Kapitel 27

Sicherheiten

„Ich kann es kaum glauben, dass du wirklich hier geblieben bist", sagte Septima und schlang Minerva die Arme um die Taille.

„Ich auch nicht", seufzte Minerva, „ich habe wirklich ein schlechtes Gewissen deswegen."

„Das brauchst du nicht", versicherte Septima ihr, „es ist ja nicht so, dass dir nicht mal ein paar Tage zum Ausspannen zustehen würden. Als du vorgestern angekommen bist, sahst du nämlich recht müde aus, im Gegensatz zu heute. Du hast doch gehört was Remus gesagt hat: Wenn sich irgendetwas rührt, dann gibt er dir Bescheid. Was würdest du denn machen wenn du im Schloss wärst? Du würdest in deinen Räumen herumsitzen und dir Sorgen um mich machen und mich vermissen. Da ist es doch besser, du bist hier. Die Zaubererwelt kann ein paar Tage ohne dich auskommen."

„Du könntest durchaus Recht haben", gab Minerva zurück und schmiegte sich an Septima. Dann fragte sie skeptisch: „Und ich sehe tatsächlich erholt aus? Und das, obwohl wir die letzten Abende noch so lange geredet haben."

„Tja, muss an meiner Gegenwart liegen." Septima grinste als Minerva die Augenbrauen hochzog.

„Eingebildet bist du gar nicht, was?", konterte Minerva.

„Nö", versetzte Septima ungerührt. „Hey, was hältst du davon wenn wir raus gehen und die drei Fetzen blauer Himmel ausnutzen, bevor es sich wieder zuzieht?", fragte Septima. „Wir könnten uns ein bisschen in den Garten setzen und uns den Wind um die Nase wehen lassen."

„Das könnten wir machen", stimmte Minerva zu und löste sich widerwillig aus Septimas Umarmung.

Gemeinsam gingen sie nach draußen, wo tatsächlich mal die Sonne warm vom Himmel schien.

„Ich habe ganz vergessen dich das zu fragen. Dein Fidelius-Zauber, erstreckt der sich auch auf den Garten?"

„Natürlich", gab Minerva zurück. „Alles andere wäre ziemlich sinnlos, findest du nicht?"

„Ja, schon, aber ich wollte mich vergewissern."

Sie beschwor eine Wolldecke herauf, breitete sie auf dem Rasen aus und ließ sich darauf nieder. Einladend klopfte sie auf die freie Fläche neben sich und reckte genüsslich das Gesicht in die Sonne.

Minerva setzte sich neben sie und machte es ihr nach. Mit geschlossenen Augen wandte sie das Gesicht der Sonne zu und genoss die Wärme und die friedvolle Stille um sie her.

Dann verdunkelte sich die Sonne plötzlich und als sie irritiert die Augen öffnete, sah sie genau in Septimas Gesicht, das sich dicht vor ihrem befand.

„Was ist?", flüsterte sie.

Septima schüttelte lächelnd den Kopf, drückte sie sanft nach hinten auf die Decke und küsste sie.

Minerva schloss die Augen wieder und überließ sich ganz dem Gefühl von Septimas Lippen auf den ihren, reckte sich Septimas liebkosenden Händen entgegen, die sich mit sanftem Nachdruck einen Weg unter ihre Robe bahnten.

„Deshalb hast du gefragt", murmelte sie träge und zeichnete mit der Hand die Kontur von Septimas Hüfte nach.

„Was dachtest du denn?", raunte Septima. „Ich wollte sichergehen, dass nicht irgendjemand in den Garten platzen kann."

„Kann keiner", keuchte Minerva, als Septimas Hände ihre Brüste aus der Robe schälten. „Nur Remus."

„Der ist zu höflich, um einfach reinzuplatzen", bemerkte Septima, bevor sie ihren Mund auf Minervas Brüste senkte. „Außerdem ist er im Fuchsbau auf der Hochzeit", erklärte sie, als sie den Kopf kurz hob.

„Das ist mir so was von egal", stöhnte Minerva, nahm Septimas Gesicht zwischen ihre Hände und zog sie an sich, um sie zu küssen.

„Stell dir mal vor, Remus wäre wirklich in uns reingeplatzt", bemerkte Septima kichernd und zog die ziemlich derangiert aussehende Minerva fester an sich.

„Das hätte vermutlich seine sämtlichen Gesichtszüge entgleisen lassen", bemerkte Minerva trocken. „Zwei alte Frauen, die es im Garten miteinander treiben dürfte etwas viel für ihn sein."

„Seine ehemaligen Professorinnen, die nichts Besseres zu tun haben als im Garten herumzuvögeln", präzisierte Septima vergnügt und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Das würde vermutlich jeden erschüttern."

„Das ist mir im Moment ziemlich egal", gab Minerva zu und lehnte ihren Kopf bequemer an Septimas Schulter. „Im Moment bin ich einfach nur froh, dass ich hier bei dir bin und meine Ruhe habe vor allem. Das letzte Schuljahr war streckenweise ziemlich hart und die Ferien waren bislang auch nicht wirklich lustiger."

„Was ist im Moment schon lustig?", gab Septima zurück. „Abgesehen von uns beiden?"

„Wir beide?"

„Gerade jetzt finde ich uns ziemlich lustig", erklärte Septima gutgelaunt und hob den Kopf ein wenig an, um Minerva anzusehen. „Zwei alte Schachteln wie wir, die partout die Hände nicht voneinander lassen können und sogar noch im Garten übereinander herfallen. Selbst wenn jetzt jemand käme, würde er sofort erkennen was wir gerade noch getan haben", meinte sie und zupfte an dem kläglichen Rest von Minervas Garderobe, der ihren Körper mehr enthüllte als verbarg.

„Allerdings würde ich demjenigen diesen Anblick sehr missgönnen", fuhr sie fort und richtete sich ein wenig mehr auf, um Minervas Beine in Augenschein zu nehmen.

Minerva knurrte ein wenig unwillig, als Septima ihr die gemütliche Kopfunterlage so plötzlich entzog und setzte sich ebenfalls auf.

Plötzlich fiel ihr auf, dass es kühler geworden war und sie stupste Septima liebevoll in die Seite.

„Es hat sich abgekühlt. Sollen wir nicht lieber hineingehen?"

„Keine schlechte Idee", stimmte Septima zu, stemmte sich von der Decke hoch und reichte Minerva die Hände, um ihr aufzuhelfen.

Mit einem Wink des Zauberstabes ließ Minerva die Decke verschwinden, dann brachte sie ebenso schnell ihre Kleidung wieder in Ordnung.

Schließlich zupfte sie ein paar Grashalme aus Septimas Haar, dann hakte sie sich bei ihr unter und sie kehrten ins Haus zurück.

„Was unternehmen wir wegen des…" Das Wort Abendessen blieb Minerva in der Kehle stecken, als sich ein Patronus vor ihr formte und mit Remus Stimme zu ihnen sprach.

„Das Ministerium ist gefallen, Scrimgeour ist tot. Todesser durchsuchen unsere Häuser, bringt euch in Sicherheit."

Septima hob die Hand an die Kehle. „Und jetzt?", flüsterte sie.

„Jetzt werden wir sehen, ob jemand in den Unterlagen geschnüffelt hat", versetzte Minerva grimmig. „Und wir werden sehen, ob die Schutzzauber halten. Komm mit!"

Sie packte Septima bei der Hand und zog sie mit sich aus dem Haus. Vor der Tür legte sie Desillusionszauber über sie beide und zerrte Septima weiter.

„Minerva, wo willst du hin? Minerva!"

„Still!", gab Minerva scharf zurück und hetzte mit Septima durch den Garten. „Dadurch."
Sie zwängte sich mit Septima durch die kaum sichtbare Lücke in einer Hecke und berührte mit dem Zauberstab den knorrigen Stamm eines alten Baumes. An der Wurzel öffnete sich der Eingang zu einem kleinen Tunnel, in den Minerva Septima hinein schob und nach einem schnellen Blick über die Schulter folgte, bevor sie den Tunneleingang wieder magisch verschloss.

„Mehr konnte ich auf die Schnelle nicht anlegen", keuchte sie leise. „Ich hoffe, dass es genügt." Sie tastete nach Septimas Hand und drückte sie.

„Und du meinst, dass wir hier sicher sind?", flüsterte Septima.

Minerva zuckte die Achseln, bevor ihr einfiel, dass Septima es nicht sehen konnte.

„Ich hoffe doch sehr", sagte sie dann leise und spähte durch die Barriere nach draußen. „Die Hecke und der Baum gehören nicht mehr zu meinem Grundstück, ich habe das Versteck separat getarnt und mit extra Schutzzaubern umgeben. Wir können zwar hinaussehen, aber von außen sieht es aus, als wäre die Barriere dichtes Wurzelgeflecht und Erde. Eigentlich dürften sie das Haus an sich nicht finden, ich habe dafür gesorgt, dass die Unterlagen nicht im Zaubereiministerium sind, sondern bei den Muggelbehörden blieben. Es kommt jetzt darauf an, wie gründlich die Todesser ihre Hausaufgaben gemacht haben. Aber darauf wollte ich mich nicht verlassen und habe stattdessen das hier angelegt, bevor ich dich hergeschickt habe."

„Aber woher wusstest du…", wisperte Septima.

„Als Charity verschwand hielt ich es für angebracht, Vorsorge zu treffen", erwiderte Minerva ruhiger als sie sich fühlte. „Und jetzt sollten wir ruhig sein, damit wir mitkriegen ob sich beim Haus etwas regt."

Gehorsam schwieg Septima und starrte schweigend vor sich hin in das dämmrige Licht.

Minerva griff nach ihr und zog sie an sich, während sie alle Sinne anspannte und versuchte, etwas zu erspähen oder zu erlauschen.

Irgendwann fiel Septima in einen unruhigen Schlaf, den Kopf an Minervas Schulter gelehnt, während Minerva stoisch die Umgebung im Auge behielt, den Zauberstab kampfbereit in der Hand, bereit dazu Septima zu verteidigen und dabei zu sterben. Ein merkwürdiges Gefühl, fand sie, bereitwillig sein Leben für das eines anderen zu geben, nicht, weil es ihre Pflicht war, nicht, um die Welt zu erretten, sondern einfach nur, weil ihr Leben ohne Septima nicht mehr vollständig wäre. Unwillkürlich fasste sie die schlafende Frau ein wenig fester, als hätte sie Angst, sie könnte ihr entgleiten, wenn sie sie nicht eng genug an sich drückte.

Ihre Gedanken wanderten in den Fuchsbau. Sie hoffte, dass sich alle hatten in Sicherheit bringen können, sie hoffte, dass nicht wieder eines von Mollys Kindern verletzt worden war, ihre Großzügigkeit nicht wieder mit Schmerz und Sorge vergolten wurde. Und vor allem hoffte sie inständig, dass es Harry gelungen war, sich vor den Todessern zu retten. Andererseits, beruhigte sie sich, war Hermione bei ihm. Und wenn einer vom 'goldenen Trio' in einer solchen Situation einen klaren Kopf behalten würde, so war sie es. Minerva traute Hermione zu, dass sie mit der Möglichkeit gerechnet hatte, dass so etwas passieren mochte, dass sie Harry, Ron und sich selbst in Sicherheit gebracht hatte.

Beim Morgengrauen weckte sie Septima.

„Bislang war alles ruhig, ich habe niemanden gesehen oder gehört. Ich schlage vor, wir warten noch etwas bis es ein wenig heller wird und dann schleiche ich mich ein wenig näher heran und sehe, was auf der Vorderseite los ist. Nicht unmöglich, dass eine Wache auf der andern Seite steht. Du wartest hier, bis ich dich holen komme. Hast du mich verstanden?"

„Ich kann dich doch nicht allein gehen lassen", wandte Septima ein.

„Doch kannst du", antwortete Minerva bestimmt und löste ihren Arm von Septimas Schultern. Sie rieb sich die Hände, um die klamme Kälte aus ihren Fingern zu vertreiben und sie geschmeidig zu machen und fasste ihren Zauberstab fester. Sie erneuerte den Desillusionszauber auf ihnen beiden, dann forderte sie Septima auf, ein Stückchen zu rutschen:

„Mach mir mal ein bisschen Platz", sagte sie angespannt. „Ich muss mich verwandeln."

Gehorsam drückte Septima sich an die Rückseite der Höhle um Minerva ein wenig mehr Platz einzuräumen und machte sich so schmal wie nur möglich. Als nächstes sah sie, wie die abschirmende Barriere kurz flackerte und dann konnte sie Minerva nicht mehr neben sich spüren.

Minerva schlich leise um das Grundstück herum, drückte sich geschickt in die Schatten der Sträucher und reckte den Kopf um die Ecke, um zu sehen, ob jemand vor dem Haus stand. Als sie niemanden sehen konnte, trabte sie ein wenig näher und sah sich gründlich um.

Schließlich nahm sie wieder ihre menschliche Gestalt an, zog den Zauberstab und versuchte, verborgene Zauber aufzuspüren. Sie umrundete das gesamte Grundstück und gab sich erst zufrieden, als sie nirgends Spuren von fremder Magie entdecken konnte. Dennoch blieb sie auf der Hut und sah sich gründlich um, bevor sie Septima aus ihrem Versteck holte.

„Komm", sagte sie leise. „Und verhalt dich ruhig."

Leise begaben sie sich ins Haus zurück.

„Hast du etwas gefunden?", fragte Septima, als sie sich sicher im Haus befanden und Minerva den Desillusionszauber gelöst hatte.

Minerva schüttelte den Kopf. „Nein, da war nichts. Anscheinend war meine Vorsicht nicht umsonst. So, wie es aussieht, bist du hier sicher."

„Ich bin sicher? Ich?" Septimas Stimme klang angespannt.

„Ja, du bist sicher. Ich muss zurück in die Schule. Ich muss herausfinden, was passiert ist."

„Und dich in Gefahr begeben?"

"Ich glaube nicht, dass ich mich in Gefahr begeben werde", erwiderte Minerva. „Nicht mehr als sonst zumindest." Sie lächelte Septima beruhigend an. „Zumindest weiß ich jetzt mit Sicherheit, dass du hier gut aufgehoben bist. Tu mir nur den Gefallen und wandere nicht draußen herum. Jetzt, wo das Ministerium gefallen ist, wird die Jagd erst recht beginnen."

Septima nickte zögernd.

„Und damit sind auch Wanderungen unter falscher Identität gemeint", fuhr Minerva mit ihren Ermahnungen fort. „Jetzt, wo die Todesser das Ministerium übernommen haben und sich nicht mehr verstecken oder verantworten müssen, kannst du nicht sicher sein, dass nicht jemand sein Mütchen an dir kühlt, auch wenn du nur als harmloser Muggel unterwegs bist."

"Ich glaube, du bist ein wenig paranoid", wandte Septima ein.

„Mag sein. Aber bislang hat meine Paranoia sich immer ausgezahlt, oder?"

„Wann hättest du mir eigentlich dein Versteck gezeigt?", fragte Septima dann ablenkend.

„Ich wollte es dir zeigen, bevor ich dich herschicken musste. Die anonyme Warnung hat meinen Zeitplan allerdings ein wenig durcheinander gebracht. Alternativ wäre ich in einem Notfall wie gestern hergekommen um nach dir zu sehen. Zum Glück hattet Remus und du die Idee, mich zwangsweise zu beurlauben", erklärte sie. „Aach, nicht noch mehr Ärger", seufzte sie dann, als sich wieder Lupins Patronus formte.

„Alle sicher, keine Toten. Nicht antworten, werden beobachtet."

„Ich schätze, damit wären unsere Aussichten auf brieflichen Verkehr dann gleich Null", bemerkte Septima trocken und Minerva nickte.

„So sieht es aus. Komm mir nicht auf die Idee, das Flohnetzwerk zu benutzen, das wird überwacht. Und sollte sich jemand her verirren, dann prüfe nach, ob es wirklich Lupin oder ich sind", ermahnte Minerva.

„Ich weiß. Sonst noch irgendwelche klugen Ratschläge zum Abschluss?", fragte Septima.

„Pass einfach auf dich auf. Versprich mir das!"

„Das werde ich, das verspreche ich dir. Und du gibst bitte auch auf dich Acht, versprich mir das auch!"

„Versprochen." Minerva versuchte ein Lächeln, dann nahm sie Septima fest in die Arme und küsste sie. „Ich muss gehen", sagte sie dann heiser, befreite sich aus Septimas Umarmung und verließ das Haus.

Septima sah ihr nach und beobachtete, wie Minerva mit wirbelnder Robe disapparierte und verschwand.

Minervas Abwesenheit in Hogwarts war nicht unbemerkt geblieben und als sie endlich wieder im Schloss war, kam Poppy besorgt auf sie zugestürmt.

„Merlin, Minerva, wo bist du gewesen? Ich war in Sorge!"

„Kein Grund zur Besorgnis, Poppy", erwiderte Minerva gelassener als sie sich fühlte. „Ich habe nur ein paar Tage Ruhe und Frieden gesucht und einen kurzen Ausflug gemacht. Tut mir Leid, dass ich dir vorher nichts erzählt habe, das war ein ganz spontaner Einfall."

„Dann ist ja gut", seufzte Poppy. „Aber mach das nie wieder! Hast du mitbekommen, dass Minister Scrimgeour zurückgetreten ist? Pius Thicknesse hat seine Stelle übernommen, das stand heute früh im Tagespropheten."

"Nein, den habe ich noch nicht gelesen", erklärte Minerva wahrheitsgemäß. „Und? Was gibt es sonst noch Neues?"

Die nächste Neuigkeit traf sie wie ein Schlag.

„Sie suchen nach Harry Potter, um ihn zum Tod von Albus zu vernehmen", ließ Poppy die Bombe platzen.

„Was?!"

„Ja, es stand in der Zeitung", berichtete Poppy. „Laut Kimmkorn hat man ihn vom Turm wegrennen sehen, nur wenige Sekunden, nachdem Albus hinuntergestürzt ist."

„Das kann doch wohl nicht wahr sein!", schäumte Minerva.

„Doch leider. Und außerdem stand noch… Ach was, komm mit, ich hab den Tagespropheten noch oben liegen, das musst du selber lesen."

Poppy griff energisch nach Minervas Arm und zog sie hinter sich her in das kleine Zimmer im Krankenflügel, das sie als Büro benutzte.

„Hier, lies, auf der zweiten Seite. Setz dich lieber."

Mit einer Hand reichte sie Minerva den Tagespropheten, mit der anderen drückte sie sie auf einen Stuhl und setzte sich selbst ebenfalls hin.

Minerva tastete nach ihrer Brille, dann schlug sie den Tagespropheten auf und las den Artikel.

„Was? Registrierung der Muggelstämmigen? ‚Das Zaubereiministerium führt eine Überprüfung der so genannten Muggelstämmigen durch, um zu klären, wie sie in den Besitz magischer Geheimnisse kamen.' Poppy, das ist doch absurd."

„Ich weiß", erwiderte Poppy grimmig. „Lies weiter."

Minerva rückte ihre Brille wider gerade und las weiter.

„'Das Ministerium ist entschlossen, derlei unrechtmäßige Besitzer magischer Kraft aufzustöbern, und hat zu diesem Zweck eine Aufforderung an alle so genannten Muggelstämmigen ergehen lassen, sich zu einer Befragung bei der neu eingerichteten Registrierungskommission für Muggelstämmige einzufinden.'" Sie sah auf. „Poppy, das ist Wahnsinn! Das heißt doch nichts anderes, als das Muggelstämmige zusammengetrieben werden und bestraft werden, wenn sie keine Zauberer in ihren Ahnen nachweisen können!"

Poppy nickte düster.

„Kannst du dir jetzt vorstellen, dass ich einigermaßen besorgt war, weil du plötzlich verschwunden warst? Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass Scrimgeour so einfach zurückgetreten ist. Da steckt mehr dahinter, wenn man bedenkt, dass die Politik des Ministeriums plötzlich eine derartige Kehrtwende gemacht hat. Thicknesse als Minister? Meine Güte, die Handlungen dieses Mannes scheinen eines Todessers würdig zu sein."

„Was, wenn er einer ist?", gab Minerva zu bedenken. „Oder unter dem Imperius-Fluch steht?"

„Du meinst?"

„Ich halte es nicht für abwegig", sagte Minerva bedächtig. „Allerdings sollten wir uns hüten, mit diesen Vermutungen hausieren zu gehen, Poppy. Warten wir mal ab, was sie uns als nächstes zumuten werden."

Zwei Tage später gab das Ministerium Minerva einen neuen Grund, um sich aufzuregen. Es wurde eine Schulpflicht verkündet, bislang hatte den Eltern die Möglichkeit freigestanden, ihre Kinder selbst zu unterrichten oder ins Ausland zu schicken, falls sie das bevorzugten.

Aber wirklich Grund für Minervas Aufregung war die Tatsache, dass nur Schüler zugelassen wurden, die einen Blutstatus nachweisen konnten. Jeder Schüler, der nach Hogwarts wollte, musste nachweisen, dass er von Zauberern abstammte.

„Und damit werden Muggelstämmige endgültig ausgesiebt", murmelte sie finster und dachte an die vielen muggelstämmigen Schüler, die sie im Laufe ihres Lebens schon unterrichtet hatte. Sie dachte an Schüler wie Lily Evans und Hermine Granger, die sich als begabt und eine Bereicherung für die Schule herausgestellt hatten und fragte sich, was solche jungen Menschen nun mit ihrer Zauberkraft anfangen würden, wenn sie nicht unterrichtet wurden, damit umzugehen.

Kurzfristig fragte sie sich, ob sie nicht von ihrem Posten zurücktreten sollte, um ihre Meinung deutlich zu machen, verwarf diesen Gedanken aber schleunigst wieder. Wenn sie nicht mehr da wäre, um sich der Schüler anzunehmen, wer würde dann für sie eintreten und sich um sie kümmern? Sie bezweifelte nicht, dass ihre Kollegen ihr Möglichstes geben würden, aber würde es ausreichen? Zumal sie noch nicht wusste, welchen personellen Ersatz ihr das Ministerium zuteilen würde, immerhin hatten sie nicht nur Albus als Schulleiter verloren, es fehlten auch ein Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste, Muggelkunde und Arithmantik und Minerva hätte ihren gesamten Besitz darauf verwettet, dass sich unter den neuen Kollegen mindestens ein Todesser befinden würde. Nein, sie musste bleiben, um das Wohlergehen ihrer Schüler zu sichern.

Der August brachte eine unerwartete Hitzewelle, sie lag drückend über den Ländereien und auf Minervas Stimmung.

Wenige Tage nach dem Zeitungsartikel wurde Minerva ins Ministerium zitiert, man wollte sie über den Verbleib von Harry verhören.

Diese Aufforderung hob Minervas Stimmung ein wenig, seit die Todesser Bills Hochzeit gestürmt hatten, fehlten von Harry, Ron und Hermine jede Spur und sie wertete ihre Befragung als ein gutes Zeichen dafür, dass man Harry und seine Freunde nicht gefunden hatte.

Um Poppy nicht wieder in unnötige Besorgnis zu versetzen, ging Minerva auf den Krankenflügel, um sich von ihrer besorgten Kollegin zu verabschieden.

„Nach London? Was in aller Welt willst du denn in London?"

„Ich habe eine Vorladung vom Ministerium, ich soll über Albus Tod befragt werden und vermutlich werden sie von mir wissen wollen, ob ich nicht weiß, wo sich Harry aufhält", erklärte Minerva ruhig.

„Du hast Scrimgeour doch erzählt, was Harry dir gesagt hat, das weiß ich genau! Was wollen Sie wirklich von dir?", ereiferte sich Poppy.

„Vermutlich können sie ihn nicht finden", sagte Minerva, „vermutlich haben sie Angst vor seiner Position. Als Thicknesse Minister wurde, haben die Todesser verschiedene Häuser regelrecht überfallen, ich weiß aus sicherer Quelle, dass sie das Haus von Dädalus Diggel niedergebrannt haben und dass sie Ted und Andromeda Tonks nach Harry befragt haben – mit dem Cruciatus", erklärte Minerva finster. „Alles unter dem Vorwand, Harry befragen zu wollen. Ich schätze, sie befürchten, dass der Widerstand sich um Harry scharren wird wie um eine Standarte und das Risiko wollen sie nicht eingehen."

„Aber du gehst seelenruhig nach London? Hast du eine Ahnung, was passiert, wenn du ihre Fragen falsch beantwortest?"

„Ich habe sogar mehr als nur eine Ahnung", erwiderte Minerva. „Aber ich kann mir den Luxus nicht leisten, dieser Aufforderung nicht nachzukommen. Sie werden es nicht wagen, mich offiziell herzuzitieren, um mich dann verschwinden zu lassen", versuchte sie die aufgebrachte Poppy zu beruhigen. „Außerdem kann ich gar nichts verraten, wenn ich nichts weiß, oder?"

„Na, ich weiß nicht", brummte sie. „Minerva, ich hoffe nur, dass du dich nicht irrst und du heil wiederkommst."

„Das hoffe ich auch, Poppy", antwortete Minerva und tätschelte ihr beruhigend die Hand. Dann wandte sie sich zum Gehen, um ihren Termin wahrzunehmen.