Kapitel 17

Minerva eilte durch die Korridore in Richtung Kerker, ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Zwar zog sie ein gewisses Vergnügen daraus, Severus gelegentlich ein wenig zu ärgern, dennoch freute sie sich auf die Gelegenheit, den Vormittag mit ihm zu verbringen.

Kurz bevor sie in den slytherinschen Kerkern verschwand, warf sie einen Blick über die Schulter und als sie niemanden sah, schrumpfte ihre Gestalt zusammen, bis an ihrer Stelle eine Tigerkatze saß. Mit aufgestelltem Schwanz lief sie leichtfüßig die dunklen Gänge entlang bis vor Snapes Tür, wo sie sich mit einem nachdrücklichen ‚Miau' bemerkbar machte.

Snape öffnete ihr so schnell, dass sie darauf gewettet hätte, dass er bereits an der Tür auf sie gewartet hatte.

Mit einem leisen Schnurren stolzierte sie in sein Wohnzimmer, während er wortlos die Türe hinter ihr schloss, mit verschränkten Armen stehen blieb und ihr zusah, wie sie sich zurückverwandelte.

„Haben Sie wieder Angst um meinen Ruf?", spottete er.

„Ja natürlich, Severus, nur! Aber es ist auch schön, Sie zu sehen!"

Minerva lächelte ihn strahlend an und deutete auf den Couchtisch, wo er sein Schachbrett schon aufgebaut hatte.

„Sollen wir gleich loslegen? Wie ich sehe, haben Sie schon alle Vorbereitungen getroffen."

"Würde Sie das davon abhalten, Smalltalk zu betreiben?"

"Nein, natürlich nicht."

„Das hatte ich befürchtet", gab er zurück und bewegte seine Mundwinkel um einen Millimeter nach oben.

„Warum fragen Sie dann doch?", fragte Minerva und ließ sich auf dem Sofa nieder.

„Das ist mir ehrlich gesagt auch ein Rätsel", gab Snape zu, verschwand kurz in seiner Kochnische und tauchte mit einer Kanne und zwei Tassen wieder auf. „Ehe ich mir noch einmal von Ihnen nachsagen lasse, ich wäre ein schlechter Gastgeber", meinte er bissig und knallte die Sachen auf den Tisch.

„Tee?", fragte Minerva mit hochgezogenen Brauen.

„Kaffee", berichtigte er. „Ich dachte, eine kleine Stimulans würde Ihnen die Konzentration erleichtern und Sie endlich einmal zu einer ernsthaften Herausforderung für mich machen."

„Liebenswürdig wie eh und je", erwiderte Minerva ironisch und nahm ihre Tasse entgegen. Vorsichtig nahm sie einen Schluck und verzog das Gesicht. „Tränkemeisters Bestes, was? Das Zeug brennt einem ja ein Loch in die Magenwände."

"Verzeihen Sie, Minerva, ich hatte ja keine Ahnung, dass Sie so verweichlicht sind." Snape führte seine Tasse zum Mund und ließ Minerva dabei nicht eine Sekunde aus den Augen.

„Ich bin nicht verweichlicht, Sie Esel, Sie können einfach nicht Kaffee kochen", schnappte sie zurück und setzte die Tasse ab. „Wie sieht es aus, fangen wir an oder haben Sie noch weitere Ablenkmanöver geplant?"

"Ablenkmanöver?", fragte Snape gedehnt. „Ich glaube nicht, dass ich das nötig hätte. Nicht bei Ihren unterirdisch schlechten Strategien und Ihrer unkonzentrierten Spielweise."

"Ha ha", machte Minerva gelangweilt. „Reden Sie nicht, fangen Sie an."

Snapes Augenbrauen zuckten nach oben, dann startete er die Offensive auf dem Schachbrett, während Minerva angelegentlich nach dem Buch auf dem Beistelltisch neben sich griff.

„Wie ich sehe, ist mein Weihnachtsgeschenk doch gut angekommen", bemerkte sie und zupfte vielsagend an dem Lesezeichen, das unverkennbar auf einer der letzten Seiten aus dem Buch ragte.

„Lenken Sie nicht ab. Sie sind am Zug", brummte Snape und entwand Minerva das Buch, um es dann neben sich im Sessel zu platzieren.

Achtlos zog Minerva einen ihrer Bauern, was Snape zu einem weiteren Zucken der Augenbrauen verleitete.

„Sie können die Dinger auch gleich bis zum Haaransatz hochziehen", murrte Minerva und deutete vielsagend auf Snapes Stirnpartie.

„Selbst das würde bei Ihnen nicht mehr ausreichen", gab er zurück und richtete den Blick auf das Schachbrett. Er machte seinen Zug und beobachtete angelegentlich, wie Minerva ebenso achtlos einen weiteren Bauern zog.

„Sie haben immer noch die gleiche dämliche Eröffnungsstrategie!", fuhr er sie an. „Sie sollten sich wirklich mal etwas anderes überlegen. Ich frage mich, warum Sie immer darauf dringen, mit mir Schach zu spielen, wenn Sie das dann doch nicht Ernst nehmen."

Überrascht sah Minerva ihn an.

„Sie sind wirklich ein Esel, Severus", sagte sie ruhig. „Glauben Sie denn, ich würde gerne gegen Sie verlieren?"

"Warum fragen Sie mich dann immer wieder, ob ich gegen Sie spiele?"

Ein lautes Hämmern an der Tür bewahrte Minerva vor einer Antwort. Snape sprang aus dem Sessel auf, stürmte zur Tür und riss sie mit einer solchen Vehemenz auf, dass er sie beinahe aus den Angeln hob.

Minerva war froh, dass sie nicht auf der anderen Seite der Tür stand. Neugierig spitzte sie die Ohren.

Sie vernahm eine erregte Stimme auf dem Gang und ein einsilbiges „Ja, sie ist hier" von Severus, ehe er sich umdrehte.

„Professor McGonagall, wir müssen unseren Termin verschieben. Anscheinend hat Mr. Weasley es geschafft, sich zu vergiften und Sie werden im Krankenflügel gebraucht."

Was?!"

Minerva sprang auf die Füße und stürzte zur Tür.

Slughorn stand im Gang, in einem moosgrünem Samtmorgenwantel gewickelt und gestikulierte aufgeregt.

„Was ist passiert?", fragte Minerva rasch, griff Slughorn am Arm und wirbelte ihn herum, um sich die Geschichte unterwegs anzuhören.

Slughorn brachte nicht viel Klarheit in die Sache, da er entweder erzählen oder atmen konnte bei dem Tempo, das Minerva vorlegte und ungeduldig schüttelte sie ihn ab.

"Ist Albus informiert?"

„Er hat mich zu Ihnen geschickt, Minerva", keuchte Slughorn atemlos und lehnte sich gegen die Wand.

„Gehen Sie sich anziehen, ich kümmere mich um alles", ordnete sie an und rannte weiter zum Krankenflügel. Einmal mehr verfluchte sie die Tatsache, dass man in Hogwarts nicht apparieren konnte und schoss im Eiltempo die vielen Stufen zum Krankenflügel hinauf.

Diesmal war es Minerva, die die Türe beinahe aus den Angeln hob und als sie in den Krankensaal stürmte, rannte sie beinahe Dumbledore über den Haufen. Er ergriff sie beim Arm.

„Ganz ruhig, Minerva. Atme erstmal tief durch", befahl er. „Mr. Weasley wird wieder, Harrys schnelle Reaktion hat ihm das Leben gerettet."

"Harry?", keuchte Minerva atemlos. „Was ist denn passiert? Er ist doch nicht auch vergiftet worden?"

"Nein, keine Sorge, ihm geht es gut."

"Was ist denn passiert?"

"Wie es scheint hat Mr. Weasley irrtümlich eine Dosis Liebestrank abbekommen und Harry hat ihn zu Horace gebracht, damit er ein Gegenmittel bereitet. Nachdem das erledigt war, hat Horace den beiden ein Glas Honigmet angeboten, sie wollten auf Rons Geburtstag anstoßen. Nun, der Met war anscheinend vergiftet. Ron hat seinen getrunken, brach zusammen und Harry war geistesgegenwärtig genug, ihm einen Bezoar in den Mund zu stecken und damit das Schlimmste zu verhindern."

Minerva hatte aufmerksam gelauscht und schlug nun entsetzt die Hände vor den Mund.

„Albus, das heißt ja… Das bedeutet, dass es nicht nur jemand auf unsere Schüler abgesehen hat, sondern auch auf die Lehrer!"

"So stellt es sich zumindest dar", stimmte Dumbledore grimmig zu.

„Aber wer… Nein!"

"Ich fürchte doch", gab Dumbledore zu.

„Und was machen wir nun?"

"Ich weiß es nicht. Noch nicht."

Sie nickte. Dann fragte sie:

„Wo ist Potter?"

"Er wartet nebenan. Ich war mir sicher, dass du noch einige Fragen an ihn hast."

„Damit hast du verdammt recht."

Minerva wandte sich dem kleinen Nebenraum zu, indem Harry mit ineinander verkrampften Fingern unruhig auf einer Stuhlkante hockte.

„Mr. Potter, wenn Sie mir bitte erzählen würden, was heute früh vorgefallen ist?", forderte Minerva ihn nicht unfreundlich auf.

„Das habe ich doch schon Dumbledore erzählt!", brauste Harry auf und sprang auf. „Ich will endlich nach Ron sehen!"

Minerva unterdrückte einen Seufzer, zog einen Stuhl neben den, von dem Harry gerade aufgesprungen war und setzte sich.

„Ich verstehe Sie vollkommen, Harry. Sie machen sich Sorgen um Mr. Weasley und fragen sich, ob Sie diesen – Unfall nicht hätten verhindern können. Aber er wird es überleben und wieder vollkommen gesund werden. Bitte setzen Sie sich."

Harry funkelte sie immer noch zornig an, setzte sich aber widerwillig wieder hin.

McGonagall sah ihn eindringlich an. „Nun?", forderte sie ihn abermals auf. „Ich kenne bislang nur die Kurzfassung der ganzen Angelegenheit und ich hätte gerne die ganze Geschichte gehört." Sie beugte sich auf ihrem Stuhl vor und legte Harry leicht die Hand auf den Arm. „Mir geht es vor allem darum, die Schüler zu schützen", fuhr sie fort und sah Harry weiterhin eindringlich an, „das kann ich aber nur, wenn ich weiß, was vor sich geht. Bitte, Harry."

Und Harry begann zu erzählen:
"Eigentlich richtig angefangen hat das heute früh, als wir wach wurden. Heute ist Rons Geburtstag und er hatte damit angefangen, seine Päckchen aufzumachen. Ich hab etwas in meinem Koffer gesucht und dabei den ganzen Kram einfach rausgeschmissen, ich schätze mal, dass Ron auf diese Weise an die Schokokessel mit dem Liebestrank geraten ist. Rom…- ahm- jemand hatte sie mir vor einiger Zeit geschenkt und ich hatte sie total vergessen. Jedenfalls hat Ron angenommen, dass dieses Päckchen auch zu ihm gehört und locker die halbe Schachtel leergefuttert und dann fing er an, sich ziemlich merkwürdig aufzuführen. Er hat mir erklärt, dass er sich unsterblich verliebt hätte und sie ihn nicht beachten würde, das ganze Zeug halt und ich hatte keine bessere Idee, als ihn zu Professor Slughorn zu kriegen, damit der ihm ein Gegenmittel braut."

"Warum haben Sie das Gegenmittel nicht selber zubereitet?", erkundigte sich Minerva. „Das dürfte Ihre Fähigkeiten doch sicher nicht überschreiten?"

"Na ja, in der Zeit hätte er sich in ziemliche Schwierigkeiten bringen können, Sie haben ihn nicht erlebt. Jedenfalls brachte ich ihn zu Professor Slughorn und er braute das Gegenmittel und Ron wurde wieder normal. Na ja, er war ziemlich deprimiert und so und deshalb kam Slughorn, ich meine Professor Slughorn auf die Idee, wir könnten auf Rons Geburtstag anstoßen und ihn ein bisschen aufmuntern. Er holte also eine Flasche mit Honigmet, die er wohl eigentlich Professor Dumbledore zu Weihnachten hatte schenken wollen, es aber nicht getan hat und wir haben auf Ron angestoßen. Ron hat sein Glas auch gleich runtergekippt und in dem Moment merkte ich, dass da was gar nicht stimmt. Ich hab zu ihm rübergesehen und habe noch mitgekriegt, wie er aufstehen wollte, aber nicht konnte. Er fiel einfach um, seine Arme und Beine zuckten und er hatte Schaum vorm Mund. Slughorn stand da wie angewachsen und Ron wurde richtig blau im Gesicht. Ich hab das einzige getan, was mir einfiel, ich habe einen Bezoar geholt und Ron in den Mund gesteckt. Da konnte er wieder atmen und dann wurde er ganz schlaff. Slughorn ist losgerannt und hat Hilfe geholt und dann sind wir alle hierher gekommen. Kann ich jetzt endlich bitte zu Ron?"

„Wenn Madam Pomfrey mit ihrer Untersuchung fertig ist, spricht nichts dagegen, dass Sie nach Mr. Weasley sehen. Wir werden seine Familie benachrichtigen, falls der Schulleiter das nicht schon getan hat und es wäre mir lieb, wenn Sie seinen Eltern die ganze Geschichte noch einmal erzählen würden, wenn sie hier sind."

„Okay", sagte Harry und zuckte mit den Achseln, als ob er sagen würde, dass es auf einmal mehr auch nicht mehr ankäme.

Minerva nickte, dann erhob sie sich und steckte den Kopf durch die Tür in den Krankensaal.

„Poppy? Mr. Potter würde Mr. Weasley gerne sehen. Sind Sie mit Ihren Untersuchungen soweit fertig?"

"Meinetwegen kann er reinkommen", grummelte Poppy, die augenscheinlich nicht viel davon hielt, dass Harry neben Rons Bett Stellung beziehen wollte.

Minerva nickte Harry zu. „Sie können nun hinein."

„Danke, Professor."

Harry quetschte sich an Minerva vorbei und hätte sie beinahe umgeworfen, so eilig hatte er es, nach seinem besten Freund zu sehen.

Minerva folgte ihm etwas langsamer und beherrschter. Sie erspähte Albus am anderen Ende des Krankensaals und eilte zu ihm herüber.

„Hast Du Arthur und Molly schon informiert?"

"Natürlich", erwiderte Albus. „Sie werden sicher bald hier sein."

„Was sagt Poppy?"

„Mr. Weasley muss für mindestens eine Woche im Krankenflügel bleiben und Weinrautenessenz einnehmen. Ich habe Severus veranlasst, sofort einen ausreichend großen Vorrat an frischer Essenz zuzubereiten, sie wirkt besser, wenn sie frisch ist, weißt du."

„Ja, weiß ich", erwiderte sie unnötig knapp.

In ihr baute sich das nahezu unbeherrschbare Verlangen auf, angesichts von Albus unnötigen Erklärungen laut zu schreien.

„Kommst du mit vor die Tür?", bat sie stattdessen und atmete tief durch.

Sie zog ihm an Ärmel, als müsste sie ihn dazu zwingen, den Krankensaal zu verlassen und zerrte ihn beinahe nach draußen.

„Minerva, so beruhige dich doch! Es kommt alles wieder in Ordnung", versprach er, als sie draußen vor der Tür standen. Er legte seiner Stellvertreterin und langjährigen Freundin begütigend die Hände auf die Schultern.

„Das glaube ich nicht, Albus", erwiderte Minerva. „Hat Harry dir die ganze Geschichte erzählt?"

"Worauf willst du hinaus?"

„Horace hatte den Met ursprünglich als Weihnachtsgeschenk für dich gedacht! Das Gift war für dich bestimmt, da bin ich mir sicher!"

„Minerva, das erscheint mir ein wenig weit hergeholt. Woher wollten der oder die Attentäter denn wissen, dass Horace mir die Flasche geben wollte? Woher sollten sie wissen, dass er sie nicht behalten würde, wie er es auch getan hat? Nein, Minerva, das kann ich mir nicht vorstellen."

„Albus, du selber hast mir gesagt, dass die Todesser hinter Slughorn her gewesen sind als du ihn gefunden hast. Woher willst du wissen, dass sie ihn nicht doch aufgespürt haben? Woher willst du wissen, dass sie ihm keinen Imperiusfluch aufgehalst haben um an dich heranzukommen?" WOHER, Albus?"

"Komm mit." Er nahm sie bei der Hand und brachte sie mittels einiger Geheimgänge auf dem schnellsten Weg in sein Büro, wo er sie auf einen Stuhl drückte. Er selber zog sich auch einen Stuhl heran, setzte sich ihr gegenüber und nahm ihre Hände zwischen seine.

„Und jetzt beruhige dich erstmal wieder. So hysterisch kenne ich dich gar nicht, du bist doch sonst immer so ruhig und gefasst."
Er ließ ihre Hände los und beschwor ein Glas mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit herauf, das er ihr in die Hand drückte.

„Trink das!", befahl er augenzwinkernd, „Anweisung deines Vorgesetzten."

Gehorsam führte Minerva das Glas zum Mund und leerte es in einem Zug. Der Whisky rann ihr wie flüssiges Feuer in den Magen und ließ sie ruhiger werden.

„Tut mir leid, dass ich vorhin so reagiert habe. Du hast Recht, das ist gar nicht meine Art", entschuldigte sie sich dann leise. „Aber ich mache mir Sorgen, Albus. Wohin soll das alles noch führen? Schüler werden angegriffen und verletzt, das war schon das zweite Mal, dass einer unserer Schüler gerade noch mal davongekommen ist. Und dann zu hören, darüber nachzudenken, dass das Gift hätte für dich bestimmt sein können! Und du nimmst das alles auf die leichte Schulter! Du bist nicht unzerstörbar, Albus. Auch du nicht", sagte sie eindringlich und schaute demonstrativ auf seine abgestorbene Hand. „Und ich brauche dich, Albus, ich brauche dich vielleicht mehr als dir bewusst ist."

"Vielleicht bin eher ich es, der dich braucht", gab er zu bedenken und griff wieder nach ihrer Hand. „Du bist eine harte Nuss, Minerva, dich klein zukriegen dürfte eine Lebensaufgabe darstellen. Du hast soviel ausgestanden, so viel erreicht, du brauchst mich ganz sicher nicht."

"Ohne dich wäre ich heute nicht hier. Ohne dich wäre ich sicher nicht halb so gut aus dem ganzen Schlamassel, der sich Leben nennt, herausgekommen."

"Ich glaube, da unterschätzt du dich gewaltig. Und mich überschätzt du ebenso. Ich bin nicht so gut und unfehlbar, wie du zu denken scheinst, auch wenn ich zugegebenermaßen so meine Momente habe." Er lächelte. „Und noch etwas ist anders als früher. Du hast Septima, du hast eine starke Partnerin, die alles für dich geben würde."

"Das ist auch etwas, das mir Sorgen macht", gab Minerva zu. „Manchmal denkt sie einfach nicht nach! Mitunter kommt sie mir vor wie ein Kind, das einfach nicht begreift, dass es sich an einer Wand die Nase blutig stößt und immer wieder dagegen anrennt. Sie ist so impulsiv und denkt nicht darüber nach, was sie tut oder sagt und ehrlich gesagt, fühle ich mich nicht sehr wohl bei dem Gedanken, dass sie im Orden ist."

"Und damit wären wir beim eigentlichen Grund deiner Aufregung", bemerkte Albus. „Nun, wo du endlich jemanden an deiner Seite hast, den du so sehr liebst, hast du panische Angst davor, sie wieder zu verlieren. Du hast Angst davor, dass du sie in Gefahr bringen könntest, du hast Angst, dass irgendjemand von der anderen Seite eure Beziehung nutzen könnte, um über Septima an dich heranzukommen. Und anstatt rational mit der Situation umzugehen und dich mit deinen Ängsten auseinanderzusetzen, verdrängst du sie. Aber deine Angst wird dadurch nicht verschwinden, Minerva, du musst dir dessen bewusst werden, was du fürchtest, damit du nicht deine Stärke, deine Handlungsfähigkeit verlierst. Geh zu ihr, sprich mit ihr darüber, erfahre, wie sie darüber denkt. Vielleicht kann sie dir deine Angst etwas nehmen. Na los, geh schon."

"Sie ist nicht hier", gab Minerva zögernd zu, „sie macht einen Ausflug mit Charity."

„Aha."

"Was heißt hier ‚aha'? Und dann in diesem merkwürdigem Tonfall?", erkundigte Minerva sich misstrauisch.

"'Aha' heißt ‚ach, jetzt verstehe ich'. Unsere muggelstämmige Arithmantikprofessorin ist mit unserer ebenfalls muggelstämmigen Muggelkundelehrerin unterwegs und angesichts dessen, wie viele Menschen in der letzten Zeit verschwunden sind, machst du dir natürlich Sorgen. Und ich glaube auch einen kleinen Hauch Eifersucht herauszuspüren, weil die beiden etwas miteinander teilen, das dir nicht zugänglich ist."

"Ihr Faible für Filme?"

"Ihre Herkunft. Du sorgst dich zuviel, Minerva. Du sorgst dich um Septima, um mich, um Severus, du sorgst dich um alle deine Kollegen, um deine Schüler. Du kannst nicht die Sorgen der ganzen Schule alleine schultern. Lass mir auch einen Teil davon übrig, ja? Dafür bin ich hier. Ich bin hier, um mich um euch zu sorgen, um euch zu schützen."

"Und ich dachte, du wärst hier, um die Schule zu leiten", gab sie ironisch zurück.

„Das auch", gab Dumbledore lächelnd zu. „Ich glaube, du hattest noch eine Schachpartie zu beenden, wenn ich richtig informiert bin. Oder hast du Angst, dass Severus dich schlagen könnte?"

"Ich? Angst vor Severus? Niemals!"

"Das ist mein Mädchen", schmunzelte Dumbledore und klopfte ihr auf die Schulter. „Dann mach mal und schlag ihn!"

„Das werde ich, verlass dich drauf! Wenn auch nicht unbedingt auf dem Schachbrett."

„Das will ich jetzt überhört haben. Und jetzt raus mit dir!"

Dumbledore sah ihr nach und lächelte ein seltsames Lächeln. Er war sich sicher, dass Severus mit seinen Sticheleien Minerva endgültig wieder aufrichten würde.

Minerva verließ Albus Büro wesentlich ruhiger als sie es betreten hatte und machte sich auf den Weg in den Kerker, um Severus aufzusuchen.

Diesmal verzichtete sie darauf, sich in ihre Animagus-Gestalt zu verwandeln, sondern marschierte einfach den Korridor hinunter und hämmerte an die schwere Tür von Severus Räumen.

Innerhalb eines Sekundenbruchteils steckte Snape seine bleiche Nase durch den Türspalt.

„Minerva, was wollen Sie denn schon wieder hier?"

"Direkt wie immer", konterte sie bissig und fühlte sich sofort etwas besser. „Wenn ich mich recht erinnere, haben wir noch eine Schachpartie ausstehen. Lassen Sie mich jetzt rein oder nicht?"

"Ich dachte, Sie hätten keine Lust, ständig gegen mich zu verlieren", gab Snape in seiner gewohnten Manier zurück, gab aber dennoch die Tür frei.
"Sie wissen ja, wo es lang geht", knurrte er und knallte die Tür hinter ihr zu. Langsam folgte er ihr ins Wohnzimmer.

„Oh, Sie haben schon wieder aufgeräumt? Sie haben wohl nicht damit gerechnet, dass ich heute noch mal vorbeischaue."

"Nein, hatte ich nicht. Sie können sich auch setzen", er deutete auf das Sofa, wo Minerva dann auch Platz nahm und zusah, wie Severus das Kaminfeuer ein wenig anfachte. „Allerdings glaube ich nicht, dass Sie primär wegen einer unbeendeten Schachpartie zurückgekehrt sind."

„Wegen was denn sonst?", fragte Minerva interessiert und musterte ihren Kollegen.

„Heute Morgen klang es doch so, als ob Sie nicht wirklich am Schachspiel gegen mich interessiert wären. Ich zitiere: ‚ Sie sind wirklich ein Esel, Severus. Glauben Sie denn, ich würde gerne gegen Sie verlieren'. In Anbetracht dessen, dass Sie permanent gegen mich verlieren, kann das nur bedeuten, dass Ihnen das Spiel egal ist."

„Sie sind recht scharfsichtig, mein Herr. Ich hatte nicht vor, das weiter auszuführen."

"Sie enttäuschen mich, Minerva. Wo bleibt Ihre berühmte gryffindorsche Courage? Angst vor den eigenen Worten?"

Minerva sah ihn aufmerksam an. Sie war sich sicher, dass Snape hatte höhnisch klingen wollen, dennoch glaubte sie aus seinen Worten mehr Interesse herauszuhören. Sie warf einen prüfenden Blick auf ihn und wurde unsicher. Hatte sie sich sein Interesse nur eingebildet oder nicht?

Um Zeit zu gewinnen, schimpfte sie: „Sie sind immer noch ein lausiger Gastgeber, Snape. Sie halten es absolut nicht für nötig, mir etwas zu Ttrinken anzubieten, oder? Wo Sie doch genau wissen, dass ich den halben Tag durch das Schloss gehetzt bin. Und wie Sie kürzlich so nett bemerkten: Ich bin nicht mehr die Jüngste."

Snape zog die Mundwinkel nach unten. „Das ist die erbärmlichste Ausflucht, die Sie mir seit langem geboten haben", bemerkte er süffisant, ließ aber dennoch eine Flasche und zwei Gläser erscheinen, schenkte eines der Gläser voll und reichte es ihr.

„Keine Sorge, ich habe den Wein nicht vergiftet", spottete er, „auch wenn ich mitunter in die Versuchung gerate."

"Sehr beruhigend", schnappte Minerva zurück und hob ihr Glas, um ihr Lächeln zu verbergen.

Snape hatte durchaus nicht vor, sie vom Haken zu lassen, er gewährte ihr nur eine kurze Gnadenfrist. Dann stieß er zu wie Raubvogel auf der Jagd.

„Sie wollten mir vorhin erklären, was Sie mit Ihrem Kommentar heute früh ausdrücken wollten. Ich meine, bevor Ihr Mut sie verließ."

Derart herausgefordert, hob Minerva den Kopf und sah Snape fest an. „Von Wollen konnte hierbei zwar keine Rede sein, aber wenn Sie es denn unbedingt wissen wollen… Ich mag Schach, ich spiele gerne Schach und spiele auch gerne gegen Sie, da Sie einer der wenigen ernstzunehmenden Gegner sind, gegen die ich je angetreten bin. Aber mitunter ist mir unsere Unterhaltung, wenn man es denn so nennen darf, wesentlich wichtiger als das Spiel. Und falls Ihnen das bislang noch nicht aufgefallen sein sollte, dann sind Sie wirklich ein Esel."

Herausfordernd sah sie Snape an.

Dieser starrte ausdruckslos zurück.

„Das heißt, Sie ziehen diesen ganzen Zauber nur durch, weil Sie sich mit mir unterhalten wollen?" Snape klang ungläubig.

„Was dachten Sie denn? Dachten Sie, dass ich gerne gegen Sie verliere? Dachten Sie etwa, ich hätte keine anderen Hobbies, als mir von Ihnen Gemeinheiten an den Kopf werfen zu lassen?"

"…."

„Was ist? Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?", erkundigte Minerva sich lächelnd.

„Das würde Ihnen so passen. Ich überlege nur gerade, wann das letzte Mal jemand dämlich genug war, mir ins Gesicht zu sagen, dass er sich für mich als Menschen interessiert, von Ihnen mal abgesehen."

„Scheint eine Weile her zu sein", bemerkte Minerva trocken. „Was ist mit Albus?"

Snape knurrte etwas, das Minerva als ‚alter Narr' zu interpretieren glaubte, war sich aber nicht sicher und beschloss dann, dass es auch nicht so wichtig war.

"Wie ich Ihnen vor ein paar Wochen schon einmal gesagt habe, ich schätze Sie, Severus, ich schätze Sie sehr und ich genieße es, mit Ihnen verbal die Klingen zu kreuzen. Aber das ist es nicht, was mich in meiner wenigen freien Zeit zu Ihnen in den Kerker bringt. Ich möchte Sie besser kennen lernen, ich möchte den Mann hinter dieser finsteren Miene besser verstehen. Ich mag Sie, Severus und auch, wenn Sie es sicher nicht hören wollen, ein wenig bedaure ich Sie auch."

"Sie bedauern mich?" Er verzog das Gesicht.

"Ja. Ich bedaure Sie wegen Ihrer verpassten Chancen, wegen des schweren Weges, den Sie sich selbst aufgebürdet haben. Weil Sie verlernt haben, der Mensch zu sein, der Sie eigentlich sind und immer mit einer Maske herumlaufen."

"Minerva, glauben Sie mir, diese Maske ist noch das Beste an mir", erwiderte Snape tonlos. „Sie haben keine Ahnung, welche Abgründe dahinter lauern und Sie möchten es auch gar nicht wissen. Sie möchten mich besser kennen lernen, Sie möchten mich verstehen? Ich gebe Ihnen einen guten Rat: Versuchen Sie es besser nicht. Was Sie finden würden, würde Ihnen ganz sicher nicht gefallen. Sie haben ja keine Ahnung, wer ich bin, zu was ich fähig bin. Sie wissen nicht, was ich getan habe und wenn Sie es wüssten, wäre von Ihrer Sympathie für mich nichts mehr übrig. Sie brauchen mich nicht bedauern, Minerva. Sie haben sich ein Bild von mir gemacht, das mir nicht im Geringsten entspricht. Davon abgesehen, ich habe mir mein Bett gemacht, nun muss ich auch darin liegen."

Snape sah Minerva an und stürzte seinen Wein hinunter. Sie versuchte vergeblich, seinen Blick zu enträtseln.

Snape unterbrach ihren Gedankenfluss. Er sprang auf, wandte ihr den Rücken zu und starrte in die Flammen, bevor er fortfuhr:

„Eines Tages, Minerva, werden Sie mich so sehen, wie ich bin. Und Sie werden mich dafür verabscheuen. Eines Tages werden Sie erkennen, wozu ich fähig bin und Sie werden mich dafür hassen. Ich wünsche mir, dass dieser Tag niemals kommt, denn ich würde nur ungern Ihre Achtung und Ihre", er räusperte sich, „Zuneigung verlieren, auch wenn ich beides nicht verdiene."

„Sie schätzen sich falsch ein, Severus." Minerva stellte ihr leeres Glas ab und erhob sich. Sie trat hinter Severus und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Ich glaube nicht, dass Sie so schlecht sind wie Sie sich selber sehen."

„Irgendwann werden Sie mich verstehen, Minerva. Aber dann wird es zu spät sein." Er schüttelte ihre Hand ab und starrte weiterhin düster ins Feuer.

„Ich werde dann mal gehen, Severus", sagte sie leise, da sie spürte, dass ihre Anwesenheit plötzlich unerwünscht war. „Auf Wiedersehen."

Er schien sie nicht zu hören und mit leisen Schritten verließ sie den Raum.


Tbc...