Kapitel 23

Wut und Trauer

Septima trat scheu in das Büro, das nun nicht mehr Albus gehörte und warf einen zaghaften Blick auf ihre Partnerin, die sich stoisch aufrecht hielt und gerade den Minister und seine Delegation verabschiedete.

„Ich bin froh, dass Sie der Beisetzung auf Hogwarts nun doch zugestimmt haben, Minister", sagte Minerva gerade und ihre Stimme schwankte kaum merklich.

„Liebe Minerva, ich bitte Sie! Wie könnte ich Dumbledore seinen letzten Wunsch verwehren? Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob es klug ist, die Schüler so lange hierzu behalten."

„Sie wollen sich von ihm verabschieden, Rufus. Das können Sie ihnen nicht nehmen", erwiderte Minerva entschieden.

„Sicher, Sie haben ja Recht", seufzte der Minister. „Mir wäre nur wohler, wenn ich sie schon sicher Zuhause wüsste."

"Wohler wäre mir dabei auch", sagte Minerva, „aber es wäre nicht richtig. Ich habe noch viel zu erledigen. Guten Abend, Minister."

"Guten Abend Minerva, Professor", grüßte er Septima im Vorübergehen, dann klappte die Tür hinter ihm und seiner Entourage zu.

Als schließlich alle außer Septima gegangen waren, trat Septima leise an Minerva heran und legte ihr die Hände auf die Schultern.

„Minerva?", begann sie leise.

„Ja?"

„Ich versteh nicht, wie du so gefasst bleiben kannst. Jeder andere an deiner Stelle wäre zu nichts zu gebrauchen."

„Ich kann mir den Luxus, zusammenzubrechen nicht leisten, Septima. Einer von uns muss doch einen klaren Kopf bewahren und sich um alles kümmern, oder?"

„Sicher. Aber…"

„Aber wer sollte es sonst tun?", unterbrach Minerva sie. „Sonst hat keiner die Erfahrung oder das Wissen, das ich habe, um diese Schule zu leiten. Außer…"

„Außer Severus", vollendete Septima Minervas Satz.

Minervas Gesicht wurde hart.

„Ja, außer Severus!" Sie spuckte den Namen beinahe aus. „Severus, der Verräter, der Mörder! Septima, wie konnte er nur?"

„Einmal Todesser, immer Todesser, Minerva."

„Ich verstehe nicht, dass ausgerechnet Albus sich so hat täuschen lassen! Ich verstehe es einfach nicht, Septima! Wie lange muss er das schon geplant haben? Wie hat er uns all die Zeit überhaupt noch in die Augen sehen können? Septima, ich habe ihn gemocht, ich habe ihm vertraut, verdammt noch mal!"

Voll hilfloser Wut schleuderte Minerva ein Tintenfass in den Kamin, wo es in krachend in tausend Scherben zerbarst, bevor sie sich zu Septima umdrehte, mit einem Ausdruck in den Augen, der Septima zutiefst entsetzte. Sie erkannte unbändige Trauer und Verzweiflung in Minervas Augen, den unmenschlichen Hass, der sie durchzog und aus dem sie ihre Kraft schöpfte und erschrak.

Sie sah, was Snape ihrer Freundin angetan hatte, erkannte es an dem harten metallischen Glanz ihrer Augen und eine Woge von Hass überschwemmte sie. Sie wollte dieses Ungeziefer vom Erdboden vertilgen, ihn zerreißen und zerquetschen, weil er die Frau verletzt hatte, die sie so sehr liebte, weil er es gewagt hatte, ihre Seele zu verbiegen, bis sie beinahe brach.

Sie wollte Voldemort finden und ihn leiden sehen. Sie war bereit, ihn mit ihren bloßen Händen zu töten, bereit, Minerva zu rächen für alles, was er ihr angetan hatte. Er hatte ihre Familie getötet, ihr Zuhause zerstört, ihr nun ihren besten Freund genommen und den Kollegen, den sie so sehr geschätzt hatte, zum Verräter gemacht. Septima hatte nie gedacht, dass sie so sehr hassen konnte, aber nun fühlte sie, wie der Hass in ihr wuchs und wucherte wie ein eitriges Geschwür, dass sie innerlich ausfüllte und zu zerreißen drohte.

„Er wird sich nicht lange an seinem Triumph erfreuen können", versprach sie Minerva mit bebender Stimme. „Ich werde diesen Mistkerl finden und zu Kleinholz machen, mit meinen eigenen Händen! Er wird dafür büßen, was er dir angetan hat, was er uns allen angetan hat!"

„Septima…"

„Nein, Minerva. Voldemort zerstört unsere Welt und wir weichen zurück. Er ermordet unsere Freunde und wir weichen zurück. Er zerreißt unsere Familien und wir weichen zurück. Aber nur bis hier hin! Nicht weiter. Ich werde zurückschlagen, ihn stoppen und wenn es das letzte ist, was ich tue! Ich werde ihn bezahlen lassen für alles, was er getan hat!"

„Damit ich dich auch noch verliere? Nein, Septima, du bist alles, was ich noch habe."

Und zum ersten Mal seit der Nachricht von Dumbledores Tod brach Minervas strenge Haltung vollkommen zusammen, ihr Schmerz bahnte sich seinen Weg. Sie begann, unkontrolliert zu schreien und zu toben, schrie ihren Schmerz, ihre Wut, ihren Hass aus sich heraus, schlug auf Septima ein, als sie sie an sich ziehen wollte.

Septima erstarrte für einen Moment, doch dann straffte sie sich. Unauffällig legte sie einen Schweigezauber um den Raum, um es Minerva zu ersparen, bei ihrem Ausbruch belauscht zu werden. Schließlich

schluchzte und weinte Minerva nur noch, die Tränen strömten wie Flüsse aus ihren Augen und erst dann ließ sie es zu, dass Septima die Arme um sie legte und an sich zog.

Ihre Trauer war wie ein Unwetter, das auf Septima niederging, doch sie hielt Minerva fest, bereit, diesen Schmerz mit ihr gemeinsam durchzustehen.

Als es vorüber war, klammerte Minerva sich an Septima, kraftlos und erschöpft und barg ihr Gesicht weiter an Septimas weicher Brust.

„Ich werde dich wegschicken", murmelte sie dann gedämpft an Septimas Brust. „Ich hätte dich zwar lieber hier bei mir, aber ich werde dich wegschicken. Irgendwohin, wo du sicher bist."

„Ich gehe hier nicht weg", erklärte Septima entschieden und schob Minerva ein Stück von sich, um sie ansehen zu können. „Glaubst du etwa, ich würde dich hier alleine lassen, gerade jetzt, wo du mich brauchst?"

„Versteh doch", flehte Minerva, „ich leite jetzt die Schule und den Orden und als meine Partnerin bist du damit ein Hauptangriffsziel um mich zu treffen. Wenn ich dich wegschicke, dann nur, um dich nicht auch noch hergeben zu müssen."

„Ich glaube, du bist in größerer Gefahr als ich", erwiderte Septima stur.

Minerva schüttelte den Kopf. „Nein. Ja, vielleicht. Aber wenn sie mich treffen wollen, dann bist du das Ziel, dass das am besten erreicht. Wenn sie mich aus der Reserve locken wollen, wärst du der beste Köder, den sie sich denken können. Und dank Severus wissen sie das genau! Sie würden zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, sie wären ein ungeliebtes Schlammblut los und hätten mich da, wo sie mich haben wollen. Nein, du musst fort von hier, gleich nach der Beisetzung. Ich werde mir etwas ausdenken müssen, um dich in Sicherheit zu wissen. Ich… ich könnte es nicht ertragen, wenn ich dich auch noch verlieren sollte!"

Septima zog Minerva wieder an sich und wiegte sie leicht in ihren Armen hin und her.

„Du wirst mich nicht verlieren, Liebste. Ich werde dich niemals verlassen. Mach dir keine Sorgen um mich, ich bin eine harte Nuss."

Ihr Blick fiel auf den schlafenden Dumbledore in seinem Bilderrahmen und erneut spürte sie, wie eine Woge aus Trauer und Hass über sie hereinbrach. Unwillkürlich fasste sie Minerva fester.

"Du musst dich für eine Weile hinlegen", murmelte sie in ihr Haar und vermied es, erneut zu Dumbledores Bild zu blicken.

„Ich könnte jetzt nicht schlafen", gab Minerva zurück. „Es ist noch soviel zu tun."

"Nicht, was sich nicht auf morgen verschieben ließe", beharrte Septima und strich mit den Lippen über Minervas Haar.

„Die meisten Vorbereitungen sind getroffen, den Rest können wir morgen früh erledigen. Du musst das nicht alleine tun, Minerva, wir werden dich alle unterstützen, das weißt du. Aber du wirst morgen mit der Nase in die Suppe fallen, wenn du dich nicht ausruhst."

"Vielleicht hast du Recht", gab Minerva zögernd zu und löste sich widerwillig aus Septimas Umarmung.

„Nicht nur vielleicht, sondern ganz bestimmt." Septima lächelte sie liebevoll an und nahm ihre Hand. „Komm."

Minerva ließ sich widerstandslos von Septima aus dem Büro führen. Plötzlich fühlte sie sich abgestumpft und leer und sie fragte sich, ob sie je wieder etwas empfinden konnte außer dieser großen Leere, die Albus in ihr hinterlassen hatte. Unwillkürlich drängte sie sich enger an Septima, um bei ihr ein wenig von der Liebe wieder zu finden, die sie noch vor wenigen Momenten für sie empfunden hatte.

Septima sah sie an und schien zu wissen, was in ihr vorging, denn sie legte Minerva schweigend den Arm um die Taille, führte sie ebenso wortlos in ihre Räume und brachte sie ins Bett.

Erst dann brach sie das Schweigen.

„Möchtest du lieber allein sein? Oder soll ich bei dir bleiben?"

Septima sah sie offen an und wartete auf eine Antwort.

„Es wäre mir lieber, wenn du bleiben würdest", sagte sie endlich, rutschte zur Seite und hob einladend die Bettdecke an.

Septima zog sich rasch aus und schlüpfte zu Minerva unter die Decke.

Fröstelnd drängte Minerva sich an sie.

„Septima, mir ist so kalt", flüsterte sie. „Halt mich bitte fest."

„Du hast einen Schock", stellte Septima fest und legte die Arme um Minerva, um sie an sich zu ziehen und sie zu wärmen. „Es wundert mich nur, dass du nicht längst umgekippt bist."

„Ich hatte keine Zeit dafür", murmelte Minerva und legte ihren Kopf erschöpft an Septimas Schulter.

Nach einer Weile sagte sie leise: „Ich fühle mich so leer, Septima. Ganz taub, als ob ich nie wieder etwas empfinden könnte."

„Ich wage die Behauptung, dass das ganz normal ist", antwortete Septima ebenso leise und fasste Minerva fester. „Als du deine Familie verloren hast, musst du dich genauso gefühlt haben."

„Nein", sagte Minerva, „nicht so. Damals hatte ich Albus, er hat mich aufgefangen. Er war für mich da. Er war immer für mich da, mein ganzes Leben."

Sie schwieg einen Moment, dann sagte sie heftig: „Er hat mich immer so furchtbar genervt mit seinen Süßigkeiten! Du hattest etwas Ernsthaftes mit ihm zu besprechen und er hielt dir immer eine Tüte mit irgendwelchen merkwürdigen Süßigkeiten unter die Nase! Ich habe ihn so oft dafür angefahren. Und jetzt… Ich würde ihm kiloweise Lakritzschnecken und Zitronenbonbons geben, wenn er nur da wäre!" Sie schnaufte. „Selbst vorhin, als er da so im Gras lag, habe ich erwartet, dass er aufspringt und versucht, mir irgendeinen Süßkram anzudrehen. Aber das hat er nicht."

Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf, um das Bild von Albus im Gras vor ihrem inneren Auge zu vertreiben.

„Schlaf endlich, Liebes", sagte Septima sanft und streichelte Minervas Rücken.

„Kann ich nicht. Immer, wenn ich die Augen zumache, sehe ich ihn da liegen", erwiderte Minerva. „Weißt du, es ist wie in dem Traum, den ich hatte", sagte sie langsam. „Und ich verstehe endlich, was er damals meinte. Er hat das geplant, Septima, er hat es schon so lange geplant.

Schon, als er mir sagte, eines Tages würde ich sehen, wozu er fähig ist und ich würde ihn dafür verabscheuen und hassen. Er hat angekündigt, was er tun würde und ich habe es nicht verstanden. Vielleicht hätte ich es verhindern können, wenn ich damals verstanden hätte, was er gesagt hat."

„Woher hättest du das wissen sollen? Woher hättest du wissen können, dass er das geplant hat?"

"Ich weiß nicht", sagte Minerva müde, „ich werde nur den Gedanken nicht los, dass es meine Schuld ist. Ich habe seine Warnung nicht verstanden und heute Nacht war ich es, die veranlasst hat, ihn zu holen. Ich bin schuld daran, dass Albus tot ist."

„Nein, das bist du nicht", widersprach Septima. „Du hättest es nicht vorhersehen können. Außerdem waren wir alle froh, als er kam, weil wir dachten, er würde uns helfen. Keiner von uns hat damit gerechnet, wie hättest du damit rechnen sollen?"

"Du hattest von Anfang an Recht, als du sagtest, du würdest ihm nicht trauen", wisperte Minerva. „Aber ich wollte es nicht wahrhaben. Ich konnte nicht glauben, dass Albus sich so irren könnte, ich wollte nicht glauben, dass Severus uns verraten könnte. Er hat Recht behalten, weißt du?", fügte sie unvermittelt an. „Er hat Recht behalten. Ich hasse und verabscheue ihn für das, was er getan hat."

Minerva starrte mit weit geöffneten Augen in die umgebende Dunkelheit.

„Schlaf, Liebes. Du musst endlich zur Ruhe kommen", drängte Septima besorgt.

Minerva ignorierte sie. „Ich frage mich, was die Schulräte beschließen werden. Vielleicht ist das auch das Ende von Hogwarts."

"Mach dir doch jetzt darüber keine Gedanken. Ich bin sicher, dass sie die Schule nicht schließen werden. Was wäre denn die Alternative? Dass die Kinder von ihren Eltern unterrichtet werden?"

"Ich weiß es nicht. Aber ich kann mir Hogwarts nicht ohne Albus vorstellen."

"Wir drehen uns im Kreis", bemerkte Septima trocken.

„Septima, ich weiß nicht, ob ich mit all dem fertig werde", bekannte Minerva verzagt.

„Liebes, du schaffst das, wie du es immer geschafft hast", redete Septima beruhigend auf sie ein. „Du hast den Drei-Uhr-Morgens-Blues, um diese Uhrzeit sollte man keine Probleme mehr wälzen. Außerdem bist du zwanzig Stunden auf den Beinen gewesen, du bist einfach erschöpft. Soll ich zu Poppy gehen und sie nach einem Schlafmittel für dich fragen?", bot sie dann an.

„Nein, es geht schon", wehrte Minerva ab. „Die Verletzten brauchen ihre Aufmerksamkeit wesentlich mehr als ich. Außerdem braucht sie ihren Schlaf."

"Du auch." Septima seufzte resigniert und legte ihre Wange gegen die von Minerva. „Ich glaube, Albus würde nicht wollen, dass du dir mit solch finsteren Gedanken die Nacht um die Ohren schlägst. Er würde nicht wollen, dass du dich schuldig fühlst. Er würde wollen, dass du dem Leben die Zähne zeigst, dass du weitermachst und dass du nicht verlernst, glücklich zu sein."

"Ja, vielleicht", sagte Minerva leise. „Vielleicht. Bitte halt mich."

Septima schlang ihre Arme noch fester um Minerva, drückte ihren schmalen Körper eng an ihren und hoffte, dass sie ihr genügend Liebe und Wärme spenden konnte, um sie zu trösten.

Normalerweise hätte sie in einer solchen Situation auf Albus Hilfe gehofft, wenn sie mit Minerva nicht weiterwusste, hatte sie sich auf seinen Rat verlassen können, da er sie besser kannte als irgendjemand sonst. Heimlich verfluchte sie den Umstand, dass er ausgerechnet jetzt nicht bei ihnen war, dass es ausgerechnet er war, der Minerva in diesen Zustand brachte und sie verfluchte den Umstand, dass sie nicht wusste, wie sie ihr helfen konnte. Septima fühlte sich hilflos angesichts Minervas Kummer und Schuld, sie fühlte sich ebenso verlassen wie Minerva sich fühlen musste. Leise rannen die Tränen ihre Wangen hinab und sie wandte den Kopf, damit Minerva nicht merkte, dass sie weinte.

„Septima?"

"Ja, Liebes?" Septima versuchte normal zu klingen.

„Ich weiß, dass du weinst. Du brauchst dich nicht dafür zu schämen."

Sie fühlte, wie Minervas Hand nach ihrem Gesicht tastete und ihr sanft die Tränen abwischte.

„Ich schäme mich nicht. Ich wollte nur nicht, dass du dir noch mehr Gedanken machst", erwiderte Septima und kam sich dumm vor.

„Ich würde mir mehr Sorgen machen, wenn du nicht weinen würdest", flüsterte Minerva und legte ihre eigene nasse Wange an die von Septima.

Am nächsten Morgen wunderte sich niemand darüber, dass die Professoren McGonagall und Vektor einen reichlich übernächtigten Eindruck machten, die anderen Schlossbewohner wirkten ebenfalls niedergeschlagen und müde.

Beim Frühstück in der Großen Halle ging es sehr gedämpft zu und mehr als ein Blick schweifte an den Lehrertisch, an dem der große Lehnstuhl in der Mitte leer geblieben war. Minerva hatte es nicht über sich gebracht, sich als amtierende Schulleiterin auf Albus Stuhl zu setzen.

Hagrid war nicht zum Frühstück erschienen, was Minerva nicht weiter verwunderte und im Stillen war sie sogar dankbar dafür, dass er nicht gekommen war. Sein von Gram durchzogenes Gesicht hätte ihr einen Spiegel vorgehalten und ihre Selbstbeherrschung ernsthaft gefährdet. Der nächste Gang würde ihr schon schwer genug fallen. Schweigend rührte sie in ihrem Tee herum und ignorierte Septima, die versuchte, sie zum Essen zu bewegen.

Als sie schließlich davon ausgehen konnte, dass alle ihr Frühstück beendet hatten, erhob sie sich.

„Es ist nun an der Zeit", sagte sie. „Bitte folgt euren Hauslehrern hinaus auf das Gelände. Die Gryffindors mir nach."

Die Schüler erhoben sich beinahe stumm von ihren Plätzen und marschierten hintereinander hinaus.

Die Sonne schien warm auf Minervas Gesicht als sie ihre Schüler zu dem Platz führte, wo Hunderte von Stühlen in Reihen aufgestellt worden waren, ausgerichtet auf einen Marmortisch.

Die Schüler mischten sich unter die vielen Trauergäste, die sich bereits eingefunden hatten und Minerva selber begab sich in die erste Stuhlreihe zu den anderen Lehrern, wo sie zwischen dem Minister und Septima Platz nahm.

Musik erklang und Minerva wusste, ohne nachzusehen, dass das der Chor der Wassermänner und -frauen aus dem schwarzen See war, die auf diese Weise von Dumbledore Abschied nahmen. Dankbar fühlte sie, dass Septima ihre Hand ergriff und sie schluckte, um den unangenehmen Kloß in ihrem Hals loszuwerden.

Hagrid schritt den Gang zwischen den Stühlen entlang. Sein Gesicht glänzte von Tränen und in einen seinen Armen trug er Dumbledore, eingehüllt in eine violette, mit goldenen Sternen verzierte Samtdecke, um ihn vorsichtig auf dem Tisch abzulegen.

Dieser Anblick ließ eine neue Welle von Schmerz in Minerva aufsteigen und sie ließ ihr Gesicht in einer unbewegten Maske erstarren.

Septima rannen die Tränen die Wangen hinab und tropften auf ihre verschlungenen Hände. Schweigend reichte sie Septima ein Taschentuch und wandte ihren Blick wieder auf Hagrid, der tränenblind den Gang entlang stolperte und sich laut schnäuzte, womit er sich missbilligende Blicke zuzog, wie Minerva verärgert bemerkte. Sie wusste, dass Albus sich nicht daran gestört hätte.

Sie wandte ihren Blick wieder nach vorne, wo ein kleiner Zauberer vor Dumbledores Leiche stand und eine Rede hielt und Allgemeinplätze von sich gab.

Minerva hörte nur mit halbem Ohr zu und erhaschte Worte wie „Geistesadel", „Intellektueller Beitrag" und „Herzensgüte", was ihr nicht sonderlich angemessen schien. Sie wusste, dass Dumbledore sich eine andere Grabrede gewünscht hätte, eine Rede, die die Trauernden trösten würde und menschliche Wärme vermittelte.

Endlich hörte der kleine Zauberer auf zu reden und Minerva sah teilnahmslos zu, wie weiße Flammen um Dumbledores Körper und den Tisch herum aufloderten, sie hörte, wie einige Leute erschrocken aufschrien, aber es kümmerte sie nicht.

Sie verfolgte den spiralig aufsteigenden Rauch der Flammen mit den Augen und ballte die freie Hand so fest zusammen, dass sich ihre Nägel in ihre Handfläche bohrten.

Eine Sekunde später verschwanden die Flammen und enthüllten ein weißes Grabmal aus Marmor, das Dumbledores Leichnam und den Tisch umschloss, auf dem er gelegen hatte.

Wieder schrien Leute auf, als die Zentauren ihren Tribut an Dumbledore entrichteten und einen Schauer von Armbrustpfeilen durch die Luft sandten, und Minerva sah, dass der Minister zu Stirn runzelte. Es hätte sie nicht weniger kümmern können.

Die Trauerfeier war mit diesem Tribut vorüber und die Leute erhoben sich von den Stühlen.

Minerva unterdrückte einen Seufzer. Sie würde höflich Konversation betreiben müssen, sehen, dass in der Schule alles seinen geregelten Gang lief, sich darum kümmern, dass die Schüler heil nach Hause kamen und die vielen Dinge erledigen, um die sich sonst Albus gekümmert hatte.

Sie erhob sich mit einem Gefühl als hätte sie Blei in den Knochen und sah, dass Minister Scrimgeour eilends auf Harry zuhumpelte.

Minerva konnte sich gut vorstellen, dass er bei dem Jungen genauso auf Granit beißen würde wie sie es selbst getan hatte.

Dann gab sie sich einen Ruck und stellte sich ihren Aufgaben.

Schließlich hatten sie die Schüler alle im Hogwarts-Express untergebracht, den Minister und seine Delegation verabschiedet und Minerva hatte es auf sich genommen, und den immer noch weinenden Hagrid in seiner Hütte besucht, um ihn ein wenig zu trösten.

Nun saß sie mit Septima in ihrem Wohnzimmer und lehnte sich müde auf der Couch zurück.

„Wir müssen ein neues Hauptquartier für den Phönixorden finden. Durch Albus Tod wurden wir alle zu Geheimniswahrern, auch Severus. Ich fürchte, unser Hauptquartier ist nicht mehr sicher. Alastor will zwar ein paar Schutzzauber über das Haus am Grimmauldplatz verhängen, aber ich habe Zweifel, dass das sonderlich viel nützt."

„Hat das nicht Zeit?", fragte Septima ruhig.

„Ich fürchte nein", gab Minerva zurück. „Wir müssen bald eine Zusammenkunft einberufen und überlegen, wie wir wegen Harry vorgehen."

„Was ist mit ihm?", fragte Septima irritiert.

„Stimmt, das weißt du ja noch gar nicht. Harry ist bald volljährig und dann erlischt der Schutz, den Albus ihm auferlegt hat. Solange der Zauber wirkt, ist er bei Onkel und Tante sicher, aber danach kommt Du-weißt-schon-wer an ihn heran. Wir müssen ihn rechtzeitig an einen sicheren Ort bringen um ihn weiterhin schützen zu können. Wir müssen uns etwas ausdenken, wie wir das bewerkstelligen."

"Das dürfte nicht einfach sein", überlegte Septima.

„Nein, nicht wenn wir davon ausgehen, dass die Todesser Spione im Ministerium haben und Harrys Schritte überwachen können. Magie im Haus der Dursleys würde sofort auffallen, damit fällt Apparieren flach. Das Flohnetzwerk ist zu riskant, zumal das Haus erst angeschlossen werden müsste und das würde auffallen. Und dann ist da noch die Frage, wo wir ihn unterbringen sollten."

"Könnten wir ihn nicht in deinem Haus unterbringen? Da würde ihn doch

sicher niemand vermuten", schlug Septima vor.

„Sicher könnten wir das. Stellt sich nur die Frage, wie lange er brav dort bleiben und sich langweilen würde, bevor er auf eigene Faust loszieht und sich irgendeinen Ärger einhandelt."

„Stimmt", gab Septima zu, „daran hatte ich jetzt nicht gedacht. Scheint so, als ob wir dringend eine Zusammenkunft einberufen müssten. Aber lass uns morgen darüber nachdenken, ja? Ich weiß nicht wie es dir geht, aber ich bin total erledigt."

„Mmh, ich auch", gab Minerva zu und rieb sich die brennenden Augen.

„Was hältst du davon, dass ich uns ein Abendessen besorge und du dann sofort ins Bett verschwindest? Ich glaube kaum, dass dich heute noch jemand stören wird."

"Nein, vermutlich nicht. Mach das", sagte Minerva und erhob sich widerwillig von ihrem bequemen Platz.

„Und was du jetzt vor?"

„Ich bin immer noch die amtierende Schulleiterin, oder? Und solange nicht raus ist, ob die Schule schließt oder nicht, habe ich Pflichten. Ich kann zumindest schon mal damit anfangen, die Briefe vorzubereiten, in der Zeit, in der du unterwegs bist."

„Aber keine Sekunde länger", bestimmte Septima und küsste Minerva auf die Wange. „Und ich bin schnell wieder zurück."

Sie eilte aus dem Raum und Minerva begab sich schweren Herzens an ihren Schreibtisch. Sie wusste, dass sie eigentlich im Schulleiterbüro sitzen sollte, aber sie schreckte davor zurück, den runden Raum zu betreten.

Septima machte sich auf den Weg in die Küche und orderte ein leichtes Abendessen bei den Hauselfen, die erfreut zu sein schienen, dass ihnen jemand eine Anweisung gab, dann machte sie einen nicht angemeldeten Abstecher zum Krankenflügel, der eigentümlich leer und still wirkte nach dem Gedränge des gestrigen Abends.

Poppy saß auf der Kante eines frisch bezogenen Bettes und starrte ins Leere.

"Hallo Poppy", grüßte Septima leise als sie den Raum betrat.

Poppy sprang auf und wischte sich die Augen trocken.

„Hallo Septima. Was führt Sie denn zu mir?"

„Minerva", gab Septima ehrlich zur Antwort. „Sie hat die ganze letzte Nacht nicht geschlafen und hält sich nur noch mit purer Willenskraft auf den Beinen. Haben Sie nicht ein leichtes Schlafmittel, damit sie für ein paar Stunden zur Ruhe kommt?"

Poppys Gesicht hellte sich ein wenig auf als sie jemanden hatte, den sie verarzten konnte.

„Vorzugsweise geschmacks- und geruchsneutral, damit ich es ihr in den Kürbissaft mischen kann? Sie wissen ja, wie sie ist", fügte Septima hinzu.

"Allerdings, als Patientin ist Minerva ein Alptraum", seufzte Poppy, die diverse Erfahrung damit hatte. „Bei ihrer letzten Grippe habe ich ihr gedroht, sie mit einem Lähmzauber im Bett zu halten. Ihr heimlich ein Schlafmittel zu geben ist sicher nicht sehr ethisch, aber in diesem Fall vermutlich die beste Möglichkeit."

Geschäftig wuselte sie an ihrem Arzneischrank herum und förderte schließlich eine kleine Phiole mit einer klaren Flüssigkeit zutage, die sie Septima in die Hand drückte.

„Drei Tropfen in den Kürbissaft, dann sollte sie die Nacht durchschlafen", sagte sie. „Ich würde allerdings nicht empfehlen, den Trank mit Alkohol zu verabreichen, dann verliert sich die Wirkung."

"Kein Alkohol, verstehe. Danke Poppy, Sie sind ein Engel!"

"Ich tue, was ich kann", erwiderte sie. „Septima? Ist es wahr, dass die Schule geschlossen werden soll?"

"Das weiß ich nicht, Poppy", sagte Septima mit ehrlichem Bedauern. „Letztlich liegt die Entscheidung bei den Schulräten, aber ich hoffe, dass es nicht der Fall ist." Tröstend drückte sie Poppys Schulter, dann machte sie sich auf den Rückweg.