Kapitel 5
Die verlorenen Jahre
Es war recht spät, als sich die beiden Frauen an diesem Abend zu Bett begaben.
Septima hatte es sich gerade mit ihrem Buch im Bett gemütlich gemacht, um noch ein paar Seiten zu lesen, als sie im angrenzenden Raum leise Schritte hörte. Sie richtete sich auf und rief leise:
„Minerva? Bist du das?", um sich gleich darauf für diese dumme Frage mental in den Hintern zu treten. Wer sonst sollte wohl zu dieser nachtschlafenden Zeit im Haus herumgeistern, es war ja sonst niemand da.
Es klopfte leise an ihrer Tür und die Klinke wurde sachte nach unten gedrückt. Minerva lugte vorsichtig durch den Türspalt und Septima sah sie über die Lesebrille hinweg an.
„Hast du mich gerufen?", fragte Minerva.
„Ich hatte Schritte gehört und wollte bloß wissen, ob du das bist. Natürlich eine ausgesprochen dumme Frage, ich weiß. Ist ja sonst niemand hier außer uns."
„Ach so." Minerva verharrte nachdenklich auf der Schwelle und betrachtete Septima, oder vielmehr das, was derzeit von ihr sichtbar war.
Unter der Bettdecke schaute lediglich ihr Kopf hervor, das silberne Haar gelöst und die Lesebrille auf der Nasenspitze balancierend. Das flackernde Licht der Öllampe warf ungewisse Schatten auf ihr Gesicht und ließ ihre Nase länger und spitzer erscheinen als üblich.
In diesem Moment verzog sich ebendieses Gesicht zu einem sanften Lächeln.
„Kannst du nicht schlafen?"
„Ich war noch gar nicht bis in meinem Bett angekommen", gab Minerva zu. „Ich denke mal, ich habe heute Nachmittag zu lange geschlafen, ich bin hellwach."
„Wenn du dich noch etwas unterhalten möchtest, kannst du das gerne tun. Aber dann komm rein und bleib nicht in der Tür stehen!"
Septima winkte sie heran und deutete einladend auf ihr Bett.
Minerva schob die Türe ganz auf und trat ein.
Septima sah sie an und hob angesichts Minervas langen wallenden Nachthemdes eine Augenbraue.
„Das ist ja hocherotisch", kommentierte sie trocken. „Wann war das denn modern? Zu Zeiten von Queen Victoria?"
„Lästere du nur", meinte Minerva und machte es sich an Septimas Fußende gemütlich. Ihr graumeliertes Haar fiel ihr in weichen Wellen bis über die Schultern und sie schob es mit einer ungeduldigen Handbewegung zurück.
Septima setzte ihre Lesebrille ab und parkte sie zusammen mit ihrem Buch auf dem Nachttisch, dann sah sie Minerva nachdenklich an.
„Weißt du, eines geht mir nicht aus dem Kopf. Du hast heute Mittag gesagt, das wäre ein altes Muggelhaus. Du bist also nicht hier aufgewachsen?"
„Nein."
„Wo dann? Ich hatte bislang immer den Eindruck, du würdest in den Ferien in dein Elternhaus zurückkehren."
„Mein Elternhaus existiert nicht mehr."
Septima hob überrascht die Augenbrauen.
„Was ist passiert?"
„Ich bin nicht sicher, ob ich darüber sprechen möchte."
„Das musst du nicht, wenn du es nicht willst. Aber, auch wenn du mich für unerträglich neugierig hältst, interessieren würde es mich schon. Ich weiß so wenig über dich."
Septima sah sie offen an und Minerva erwiderte den Blick nachdenklich.
„Das ist eine ziemlich lange Geschichte", wandte Minerva ein.
„Wir haben die ganze Nacht Zeit."
„Von mir aus."
Minerva dachte für einen Moment darüber nach, wo sie anfangen sollte.
„Ich bin geboren und aufgewachsen in Aichillidh Bhuidhe, oder Achiltibuie, wie die meisten sagen, in der Nähe von Lochinver. Es war damals schon ein furchtbar kleines Nest und daran hat sich bis heute nichts geändert.
Meine Familie hatte ein zwar kleines, aber recht hübsches Haus etwas außerhalb des Dorfes."
Minerva brauchte einen Moment, um ihre Gedanken zu ordnen.
„Hattest du Geschwister?"
„Ja, ich hatte einen Bruder, Angus, er war sechs Jahre jünger als ich und ein absoluter Spaßvogel." Sie lächelte.
„Du kannst ihn dir als einen Vorläufer der Weasley-Zwillinge vorstellen. Immer Unfug im Kopf und immer darauf aus, einem einen Streich zu spielen. Er hatte nur einen Fehler, er bildete sich ein bisschen zuviel auf seine Herkunft ein."
„Lass mich raten, er war in Slytherin."
„Ja, der Hut schickte ihn nach Slytherin. Und dort kam er in Kontakt mit gewissen Leuten, die seine Einstellung zu diesem Thema noch verschärften. Irgendwann war es soweit, dass er auf alle Schlammblüter herabsah und seine Streiche immer gemeiner wurden."
Minervas Gesicht sah plötzlich ernst und traurig aus.
„Ich habe wie eine Besessene auf ihn eingeredet, diesen Unsinn zu lassen, sich zu überlegen, ob er denn tatsächlich besser sei, nur weil er aus einer alten magischen Familie stammt. Er hat mich ausgelacht. Ich habe Dumbledore, damals mein Lehrer für Verwandlung, gebeten, mit Angus zu reden, weil ich mir Gedanken um ihn machte. Ich weiß bis heute nicht, was Dumbledore ihm gesagt hat, aber es war ganz bestimmt nichts, was Angus hören wollte. In seinem fünften Jahr trieb er es dann endgültig zu weit, einer seiner Streiche ging furchtbar schief und der kleine Billy Roberts wäre beinahe gestorben. Albus hat damals gerade noch das Schlimmste verhindern können, ich denke, er hatte einfach ein wachsames Auge auf Angus. Nun ja, Angus wurde von der Schule verwiesen, sein Zauberstab zerbrochen, das übliche eben. Er wurde nach Hause geschickt, aber er kam dort niemals an."
„Wohin ist er gegangen?"
„Ich weiß es nicht. Er tauchte erst Jahre später wieder Zuhause auf, ein abgerissener und ausgemergelter Mann, in dem ich meinen kleinen Bruder beinahe nicht erkannt hätte. Meine Mutter hat das sehr mitgenommen, sie wurde krank und hat sich davon nie mehr richtig erholt."
„Warst du damals schon Lehrerin in Hogwarts?"
„Nein. Nach meinem Schulabschluss machte ich erst die obligatorische Rundreise durch die magische Welt, die damals viele unternahmen. Im Anschluss habe ich ein paar Publikationen zum Thema Verwandlung veröffentlicht, nichts, was gelesen wurde, aber es hat gereicht, um mir in Fachkreisen eine gewisse Anerkennung zu sichern. Ich hatte damals nach wie vor regelmäßigen Kontakt zu Albus und habe vieles mit ihm zusammen ausgearbeitet. Für eine Weile habe ich dann für das Zaubereiministerium gearbeitet, aber das lag mir nicht so unbedingt. Na, und dann kam Gellert Grindelwald. Von dem wirst du doch sicher gehört haben?"
„Gehört ja, aber ich war damals noch zu klein, um etwas mitzubekommen. Ich war damals noch nicht einmal in Hogwarts und wusste nicht, dass ich eine Hexe bin, geschweige denn etwas von der magischen Welt."
„Es waren ziemlich dunkle Zeiten damals. Grindelwald war nicht so mächtig wie Du-weißt-schon-wer, aber es war trotzdem kein Zuckerlecken. Leute verschwanden einfach, Muggelstämmige wurden geächtet. Bis Albus sich aufmachte, um Grindelwald zu stoppen. Kurz darauf tauchte mein Bruder wieder Zuhause auf. Er führte sich auf wie ein vollkommen Fremder, er war kalt, anmaßend, es war nichts mehr von dem freundlichen kleinen Jungen zu erkennen, der er einmal war. Er blieb nicht lange und verschwand dann wieder gänzlich von der Bildfläche. Keiner wusste, was er in den Jahren davor getan hatte oder wohin er diesmal verschwand. Er ging einfach, ohne ein Wort, ohne eine Erklärung.
Aber die Gerüchte machten natürlich die Runde. Er wäre unter Grindelwalds Vertrauten gewesen, hieß es. Und wann immer es darum ging, einem Muggel übel mitzuspielen, war er in vorderster Front dabei. Wir wurden von der übrigen Zaubererwelt geächtet, ich verlor meine Stelle im Ministerium. Meine Mutter hat diesem Druck nicht standgehalten, sie gab auf. Sie – sie ist einfach gestorben. Also blieben wir nur noch zu dritt übrig. Meine Großmutter, mein Vater und ich. Die McGonagalls waren immer schon recht stur, die beiden hatten beschlossen, den Sturm durchzustehen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Den beiden habe ich meinen Sturkopf zu verdanken."
Minerva lächelte schief.
„Irgendwann geriet die Sache – nein, nicht in Vergessenheit, aber die Leute waren bereit, über alles hinwegzusehen. Albus holte mich als Lehrerin nach Hogwarts, kurz bevor er selber Schulleiter wurde und ich seinen Posten als Lehrerin für Verwandlung bekam. Alles wendete sich zum Guten. Zumindest für eine Weile."
Minerva schwieg wieder.
„Für eine Weile? Was passierte dann?"
„Der Aufstieg von Du-weißt-schon-wem", erwiderte Minerva düster.
„Und dein Bruder wurde ein Todesser?"
Minerva nickte. Stockend, und von vielen Pausen unterbrochen, erzählte sie den Rest der Geschichte:
„Er wurde ein Todesser. Das ganze Drama ging von neuem los. Wir wurden im Ministerium verhört, viele Male, meinem Vater wurde mit Askaban gedroht, falls er nicht den Aufenthaltsort meines Bruders verriete. Was er nicht konnte, wir wussten ja selbst nicht, wo er war.
Wir hatten ihn selber jahrelang nicht gesehen. Zu Angus' Glück, wäre er mir unter die Augen gekommen…"
„…hättest du ihm den Hals umgedreht."
„Ja. Ich gab – und ich gebe ihm bis heute - eine Mitschuld am Tod meiner Mutter. Ich war nur froh, dass sie nicht mehr sehen musste, wie tief ihr Sohn tatsächlich gesunken war", gab Minerva heftig zurück.
Sie hatte einen müden Zug um die Augen, der Septima einerseits erschreckte, aber andererseits auch in ihr den Wunsch weckte, Minerva in den Arm zu nehmen und zu trösten.
„Kam dein Vater nach Askaban?"
„Nein, zum Glück nicht. Sie hatten keine richtige Handhabe, um ihn wegzusperren, er hatte ja nichts getan. Albus hat damals zu unseren Gunsten ausgesagt, er hat mich niemals im Stich gelassen. Albus war der einzige wirkliche Freund, den ich zu dieser Zeit noch hatte.
Ja, Angus. Es gelang den Auroren, ihn zu fassen und er wurde zu einer lebenslänglichen Haftstrafe in Askaban verurteilt. Ich bin nicht zu diesem Prozess erschienen, aber ich habe in der Zeitung gelesen, dass er die Namen einiger Todesser verraten hat um sich freizukaufen. Er wurde trotzdem weggesperrt. Eine Weile blieb alles ruhig, aber ich hatte ein merkwürdiges Gefühl dabei. In den Sommerferien ging ich nach Hause, wie in jedem Jahr. Und als ich eines Abends von einer Wanderung zurückkehrte, sah ich von weitem das Dunkle Mal am Himmel. Ich stand da wie festgefroren, eine ganze Weile und dann bin ich gerannt wie noch nie in meinem Leben. Nur um festzustellen, dass mein Elternhaus in Trümmern lag und meine Familie tot war. Ich stand vor der Ruine wie angewurzelt, ich war überhaupt nicht fähig, auch nur einen Gedanken zu fassen. Gerüchte reisen schnell und Gerüchte von Katastrophen reisen auf einem besonders schnellen Besen. Albus tauchte auf und kümmerte sich um mich. Er war es auch, der ein paar Kleinigkeiten aus dem Haus für mich retten konnte."
„Das Portrait deiner Großmutter."
„Ja, das auch. Er brachte mich zurück nach Hogwarts, um mich aus der Schusslinie zu holen und er hat mir alle nötigen Formalitäten abgenommen. Damals gründete er einen geheimen Orden, um gegen Du-weißt-schon-wer vorzugehen und ihn endgültig zu besiegen. Ich war einer der ersten, die diesem Orden beigetreten sind. Der Kampf stand lange unentschieden, dann verloren wir sogar an Boden. Damals habe ich mir dieses Häuschen hier gekauft, ein kleines Stückchen heile Welt, in der es nichts Hässliches gab und ich die reale Welt weit hinter mir lassen konnte.
Dann kam die Halloweennacht, in der Du-weißt-schon-wer in das Haus der Potters eindrang. Als der Fluch von Harry abprallte und Du-weißt-schon-wer seine Macht verlor, konnten wir alle aufatmen. Nach und nach wurden die Todesser festgesetzt. Du weißt ja, was damals los war."
Septima hatte Minervas Geschichte mit zusammengezogenen Brauen mitverfolgt und schüttelte nun den Kopf.
„Was geschah mit deinem Bruder? Ist er noch in Askaban?"
„Nein. Die Behörden informierten mich, dass er starb und innerhalb der Gefängnismauern begraben wurde. Außer mir ist niemand mehr übrig, ich bin die letzte der McGonagalls."
Minerva schwieg eine kurze Weile, dann straffte sie die Schultern und sah Septima prüfend an.
„Und? Was denkst du jetzt?"
„Ich muss meine Gedanken erst sortieren. Das war ziemlich viel auf einmal."
Sie sah McGonagall nachdenklich an.
„Aber ich glaube, ich fange jetzt an zu verstehen, warum du häufig so zurückhaltend bist und wo deine Liebe zur Gerechtigkeit herrührt. Deiner Familie und dir ist übel mitgespielt worden, du hast viel Leid hinter dir, das würde jeden Menschen prägen und viele würde es zerbrechen. Falls du aber die absurde Befürchtung hast, dass ich dich nun weniger schätzen würde als zuvor, dann kannst du beruhigt sein. Im Gegenteil, ich bewundere deine Stärke, mit der du das alles durchgestanden hast."
Sie setzte sich ganz auf, streckte sich und berührte Minervas Arm.
„Himmel, du bist eiskalt, du wirst dich erkälten. Komm mit unter die Decke."
Septima rutschte etwas zur Seite und hob einladend die Bettdecke ein wenig an, damit Minerva mit darunter schlüpfen konnte. Nach kurzem Zögern verließ diese ihren Platz am Fußende und glitt unter die Decke.
„Meine Güte, du bist ja ein Eiszapfen!", schimpfte Septima leise und nahm Minervas kalte Hand in ihre.
Minerva wandte den Kopf zur Seite und betrachtete das Gesicht von Vector, die auf den Ellbogen gestützt neben ihr lag und sie aufmerksam ansah.
„Ich bin froh, dass du mir das alles erzählt hast", nahm Septima den Gesprächsfaden wieder auf.
„Das war eine verdammt schwierige Zeit für dich und ich wünschte, ich hätte dich damals schon gekannt. Ich halte nichts davon, jemanden für die Fehler anderer leiden zu lassen."
„Es tut gut, das zu hören. Aber als du damals in Hogwarts angefangen hast, war das meiste davon schon passiert. Außer Albus war damals nur Flitwick schon als Lehrer dabei – und natürlich Hagrid. Hagrid ist ein herzensguter Kerl, der niemals schlecht über andere denkt, erst recht nicht, wenn Albus demjenigen traut. Und Filius hielt sich zwar bedeckt, aber er hat mich nie geächtet oder ist in irgendeiner Form unhöflich zu mir gewesen. Nicht alle meiner Kollegen sind Feiglinge oder lassen ihren Blick von Vorurteilen trüben. Aber ich war mir nicht sicher, wie jemand auf diese Geschichte reagiert, der mich nicht kannte. Ich war damals verletzlicher und ich habe mich bewusst von Menschen ferngehalten. Ich wollte einfach nichts mehr davon hören oder darüber sprechen. Und ich wäre wieder und wieder gefragt worden, wenn mich jemand näher kennen gelernt hätte."
„Also hast du dich eingekapselt, um dem aus dem Weg zu gehen."
„Ja. Aber die Zeiten haben sich geändert, heute würde ich es niemandem mehr gestatten, mich mutwillig zu verletzen."
„Das klingt sehr hart."
„Das mag sein. Aber ich habe aus der Vergangenheit gelernt. Manche Dinge sind zu schmerzlich, als dass ich sie noch einmal durchmachen wollte."
„Du kannst nicht allen Verletzungen aus dem Weg gehen."
„Das weiß ich selbst. Aber ich kann sie zumindest minimieren, in dem ich sorgfältig auswähle, wem ich vertraue und mit wem ich befreundet sein möchte."
Septima nickte.
„Ich fühle mich geehrt, dass du mich dieses Vertrauens als würdig erachtet hast."
Minerva warf ihr einen scharfen Blick zu.
„Machst du dich über mich lustig?", fragte sie misstrauisch.
„Nein, Minerva. Ich bin wirklich froh, dass ich deinen Panzer habe knacken können. Ich habe dir schon mehrfach mehr oder weniger deutlich zu verstehen gegeben, dass ich dich sehr schätze und dass ich mir deine Freundschaft wünsche. Und die letzte Zeit hat mir wieder bewiesen, wie Recht ich damit hatte. Eine Frage hätte ich allerdings noch…"
„Und die wäre?"
„Was ist mit Snape?"
„Was soll mit ihm sein?"
„Er war doch auch ein Todesser. Verspürst du deswegen einen Groll gegen ihn?"
„Nein. Severus hat die Notbremse gezogen und die Todesser verlassen. Er ist wirklich kein schlechter Kerl und ich denke einfach, dass er auch eine zweite Chance verdient hatte. Albus vertraut ihm und das reicht mir."
„Und möglicherweise erinnert er dich ein wenig an Angus? Was hätte sein können, wenn er rechtzeitig die Notbremse gezogen hätte?"
„Ja, vielleicht", gab Minerva nach kurzem Nachdenken zu. „Ich frage mich häufig, wie ich ihn davon hätte abbringen können, Angus, meine ich. Was ich hätte tun können, damit er nicht in die Fänge dieser Leute geriet. Aber ich weiß keine Antwort darauf."
„Minerva, du bist nicht schuld. Niemand ist dafür verantwortlich, was ein anderer Mensch tut oder lässt. Du hast alles daran gesetzt, ihm klarzumachen, dass er sich auf dem falschen Weg befindet. Du bist nicht schuld."
„Im Grunde weiß ich das", sagte Minerva leise. „Und doch geht mir diese Geschichte immer wieder durch den Kopf. Auch nach all den Jahren noch."
„Du hast mir nichts über dein Privatleben erzählt", wechselte Septima das Thema und umkreiste mit dem Finger die Adern auf Minervas Handrücken.
Diese lächelte freudlos.
„Da gibt es nicht viel zu erzählen."
„Das kannst du mir nicht weismachen. Eine intelligente und attraktive Frau wie du wird doch sicher den einen oder anderen Verehrer gehabt haben?"
„Doch, sicher gab es die. Aber meine familiären Schwierigkeiten haben sie dann immer wieder erfolgreich in die Flucht geschlagen."
Minerva zog eine Grimasse.
„Entweder das oder mein Sturkopf. Ich war nie das typische anschmiegsame Frauchen, das abends mit einem gekochten Essen aufwarten konnte und die angewärmten Pantoffeln bereithielt. Anscheinend wurde aber das von mir erwartet. Ich hatte immer meinen eigenen Kopf und das war für meine Partner nur schwer zu verkraften. Oder eben gar nicht." Ein humorloses Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Also habe ich mich in meinem Dasein als allein stehende Frau eingerichtet – sogar gut eingerichtet. Nur weil ich keinen Mann und keine Kinder vorweisen kann, heißt das ja nicht, dass ich deswegen weniger wert wäre."
„Von mir wirst du da keinen Widerspruch hören", murmelte Septima.
„Was ist mit dir? Warum läufst du noch immer ohne Ehering herum?"
„Ich bin nie in eine Situation gekommen, in der ich hätte heiraten müssen. Oder wollen. Es hat sich irgendwie nie ergeben und ich kann nicht behaupten, dass ich etwas vermissen würde. Obwohl dieser nette Blonde damals, Kenneth hieß er, mich beinahe herumgekriegt hätte."
„Was ging schief?"
„Er war mir zu eifersüchtig. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte ich in Sack und Asche herumlaufen müssen, damit mich nur niemand ansieht. Und Howard, ein Muggel, kam nicht damit zurecht, dass ich eine Hexe bin. Nachdem wir uns deswegen permanent heiser geschrieen haben, habe ich seine Erinnerung verändern müssen und mich von ihm getrennt."
Septima schüttelte mit dem Kopf.
„Kannst du dich noch an Tiberius Ogden erinnern? Ich meine, in jüngeren Jahren?"
„Natürlich kann ich mich an ihn erinnern. Er hat damals Arithmantik unterrichtet."
„Ja, mein Lieblingsfach. Ich war bis über beide Ohren in ihn verknallt und habe immer versucht, die Beste zu sein."
Minerva sah sie an.
„Das erklärt jetzt so einiges", bemerkte sie trocken. „Du hast dich also tatsächlich in den alten Ogden verguckt?"
„Du etwa nicht? Der hatte doch was."
„Nein, für Ogden habe ich mich nie interessiert."
„Du betonst das so merkwürdig. In wen denn dann?"
„Wehe, du lachst! Dann hexe ich dich von hier bis an den Nordpol."
„Doch nicht etwa – Albus?"
„Sei nicht albern. Nein, es war nicht Albus. Ich hatte ein Faible für Professor Merrythought."
Septima setzte sich aufrecht.
„Professor Galatea Merrythought? Die Lehrerin für Verteidigung gegen die dunklen Künste?"
„Wie viele Lehrer dieses Namens kennst du denn sonst noch? Natürlich die Merrythought."
„Ich fass es ja nicht! Die brave McGonagall, die kein Wässerchen trüben kann, war in ihre Lehrerin verschossen! Entschuldige, ich sollte ja nicht lachen", fügte sie schnell hinzu, als Minerva die Stirn runzelte.
„Welche interessanten Dinge hast du mir sonst noch verschwiegen? Eine heiße Affäre mit Filch etwa?"
Minerva schüttelte sich.
„Wie kommst du denn ausgerechnet auf den?"
„Vielleicht, weil er mir mit schöner Regelmäßigkeit beinahe in den Ausschnitt fällt. Aber ich bin ja Kummer gewöhnt."
Sie deutete auf ihre von ihrem dünnen Nachthemd nur notdürftig verhüllten Brüste, bevor sie hinzusetzte:
„Andererseits bin ich eitel genug, um mich drüber zu freuen, dass ich noch solche Aufmerksamkeit errege."
„Zumindest bist du ehrlich", kommentierte Minerva trocken.
„Na, ich habe auch nie behauptet, dass ich ein Engel bin. Ich habe mich auch ziemlich ausgetobt. Ich war eine Möchtegern-Rebellin, du weißt schon, das gute Mädchen, das so gerne ein böses Mädchen wäre."
„Klingt, als hättest du deine Jugend gut genutzt."
„Nicht nur die. Aber ich möchte nicht noch mal zwanzig sein. Die
Zwanziger sind wirklich eine Folter, weil du nicht weißt, was du mal sein wirst, noch ob das, was du tust, funktioniert. Man erwartet von dir, dass du dich wie eine Erwachsene verhältst, weißt aber nicht, wie das geht. Du suchst immer nach deinem Platz in der Welt und bist verdammt unsicher. In der einen Minute hältst du dich für absolut großartig und in der nächsten glaubst du, du wärest eine Katastrophe. Nein, ich möchte wirklich nicht noch einmal so jung und dumm sein."
„Ich weiß nicht, vielleicht hast du Recht. Ich möchte bestimmt nicht noch einmal jung sein und diesen Abschnitt meines Lebens erneut durchleben müssen. Aber auf der anderen Seite, denk nur mal darüber nach, wie es war. Man war jung, idealistisch, bereit, hinauszugehen und der Welt seinen Stempel aufzudrücken. Ich habe meinen Idealismus irgendwann unterwegs verloren und angefangen, die Welt zu sehen, wie sie ist und nicht mehr, wie sie sein sollte. Immerhin kann ich noch erkennen, wie sie sein könnte und darauf arbeite ich hin. Und immer, wenn ich einen Schüler sehe, der versteht, worauf es im Leben wirklich ankommt, der den richtigen Weg geht und nicht den einfachen, der versteht, was ich ihm zu erklären versuche, dann weiß ich wieder, warum ich das überhaupt mache."
Minerva sah Septima an.
„Meine Hand ist jetzt übrigens warm, danke."
Sie entzog Vector ihre Hand, die diese während des ganzen Gesprächs nicht losgelassen hatte.
„Keine Ursache. Wie steht es mit dem Rest von dir? Ist der inzwischen auch aufgewärmt?"
Sie streckte tastend den Fuß aus.
„Hast ja immer noch eiskalte Füße. Das kann ja wohl nicht wahr sein."
Sie rückte näher an Minerva heran, bis ihre Körper sich berührten. Septima konnte durch den Stoff hindurch spüren, dass Minervas Körper sich noch immer recht kalt anfühlte.
„Was ist? Willst du mir auch noch die Füße halten, jetzt, wo du mit den Händen durch bist?"
Septima warf ihr einen schiefen Blick zu.
„Nicht nur die Füße. Ich merke gerade, dass der Rest von dir auch nicht viel wärmer ist. Keine Widerrede jetzt", sagte sie bestimmt, legte einen Arm um Minerva und zog sie enger an sich.
Für einen Moment schien es, als wollte Minerva aufbegehren, dann aber fügte sie sich und kuschelte sich in Septimas Arm.
„Ja, das wirklich schön warm", stellte sie fest und fügte im Stillen hinzu:
‚Und so tröstlich.'
„Ich hoffe, du möchtest nicht noch mehr tiefschürfende philosophische Diskussionen führen", bemerkte Septima gähnend. „Ich bin langsam doch ein wenig müde."
„Dann wäre jede Diskussion wohl vollkommen überflüssig, ich würde doch keine brauchbare Antwort von dir bekommen", bemerkte Minerva trocken, wandte den Kopf und warf einen Seitenblick auf Septima. Diese hatte die Augen geschlossen.
„Schläfst du schon?"
„Mmh?"
Kurz darauf verrieten ihr die tiefen ruhigen Atemzüge, dass Septima tatsächlich fest eingeschlafen war. Minerva lächelte leicht. Wenn sie Septima nicht wieder aufwecken wollte, würde sie die Nacht wohl oder übel in ihrem Bett verbringen müssen.
Vorsichtig langte sie nach Septimas Zauberstab auf dem Nachttisch, um die Öllampe zu löschen und ließ sich wieder in das Kissen zurücksinken. Diese leichte Bewegung genügte, um Septima im Schlaf zu stören, Minerva fühlte, wie sich Septimas Arm fester um sie schlang und sie gab jeden Gedanken auf, in ihr eigenes Bett zurückkehren zu können.
Zumal sie sich selber eingestehen musste, dass ihr gar nicht so unrecht war, mal nicht alleine zu sein. Es fühlte sich überraschend gut an, in der Dunkelheit in Septimas Arm zu liegen und ihren warmen weichen Körper so dicht an ihrem eigenen zu spüren. Es fühlte sich schon beinahe zu gut an, wenn sie aufrichtig zu sich selber war. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, sie schmiegte ihre Wange an die der schlafenden Septima und genoss die Weichheit und Wärme, die sie spürte. Wie von selbst glitt ihre Hand suchend über Septimas Körper und schließlich schlang sie ihren Arm um Septimas Taille, was diese mit einem wohligen Brummen quittierte ohne aufzuwachen.
Irgendwann fielen auch ihr die Augen zu und geborgen in Septimas Umarmung schlief sie ein.
