Kapitel 18

Minervas Alptraum

Septima und Charity trudelten erst gegen Abend wieder im Schloss ein. Noch in der Großen Halle verabschiedeten sie sich voneinander und Septima machte sich auf den Weg zu Minervas Räumen.

Mit geröteten Wangen, blitzenden Augen und in bester Laune stürmte sie in Minervas Arbeitszimmer, wo sie Minerva an ihrem Schreibtisch vorfand.

Diese hob den Kopf und lächelte als Septima hereinstürmte.

„Du siehst aus, als hättest Du einen schönen Tag gehabt", begrüßte sie sie.

„Ja, das hatte ich. Wir hatten viel Spaß, ich hatte ja keine Ahnung, dass Charity so witzig sein kann!"

„Das ist mir auch neu", gab Minerva trocken zurück, „allerdings kenne ich sie auch nicht so sehr gut."

"Da hast du echt etwas verpasst", erwiderte Septima gutgelaunt, trat um den Schreibtisch herum und küsste Minerva auf den Nacken. „Und was hat die schönste Frau von Hogwarts den lieben langen Tag ohne mich angestellt? Hast du Snape in den Wahnsinn getrieben?"

„Nicht so ganz", sagte Minerva und ihr Lächeln verschwand schlagartig.

Auch Septima wurde ernst.

„Minerva, was ist passiert?"

"Ron Weasley wurde vergiftet."

"Was? Wie konnte denn das passieren?"

Und Minerva fasste kurz zusammen, was sie zuvor von Harry erfahren hatte.

Septima schüttelte den Kopf.

„Ich mache mir Sorgen, Septima. Ich meine, wie kann man nur hingehen und eine Flasche Met vergiften, wenn man nicht weiß, wer sie letztendlich trinken wird? Klingt ganz so, als ob es dem Mörder ganz egal wäre, wenn er alles aus dem Weg räumt." Minerva sah Septima an, eine ganze Welt von Empfindungen schien sich in ihren Augen zu spiegeln.

„Mörder?", vergewisserte sich Septima.

„Oder Attentäter, wenn dir das lieber ist. Ich persönlich würde den Terminus Mörder bevorzugen. Vergifteter Met oder verfluchte Halsketten, die unwissenden Schülern in die Hand gegeben werden, laufen für mich unter Mordanschlag."

"Du bist also auch der Meinung, dass beide Anschläge zusammenhängen?", fragte Septima, um sicherzugehen.

„Natürlich. Ich kann und will mir nicht vorstellen, dass zwei so skrupellose Mörder zeitgleich ihr Unwesen in Hogwarts treiben. Zwei Anschläge, die anscheinend nicht die Zielperson trafen, sondern Unschuldige erwischten. Beide Male war es nur glücklicher Zufall, dass die Personen nicht starben und das macht den Mörder in meinen Augen sehr gefährlich. Ihm ist vollkommen egal, wen er umbringen muss, bis er sein eigentliches Ziel erreicht hat."

"Und was glaubst du, auf wen unser Killer es abgesehen hat?"

"Auf Albus", erwiderte Minerva tonlos. „Es passt alles zu gut zusammen, findest du nicht? Eine verfluchte Halskette, die einem Schüler gegeben wird. Spätestens, wenn Filch Katie mit seinem Geheimnisdetektor abgetastet hätte, wäre es aufgefallen, dass die Kette schwarze Magie aufweist und Albus wäre informiert worden. Dann der Met, den Horace heute ausgeschenkt hat, den er aber ursprünglich Albus zu Weihnachten schenken wollte. Und dann ist da noch die Verletzung, die er sich in den Sommerferien zugezogen hat, seine verdorrte Hand. Er hat mir noch immer mit keinem Wort verraten, wie das passieren konnte. Möglicherweise war das ein erster Versuch, ihn aus dem Weg zu räumen."

Septima schüttelte abermals den Kopf.

„Deine Theorie hat ein paar klaffende Löcher, meine Liebe", bemerkte sie und ließ sich auf der Kante von Minervas Schreibtisch nieder.

„Welche wären?"

"Deine Theorie mit der Halskette ist purer Blödsinn. Wen hätte Filch denn gerufen, wenn er ein schwarzmagisches Relikt bei einem Gryffindor gefunden hätte? Albus? Oder doch eher dich? Ganz davon abgesehen, dass Albus zu dem Zeitpunkt gar nicht da war, erinnerst du dich? Du warst ziemlich sauer auf ihn, weil du dich im Stich gelassen fühltest."

"Du meinst also, dass die Kette auf mich abgezielt war?"

"Ich möchte es nicht von der Hand weisen", gab Septima langsam zurück. „Oder dieser Anschlag richtete sich gegen Filch. Er hätte sich sicher nichts dabei gedacht, die Kette auszuwickeln. Oder er war gegen niemand speziellen gerichtet und sollte nur erreichen, dass wir herumrätseln, auf wen der Mörder es abgesehen hat. Und das ist ihm ja wohl auch voll und ganz gelungen. Verstehst du, was ich meine?"

"Wir können uns einfach nicht sicher sein", gab Minerva niedergeschlagen zurück. „Ich fühle mich, als müsste ich mit bloßen Händen Nebel einfangen. Ein Alptraum! Ich bin vorhin regelrecht hysterisch geworden", gab sie zu und betrachtete angelegentlich ihre Handinnenflächen."

"Du? Hysterisch? Das habe ich ja noch nie erlebt. Möchtest du darüber sprechen?"

"Wollen nicht, aber müssen. Weißt du", Minerva hob den Blick und sah Septima an, „es lag zum Teil auch an dir, dass ich so die Kontrolle verloren habe."

"An mir?", fragte Septima verblüfft. „Aber ich war doch nicht einmal da!"

„Das war das Problem", erklärte Minerva. „Zuerst bin ich Albus angegangen, ich war mir so sicher, dass der letzte Anschlag ihm galt und er schien das nicht ernst genug zu nehmen. Also hat er mich in sein Büro verfrachtet, mir einen Whisky in die Hand gedrückt und mich tiefenpsychologisch analysiert." Minerva lächelte schief.

„Er war der Ansicht, dass ich mich zuviel um euch alle sorge, um ihn, Severus, die Schüler und vor allem um dich. Er ist der Ansicht, dass es meine größte Angst ist, dich zu verlieren, dass ich Angst habe, dass du wegen mir in Gefahr geraten könntest. Und als er dann hörte, dass du mit Charity unterwegs bist, meinte er erst recht, dass ich mir Sorgen um dich machen würde, wo doch immer wieder Leute spurlos verschwinden. Und außerdem meinte Albus, dass ich ein wenig eifersüchtig darauf wäre, dass du etwas mit Burbage gemein hast, das ich nicht verstehe."

„Was habe ich denn mit ihr gemeinsam? Mein Faible für Filme?"

"Eure Herkunft. Ihr seid beide muggelstämmig, das ist etwas, das ich nie zu hundert Prozent verstehen kann, so sehr ich es auch versuche. Ich weiß nicht, wie es ist, in einer Muggelfamilie zu leben, ich weiß nicht, wie es ist, wenn ich alles, was ich gekannt habe, hinter mir lassen muss, um in einer Schule für Zauberei und Hexerei vollkommen neu anzufangen. Das zum Beispiel, das sind Dinge, die ich zwar rational verstehen kann, die mir aber trotzdem emotional völlig fremd bleiben."

"Und deshalb bist du eifersüchtig? Das passt überhaupt nicht zu dir. Wer hätte gedacht, dass die kühle unnahbare McGonagall unter einem so kleinlichem Gefühl wie Eifersucht leiden könnte?"

"Mach dich nur lustig über mich", grummelte Minerva. „Tatsache ist einfach, dass ich nicht eifersüchtig wäre, wenn mir nicht so unglaublich viel an dir liegen würde. Und ich würde mir auch nicht ganz so schrecklich viele Sorgen um dich machen, wenn ich dich nicht so sehr lieben würde."

"Wow", sagte Septima leise, „dass du so für mich empfindest. Ich verspreche dir, dass ich nicht mit jemand anderem durchbrennen werde und ich verspreche dir ebenfalls, dass ich sehr gut auf mich aufpassen werde. Ich habe vor, dich noch sehr lange Zeit zu nerven, zu lieben und glücklich zu machen."

Sie beugte sich vor und nahm Minervas Gesicht zwischen ihre Hände. „Ich hoffe, dass dich diese Auskunft zumindest für das Erste beruhigt."

"Das muss es", erwiderte Minerva und sah Septima fest in die Augen.

„Schön. Und was liegt dir außerdem noch auf der Seele?", forschte Septima weiter, die ihre Freundin weitaus besser kannte als dieser es mitunter bewusst war.

„Severus", seufzte Minerva.

„Severus?", wiederholte Septima. „Was hat die olle Fledermaus denn nun wieder angestellt? Hat er dich absichtlich gewinnen lassen?"

„Das nun nicht gerade." Minerva versuchte sich erneut an einem ziemlich schiefen Lächeln. „Als Albus mich mehr oder weniger hinausgeworfen hatte, bin ich zurück in den Kerker, um unser angefangenes Spiel zu beenden und wir haben uns unterhalten."

"Ihr habt euch unterhalten?", vergewisserte sich Septima und zog die Brauen empor. „Kaum zu glauben, dass man mit Severus ein paar Sätze am Stück wechseln kann. Egal", sie winkte ab, „erzähl weiter."

„Nun ja, eins führte zum anderen und nachdem unser obligatorischer Schlagabtausch abgehandelt war, wurden wir ernst. Sehr ernst. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn gerne besser kennen lernen würde, wenn er es nur zuließe, dass ich ihn gerne verstehen würde, weil ich ihn mag. Und ich habe ihn gesagt, dass ich ihn bedaure."

"Upps. Wie hat er reagiert?", fragte Septima gespannt und fiel beinahe von der Schreibtischplatte.

„Mehr als nur ein wenig merkwürdig. Er sagte, dass ich mich Illusionen hingeben würde, was ihn anbelangt und eines Tages würde ich hinter seine Fassade schauen und ihn verabscheuen für das, was er ist. Ich wüsste nicht, wozu er fähig sei und was er getan hätte, aber irgendwann würde ich es erfahren und ihn dafür hassen und verachten. Und als Krönung erklärte er mir, dass er meinen Respekt und meine Zuneigung nicht verdienen würde. Klingt das nach dem Snape, den du kennst?"

"Nein, das klingt nach einem Snape, der sich selbst für nicht besonders wertvoll hält, sich selbst verachtet und sich mit Selbstvorwürfen herumquält. Meinst du, dass er sich auf seine Zeit als Todesser bezogen hat?"

"Ich wüsste nicht, auf was sonst. Ich kann mir nur denken, dass er Angst davor hat, was passiert, wenn der Dunkle Lord besiegt worden ist und er ein normales Leben führen muss. Wenn er sich nicht mehr hinter seiner Rolle als Doppelspion verstecken kann, sondern nur einfach ein Lehrer an der Schule ist. Es sei denn, er hat vor etwas zu tun, das alles andere noch in den Schatten stellt, was er bereits getan hat."

„Zum Beispiel?"

"Ich weiß es eben nicht! Und ich konnte ihn auch schlecht danach fragen. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass es ihm am liebsten wäre, wenn ich sofort ginge und das habe ich dann auch getan. Er hat nicht einmal mitbekommen, dass ich gegangen bin."

"Minerva, es ehrt dich sehr, dass du dir solche Gedanken um ihn machst, aber du kannst nichts davon ändern, hörst du? Er hat sich für diesen Weg entschieden, er allein hat beschlossen, auf die dunkle Seite zu wechseln und er allein war es auch, der sich davon abgewandt hat. Sein Leben als Doppelspion, sein Selbsthass für das, was er getan hat, sind der Preis dafür, dass er es zurück geschafft hat und das kannst du ihm nicht abnehmen. Wie man sich bettet, so liegt man."

"Das hat er auch gesagt. Er sagte ‚Ich habe mir mein Bett gemacht und muss nun darin liegen'." Minerva seufzte leise.

"Also weiß er es. Das macht es zugleich besser und schlimmer für ihn. Aber du kannst nichts daran ändern, Minerva. Du kannst nicht mehr tun, als du bereits tust, ihm zeigen, dass er dir wichtig ist und du ihn magst. Du kannst nicht die ganze Welt retten, nicht einmal du schaffst das!"

Septima schwieg einen Moment lang, dann sah sie Minerva in die Augen.

„Du tust das auch wegen deines Bruders, nicht? Du siehst in Snape eine Reinkarnation von Angus und du fragst dich permanent, was aus ihm hätte werden können, wenn die Chancen anders gestanden hätten. Und gleichzeitig siehst du einen elfjährigen Severus vor dir, den du vor dem Schicksal bewahren möchtest, dass er sich ausgesucht hat. Wenn du jemanden liebst, Minerva, dann tust du das Menschenmögliche, dass es diesem Menschen gut geht, dass er unbeschadet durchs Leben kommt und auf eine verquere Art liebst du Snape. Vielleicht nicht unbedingt den schlechtgelaunten Tränkemeister, den ich kenne, sondern ein Konglomerat aus dem einsamen Kind und dem einsamen Mann, der er geworden ist, ohne dass du es hättest verhindern können."

„Du kennst mich viel zu gut."

„Dein großes Herz wird noch einmal dein Untergang sein", stöhnte Septima, glitt vom Schreibtisch und nahm Minerva in die Arme. „Und trotzdem liebe ich dich besonders dafür."

"Tu nicht so, du bist keinen Strich besser", erwiderte Minerva und schmiegte sich in die tröstliche Wärme von Septimas Umarmung. Septima schaute auf Minervas gebeugten Kopf hinab und entschied, dass ihre Freundin am dringendsten etwas im Magen und eine Mütze voll Schlaf brauchte.

„Was hältst du von einem kleinen Abendessen? Wie ich dich kenne, hast du den ganzen Tag noch nichts Vernünftiges gegessen."

„Nein, das habe ich nicht, aber ich habe jetzt wirklich keine Lust, mir das Geplapper in der Großen Halle anzuhören", erwiderte Minerva und löste sich bedauernd aus Septimas Armen.

„Wir könnten hier essen. Oder auch bei mir, falls dir das lieber ist."

„Ich würde es vorziehen, hier zu bleiben, vielleicht brauchen sie mich nachher noch", antwortete Minerva. „Ich glaube zwar nicht, dass es heute noch weitere Komplikationen gibt, aber sicher ist sicher."

"Na schön, wie du meinst. Obwohl dir ein kleiner Tapetenwechsel sicher nicht schaden würde", seufzte Septima. „Und nach dem Essen gehst du ins Bett, klar? Ich glaube kaum, dass du heute dazu gekommen bist, dich in irgendeiner Form ruhig hinzusetzen, ohne Probleme zu wälzen."

"Doch, heute früh, bevor das alles angefangen hat."

"Oh, Wahnsinn!", kommentierte Septima ironisch. „Du gehst jetzt brav in dein Wohnzimmer und auf dein Sofa und ich kümmere mich darum, dass wir ein Abendessen hierher bekommen."

Doch wie sich herausstellte, war das nicht erforderlich. Als sie das Wohnzimmer betraten, war der Tisch schon gedeckt und das Essen dampfte auf ihren Tellern.

„Manchmal könnte ich Albus knutschen", sagte Septima zufrieden, „ich weiß ja nie, woher er immer zur rechten Zeit auf die richtigen Ideen kommt, aber ich weiß, dass das hier auf seinen Mist gewachsen sein muss."

Sie setzten sich an den Tisch und während sie aßen, unterhielt Septima Minerva mit einer Schilderung ihres Ausflugs, um sie auf andere Gedanken zu bringen.

„Und dann hat Charity diesem Troll ihr Popcorn in den Nacken gekippt und ihm den Rat gegeben, sich das doch draußen von Tauben wieder herauspicken zu lassen, in der Hoffung, er würde dann endlich Ruhe geben", kicherte Septima.

„Hat es denn funktioniert?"

"Nicht die Bohne", lachte Septima, „ich habe gedacht, er würde jeden Moment platzen. Da dreht sich also dieser zwei Meter große Gorilla um und will über die Sitzreihe klettern, um Charity die Meinung zu geigen und sie hat nichts Besseres zu tun als sich über ihn kaputt zu lachen. Ich musste eine Ganzkörperklammer auf ihn abschießen und sein Gedächtnis verändern, um ihn loszuwerden."

„Hat denn niemand etwas bemerkt?"

"Iwo, die drei Männekens, die im Kino waren, haben nichts bemerkt, weil Dracula sich gerade daranmachte, das schöne Mädchen zu beißen."

"Ist Kino immer so?", fragte Minerva recht entgeistert.

„Nein. Es kommt immer darauf an, mit wem man hingeht und welche Trottel um einen herumsitzen. Und mit Gorilla haben wir eindeutig den Hauptgewinn gezogen was das anbelangt. Warst du denn noch nie im Kino?"

"Nein, bislang nicht. Ich hatte nicht das Bedürfnis, mich in Muggelkleidung zu hüllen und mich in einen dunklen Saal voller Leute zu setzen, um mir irgendwelche bewegte Bilder anzusehen."

"Da hast du wirklich etwas verpasst. Das holen wir nach, du wirst sehen, dass dir das Spaß machen wird. Es kommt natürlich auch auf den Film an, aber ich bin mir sicher, dass ich schon das richtige finden werde", versprach Septima und kratzte die Reste von ihrem Teller zusammen.

„Wenn wir fertig gegessen haben, gehen wir ins Bett", bestimmte sie dann.

"Ich nehme mal an, dass ich dir widerspruchslos gehorchen sollte", bemerkte Minerva spöttisch.

„Ich würde es begrüßen, wenn du es tätest", erwiderte Septima. „Andernfalls müsste ich dich ins Schlafzimmer tragen, was möglicherweise eine gewisse romantische Komponente beinhaltete, sich aber nichtsdestotrotz schädlich auf meinen Rücken auswirken würde. Zumal ich damit rechnen müsste, dass du mir erbitterte Gegenwehr leisten würdest", führte Septima lässig aus.

„Und ich glaube, du siehst zu viele Filme", konterte Minerva und erhob sich. „Ich erspare dir lieber den Leistenbruch und gehe freiwillig ins Bett."

Sie verschwand im Schlafzimmer.

Septima gönnte sich den Luxus, den Hauselfen das Aufräumen zu überlassen und folgte ihr umgehend. Anstandslos ließ sie ihre Kleider neben dem Bett zu Boden fallen, benutzte einen schnellen Reinigungszauber und schlüpfte schon zwischen die Laken, während Minerva noch im Bad herumrumorte.

Als Minerva endlich das Schlafzimmer wieder betrat, richtete Septima sich auf.

„Ich dachte schon, du wärst im Waschbecken ertrunken", bemerkte sie und zog die Bettdecke wieder über ihre bloßen Schultern.

„Gib dich keinen falschen Hoffungen hin", antwortete Minerva und wollte sich das Nachthemd überstreifen.

„Ich verstehe einfach nicht, warum du dich zum Schlafen ständig in zwanzig Meter Stoff hüllen musst", murrte Septima. „Ich finde es viel schöner, wenn ich direkt spüren kann, wenn du neben mir liegst."

"Und ich verstehe nicht, wie jemand noch bei Minusgraden nackt schlafen kann ohne zu erfrieren", konterte Minerva, ließ ihr Nachthemd aber liegen und schlüpfte nun doch so ins Bett. „Ich hoffe nur, dass du mit deinem Einwand nicht irgendwelche Hintergedanken verfolgst."

"Würde mir im Traum nicht einfallen", erwiderte Septima, zog Minerva in ihre Arme und küsste sie sanft.

„Und was war das jetzt? Ich würde es als Verführungsversuch werten."

"Blödsinn. Das war lediglich ein Gute-Nacht-Kuss", erwiderte Septima, löschte das Licht und zog Minerva in eine bequemere Position. Sie spürte, dass ihre Partnerin viel zu angespannt war, um zur Ruhe zu kommen und streichelte ihr sanft den Rücken entlang.

„Und was soll das werden, wenn es fertig ist?", klang Minervas Stimme trocken durch die Dunkelheit.

„Schsch. Leg dich wieder hin und gib Ruhe", schimpfte Septima. „Du bist steif wie ein Brett, ich versuche nur, dich dahinzubringen, dass du dich entspannst und einschlafen kannst."

Minerva legte sich wieder zurück und schmiegte ihren Kopf an Septimas Schulter und allmählich erreichten Septimas sanft streichelnde Hände, dass ihr Körper sich entspannte und ihr die Augen zufielen.

Septima lauschte auf ihre ruhigen Atemzüge und war froh darüber, dass Minerva nun endlich ein wenig Ruhe hatte und Schlaf fand.

Mitten in der Nacht wurde Septima wach. Irgendetwas hatte sie geweckt, doch sie konnte nicht sofort ergründen, was es war. Noch benommen vom Schlaf blieb sie liegen und spürte in die Dunkelheit hinaus, was sie geweckt haben könnte. Das Gefühl warmer Nässe an ihrer Schulter und ein leichtes Zucken von Minervas Körper in ihrem Arm brachte sie schließlich darauf. Minerva weinte.

„Minerva", flüsterte sie in die Dunkelheit, „Minerva! Was ist denn?"

Ihre Freundin reagierte nicht auf ihre Worte und mit einer vorsichtigen Bewegung machte Septima Licht und wandte den Kopf.

„Sie schläft ja?", murmelte sie überrascht und richtete sich ein wenig auf. Sanft streichelte sie Minervas Wange, strich das wirre Haar aus ihrer Stirn und rief immer wieder leise ihren Namen, um sie wecken.

Schließlich schoss Minerva mit einem panischen Aufschrei auf und fand sich sofort in den Armen von Septima wieder, die sie liebevoll umfing und sanft hin und herwiegte.

„Schsch, ganz ruhig, mein Liebes. Ich bin ja hier. Ganz ruhig", murmelte sie in Minervas Haar und streichelte ihr immer wieder über den Rücken, bis Minervas krampfhafte Schluchzer langsam verebbten.

„Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe", murmelte Minerva und löste sich aus Septimas Umarmung. „Ich hatte nur einen schlechten Traum."

Nur einen schlechten Traum?", wiederholte Septima, beugte sich über Minerva und wischte ihr liebevoll die Tränen vom Gesicht. „Ich würde sagen, ein Traum, der dich unter Tränen und mit einem panischen Schrei aufwachen lässt, muss es schon ziemlich in sich haben."

"Es war nur ein Traum", wiederholte Minerva, als ob sie sich selbst davon überzeugen müsste.

„Träume sind wichtig, Liebes." Septima zog Minerva an sich und spürte, dass sie immer noch zitterte. „Der Traum träumt den Träumer. Die australischen Aborigines glauben, dass ihre Vorfahren das Universum herbeigeträumt haben. Wenn ich auch nicht soweit gehen würde, so würde ich doch sagen, dass dein Traum zumindest für dich wichtig ist. Magst du mir davon erzählen?"

„Ich weiß nicht", murmelte Minerva und barg ihren Kopf an Septimas Schulter. „Vielleicht schon. Es ist nur… Es ist schwierig."

"Ich höre zu, wir haben Zeit."

„Ich habe von Hogwarts geträumt", begann Minerva stockend. „Ich…ich bin weg gewesen und zur Schule zurückgekehrt. Ich habe schon von Weitem gemerkt, dass – dass etwas nicht in Ordnung war. Und dann bin ich näher gekommen und habe das Dunkle Mal über der Schule gesehen. Ich wusste, dass mich etwas Furchtbares erwartet, aber ich musste, ich musste einfach hineingehen und es mit meinen eigenen Augen sehen."

Septima nickte und rieb ihre Wange an Minervas Haar. „Sprich weiter. Was geschah dann?"

"Ich bin durch das Portal gegangen und in der Großen Halle habe ich sie dann gefunden." Minerva schauderte wieder.

„Wen hast du gefunden? Erzähl es mir", bat Septima. Ihr war klar, dass Minerva sich ihren Traum von der Seele reden musste.

„Unsere Schüler", flüsterte Minerva. „Alle tot. Ich bin weiter durch das Schloss gelaufen, ich musste sehen, ob nicht jemand überlebt hatte. Aber alle, die ich fand, waren tot. Albus, Poppy, Pomona, alle. Dann hab ich ein Geräusch gehört und bin in diese Richtung gelaufen. Ich… ich kam kaum vom Fleck, aber ich wusste, dass ich schnell genug sein musste. Ich bin wieder in die Halle zurück und da – da war er." Sie verstummte wieder und versuchte einen Schluchzer zu unterdrücken.

"Wer ‚er'?", fragte Septima behutsam.

„Severus. Er… er hielt dich vor sich, sein Zauberstab zeigte genau auf dein Herz und er… er lachte. Er sagte, ich würde nun endlich sehen, wozu er fähig wäre und er hat… Er hat dich getötet, vor meinen Augen und ich konnte nichts tun, um ihn dran zu hindern."

„Ich bin hier, Minerva. Mir geht es gut, niemand hat mir etwas getan."

"Ich weiß, es ist albern. Aber es war so furchtbar."

"Das glaube ich dir gerne", murmelte Septima und wiegte Minerva wieder in ihren Armen wie ein kleines Kind.

„Glaubst du an Vorahnungen?", fragte Minerva nach einer Weile.

„Nein, nicht wirklich", sagte Septima sofort. „Was ich glaube ist, dass du dir gestern zu viele Sorgen um zu viele und zu schlimme Dinge gemacht hast und dich diese Gedanken bis in deinen Traum verfolgt haben: Die Schüler, die du nicht schützen konntest, deine Freunde, die du nicht vor dem Tod bewahren konntest und ein Snape, der dir seine Worte von gestern quasi um die Ohren gehauen hat. Dein Traum hat deine Erlebnisse und deine Ängste zu einer Kollage verwoben, nichts davon ist real. Und eines verspreche ich dir", ein verschmitztes Lächeln stahl sich in Septimas Gesicht, „sollte Snape mich wirklich umbringen, dann werde ich als Geist zurückkehren und ihm das Leben schwer machen."

Minerva lächelte zögerlich. „Armer Severus", erwiderte sie langsam, „dir traue ich nämlich zu, dass du das wirklich tun würdest."

"Klar. Wenn nicht, um Snape in seinen Hintern zu treten, dann schon aus dem einen Grund, dass ich dich nie allein lassen würde. Und jetzt leg dich wieder hin und versuch zumindest, noch ein wenig zu schlafen. Ich kann das Licht anlassen, wenn du magst."

"Ich denke, das wird nicht nötig sein."

Septima küsste Minerva liebevoll, löschte das Licht und zog Minerva wieder in eine liebevolle Umarmung und hielt sie, bis endlich wieder eingeschlafen war.


Tbc