3. Kapitel

Hecktor ging noch einmal durch die gesamte Wohnung und versuchte das, was er sah, mit Muggelaugen zu sehen. Nachdem sein Vater sich verabschiedet hatte, hatte Hecktor sofort damit begonnen, die Wohnung muggelkonform zu machen. Zuerst hatte er alles, was augenscheinlich mit Zauberei zu tun hatte, in die Schränke gestopft, alle Sachen, die er dann noch nicht untergebracht hatte, kamen in einen leeren Umzugskarton.

Nach einigem Überlegen war er zu dem Schluss gekommen, dass sie das Schlafzimmer seiner Eltern wohl auf keinen Fall betreten würden und hatte dort die beiden Kartons und auch die Gegenstände, die ihm später noch verdächtig erschienen, untergebracht.

Die Aufräumaktion hatte länger gedauert, als er gedacht hatte und er war gezwungen, die Bilder, die in lautes Protestgeschrei verfallen waren, als er sie in den Umzugskarton stopfen wollte, wieder aufzuhängen, da man ihr Gezeter durch die ganze Wohnung hören konnte.

Als er in Rekordgeschwindigkeit Brote für das Picknick schmierte, hatte er verlorene Zeit aufgeholt, trotzdem war es schon zehn vor zehn als er seinen letzten Kontrollgang antrat und Silvia konnte jeden Moment kommen. Hecktor fand, dass er ganze Arbeit geleistet hatte.

Als er die Schritte auf dem Flur hörte, lief Hecktor, mit einem letzten warnenden Blick zu den Bildern, in Richtung Wohnungstür. Diese öffnete sich von alleine und Hecktor erblickte seine Mutter, die ihn anstrahlte.

"Ich konnte früher nach Hause, dann bist du doch nicht so alleine. Toll oder? Freust du dich denn gar nicht?" Sie blickte ihren Sohn an, der bei ihrem Anblick scheinbar im Flur versteinert war.

"Doch", stieß Hecktor nicht sehr überzeugend aus. "Wieso bist... Was ist mit deinem Arm passiert?" Ihm fiel erst jetzt auf, dass Tonks' rechter Arm bis zur Schulter bandagiert war.

"Das ist nichts weiter, wir hatten nur einen kleinen Zwischenfall, während der Arbeit. Deshalb durfte ich auch früher nach Hause. Würdest du mir kurz helfen, einen Brief an Daddy zu schreiben, damit er weiß, dass alles in Ordnung ist?", fragte Tonks, als sie an Hecktor, der immer noch völlig aus der Fassung war, vorbei in die Wohnung ging.

Obwohl sie im ersten Moment nicht genau sagen konnte, was sich verändert hatte, wirkte die Wohnung seltsam leer. Es waren die Kleinigkeiten, die normalerweise herumlagen, weil man sie nicht gleich wegräumte, die verschwunden waren: ein paar Rollen Pergament, ein Stapel mit alten Tagespropheten und die neuste Ausgabe, die Remus meistens auf dem Couchtisch liegen ließ, die Schachtel Eulenkekse auf der Fensterbank, ein paar Schokofroschkarten, die Hecktor schon seit einer Woche einsammeln sollte.

Offensichtlich hatte er das getan und neben bei auch noch große Teile des beweglichen Hausrates entfernt. Einen aberwitzigen Moment lang fragte sie sich wieso die Bilder noch an den Wänden hingen.

"Was ist hier eigentlich los?", fragte Tonks das Bild einer Picknickgesellschaft, die erstarrt auf einem sonnigen Hügel saß und scheinbar kollektiv die Luft anhielt. Sofort kam Leben in das Bild. "Wir dürfen uns nicht mehr bewegen und reden sollen wir auch nicht..."

"Er hat gedroht uns mit dem Gesicht zur Wand zu hängen..."

"Kein Benimm mehr, die heutige Jugend..."

„...in einen Karton gestopft..."

"...bodenlose Unverschämtheit..."

"Ruhe!", unterbrach Tonks die wütend durcheinander schimpfenden Gestalten, die zum Teil wild gestikulierten. "Hecktor, was ist hier los?"

Hecktor kam zögernd aus dem Flur, in dem er die ganze Zeit über stehen geblieben war. Wenn seine Mutter in ihrem Verhör-Ton sprach, wurde es ernst.

"Ich hab... aufgeräumt", sagte er zögerlich.

"Das sehe ich", bemerkte Tonks trocken und warf einen Blick zum Glasschrank, in dem eine einsame Vase ihr Dasein fristete. Wo waren eigentlich die Fotos, die Porzellanfigurenreihe der magischen Geschöpfe Irlands und der Modelbesen hingekommen, die sich ebenfalls im Schrank befunden hatten?

"Warum hast du das Bild bedroht?"

Schweigen.

"Ich warte." Es war wahrscheinlich das Beste, wenn er gleich alles erzählte. Silvia konnte jeden Moment klingeln, dann konnte Tonks sich ohnehin alles zusammenreimen. Außerdem war Hecktor sich sicher, dass es keinen Menschen auf der Welt gab, der nicht alles gestand, wenn er lange genug von seiner Mutter ausgefragt wurde.

"Ich wollte mich heute mit Silvia treffen und dachte vielleicht muss sie aufs Klo und dann kann ich ja schlecht nein sagen und na ja..." Er brach ab.

"Na ja, was?"

"Deshalb hab ich aufgeräumt."

Die Sekunden in denen ihn Tonks nur streng musterte, ohne etwas zu sagen, schienen sich zu Jahren zu dehnen. "Du hast gesagt, du willst dich mit anderen Kindern auf dem Spielplatz treffen, während wir weg sind."

"Ich wollte mit Silvia auf den Spielplatz gehen." Hecktor hatte das Gefühl unter ihrem Blick auf die Größe eines Wichtels zu schrumpfen.

"Das ist nicht ganz dasselbe", stellte Tonks fest.

"Vielleicht habe ich mich nicht ganz klar ausgedrückt?"

Das Läuten der Klingel war für Hecktor ein Laut der Erlösung. In Windeseile flitzte er zur Wohnungstür, die Tonks zu schließen vergessen hatte.

Sein Herz macht einen erfreuten Sprung, als er Silvia erblickte. Sie hatte sich die Haare zu zwei schiefen Zöpfen geflochten, die bereits begannen sich aufzulösen und war noch blasser, als bei ihrem ersten Treffen.

"Hast du Ärger wegen mir?" Ihre Miene war besorgt. Wahrscheinlich war zumindest ein Teil der Unterhaltung durch die offene Wohnungstür gedrungen.

"Hallo", sagte Hecktor, der nicht genau wusste, was er auf die Frage antworten sollte. Er registrierte, wie seine Mutter hinter ihm im Flur auftauchte. "Ich hole nur kurz das Picknick, das ich gemacht habe, okay?" Sie hereinzubitten traute er sich in Anwesenheit seiner Mutter doch nicht.

"Kein Problem." Einen Moment lang standen sich Silvia und Tonks allein im Flur gegenüber.

"Hübsche Frisur. Sie sehen damit viel fröhlicher aus", sagte Silvia, um überhaupt etwas zu sagen.

"Wa…? Ach so, das. Die habe ich schon länger", meinte Tonks überrascht und strich sich durch das bonbonrosa Haar. Ihr fiel ein, dass sie auch noch einen Umhang trug.

"Wie bist du hergekommen?", fragte sie, um das Thema zu wechseln.

"Ich bin mit dem Zug gefahren", erklärte Silvia kurz angebunden.

"Deine Mum lässt dich also schon ganz allein wegfahren?" Tonks wusste, dass die meisten Kinder furchtbar stolz darauf waren, wenn sie alleine etwas unternehmen durften. Silvia gab einen zustimmenden Laut von sich, aber Tonks kannte diesen ausweichenden Blick von Hecktor.

"Du hast deiner Mutter aber Bescheid gesagt, oder?", fragte Tonks entsetzt.

"Es ist ja nicht so weit weg", murmelte Silvia wie zur Entschuldigung. An ihrem Gesichtsausdruck konnte Tonks sehen, dass sie das Verhalten des Mädchens richtig gedeutet hatte. Allerdings schien ihr eher die Unterhaltung unangenehm zu sein, als dass sie wegen ihres Verhaltens ein schlechtes Gewissen hatte.

Bevor Tonks irgendetwas dazu sagen konnte, war Hecktor auch schon wieder mit dem Picknickkorb da und verabschiedete sich flüchtig. Beide schienen gar nicht schnell genug von ihr wegkommen zu können.

Langsam ging Tonks ins Wohnzimmer zurück, um die Nachricht an Remus zu schreiben. Sie fragte sich, ob es eine gute Idee war ihren Sohn mit einem Kind alleine zu lassen, dass es nicht einmal für nötig hielt seiner Mutter Bescheid zu sagen, wenn es den ganzen Tag alleine in eine fremde Stadt fuhr, die siebzig Meilen entfernt lag.

•°°°•»«•°°°•»«•°°°•

"Also, das ist der Briefkasten. Deine Post ist immer angekommen, aber wenn ich meine Briefe reingelegt habe, ist gar nichts passiert. Nach einer Woche oder so lagen sie noch genauso da, wie ich sie eingeworfen hatte."

Silvia warf Hecktor einen überraschten Blick zu. "Also", begann sie nach kurzem Zögern zu erklären, "es gibt zwei Arten von Briefkästen. Von der ersten Art hat jedes Haus oder jede Wohnung einen eigenen und in ihm wird die Post für die Leute, die in der Wohnung wohnen, eingeworfen. Die zweite Sorte steht einfach so an bestimmten Stellen auf der Straße oder es gibt sie auch in Kiosken. In die wirft man seine Briefe, die verschickt werden sollen. Dann kommt ein Postbote, macht den Kasten auf und verteilt die Briefe, dann in Briefkastensorte Nummer eins."

"Ach, so." Langsam verstand Hecktor, was falsch gelaufen war.

"Eigentlich gemein, wenn man keine Ahnung hat, kann man gar nicht wissen, dass zwei verschiedene Sorten Briefkasten gemeint sind."

"Und wenn man es weiß, kommt man nicht darauf, dass jemand denken könnte, dass es nur eine Sorte gibt", ergänzte Silvia.

"Du könntest mir Nachhilfe in Muggeltechnik geben", schlug Hecktor vor.

"Gerne. Sollen wir uns jetzt gleich einen Fernseher ansehen, oder hast du zuerst was anderes vor?"

•°°°•»«•°°°•»«•°°°•

Tonks wusste mittlerweile, wo die Gegenstände aus dem Glasschrank waren. Sie war über den Umzugskarton gefallen, als sie ihr Schlafzimmer betreten hatte. Weitere Dinge befanden sich in einem zweiten Karton, der Rest, den Hecktor einzupacken keine Zeit mehr gehabt hatte, war auf ihrem Bett und dem Fußboden verstreut.

Mit einem unmotivierten Schlenker ihres Zauberstabs versuchte sie die Sachen an ihren Platz zurück zu räumen. Das Spikoskop machte einen Hüpfer und landete auf ihrem Fuß, sonst zeigte sich kein sichtbarer Erfolg.

Obwohl Tonks selbst mit schwierigsten Verteidigungszaubern keine Probleme hatte, wollten ihr die einfachsten Haushaltszauber nicht gelingen, egal wie sehr sie sich bemühte. Ihre Mutter behauptete das läge an einem inneren Widerwillen.

Ihr Arm begann zu schmerzen und so fegte sie die Gegenstände einfach nur neben ihrem Bett auf den Boden, um sich hinlegen zu können. Sollte Remus sich darum kümmern, wenn er zurückkam, mit der linken Hand konnte sie ohnehin nicht vernünftig zaubern.

•°°°•»«•°°°•»«•°°°•

Remus blickte überrascht von einer älteren Ausgabe des Tagespropheten auf, als der junge Heiler den Raum betrat. Er war erst seit etwa zehn Minuten hier und war angenehm überrascht, dass er nicht lange warten musste.

Bei seinem ersten Termin hatte er zwei Stunden warten müssen, bis er aufgerufen wurde und die Beratung hatte darin bestanden, dass ein alter Beamter, der den Anschein erweckte, als wäre er lebendig mumifiziert worden, und der ständig seine Papier neu ordnen musste, ihm mit zittriger Stimme den Gesetzestext vorlas. Als ob er den nicht kennen würde.

Der Heiler war in der Tür stehen geblieben und warf ihm einen nervösen Blick zu.

"Es ist Post für Sie gekommen, Sir." Er legte den Brief auf ein Tischchen neben der Tür. Als er wieder hinausgehen wollte, zögerte er einen Moment und drehte sich noch einmal um.

"Es gab heute Morgen einen heftigen Inferi-Angriff mit vielen Verletzen. Im Moment ist jeder Heiler, der sich nicht unbedingt um eigene Patienten kümmern muss, im Einsatz. Es ist vielleicht besser, wenn Sie später wiederkommen, dann müssen Sie nicht so lange warten. Sie sind doch wegen der Beratungsgespräche hier, oder?" Er wirkte unsicher.

"Danke für den Tipp." Remus schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. Als er im Vorbeigehen den Brief vom Tisch nahm und den Raum verließ, war der Heiler bereits davongeeilt.

•°°°•»«•°°°•»«•°°°•

"Willst du Wurst oder Käse?" Hecktor und Silvia saßen einträchtig nebeneinander auf einem schmalen Mäuerchen, das den Spielplatz umgrenzte. Der Picknickkorb, aus dem Hecktor gerade Teller und Brote kramte, befand sich zwischen ihnen und die Sonne wärmte mit sanften Strahlen ihre Gesichter. Der Himmel war so klar wie lange nicht mehr und eine leichte Briese strich durch die Bäume hinter der Mauer, so dass die Äste ein wildes Muster aus Licht und Schatten vor auf den staubigen Boden warfen.

Ein paar Mütter beaufsichtigten ihre kleinen Kinder, die unter lautem Gejohle versuchten im Sandkasten ein Loch bis nach Australien zu graben.

Silvia hatte die Adresse eines Fachhandels für Elektrogeräte herausgesucht zu dem sie gefahren waren. Dort hatte Hecktor Fernseher in allen Formen und Größen bestaunen können und ein freundlicher Verkäufer, der sich offensichtlich langweilte, weil es zu dieser Tageszeit kaum Kunden gab, hatte ihnen erklärt wie die Geräte funktionierten. Danach rundeten sie ihren Besuch mit einer Besichtigungstour durch die Küchenabteilung ab.

Hecktor fand es wirklich faszinierend, was für komplizierte Gerätschaften Muggel entwickelten, um die Dinge zu erledigen, für die sein Vater nur ein Schnippen seines Zauberstabes benötigte. Obwohl es ihn mit Dankbarkeit erfüllte, dass er ein Zauber war und solche Hilfsmittel nie benötigen wurde, nötigte es ihm Respekt ab, wenn er an die Mühen dachte, die es gekostet haben musste, solche Maschinen zu entwickeln. Er hätte gerne mit Silvia darüber gesprochen, aber er wusste nicht genau, wie er ihr seine Gefühle verständlich machen sollte.

"Wie du möchtest, ich mag beides." Hecktor schrak von seinen Gedanken auf und blickte Silvia verblüfft an.

"Du hast gefragt, ob ich Wurst oder Käse möchte und mir ist beides recht", informierte Silvia ihn grinsend.

"Ich hab nur an unseren Ausflug gedacht", versuchte er zu erklären.

"Hat's dir gefallen?" Sie wusste, dass es das getan hatte. "Dann hat es sich wenigstens gelohnt, dass deine Mutter dich vorhin ausgequetscht hat."

Hecktor fragte sich, wie viel Silvia wohl von ihrem Gespräch mitgehört hatte.

„Ich weiß zwar nicht, worum es ging, aber es klang irgendwie ein bisschen wie ein Verhör."

„Ich hatte eigentlich gar nichts gemacht", verteidigte sich Hecktor. Silvia legte den Kopf schief und schien sich an die Unterhaltung mit Tonks zu erinnern, die sie bei der Besichtigung geführt hatten.

„Ich finde deine Mutter sollte Polizistin werden. Sie könnte jeden Verbrecher dazu kriegen zu gestehen, egal wie böse er ist."

„So was in der Art macht sie auch", erwiderte Hecktor nicht ohne Stolz. Schließlich gehörten die Aurori zur Elite der Zaubererwelt. „Wirklich?", fragte Silvia interessiert.

"Ja. Und meine Eltern haben beschlossen, das wir ziehen bei euch einziehen", wechselte er schnellt das Thema.

"Toll und wann?", wollte Silvia Sie über das ganze Gesicht strahlend wissen.

"Bald, glaube ich. Wir wissen es auch erst, seit ich angerufen habe."

"Klar, ihr müsst ja noch packen und Umzugswagen organisieren und so. Außerdem kann man eine Wohnung nicht so von einem Tag auf den anderen einfach kündigen."

Hecktor schwieg. Von solchen Dingen hatte er keine Ahnung, aber er nahm an, dass es nicht daran lag, dass sie keinen Umzugswagen hatten. "Ihr könnt natürlich auch früher einziehen. Es muss eigentlich nichts mehr in der Wohnung gemacht werden."

"Morgen?", fragte Hecktor. Ein heftiges Nicken war die Antwort. "Und sag deiner Mutter, dass Vanessa auch einverstanden ist. Ihr ist es sogar lieber, wenn ihr früher kommt."

"Warum sagst du eigentlich Vanessa zu deiner Mutter und nicht Mama oder so?" fragte Hecktor nach einer Weile neugierig.

„Ist einfach so", sagte Silvia und zuckte gelangweilt mit den Schultern, während sie den Blick auf den staubigen Boden vor ihren Füßen heftete.

Für einen Moment versanken sie in betretendes Schweigen, das nur von dem Geschrei der Kleinkinder unterbrochen wurde.

"Möchtest du Kürbissaft?", versuchte Hecktor die Situation zu retten. Einen schrecklichen Moment lang reagierte Silvia gar nicht auf die Frage, dann wandte sie ihm den Kopf zu, wobei sie immer noch den Blick gesenkt hielt und sagte leise: "Kürbissaft klingt interessant."

Hastig goss Hecktor eine Tasse voll Saft und reichte ihn ihr. "Tut mir Leid. Dad sagt auch immer, dass ich nicht so neugierig sein soll."

"Ist schon in Ordnung", sagte Silvia fest. "Es gibt nur ein paar Dinge, über die ich nicht so gerne rede. Ist das okay für dich?"

Hecktors Neugier war jetzt zwar erst Recht geweckt, aber als er einen Moment darüber nachdachte, war ihm die Sache mehr als Recht. Jetzt brauchte er sich nicht schuldig zu fühlen, wenn er Silvia verheimlichte, dass er ein Zauberer war. "Wir können ja abmachen, dass jeder von uns ein Geheimnis haben darf, das er dem andern nicht zu sagen braucht."

Jetzt lachte Silvia sogar. "Du hast auch eins, stimmt's?" Sie ließ die Frage für einen Moment im Raum hängen. "Ein Geheimnis, das wir erst verraten, wenn wir wollen und der Andere darf nicht danach fragen." Sie hielt ihm über den Picknickkorb die Hand hin und Hecktor schlug ein.

"Was ist eigentlich ein Muggel?" Hecktor war von der Frage völlig überfahren.

"Woher...?"

"Du hast Muggeltechnik zum Fernseher gesagt, als wir uns vor eurem Briefkasten unterhalten haben. Oder gehört das auch zum Geheimnis?"

An ihrem schelmischen Grinsen konnte Hecktor erkennen, dass sie die Frage nur stellte, weil sie die Vereinbarung getroffen hatten, die ihm eine Ausweichmöglichkeit ließ.

"Genau", erwiderte er dankbar und sie ließ das Thema sofort fallen.

"Wenn ihr morgen bei uns einzieht, dann könntest du ja zu uns in die Wohnung kommen. Wir könnten zusammen kochen, oder so. Was meinst du?", bemerkte sie stattdessen.

"Ich hab noch nie richtig gekocht", wandte Hecktor ein.

"Das macht nichts. Vanessa ist eigentlich immer im Atelier und Mark ist für ein paar Tage weg. Es gibt also keinen, vor dem wir uns blamieren würden, wenn es nicht klappt. Und deine Eltern freuen sich bestimmt, wenn sie das nicht auch noch am Hals haben. Also hast du Lust?"

Hecktor nickte. Er hatte zwar noch nie etwas gekocht, aber er stellte es sich spaßig vor ohne Aufsicht nach Herzenslust in der Küche herumfuhrwerken zu können.

"Können wir Pizza machen?" Die hatte für seinen Geschmack immer viel zu wenig Belag.

"Kein Problem. Rufst du mich an, falls es morgen nicht geht?" Silvia nahm sich ein Käsebrot aus dem Picknickkorb. Auch Hecktor hatte es hungrig gemacht übers Essen zu reden.

Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander und genossen kauend die Sonne, die durch die Blätter der leise rauschenden Bäume schien. Mittlerweile lungerte eine Gruppe Jugendlicher, die von den Müttern argwöhnisch beäugt wurde, um die Wippe herum, stellte Hecktor fest, als er seinen Blick über den Spielplatz schweifen ließ. Sie waren beide mit Essen fertig und er suchte gedanklich nach einer Beschäftigung, mit der sie den Nachmittag verbringen konnten.

Sein Blick blieb an einer Gruppe Kinder hängen, die den Spielplatz betrat. Sie gingen, bis auf einen kleinen Jungen, der von seinem älteren Bruder an der Hand gehalten wurde, in seine Schule und wurden von einem blonden Jungen mit rundem Gesicht angeführt, in dem Hecktor Matthias erkannte, den Jungen, der ihm das Leben schwer machte, seit er neu in die Klasse gekommen war.

•°°°•»«•°°°•»«•°°°•

Remus hatte weitere viereinhalb Stunden gewartet, bis er endlich aufgerufen wurde, was ein neuer Rekord war. Zwar hatte er nicht ernsthaft damit gerechnet, dass sein Termin vorgezogen werden würde, aber auch der angegebene Termin lag bereits zwei Stunden zurück.

Er war in seiner gesamten Wartezeit weder hier noch vor dem Werwolfberatungsbüro einem anderen Werwolf begegnet, sodass er sich mittlerweile mehr als einmal gefragte hatte, ob etwas nicht mit rechten Dingen zuging.

Es war bekannt, dass sich viele Werwölfe von der Zauberergemeinschaft abgewandt und Voldemort angeschlossen hatten oder fernab von Menschen ihr Dasein fristeten, aber er konnte doch nicht der Einzige sein, der unter Menschen lebte.

Er saß in dem ausgestorbenen Korridor mit den Büros, in dem der dritte Teil seines Beratungsgesprächs stattfinden sollte, der gleichzeitig auch derjenige war, vor dem er sich am meisten gefürchtet hatte.

In der Abteilung für Tierwesen ging es im Allgemeinen rauer zu, als in der für Zauberwesen, was sich auch in den Bereichen für Werwölfe widerspiegelte. Während die Beamten im Werwolfberatungsbüro schlecht informiert und chronisch überfordert waren, verhielten sich die Mitarbeiter der Büros in der Abteilung für Tierwesen grundsätzlich, als hätten sie es mit einem streunenden Straßenköter zu tun.

Heute hatte er zum ersten Mal das zweifelhafte Vergnügen eine Unterredung in den Büros des Werwolffangkommandos zu haben. Er hatte nie mit ihnen zu tun gehabt und wenn es nach ihm ging, konnte das auch so bleiben. Es war ihm ohnehin schleierhaft, wie sie irgendeine Beratungsfunktion haben sollten.

Eigentlich wollte er nur nach Hause und nach Tonks sehen. Sie hatte zwar geschrieben, dass es ihr gut ging, aber wenn das wirklich der Fall gewesen wäre, hätte man sie wohl kaum nach Hause geschickt. Die quälende Sorge, die in ihm aufgestiegen war, als er ihren Brief gelesen hatte, würde erst weichen, wenn er sich mit eigenen Augen davon überzeugt hatte, dass es ihr gut ging.

"He, du. Hier rein ins Büro, aber ein bisschen plötzlich."

Der abfällige Tonfall, das grobschlächtige Aussehen, der Blick mit dem der Mann ihn musterte, als sei er ein hässliches Insekt, das gerade aus einer der Ecken gekrochen war: Falls er gehofft hätte, dass diese Unterredung angenehmer ausfiel, als diejenigen, die er mit den Beamten im Werwolfsregister gehabt hatte, hätte ihn das eines Besseren belehrt.

Schon vom ersten Blick an war ihm klar, warum sich hartnäckige Gerüchte hielten, die Mitglieder des Werwolffangkommandos wären eine brutale Schlägertruppe, bei der man sich nicht sicher war, ob man sich nicht lieber mit dem Werwolf herumschlug.

Remus folgte dem Mann in das Büro und setzte sich auf den harten Holzstuhl vor den großen Schreibtisch, der den Raum dominierte.

"Habe ich gesagt, du sollst dich setzten?", knurrte ihn sein Gegenüber an, der sich bereits mit den Füßen auf dem Schreibtisch in seinem Stuhl fläzte.

"Sitzen bleiben", befahl er, als Remus wieder aufstehen wollte. Es fiel Remus nicht einfach angesichts dieses Verhaltens höflich zu bleiben, aber er wollte die Sache so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.

Er hatte schon genug über die Leute vom Werwolffangkommando gehört, um zu wissen, dass sie keinen großen Unterschied zwischen einem Werwolf und einer Person, die an Leukanthrophie litt, machten. Vielleicht wurde man so, wenn man zu oft mit ansehen musste was Werwölfe wie Greyback anderen Menschen antun konnten, aber er fand, dass man trotzdem ein Mindestmaß an Höflichkeit wahren könnte.

"Name", schnauzte ihn sein Gegenüber an. "Remus Lupin", antwortete Remus und setzte sich aufrechter auf seinen Stuhl.

Auf dem Schreibtisch lag neben ein paar losen Blättern ein langer, matt glänzender Silberpfahl, der mit der Spitze auf ihn zeigte und leicht hin und her wippte, als der Werwolffänger zu kippeln begann, ohne dabei die Füße vom Tisch zu nehmen.

"Schön, du gehörst also zu denen, die nicht bereit sind weiterhin Werwolfbanntrank zu nehmen, wenn sie dafür Name und Adresse angeben müssen, was man von ehrlichen Menschen ja eigentlich erwarten können sollte." Er schwieg einen Moment und wartete, ob Remus den Köder schluckte. Es war offensichtlich, dass er es genoss ihn zu provozieren.

Remus antwortete nicht. Er hatte nicht vor, zu diskutieren und war sich sicher, dass das seinem Gegenüber bald klar werden würde.

Die Angaben, die nach der Gesetzesänderung gemacht werden mussten, um weiter den Werwolfbanntrank bekommen zu können, waren um einiges umfangreicher, als Name und Adresse. Außerdem waren die Listen durch keine Sicherheitsbestimmungen geschützt, sodass sie fast jeder mit dem passenden Vorwand einsehen konnte. Wenn er sich eintragen ließ, konnte er gleich Voldemort eine Wegbeschreibung zu ihrer Wohnung schicken.

"Also lass hören, was stellst du nächsten Vollmond an? Läufst du rum und zerfleischst ein paar Leute, weil du deinen Beruhigungstrank nicht bekommen hast?"

"Ich lasse mich in einen Schuppen einschließen", erwiderte Remus ruhig.

"Sir", korrigierte der Werwolffänger ihn.

Obwohl es ihm gegen den Strich ging, fügte Remus sich, denn er wusste, dass sein Gegenüber ihn noch stundenlang festhalten und nach Belieben schikanieren konnte. Er versuchte an Tonks zu denken, die womöglich verletzt war und machte gute Miene zum bösen Spiel.

"Ich schließe mich in einen Schuppen ein, Sir", wiederholte er.

"Das war jetzt aber falsch", erwiderte der Werwolffänger mit Oberlehrerton.

Remus unterdrückte ein innerliches Seufzen. "Ein Ministeriumsangestellter, der die in Paragraph 57 Absatz 3 festgeschriebenen Kriterien erfüllt, schließt mich ein, Sir", korrigierte er. Da er diese Person bereits bei der Werwolfregisterungstelle eingetragen hatte, hoffte er, dass damit das Thema erledigt sei.

"Na also, geht doch."

Der Silberpfahl rutschte ein Stück nach vorne, als der Werwolffänger seinen Stuhl wieder auf alle vier Beine krachen ließ und reichte jetzt eine Handbreit über die Tischkante.

"Eine Aurora, wie ungewöhnlich", stellte er mit einem Blick auf ein vollgekritzeltes Pergament fest. "Was ist, wenn sie arbeiten muss, wie das anständige Menschen normalerweise tun?"

"Dann schließt sie mich ein, bevor sie zur Arbeit geht. Sir." Die Spitze überhörte er geflissentlich.

"Aha." Sein Gegenüber begann wieder zu kippeln. "Und du bleibst den ganzen Tag lang eingeschlossen, oder wie darf ich mir das vorstellen?"

"Sie wird es in ihren Tagesablauf einplanen. Es ist ja schließlich nicht so, dass man nicht im Voraus wüsste, wann der nächste Vollmond ist", erwiderte Remus gereizt. Im selben Moment wurde ihm klar, dass er sich damit nur unnötigen Ärger einhandelte.

So zurückhaltend darauf bedacht sein Gegenüber nicht zu verärgern, war er nicht mehr gewesen, seit Dumbledore die Rumtreiber in sein Büro zitiert hatte, weil Sirius Snape in die heulende Hütte gelockt hatte. Damals hatte er furchtbare Angst gehabt, dass Dumbledore fand, dass er doch eine Gefahr für die anderen Schüler darstellte und ihn bat, Hogwarts zu verlassen.

"Sir?", versuchte er die Situation zu retten. Die Miene des Werwolffängers verfinsterte sich. Jetzt würde er ihm richtige Probleme machen. "Bei längeren Missionen..."

"Schließt sie mich vorher ein."

"Und was passiert, wenn sie sich verspätet?", versuchte er Remus in die Enge zu treiben.

"Dann benachrichtigt sie, wie in Paragraph 57 Absatz 5 vorgesehen einen anderen Ministeriumsangestellten, auf den die in Absatz 3 genannten Kriterien zutreffen." Falls der Fänger glaubte ihn mit seinem Verhör verunsichern zu können, hatte er sich geirrt. Er kannte die neuen Gesetze mittlerweile auswendig.

"Auror ist nicht gerade ein risikoloser Beruf. Was, wenn sie getötet wird?"

Unwillkürlich ballte Remus die Hände zu Fäusten und spürte, wie sein Blutdruck in die Höhe schoss. Die bohrenden Ängste um Tonks, die ihn schon seit Stunden quälten, schlugen in Wut um, die ihm die Sprache verschlug.

"Dann ist das nach Paragraph 23 Absatz 5 der Bestimmung zum Schutz der magischen Gesellschaft vor magischen Geschöpfen und Naturkatastrophen ein Notfall und er hat das Recht sich selbst einzuschließen oder andere geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um sich selbst und andere zu schützen", antwortete eine Stimme von der Tür.

Der Werwolffänger ließ den Stuhl auf alle vier Beine krachen und nahm mit einer fließenden Bewegung die Füße vom Tisch, während er mit der rechten Hand nach dem Silberpfahl griff. Seine Augen verengten sich, als er den Mann, der in der Tür lehnte, argwöhnisch musterte.

"Was hast du hier zu suchen?", fragte er mit herrischem Ton.

Der Mann an der Tür strich sich mit der Hand über das schlohweiße Haar, das ihm in einem langen Pferdeschwanz über die Schulter fiel. Um die grauen Augen, in denen der gelbliche Schimmer lag, an dem man Leukantrophen erkennen konnte, zogen sich zahlreiche Lachfältchen, die darauf hindeuteten, dass er um einiges älter war, als man sonst vermutet hätte. Sein Gesicht war braun gebrannt und über die linke Hälfte zogen sich zwei lange Narben, die dort zusammen trafen, wo früher einmal ein Ohr gewesen war, bevor mächtige Kiefer es abgebissen hatten.

Vor seiner Antwort, ließ er gerade genug Zeit verstreichen, um zu zeigen, dass er sich nicht herumkommandieren ließ. "Oh, ich habe nur etwas abzugeben, [style type="italic"]Sir.[/style]"

So wie er das Wort betonte, klang es wie ein übles Schimpfwort. Geschickt warf er ein dicke Rolle Pergament auf den Schreibtisch des Werwolffängers, die vor dessen Nase eine Bruchlandung hinlegte.

Der erhob sich, steckte den Silberpfahl in seinen Gürtel und machte ein paar Schritte auf den Mann an der Tür zu. Remus, der seine Fassung mittlerweile wiedergefunden hatte und die Szene interessiert beobachtete, hatte er scheinbar völlig vergessen.

"Es ist ein Antrag zum Aufstellen von Spezialzäunen, Sir. Sir müsste ihn sich durch lesen, natürlich nur falls Sir lesen kann, und genehmigen, wenn es Sir nicht ausmacht. Sir." An seinem schalkhaften Grinsen war zu sehen, dass es ihm Spaß bereitete, möglichst viele Sirs in einem Satz unterzubringen.

"Wenn du versuchst mich zu verarschen..." Der Werwolffänger legte drohend eine Hand auf den Pfahl an seinem Gürtel.

"Aber, Sir. Wie kommt Sir nur darauf?" Mit einem noch breiteren Grinsen wich er einen Schritt zurück.

"Du findest das vielleicht furchtbar komisch Wyndham, aber ich schwöre dir, eines Tages..."

"Kommt Sir und rammt dem armen Wyndham seinen Silberpfahl ins Herz. Weiß ich", unterbrach ihn Wyndham ungerührt, während der Werwolffänger rot anzulaufen begann. "Sehr beruhigend, dass mir jemand den Gnadenstoß gibt, für den Fall, dass ich irgendwann so senil werde, dass ich mich von einem Vollidioten erwischen lasse, der einen Werwolf nicht von einem Hauselfen unterscheiden kann."

Das brachte das Fass endgültig zum Überlaufen. Vor Wut schnaubend zog der Werwolffänger den Silberpfahl aus dem Gürtel und ging auf den Werwolf los, der geschickt auswich und kichernd wie ein Kind bei einem besonders gelungen Streich die Flucht ergriff.

"Du bleibst hier", rief der Werwolffänger Remus zu, bevor er Wyndham über den Flur nachrannte. Remus hörte noch wie schnelle Schritte sich entfernten, dann war es wieder ruhig. Mittlerweile hatte er sich wieder vollständig unter Kontrolle.

Hoffentlich passierte diesem Wyndham nichts. Allerdings schienen er und der Mann von Werwolffangkommando sich zu kennen und er machte den Eindruck, als wüsste er, was er tat. Er würde einfach bei Eric, dem Sicherheitszauberer, der im Atrium Wache hielt, Bescheid sagen, dann konnte der sich mit möglichen Handgreiflichkeiten auseinandersetzten.

Irgendwie erinnerte Wyndham ihn an Sirius, der Andere auch oft verärgert hatte, weil es ihm Spaß machte zu provozieren und obwohl ihn das häufig in Schwierigkeiten gebracht hatte, war er doch immer halbwegs heil aus der Sache herausgekommen. Das waren noch Zeiten gewesen, als sie zusammen sie Schule unsicher gemacht hatten. Der Gedanke an diese unbeschwerten Zeiten versetzte ihm einen schmerzhaften Stich. Er war der Einzige von ihnen, der noch am Leben war, wenn man einmal von Peter Pettigrew absah, der ihre Freundschaft verraten hatte. Plötzlich wollte er nur noch nach Hause.

Obwohl es sonst nicht seine Art war, beschloss er, dass dieser Teil des Beratungsgesprächs für ihn beendet war, stand auf und verließ das Büro ohne auch nur eine Nachricht zu hinterlassen.

•°°°•»«•°°°•»«•°°°•

Silvia hielt Hecktor am Arm fest, als er von der Mauer rutschte und warf ihm einen überraschten Blick zu. "Was ist?" Sie folgte seinem Blick auf die Gruppe Kinder, die sich jetzt in ihre Richtung bewegte, abgesehen von dem Jungen, der von seinem kleineren Bruder in Richtung Schaukel gezogen wurde. "Wer sind die?"

"Ich hab ein paar Probleme mit den anderen in meiner Klasse", murmelte Hecktor. Jetzt war es zu spät, um sich unauffällig zu verdrücken.

"Hänseln sie dich?", fragte Silvia mitfühlend.

"Das macht mir nichts aus, aber manchmal fangen sie an mich zu schubsen und so." Er wusste nicht genau, was er dazu sagen sollte, zumal die Anderen jetzt in Hörweite waren. Sie sollten nicht hören, wie er Silvia erzählte, wie sie ihm mitspielten.

"Da hilft nur Augen zu und durch", flüsterte Silvia ihm zu, nahm seine Hand und zog ihn auf dem kürzesten Weg in Richtung Straße, ohne auch nur zu versuchen, der Gruppe auszuweichen. Sie begegneten sich etwa auf der Mitte des Weges. "Habe ich dir nicht gesagt, dass du auf unserem Spielplatz nichts zu suchen hast?", wollte Matthias wissen.

"Wir wollten gerade gehen", erwiderte Hecktor mit gesenktem Kopf.

"Dafür ist es jetzt zu spät", erklärte ein blonder Junge, den er nicht kannte

"Was hast du denn da?" fragte Frank, der auch mit ihm in eine Klasse ging und riss ihm den Picknickkorb aus der Hand.

"Nicht", protestierte Hecktor leise, als die Jungen ihren Fang begutachteten und begannen, die übrig gebliebenen Brote aus dem Korb zu holen, um sie auf den sandigen Boden fallen zu lassen. "Hübsche Teller", kommentierte eines der beiden Mädchen, als auch diese auf dem Boden landeten, glücklicherweise aber auf dem weichen Sand nicht zerbrachen.

"Seit wann hast du eine Freundin?", fragte das anderes Mädchen, dem auffiel, dass Silvia immer noch seine Hand hielt.

"Sag mal, was findest du an diesem Schwächling?", wandte sie sich an Silvia.

"Er ist kein Schwächling. Wer hat es hier nötig zu fünft auf zwei loszugehen?"

Sie drücke noch einmal Hecktors Hand, bevor sie ihn losließ und zwei Schritte auf den Jungen zu machte, der den Picknickkorb hielt. "Gib den wieder her", verlangte sie selbstsicher. Der Junge lachte nur, warf den Korb auf den Boden und sprang einmal heftig darauf, woraufhin der Griff aus seiner Fassung sprang.

"Hol ihn dir doch zurück." Er schenkte Silvia ein hämisches Grinsen.

Hecktor schämte sich ein wenig, dass er sich gar nicht wehrte, aber er wusste, dass es keinen Zweck hatte, sondern alles nur noch schlimmer machte. Wenn er alles über sich ergehen ließ, hatte er gute Chancen, halbwegs heil aus der Sache herauszukommen. Seine Eltern konnten den Korb und die Teller, die der Blonde jetzt zu zerbrechen versuchte, leicht wieder zusammen fügen, es war die Sache nicht wert, deshalb Prügel zu beziehen.

Gegen die Fünf hatten sie zu zweit ohnehin keine Chance, obwohl sich Matthias ungewöhnlich zurückhaltend zeigte und die Szene aus ein paar Schritten Entfernung beobachtete. Er hielt ein kleines flaches Kästchen in ihre Richtung auf das er seine gesamte Aufmerksamkeit richtete. Jetzt hatte auch Silvia sein merkwürdiges Verhalten bemerkt.

Sie machte zwei schnelle Schritte in seine Richtung und riss ihm das Kästchen aus der Hand. "He, gib das sofort wieder zurück", verlangte er. Die Anderen hörten auf ihre Zerstörungswut am Picknickkorb auszulassen und wandten sich ihm zu.

"Sobald wir unseren Picknickkorb wiederhaben", erklärte Silvia fest.

Die Antwort war ein verächtliches Schnauben. "Ich werde dich so verhauen, dass es dir Leid tut, dass du diesem Versager", er nickte mit dem Kopf in Richtung Hecktor, der immer noch nicht verstand, was eigentlich vorging, "jemals begegnet bist."

"Und ich gehe mit deinem Handy zur Polizei. Da du schon so nett warst zu filmen, wie deine Freunde uns fertig machen, bekommt ihr einen Höllenärger", konterte Silvia.

"Die können uns gar nichts. Wir sind noch gar nicht strafbar." Matthias versuchte ein überhebliches Lachen, aber es gelang ihm nicht ganz, seine Unsicherheit zu überspielen. Silvia war ein unbekannter Faktor, sie kannte die Spielregeln nach denen diese Welt funktionierte und sie ließ sich offensichtlich nicht einschüchtern.

"Da wäre ich mir nicht so sicher. Zuerst einmal werden sie dein Handy als Beweismittel beschlagnahmen und du siehst es nie wieder. Außerdem werden sie eure Eltern auf die Wache holen und sie müssen dann den Picknickkorb und die Teller bezahlen. Jede Wette, dass sie euch das vom Taschengeld abziehen und Hausarrest bekommt ihr bestimmt auch noch."

"Gib mir sofort das Handy zurück", verlangte Matthias, aber obwohl sie zu fünft waren und Silvia und Hecktor nur zu zweit, obwohl Silvia fast einen Kopf kleiner war als er, obwohl sie so zierlich war, dass sie ihm sicher nichts entgegensetzen konnte, traute er sich nicht, sie anzugreifen.

Die Anderen warfen Matthias unsichere Blicke zu, er war der Anführer. Das zeigte ihm, dass er ein Gesicht zu verlieren hatte und er machte einen Schritt auf Silvia zu. "Sag mal Hecktor, ist deine Mutter nicht Polizistin?", fragte Silvia.

Die Frage riss Hecktor aus seiner Erstarrung. "Sie ist in einer Spezialeinheit", erwiderte er und genau genommen war es nicht einmal richtig gelogen.

"Dann schlage ich vor, wir bringen das Handy zu deiner Mum. Es sei denn natürlich, sie heben unsere Sachen auf, geben sie zurück und schwören, uns in Zukunft in Ruhe zu lassen. Dann könnten wir die Sache vielleicht vergessen. Was meinst du?", überlegte Silvia laut.

Zögernd hob der Blonde die Überreste des Picknickkorbes auf. Mit dem Sohn einer Polizistin wollte er sich lieber nicht anlegen.

Jetzt begannen auch die Anderen die herumliegenden Scherben und schmutzigen Brote aufzusammeln und zurück in den Korb zu stopfen, während Matthias als Einziger mit verschränkten Armen und zusammengekniffenen Lippen dastand, ohne sich zu rühren. Frank reichte Hecktor den lädierten Picknickkorb, ohne ihn anzusehen.

"Dankeschön", sagte Silvia übertrieben höflich. Dann legte sie das Handy auf den Boden und zog Hecktor, der immer noch perplex den Korb in seiner Hand betrachtete, eilig in Richtung Straße.

Die Blicke der Anderen folgten ihnen, aber sie rührten sich nicht von der Stelle. Matthias hob sein Handy auf und wischte mit seinem Ärmel den Staub ab. Während Silvia und Hecktor hastig die Straße hinuntergingen, warf er ihnen einen Blick nach der deutlich machte, dass die Sache damit nicht für ihn beendet war.

"Danke", sagte Hecktor schließlich zögerlich. „Die ärgern mich schon seit Monaten und wenn du mir nicht geholfen hättest..." Er wusste nicht genau, was er sagen sollte. „Du bist viel mutiger als ich."

Silvia schenkte ihm ein trauriges Lächeln. Ohne die herausfordernde Haltung wirkte sie um einiges kleiner und schutzloser. Im Gegensatz zu Hecktor hatte sie während ihres fluchtartigen Abgangs einen Blick über die Schulter riskiert und der Ausdruck im Gesicht es Anführers hatte ihr klar gemacht, dass Hecktor den Kindern wohl besser nicht mehr begegnete.

"Das war keine Hilfe, ich habe alles noch schlimmer gemacht. Ich habe den Jungen vor den Anderen blamiert, das wird er nicht auf sich sitzen lassen. Du solltest zusehen, dass du ihnen nicht mehr über den Weg läufst, bevor ihr umzieht. Außerdem bist du genau so mutig wie ich, nur ein bisschen vorsichtiger." Als sie seinen skeptischen Gesichtsausdruck sah, stupste sie ihn aufmunternd an. "Warum wärst du sonst überhaupt auf den Spielplatz gegangen?"

Weil er nicht einsah, warum die Anderen ihm vorschreiben sollten, dass er hier nicht spielen durfte, obwohl sie nicht mal dort waren; als würde der Spielplatz ihnen gehören. Jetzt kehrte auch seine gute Laune wieder zurück, wenn auch nur zaghaft. Er würde sich nicht unterkriegen lassen. "Hier in der Nähe gibt es einen Wald. Was hältst du davon, wenn wir den zusammen ein bisschen erkunden?"

•°°°•»«•°°°•»«•°°°•

Er war müde, obwohl er den Tag eigentlich nur mit Warten verbracht hatte und die Sorge um Tonks zehrte nach wie vor an. Zwar wusste er jetzt, dass er einen Ort hatte, an dem er sich verwandeln konnte, wenn sie umzogen, aber die vergeblichen Bemühungen der letzten Wochen hatten ihre Spuren hinterlassen. [style type="italic"]Reiß dich zusammen[/style], ermahnte er sich selbst. Es hatte keinen Sinn sich in seine Sorge hineinzusteigern. Als ihm auffiel, dass sich seine Gedanken seit Stunden im Kreis drehten, drückte er seine Handflächen gegen die Augen und versuchte seine Gedanken in andere Bahnen zu lenken, was ihm nicht recht gelingen wollte. Es spielte keine Rolle, wie oft er sich sagte, dass es Tonks gut ging, er würde es erst glauben, wenn er sie in seine Arme schloss.

Es war furchtbar für ihn, dass er zu Hause herumsaß, während sie ihr Leben riskierte. Ihm war klar, dass sie von irgendetwas leben mussten und es war unmöglich für ihn als Werwolf eine Arbeit zu finden. Andererseits musste jemand die Hausarbeit erledigen und auf Hecktor aufpassen und Tonks versagte sogar bei den einfachsten Haushaltszaubern. Außerdem liebte sie ihre Arbeit. Aber jedes Mal, wenn etwas passierte, wenn er in der Zeitung von einem weiteren Angriff las, oder sie ihm von weiteren Morden erzählte, dann wünschte er sich, dass er dort draußen wäre und sie bei Hecktor blieb, in Sicherheit. Er seufzte. Die Dinge waren nun einmal so, wie sie waren und es brachte nichts, wenn er mit dem Schicksal haderte.

Um seine trüben Gedanken abzulenken, versuchte Remus sich auf den Artikel im alten Tagespropheten zu konzentrieren, den er schon in der Hand gehabt hatte, als er zum ersten Mal im St. Mungo gewesen war.

Ironischerweise war es die Ausgabe, deren Schlagzeile von dem Angriff berichtete, welcher der Grund für die Gesetzesänderung gewesen war: Ein Werwolf, der die Kontrolle, die der Werwolfbanntrank ihm gab, nicht genutzt hatte, um sich friedlich in einer Ecke zusammenzurollen, sondern stattdessen gezielt Menschen angegriffen hatte. Er hatte dreizehn Menschen getötet und vierundzwanzig zum Teil so schwer verletzt, dass nur sieben ihren Verletzungen nicht im Laufe der ersten drei Wochen erlegen waren. Die anderen lebten nach offiziellen Aussagen der Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe an einem sicheren Ort, der nicht offiziell bekannt gegeben werden dürfe.

Es war eine glückliche Fügung, dass die Opfer Muggel gewesen waren, sonst hätte man wahrscheinlich zur großen Werwolfjagd geblasen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass es seit Jahren regelmäßig Massenmorde an Muggeln durch Voldemort gab, war die Öffentlichkeit nicht sonderlich schockiert und beschränkte sich darauf, sensationslüstern sämtliche Einzelheiten des brutalen Angriffs, die die Zeitungen füllten, aufzusaugen und über die Unfähigkeit des Ministeriums zu lamentieren.

Das hatte prompt reagiert und innerhalb von zwei Wochen ein neues Gesetz verabschiedet, obwohl es für die Bestimmung zur Regelung der Kesseldicken mehr als eineinhalb Jahre und drei Ausschüsse gebraucht hatte.

Davor hatte es schon seit Jahren die Möglichkeit gegeben im St. Mungo anonym Werwolfbanntrank zu bekommen. Das Konzept war entwickelt worden, da die meisten Werwölfe am Rande der Gesellschaft lebten oder zumindest ihrer Umwelt verheimlichten, was sie waren. Durch die anonyme Abgabe konnte dieses Klientel bedient werden, was nicht nur zu einer Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen, sondern auch zu einem deutlichen Rückgang der Unfälle geführt hatte. Aber der jahrelange Erfolg des Projektes, der eigentlich für sich sprach, spielte im Angesicht der öffentlichen Aufregung aufgrund des Angriffs keine Rolle. Das neue Gesetz sorgte nicht nur für die Einstellung der anonymen Abgabe, sondern verbot zusätzlich das eigenmächtige Brauen des Werwolfbanntranks, definierte ihn und alle Zutaten, als unverkäufliche Substanzen der Klasse C, verbot den Besitz größerer Mengen auch für den Eigenbedarf und verlangte weit reichende Angaben über persönliche Daten, das soziale und finanzielle Verhältnis und psychologische Tests, um den Trank beziehen zu können.

Die Tatsache, dass der Angriff eindeutig Voldemorts Handschrift trug und dass man sicher sein konnte, dass er von jemandem aus Greybacks Meute begangen worden war, also von Leuten, die sich ohnehin um kein Gesetz scherten, ignorierte man geflissentlich.

Remus mochte sich gar nicht ausmalen, wie man reagiert hätte, wäre ein Zauberer unter den Opfern gewesen. Kritische Stimmen merkten an, dass es sich nur um einen Vorwand handelte und das Ministerium schon lange vorhatte, der unkontrollierten Ausgabe von Werwolfbanntrank einen Riegel vorzuschieben, doch sie gingen im allgemeinen Ruf nach härterem Durchgreifen ungehört unter.

Remus faltete die Zeitung zusammen. Das war nicht die Art der Ablenkung, die er jetzt gebrauchen konnte. Er rutschte in eine bequemere Position und schloss die Augen.

"Mister?"

In der Tür stand eine junge Heilerin. Sie hielt sich scheinbar an einigen Rollen Pergament fest, die sie in den Armen trug und hatte den Blick ihrer großen, dunklen Augen auf den Fußboden geheftet. Das schwarze Haar, das ihr in einer Kaskaskade von Korkenzieherlöckchen über die Schultern fiel, bildete einen Kontrast zu ihrem blassen hübschen Gesicht in dem ein nervöser Ausdruck lag.

Mit der einen Hand, in der sie nur einen silbernen Kugelschreiber hielt, bedeutete sie ihm, ihr zu folgen. Hastig stand Remus auf und folgte ihr in einen Büroraum. Ohne ihn anzusehen setzte sie sich an den Schreibtisch, legte die Pergamentrollen ab und begann unsicher den Kugelschreiber zu kneten.

„Ihr Name ist Remus Lupin?", fragte sie unbeholfen und zog ein Pergament zu sich heran, als Remus mit einem aufmunternden Lächeln nickte. Sie atmete tief durch und begann nervös mit einer Hand den Knopf des silbernen Kugelschreibers zu betätigen, sodass ein scharfes Klicken jedes ihrer Worte begleitete.

"Wie Sie vielleicht wissen, ist seit einer Woche ein neues Gesetz in Kraft getreten, das die Ausgabe von Werwolfbanntrank strenger reguliert."

Klick, klick.

„Das bedeutet, dass Leukantrophen nicht mehr wie bisher den Werwolfbanntrank in unserer anonymen Abgabestelle im Erdgeschoß bekommen können", klärte sie ihn über die Auswirkungen der Gesetzesänderung auf, ohne ihn anzusehen. „Dadurch ergeben sich jetzt folgende Möglichkeiten..."

Klick, klick, klick.

Im Gegensatz zu den anderen beiden Beratungsgesprächen schien dieses seinen Namen zu verdienen, denn es war das erste Mal, dass wirklich etwas Brauchbares über die Folgen der Gesetzesänderung gesagt wurde.

Klick, klick, klick.

Allerdings fiel es Remus schwer, sich auf die Ausführungen der Heilerin zu konzentrieren, denn das monotone Klicken des Kulis machte ihn zunehmend nervös. Er nahm an, dass es sie beruhigte, denn dass die junge Frau Angst hatte, war nicht zu übersehen und er fragte sich, warum ausgerechnet sie das Beratungsgespräch führte.

Klick, klick, klick.

Es gab auch im St. Mungo vor allem unter den Jüngeren viele Heiler, die Vorbehalte gegenüber Werwölfen hegten oder sogar Angst hatten, was in Anbetracht der Tatsache, dass sie oft mit den unmittelbaren Folgen eines Angriffs konfrontiert waren, vielleicht nachvollziehbar war.

Klick, klick, klick.

Trotzdem fand sich normalerweise immer jemand, der die medizinische Versorgung übernehmen konnte, vor allem, da es sich hier nicht einmal um eine Behandlung, sondern nur um ein Beratungsgespräch handelte.

„Um weiterhin Werwolfbanntrank erhalten zu können", Klick, "falls Sie dies wünschen, müssen sie einige Formulare ausfüllen und einen kleinen Test machen." Klick, klick, klick. „Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen helfen die nötigen Formulare auszufüllen."

Es dauerte einen Moment, bis Remus registrierte, dass sie am Ende ihrer Erklärung angekommen war, denn sie war in deren Verlauf immer leiser geworden, sodass man die letzten Sätze kaum hatte verstehen können. Klick, klick.

"Nein, danke", antwortete Remus so freundlich er konnte, obwohl das Klicken des Stiftes ihn auf eine nervenzehrende Art nervös machte, wie es nur so profane Dinge wie tropfende Wasserhähne und penetrant tickende Uhren konnten.

„Könnten sie vielleicht damit …" Klick, klick, klick, klick, klick. Das Klackern steigerte sich zu einem crescendo und die Heilerin warf ihm einen erschrockenen Blick zu, als er sie ansprach, als könne er im nächsten Moment über den Schreibtisch springen und sich auf sie stützen.

„Es macht mich nervös", ergänzte Remus entschuldigend.

"Ich habe bestimmt nicht die Absicht, Sie nervös zu machen." Es schien sie große Mühe zu kosten den Stift vor sich auf den Tisch zu legen, wo er zwischen Remus und ihr eine kümmerliche Barriere bildete. Ihre Stimme zitterte bedrohlich, als sie wieder zu sprechen begann. Remus fragte sich, woher sie den Mut nahm, ihm überhaupt zu widersprechen.

"Ich muss Sie darauf hinweisen, dass der Trank erhöhte Tendenzen zu aggressivem Verhalten während der Vollmondnacht in dessen Folge Leukantrophen dazu neigen, sich und andere zu verletzen, auf eine Art und Weise unterbindet, die mit anderen Therapiemöglichkeiten nicht erreicht werden kann. Die Einnahme des Werwolfbanntranks ermöglicht während der Verwandlung die Kontrolle zu behalten, wodurch nicht nur das Unfallrisiko beträchtlich gesenkt wird, sondern auch der Aufwand an Sicherheitsvorkehrungen… " Sie räusperte sich kurz, als ihre Stimme für einen Moment versagte. Remus fiel auf, dass sie nicht Werwolf sondern Leukanthroph sagte, eine Bezeichnung, die, obwohl sie eigentlich korrekter war, meist nur in Fachbüchern verwendet wurde.

„Sie brauchen keine Angst vor mir zu haben. Es sind noch sechs Tage bis zum Vollmond."

Er wusste nicht genau, warum er es gesagt hatte, denn er zweifelte daran, dass es irgendeinen Beitrag dazu leistete, dass die Heilerin sich besser fühlte. Wahrscheinlich hatte die Bemerkung sie vollends aus der Bahn geworfen.

Es war nicht so, dass er sich über ihre Angst ärgerte, beim Anblick der Bilder von Opfern, die manchmal im Propheten abgebildet waren, wurde auch ihm flau im Magen und er konnte gut nachvollziehen, dass die junge Heilerin, die sicher noch Schlimmeres zu sehen bekommen hatte, ängstlich war, zumal er sich gut vorstellen konnte, dass Andere nach zwei Beratungsgesprächen, die eigentlich nur reine Schikane waren, weniger Verständnis für ihre Angst hatten, oder sogar aggressiv wurden.

Obwohl ihre Angst ihn verletzte, hatte er in erster Linie Mitleid mit der jungen Frau, die ihn seit seiner Beschwichtigung mit einer Mischung aus Unsicherheit und Erleichterung ansah. „Wenn Sie wollen, können wir das Gespräch gerne beenden", bot Remus ihr an. „Ich habe mich ohnehin schon entschieden."

„Bitte gehen Sie nicht", bat die Heilerin, als er sich erhob. „Ich… ich bin nur ein bisschen nervös … weil ich das zum ersten Mal mache… das ist es. Ich habe keine Angst."

„Ich kann wirklich…"

„Nein, ich … ich möchte das jetzt auch zu Ende machen. Geben Sie mit noch 'ne Chance… Okay?" Ihre Stimme klang um einiges fester, als zuvor. Lächelnd ließ sich Remus in seinen Stuhl zurücksinken. Sie warf ihm einen scheuen Blick zu. „Danke."

Sie schwiegen beide einen Moment. „Was müssen Sie jetzt vom mir denken?", murmelte sie leise.

„Ich denke gar nichts", versicherte Remus freundlich.

"Ich bin nur Heilerin im Praktikum. Eigentlich will ich mich später mal mit den Vergiftungen durch Bisswunden beschäftigen, aber man muss sich mit den anderen Bereichen aus der Abteilung, in der man arbeitet, auch mal befasst haben. Ich hab bis gestern nur zugesehen."

Sie machte eine Pause. „Er ist angefallen worden. Ich meine es war nicht Vollmond und er wird wieder gesund, aber… er sah wirklich schlimm aus."

„Das tut mir Leid", sagte Remus und musste unwillkürlich an Bill Weasley denken, dessen Gesicht immer noch von Greybacks Angriff gezeichnet war. Die Heilerin schenkte ihm den Anflug eines Lächelns, als sie seine aufrichtige Anteilnahme bemerkte. Es war ihr offensichtlich wichtig gewesen, dass er verstand warum sie nervös war.

„Es ... es gab Mehrere, die ziemlich aggressiv waren. Einen mussten sie schon betäuben, da waren wir noch nicht mit der Begrüßung durch. Damit will ich nicht sagen, dass Sie... ich meine Sie sind normal."

Sie suchte eine Reaktion in seinem Blick, als er nichts auf das Gesagte erwiderte. Er lächelte ihr freundlich zu. „Ich bin nicht die Einzige, die es nervös macht, dass Pet gekündigt hat. Sie sagen, es wird wegen des neuen Gesetzes furchtbar viele Unfälle geben, und er ist der Einzige, der sich auskennt."

Remus hörte auf, sich selbst zu fragen, ob er kurz vor Vollmond aggressiver wurde, und versuchte sich auf das Gesagte zu konzentrieren. „Pet?"

„Peter Silberstein. Sie müssen ihn kennen. Er behandelt eigentlich alle Werwölfe."

Es dauerte einen Moment, bis er sich an den Heiler erinnerte, der ihn nach seinem Unfall behandelt hatte. Natürlich. Peter, der von allen nur Pet genannt wurde, obwohl er die Abkürzung hasste, der ihm Märchen erzählt hatte, um ihn zu trösten. Wie hatte er das nur vergessen können? Obwohl er keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt hatte, seit er ihm glühend vor Stolz von seiner Aufnahme nach Hogwarts geschrieben hatte, erfüllte ihn der Gedanke, dass Pet aufhörte, unerklärlicherweise mit Traurigkeit.

„Warum hört er auf?", wollte Remus wissen.

„Er hat gesagt, dass er geht, wenn das neue Gesetz verabschiedet wird. Er wäre zu alt, um gegen diese ganzen Gesetze anzuarbeiten. Außerdem würden die Kapazitäten nicht reichen, um alle Verletzen zu versorgen, die es in den nächsten Monaten geben wird. Er hat einen Antrag auf zusätzliche Mittel gestellt und geraten, ausländische Heiler zur Verstärkung anzufordern, aber sie haben ihm gesagt, dass er nicht so schwarzsehen soll, und da ist er gegangen. Er hat meistens Recht", fügte sie nach einem kurzen Zögern hinzu. Sie war ihm Laufe des Gespräches immer sicherer geworden und zeigte nun sogar den Anflug eines Lächelns.

Sie schwiegen Beide einen Moment, dann räusperte sie sich. „Sollen wir mit der Beratung weitermachen?"

Remus nickte.

„Eigentlich gibt es nicht mehr viel zu sagen, wenn Sie sich ohnehin schon entschieden haben. Ich habe nur noch ein paar Informationsblätter für Sie, falls sie es sich anders überlegen. Wir haben auch eine neue Salbe entwickelt, falls sie sich selbst verletzen, wenn sie sich verwandeln." Sie schob ihm ein Bündel bunter Faltblätter und einen großen Tontopf mit Salbe zu. „Haben Sie noch irgendwelche Fragen?"

Remus zögerte. „Es hat eigentlich nichts mit den Thema zu tun, aber ich bin den ganzen Tag nur einem einzigen anderen Werwolf begegnet. Wissen Sie vielleicht warum?"

Sie zuckte mit den Schultern. "Die Beratungstermine hat das Ministerium vergeben. Die haben da irgend so ein komisches System, bei dem sie scheinbar nicht mal wissen wie viele Werwölfe sie überhaupt haben. Die Meisten sind sowieso nicht aufgetaucht, zumindest nicht bei uns", antwortete sie, während sie ihn zur Tür begleitete.

"Sie sind aber auf jeden Fall einer der Letzten, weil ja heute schon der erste Tag ist, an dem sie Wolfsbann nehmen müssten", erklärte sie und verabschiedete ihn mit einem letzten Lächeln.

•°°°•»«•°°°•»«•°°°•

Tonks hatte sich bereits Sorgen gemacht, als Hecktor endlich dreckig und glücklich nach Hause kam. Sie war so froh ihn wieder zu sehen, dass sie ihren Vorsatz, ihn auszuschimpfen, weil er den ganzen Tag lang nicht nach Hause gekommen war und nicht nur das Mittag und Abendessen versäumt hatte, sondern es auch längst Schlafenszeit war, ganz vergaß. „Wo bist du die ganze Zeit gewesen?", fragte sie, während sie ihn an sich drückte.

„Du zerquetschst mich", protestierte Hecktor und befreite sich aus ihrer Umarmung. "Wir waren in einem Geschäft und haben jede Menge Fernseher und Muggelkram gesehen und dann haben wir gepicknickt und sind dann in den Wald gefahren und haben jede Menge Einhörner vor bösen Todessern gerettet und wir…"

„Todesser?", unterbrach Tonks seinen atemlosen Redeschwall.

„Ich hab ihr ja nicht erzählt, dass es Todesser waren. Silvia denkt, dass es nur irgendwelche Schwarzmagier sind", verkündete Hecktor stolz. Als sie in das strahlende Gesicht ihres Sohnes blickte beschloss Tonks, dass es jetzt nicht so wichtig war ihm zu erklären, dass es keinen sonderlich großen Unterschied zwischen Todessern und Schwarzmagiern gab. Es war ohnehin nur ein Spiel gewesen und sie würde ihm beizeiten deutlich machen, dass es besser war mit Muggeln andere Spiele zu spielen.

•°°°•»«•°°°•»«•°°°•

Als Remus nach Hause kam war es schon spät und Tonks hatte es längst geschafft, Hecktor ins Bett zu komplimentieren. Er hatte gar nicht aufhören wollen zu erzählen und war erst eingeschlafen, nachdem sie versprochen hatte, dass sie gleich am nächsten Tag zu Silvia ziehen würden.

„Wie geht es dir?", fragte Remus, der besorgt den Verband um ihren rechten Arm musterte.

„Alles in Ordnung", versicherte Tonks rasch und umarmte ihn so gut sie konnte. „Es ist wirklich nur ein Kratzer. Morgen kommt der Verband ab und ich soll mich ein paar Tage zurückhalten, aber sonst ist alles in Ordnung", bekräftigte sie, als sie seinen skeptischen Blick bemerkte. „Wie geht es dir? Du siehst müde aus."

„Ganz gut, jetzt wo ich es hinter mir habe. Ich könnte im Stehen einschlafen."

Nun, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass es ihr gut ging und er zu Hause und sein Bett in greifbarer Nähe war, spürte er die Müdigkeit wie eine Welle über sich hereinbrechen. Obwohl er den ganzen Tag kaum etwas anderes getan hatte als zu warten, fühlte er sich so erschöpft, als habe er mit einem Bergtroll gerungen. Außerdem begann er unter der Anspannung des Tages den Mond zu spüren, der jetzt, da er zum ersten Mal seit Jahren nicht unter dem Einfluss des Wolfsbanntranks stand, begann, seine tastenden Finger nach ihm auszustrecken.

"Was ist denn hier los?", wunderte er sich, als er feststellte, dass ihr Schlafzimmer jetzt Ähnlichkeit mit einer Abstellkammer besaß.

„Hecktor hat aufgeräumt."

„Aha." Mit einem müden Schlenker seines Zauberstabes räumte er das Bett frei und begann sich auszuziehen.

„Weist du, er will, dass wir unbedingt morgen umziehen", sagte Tonks und ließ sich neben ihm ins Bett fallen. Ihr entging zwar nicht, dass Remus fast schon zu müde war, um noch die Augen offen zu halten, aber sie fand, dass es nicht schaden konnte, eine solche Möglichkeit vorher anzukündigen.

„Mir ist alles recht", murmelte Remus müde. Tonks ging es gut, die lästigen Beratungsgespräche hatte er auch überstanden und er lag in seinem weichen warmen Bett. Alles andere konnte bis morgen warten.