Kapitel 6
Schicksalspfade
Als Septima erwachte, füllte regengraues Licht das Schlafzimmer. Minerva lag eng an sie geschmiegt und schlief noch immer tief und fest. Septima spürte Minervas Atem als einen warmen feuchten Hauch in ihrer Halsbeuge und lächelte. Leise hob sie den Kopf und sah zum Fenster.
Graue Wolken bedeckten den Himmel und wurden vom Wind vorwärtsgetrieben. Sie schnitt eine Grimasse und ließ den Kopf wieder in die Kissen sinken, begleitet von einem hauchzarten Seufzer.
Diese leise Bewegung, dieser zarte Laut genügten, um Minerva im Schlaf aufzustören, aber nicht aufzuwecken. Sie kuschelte sich enger an Septima, vergrub das Gesicht tiefer in deren Halsbeuge und ihre Hand legte sich leicht auf Septimas Brust.
Septima hielt unter dieser unerwarteten Berührung den Atem an, sie spürte, wie sich ihre Brustwarze unter dieser zarten Berührung aufrichtete und eine Welle der Erregung brandete durch ihren Körper. Plötzlich begehrte sie Minerva so sehr, dass es schmerzte. Halb wünschte sie sich, dass Minerva erwachte, halb fürchtete sie sich davor.
Leise wandte sie den Kopf und sah auf die schlafende Frau an ihrer Seite.
Minervas Gesicht war entspannt, ihre Augen geschlossen, ihre Mimikfalten weniger ausgeprägt, die schöne, alabasterfarbene Haut von tausend kleinen Fältchen durchzogen.
Ein Gefühl von Zärtlichkeit gesellte sich zu Septimas Begehren und sachte streichelte sie über Minervas Haar.
Diese zarte Berührung weckte Minerva nun doch auf. Sie wandte den Kopf und schenkte Septima ein verschlafenes Lächeln.
„Guten Morgen."
„Guten Morgen", lächelte Septima zurück.
Dann realisierte Minerva plötzlich, wo sich ihre linke Hand befand, zog sie so schnell zurück als hätte sie sich verbrannt und errötete bis in die Haarwurzeln.
„Oh, tut mir leid", murmelte sie so verlegen, dass Septima am liebsten laut gelacht hätte.
Entschieden griff sie nach Minervas Hand, entgegnete: „Nun, mir tut es nicht leid!" und legte Minervas Hand wieder auf ihre Brust zurück.
Minerva sah sie aus großen blauen Augen an, nur wenige Millimeter trennten ihre Gesichter voneinander.
„Du meinst…?", begann sie zögerlich.
Septima überwand die minimale Distanz zwischen ihren Gesichtern und küsste Minerva anstelle einer Antwort.
Sanft, liebevoll und weich legte sie ihre Lippen auf die Minervas, nur einen Moment lang, doch das genügte. Als ihre Lippen sich wieder voneinander lösten, sah Minerva Septima nachdenklich an.
„Du meinst", stellte sie trocken fest und lächelte dann zärtlich.
„Nun, war das etwa schon alles? Ich glaube nicht, dass du es bei einem zarten Küsschen belassen solltest."
„Das werde ich auch nicht, verlass dich drauf", erwiderte Septima forsch, nahm Minerva in die Arme und küsste sie erneut.
Sie lösten sich erst wieder voneinander, als ihnen die Luft knapp wurde.
Nach Atem ringend legte Septima eine Hand an Minervas Wange, streichelte sie sanft, zeichnete mit den Fingerspitzen die Konturen von Minervas Mund nach, glitt dann tiefer, den Hals hinab und verharrte dann am Halsausschnitt von Minervas Nachthemd.
„Ja", wisperte Minerva auffordernd und mit einem Lächeln löste Septima die Bänder am Halsausschnitt von Minervas Nachthemd. Mit ihrer Hand glitt sie unter den Stoff und umfasst eine der weichen warmen Brüste, ohne den Blick von Minervas Gesicht zu nehmen.
Minervas Körper drängte sich ihr entgegen, verlangte nach mehr Berührung, mehr Zärtlichkeit, mehr Leidenschaft.
Suchende Hände glitten über Körper, entfernten störende Kleidungsstücke, fühlten, streichelten, liebkosten, bekamen nicht genug davon, die Haut der anderen zu berühren, zu spüren, zu erkunden.
Septima richtete sich auf und ließ ihre Hände sanft über Minervas Körper wandern, bis hin zu der rosa vernarbten Stelle zwischen ihren Brüsten. Sie betrachtete das schmetterlingsförmige Mal, berührte es zart mit den Fingerspitzen und hauchte einen Kuss darauf, bevor sie den Blick wieder auf Minervas Gesicht richtete.
Minervas blaue Augen schimmerten verdächtig feucht und mit einem leisen Ausruf nahm Septima Minervas Gesicht zwischen ihre Hände. Sie sah sie ernsthaft an und küsste sie, viele Male, auf ihre Lippen, die Nasenspitze, die Wangen, die Stirn, arbeitete sich vor bis an ihr Ohr und knabberte zärtlich an ihrem Ohrläppchen, bevor sie Minerva zuflüsterte, wie schön sie war.
Minerva lächelte und schlang die Arme fest um Septima, als wolle sie sie nie wieder loslassen, suchte und fand Schutz und Geborgenheit in Septimas warmer Nacktheit.
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Erschöpft lagen sie miteinander im Bett, Gesicht an Gesicht geschmiegt, die Hände zärtlich ineinander gelegt, Minerva mit einem Bein über dem von Septima, glücklich, gelöst, ein wunderschönes altes frisch verliebtes Paar.
„Weißt du", sagte Minerva nachdenklich, „das hätten wir schon viel früher haben können. Wir haben viel zu viel Zeit versäumt."
„Wir werden die Zeit nutzen, die wir nun miteinander haben werden", antwortete Septima, hob eine Hand und zeichnete mit den Fingerspitzen ein spinnwebzartes Muster auf Minervas Brüste, was jene zum Lächeln brachte.
„So, wie es jetzt aussieht, willst du wirklich keine Sekunde vergeuden", spottete sie sanft und reckte sich Septimas Berührung entgegen.
„Warum sollte ich denn auch? Ich habe noch nie etwas so Schönes gesehen wie dich."
Minerva runzelte fragend die Stirn. Septima lächelte.
„Ich meine es ernst."
„Das freut mich jetzt zwar, aber ich weiß nicht so ganz, was du überhaupt meinst."
„Ich spreche von deinem Gesichtsausdruck. Ich habe deine Augen noch nie so leuchten gesehen. Und dein Lächeln vorhin, das war einfach unbeschreiblich."
„Vorhin?" Minerva runzelte erneut die Stirn, was Septima zum Anlass nahm, die Falten mit den Fingerspitzen wegzustreicheln.
„Vorhin, als du deinen Höhepunkt hattest", präzisierte Septima und fuhr damit fort, Minervas Gesicht zu streicheln.
„Septima Ilyena Vector, nimm mich nicht auf den Arm!", protestierte Minerva.
„Ich würde dich zwar lieber in statt auf den Arm nehmen, aber ich meine das vollkommen ernst. Dein Lächeln in diesem Moment war so weich, so verletzlich, so glücklich…. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, ich müsste völlig neue Worte dafür erfinden. Aber ich kann dir sagen, dass ich diesen speziellen Ausdruck an dir sehr liebe und dass ich ihn noch öfter an dir sehen möchte."
Minerva fühlte, wie sich ein dicker Kloß in ihrer Kehle bildete. Sie griff nach Septimas Hand, die noch immer Minervas Stirn streichelte, zog sie zu ihrem Mund und küsste die Handinnenfläche.
Als sie ihrer Stimme wieder traute, wisperte sie:
„Das ist Liebe, Septima."
„Das ist wunderschön. So habe ich das noch nie erlebt."
Nun liefen Minerva doch Tränen über die Wangen.
„Ich auch nicht", sagte sie leise und schmiegte sich enger an Septima.
Septima hob die Hand und wischte mit einer zärtlichen Bewegung Minervas Tränen ab, bevor sie sie fest in die Arme nahm und sie einfach nur hielt.
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Am späten Nachmittag zerriss die dunkle Wolkendecke und Sonnenschein ergoss sich wie flüssiger Honig über die nassen Hügel.
Septima trat hinter Minerva, die im Sessel am Kamin saß und las, und zupfte sie liebevoll an einer Haarsträhne. Minerva sah auf, drehte den Kopf und lächelte Septima liebevoll an.
„Was gibt es?"
„Die Sonne scheint, Liebes. Lust auf einen Spaziergang?"
„Das ist eine gute Idee", antwortete Minerva und legte ihr Buch beiseite. Dann machte sie Anstalten, ihr Haar zu ihrem üblichen strengen Knoten zusammenzufassen.
„Ach nein, Minerva, bitte lass es so!", bat Septima.
Minerva sah verwundert zu Septima auf, ließ die Hände aber wieder sinken.
„Es reicht doch, wenn du in der Schule eine so strenge Frisur trägst", fuhr Septima fort und ließ ihre Finger liebkosend durch Minervas Haar gleiten, „dann kannst du doch hier mal darauf verzichten."
„Na schön, wenn dir soviel daran liegt", erwiderte Minerva achselzuckend und erhob sich. Sie verließ das Wohnzimmer, Septima im Schlepptau.
Im Flur schlüpften die beiden Frauen in ihre Schuhe und traten aus dem Haus. Sie durchquerten den Garten, der aussah wie mit tausenden glitzernden Diamanten bestreut und ließen das Grundstück hinter sich. Septima griff nach Minervas Hand und sie verschränkten ihre Finger miteinander.
In einträchtigem, zufriedenem Schweigen wanderten sie Hand in Hand nebeneinander her durch den Heather.
Weit hinten erhob sich der Ben Nevis blaugrün und geheimnisvoll über dem dunkleren Grün der sanften Hügel. Der Himmel war nun beinahe wolkenlos und hatte einen harten Glanz wie blaues Email. Eine einsame Baumgruppe, die aus irgendeinem Grund der Rodung entgangen war, wirkte im Sonnenlicht wie aus Bronze gegossen.
Minerva sah sich mit freudigen Augen um und genoss die stille und gelegentlich recht schroffe Schönheit ihrer Heimat. Sie streifte Septima mit einem raschen Seitenblick und erkannte in ihrem Gesicht, dass auch sie diese schlichte Schönheit zu würdigen wusste.
Ein weiterer, wesentlich längerer Blick heftete sich auf das Gesicht der Freundin und Geliebten und erneut war Minerva von Septimas Schönheit angerührt. Eine Schönheit, die die Jahre nur noch sanfter und milder gemacht hatte und die über Zeit und Kümmernisse gesiegt hatte, so still war sie, so in sich ruhend, so vollkommen. Und dann Septimas tiefe Augen, grau wie der Rauch eines wärmenden Feuers in einer kalten Nacht oder blau wie ferne Berge, abhängig davon, wie das Licht in ihnen schimmerte. Und jener abwesende Blick, der das Nahe nicht mehr wahrzunehmen schien, ließ Minerva unwillkürlich erschauern und sie griff fester nach Septimas Hand. Eine Welle von Gefühl stieg in ihr auf, Gefühle, die sich nicht zergliedern mochte, aber sie starrte Septima an, wie ein durstiger Wanderer in der Wüste die Fata Morgana anstarrt, die ihm Wasser vorgaukelt.
Septima bemerkte diesen intensiven Blick und wandte den Kopf, um Minerva anzusehen. In der Andeutung einer Frage hob sie die Augenbrauen, doch Minerva schüttelte nur den Kopf und lächelte, bevor sie das Gesicht der anderen mit beiden Händen umfasste und sie liebevoll und zärtlich auf den Mund küsste. Septima verstand sie auch ohne Worte.
Untergehakt gingen sie weiter, dann fragte Minerva - etwas zögerlicher, als es normalerweise ihre Art war:
„Du hast mir auch noch nicht viel von dir erzählt und ich weiß so wenig über dich. Würdest du dem abhelfen?"
„Sicher. Was willst du wissen?"
Minerva druckste herum.
„Ah", meinte Septima und lächelte, „du willst wissen, ob ich vor dir schon mit einer anderen Frau zusammen war."
Minerva fühlte sich durchschaut und nickte. Sie fühlte sich ein wenig töricht, dass ihr das so wichtig war.
„Das muss dir nicht peinlich sein, Liebes. Ich finde es in Ordnung, dass du fragst. Warum auch nicht?"
„Weil es belanglos sein sollte", platzte Minerva heraus, „weil es mich nichts angeht und es zwischen uns beiden nichts ändert."
Sie warf Vector einen raschen Blick zu.
„Aber aus irgendeinem Grund muss ich es trotzdem wissen und ich finde es albern und dumm und ich schäme mich dafür."
Septima zog Minerva enger an sich.
„Du brauchst dich dafür nicht zu schämen", versicherte sie und küsste Minerva sanft auf die Wange. „Ich will dir gerne alles erzählen, soviel, wie du wissen willst und musst."
Sie sah sich suchend um und zog Minerva zu der kleinen Baumgruppe, die ihr vorhin aufgefallen war. Mit einem kurzen Schlenker des Zauberstabes trocknete sie den Boden unter den Bäumen und ließ sich nieder, den Rücken gegen die raue Borke eines Stammes gelehnt.
„Komm, setz dich zu mir, dann erzähle ich dir alles."
Minerva nahm gehorsam neben ihr Platz. Septima ergriff ihre Hand und hielt sie, während sie erzählte:
„Es gab da schon einmal eine Frau. Ich war zweiundzwanzig, sie war fünfzehn Jahre älter als ich. Athene war eine bemerkenswerte Frau, unabhängig, klug und humorvoll. Sie kam aus einer der alten reinblütigen Zaubererfamilien, aber sie hat sich nie auch nur einen Deut darum gekümmert, was ihre Leute von ihr dachten. Sie machte, was ihr gerade in den Sinn kam und wovon sie überzeugt war. Ihre Familie war von dieser Verbindung nicht gerade begeistert, wie du dir vorstellen kannst. Sie sollte einen Spross aus einer der anderen reinblütigen Familien heiraten und die Linie weiterführen, aber sie hat ihren Eltern etwas gehustet. Und dass sie nun mit einer Frau zusammen war, dazu noch mit einem Schlammblut, das in deren Augen nicht einmal würdig war, zu existieren, hat dem Fass den Boden ausgeschlagen…"
„Wie habt ihr euch kennen gelernt?"
„Du wirst lachen, im Kino. Ich hatte schon als kleines Kind ein Faible fürs Kino und daran hat sich auch nichts geändert, als ich älter wurde und erfuhr, dass ich eine Hexe bin. Athene hat im Ministerium gearbeitet, in der Abteilung gegen den Missbrauch von Muggelartefakten. Auf diese Weise ist sie viel mit der Welt der Muggel in Berührung gekommen und sie fand das ziemlich faszinierend. Irgendwann entdeckte sie auch das Kino und beschloss, dass ihr das Spaß machen könnte. Nun ja, und bei einer Vorstellung sind wir uns über den Weg gelaufen. Ich habe sofort erkannt, dass sie eine Hexe war und habe sie angesprochen. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch und haben uns wieder getroffen. Eins kam zum anderen, du kennst das ja. Es hat sowieso nicht lange gedauert."
„Was ist passiert?"
„Ich habe damals noch Zuhause gewohnt und sie hat mich natürlich auch dort besucht. Meine Mutter löcherte mich mit Fragen, wer sie sei, was sie sei, woher ich sie kennen würde, das Übliche halt. Ich muss dir nicht sagen, dass die Menschen in den fünfziger Jahren in dieser Beziehung noch nicht sonderlich aufgeklärt waren. Meine Mutter fand heraus, dass Athene und ich ein Paar waren und sie regte sich furchtbar darüber auf. Mutter hat ihr das Haus verboten. Und mit mir ging sie dann später ins Gericht. Es war nicht sonderlich schön."
Minerva drückte mitfühlend Septimas Hand.
„Ich weiß noch Wort für Wort, was sie mir gesagt hat. Oh, meine Mutter hat nicht geschrieen, sie benutzte eine langsame und kalte Stimme, die war viel schlimmer als offener Zorn. Damit hätte ich leben können, aber mit der Verachtung, die sie an den Tag legte, hat sie mich mehr verletzt – und sie wusste es. Sie sagte: ‚Du bist unnatürlich. Was du bist, ist eine Sünde gegen die Schöpfung. Ich möchte dich lieber tot zu meinen Füßen sehen als behaftet mit diesem Makel, tief in Schimpf und Schande, schmutzig von diesem Exzess, den du Liebe zu nennen wagst. Du hast es gewagt, das Wort Liebe zu gebrauchen im Zusammenhang mit den schmutzigen Lüsten deines Leibes, mit diesen widernatürlichen Begierden deines kranken Verstandes. Ich frage mich, was ich verbrochen habe, dass ich von meiner Tochter so tief in den Schmutz gezogen werde. Geh mir aus den Augen, ich mag dich nie wieder ansehen.' Und ich bin gegangen, und nie wieder nach Hause zurückgekehrt."
„Wohin bist du gegangen?"
„Zu Athene. Sie war allerdings nicht sonderlich erfreut, als ich bei ihr auftauchte. Es stellte sich heraus, dass sie unsere Beziehung längst nicht so ernst nahm wie ich es tat. Ich bin nach der ersten Nacht wieder ausgezogen und habe mir ein Zimmer im ‚Tropfenden Kessel' genommen, bis ich eine eigene Bleibe hatte. Na ja, Bleibe… Eigentlich eher ein ziemlich mieses Loch von einem Zimmer in einem Hinterhaus der Winkelgasse. Aber immerhin war es billig, man durfte sich nur nicht daran stören, dass die Fenster undicht waren und sich allerhand merkwürdige Gestalten im Haus herumtrieben."
„Haben deine Eltern dich denn nicht zurückholen wollen?", fragte Minerva und runzelte die Stirn.
„Mein Vater ist im zweiten Weltkrieg gefallen und ich glaube, meine Mutter war froh, dass sie mich los war. Sie wollte mich damals auch daran hindern, nach Hogwarts zu gehen, Magie ist eben auch etwas, ‚was man nicht tut'." Septima gab ein undamenhaftes Schnauben der Entrüstung von sich.
„Sie hatte aber auch ein Pech mit ihrer Tochter", fuhr Septima zynisch fort, „zuerst entpuppt sie sich als eine waschechte Hexe und dann stellt sich auch noch heraus, dass …"
„… dass sie eine Invertierte ist", beendete Minerva den Satz.
Septima musste unwillkürlich lächeln.
„Ich glaube, außer dir benutzt heute kaum noch jemand diesen Ausdruck."
„Nicht?" Minerva zuckte die Achseln. „Zu meiner Zeit nannte man das noch so." Sie sah Septima an. „Wie ging es weiter? Hast du dich irgendwann mit deiner Mutter ausgesöhnt?"
„Das glaubst du doch wohl selber nicht. Nachdem ein wenig Gras über die Sache gewachsen war, gab es irgendwann eine vorsichtige Annäherung, aber wirklich frei und ungezwungen sind wir nicht miteinander umgegangen. Das Thema kam nie mehr zur Sprache, aber es stand wie ein Schatten immer zwischen uns. Ich war mir immer bewusst, dass meine Mutter für all das, was mir wichtig war, was mich ausgemacht hat, nur Verachtung übrig hatte und dass sie sich geschämt hat, eine Tochter wie mich zu haben." Septima schwieg einen Augenblick, bevor sie weiter sprach:
„Als ich dann anfing, mich mit Männern zu treffen, war sie geradezu widerlich erleichtert, aber dennoch hat sie mir immer ein wenig misstraut, was das anging. Meine Mutter ist vor ein paar Jahren gestorben, in einem Muggelkrankenhaus. Ich habe sie besucht, aber sie hatte immer furchtbare Angst, dass jemand herausfinden könnte, dass ich eine Hexe bin. Und wenn ich mit ihr über den Flur gegangen bin, hat sie bei jeder Frau, an der wir vorüber kamen, aufgepasst, ob ich ihr nicht nachsehe."
„Und hast du einer nachgeschaut?", wollte Minerva wissen.
„Nein, habe ich nicht. Und kurz bevor sie starb, sagte sie zutiefst zufrieden, dass sie froh sei, dass sie mir diesen Unsinn mit den Frauen ausgetrieben hätte. Ich habe gar nichts dazu gesagt. Das war vermutlich auch besser so."
Minerva drückte schweigend Septimas Hand. Septima lächelte schief.
„Als sie dann tot war, war ich auf eine merkwürdige Weise sogar froh darüber", sagte sie leise. „Das hört sich schrecklich an und ich habe mich dafür geschämt, aber ich war froh, dass meine Mutter tot war und mich und meine Lebensweise nicht mehr in Frage stellen konnte. Das habe ich noch niemals jemandem gegenüber zugegeben. Aber wenn ich schon meine Lebensbeichte ablege, dann kann ich mir auch den Luxus erlauben und vollkommen ehrlich sein."
„Ich glaube, ich kann das sogar verstehen", sagte Minerva langsam.
„Das kannst du?", fragte Septima ungläubig.
„Ja, ich denke schon. Sie hat dich tiefer verletzt als jeder andere Mensch es je gekonnt hätte. Ausgerechnet die Frau, die dich zur Welt gebracht und aufgezogen hat, lehnt alles ab, was du bist, verachtet dich dafür, wirft dich aus dem Haus und macht dir obendrein ein permanent schlechtes Gewissen. Sie hat dir nie die Chance gegeben, ihr zu erklären, was in dir vorgeht und nie versucht, Verständnis dafür aufzubringen. Für mich klingt das so, als hätte für sie nur gezählt, was die Leute denken könnten und nicht, dass es ihrer Tochter gut geht."
Septima nickte bestätigend.
„Und als sie tot war, da warst du plötzlich frei von ihren Vorschriften, ihren Erwartungen und ihren Wünschen, die du ihr niemals hättest erfüllen können. Du warst frei, dein Leben endlich so zu leben wie du es wolltest, ohne dich rechtfertigen zu müssen oder Vorwürfe anzuhören. Auch, wenn man schon längst erwachsen ist und sich einredet, eigenständig und unabhängig zu leben, hat die Meinung der Eltern doch immer noch ein großes Gewicht, in guter wie in schlechter Hinsicht. Ja, ich glaube, ich kann dich verstehen. Und ganz sicher verurteile ich dich nicht dafür."
„Danke dir. Ja, man ist doch irgendwie immer… Ich weiß nicht - dumm genug? – um auf die Eltern Rücksicht zu nehmen, einerlei, was man sich selbst damit antut. Man versucht, den endgültigen Bruch zu vermeiden, schluckt eine Menge Dinge herunter, die man am liebsten sagen würde, von denen man aber genau weiß, dass es nur Ärger und Unfrieden bringt, es auszusprechen. Man nimmt auf alles Rücksicht, nur nicht auf die eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Zumindest war das bei mir so. Einerlei, wie taff und selbstbewusst ich nach außen hin aufgetreten bin, ich hatte nie den Mut oder", Septima lachte auf, „den nötigen Egoismus, um meiner Mutter zu widersprechen und sie dazu zu zwingen, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen."
„Wie lange ist deine Mutter nun schon tot?"
„Seit beinahe einem Jahr."
Minerva nickte nachdenklich.
„Das passt", murmelte sie.
„Was passt?"
„Das war ungefähr der Zeitpunkt, an dem du angefangen hast, mir gegenüber mehr als nur einen höflichen Gruß zu äußern. Zumindest etwas Smalltalk haben wir betrieben, wenn wir uns begegnet sind."
Septima nickte wieder.
„Ich wollte dich schon sehr lange besser kennenlernen und ich habe mir schon lange deine Freundschaft gewünscht."
„Nur meine Freundschaft?", neckte Minerva.
„Zuerst schon, aber dann…. Du hast mich beeindruckt, immer ein wenig mehr und irgendwann stellte ich fest, dass ich mich in dich verliebt hatte. Mein Gott! Ich kam mir vor wie ein liebeskranker Teenager und bin dir tunlichst aus dem Weg gegangen. Ich habe mir immer nur vorgestellt, ich müsste dich vor meiner Mutter verleugnen und ich mochte dann gar nicht mehr darüber nachdenken, ob du überhaupt interessiert warst. Eine Frau wie dich kann man nicht verstecken und verleugnen, ich glaube auch nicht, dass du das so ohne weiteres mitgemacht hättest. Deshalb habe ich dich immer nur kurz gegrüßt, deshalb bin ich dir aus dem Weg gegangen. Bis Mutter starb. Ab ungefähr diesem Zeitpunkt konnte ich frei für mich darüber nachdenken, ob ich überhaupt eine Chance bei dir hatte."
„Die Smalltalks", kommentierte Minerva trocken.
„Genau die", bestätigte Septima. „Was meinst du eigentlich, warum ich dich gefragt habe, was zwischen dir und Albus sei? Ich war nicht nur neugierig auf den Schulklatsch, ich wollte auch ein wenig meine Chancen ausloten."
„Hätte ich dir gesagt, dass Albus und ich liiert seien, dann…"
„… dann hätte ich nicht weiter deine Gesellschaft gesucht. Auch, wenn es mir schwer gefallen wäre."
„Dann habe ich dir glücklicherweise die richtige Antwort gegeben. Und du warst im richtigen Moment am richtigen Platz und hast das Richtige getan."
Minerva legte Septima den Arm um die Taille und sah sie liebevoll an.
„Nun ja, besser spät als nie, oder?"
Septima nickte lächelnd. Ihr Blick verweilte für einen Moment auf Minervas Gesicht, dann schweifte er weiter und über die sie umgebende Szenerie.
Die Dämmerung lag purpurn über den Hügeln und die ersten Sterne stiegen im Osten über dem Horizont hinauf, während der Sonnenuntergang im Westen das Land in rotem Feuer verbrannte.
„Es ist spät geworden. Vielleicht sollten wir besser heimgehen?", schlug Septima dann vor. Minerva nickte und die beiden Frauen erhoben sich, um sich auf den Heimweg zu machen.
Wieder im Garten angekommen, verharrte Septima plötzlich, hielt Minerva fest und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Minerva grinste.
„Hier draußen?"
„Warum nicht?"
„Ich weiß nicht. Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Sind wir nicht ein wenig zu alt für solche Kindereien?"
„Ich glaube nicht", erwiderte Septima übermütig und küsste Minerva.
„Ach bitte, Minerva."
„Na schön", lenkte Minerva seufzend ein. „Aber ich bestehe auf einer warmen Wolldecke, hier kann es abends nämlich recht kühl werden."
Septima lächelte und ließ sich auf der Gartenbank nieder. Minerva setzte sich neben sie und mit einem Zauber beschwor sie ein warmes schweres Plaid herauf, in das sie Septima und sich einhüllte.
„Das dürfte wohl warm genug sein, denke ich."
„Das glaube ich auch", stimmte Septima zu und kuschelte sich enger an Minerva. Dann wandte sie den Blick nach oben.
„Ich wollte schon lange mal wieder eine Nacht unter freiem Himmel verbringen und Sterne zählen. Schau doch mal, wie klar der Himmel ist und wie nahe die Sterne aussehen!"
Die Milchstraße über ihnen war ein weicher Strom aus Licht, der Pegasus strahlte mit der gebührenden Leuchtkraft am Himmel und der Mond war seiner Gemeinde treu geblieben. Spontan hob Septima den Arm und winkte Hercules zu, dem mächtigen Krieger im Schlachtgewand, für immer an den Himmel verbannt, der dort oben gemessenen Schrittes seinen Weg ging.
Minerva lächelte angesichts Septimas Spontaneität und zog sie enger in ihre Umarmung.
„Du hast recht, das macht tatsächlich Spaß", bemerkte sie und fühlte sich versucht, dem ewigen Krieger am Himmel ebenfalls zuzuwinken. Dazu hätte sie aber Septima loslassen müssen, die sich gerade so gemütlich an sie gelehnt hatte, dass Minerva dann doch davon absah.
„Sicher macht das Spaß", erwiderte Septima, „auch wenn es beinahe so romantisch ist, dass es an Kitsch grenzt."
„Wenn das so ist, dann gefällt mir Kitsch", stellte Minerva fest und küsste Septima auf die Nasenspitze, bevor sie weiter zusammen die Sterne betrachteten.
