2. Kapitel
"Suchst du etwas Bestimmtes?" Das Missfallen in Remus' Stimme war nicht zu überhören.
"Den Schlüssel für den Briefkasten", kam Hecktors Antwort dumpf aus dem Schuhschrank. Da er nicht genau wusste, wo der Schlüssel war, hatte er begonnen die Wohnung systematisch auf den Kopf zu stellen. Er hatte bereits die Küche und das Wohnzimmer durchsucht, dabei die meisten Schränke und Schubladen ausgeräumt und die Spur seiner chaotischen Suche zog sich durch alle Zimmer.
"Dass du das alles wieder aufräumen musst, ist dir auch klar, oder?"
"Ja gleich, ich will nur schnell den Schlüssel..."
"Jetzt", sagte Remus entschieden. "Du räumst die Sachen wieder ein und ich hole dir den Briefkastenschlüssel. Der wird wohl bei den anderen Schlüsseln sein."
Hecktor ging in die Küche und begann unmotiviert die Kochtöpfe zurück in den Schrank zu stopfen. Als sein Vater mit dem Schlüssel kam, ließ er sofort alles fallen und stolperte vor Eile über einen Stapel Teller, als er zu ihm hinlief.
"Erst aufräumen", erklärte Remus entschieden, während er mit einem Schlenker seines Zauberstabes die zerbrochenen Teller reparierte. "Und zwar anständig."
Eine ganze Weile später stieg Hecktor mit dem Schlüssel in der Hand die enge, steile Treppe herab. Die Briefkästen hingen im Flur direkt neben der Tür, wie Silvia vermutet hatte. Er selbst hatte nie recht darauf geachtet. Sie hatte zwar gemeint, dass ein Brief bestimmt zwei bis drei Tage brauchen würde, bis er bei ihm ankam, aber er dachte, dass es nicht schaden könne, schon vorher einmal nach dem Briefkasten zu sehen. Außerdem war er ziemlich aufgeregt.
Schon heute Morgen in der Schule, als seine Klassenkameraden ihn wieder gehänselt hatten, hatte er angefangen, Silvia zu vermissen und damit begonnen sich in den schönsten Farben auszumalen, was sie alles miteinander unternehmen könnten, wenn sie erst einmal zusammen wohnten.
Sie war ihm, als erstes Kind seit langem, ohne Ablehnung begegnet und erst dadurch war ihm erst wirklich klar geworden, was er die ganze Zeit über vermisst hatte. Wenn sie sich wieder trafen, würden sie Freunde sein, das stand für ihn fest. Er hatte damit gerechnet, dass der Briefkasten leer sein würde, doch als er ihn nach einigem Suchen fand, stellte er freudig überrascht fest, dass das genaue Gegenteil der Fall war.
Der Briefkasten war voll mit Post, was man schon von außen an den farbigen Prospekten erkennen konnte, die halb aus dem Briefschlitz herausragten. Als Hecktor den Briefkasten aufschloss, kam ihm eine bunte Flut von Flyern, Katalogen und Briefumschlägen entgegen. Erfreut über seine Ausbeute trug er den Stapel in die Wohnung und betrachtete ihn dort genauer. Die Tatsache, dass Silvia ihm offensichtlich nichts von alldem geschickt hatte, dämpfte seine Euphorie nur wenig.
Penibel begann er die Post zu ordnen. Nachdem er in einem Kreis kleiner Haufen saß, stellte er fest, dass nur die Briefe adressiert waren und dass, wie er beim Durchblättern schnell feststellte, in den bunten Prospekten und Katalogen meistens irgendwelche Muggelsachen angepriesen wurden. Die kleinen Zettel boten die Möglichkeit andere Muggelsachen, Reisen oder ganz viel Geld zu gewinnen, wenn man bestimmte Fragen beantwortete, oder irgendwo anrief.
"Und?", fragte Remus, der gerade das Abendessen vorbereitete, interessiert.
"Wollen wir ein Auto gewinnen?"
"Was?"
"Das sind die Metalldinger mit denen die Muggel in der Gegend rumfahren."
"Das weiß ich", erwiderte Remus. "Aber was sollen wir mit so einem Ding anfangen?"
Hecktor runzelte die Stirn. "Dann eben eine Reise nach Ägypten für zwei Personen, oder nach Spanien, oder einen Kühlschrank." Hecktor blätterte die Flyer mit den Gewinnspielen nacheinander durch. "Und Bücher wollen sie uns auch schenken, wenn wir Mitglied in einem komischen Club werden."
Remus lachte. "Das ist genau das gleiche wie die Angebote und Gewinnspiele, die es in der Winkelgasse und im Tagespropheten auch gibt. Nur, dass man bei den Muggeln Autos statt einem Besen gewinnt. Was hältst du davon, wenn du mir jetzt den Tisch decken hilfst?"
Während sie Teller und Besteck auf dem Tisch verteilten, bemerkte Hecktor: "Du hast auch Post bekommen." Als sie sich zusammen an den Tisch setzten, um auf Tonks zu warten, die heute wieder ihren ersten normalen Arbeitstag hatte, öffnete er einen der grauen Umschläge.
"Eine Rechnung", erklärte er an Hecktor gewandt, der neugierig jede seiner Bewegungen verfolgte. "Und sie ist ungefähr drei Jahre alt. Wird sich wohl schon erledigt haben. Sonst hätte sich bestimmt jemand beschwert", bemerkte er mit einem Schulterzucken.
"Was ist denn hier los?", fragte Tonks, die gerade zur Tür hereinkam, mit einem Blick auf die Stapel auf dem Wohnzimmerfußboden. "Ich habe unseren Briefkasten aufgeräumt."
"Und uns jede Menge Brennmaterial für den Kamin besorgt", ergänzte Remus.
Während Hecktor einen Schmollmund zog, ließ sich Tonks erschöpft in einen Stuhl fallen. "Ihr wisst gar nicht wie toll das ist, wenn man abends nach Hause kommt und das Abendessen schon auf dem Tisch steht." Sie seufzte glücklich. "Wie war die Schule heute?"
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In den nächsten beiden Tagen ging Hecktor direkt am Briefkasten vorbei, wenn er aus der Schule kam, um ihn auf Post zu überprüfen, fand aber nur ein Prospekt, das verschiede Küchengeräte anpries. Als er am dritten Tag den weißen Briefumschlag erblickte, der einsam im Briefkasten lag und auf dem deutlich "Von Silvia für Hecktor" geschrieben stand, schlug sein Herz schneller.
Er schnappte sich den Umschlag und stürmte die Treppe hoch in die Wohnung und direkt in sein Zimmer. Nachlässig schleuderte er seine Schultasche in die Zimmerecke, ließ sich aufs Bett fallen und betrachtete voll Vorfreude seinen Brief. Mit zittrigen Fingern öffnete er den Umschlag und begann zu lesen.
Lieber Hecktor,
ich hoffe es hat nicht so lange gedauert, bis du den Brief bekommen hast. Ich hatte leider nicht sofort Zeit dir zu schreiben. Im Moment muss ich ziemlich viel lernen, aber bald sind ja Sommerferien.
Weißt du schon, ob ihr vielleicht bei uns einziehen wollt? Wenn ja, würde ich mich wirklich freuen.
I-c-h h-a-b-e d-i-c-h- s-c-h-o-n v-e-r-m-i-s-s-t-. Ich fand unser erstes Treffen eigentlich sehr schön und es wäre schade, wenn wir uns nicht mehr wieder sehen würden. Weil ich nämlich glaube, dass wir ziemlich viel gemeinsam haben, und richtig gute Freunde werden könnten.
Das klingt jetzt irgendwie blöd. Aber so hat es sich angefühlt. Also, falls ich dich jetzt nicht völlig überrumpelt habe, dann kannst du mir ja zurück schreiben. Die Adresse steht auf dem Briefumschlag. Die schreibt man außen auf den Brief drauf und dann klebt man noch eine von den Marken dazu, die ich mitgeschickt habe und wirft ihn in den Briefkasten. Dann kommt er automatisch bei mir an.
Alles Gute
Silvia
PS: Ich hoffe es stört dich nicht, dass der Brief kein literates Meisterwerk ist, aber ich wollte nicht warten bis ich Zeit habe, um ihn noch mal ordentlich abzuschreiben.
Nachdem er den Brief drei oder vier Mal gelesen hatte, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um direkt eine Antwort zu schreiben. "Essen ist fertig", rief Remus aus der Küche.
"Moment." Fünf Minuten später öffnete Remus seine Zimmertür. "Das Essen wird kalt. Was auch immer du so wichtiges machst, du musst es jetzt unterbrechen und kommen"
"Ich habe keinen Hunger und Hausaufgaben kann ich morgen machen", antwortete Hecktor schnell, um der nächsten Frage zuvor zu kommen.
"Keine Widerrede. Hausaufgaben kannst du später noch machen, immerhin ist Wochenende, aber gegessen wird jetzt sofort", bestimmte Remus entschieden. Hecktor war zu aufgeregt, um zu merken, dass sein Vater beim Essen ungewöhnlich schweigsam gewesen war und nicht einmal nachfragte, was ihn so beschäftigte.
Eine halbe Stunde später hatte er sein Essen in Windeseile heruntergeschlungen und saß wieder an seinem Schreibtisch um an der Antwort zu schreiben. Vor Aufregung machte er nach dem zweiten Satz einen riesigen Tintenfleck auf das Pergament, sodass er von vorne beginnen musste, aber schließlich hielt er stolz seinen Brief in Händen:
Liebe Silvia,
ich habe mich riesig über deinen Brief gefreut und es macht mir überhaupt nichts aus, dass er nicht so ordentlich ist. Warum hast du durchgestrichen, dass du mich vermisst? Ich vermisse dich nämlich auch.
Er überlegte einen Moment ob das zu offen war, andererseits stimmte es, also beschloss er es stehen zu lassen, aber durchzustreichen, wie sie es getan hatte.
Ich habe darüber nachgedacht woran mich dein Name erinnert und ich finde, er erinnert mich an eine Waldelfe. Ich meine damit nicht, dass du Eier legst, oder Insektenaugen hast oder so was, sondern mehr so, wie sich Mugg normale Leute eine Elfe vorstellen. Aber nicht so eingebildet, wie die normalerweise sind, sondern nett. Eine, die im Wald auftaucht, wenn man merkt, dass man sich verlaufen hat und einem dann den Weg zurück zeigt.
Ihm lag sehr viel daran, dass sie ihn richtig verstand und nicht auf die Idee kam, er hielte sie für die eitlen, zickigen Dinger, die Elfen normalerweise waren. Daran, dass sie als Muggel gar nicht wissen konnte wie Elfen wirklich waren, dachte er gar nicht.
Ich weiß noch nicht, wo wir hinziehen, aber ich frage Dad sofort nachdem ich den Brief eingeworfen habe, ob wir zu euch ziehen können. Aber selbst wenn es nicht klappt, dann können wir uns ja immer noch schreiben und vielleicht kann ich dich noch mal besuchen kommen. Dass wäre sehr schön.
Also schreib mir bald wieder.
Hecktor
PS: Was hat dein Lehrer eigentlich zu unserem Aufsatz gesagt?
Sein Brief war nicht besonders lang, deshalb malte er einen Knarl auf einer Blumenwiese, weil er dieses Motiv besonders gut malen konnte. Und dass ein Knarl kein Igel war, merkte man ja erst, wenn man ihm Milch hinstellte. Zufrieden faltete er das Pergament in eine briefähnliche Form und schrieb sorgfältig Silvias Adresse auf den Umschlag.
Vorsichtig trennte er eine Marke aus dem Bogen, den sie mitgeschickt hatte und klebte sie mit Klebstoff neben die Adresse. Dann lief er die Treppe herunter und warf den Brief in den Briefkasten im Hausflur. Erleichtert ging er zurück in die Wohnung und beschloss, doch schon einmal mit den Hausaufgaben anzufangen, damit der das Wochenende ungestört auskosten konnte.
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Es war elf Uhr abends, als Tonks von der Arbeit kam. Hecktor war längst im Bett, aber Remus saß auf dem Sofa im Wohnzimmer, als sie hereinkam. Als sie sich zu ihm setzte, merkte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. "Der Brief mit dem Beratungstermin ist heute Morgen gekommen", sagte er, nach dem er ihr einen flüchtigen Kuss gegeben hatte. "Am zweiten Ferientag. Und ich soll ein Konzept vorlegen, wie ich mir die Zukunft vorstelle."
"Und wenn nicht?", fragte Tonks erbost. Als die neuen Werwolfgesetze in Kraft getreten waren, hatte sie fast mit so etwas gerechnet. "Sie können dich zu nichts zwingen."
Remus schnaubte nur unwillig. In ihren Gesprächen zu diesem Thema regte sie sich meist erst auf, um danach zu versuchen die Sache möglichst positiv darzustellen, sobald er resignierte. "Sag ihnen, dass wir irgendwo hinziehen, wo es einen Schuppen gibt, indem du dich ungestört verwandeln kannst. Ich meine, die werden dich schon nicht beißen."
"Ich glaube, die haben eher Angst, dass ich jemanden beiße", erwiderte Remus bitter.
"Das wird schon", versuchte Tonks ihn zu trösten. "Ich versuche mir frei zu nehmen, dann kann ich auf Hecktor aufpassen. Und du erzählst ihnen was vom Pferd. Die haben sowieso keine andere Wahl, als dir zu glauben, solange noch nie etwas passiert ist."
Sie strich ihm tröstend über die Wange. "Bei dir klingt immer alles so schön einfach", sagte er und legte den Kopf auf ihre Schulter. "Hecktor hat heute gefragt, wo wir hinziehen wollen", wechselte Remus das Thema. "Ich glaube das Mädchen, das er bei der letzten Besichtigung getroffen hat, Silvia, hat ihm geschrieben."
Tonks strich ihm zärtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, ohne zu antworten. Wenn es um seine Krankheit ging oder darum, wie Werwölfe von der übrigen Zaubererwelt behandelt wurden, war Remus sogar ihr gegenüber ungewöhnlich verschlossen. Es war fast unmöglich mehr als ein paar Sätze mit ihm darüber zu sprechen, ohne dass er das Thema wechselte und das neue Gesetz machte ihnen das Leben nicht gerade einfacher.
"Lass uns schlafen gehen und morgen reden", schlug sie schließlich vor.
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"Guten Morgen."
Remus blinzelte verschlafen in den hellen Lichtstrahl, der durch die Tür fiel. "Es ist schon fast acht", sagte Hecktor, als er versuchte über seinen Vater zu steigen und sich zwischen ihn und Tonks zu quetschen. "Lass deine Mutter noch ein bisschen schlafen, es ist gestern ziemlich spät geworden."
Remus rückte ein wenig zur Seite um Hecktor Platz zu machen, der neben ihm unter die Decke kroch. "Du bist vielleicht kalt. Wie lange bist du denn schon wach?", fragte Remus gähnend. "Schon ewig. Ich habe schon den Tisch gedeckt", verkündete Hecktor stolz. "Die Post ist auch gekommen. Opa hat aus Albanien geschrieben. Und im Propheten steht, dass wieder überall schlimme Dinge passiert sind."
"Du sollst das doch nicht lesen", sagte Remus tadelnd.
"Hab ich auch gar nicht", verteidigte sich Hecktor. "Ich habe nur die Bilder gesehen, als ich ihn von der Eule abgemacht habe. Machen wir heute was zusammen? Du hast versprochen, dass wir Eis essen gehen, wenn Mum wieder da ist." Aus der Küche ertönte ein lautes Zischen. "Ich glaube, das ist der Kaffee", mutmaßte Hecktor, kletterte unbeholfen über seinen Vater und lief in die Küche.
"Wissen wir schon, wo wir hinziehen wollen?", fragte Hecktor, als sie am Frühstückstisch saßen. Bis auf die Tatsache, dass das Spiegelei mehr einem Rührei glich und der Kaffee Tote wieder auferwecken konnte, war ihm das Frühstück gut gelungen.
"Ab jetzt machst du immer das Frühstück", hatte Remus erklärt, als sie sich an den gedeckten Tisch setzten, obwohl ihm ein Blick in die Küche, die aussah als hätte dort ein Troll gewütet, verriet, dass es wohl weniger Arbeit sein würde, das Frühstück weiterhin selbst zu machen. "Wir haben drei Häuser in der engeren Auswahl", beantwortete Remus Hecktors Frage. "Das Haus, bei dem die ausklappbare Leiter zum Dachboden führt. Du weißt schon, die, die es dir so angetan hatte und..."
"Und das, wo Silvia wohnt?", unterbrach ihn Hecktor, der es nicht länger abwarten wollte. "Ja, das auch"
"Können wir das nehmen?"
"Hast du deswegen den Tisch gedeckt?"
"Nein", erwiderte Hecktor empört über diese Unterstellung. „Ich wolle dir nur helfen. Silvia ist richtig nett, weißt du, gar nicht wie die anderen Muggel und einen Brief geschrieben hat sie mir auch."
"Du weißt doch gar nichts über sie, außer ihrem Namen", warf Tonks gähnend ein, die sich bisher nur wortlos an ihrer Tasse festgehalten hatte.
"Ich weiß, dass sie nett ist und sie glaubt an Drachen, also macht es ihr auch nichts aus, wenn ich komisch bin", meinte Hecktor hoffnungsvoll.
"Wie gesagt: noch steht nichts fest. Immerhin habe ich die anderen beiden Häuser noch nicht mal gesehen", wechselte Tonks das Thema.
Remus musste lächeln, als sie, wie um das Thema endgültig abzuschließen, einen großen Schluck von ihrem Kaffee nahm und unwillkürlich das Gesicht verzog. "Immerhin bin ich jetzt wach", meinte Tonks, als sie den Kaffee großzügig mit Milch verdünnte. "Was haben wir heute vor?"
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Hecktor schaute erst wieder am Montagnachmittag in den Briefkasten. Am Wochenende hatte er dazu einfach keine Zeit gefunden und wenn er ehrlich war, auch nicht wirklich daran gedacht. Oft musste seine Mutter auch am Wochenende arbeiten oder war zumindest in Bereitschaft, so dass es etwas Besonderes war, wenn sie das gesamte Wochenende zusammen verbringen konnten. Sein Brief lag immer noch einsam im Briefkasten.
Hecktor wunderte sich etwas, aber er wusste nicht wie die Muggelpost funktionierte und dachte sich, dass das schon seine Richtigkeit haben würde. Vielleicht wurde der Brief automatisch zum Empfänger appariert und dem Absender blieb gleichzeitig eine Kopie. So ein ausgeklügeltes System hatte er den Muggeln gar nicht zugetraut.
Am Dienstag hatte sich ein weiterer Brief von Silvia zu seinem gesellt. Hecktor legte ihn vor sich auf seinen Schreibtisch und warf ihm mehr als einen sehnsüchtigen Blick zu, während er seine Hausaufgaben machte. Aber er spürte, dass seinen Vater zurzeit ein wenig gereizt war und gab sich deshalb Mühe brav zu sein. Sobald er fertig war, riss er ungeduldig den Briefumschlag auf, seinen Ranzen konnte er schließlich später noch packen.
Hallo Hecktor,
endlich ist Wochenende und ich habe Zeit dir vernünftig zu schreiben. Ich hatte nur ziemlich zu tun, weil ich eine Extraaufgabe in Englisch machen musste. Eigentlich bin ich ja gut in der Schule, aber in Englisch komme ich jedes Mal nur gerade so durch.
Kunst mag ich am liebsten.
Es folgte eine Beurteilung aller Fächer und eine Anekdote über den Kunstlehrer Mr. Goose. Hecktor fiel auf, dass sie ihre Klassenkameraden nur flüchtig erwähnte, was bedeutete, dass die Stelle ihres besten Freundes noch nicht vergeben war.
Vielleicht würden wir ja in eine Klasse gehen, wenn ihr zu uns zieht. Wir müssten ja ungefähr gleich alt sein. Das wäre bestimmt lustig.
Wie bist du so in der Schule? Du könntest mir Nachhilfe geben und ich bringe dir bei, wie man mit Technik umgeht. Das wäre sicher lustig, wenn wir uns gegenseitig unterrichten. Und wenn wir beide etwas nicht wissen, kommen wir bestimmt zusammen drauf.
Wenn du nicht zu uns ziehst, kannst du mir wenigstens einen Brief mit eurer neuen Adresse schicken, dann können wir uns immer noch schreiben. Und falls du keine Zeit für eine Brieffreundschaft hast, dann wäre es trotzdem nett, wenn du mir kurz schreibst und Bescheid sagst.
Silvia
Trotz des ausführlichen Briefes war Hecktor ein wenig enttäuscht, dass sie gar nicht auf seine Antwort eingegangen war. Am Ende ihres Briefes klang es sogar fast so, als würde Silvia denken, er habe vielleicht kein Interesse an der Fortführung ihrer aufkeimenden Freundschaft. Mit einer unguten Ahnung schlug er Post in den Muggelkundebüchern nach die sie hatten.
Zwei Stunden später wusste er wie das englische Postsystem funktionierte und obwohl er nicht alles verstanden hatte, war er sich ziemlich sicher, den Brief richtig eingeworfen zu haben. Wahrscheinlich sahen die Postboten nur nicht so oft in ihrem Briefkasten nach, ob es dort Post zu verteilen gab.
Hoffnungsvoll machte er sich daran, einen Antwortbrief zu verfassen. Sobald seine Mutter von der Arbeit kam würde er sie fragen, ob sie an Opa schreiben konnten. Ted Tonks war muggelstämmig und deshalb ihr Berater in Muggelfragen.
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Hecktor hatte Silvia bis zum vorletzten Schultag noch zwei weitere Briefe geschrieben, aber keine Antwort erhalten, was ihn immer mehr in dem Verdacht bestätigte, dass irgend- etwas mit der Muggelpost nicht funktionierte. Auf die Frage, ob sie seinen Opa fragen könnten, hatte Tonks nur geantwortet, dass dieser zurzeit in Albanien im Urlaub und damit vorübergehend nicht zu erreichen sei. Das sah Hecktor zwar nicht ein, er war sich sicher, dass ihre Eule ihn gefunden hätte, aber seine Mutter ließ keine Diskussion zu.
Von seinem Vater, von dem er in solchen Situationen immer Rückendeckung bekam, hatte er im Moment nicht viel zu erwarten. Hecktor war zwar gewohnt, dass sein Vater etwa einmal im Monat an 'Muffeligkeit' litt, wie er den Zustand nannte, in dem sich auch seine Mutter befand, wenn man sie morgens weckte.
Aber bis jetzt war er am nächsten Tag stets wieder gut gelaunt gewesen. Diesmal schien es sich jedoch um eine hartnäckigere Stimmungseintrübung zu handeln, was Hecktor auf den bevorstehenden Umzug schob.
Sein Vater beschäftigte sich eingehend damit, den Umzug vorzubereiten, obwohl sie noch immer nicht sicher waren, ob sie zu Silvia oder in das Haus mit der Luke zum Dachboden ziehen wollten (das Dritte hatten sie mittlerweile ausgeschlossen). Zuerst hatte er alle Gegenstände, die nicht dringend im Haushalt benötigt wurden, in Kartons verpackt, die jetzt überall herumstanden und über die Tonks dauernd stolperte. Danach hatte er begonnen, sich ein neues Betätigungsfeld zu suchen, indem er sich nach Geräteschuppen, Scheunen und ähnlichen Gebäuden in der Nähe der Häuser erkundigte, was, weil dabei der Umgang mit Muggeln erforderlich war, nicht gerade reibungslos verlief.
All das interessierte Hecktor allerdings wenig, als er am vorletzten Schultag einen Brief von Silvia im Briefkasten entdeckte. Seine Freude verwandelte sich allerdings in Enttäuschung, als er den Brief las.
Lieber Hecktor,
ich habe jetzt ewig gewartet, ob du antwortest, aber du hast es nicht getan. Vielleicht sind die beiden Briefe gar nicht bei dir angekommen, aber zurückgeschickt wurden sie auch nicht.
Also:
Lieber Jemand,
wenn du meine Briefe bekommst, dann wirf sie bitte nicht weg, sondern schick sie an die Adresse, die draußen auf dem Umschlag steht. Der Junge, dem ich schreibe, wollte umziehen, vielleicht ist er umgezogen und du bist schon der neue Bewohner. Könntest du meine Briefe weiterschicken, oder mir seine neue Adresse sagen?
Vielleicht stimmt auch die Adresse nicht, dann frag doch bitte in deinem Haus oder der Straße, ob hier ein Junge namens Hecktor wohnt. Oder schreib mir wenigstens kurz zurück, damit ich weiß, dass meine Post nicht ankommt
Lieber Hecktor,
falls du meine Briefe bekommst, dann weist du jetzt das irgendwas nicht stimmt. Ich habe meine Adresse nochmal klar und deutlich auf den Umschlag geschrieben. Bitte schreib mir.
Oder du willst mir einfach nicht antworten. Vielleicht hattest du keine Zeit oder meine Briefe haben dich erschreckt oder du hast keine Lust auf eine Brieffreundschaft oder ich habe bei unserem Treffen etwas missverstanden.
Allerdings hättest du mir dann wenigstens kurz schreiben können, dass du nichts mehr mit mir zu tun haben willst. Mich einfach so hängen zu lassen, finde ich nämlich ziemlich gemein. Aber falls du im Urlaub warst, oder so was, und du mir schreiben willst, dann sei nicht böse, wenn du das liest. Ich warte auf jeden Fall, bis ich mal eine Antwort von dir bekomme.
Ganz liebe Grüße (auch an den Jemand)
Silvia
Als erstes kontrollierte er die Adresse, in der Hoffnung, dass er einen Fehler gemacht hatte, aber auf dem Umschlag stand in deutlich lesbaren Druckbuchstaben die gleiche Anschrift, die er auch verwendet hatte. Diese Tatsache versetzte Hecktor in dumpfe Verzweiflung.
Er wollte nicht, dass Silvia von ihm enttäuscht war, oder dachte, dass er nicht mit ihr reden wollte. Andererseits hatte er nicht den Hauch einer Ahnung, was beim Verschicken schief gelaufen sein könnte und gab es keinen Grund, warum der Brief, in dem er ihr das mitteilte, bei ihr ankommen sollte, wenn die drei anderen es offensichtlich nicht getan hatten. Was konnte er dafür, wenn alle Briefträger Englands scheinbar beschlossen hatten, seine Post liegen zu lassen?
So wie er Silvias Brief verstand, hatte sie nicht vor, ihm weiterhin zu schreiben. Sie würde auf seine Antwort warten, die einfach nicht ankam, er würde nie wieder etwas von ihr hören und die wunderbare Freundschaft, die sie beide verbinden könnte, würde im Keim erstickt. Diese Gedanken trieben Hecktor die Tränen der Verzweiflung in die Augen.
Er weinte ein wenig und hoffte, dass sein Vater kam, um ihn zu trösten. Nachdem er nach einer Weile immer noch nicht aufgetaucht war, versuchte Hecktor sich zusammenzureißen.
Er musste etwas tun und zwar schnell. Am besten, er würde Opa auf eigene Faust eine Eule schicken und hoffen, dass er schnell genug antwortete. Obwohl, warum sollte er seinem Opa eine Eule schicken, um nach dem Muggelpostsystem zu fragen, wenn...
Soviel stand fest, seine Eltern würden ihn lynchen, wenn sie das jemals erfuhren, fuhr Hecktor durch den Kopf, als er leise seine Briefe aus dem Kasten holte und der Familieneule um den Fuß band. Er hatte auch einen weiteren Brief geschrieben in dem er schilderte, dass seine Briefe trotz aller Bemühungen nicht angekommen waren. Nach einigem Überlegen hatte er auch noch ein PS unter den Brief gesetzt:
Hoffentlich stört es dich nicht, dass der Brief von einer Eule gebracht wird.
Er hatte das Gefühl, dass er diesen für Muggel ungewöhnlichen Sachverhalt erklären sollte, wusste aber nicht wie, weshalb er es bei dieser einfachen Bemerkung belassen hatte. Mit einer Mischung aus Stolz und schlechtem Gewissen beobachtete Hecktor, wie die Eule davonflog und langsam mit dem dunkler werdenden Himmel verschmolz. Als er sich an diesem Abend schlafen legte, hatte er das Gefühl, dass alles wieder gut werden würde.
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Als er am nächsten Tag von der Schule kam, war er so gut gelaunt, wie der Vogel, der in der Platane an der Straße saß und trotz des trüben Wetters fröhlich zwitscherte. Es war der letzte Schultag, was bedeutete, dass er die Sticheleien seiner Mitschüler fürs Erste hinter sich lassen konnte. Genau genommen war es der allerletzte Tag überhaupt, an dem er sich mit ihnen hatte herumschlagen müssen, denn bald würden sie wegziehen und er war all seine Probleme los.
Als er in die Wohnung stürmte, wäre er fast in seinen Vater hereingerannt, der ihn schon kommen gehört hatte und ihm entgegen gegangen war. "Du sollt doch nicht auf der Treppe rennen", tadelte Remus, ohne sich die Zeit für eine Begrüßung zu nehmen. Ein Blick in sein Gesicht verriet Hecktor, dass er verstimmt war und zwar über die Grummeligkeit, die er seit einiger Zeit an den Tag legte, hinaus.
"Was ist denn passiert?", fragte er deswegen.
"Es ist Post von Silvia gekommen", stellte Remus trocken fest und musterte seinen Sohn streng.
"Toll", entfuhr es Hecktor, bei dem die Galleone noch nicht gefallen war.
"Sie hat dir eine Eule geschickt", ergänzte Remus. "Jetzt frage ich dich: Was hat der Brief eines Muggelmädchens am Bein unserer Eule zu suchen?"
"Gar nichts?", fragte Hecktor kleinlaut und machte sich auf eine längere Gardinenpredigt gefasst.
"Richtig. Gar nichts. Und jetzt geh in dein Zimmer. Ich will dich nicht mehr sehen, bis deine Mutter nach Hause kommt. Du hast bis auf weiteres Hausarrest."
Wenn sein Vater so kurz angebunden war und Tonks die Standpauke überließ, war das ein untrügliches Zeichen dafür, dass er sich nur noch mit Mühe beherrschen konnte, was nicht sehr häufig vorkam. Und obwohl Hecktor wusste, dass er ihn mit der Frage wahrscheinlich vollends zur Explosion brachte, musste er sie einfach stellen.
"Könnte ich vielleicht den Brief ...?"
"Auf der Kommode", zischte Remus mit zusammengebissenen Zähnen. Hastig schnappte sich Hecktor den Brief und verschwand in sein Zimmer und versuchte dabei kein allzu glückliches Gesicht zu machen.
Remus zwang sich langsam und tief durchzuatmen, bis er sich wieder beruhigt hatte. Er war auch jetzt nicht unbeherrscht gewesen, nicht laut oder aggressiv. Trotzdem war er kurz davor gewesen, die Kontrolle über seine Wut zu verlieren und er hasste nichts mehr, als Kontrollverlust. Es war nicht nur Hecktors Schuld. Seit er die Benachrichtigung vom Ministerium erhalten hatte, fühlte er sich unter Druck gesetzt und je näher der Termin rückte, desto mehr zehrte das an seinen Nerven.
Hinzu kam, dass es ihm noch nicht gelungen war, in der Nähe von Silvias Zuhause eine Hütte oder einen Schuppen zu finden, in dem er sich verwandeln konnte, wenn sie umgezogen waren. Unweit des anderen Hauses gab es eine Scheune zu vermieten, aber er wollte Hecktor diese Enttäuschung nicht antun müssen und ihm lief langsam die Zeit davon. Der Beratungstermin war schon übermorgen und danach waren es nur noch sechs Tage bis Vollmond.
Apparieren war keine Option weil es ein zu großes Risiko bedeutete. Der Stress zehrte an seinen Nerven und würde auch Auswirkungen auf den Wolf haben. Wenn er nicht doch eine zufriedenstellende Lösung fand, wollte er gar nicht wissen, wie er am Morgen danach aussehen würde.
Obwohl Hecktor von all dem nichts wissen konnte, kam ihm das Verhalten seines Sohnes nach all seinen fruchtlosen Anstrengungen undankbar vor. Allerdings konnte er Hecktor deswegen schlecht böse sein, denn natürlich war das nicht seine Schuld und er selbst hatte sich auch nicht so aufmerksam um Hecktor gekümmert wie sonst.
Auch war Remus nicht entgangen, dass Hecktor sich in der letzten Zeit besonders gut benommen hatte, um ihm eine Freude zu machen. Aber der Junge hatte einen Fehler gemacht und einen schwerwiegenden noch dazu. Es wäre nicht richtig, einen derart gedankenlosen Verstoß gegen die Muggelschutzgesetze ungestraft zulassen, denn eine solche Tat, von Jemandem begangen, der Volljährig war, konnte im schlimmsten Fall eine Haftstrafe in Askaban zur Folge haben.
Aber solange er aufgewühlt und auch aus anderen Gründen schlecht gelaunt war, wollte Remus nicht mit Hecktor schimpfen. Es beschloss, erst einmal nichts zu tun und zu hoffen, dass sich Hecktor seinen Ausbruch nicht allzu sehr zu Herzen nahm.
Hecktor hatte sich mit Silvias Brief auf sein Bett geworfen und war weit davon entfernt, sich irgendetwas zu Herzen zu nehmen. Silvia hatte seine Entschuldigung angenommen. Sie hoffe, dass er ihr nicht böse sei und im Übrigen sei die Wohnung immer noch frei. Sie malte in den buntesten Farben aus, wie sie die Sommerferien zusammen verbringen könnten und versicherte ihm, dass ihr die Eule nichts ausmache:
Schließlich halten sich manche Leute auch Brieftauben.
Kurz gesagt, die Welt war wieder in Ordnung und die Sommerferien würden die schönsten seines Lebens werden. Denn, dass sie zu Silvia ziehen würden, stand für Hecktor fest, etwas Anderes konnten seine Eltern ihm einfach nicht antun. Am Ende des Briefes schlug Silvia vor, dass er sie anrufen solle, weil sie sich nicht denken könne, was mit der Post nicht geklappt habe. Danach folgte eine drei Seiten lange, ausführliche Beschreibung, wie man eine Telefonzelle fand.
Als sich Tonks ihm gegenüber aufs Sofa fallen ließ, sah Remus sofort, dass sie weitere schlechte Nachrichten brachte. "Sie haben mir den Urlaub gestrichen."
Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte.
"So schlimm ist das eigentlich gar nicht, ich meine, Hecktor ist immerhin schon neun. Wenn er mal einen Vormittag alleine ist, wird ihn das schon nicht umbringen." Sie verstummte, als sie Remus Blick bemerkte. "Wir kriegen das schon irgendwie hin."
Tonks setzte sich neben ihn und legte ihm tröstend den Arm um die Schulter. "Wir kriegen das hin", wiederholte sie noch einmal bestimmt, während sie ihm zärtlich mit der Hand durchs Haar fuhr.
"Es ist nicht nur das", sagte Remus leise "Ich... Es läuft alles im Moment nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe… Es… Ich schaffe es einfach nicht einen Platz zu finden wo ich...wo... du weißt schon... und… ich will nicht derjenige sein, der Hecktor sagt, dass wir nicht zu dem Mädchen ziehen können. Ich weiß selbst, wie schlimm es ist, wenn man als Kind keine Freunde hat. Er soll nicht dasselbe durchmachen müssen wie ich."
Er lächelte bitter, als er sich an die Zeit vor Hogwarts erinnerte. "Der Beratungstermin ist schon übermorgen. Kannst du mir sagen, was ich denen erzählen soll?"
Aber bereits während er aussprach, was ihn bedrückte, begann sich der Knoten in seiner Brust zu lockern. Allein schon Tonks' Nähe und ihre sanfte Umarmung gaben ihm Kraft.
Hecktor beschloss, dass sein Vater jetzt lange genug Zeit gehabt hatte, seine Mutter haarklein über sein Fehlverhalten aufzuklären und kam wie das personifizierte schlechte Gewissen ins Wohnzimmer geschlichen. Nachdem seine Euphorie etwas abgeklungen war, war ihm aufgefallen, wie schlecht es seinem Vater ging und er fühlte sich auf eine schmerzhafte Art und Weise schuldig. Klar, er hatte gewusst, dass es nicht richtig war und etliche Gesetze strapazierte, aber dass es seinem Vater deswegen noch schlechter ging, war tausendmal schlimmer.
"Daddy, es tut mir Leid", sagte er kläglich und er meinte es aus vollem Herzen.
"Es ist nicht deine Schuld", sagte Tonks leise und zog Hecktor mit ihrer freien Hand auf ihren Schoß. "Daddy macht sich Sorgen, weil er Übermorgen weg muss und ich nicht frei bekommen habe. Das heißt, du musst mal einen Vormittag ganz allein auf dich aufpassen. Meinst du, du kriegst das hin?"
"Klar", behauptete Hecktor, dessen Gewissensbisse sich in Empörung verwandelten. "Ich bin doch schon groß."
Tonks musste über diese Beteuerung unwillkürlich lächeln. "Es wird wahrscheinlich länger dauern, vielleicht den ganzen Tag", meldete sich Remus erschöpft zu Wort.
Die einzelnen Gespräche würden nicht lange dauern, aber er war es gewohnt jedes Mal zwei oder drei Stunden warten zu müssen bis sich endlich irgendein desinteressierter Mitarbeiter der Abteilung dazu durchrang, sich um ihn zu kümmern. Meist hatte dieser weniger Ahnung als er und wenn er, wie dieses Mal, Pech hatte, musste er sowohl zur Behörde für Tierwesen als auch zu der für Zauberwesen, weil immer noch nicht geklärt war, in wessen Zuständigkeitsbereich Werwölfe eigentlich fielen.
Zwischen den beiden Terminen hatte er einen weiteren im St. Mungo, was nicht nur eine Menge zusätzlicher Lauferei bedeutete (warum hatte man ihm die beiden Termine im Ministerium nicht direkt nacheinander gegeben?), sondern auch hieß, dass er die Folgen der Gesetzesänderung in dreifacher Ausfertigung über sicher gehen lassen musste.
"Ich kann mir mittags ein Brot schmieren, dann essen wir abends zusammen. Ich könnte auch was kochen", schlug Hecktor mit Elan vor, was dazu führte, dass sich auch Remus zu einem Lächeln durchringen konnte.
"Und jetzt sind wir alle wieder glücklich", kommentierte Hecktor. "Daddy, hebst du meinen Stubenarrest wieder auf?"
Er musste einfach fragen. Als Remus Hecktor musterte, der bemüht war ein möglichst unschuldiges Gesicht zu machen und ihn mit großen, bittenden Augen anzusehen, meldete sich sein schlechtes Gewissen.
Hecktor war zwar schon öfter alleine gewesen, aber es machte einen Unterschied für ihn, ob er nur einkaufen war, oder sich stundenlang auf irgendwelchen Ämtern herumdrücken musste. Er hasste es, wenn sein 'pelziges, kleines Problem' mehr Einfluss auf sein Leben hatte, als nötig.
Außerdem wolle er vermeiden, dass Hecktor sich fragte, wo sein Vater so lange hinmusste. Er hatte sich bis jetzt noch nicht dazu durchzuringen können, dem Jungen zu sagen was er war.
"Du hast doch seit höchstens zwei Stunden Hausarrest", warf Remus eher halbherzig ein.
"Aber Silvia hat es überhaupt nichts ausgemacht, dass ich eine Eule geschickt habe. Das fand sie gar nicht merkwürdig." Jetzt zahlte es sich aus, dass er sich in seinem Zimmer schon eine Argumentation zurechtgelegt hatte.
"Ich soll sie anrufen und wir haben kein Telefon und wenn ich sie nicht anrufe und sie wartet die ganze Zeit, dann wird sie bestimmt ganz traurig und..."
"Schon gut. Strafe aufgehoben. Aber nur ausnahmsweise", unterbrach Remus Hecktors Redefluss.
Der war zuerst überrascht und strahlte dann über das ganze Gesicht. "Dann müssen wir jetzt eine Telefonzelle suchen", erklärte er geschäftig.
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Eine Viertelstunde später marschierte Hecktor vor seinen Eltern her, und hielt Ausschau nach einer Telefonzelle. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf Silvias Brief, der eine ausführliche Beschreibung des Aussehens und mehrere eingeklebte Fotos einer Telefonzelle enthielt. Es würde nicht schwer sein, den roten Kasten zu erkennen, wenn er ihn sah.
Tonks betrachtete Hecktor, der ein paar Schritte vor ihnen ging und mit todernstem Gesicht aufmerksam in jede Seitenstraße blickte, an der sie vorbeikamen. "Er verschickt Eulenpost an Muggel und du lässt ihn zur Belohnung um neun Uhr abends noch durch die Gegend laufen und nach einer Telefonzelle suchen?", sagte sie mit gespielt strengem Ton, musste aber gleichzeitig grinsen.
"Willst du, dass er ihr noch mal unsere Eule schickt?", konterte Remus und drückte ihre Hand fester. Die frische Luft tat ihm gut und er konnte sich von Tonks, die wild entschlossen war, gute Laune zu verbreiten, aufmuntern lassen.
Hecktor hatte mittlerweile eine Telefonzelle entdeckt. So weit so gut. Er musterte den Apparat und verglich ihn mit Silvias Anleitung. Zuerst Geld einwerfen, das stand auch unter dem kleinen Schlitz. Seine Hände zitterten vor Aufregung so, dass er die Münzen fast fallen ließ, aber er hatte Glück und der Automat schluckte alle auf Anhieb.
Wie man wählte, wusste er selbst und den Hörer hielt er automatisch richtig herum. Gespannt lauschte er dem Tuten und blickte kurz durch die kleinen Scheiben, durch die ihn Tonks neugierig beobachtete. Dann wandte er sich wieder Silvias Brief zu. Sie hatte aufgeschrieben, was die einzelnen Klingelsequenzen zu bedeuten hatten, aber war das jetzt eher Tut oder Tuuuut? Es klickte in der Leitung, als am anderen Ende abgehoben wurde.
"Hallo Silvia. Kannst du mich hören?", rief Hecktor sofort aufgeregt in den Hörer.
"Hallo Hecktor", kam aus dem Hörer. "Hallo Silvia", schrie Hecktor begeistert. "Hörst du mich gut?"
"Du bist viel zu laut, sprich einfach so, als würde ich neben dir stehen. Wie geht's dir?"
"Gut. Und dir?"
"Ganz gut. Das mit der Waldelfe hat mir gefallen. Ich wusste vorher nicht, dass echte Elfen Insektenaugen haben."
"Aber ich finde nicht, dass deine Augen aussehen, wie Insektenaugen", versicherte Hecktor hastig.
Sie lachte. "Das habe ich schon verstanden. Ich finde auch nicht, dass du Schuppen und Fledermausflügel und einen Schwanz hast oder Feuer spuckst." Jetzt musste auch Hecktor lachen. Darauf war er natürlich auch gekommen.
"Was war eigentlich mit unseren Aufsatz?", fragte er.
"Oh. Mein Lehrer war nicht sehr begeistert und hat gemeint er wäre total am Thema vorbei, aber das war ja klar. Immerhin waren wir nicht seiner Meinung." Dass sie jetzt mehrere Stunden bei der Schulpsychologien zubringen musste, bei denen diese wissen wollte, ob sie sich möglicherweise nicht angenommen fühlte, verschwieg Silvia ihm lieber.
"Du könntest mir noch mal ganz genau sagen, was mit der Post nicht funktioniert hat", schlug sie vor. "Deine Eule hat mich nämlich gebissen."
"Wenn man ihr keine Eulenkekse gibt, wird sie manchmal sauer", erklärte Hecktor.
"Wo kriege ich die Eulenkekse her?", fragte Silvia sofort.
Das war für einen Muggel in der Tat ein Problem. Hecktor beschloss das Gespräch in sicherere Bahnen zu steuern, indem er noch einmal schilderte, was genau er mit der Post gemacht hatte. Nachdem sie nach einer Weile immer noch nicht herausgefunden hatten, woran er denn gescheitert war, meinte Silvia. "Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube es liegt irgendwie am Briefkasten. Sag mal, hast du was dagegen, wenn ich euch mal besuchen komme? Vielleicht weiß ich, was nicht stimmt, wenn ich ihn sehe und dann könnte ich dir auch einen Fernseher zeigen."
"Au ja!", entfuhr es Hecktor. Gleichzeitig fiel ihm wieder ein, dass er keine anderen Kinder mit in die Wohnung bringen durfte, aber jetzt hatte er schon zugesagt.
"Gut. Wann denn?", fragte Silvia sofort, als hätte sie Angst er würde es sich anderes überlegen.
"Du, Silvia, es gibt da ein Problem. Ich meine, ich würde mich unglaublich gerne mit dir treffen, aber meine Eltern... Also ich darf niemanden mit in die Wohnung bringen, weil..."
"Es macht mir auch nichts aus, wenn wir uns draußen treffen", unterbrach Silvia ihn.
"Das wäre toll", sagte Hecktor erleichtert. "Geht übermorgen? So um zehn?" Sein Vater musste um acht weg, seine Mutter schon um fünf Uhr morgens im Ministerium sein. Vor sechs Uhr abends war mit keinem von ihnen zu rechnen, das hatte er während des Spazierganges aus den Gesprächsfetzen herausgehört. Er hatte also zwei Stunden Zeit um die Wohnung für alle Fälle muggelkonform zu machen, falls Silvia doch kurz hereinkam und seine Eltern würden wohl nichts dagegen haben, wenn sie draußen spielten.
Eigentlich war Hecktor klar, dass diese Argumentation seine Eltern nicht überzeugen würde, aber erstens waren sie nicht da und zweitens konnte er ohnehin nicht mehr absagen.
"Ich komme dann zu eurer Wohnung und klingle, in Ordnung?", riss Silvia ihn aus seinen Gedanken. "Okay. Sollen wir uns ein Picknick mitnehmen?"
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Es war kurz vor zehn als Tonks die Tür öffnete um Hecktor aufzufordern, das Gespräch zu beenden. Plötzlich fiel ihr etwas ein. "Kann ich mal kurz mit Silvia reden?"
Sie nahm Hecktor den Hörer aus der Hand, nachdem dieser sich kurz verabschiedet hatte.
"Hallo Silvia."
"Hallo Miss. Sie müssen nicht so laut sprechen, stellen Sie sich vor ich würde neben Ihnen stehen."
"So besser? Okay. Ich habe eine Frage." Wie sollte sie das jetzt formulierten?
"Nur zu." Silvias Stimme klang etwas nervös, wahrscheinlich erinnerte sie sich daran, wie es geendet war, als Tonks das letzte Mal eine Frage gehabt hatte, doch diesmal war Tonks diejenige, die verunsichert war. "Also: Gibt es in der Nähe von eurem Haus, einen Schuppen oder ein Gerätehaus oder so was in der Art, das man mieten oder kaufen kann?"
"Die Sachen, die bei uns auf dem Gelände sind, können Sie mitbenutzen. Wir haben ein kleines Gerätehaus für Werkzeug, da können Sie Ihre Sachen dazu stellen", gab Silvia bereitwillig Auskunft. "Und es gibt noch eine freie Garage, also Platz gibt es genug."
Das war alles nicht das Richtige, soweit sie das beurteilen konnte. "Mehr etwas, in dem man sich aufhalten kann?"
"Fitnessstudio und Sauna sind im Keller, da gibt es auch einen Partyraum. Man könnte auch noch einen Hobbyraum einrichten, es steht noch ein Raum leer. Wenn ich wüsste, was genau Sie suchen..."
Tonks schwieg. Einen Platz, wo ein Werwolf sich ungestört verwandeln kann?
"Nichts im Haus. Es müsste schon ein anderes Gebäude sein, am besten ein Stück vom Haus weg. Vielleicht hast du gehört, dass ein Bauer seine Scheune nicht mehr braucht, oder so?" Schweigen am anderen Ende der Leitung, während Silvia überlegte. "Da fällt mir jetzt nichts ein. Außer, vielleicht ginge das Pförtnerhäuschen am Eingang?"
Tonks erinnerte sich an das Gebäude, das sich an die Grundstücksmauer duckte, mit reichlich Platz und Abwechslung für einen wütenden Wolf und weit genug vom Haupthaus entfernt. "Klingt gut."
"Bis auf ein paar alte Möbel ist es ganz leer, aber man könnte sicher auch Heu reintun, oder so was."
Tonks fand, dass das ganz viel versprechend klang. "Würdest du Remus ein bisschen was darüber erzählen?" Hecktor beobachtete erstaunt, wie seine Mutter Remus, der ebenfalls überrascht wirkte, in die Telefonzelle schob und ihm mit den Worten "nicht schreien" den Hörer in die Hand drückte.
Fünf Minuten später kam Remus breit grinsend aus der Telefonzelle. Er tauschte mit Tonks vielsagende Blicke aus, bevor er verkündete: "Ich würde sagen, wir ziehen zu deiner neuen Freundin."
