssen."

„Schleppen müssen?", fragte Minerva erstaunt, „Ich hätte jetzt gedacht, dass du einen Schwebezauber benutzt hättest."

„Minerva, ich bin muggelstämmig. Und gelegentlich genieße ich es, Sachen auf Muggelart zu erledigen. Also habe ich den Korb per Hand gepackt und hierher getragen."

Vector nahm einen Bissen und schloss genießerisch die Augen.

„Hm, lecker. Nun iss schon, ich habe nicht vor, dich zu vergiften", forderte sie Minerva kauend auf und sah sie an.

„Wie ist das eigentlich bei dir?"

„Bitte?"

„Waren deine Eltern auch Muggel?"

„Nein", Minerva schüttelte den Kopf, „ich bin das, was im allgemeinen als Reinblut bezeichnet wird. Nicht, dass ich mir etwas darauf einbilden würde", fügte sie trocken hinzu.

„Hätte ich von dir auch nicht erwartet. Dass du dir etwas darauf einbildest, meine ich. Das würde so gar nicht zu dir passen."

Septima sah sie für einen Moment intensiv an, bevor sie sich wieder ihrem Essen widmete.

„Komisch, ich habe mir da früher nie Gedanken drüber gemacht, welcher Abstammung jemand ist. Muss an der Rückkehr von Du-weißt-schon-wem liegen."

„Ja, vermutlich. Nun, ich mag zwar reinblütig sein – blödes Wort, das", sie schüttelte wieder den Kopf, „aber dafür gelte ich als Blutsverräter."

„Du?"

„Ja, natürlich. Ich gebe mich mit anderen Blutsverrätern wie den Weasleys ab und ich habe keine, nennen wir es Standesdünkel gegenüber Muggelstämmigen."

„Schlammblütern", warf Septima zynisch ein.

„Ich mag dieses Wort nicht", protestierte Minerva, „es ist nicht gerade nett und sehr herablassend."

„Mr. Malfoy pflegte mich als ein solches zu bezeichnen", sagte Septima leichthin.

„Malfoy? Du meinst Draco?"

„Das würde er nicht wagen. Ich meinte seinen Vater. Wir trafen uns einmal zufällig in der Winkelgasse und er nutzte die gute Gelegenheit, mich zu beleidigen. Zuvor hatte er sich wohl schon mit Mr. Weasley angelegt, wie ich im Nachhinein erfuhr, und musste irgendwo sein Mütchen kühlen." Septima trank einen Schluck Kürbissaft.

„Und was hast du ihm gesagt?"

„Ich habe ihn nur spöttisch von Kopf bis Fuß gemustert und ihn gefragt, ob er schlechten Sex gehabt hätte oder warum er sonst so mies gelaunt sei."

„Und dann?", erkundigte sich Minerva neugierig und mit glänzenden Augen.

„Er sah mich an wie ein Hippogreif, der es donnern hört, drehte sich auf dem Absatz herum und rauschte von dannen. Seither hielt er es nicht einmal mehr für wert, mich zu grüßen, wenn er mich irgendwo sah." Septima zuckte die Achseln. „Und seither weine ich mich deswegen jede Nacht in den Schlaf." Sie grinste.

Minerva lachte.

„Das hätte ich zu gerne gesehen. Jemand, der Lucius Malfoy die Stirn bietet und ihm die Sprache verschlägt. Köstlich! Wirklich schade, dass ich das verpasst habe."

Sie beobachtete, wie Septima gutgelaunt die Schuhe abstreifte und ihre Robe bis über die Knie empor raffte.

„Ich liebe Sonnenschein", sagte diese und streckte unbefangen die Beine aus.

Minerva lächelte angesichts ihrer Begeisterung über das schöne Wetter.

„Das kann man sehen, du bist jetzt schon schön braun."

„Ja, so ein bisschen Farbe habe ich in diesem Jahr schon bekommen", stimmte Septima ihr zu und betrachtete angelegentlich ihre nackten Beine. „Du solltest dich auch mal ein bisschen mehr an die Luft wagen, Minerva, das würde dir auch gut tun, glaub mir."

Minerva verdrehte die Augen.

„Wonach sieht das hier denn aus? Ich für meinen Teil halte es für frische Luft."

Nun war es an Septima, die Augen zu verdrehen.

„Sicher, ich bezog mich auch eher darauf, dass du dich während des laufenden Schuljahres für gewöhnlich in deinem Büro verbarrikadierst und es nur zum Unterricht und zu den Mahlzeiten verlässt. Nun ja, meistens zumindest", schränkte sie gleich darauf ein.

„Merlin, das klingt ja, als sei ich ein Einsiedlerkrebs!", rief Minerva in halb gespieltem Entsetzen.

„Viel fehlt da wirklich nicht", entgegnete Septima und sah ihre Freundin lächelnd an. „Aber ich bin auf dem besten Wege, dich öfters aus dem Schloss herauszulocken, nicht wahr?"

Septimas Blick wanderte über die Gründe von Hogwarts und verharrte sehnsüchtig auf der sonnenglitzernden Oberfläche des Sees.

„Und jetzt Schwimmen gehen", seufzte sie.

„Was hindert dich?"

„Ich kann dich schlecht hierher locken und dich dann allein lassen, oder? Das wäre nicht sonderlich höflich. Ich glaube nämlich nicht, dass du in deinem geschwächten Zustand im See herumplanschen solltest."

„Wie kommst du darauf, dass ich das überhaupt will? Ich schätze mal, dass das Wasser ziemlich kalt ist."

„Nun ja, warm wäre tatsächlich übertrieben, aber wenn man einmal drin ist, ist es toll."

„Dann schwimm ein paar Runden, mir macht das nichts aus. Ich sehe dir dann von hieraus zu."

„Ich habe keinen Badeanzug mit", lehnte Septima höflich ab und sah Minerva an.

„So? Ich glaube, das hält dich sonst auch nicht ab, nach allem was ich gehört habe", konterte Minerva, was ihr einen erstaunten Blick von Septima eintrug.

„Das ist richtig, aber dann habe ich für gewöhnlich auch keine Zuschauer. Allerdings bist du die Verwandlungslehrerin. Dann zeig mir doch mal, was du hier draus machen kannst." Auffordernd zupfte sie an ihrer Robe.

Minerva lachte und zog ihren Zauberstab hervor.

„Irgendwelche besonderen Wünsche, was das Design angeht?"

„Ich überlasse das vollkommen deinem Geschmack", sagte Vector und richtete einen gespannten Blick auf Minerva.

„Nun gut, dann versuche ich mal mein Glück."

Sie hob den Zauberstab und verwandelte Septimas dunkelblaue Robe in einen ebensolchen Badeanzug. Diese sah an sich herab und schnitt eine Grimasse.

„Ein bisschen schlicht, oder? Ich hätte jetzt mit etwas Erotischerem in einer poppigeren Farbe gerechnet."

„Eitel bist du gar nicht, oder? Und das in deinem Alter", konterte Minerva.

„Ich denke nicht, dass Frauen im Laufe der Jahre ihren sogenannten Sex-Appeal verlieren. Er verändert sich nur. Und warum nicht mit der Kleidung entsprechend arbeiten? Also los, probier es noch mal. Mal sehen, was du diesmal daraus machst", forderte sie Minerva auf.

Die seufzte hörbar, waltete aber ihres Amtes.

„So, genügend Sex-Appeal?", fragte sie dann ironisch.

Vector sah wieder an sich herab und nickte befriedigt.

„Perfekt. Genau das, was ich wollte."

Minervas zweiter Anlauf hatte Septima einen kirschroten Bikini beschert, der ihre wohlgeformte Figur mehr betonte als verbarg und ihren durchtrainierten Bauch offenbarte.

„Und es macht dir wirklich nichts aus?"

„Geh nur", bekräftigte Minerva, „Oder glaubst du, ich veranstalte diesen Aufwand hier für nichts?" Sie deutete auf Septimas Badekleidung.

„Okay, dann will ich mal."

Septima entfernte die Haarnadeln und schüttelte den Kopf, so dass ihr silbergraues Haar in lockeren Wellen auf ihre Schultern fielen und grinste Minerva ein letztes Mal spitzbübisch zu, bevor sie sich von ihr entfernte.

Minerva sah zu, wie Septima mit langen elastischen Schritten bis an das Ufer ging und in den See hinauswatete. Aus dieser Perspektive hatte sie auch eine grandiose Aussicht auf Septimas überaus trainierte Schulter- und Rückenmuskulatur, die den Verdacht nahe legte, dass sie wirklich häufig schwimmen ging. Sie beobachtete, wie Septima sich ganz in das Wasser warf und mit kraftvollen Bewegungen durch die leichten Wellen pflügte. Minerva hob überrascht die Augenbrauen, sie hätte nicht gedacht, dass sie so gut war. Sie beschattete die Augen mit einer Hand und blickte auf den sonnenglitzernden See hinaus. Das Wasser spiegelte die Sonne so hell, dass sie sich gezwungen sah, die Augen zusammenzukneifen, um überhaupt etwas sehen zu können. Sie lehnte sich bequemer zurück, der warme Sonnenschein auf ihrem Gesicht, das sanfte Plätschern des Sees und das leise Summen der Insekten in der Wiese machten sie schläfrig und lullten sie ein. Minerva fielen die Augen zu und sie schlief ein.

Sie wachte erst wieder auf, als plötzlich ein Schatten über ihr Gesicht fiel und ein kühler Wassertropfen auf sie herabrieselte. Minerva riss die Augen auf und setzte sich ruckartig auf.

„Was ist passiert?"

„Nichts." Eine gutgelaunte wassertriefende Septima kniete vor ihr, feine Wassertropfen glänzten auf ihrer sonnengebräunten Haut und das silberne Haar klebte ihr in nassen Strähnen auf den Schultern. Sie betrachtete Minerva belustigt.

„Du bist eingeschlafen. Tut mir Leid, ich wollte dich nicht erschrecken."

„Ist schon gut." Minerva fuhr sich mit der Hand über die Stirn und rückte ihre Brille zurecht.

„War es denn wenigstens nett im Wasser?"

„Fantastisch. Wenn du wieder ganz fit bist, musst du unbedingt mal mit mir zusammen Schwimmen gehen."

„Wir werden sehen", erwiderte Minerva vage und vollführte einen Schlenker mit dem Zauberstab, der Septima trocken zurückließ.

„Danke. Ein Handtuch habe ich natürlich auch nicht mit."

Septima ließ sich auf die Decke sinken und drehte sich auf den Bauch, Minerva zugewandt.

„Einen Sickel für deine Gedanken."

„Ich dachte eigentlich gerade an nichts Bestimmtes", erwiderte Minerva.

„Das nehme ich dir nicht ab", konterte Vector, stützte sich auf den Unterarmen auf und betrachtete Minerva forschend.

„Da du sonst sicher nicht locker lassen wirst, ich dachte gerade, dass du eine sehr attraktive Frau bist", gab Minerva zu und wandte hastig den Blick von Septimas Dekolletee ab, das diese so freizügig zur Schau stellte.

„Ein Kompliment, das ich nur so zurückgeben kann", erwiderte Septima und sah Minerva offen an. Dabei bemerkte sie die leichte Röte, die in Minervas Wangen gestiegen war.

„Deswegen brauchst du doch nicht gleich rot zu werden!"

„Bin ich doch gar nicht, das liegt sicher an der Sonne", schwindelte Minerva, sah Septima dabei aber nicht an.

„Nun, wenn du meinst…" Septima ließ einen leichten Zweifel in ihren Worten mitschwingen.

„Meine ich", entgegnete Minerva fest. „Vielleicht sollten wir langsam wieder nach drinnen gehen, mir ist ziemlich warm geworden und ich lege keinen gesteigerten Wert darauf, morgen mit einer verbrannten Nase herumzulaufen."

Sie hob ihren Zauberstab und verwandelte Septimas Bikini zurück in seine ursprüngliche Form. Achselzuckend klaubte Septima ihre Haarnadeln von der Decke auf und steckte ihr Haar wieder fest. Nachdem sie damit fertig war, räumte Minerva mit einem weit geschwungenen Schlenker ihres Zauberstabes den Picknickplatz auf. Die Sachen räumten sich ordentlich in den Korb zurück, der Deckel schloss sich und die Decke faltete sich akkurat selbst zusammen. Mit einem weiteren Schlenker ließ sie die Sachen vor sich schweben und in Richtung Schloss driften.

Septima sah ihr dabei zu.

„Mit diesen Haushaltszaubern hatte ich es nie so. Bei mir hätte sich die Decke vermutlich nur zusammengeknüllt, aber nicht so sorgfältig gefaltet."

„Ich kann dir das beibringen, wenn du möchtest. Im Grunde liegt der Unterschied nur in einer minimalen Bewegung im Handgelenk. Meine Mutter war sehr gut im Haushaltszaubern und sie hat mir das eine oder andere beigebracht."

„Du sprichst selten von deiner Familie", forschte Septima behutsam, während sie sich langsam dem Schloss näherten.

„Nein."

„Warum nicht?"

„Sie sind tot", erwiderte Minerva kurz und gab damit zu erkennen, dass sie das Thema damit für beendet erklärte.

„Du möchtest nicht darüber sprechen, oder?"

„Nein."

„Gut."

Schweigend gingen sie nebeneinander her, während die Sonne auf ihre gesenkten Köpfe brannte.

„Ich werde gleich als erstes den Krankenflügel aufsuchen, für meine Untersuchung, bevor Poppy mich durch das halbe Schloss jagt", durchbrach Minerva das Schweigen. „Außerdem weigert sie sich, mir einen größeren Vorrat meiner Heiltränke mitzugeben, damit ich auch tatsächlich erscheine."

„Poppy ist eine kluge Frau", sagte Septima lächelnd.

„Das mag sein, aber ich finde das ganze Getue um mich einfach nur furchtbar lästig."

Septima blieb stehen und legte Minerva die Hand auf den Arm.

„Lästig hin oder her, es geht uns einfach nur darum, dass du dich bestmöglich erholst. Du hast uns allen einen furchtbaren Schrecken eingejagt und wir sind nur besorgt um dich."

Minerva lächelte gerührt.

„Das weiß ich doch. Aber dennoch, es ist einfach lästig, jeden zweiten Tag im Krankenflügel zu erscheinen und untersucht zu werden."

Sie hatten das Schlossportal erreicht.

„Dann mache ich mich mal auf den Weg zu Poppy", grummelte Minerva und wandte sich zum Gehen.

„Sehen wir uns später noch?"

Minerva drehte sich um und nickte Septima zu.

„Davon gehe ich doch mal aus. Oder hast du unsere Schachpartie vergessen?"

„Wie könnte ich? Dann bis nachher!"

Sie sah Minerva nach, wie sie die Treppe zum Krankenflügel emporstieg, dann wandte sie sich ab und machte sich auf den Weg in ihre eigenen Räumlichkeiten.