Kapitel 33 Der Orden des Phönix

Auch Septima hatte bei Potterwatch die Neuigkeiten gehört und sie seufzte leise. Luna entführt, ihr Vater dazu erpresst, in seiner Zeitung das Regime zu unterstützen und Kingsley auf der Flucht.

Wütend schnaubte sie. Und sie saß hier allein fest und konnte niemandem eine Hilfe sein!
Teufel auch, sie mochte Kingsley, der selbst in den hitzigsten Diskussionen nie die Ruhe verlor und eine Geduld an den Tag legte, um die Septima ihn wirklich beneidete.

Und die arme kleine Luna, was mochten sie wohl mit ihr gemacht haben? Septima erinnerte sich an das verträumte und etwas verschrobene blonde Mädchen aus Ravenclaw. Sie mochte ein wenig merkwürdig sein und an seltsame Dinge glauben, aber sie war immer freundlich zu allen. Und sie war ein kluger Kopf. Septima erinnerte sich an einige kluge Fragen, die Luna ihr gestellt hatte und sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie sicher einen Ausweg aus ihrer Klemme finden würde. Vermutlich brachte sie ihren Mitgefangenen alles über den Schrumpfhörnigen Schnarchkackler bei, dachte Septima und lächelte wehmütig.

„Hoffentlich treiben sie ihr nicht ihre Freundlichkeit und den Glauben an das Unmögliche aus", sagte sie laut in den leeren Raum. „Hoffentlich schaffen sie es nicht, Luna so sehr zu verbiegen, dass sie hinterher eine andere ist!"

Sie starrte auf den Zauberstab in ihrer Hand. Eschenholz mit einem Kern aus Drachenherzfaser. Sie erinnerte sich, was ihr Ollivander gesagt hatte, damals, als sie elf Jahre alt war und der Zauberstab sie ausgesucht hatte:
„Zauberstäbe aus Eschenholz bleiben bei ihrem einen wahren Meister und sollten nicht vererbt oder verschenkt werden, weil sie dann an Macht und Fähigkeit verlieren. Sie haben den Ruf, stur zu sein, ebenso wie der ideale Besitzer eines solchen Zauberstabes stur ist. Aber dieser Besitzer ist ebenso mutig, aber niemals übertrieben oder arrogant."

Mutig.

Septima starrte zweifelnd auf das Holz in ihrer Hand.

Im Moment fühlte sie sich nicht besonders mutig, wie sie sich hier in Minervas Haus irgendwo im Nirgendwo versteckte und andere einen Kampf austragen ließ, der auch ihrer sein sollte.

Immerhin ging es ebenso um ihre Freiheit, ihr Leben, ihr Recht, zu existieren. Hatte sie nicht auch die Pflicht, an diesem Kampf teilzunehmen? Hatte sie überhaupt das Recht, in ihrem Versteck zu sitzen, komfortabel, in relativer Sicherheit, wo ihr einziges Problem darin bestand, allein zu sein, während andere draußen ihr Leben riskierten? Hatte sie nicht sogar das Recht, sich an diesem Kampf zu beteiligen? Hatte sie nicht das Recht, für ihre Belange einzutreten?

Wieder starrte sie auf ihren Zauberstab.

Drachenherz.

Drache. Das Herz eines Drachen. Drachen sind furchtlos. Sie können fliegen. Ich kann auch fliegen. Und ich habe keine Angst. Nicht um mich. Minerva wird einen Anfall kriegen, wenn sie das herausfindet. Aber ich kann mich nicht weiter verstecken, während andere sich in Gefahr begeben, auch für mich!"

Septima traf eine Entscheidung.

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Einen Anfall bekam Minerva wirklich.

Als sie ausgerechnet am Valentinstag eine neue Ausgabe von Potterwatch hörte, warf es sie beinahe vom Sessel, als River in der Rubrik „Freunde von Potter" einen neuen Berichterstatter namens Dragon vorstellte und Septimas vertraute Stimme aus dem Radio klang. Sie hielt eine kurze, aber flammende Rede darüber, dass Widerstand niemals zwecklos sei und rief die Hörer auf, zumindest im kleinen Maße Widerstand zu leisten.

Sie schloss mit den Worten:

„Denkt daran, die Ausrede 'Ich bin nur einer' gilt nicht. Jeder von uns ist Einer, aber zusammen sind wir Viele. Und Viele können eine Menge bewirken. Leute, ihr seid alle nicht allein!"

Nach einem kurzen gemurmelten Austausch mit River fuhr sie dann fort:

„Und nun ein kleiner persönlicher Gruß an Löwin. Falls du mich hören kannst, ich liebe und vermisse dich. Mach dir keine Sorgen, ich kann auf mich aufpassen! Und ich weiß, was ich tue."

Minerva saß wie erstarrt vor ihrem Radio und verpasste beinahe das neue Codewort für die nächste Sendung, Alastor.

Ihre Gedanken rasten.
Wie konnte Septima sich eine solche Gefahr begeben? Wie hatte sie überhaupt Kontakt mit Potterwatch aufnehmen können?
'Blöde Frage', schalt sie sich. 'Remus natürlich!'

„Wenn ich diesen verdammten Werwolf in die Finger kriege, ist sein Leben keinen Pfifferling mehr wert!", fluchte sie laut. „Was denkt der Kerl sich eigentlich?"

Aber im Stillen musste sie sich eingestehen, dass es sie bloß wunderte, dass Septima sich so lange ruhig verhalten hatte. Sie war sich nicht sicher, ob sie selbst so lange von der Bildfläche verschwunden wäre. Sie verwarf den Gedanken, Remus zur Rede zu stellen, an Septimas Stelle hätte sie genauso gehandelt.

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Nachdem die Sendung beendet war, drehte Septima sich auf ihrem Stuhl um und grinste ihren Mitverschwörern zu.

„Und? Wie war ich?"

„Gar nicht so übel für das erste Mal 'On Air', Professor", grinste Lee.

„Lass den Professor mal schön stecken, das war einmal. Im Moment bin ich nur ein Flüchtling."

„Und ein Mitglied unserer kleinen Résistance", ergänzte Lupin und schmunzelte. „Dein Gruß war vermutlich das letzte, was Minerva noch gehört hat, bevor sie sich auf den Weg zu mir gemacht hat, um mir den Kopf abzureißen. Ich wette, sie ist schon da, wenn ich gleich nach Hause komme."

„Könnte durchaus sein", gab Septima zu und grinste schief. „Ich würde dir einen Schutzzauber empfehlen, sobald du in die Nähe deines Hauses kommst. Wenn sie richtig wütend ist, hext sie dich ins nächste Jahrtausend, bevor du das überhaupt merkst."

„Danke für den Tipp", erwiderte Lupin trocken und stand auf. „Ich will gehen und nach Dora sehen. Die Schwangerschaft macht ihr etwas zu schaffen."

„Natürlich. War nett, dich endlich mal wieder zu sehen! Und grüß Dora von mir!"

Sie küsste Lupin liebevoll auf die Wange und gab ihm einen Klaps auf die Schulter, bevor er disapparierte. Dann wandte sie sich an Kingsley:

„Weißt du schon, wo du bleibst?"

„Fred und George wollen mich wieder mitnehmen zu ihrer Tante Muriel, aber ich bin mir sicher, dass sie so langsam die Nase voll davon hat, immer mehr Leute in ihrem Haus zu verstecken", gab Kingsley ruhig zurück.

„Abgesehen davon wissen wir nicht, wie sicher es dort für ihn ist", ergänzte Lee.

Septima kam eine Idee.

„Willst du nicht für eine Weile bei mir unterkommen? Ich verstecke mich seit Juli sehr erfolgreich und ganz ehrlich, ich könnte ein wenig Gesellschaft gebrauchen. Bei mir wärst du sicher."

Kingsley sah sie gelassen an und nickte dann.

„Gern. Ich möchte den Weasleys nicht länger zur Last fallen."

„Du fällst uns nicht zur Last!", protestierte Fred, und George setzte grinsend hinzu: „Du hältst uns Tante Muriel vom Hals, das ist viel wert!"

Septima und Kingsley wechselten einen Blick und sie nickte.

„Also kommst du mit mir. Schön! So langsam hing mir meine erzwungene Einsamkeit wirklich zum Hals heraus!"

Sie verabschiedeten sich voneinander, dann apparierten alle in verschiedene Richtungen.

Septima und Kingsley standen schließlich vor Minervas Haus. Für Kingsley sah es allerdings aus, als befände er sich inmitten der Highlands, weit entfernt von jeglicher menschlicher Behausung, zumindest, bis Septima ihn mit in den Fidelius-Zauber aufnahm und er Minervas Haus sehen konnte.

Schleunigst machten sie sich auf den Weg ins Haus, in diesen unruhigen Zeiten war es nicht gut, länger als unbedingt nötig ungeschützt im Freien herumzustehen.

Kingsley im Haus zu haben, war eine deutliche Verbesserung. Septima fühlte sich längst nicht mehr so von allem abgeschnitten und von der Welt verlassen und auch, wenn sich ihre Gespräche ziemlich bald immer wieder um die selben Punkte drehten – Du-weißt-schon-wer, vermisste Personen, den Krieg – war es doch eine immense Erleichterung, dass tatsächlich jemand da war, mit dem sie reden konnte.

Wenn sie nicht gerade über den Krieg in allen seinen Erscheinungsformen debattierten, vertriebenen sie sich die Zeit mit Spielen: Zaubererschach, Exploding Snap, manchmal auch mit Muggelspielen, die Septima in einer Ecke von Minervas Bibliothek gefunden hatte.

Sie amüsierte sich königlich dabei, Kingsley die Regeln von Mensch-ärgere-dich-nicht und Halma beizubringen und als ihnen diese Spiele zum Hals heraushingen, spielten sie Käsekästchen – ein Spiel, das Septima noch aus ihrer Schulzeit kannte.

Abends versuchten sie, im Radio Potterwatch herein zubekommen und das eine oder andere Mal sprachen sie selbst im Rundfunk.

Die Informationen, die sie – und alle anderen Hörer von Potterwatch – bekamen, waren mehr als schlecht:

Ted Tonks, der Vater von Dora und Schwiegervater von Lupin, und Dirk Cresswell waren ermordet worden, Dean Thomas wurde vermisst, die alte Bathilda Bagshoot wurde unter mysteriösen Umständen tot aufgefunden, man vermutete schwarze Magie dabei und Xenophilius Lovegood war eingesperrt worden. Hagrid und sein Bruder Grawp hatten sich einer Verhaftung durch Flucht entzogen; Voldemorts Todesser hatten ihn einkerkern wollen, weil er eine Harry-Potter-Freundschaftsparty geschmissen hatte. Muggel wurden überfallen und getötet, Kobolde verschwanden und starben, genau wie die Zauberer schienen sie nur eine weitere Zielscheibe zu sein, an denen die Todesser und Greifer ihr Mütchen kühlen konnten.

Diese letzten Nachrichten musste sich Septima alleine anhören, da Kingsley sich mit Lupin, Lee, Fred und George getroffen hatte, um die Sendung zu machen. Sie waren beide übereingekommen, dass immer nur einer von ihnen und abwechselnd zu Potterwatch gehen sollte, damit, falls sie erwischt wurden, jemand übrig blieb, um die Arbeit zu übernehmen.

So logisch dieses Arrangement auch erscheinen mochte, Septima wäre nur zu gerne mitgekommen, um ihre Freunde und Kollegen zu treffen und vielleicht etwas zum Widerstand beizutragen – etwas anderes, als nur Zuhause zu sitzen und einen verbotenen Radiosender zu hören. Sie tröstete sich damit, dass sie beim nächsten Mal dran war und Kingsley dann eine Furche in Minervas Böden laufen würde, bis sie sicher wieder zurück sein würde.

Auch Minerva hatte den richtigen Zeitpunkt erwischt, um die aktuelle Sendung zu belauschen. Vorsichtshalber hatte sie wie üblich ein 'Muffliato' um ihre Räume gelegt, damit auch wirklich niemand hörte, was sie tat, Türen und Fenster magisch verschlossen und den Kamin magisch verbarrikadiert, um unwillkommene Eindringlinge abzuhalten; Maßnahmen, die sie inzwischen so regelmäßig traf, dass sie ihr zur zweiten Natur geworden waren.

Die Neuigkeiten, die sie hörte, trafen sie zutiefst. Sie hatte nicht gewusst, dass ein weiterer ihrer Schüler vermisst wurde und sie betrauerte die gemeldeten Todesfälle, die Zauberer und die namenlosen Muggel gleichermaßen. Sie fragte sich, was es mit dem Tod der alten Bathilda auf sich haben mochte. Sie hatte sie gekannt, zwar nicht gut, aber gut genug, um zu wissen, dass sie sich normalerweise hätte verteidigen können. Sie schüttelte betrübt den Kopf.

Hagrids Flucht war ihr natürlich bekannt gewesen, immerhin hatte er sich mit dem Äquivalent eines lauten Knalls verabschiedet und es ihr überlassen, hinterher das Schlachtfeld aufzuräumen und sich mit Snape und den Carrows auseinanderzusetzen, eine Aufgabe, die ihr immer mehr verhasst war.

Zwar war sie sich nicht sicher, in wie weit Snape seinem neuen und alten Meister tatsächlich ergeben war, manche seiner Entscheidungen schienen durchaus doppeldeutig zu sein oder ungeahnte Milde zu enthalten, aber dennoch war sie sich sicher, dass er nicht die geringste Spur von Vertrauen verdiente.

Kingsleys Vorschläge, dass die Zauberer versuchen sollten, die nichts ahnenden Muggel durch Schutzzauber vor Schaden zu bewahren, entlockten ihr ein beifälliges Nicken, und die Aussagen von Fred - oder war es George? Sie konnte die Stimmen nicht auseinander halten - zauberten ein belustigtes Lächeln auf ihr Gesicht.

Die Kinder, für sie waren die Weasley-Zwillinge immer noch Kinder, hatten so Recht damit, vor Hysterie und Panik zu warnen und das Ganze mit ein bisschen Humor zu verbrämen. Es tat Minerva gut zu hören, dass es noch Leute gab, die ihren Humor trotz allem noch nicht verloren hatten.

Nach Septimas Stimme lauschte sie an diesem Abend jedoch vergeblich und als sich die Sendung dem Ende zu neigte, ohne dass sie ihre Stimme vernommen hatte, regte sich leise Furcht in ihr und formte einen tonnenschweren kalten Klumpen in ihrem Magen.

Natürlich war Septima nicht immer bei Potterwatch, wie sie festgestellt hatte, und ihre Abwesenheit musste nichts bedeuten.

Aber es konnte auch bedeuten, dass die Todesser Septima gefangen hatten. Es konnte bedeuten, dass sie in Askaban saß oder sogar, dass sie tot war.

Minerva schüttelte energisch den Kopf und bezwang ihren Wunsch, sich sofort auf den Weg zu machen und nach ihr zu sehen. Sollte Septima tatsächlich in Sicherheit sein, würde Minerva sie schon allein dadurch gefährden, dass sie sie aufsuchte.

Mit einem abgrundtiefen Seufzer schaltete sie das Radio aus und ließ sich mit einem weiteren Seufzer auf ihrem Sofa nieder, wo sie die Arme um sich schlang als wäre ihr kalt.

Vor ihrem inneren Auge entstanden höchst unwillkommene Bilder von Septima, die von Todessern in die Enge getrieben und gefangen wurde, und sie vermochte nicht, diese grauenvollen Bilder abzuschütteln.

Andererseits, so überlegte sie sich, hatte sie Septimas Namen immer noch auf der Fahndungsliste im Tagespropheten gesehen, erst heute morgen noch, und niemand hatte ihr etwas Gegenteiliges mitgeteilt und Snape hätte es sicher genossen, ihr die Mitteilung von Septimas Gefangennahme brühwarm unter die Nase zu reiben. Nein, sie wollte, sie musste einfach davon ausgehen, dass Septima sich in Sicherheit befand.

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Die Osterferien brachen an und wenn Minerva gehofft hatte, sich für längere Zeit aus Hogwarts entfernen zu können, würde sie recht schnell eines Besseren belehrt. Snape erdachte an die hundert neue Maßnahmen, um die sie sich zu kümmern hatte und es ihr damit unmöglich machte, dass Schloss länger als einige Stunden zu verlassen.

Geheimen Botschaften anderer Ordensmitglieder zufolge, hatten Harry, Ron, Hermine, Luna, Dean und Ollivander auf verschlungenen Wegen Bill erreicht. Der genaue Hergang war Minerva nicht so ganz klar, da sich die Botschaften nicht durch Ausführlichkeit auszeichneten, aber sie las von einer Flucht aus Malfoy Manor und der Beteiligung von Dobby, dem kleinen Hauselfen, teils zwischen den Zeilen.

Die codierten Nachrichten waren schwer genug hineinzuschmuggeln und möglichst kurz gehalten, um bei einem Misserfolg Snape nicht in die Hände zu spielen, obwohl sie argwöhnte, dass er bereits mehr über diesen Vorfall wusste als sie selbst.

Immerhin erleichterte es sie, dass sie gleich fünf ihrer Schüler auf sicherem Boden wusste, für den Moment jedenfalls. Hinter was auch immer das Trio Harry, Ron und Hermine her waren, sie bezweifelte, dass sie es in Shell Cottage finden und dort bleiben würden.

Sie fürchtete sich vor dem Tag, an dem die drei wieder verschwinden würden und sie sich auch wieder um diese drei sorgen musste.

Und sorgen musste sie sich mehr als genug. Dumbledores Armee hatte sich in den letzten Wochen zwar ziemlich bedeckt gehalten, aber Minerva war schon zu lange Lehrerin, um nicht zu wissen, dass das lediglich die Ruhe vor dem Sturm sein musste. Außerdem – als wäre das nicht alles schon ausreichend – sorgte sie sich um die Schüler, die in den Osterferien nach Hause gefahren waren und von denen sie nicht wusste, ob sie sie tatsächlich nach den Ferien wieder sehen würde...

Nach Ende der Ferien schienen sich Minervas Befürchtungen zu bewahrheiten. Ginny Weasley kehrte nicht zurück in die Schule, und auch aus den anderen Häusern und Jahrgängen fehlten Schüler.

Minerva hatte nach wie vor ein wachsames Auge auf Neville Longbottom, der sich ausgerechnet jetzt zu einem mutigen Anführer und Rebellen gemausert hatte, der nichts lieber zu tun schien, als die Carrows gegen sich aufzubringen. Wann immer sie Neville zu Gesicht bekam, hatte er neue Schnittwunden und Prellungen, die er mit einem Achselzucken abtat, um sich gleich darauf wieder in einen erbitterten Kampf mit einem seiner sogenannten Lehrer zu stürzen, um seinen Schulkameraden aus der Patsche zu helfen oder sich allgemein gegen Dinge aufzulehnen, die er vor sich selbst nicht verantworten konnte.

Ein ums andere Mal wurde er anschließend zu Direktor Snape gerufen, doch auch das schien keinen großen Eindruck auf ihn zu machen.

Auch, wenn Minerva sich um diesen tapferen jungen Mann sorgte, war sie doch gleichzeitig unglaublich stolz auf ihn.

Auch der Kreis um Voldemort schien Nevilles Qualitäten anzuerkennen. Ihre Versuche, aufmüpfige Eltern unter Kontrolle zu halten, indem sie ihre Kinder entführten, hatten so gut funktioniert, dass sie es andersherum versuchten und sich an Nevilles Oma, Augusta Longbottom, vergreifen wollten.

Minerva musste ein Grinsen unterdrücken, als sie davon hörte, im Gegensatz zu Voldemorts Leuten kannte sie Augusta.

Offenbar hatten die Todesser gedacht, eine alte allein stehende Frau könnte keine nennenswerte Bedrohung für sie sein, aber dabei hatten sie sich schwer verrechnet. Die alte Mrs. Longbottom hatte einen gnadenlosen Kampf geliefert, der Dawlish für Wochen ins St. Mungo Hospital brachte und Mrs. Longbottom war seither auf der Flucht und nicht aufzufinden.

Minerva betete zu allen Gottheiten, die ihr vielleicht zuhören mochten, dass die zähe alte Dame davonkam.

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Pomona war, aus welchen Gründen auch immer, früh unten am See gewesen und brachte ihre schockierenden Neuigkeiten mit an den Frühstückstisch.

Sie war so erregt, dass sie keine taktvolle Formulierung zu finden vermochte und einfach mit der Wahrheit herausplatzte:
„Minerva, Minerva! Jemand hat Albus' Grabmal aufgebrochen und seinen Zauberstab gestohlen!"

WAS?!"

Minerva warf ihre Scheibe Toast auf den Teller, sprang auf und rannte, so schnell ihre Beine sie trugen, nach draußen an den See, Pomona und Poppy dicht auf den Fersen.

An Dumbledores Grab angekommen, verharrte Minerva so plötzlich, als wäre sie angewurzelt, und erbleichte. Das Grabmal war von oben bis unten aufgerissen, das Leichentuch lag achtlos vor dem Grab im Gras. Minerva warf einen Blick auf das eingefallene bleiche Gesicht ihres Freundes und ein Schluchzen stieg in ihrer Kehle auf. Unendliche Wut vermischte sich mit ihrer Trauer, als sie die letzte Ruhestätte ihres besten Freundes so geschändet sah und sie wusste – oh, sie wusste! - wer dahinter steckte.

Erst als Poppy und Pomona sie links und rechts unterhakten, um sie fortzuführen, bemerkte sie, dass sie am ganzen Körper zitterte, teils vor Wut, weil man Albus Ruhe so schändlich gestört hatte, teils aus unfassbarer Trauer darüber, was ihm angetan worden war und vor Abscheu darüber, dass irgendein menschliches Wesen so tief sinken konnte.

Inzwischen hatte sich auch Snape am Grab eingefunden, unbewegt stand er vor Dumbledores Grab, eine dunkle unheilvolle Silhouette im kalten Morgenlicht.

„Was gedenken Sie nun zu tun, Severus?", zischte Minerva wie eine angriffsbereite Kobra. „Was gedenken Sie nun zu unternehmen? Oder wollen Sie einfach zulassen, dass eine so ungeheuerliche Tat ungestraft bleibt? Erst nehmen Sie sein Leben und dann lassen Sie zu, dass seine letzte Ruhe gestört wird? Was sind Sie bloß für ein Mensch?"
Snape verzog keine Miene ob ihrer Anschuldigungen.

„Ich kann nur annehmen, dass der Kummer aus Ihnen spricht, Minerva", erwiderte er ruhig. „Andernfalls müsste ich mich fragen, was Sie mit Ihren Anschuldigungen zum Ausdruck bringen wollen und energische Maßnahmen ergreifen."
Eine leise Warnung schwang in seinem Ton mit und Minerva begriff, dass sie mit ihrer Vermutung richtig lag. Sie begriff aber auch, dass sie nichts, aber auch gar nichts tun konnte und dass Severus ebenso die Hände gebunden waren, auch wenn er das um alles in der Welt nicht zugeben konnte.

Lord Voldemort hatte Albus Zauberstab gestohlen und niemand konnte ihn dazu bringen, ihn zurückzugeben.

Und niemand traute sich, das Offensichtliche auszusprechen...