Kapitel 30 Die Résistance
Das neue Schuljahr hatte endgültig begonnen und die Tage schienen sich bis auf kleine Ewigkeiten auszudehnen. Zumindest Minerva empfand es so.
Das Zaubereiministerium fahndete weiter nach Harry Potter, vornehmlich um ihn zu befragen was in der Nacht von Dumbledores Tod wirklich passiert war, und ließ durchblicken Harry hätte etwas damit zu tun, was Minerva furchtbar aufregte.
Das Fahndungsposter von Harry, dem Unerwünschten No.1, war allgegenwärtig: im Tagespropheten, als Plakate an den Hauswänden und selbst der Magische Rundfunk beteiligte sich an der Suche nach ihm.
Minerva hatte in den letzten Wochen zu viele Pamphlete und Fahndungsfotos ins Feuer geworfen, zu viele Radiosendungen ausgeschaltet und sich zu häufig über den Tagespropheten aufgeregt. So langsam kam ihr alles vor wie eine klassische Hexenjagd.
Immerhin war es beruhigend zu wissen, dass das Ministerium Harry bislang nicht hatte fangen können und Minerva hoffte inständig, dass Harry, Ron und Hermine auch weiterhin sicher im Haus am Grimmauldplatz 12 waren. Als sie die Nachricht von Lupin bekommen hatte, dass er das Trio dort getroffen hatte, war ihr ein Stein vom Herzen gefallen und sie hatte sofort eine codierte Nachricht an die Weasleys geschmuggelt, um sie über den Verbleib ihres jüngsten Sohnes zu informieren. Hermines Eltern hingegen hatte sie nicht informieren können, da sie spurlos von der Bildfläche verschwunden waren und Minerva sie nicht hatte ausfindig machen können. Einerseits befürchtete sie, dass dabei die Todesser oder das Ministerium ihre Finger im Spiel haben könnten, aber andererseits kannte sie auch Hermine. Und wenn Hermine beschlossen hatte, sich mit Harry zusammen auf die Suche nach Merlin weiß was zu begeben, würde sie sicher vorher Maßnahmen treffen, um ihre Eltern zu schützen und sie quasi von der Bildfläche verschwinden lassen, ähnlich wie der Orden es mit den Dursleys gemacht hatte. Falls also Hermine ihre Eltern allein in Sicherheit gebracht hatte, musste Minerva ihr wirklich dafür Beifall zollen, so gut hatte sie ihre Sache gemacht.
Der Unterricht der Geschwister Carrow spottete jeder Beschreibung. Alecto ließ in Muggelkunde keine Gelegenheit aus, um Muggel und Muggelstämmige in den Dreck zu ziehen – Minervas Meinung nach hätte man das Fach in 'Muggel hassen' umbenennen können – und gegen sie zu hetzten und Amycus in Verteidigung gegen die Dunklen Künste demonstrierte allen Ernstes die Unverzeihlichen Flüche an seinen Schülern, ausgenommen dem Todesfluch. Doch Minerva argwöhnte, dass Snape unter gewissen Umständen auch dabei noch ein Auge zudrücken würde, abhängig davon welcher Schüler mit diesem Fluch bedacht werden würde. Sie hatte das ungute Gefühl, dass es ihm nicht sonderlich viel ausmachen würde wenn es Blutsverräter oder die Kinder der Mitglieder des Phönixordens treffen würde. Insgesamt wäre es treffender gewesen das Fach einfach nur in 'Dunkle Künste' umzubenennen, da von einer Verteidigung gegen solche nicht mehr die Rede sein konnte.
Der Cruciatus-Fluch erfreute sich zunehmender Beliebtheit als Strafe bei Regelübertretungen. Amycus ließ seine Schüler diesen Fluch an ihren Mitschülern üben, wenn diese sich etwas hatten zu Schulden kommen lassen.
Minerva graute es jeden Morgen davor, ihre Räume zu verlassen und sich mit diesen finsteren Gestalten herumzuschlagen. Sie hatte das Gefühl gegen Windmühlen zu kämpfen und fühlte sich unfähig ihre Schüler vor Schaden zu bewahren.
Zum Glück zogen ihre anderen Kollegen mit ihr an einem Strang.
Regelübertretungen sollten Snape oder den Carrows gemeldet werden, dennoch sah Minerva mit schöner Regelmäßigkeit davon ab und klärte diese Angelegenheiten, sofern möglich, lieber selbst und sie hörte zufrieden, dass ihre Kollegen es genauso handhabten.
Eines Morgens, Minerva hatte sich gerade erst angezogen und debattierte noch mit sich ob sie überhaupt zum Frühstück erscheinen sollte, stürmte Poppy ohne auch nur anzuklopfen in ihre Räume.
„Minerva!", keuchte sie außer Atem und streckte ihr eine Zeitung entgegen, „das musst du unbedingt sehen! Lies!"
Völlig verausgabt ließ Poppy sich auf Minervas Sofa plumpsen, während Minerva ihre Brille zurechtrückte und einen Blick auf die Zeitung in ihrer Hand warf.
„Der Klitterer? Seit wann liest du denn Lovegoods Zeitung? Da steht doch nie irgendetwas Vernünftiges drin!"
„Lies einfach!", wurde ihr energisch von Poppy beschieden und Minerva befolgte ihre Anweisung.
Auf der Titelseite prangten ein altes Foto von Harry Potter und darüber die fette Schlagzeile „Aufruhr im Ministerium! Harry Potter greift Untersekretärin Umbridge an und verhilft Muggelstämmigen zur Flucht!"
„Das ist doch wohl nicht wahr!", murmelte Minerva und sah zu Poppy.
Die verdrehte die Augen.
„Liest du den Artikel nun endlich oder muss ich ihn dir vorlesen?"
Immer noch skeptisch las Minerva nun den Leitartikel im Klitterer, der besagte, dass am gestrigen Tag drei Unbekannte die Identität von Runcorn, Hopkirk und Cattermole angenommen hatten, so ins Ministerium eindrangen, Untersekretärin Dolores Umbridge und Yaxley angriffen und mit einem Schockzauber außer Gefecht setzten. Dann seien sie hingegangen und hätten alle Muggelstämmigen, die sich bei der Registrierungskommission vorstellen mussten, zur Flucht aufgefordert, hätten die Dementoren überwältigt und mit ihnen das Ministerium verlassen.
Ausgehend davon dass einer der Patroni der berühmte Hirsch Harry Potters gewesen sei, schloss der Klitterer daraus, dass Harry hinter dieser Heldentat steckte und forderte seine Leser dazu auf, Harry Potter zu unterstützen.
Minerva ließ die Zeitung sinken und starrte in Poppys erhitztes Gesicht.
„Und? Was sagst du dazu?" fragte sie aufgeregt. „Ist das eine gute Nachricht oder etwa nicht?"
„Ich bin mir nicht sicher", gab Minerva langsam zurück, während die Gedanken hinter ihrer Stirn Purzelbäume schlugen.
„Aber falls es wirklich Harry war, dann frage ich mich was in den Jungen gefahren ist. So ein Leichtsinn, sich in eine solche Gefahr zu begeben und ein solches Bravourstückchen aufzuführen! Wenn sie ihn nun erwischt hätten!"
„Was in ihn gefahren ist? Minerva, das war ein mutiger Akt, eines wahren Gryffindors würdig! Er hat unschuldige Menschen gerettet und dem Ministerium gezeigt, dass nicht alle ihre muggelfeindliche Politik schlucken. Und er hat die Menschen damit inspiriert! Sie wissen nun, dass Harry irgendwo da draußen ist und für die Freiheit kämpft. Sie wissen, dass sie nicht allein sind! Damit ist er endgültig zu einer Symbolfigur des Widerstands geworden, nicht nur weil er der Junge, der lebt ist, sondern einfach nur durch seinen Mut und seine Courage! Ich finde das großartig!", schwärmte Poppy.
Minerva nickte.
„Ich sehe ja ein, dass er mit dieser Tat viel Gutes bewirkt hat, aber ich frage mich was ihn wirklich ins Ministerium geführt hat. Irgendetwas hatte er vor, und zwar nicht eine Symbolfigur zu werden und dergleichen. Ich frage mich wirklich hinter was er tatsächlich her war. Und ich wage gar nicht mir auszumalen, was alles hätte schiefgehen können."
„Nicht wenn Miss Granger bei ihm war", widersprach Poppy und riss die Zeitung an sich. „Drei Unbekannte, Minerva. Und ich wette, die andern beiden waren die kleine Granger und der Weasley-Junge. Du glaubst doch nicht, dass die beiden ihn im Stich lassen würden, oder?"
„Vermutlich nicht, nein. Aber, Poppy, geh nicht mit dieser Theorie hausieren, ja? Die Weasleys haben schon genug Ärger am Hals, ohne dass jemand herum erzählt ihr jüngster Sohn wäre ins Ministerium eingebrochen. Offiziell liegt er mit Griselkrätze im Bett, das hat das Ministerium wohl bestätigen lassen und jemanden hingeschickt. Wer sind wir, um dem Ministerium auf die Nase zu binden, dass sie sich geirrt haben? Und wir wollen sie ja nicht auf irgendwelche Ideen bringen, oder?"
Minerva lächelte fein.
„Und du liest jetzt immer den Klitterer?"
„Der Klitterer bringt all die Dinge, die der Tagesprophet nicht mehr drucken darf oder will. Lovegood ruft regelmäßig dazu auf Harry zu unterstützen. Und ich muss dir sagen, dass ist mir ein Silberstreif am Horizont!"
„Damit dürftest du vielen aus der Seele sprechen", sagte Minerva und lächelte schief. „Komm, lass uns mal zum Frühstück gehen. Wir wollen doch nicht, dass man uns der Konspiration verdächtigt, oder?"
Die beiden Hexen machten sich auf den Weg in die Große Halle.
Doch während Minerva ein betont gleichmütiges Gesicht aufsetzte, tobte ein gedanklicher Wirbelsturm hinter ihrer Stirn. Zwar bewunderte sie das offene Eintreten von Lovegood für Harry, dennoch befürchtete sie, dass er damit ungewollte und höchst unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich zog. Früher oder später würden die Todesser ihm dafür einen Besuch abstatten und ihn dafür bestrafen. Oder vielleicht würden sie versuchen, über Luna Druck auf ihn auszuüben, die ja nun bequemerweise in Hogwarts und damit in Reichweite gleich dreier Todesser befand. Minerva warf einen raschen Blick zum Ravenclaw-Tisch und auf Lunas Blondschopf und nahm sich vor, ein wachsames Auge auf das verträumt wirkende Mädchen zu haben.
Auch Septima hatte von Harrys Einbruch ins Ministerium erfahren, wenngleich aus einer gänzlich anderen Quelle.
Sie hatte wieder einmal herum gesessen, wie sie es häufig abends tat, an Minervas altem Radio herumgespielt und mit ihrem Zauberstab müßig dagegen geschnipst, während sie halblaute Selbstgespräche führte.
Plötzlich waren ihr ein paar nur allzu vertraute Stimmen ans Ohr gedrungen und als der Name Harry Potter in einem Tonfall von Heldenverehrung fiel, war sie gleich doppelt aufmerksam.
In kürzester Zeit identifizierte sie die Stimmen als die von Lee Jordan und Remus Lupin, die offenbar unter falschen Namen eine illegale Radiosendung namens Potterwatch betrieben.
River und Romulus, wie sie sich nannten, diskutierten ausführlich über den Einbruch ins Ministerium und warum viele glaubten, dass Harry seine Finger im Spiel hatte.
Septima lauschte beglückt den vertrauten Stimmen und fühlte sich weit weniger einsam als noch vor einigen Minuten.
Endlich erfuhr sie was in der Welt wirklich vor sich ging, endlich hörte sie die Stimmen ihrer Freunde und endlich hatte sie den Eindruck, dass nicht alle die Waffen vor dem Ministerium gestreckt hatten.
Sie erfuhr, dass es wieder zu mysteriösen Todesfällen gekommen war, dass Zauberer als vermisst galten, weil sie entweder von den Todessern verschleppt wurden oder untergetaucht waren um sich in Sicherheit zu bringen, darunter Ted Tonks, Lupins Schwiegervater, Dean Thomas, einer ihrer früheren Schüler, und Ollivander, der Zauberstabmacher.
Sie hörte nun zum ersten Mal von dem Tabu, dass auf Voldemorts Namen gelegt worden war, um Mitglieder des Widerstands finden zu können. Seinen Namen auszusprechen brach anscheinend sämtliche Schutzzauber und machte es den Todessern möglich, denjenigen der unvorsichtig genug gewesen war diesen Namen auszusprechen sofort zu lokalisieren.
Septima war froh, dass sie seinen Namen nicht ausgesprochen hatte und nahm sich vor in Zukunft daran zu denken und bei ihren kleinen Selbstgesprächen seinen Namen auch ganz bestimmt nicht zu erwähnen.
Septima erfuhr auch von den Greifern, die Muggelgeborene, Blutsverräter und abtrünnige Schüler jagten und bei Ergreifung einer gesuchten Person eine Belohnung vom Ministerium kassierten.
Sie schauderte beim Gedanken daran, wie nahe sie daran gewesen war bei einer ihrer Wanderungen solchen Greifern in die Arme zu laufen und verstand nun wirklich, warum Minerva sie lieber sicher in ihrem Haus behalten wollte. 'Minerva muss mit so etwas gerechnet haben', dachte sie. 'Was für ein Glück, dass sie ihren Kopf durchgesetzt und mich hier hergebracht hat. Ansonsten säße ich sicher längst in Azkaban oder Schlimmeres!'
Sie dachte an Charity, über deren Schicksal immer noch nur spekuliert werden konnte. Doch Septima war sich inzwischen fast sicher, dass ihre Freundin tot war.
'Vermutlich Voldemort und seinen Konsorten in die Hände gefallen', dachte sie und seufzte.
Sie war ein wenig enttäuscht als die Sendung sich dem Ende näherte, passte aber höllisch auf um das neue Passwort für die nächste Sendung nicht zu verpassen: Fawkes.
Auf dem Weg zum Frühstück bemerkte Minerva einen kühnen roten Schriftzug, der sich über eine Wand in der Eingangshalle zog:
„Dumbledores Armee sucht noch Leute!"
Darunter stand Filch, der mit schreckgeweiteten Augen nach oben starrte und zu überlegen schien wer so todesmutig war die Wände zu beschmieren.
Minerva verbiss sich ein Lächeln und setzte eine angemessen ernste Miene auf.
„Was ist hier los, Argus?", fragte sie mit strenger Stimme.
„Die Schüler haben einfach...", seine Stimme versagte und er deutete mit zitternden Fingern nach oben. „Wenn Direktor Snape das sieht, dann – dann... Und die Carrows erst!"
Aus seinem unzusammenhängendem Gestammel schloss Minerva zweierlei:
Erstens: Filch hatte keine Ahnung wo er die Schuldigen suchen sollte und Zweitens: Er hatte furchtbare Angst vor den Carrows.
Sie begriff, dass er als Squib auch nicht ungefährdet war und in ihr regte sich ein Anflug von Mitleid mit dem Hausmeister.
„Dann wollen wir doch sehen, dass Direktor Snape oder die Carrows gar nicht erst davon erfahren", schlug sie vor und hob den Zauberstab.
Mit einer lässigen Bewegung aus dem Handgelenk tilgte sie die roten Buchstaben und hinterließ eine makellos saubere Wand, was allerdings in ihr einen Hauch Bedauern auslöste. Immerhin war das eines der ersten Anzeichen dafür, dass die Schüler ihren eigenen Widerstand gegründet hatten. Auch wenn es Minerva lieber gewesen wäre, dass die Kinder sich aus der Schusslinie hielten, konnte sie doch nicht anders als Stolz für ihre Schüler zu empfinden.
Stolz auf ihren Mut und Stolz darauf, dass sie es geschafft hatten Snapes Sicherheitsvorkehrungen so erfolgreich zu unterlaufen.
Minerva hatte eine leise Ahnung wer hinter dieser Aktion stecken könnte und sie nahm sich vor ein wachsames Auge auf Ginny und Neville zu halten.
Auch an den nächsten Morgen entdeckte sie immer wieder neue Schriftzüge, die kühn an prominenten Stellen die Wände bedeckten.
„Dumbledores Armee sucht neue Leute" oder „Schüler gegen Todesser" oder gar „Weg mit den Carrows!"
Die Carrows verhörten und folterten die Schüler, konnten aber keine Verdächtigen ausmachen. Snape verdoppelte die nächtlichen Patrouillen in den Korridoren, war aber nicht in der Lage weitere Schmierereien an den Wänden zu verhindern, was ihn sichtlich verdross und Minerva insgeheim amüsierte.
Als Folge davon wurden weitere neue Regeln verhängt. Eine davon besagte, dass Zusammenkünfte von drei oder mehr Schülern untersagt waren und ebenso alle inoffiziellen Schülerorganisationen. Also eine der Regeln, die Umbridge zu ihrer Zeit als Hoch-Inquisitor eingeführt hatte und die sich damals schon nicht besonderer Beliebtheit erfreut hatte.
Dennoch beobachtete Minerva mit echtem Interesse, dass Dumbledores Armee offensichtlich nicht nur weiterbestand, sondern einen gewissen Zuwachs zu verzeichnen hatte.
Erstaunlicherweise schafften es die Mitglieder von Dumbledores Armee sich nicht nur im Verborgenen zu halten, sondern auch geheime Zusammenkünfte zu organisieren, ohne dass es den Carrows gelungen wäre hinter ihr Kommunikationssystem zu kommen. Sie selbst fragte sich mitunter auch, wie ihre Schüler es fertigbrachten unter Snapes langer Nase zu agieren ohne erwischt zu werden, wo doch die Korridore Tag und Nacht patrouilliert wurde und sämtliche Geheimgänge mit Flüchen gesichert waren und bewacht wurden.
Ihre Schüler legten eine bemerkenswerte Umsicht und Cleverness an den Tag und Minerva dachte voller Stolz und mit leiser Sorge daran, dass die Rädelsführer unter Garantie in Gryffindor zu finden waren.
Sie vermutete, dass Neville Longbottom die nun vakante Stelle des Anführers eingenommen hatte und Minerva war mehr als einmal positiv überrascht wie sehr Neville sich inzwischen von dem etwas trotteligen unsicheren Jungen unterschied, der damals nach Hogwarts gekommen war.
Seine Courage gegenüber den Carrows war beispielhaft, bereitete Minerva aber auch schlaflose Nächte. Erst kürzlich hatte Neville sich standhaft geweigert den Folterfluch an einen seiner Mitschüler anzuwenden, der sich Nachsitzen eingehandelt hatte, und war dafür von Amycus grün und blau geschlagen worden, was er mit bemerkenswertem Stoizismus ertrug.
Einmal hatte Ginny Weasley sich eingemischt als Amycus wieder auf Neville losging und sie hatte sich damit ein ständiges Besuchsverbot in Hogsmeade eingehandelt, eine Strafe, die sicherlich leichter zu ertragen war als die Misshandlungen Nevilles.
Minervas Proteste bei Snape gegen diese Behandlung von Neville verhallten anscheinend ungehört.
Und an jedem weiteren Morgen fand sie neue Nachrichten von Dumbledores Armee an den Wänden.
Septima erfüllte es mit Freude und einer gehörigen Portion Stolz, dass ihre Schüler sich so tapfer zur Wehr setzten und der Obrigkeit zeigten, dass sie diese Scheiß-Politik nicht schluckten.
Potterwatch hatte einen entsprechenden Beitrag gesendet und River hatte sich mit hörbarer Schadenfreude dazu geäußert, dass es Direktor Schniefelus Snape offensichtlich nicht gelang in seiner Schule für Ordnung zu sorgen.
Septima vermutete, dass Ginny dabei ihre Hand im Spiel hatte und die Nachrichten über Dumbledores Armee möglicherweise aus dieser Quelle ihren Weg zu PotterWatch gefunden hatten. Sie erinnerte sich daran, dass Ginnys Brüder Fred und George eng mit Lee Jordan befreundet waren, der als River auf Sendung ging, und freute sich, dass sie über diesen Umweg ein paar wenige Neuigkeiten aus Hogwarts hören konnte.
Allerdings machte sie sich Gedanken darum wie Minerva mit dieser Situation zurechtkam.
Septima vermutete, dass sie einerseits genauso stolz auf die Bande sein musste wie sie, Septima, selbst, sich aber vermutlich auch große Sorgen machte, was passierte wenn die Kinder geschnappt würden. Andererseits war Septima sich sicher, dass Minerva alles daransetzte ihre Spuren zu verwischen und die Kids zu decken so gut es ihr möglich war.
Sie hoffte nur, dass Minerva sich dabei nicht selbst exponierte und in Gefahr geriet. Sie mochte sich gar nicht ausmalen was geschehen würde, sollte Minerva sich in der Situation wiederfinden sich gegen Snape und die Carrows behaupten zu müssen.
Zwar hatte Septima volles Vertrauen in Minervas Fähigkeiten, dennoch blieb ein gewisses Unbehagen. Die Chancen ein Duell gegen gleich drei solcher Gegner lebend zu überstehen standen selbst für eine so begabte Hexe wie Minerva McGonagall nicht allzu gut.
Es klopfte laut und vernehmlich an Minervas Tür.
Mit einem Ruck fuhr sie in ihrem Bett auf und warf die Decke zur Seite. Der Griff zu ihrem Zauberstab war inzwischen zu ihrer zweiten Natur geworden und mit einer langen fließenden Bewegung erhellte sich der Raum und ihr Nachthemd wurde mit ihrer Robe vertauscht. Das alles hatte nur wenige Sekunden in Anspruch genommen, dennoch klopfte es bereits ein zweites Mal.
Energisch schritt Minerva zur Tür und öffnete.
Alecto Carrow stand vor ihrer Tür, ein höhnisches Grinsen im unattraktiven Gesicht. Minerva sah auf die unsympathische Frau herab und fragte kühl:
„Was kann ich für Sie tun?"
„Sie müssen sofort zu Direktor Snape kommen." Alecto bleckte die Zähne. „Ihre Gryffindors haben sich endgültig ins Abseits befördert!" Es fehlte nicht viel und Alecto hätte vor Freude getanzt.
Minerva merkte, dass diese abscheuliche kleine Frau ihre helle Freude daran hatte, dass sich die Schüler in Schwierigkeiten gebracht hatten und verachtete sie, wenn möglich, noch ein wenig mehr.
„Was ist passiert?", fragte sie ruhig und ging mit langen Schritten in Richtung des Schulleiterbüros. Mit stiller Genugtuung bemerkte sie, dass Alecto mit ihren kurzen Beinen beinahe rennen musste um mit ihr Schritt zu halten.
„Longbottom, Weasley, Lovegood und noch einige andere Ihrer Gryffindors sind ins Schulleiterbüro eingebrochen und wollten das Schwert von Gryffindor stehlen. Amycus hat sie dabei überrascht und Snape und mich informiert. Jetzt ist die Bande draußen. Schon allein, weil sie gegen die Regeln verstoßen und sich mit mehr als drei Leuten getroffen haben!", feixte Alecto und Minerva unterdrückte den gesunden Drang ihr ordentlich vors Schienbein zu treten – oder woandershin, wo es dringend nötig war.
Ohne weiter auf Alectos hämische Tiraden zu achten rauschte sie in Snapes Büro, wo die Missetäter in unterschiedlich verbeultem Zustand auf ihre Strafe warteten. Sie nickte Flitwick kurz zu, der offenbar auch aus dem Bett geholt worden war, und tauschte einen eisigen Blick mit Snape bevor sie ihre arg ramponierten Schüler in Augenschein nahm. Offenbar hatten sich die Kinder nicht widerstandslos festsetzen lassen und den Carrows einen ordentlichen Kampf geliefert.
Ginnys Umhang war zerrissen, ihr Gesicht wies blutige Striemen auf, Lunas Lippe blutete und über Nevilles rechtem Auge bildete sich eine beachtliche Beule. Seamus Finnegan sah auf den ersten Blick hin ein wenig unversehrter aus, aber bei genauerem Hinsehen erkannte Minerva, dass sein linkes Auge langsam zuschwoll. Bis morgen würde sich daraus ein ordentliches Veilchen bilden. Terry Boot und Lavender Brown hielten sich im Hintergrund, ein wenig zerzaust aber anscheinend unverletzt.
Zu Minervas heimlicher Freude wurden die Geschwister Carrow nun von Snape hinausgeschickt, was sie mit energischem Protest quittierten.
Snape, in seiner ruhigsten aber gefährlichsten Stimmlage, beschied ihnen:
„Ihr habt mir erzählt, was ihr gesehen habt und ich sehe keinen Grund, dass ihr noch länger hierbleiben müsstet. Ihr wollt ja wohl nicht andeuten, dass ich nicht in der Lage wäre mich eigenhändig um dieses Problem zu kümmern?"
Immer noch murrend zogen die Carrows ab.
Minerva und Flitwick wechselten einen Blick, bevor sie ihre Aufmerksamkeit auf Snape richteten, der hinter seinem Schreibtisch thronte wie ein personifiziertes Unwetter.
„Ich hätte jetzt gerne mal die ganze Geschichte gehört", meldete sich Professor Flitwick dann zu Wort. „Ohne hämische Ausschweifungen, wenn es irgend möglich ist. Davon hatte ich bereits genug!", fügte er hinzu und warf Snape einen vernichtenden Blick zu, damit dieser auch merkte was er von ihm und seinen Getreuen hielt.
„Dem möchte ich mich anschließen", pflichtete Minerva ihm bei und maß Snape ihrerseits mit einem Blick, der beinahe töten konnte.
Snape lehnte sich bequemer in seinem Stuhl zurück und legte gelassen die Fingerspitzen aneinander, bevor er seinen Blick über die ramponierten Schüler und seine aufgebrachten Kollegen gleiten ließ.
„Anscheinend", begann er in seiner besten öligen Stimmlage, „haben diese sechs Helden beschlossen in mein Büro einzubrechen und das Schwert von Godric Gryffindor zu stehlen. Als Professor Carrow sie dabei ertappte und aufforderte sich wieder in mein Büro zu begeben und dort auf mich zu warten haben sie sich ihm widersetzt."
„Auffordern scheint hier das falsche Wort zu sein, Severus!", mischte sich Minerva zornig ein und wies anklagend auf die verletzten Schüler. „Mir scheint es eher so, als sei Professor Carrow", sie legte ätzendes Gift in die letzten beiden Worte, „handgreiflich geworden. Oder wie möchten Sie die Blessuren der Schüler sonst erklären? Obwohl mich diese Behandlung unserer Schutzbefohlenen nicht weiter überrascht, Schläge und Misshandlungen scheinen in letzter Zeit in Hogwarts in Mode gekommen zu sein."
Sie warf Snape einen bitterbösen Blick zu, bevor sie sich an die versammelten Schüler wandte:
„Was in Merlins Namen haben Sie sich bloß dabei gedacht?"
Es war Ginny, die ihr antwortete:
„Professor Dumbledore hat Harry das Schwert in seinem Testament vermacht. Es gehört also Harry und nicht Snape! Ich sehe nicht ein, wieso er etwas behalten darf, das ihm nicht mal gehört!"
Minerva sah kopfschüttelnd auf die Schülerin hinab.
„Wer hat Ihnen denn einen solchen Unfug erzählt?"
„Ich habe gehört wie Minister Scrimgeour gesagt hat, dass Dumbledore Harry das Schwert hinterlassen hat!"
„Miss Weasley, das mag ja sein, aber sehen Sie, das Schwert gehörte nicht Professor Dumbledore, es gehört der Schule. Vielleicht wollte Professor Dumbledore Potter das Schwert vererben, aber er hatte nicht die Befugnis dazu", erklärte Minerva mit mehr Entschiedenheit als sie tatsächlich fühlte. „Ich verstehe Ihre Beweggründe, aber das macht Ihren versuchten Diebstahl nicht richtiger. Sie haben sich und Ihre Mitschüler in erhebliche Schwierigkeiten gebracht."
Snape saß währenddessen mit unbewegtem Gesicht hinter seinem Schreibtisch und schien von der ganzen Angelegenheit mehr als nur gelangweilt.
Schließlich räusperte er sich vernehmlich und sah mit Genugtuung wie Minerva ihm einen genervten Blick zuwarf.
„Ich denke, wir sollten uns über eine akzeptable Strafmaßnahme unterhalten", sagte er leise. „Miss Weasley und ihre Mitstreiter haben gleich mehrere Schulregeln verletzt. Sie waren nach der Sperrstunde noch in den Korridoren unterwegs, sie haben sich offensichtlich auch nicht daran gehalten, dass Zusammenkünfte von mehr als drei Schülern untersagt sind", er wies mit einer lässigen Handbewegung auf die sechs Übeltäter, „sie sind in mein Büro eingebrochen und haben versucht ein überaus wertvolles Objekt zu stehlen. Als sie dann ertappt wurden, haben sie versucht sich mittels Gewalt ihrer Strafe zu entziehen."
Snape erlaubte sich ein kurzes Lächeln, das bei ihm mehr wie ein Zähneblecken aussah.
Unwillkürlich richtete sich Minervas Blick auf das Porträt von Albus, der aufmerksam in seinem Rahmen saß und Snape genau beobachtete. Minerva war sich nicht sicher, aber sie glaubte zu sehen, dass Snape zwischendurch zu Albus sah als wollte er sich vergewissern, dass er alles richtig machte.
'Nun hör schon auf damit', ermahnte sie sich im Stillen, 'das bildest du dir bloß ein! Snape und an Albus Meinung etwas gelegen sein, das hättest du wohl gerne!'
Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Snape, der in seiner Rede fortfuhr:
„In Anbetracht der – wenngleich auch fehlgeleiteten – Motivation von Miss Weasley, das Richtige zu tun oder das, was sie in dieser Lage für das Richtige hielt, und der Tatsache, dass Sie alle", er richtete den Blick auf die sechs Schüler, „anscheinend schon eine Tracht Prügel bekommen haben, bin ich gewillt von einer allzu strengen Strafe abzusehen. Sie alle dürfen bis auf weiteres das Schulgelände nicht verlassen, also keine Besuche in Hogsmeade. Sie alle bekommen jeweils Hundert Hauspunkte abgezogen und bis morgen Abend möchte ich von jedem von Ihnen einen zwei Fuß langen Aufsatz darüber, warum es wichtig ist die Schulregeln einzuhalten. Die drei Rädelsführer, Miss Weasley, Mister Longbottom und Miss Lovegood, hingegen werden zusätzlich eine Strafarbeit ableisten müssen. Sie drei werden sich morgen Abend bei Hagrid melden. Sie drei werden zusammen mit Hagrid in den Verbotenen Wald gehen und ihm bei seiner Arbeit helfen. Und nun machen Sie, dass Sie hier herauskommen!", blaffte er.
McGonagall und Flitwick sahen sich überrascht an. Mit einer so vergleichsweise milden Strafe hatten sie beide nicht gerechnet.
„Das gilt auch für Sie beide!", wurden sie dann von Snape verabschiedet. „Ich hoffe doch sehr, dass es Ihnen beiden gelingt Ihre Schüler in ihre jeweiligen Häuser zurückzubringen, ohne dass diese unterwegs wieder irgendeinen Unsinn anstellen. Gute Nacht!"
Damit waren sie alle entlassen. McGonagall sah mit zusammengekniffenen Augen auf ihre ramponierte Schülerschar herab und schüttelte den Kopf.
„Ich hoffe, Sie alle wissen, dass Sie unerhört glimpflich davongekommen sind. Und nun marsch zurück in Ihren Turm! Wenn wir dort sind werde ich mir Ihre Blessuren noch ein wenig genauer ansehen, möglicherweise lässt sich da noch ein wenig ausrichten. Sie sehen ja aus als hätte Sie jemand angefallen!"
Unter ihrem strengen Blick setzten sich die fünf Gryffindors in Bewegung, während Flitwick Luna in den Rawenclawturm brachte und sich um ihre geschwollene Lippe kümmerte bevor er sie zu Bett schickte.
Im Gemeinschaftsraum der Gryffindors angekommen kümmerte Minerva sich um ihre zerschundene Schar und schickte sie dann gleichsam ins Bett.
Auf dem Weg zurück in ihre Räume ließen ihre Gedanken sie nicht los:
'Warum hat Albus Harry das Schwert vererbt? Was hat er damit bezweckt?
Warum war Severus' Strafe für die Kinder so unglaublich milde ausgefallen? Und warum in aller Welt hat er Albus' Porträt immer wieder angesehen?'
Minerva wusste keine Antwort auf diese Fragen. Sie kreisten ihr noch im Kopf herum, als sie schon längst wieder in den Federn lag und versuchte einzuschlafen.
'Vielleicht ist Severus gar nicht so ein eiskalter Mistkerl wie ich gedacht habe', lautete ihr letzter Gedanke, bevor sie endlich wieder einschlief.
Am nächsten Morgen machte sich der fehlende Schlaf bei Minerva bemerkbar. Am liebsten hätte sie das Frühstück verschlafen, um die bleierne Schwere in ihren Gliedern zu vertreiben, aber ihr Pflichtbewusstsein ließ das nicht zu. Mühsam quälte sie sich aus den Federn und machte sich fertig, um mit gewohnter Haltung in die Große Halle zu rauschen.
Erst als sie zur gewohnten Zeit auf ihren üblichen Platz zusteuerte, bemerkte sie, dass die Halle vergleichsweise leer wirkte und ihr fiel ein, dass es ja Sonntag war und sie durchaus etwas länger hätte schlafen können. Sie unterdrückte einen Fluch und setzte sich an den Frühstückstisch. Eine Tasse Tee würde ihre müden Lebensgeister sicher wieder wecken, dachte sie und goss sich gleich eine Tasse voll ein. Nach dem ersten Schluck fiel ihr auf, dass die Konversation am Lehrertisch ungewöhnlich entspannt war und nach leichtem Stutzen fiel ihr auf, woran das lag: Weder die Carrows noch Snape waren zum Frühstück erschienen und Minerva hoffte inständig, dass alle drei ertrunken auf dem Grund des Sees lagen und nie wieder auftauchen würden, auch wenn sie wusste, dass sie nicht soviel Glück haben würde.
Dennoch beschloss sie, diesen entspannte Tagesanfang zu würdigen und sich eine zweite Tasse Tee zu gönnen, als sie Flitwicks Blick auffing.
„Haben Sie Ihre Schüler vergangene Nacht sicher zurück in den Gryffindor-Turm gebracht?", erkundigte er sich leise.
„Natürlich", gab sie ebenso leise zurück und gab vor, sich nach dem Zucker vorzubeugen.
„Was ist mit Luna? Geht es ihr gut?"
„Den Umständen entsprechend", antwortete Flitwick und wirkte bekümmert. „Ihre Lippe wird heilen, aber was soll aus den Kindern werden, Minerva? In welch eine Welt werden wir sie entlassen? Verrat, Mord und Verderben? Das ist keine Welt, in die ich einen meiner Schüler schicken möchte. Und selbst Hogwarts ist nicht mehr frei davon. Ich bin seit mehr Jahren Lehrer an dieser Schule als ich zählen möchte, ich war – bin Duellmeister und kann meine Schüler nicht vor diesem Abschaum schützen. Letzte Nacht hätte ich Amycus am liebsten seine eigene Medizin zu schlucken gegeben und ihm einen Folterfluch auf den Hals gehetzt, aber ich habe mich gerade noch beherrscht. Was soll denn aus den Kindern werden, wenn ich nicht mehr da bin, um sie zu beschützen? Wenn man das, was ich tue, überhaupt beschützen nennen kann", fügte der winzige Zauberer bitter hinzu.
Minerva legte tröstend ihre Hand auf seine.
„Es geht mir ganz genauso, Filius. Ich hätte nicht übel Lust, alle drei dieser finsteren Gestalten in der Lust zu zerreißen, aber ich nehme mich zusammen, so schwer es mir auch fällt, den Kindern zuliebe. Wer weiß, was mit ihnen passiert, wenn wir nicht mehr hier wären? Ich glaube schon, dass wir zumindest einen kleinen Unterschied bewirken können, dass wir die Kinder ein wenig vor dem Üblen hier abschirmen können und dass wir ihnen ein Beispiel dafür sind, dass man nicht die Waffen strecken muss, einerlei, wie gewaltig der Gegner auch sein mag. Ich denke, wir geben ihnen ein Grund, auch weiterhin tapfer zu sein."
Sie lächelte den kleinen Mann an. „Denken Sie nur mal an Dumbledores Armee", raunte sie noch etwas leiser. „Glauben Sie etwa, die Kinder würden uns nicht brauchen, wenn das auffliegt?"
„Falls doch, sind wir beide unsere Stelle los, weil wir sie gedeckt haben", wisperte Flitwick zurück, „falls sie sich damit begnügen."
„Und wenn schon", erwiderte Minerva leise, „das wäre es mir wert, solange es einen Unterschied macht!"
Sie wechselten einen letzten verstohlenen Blick, dann hüpfte Flitwick von seinem Stuhl und verschwand aus der Halle.
Minerva sah ihm nach, dann trank sie ihren inzwischen abgekühlten Tee aus und machte sich dann auf den Weg in den Krankenflügel, um mit Poppy zu sprechen.
Als Minerva dort eintraf, fand sie nur einige Schüler in den Betten, aber von Poppy keine Spur. Achselzuckend durchquerte sie die Krankenstation, lächelte den ramponierten Schülern in ihren Betten freundlich zu und klopfte dann an Poppys Bürotür.
Von drinnen ertönte da Geräusch eines heftigen Schnäuzens und dann erklang Poppys stimme, die erstickt ein „Herein" rief.
Minerva öffnete vorsichtig die Tür und spähte durch den Türspalt.
„Wenn es gerade ungünstig ist, kann ich auch später wiederkommen", bot sie an.
Poppy winkte ab.
„Nein, schon gut, komm herein", murmelte sie nasal und ließ ihr Taschentuch verschwinden. Mit deutlich geröteten Augen sah sie Minerva an und bot ihr den Platz vor ihrem Schreibtisch an, der nicht von medizinischen Pergamenten mit Beschlag belegt war.
„Was kann ich für dich tun, Minerva?"
„Ich glaube , die Frage lautet eher: Was kann ich für dich tun, Poppy?"
„Nichts, mir geht es gut", wehrte diese ab.
„Ach so", antwortete Minerva trocken, „du sitzt also jeden Sonntag morgen in deinem Büro und weinst dir die Augen aus? Komisch, dass mir das noch nie aufgefallen ist."
Etwas sanfter fügte sie hinzu: „Etwas bedrückt dich doch und wenn ich dir damit helfen kann, würde ich es gerne wissen."
„Ach, es ist nur... Hast du die Schüler draußen gesehen? Ich meine, dass es in einer Zauberschule zu Unfällen kommt, ist ganz normal. Unbeherrschte Kinder, hormongeplagte Teenager, alles auf engem Raum und alle nicht fertig ausgebildet und keine Ahnung von den Konsequenzen, wenn sie einen Streich spielen – aber so etwas? Minerva, die foltern die Kinder bewusst, weil es ihnen Spaß macht. Ich pflege seit Wochen Kinder, die vorsätzlich von ihren sogenannten Lehrern verletzt werden – und Snape lässt es zu! Noch viel schlimmer, ich denke, er ermutigt dieses Verhalten sogar! Minerva, ich bin Heilerin geworden, weil ich helfen will, weil ich Schmerzen lindern und Krankheiten heilen will, aber nicht, um unschuldige Kinder immer wieder zusammenzuflicken, damit sie kurz darauf wieder gequält werde können! Ich hatte in den letzten Wochen immer wieder Kinder hier, die durch den Cruciatus verletzt worden oder von den Carrows windelweich geprügelt worden sind. Ich halte das langsam nicht mehr aus!"
„Schsch, Poppy, ganz ruhig", sagte Minerva leise, stand auf und und nahm die aufgebrachte Heilerin in den Arm. „Ich weiß, dass du dein Bestes gibst, um für die Kinder da zu sein und ich weiß auch, wie hart es dich ankommt, hilflos zuzusehen, wie jemand verletzt wird. Aber was würden wir alle ohne dich machen? Wir brauchen dich, Poppy. Ohne dich wären wir aufgeschmissen."
Minerva beschwor ein frisches Taschentuch herauf und reichte es Madam Pomfrey.
„Und jetzt trockne dir mal die Tränen ab und putz dir die Nase. Hast du heute überhaupt schon gefrühstückt? Oder gestern zu Abend gegessen? Ich kann mich nicht daran erinnern, dich beim Essen gesehen zu haben."
Poppy schüttelte den Kopf. „Ich hatte keine Zeit, zum Essen zu kommen, ich hatte hier zu tun."
„Du musst etwas essen, du brauchst deine Kräfte", antwortete Minerva. „Ich werde einen der Hauselfen bitten, dir etwas zurecht zu machen und es dir zu bringen. Und ich möchte, dass du in Zukunft, wenn du es nicht schaffst, zu den Mahlzeiten in die Große Halle zu kommen, dir etwas hierher bringen lässt. Es wäre uns allen nicht damit gedient, wenn du uns zusamenbrichst. Poppy, wir brauchen dich, im Moment mehr als je zuvor und ich möchte, dass du auf dich achtgibst. Versprichst du mir das?"
Poppy wischte sich die Tränen ab und nickte.
„Und wenn dir das nächste Mal alles über den Kopf wächst, schließ dich nicht allein in deinem Büro ein, um zu weinen, komm damit zu mir und rede mit mir. Wir sitzen doch alle im gleichen Boot und es tut gut, sich darüber auszutauschen."
„Danke, Minerva." Sie drückte McGonagalls Hand und versuchte sich an einem recht schiefen Lächeln.
Minerva wandte sich zum Gehen. „Falls du mich brauchst, du weißt ja, wo du mich finden kannst."
Die schwere Holztür schloss sich leise hinter ihr und Poppy starrte darauf. Sie fragte sich, wie Minerva es immer schaffte, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und dann immer die richtigen Worte zu finden. Sie fragte sich außerdem, wie viele solcher Gespräche Minerva wohl in den vergangenen Wochen schon geführt haben musste und ob sie auch nur erahnen konnte, um wie viele Dinge gleichzeitig sie sich zu kümmern versuchte. Poppy bewunderte Minervas Stärke, konnte sich aber des leisen Gefühls nicht erwehren, dass sie sich mitunter zuviel abverlangte.
Ein leises Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken als ein Hauself mit ihrem Frühstück erschien.
