Kapitel 16

Wochendpläne

„Die alte Tretmühle hat uns wieder", stöhnte Septima und kletterte aus dem Kamin in Minervas Arbeitszimmer.

„Ich dachte, du bist gerne in Hogwarts?"

„Ja, sicher. Aber es ist definitiv auch mal schön, von allem nichts zu hören und zu sehen. Zumal ich mich immer freue, wenn ich dich nicht mit hunderten Schülern, zig Kollegen und deiner Arbeit teilen muss."

„Du weißt doch genau, warum wir wieder zurück mussten."

„Natürlich, ich mache dir ja auch gar keinen Vorwurf. Das war einfach nur eine simple Feststellung, dass ich dich gerne mal ganz für mich alleine habe. Ein schlechtes Gewissen wollte ich dir ganz sicher nicht einreden. Ich weiß, dass du gebraucht wirst und ich weiß auch, dass ab morgen die Rückreisewelle einsetzt und deine Gryffindors deinen Kamin stürmen werden." Septima lächelte Minerva versöhnlich an und legte den Arm um sie. „Wie kannst du nur denken, dass ich deine Motive missverstehen würde?"

„Für einen Moment klang es vorwurfsvoll", erwiderte Minerva und ließ es zu, dass Septima sie fester an sich zog.

„Wenn ich dir einen Vorwurf mache – wenn, dann wirst du es zweifelsfrei bemerken. Dann werde ich ein Fähnchen schwenken, auf dem Vorwurf steht", erklärte Septima gelassen und küsste Minerva auf die Schläfe. „Und jetzt sei nicht böse mit mir, ja?"

„Bin ich nicht", sagte Minerva und drückte Septima kurz an sich. „Aber jetzt würde ich gerne meine Tasche auspacken, morgen traue ich mich nicht vom Kamin weg, bis alle meine Schäfchen sicher hier eingetrudelt sind."

„Hoffentlich wirst du nicht den ganzen Abend dazu brauchen, deine Sachen zu verstauen. Ich hatte nämlich gehofft, ich könnte dich so quasi als Abschluss unserer Ferien zu einem romantischen Candlelight-Dinner in meinen Räumen überreden."

„Das hört sich gut an, da komme ich doch gerne. Wann wäre es dir recht?"

„Je eher desto lieber", erwiderte Septima gut gelaunt. „Ich hatte die Hauselfen schon vor unserer Abreise entsprechend vorgewarnt", fügte sie hinzu, „und meine Räume schon entsprechend hergerichtet, damit alles ganz schnell geht."

„Würde dir in einer Stunde passen? Das lässt mir Zeit zum Auspacken und ich habe die Möglichkeit, mir vorher die Asche abzuspülen und mich umzuziehen."

„Dann erwarte ich dich in einer Stunde. Ich gehe dann schon mal, die Kerzen anzünden."

* * *

Am nächsten Morgen saß Minerva schon recht zeitig in ihrem Arbeitszimmer und beschäftigte sich mit ihrem liegen gebliebenen Papierkram. In Abständen von wenigen Minuten färbte sich das Feuer in ihrem Kamin grün und jedes Mal entstieg ihm eine mehr oder weniger verrußte Gestalt, grüßte und verschwand.

Minerva grüßte ihre Schüler, ohne groß von ihrer Arbeit aufzusehen, einer nach dem anderen.

„Guten Tag, Miss Granger. Streuen Sie nicht so viel Asche auf den Teppich."

„Guten Tag, Professor McGonagall. Nein, natürlich nicht. Auf Wiedersehen, Professor." Hermine eilte aus dem Raum.

„Miss Brown."

„Guten Tag, Professor. Auf Wiedersehen." Lavender huschte zur Tür hinaus.

„Hallo Miss Patil. Streuen Sie nicht so viel Asche auf den Teppich."

„Nein, Professor." Parvati trat zur Seite und wartete auf Padma. Zusammen verließen die Schwestern McGonagalls Arbeitszimmer.

"Guten Tag, Mr. Longbottom. Lassen Sie die Asche bitte im Kamin. - Haben Sie sich verletzt? Nein? Gut."

„Auf W-w-wiedersehen, P-professor." Neville hinkte schleunigst und mit rotem Kopf aus dem Zimmer.

„N' Abend, Potter. Versuchen Sie, nicht so viel Asche auf dem Teppich zu verteilen."

„Nein, Professor."

Harry trat beiseite und wartete, bis Ron und Ginny ebenfalls aus dem Kamin geklettert kamen, dann verließen sie McGonagalls Arbeitszimmer.

Nachdem endlich der letzte Schüler die Schule erreicht und ihr Büro verlassen hatte, klopfte es an der Tür und Septima steckte den Kopf ins Zimmer.

„Na, deine Bande vollzählig eingetrudelt?"

„Ja, sind alle wieder da. Sei froh, dass du kein Hauslehrer bist", seufzte Minerva und benutzte zum wiederholten Male den Tergeo-Zauber, um ihren Teppich von Ascheflocken zu reinigen. „Ich kam mir heute vor wie in der Eulerei."

„Hast du den Kids denn nicht gesagt, sie möchten die Asche nicht auf den Teppich streuen?", fragte Septima irritiert und deutete auf ein paar Ascheflocken, die Minerva übersehen hatte.

„Doch natürlich. Ich kam mir schon vor wie ein Papagei, ehrlich gesagt, aber genutzt hat es nicht viel. Longbottom ist im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Kamin gestolpert, der Junge hat wirklich zwei linke Füße."

„Du schüchterst ihn ein, Minerva. Er war vermutlich nervös, dass er ausgerechnet in deinem Arbeitszimmer ankommen musste und ist deshalb gestolpert."

„Vermutlich", seufzte Minerva. „ich weiß wirklich nicht, was ich mit dem Jungen noch machen soll. Er ist kein schlechter Zauberer, er traut sich nur nicht genügend zu. Ich hatte gehofft, sein Erlebnis im Ministerium vergangenen Sommer hätte ihn etwas selbstbewusster werden lassen, aber anscheinend habe ich mich da getäuscht."

„Vielleicht kommt das noch", meinte Septima und hockte sich auf Minervas Schreibtischkante. „Vielleicht braucht er einfach nur die passende Gelegenheit, um sich hier in der Schule auch zu beweisen."

„Möglicherweise", gab Minerva zu. „Und dass seine Großmutter ihn immer unter Druck setzt wird da vermutlich auch nicht gerade eine große Hilfe sein. Augusta vergleicht Neville immer mit Harry – da würde jeder andere schlecht abschneiden – und das ist Nevilles Selbstbewusstsein nicht gerade zuträglich. Ich möchte gerne wissen, womit sie ihn in diesen Ferien demoralisiert hat."

„Du wirst es vermutlich nie erfahren, Minerva", bemerkte Septima abschließend und stand auf. „Kommst du mit zum Abendessen?"

„Ja, nur einen Moment noch." Minerva beendete ihre Arbeit energisch, rollte ihr Pergament zusammen und legte es in ihren Schreibtisch.

„So, fertig, wir können gehen."

„Zum Glück, ich bin dem Hungertod nahe."

„Wann wärst du das mal nicht?", gluckste Minerva erheitert und schob ihre Freundin vor sich her aus dem Büro.

„Was hast du da eben noch geschrieben?"

„Es ist wieder mal soweit, es gibt wieder Apparier-Stunden als zwölfwöchigen Kurs. Den Aushang muss ich nachher noch in den Gemeinschaftsräumen erscheinen lassen. Aber das reicht auch noch nach dem Essen."

„Das heißt, dass du in dieser Zeit noch etwas weniger Freizeit hast, nicht?"

„Genau das heißt es", bestätigte Minerva achselzuckend und machte damit deutlich, dass an dieser Sache nichts zu ändern war.

* * *

„Und? Wie haben die Kinder sich angestellt?", erkundigte Septima sich nach der ersten Apparier-Stunde, die in der Großen Halle stattgefunden hatte.

Minerva zuckte die Achseln. „So wie immer. Die einen benehmen sich grundsätzlich daneben, andere nutzen die Unruhe aus, um sich noch mehr daneben benehmen und appariert ist natürlich noch keiner. Zum Glück hatten wir nur einen Unfall, Miss Bones hat es geschafft, sich zu zersplintern, aber wir haben sie umgehend wieder hinbekommen. Dann hatte ich das Vergnügen, Twycross aus dem Schloss zu eskortieren, das hat mich eine weitere halbe Stunde gekostet, bis ich ihn endlich losgeworden bin. Und jetzt habe ich so ziemlich die Nase voll, ehrlich gesagt, muss aber trotzdem noch einen Stapel Aufsätze durchsehen."

Minerva ließ sich in ihren Sessel sinken und streckte die Beine von sich.

„Vielleicht möchtest du vorher Teepause machen?", schlug Septima vor. „Ein paar Minuten werden dich schon nicht umbringen und ich denke, du hast eine Pause bitter nötig."

„Du hast recht", stimmte Minerva zu. „Wenn du so lieb wärst?"

„Natürlich."

Binnen Sekunden hatte Septima ein fertiges Teetablett auf dem Tisch stehen und reichte Minerva eine dampfende Tasse, die sie dankbar in Empfang nahm.

„Danke dir."

Schweigend tranken sie ihren Tee, dann erhob sich Minerva und ging in ihr Arbeitszimmer, während Septima das benutzte Geschirr verschwinden ließ.

„Ich mache mich jetzt auch davon, ich habe auch noch ein paar Sachen zu korrigieren. Außerdem möchte ich dich nicht stören." Sie küsste Minerva auf den Nacken und verließ sie, um sich um ihre eigene Arbeit zu kümmern.

Minerva sah ihr nach und lächelte, bevor sie sich stirnrunzelnd an ihre Arbeit machte.

* * *

Die weiteren Apparier-Stunden erwiesen sich für Minerva als ebenso zeitfressend und nervtötend wie die erste und manchmal verfluchte sie heimlich den Umstand, dass sie als Hauslehrerin diese zusätzliche Pflicht hatte.

„Manchmal wünschte ich mir, dass ich diese spezielle Verpflichtung delegieren könnte", beklagte sie sich nach der vierten Stunde bei Septima. „Es ist ja nicht so, dass ich nicht noch etwas anderes zu tun hätte und meine Anwesenheit wird die Kinder auch nicht dazu bringen, schneller zu apparieren oder sich besser aufzuführen."

„Dazu dürfte schon Severus Anwesenheit ausreichen", bemerkte Septima und sah über den Rand ihrer Lesebrille hinweg. „Es wundert mich immer wieder, wie schnell er seine Klassen zur Räson bringt. Nun, ehrlich gesagt, wundert es mich dann doch nicht, denn wenn Blicke töten könnten, wäre unsere Schülerzahl vermutlich inzwischen um mehr als die Hälfte dezimiert und Hogwarts würde beinahe ausschließlich aus Slytherinschülern bestehen. Ich möchte nicht von Severus unterrichtet werden. Er mag zwar ein Genie in seinem Fach sein, aber ich finde, ein Lehrer sollte noch ein paar andere Qualitäten aufweisen. Ein entsprechendes Sozialverhalten beispielsweise." Sie hob die Hand, als Minerva widersprechen wollte. „Ich weiß, dass du viel von Severus hältst, aber mal im Ernst: Er kann nicht alle Leute behandeln, als ob sie an seiner persönlichen Misere und seinem eingeschlagenen Lebensweg schuld wären. Dein Leben war auch kein Zuckerlecken und du konntest selbst am allerwenigsten etwas dafür, aber trotzdem behandelst du die Menschen um dich herum fair und mit Respekt. Apropos Menschen um uns herum: Wie geht es eigentlich Katie Bell? Hast du etwas von ihr gehört?"

Minerva schüttelte den Kopf. „Ihr Zustand ist unverändert, sie ist noch immer im St. Mungo und keiner weiß so recht, wann wieder mit ihr zu rechnen ist. Wobei mir einfällt, dass Dumbledore davon gesprochen hat, das nächste Hogsmeade-Wochenende zu streichen, als eine Vorsichtsmaßnahme. Hier in der Schule können wir die Kinder zwar auch nicht alle immer im Auge behalten, aber sie sind hier sicherer als draußen, wo sich wer weiß wer herumtreiben und an sie heranmachen kann."

„Das wird ihnen gar nicht schmecken", meinte Septima, „und ich kann es verstehen. So gerne, wie ich selber auch hier bin, so genieße ich es doch, wenn ich die Schule ab und an mal hinter mir lassen kann. Und als Lehrkraft habe ich immerhin die Freiheit, auch an normalen Wochenenden oder abends die Schule zu verlassen. Außerdem hätte ich gehofft, dass du am Hogsmeade-Wochenende vielleicht eine Kleinigkeit mehr Freizeit hättest, wenn ein Großteil dieser unruhigen Bande außer Haus ist. Alles egoistische Gründe, ich weiß und davon abgesehen haben Dumbledore und du mit diesem Beschluss absolut recht. Hier im Schloss sind die Kinder weniger Gefahren ausgesetzt als irgendwo draußen. Zumal immer mehr Menschen verschwinden, auch Angehörige unserer Schüler."

„Trotzdem wird das Gemecker groß sein", erwiderte Minerva und lächelte zynisch. „Mögen sie unsere Absicht auch klar erkennen – zumindest einige werden so klug sein – so sind sie doch stets der Ansicht, dass man nicht auf sie aufpassen muss und dass sie mit Schwierigkeiten alleine fertig werden."

„Waren wir denn anders, Minerva?"

„Nein, sicher nicht", gab McGonagall zu und grinste. „Ich war damals auch davon überzeugt, erwachsen und klug genug zu sein, um allein mit allem fertig zu werden, was das Leben mir zugedacht hatte. Aber Pustekuchen, ich habe dann sehr schnell einsehen müssen, dass es mitunter einfach nicht ohne Hilfe geht, vor allem nicht ohne Hilfe von älteren und erfahreneren Menschen." Sie lächelte, schrieb ihren Aushang, belegte ihn mit einem Spruch, der sicherstellte, dass der Aushang in allen vier Häusern am schwarzen Brett erschien.

„Allerdings sind die Zeiten heute anders als zu meiner Schulzeit, viel dunkler und gefährlicher. Zu meiner Zeit schlichen keine Todesser herum und ließen Leute verschwinden."

"Nein, zu meiner Zeit war das auch nicht der Fall", bestätigte Septima und seufzte. „Wir wussten gar nicht, wie gut wir es hatten", schloss sie dann und sah Minerva an.

„Nein, das wussten wir nicht. Im Vergleich mit Du-weißt-schon-wem war Gellert Grindelwald der reinste Sonnenschein", bestätigte Minerva mit schiefem Lächeln. Sie nahm die Brille ab und massierte sich die Stirn.

„Kopfschmerzen?", fragte Septima besorgt.

„Ein wenig", gab Minerva zu und zwang ein Lächeln auf ihr Gesicht. „Ist aber nicht so schlimm", log sie.

„Minerva McGonagall, du bist eine lausige Lügnerin", erwiderte Septima und trat hinter Minerva, um ihre verspannte Nackenmuskulatur mit einer Massage aufzulockern. „Was hältst du davon, wenn du deine Arbeit für heute Abend einfach mal liegenlässt und Feierabend machst? Ich bin sicher, dass deine Aufgaben bis morgen keine Beine bekommen werden."

„Du hast ja Recht", seufzte Minerva, rollte ihre Pergamente zusammen und verstaute sie im Schreibtisch, bevor sie sich erhob. Gemeinsam begaben sie sich in Minervas Wohnzimmer, wo Minerva sich mit einem leisen Seufzer auf das Sofa sinken ließ.

„Ich bin nur froh, dass mir Twycross morgen mal nicht auf den Wecker fallen wird", gab sie zu, lehnte den Kopf an die Lehne und schloss die Augen.

„Kein Apparierkurs morgen?"

"Wieso habe ich den Eindruck, dass du jetzt enttäuscht klingst?", brummte Minerva.

„Nun ja, ich hatte gedacht, du wärst morgen beschäftigt und mich deshalb mit Charity verabredet. Wir hatten vor, zusammen ins Kino zu gehen", gab Septima zu. „Anscheinend mag sie auch gerne Filme und da ich weiß, dass dich das nicht so brennend interessiert, ´hatte ich sie gefragt, ob sie mich begleiten will."

"Dann geh ruhig, ich komme hier schon klar", versicherte Minerva und tastete nach Septimas Hand. „Twycross meinte, er käme auch ohne uns Lehrer zurecht. Vielleicht werde ich Severus dann dazu überreden können, mit mir eine Partie Schach zu spielen", meinte sie. „Mich interessiert nämlich doch, was er von seinem Weihnachtsgeschenk gehalten hat."

"Er hat sich noch nicht dazu geäußert?", wunderte sich Septima. „Hat er sich denn zumindest bedankt?"

„So quasi", murmelte Minerva, „du kennst ihn ja. Er würde zum Verrecken nicht zugeben, dass er sich gefreut hat, aber seine Miene hellte sich unmerklich auf, als er mir nach Weihnachten auf dem Flur begegnet ist."

Septima schüttelte den Kopf. „Nun ja…", meinte sie diplomatisch. „Dann gehst du morgen mit der Fledermaus Schach spielen und ich werde mir mit Charity einen Film über eine böse schwarze Fledermaus ansehen."

"Ein Film über Fledermäuse? Das klingt nicht sehr spannend."

"Ein Film über Dracula", erklärte Septima gutgelaunt. „Wir haben da ein kleines Kino ausgemacht, in dem sie am Wochenende alte Filme zeigen. Na, du weißt schon, Graf Dracula, der sich in eine Fledermaus verwandelt, um von Ort zu Ort zu fliegen und so."

"Nein, weiß ich nicht", gab Minerva zu, „aber das macht vermutlich nichts. Wer ist dieser Graf?"

"Was? Du kennst nicht mal den Namen? Graf Dracula ist ein Vampir, bleich, dunkle Haare, gutaussehend, im schicken Abendanzug und mit seinem rot gefütterten schwarzen Seidencape, das …"

"Ich verstehe schon", bremste Minerva Septimas Redefluss und rieb ihre Stirn. „Dann geh du deine Vampir-Fledermaus anschauen und ich werde Severus möglicherweise den Tag versüßen. Aber jetzt gehe ich ins Bett."

"Schon?"

"Ja, schon. Mein Kopf macht mich wahnsinnig. Sei bitte leise, wenn du nachkommst."

"Was heißt, wenn ich nachkomme? Ich komme selbstverständlich mit. Und keine Angst, ich werde nicht versuchen, dich zu verführen und dir auch nicht die Ohren vollschwatzen", versicherte Septima und folgte ihrer Freundin ins Schlafzimmer.

* * *

Am nächsten Morgen erwachte Septima entgegen ihrer Gewohnheit schon recht früh. Sie stand leise auf, ergriff ihre Kleidung und huschte aus dem Schlafzimmer, um Minerva nicht zu wecken, die noch in tiefem Schlummer lag. Sie zog sich rasch an, benutzte einen Reinigungszauber und schrieb eine kurze Nachricht für Minerva, bevor sie dann leise Minervas Räume verließ.

In ihren eigenen Räumen angekommen, machte sie sich erstmal eine Tasse Tee, die sie genüsslich am Kamin trank, bevor sie es für spät genug befand, um bei ihrer Kollegin hereinzuplatzen. Sie wechselte ihre üblichen Roben gegen Muggelsachen und verließ ihre Räume.

Wieder huschte sie durch das noch menschenleere Schloss, vermied knapp eine Begegnung mit Peeves, der sich augenscheinlich langweilte und klopfte dann bei Burbage an.

„Charity? Sind Sie schon wach?"

"Jetzt schon", kam es gähnend zurück, als die Tür geöffnet wurde. „Liebe Güte, Septima, sind Sie aus dem Bett gefallen?"

"Sozusagen. Ich hatte die Hoffnung, Sie wären ein Frühaufsteher und ich könnte Sie zu einem Frühstück fernab unserer Schüler überreden."

"Frühaufsteher nein, Frühstück ja. Kommen Sie herein, ich ziehe mich nur schnell an", wurde ihr von Burbage beschieden und die Türe schwang weiter auf.

Septima verbiss sich ein amüsiertes Grinsen, als sie den plissierten altrosa Morgenrock ihrer Kollegin sah und ließ sich umstandslos im Wohnzimmer parken, während Burbage wieder in ihr Schlafzimmer verschwand um sich anzuziehen. Nach einer erstaunlich kurzen Zeitspanne kam sie wieder zum Vorschein, diesmal in Jeans und einem langen Wollpullover gekleidet, ein Outfit, das dem von Septima sehr ähnlich sah.

„Ich wäre dann fertig!", sagte sie gutgelaunt. „Sie sagten eben etwas von einem Frühstück fernab unserer Schule?"

"Ich dachte, es wäre ein netter Auftakt für unser kleines Abenteuer, wenn wir irgendwo gemütlich frühstücken würden, bevor wir uns mit Dracula auseinandersetzen."

"Das ist gar keine schlechte Idee", fand Charity und lächelte. „Kommen Sie."

Mit raschen Schritten liefen sie durch die immer noch recht menschenleeren Gänge von Hogwarts, verließen das Schloss und durchquerten die Ländereien auf dem kürzesten Wege, um in die nächste Muggelstadt zu apparieren.

„Bevor ich es vergesse", meinte Burbage, „wie sieht es mit Muggelgeld aus? Ich habe von meinem letzten Ausflug nicht mehr allzu viel übrig."

"Macht nichts, ich schon. Immer, wenn ich bei Gringotts bin, tausche ich vorsichtshalber eine gewisse Summe um, falls es mich mal in die Muggelwelt verschlägt wie heute", erwiderte Septima gutgelaunt und hob die Handtasche. Burbage nickte anerkennend, bevor sie sich bei Septima unterhakte und sie disapparierten.

Zur gleichen Zeit erwachte Minerva aus ihrem Schlaf und tastete nach dem leeren Kissen neben sich. Ruckartig setzte sie sich auf und sah sich um. Septimas Seite des Bettes war leer, das Laken fühlte sich kalt an und Minerva warf einen Blick auf die Uhr.

„Oh, schon acht! Septima scheint unter die Frühaufsteher gegangen zu sein", murmelte sie und schwang die Beine aus dem Bett. Immer noch ein wenig verschlafen tappte sie ins Wohnzimmer, in der Hoffnung, Septima dort zu finden, doch vergeblich. Schließlich erspähte sie Septimas Nachricht auf dem Tisch und hielt den Zettel auf Armeslänge von sich, um ihn lesen zu können:

Meine Liebe, Ich war schon früh wach, aber Du hast so fest geschlafen, dass ich Dich nicht wecken mochte. Ich hoffe, Deinem Kopf geht es heute Morgen besser. Ich bin vermutlich schon mit Charity unterwegs, erst frühstücken und dann ins Kino. Ich wünsche Dir viel Spaß mit Deiner Fledermaus. Ich liebe dich! Septima."

Ein leises Lächeln schlich sich in Minervas Gesicht. Septima als Frühaufsteher, es geschahen noch Zeichen und Wunder! Immer noch lächelnd ging sie ins Bad, wo sie sich unter die Dusche stellte, dann kehrte sie zurück in ihr Schlafzimmer, um sich anzuziehen.

Sie hatte keine Lust, zum Frühstück in der Großen Halle zu erscheinen, also machte sie sich einen guten starken Tee und setzte sich mit ihrem Buch in den Sessel am Kamin, wo sie in aller Ruhe schmökerte und ihren Tee trank.

Als sie ihren Tee getrunken und ihr Kapitel fertig gelesen hatte, warf sie einen Blick auf die Uhr und entschied, dass sie es wagen konnte, Severus zu stören. Mit einem spitzbübischen Grinsen im Gesicht kniete sie sich neben ihren Kamin, warf eine Hand voll Flohpulver in das Feuer und steckte ihren Kopf in die grünen Flammen. Als sie Severus Raum sehen konnte, grüßte sie laut und vernehmlich:

„Guten Morgen, Severus!"

Mit nur schlecht verhohlener Belustigung sah sie, wie er von seinem Sofa aufsprang, sein Buch zur Seite schleuderte und sich dem Kamin mit drei raschen Schritten näherte.

„Minerva. Was verschafft mir die ungeahnte Ehre am frühen Morgen?"

Trotz ihrer unerwarteten Ankunft und der frühen Stunde klang seine Stimme so spöttisch wie immer.

„Tut mir leid, Severus, ich wollte Sie ganz sicher nicht erschrecken", entschuldigte Minerva sich mit einem amüsierten Lächeln. „Ich hoffe, Ihr Buch hat durch diese rüde Behandlung keinen Schaden genommen."

"Was. Wollen. Sie?", fragte er schroff und ignorierte ihre Anspielung vollkommen.

„Eigentlich wollte ich Sie nur fragen, was Sie heute vorhaben. Ich hätte nämlich nicht übel Lust, mit Ihnen eine Runde Schach zu spielen. Hätten Sie Zeit?" Minerva verdrehte den Hals, um Severus Gesicht besser sehen zu können.

Snape grummelte etwas, das Minerva nicht einmal mit ihren Katzenohren hätte erlauschen können. Allerdings konnte sie sich den Wortlaut denken.

„Ach, seien Sie nicht so ein schlecht gelaunter Griesgram, Severus, das ist ja furchtbar. Sagen Sie entweder ‚Ja' oder ‚Nein', die Haltung hier ist nicht sonderlich bequem für mich. Es sei denn natürlich, Sie könnten Ihre schlechten Manieren soweit vergessen und sich vor den Kamin knien, dann müsste ich mir den Hals nicht so verrenken, um Sie ansehen zu können."

„Einen Teufel werde ich tun", knirschte Snape, der eindeutig noch keinen Kaffee bekommen hatte. „Zehn Uhr. Pünktlich. Und jetzt verschwinden Sie!"

"Ich freue mich auch, Severus. Bis gleich!"

Grinsend zog Minerva ihren Kopf aus den Flammen zurück und rieb sich den Nacken. Sie konnte es zwar nicht beschwören, aber das Buch, dass er so schnell hatte aus ihrer Sichtweite verschwinden lassen, hatte doch sehr nach ihrem Weihnachtsgeschenk ausgesehen. Ihr Grinsen verbreiterte sich, als sie sich von ihrem Kaminvorleger aufrappelte. Sie überprüfte die Uhrzeit. Halb zehn. Gut, das hieß, sie hatte noch eine halbe Stunde Zeit, bevor sie im Kerker erwartet wurde.


TBC